Salzburger Festspiele/Burgtheater: Georg Schmiedleitner

April 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… inszeniert „Die letzten Tage der Menschheit“

Bild: Nestroy-Preis

Bild: Nestroy-Preis

Das Burgtheater Wien und die Salzburger Festspiele werden wie geplant „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus koproduzieren. Nachdem Matthias Hartmann wie bereits berichtet vom Burgtheater von seiner Regieverpflichtung entbunden wurde, konnte für die Umsetzung von Karl Kraus‘ epochalem Werk mit Georg Schmiedleitner ein Regisseur gefunden werden, der sich mit politisch-österreichischem Theater einen Namen gemacht hat. Der Österreicher Georg Schmiedleitner wurde als Mitbegründer und Leiter des Linzer Theater Phönix bekannt. Am Burgtheater inszenierte er erstmals 2005 Nestroys „Der Zerrissene“ mit Karlheinz Hackl und Birgit Minichmayr. Als freier Schauspiel- und Opernregisseur arbeitet er im gesamten deutschsprachigen Theaterraum, unter anderem an den Schauspielhäusern Graz und Hamburg, am Staatstheater Nürnberg, Nationaltheater Mannheim, am Wiener Volkstheater und am Theater in der Josefstadt. Für politisch und spezifisch österreichisches Theater steht sein Name auch als künstlerischer Leiter des Theaters Hausruck, einer Theaterinitiative, die regionale zeitgeschichtliche und aktuelle gesellschaftspolitische Themen aufarbeitet. 2005 erhielt er den Nestroy-Preis für seine Regie von „Hunt oder Der totale Februar“ von Franzobel.

Großartig, dass er so kurzfristig bereit war, die Regie zu übernehmen.

www.burgtheater.at

www.salzburgerfestspiele.at

Wien, 2. 4. 2014

Essl Museum: Deborah Sengl

Februar 13, 2014 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die letzten Tage der Ratten

Deborah Sengl I. Akt / 7. Szene: Bei der Batterie. 1 Artillerieoffizier, 1 Feldkurat, 1 Journalistin. 2013 Rattenpräparate und Requisiten auf Holzpodesten Höhenmaße der Szene: variabel © Deborah Sengl 2014, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Deborah Sengl I. Akt / 7. Szene: Bei der Batterie. 1 Artillerieoffizier, 1 Feldkurat, 1 Journalistin. 2013 Rattenpräparate und Requisiten auf Holzpodesten Höhenmaße der Szene: variabel © Deborah Sengl 2014, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Das Essl Museum zeigt derzeit Deborah Sengls Interpretation von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Wohl kein anderes literarisches Werk hat die Stimmung der damaligen Zeit sowie die Unmenschlichkeit und Absurdität des Krieges so komprimiert und präzise eingefangen wie dieses Werk. Sengl reagiert in ihrer bisher größten Arbeit mit unverwechselbarem Gespür auf Kraus’ Text und interpretiert Szenenausschnitte und Dialoge künstlerisch neu. Begleitet von Zeichnungen und Malereien lassen sie die Protagonisten von Kraus’ Werk mittels 200 Ratten  lebendig werden. Sengl hat ein Jahr lang an diesem aufwendigen Projekt gearbeitet, das eigens für das Essl Museum entstanden ist. „Wir beide beobachten von außen und dokumentieren, was wir sehen“, sagt Sengl über ihre Verwandtschaft zu Karl Kraus. „Ich stelle eigentlich immer nur das dar, was ich erlebe, was ich in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft sehe. Ich erfinde nichts dazu. Das hat auch Karl Kraus gemacht, ‚Die letzten Tage‘ sind hauptsächlich eine Ansammlung von Zitaten und gesprochenem Wort.“ Sengl sieht ihre Arbeit als eine „freie künstlerische Interpretation“ von Kraus’ Werk, wobei sie darin sehr viel Aktuelles und Zeitgemäßes entdeckt hat: „Das Werk liegt zwar hundert Jahre zurück, aber für mich ist es immer noch zeitaktuell. Wir haben vielleicht keinen Krieg in unmittelbarer Nähe, aber der Krieg in uns ist nach wie vor genau so stark, wenn nicht stärker, vorhanden wie damals.“ Bei der Auswahl der Szenen (41 Szenen und drei apokalyptische Monumentalszenen) hat die Künstlerin versucht, einen Querschnitt der verschiedenen Handlungsspielräume zusammenzustellen. Sie reichen von Straßen- und Magistratsszenen über Geschehnisse im Lazarett bis zu den Gräueltaten an den Kriegsschauplätzen.

Deborah Sengl arbeitet eng mit einem Tierpräparator zusammen, der für sie die Rattenfelle anhand von genauen Vorgaben vorbereitet. Die Tiere wurden nicht für die künstlerische Arbeit getötet. Es handelt sich um Futterratten für die Greifvogel- und Reptilienzucht. „Die Entscheidung für die Ratten fiel relativ schnell, weil ich finde, dass sie den Menschen ähnlich sind. Sie sind von den Tieren sicher die egoistischsten Wesen, die zuerst an sich selber denken.“ Die Wahl für weiße Ratten erklärt Sengl damit, dass sie keine Hierarchien oder Wertungen schaffen wollte. Alle sind – so wie es auch Karl Kraus beschreibt – an dem Krieg gleich mitschuldig: die Soldaten, die morden, aber auch die propagandistische Presse oder die Zivilisten, die sich nicht dagegen wehren, Meinungen kolportieren und wiedergeben. Sogar Karl Kraus gibt sich selber in der Schlussszene eine Mitschuld. Dennoch hat sich Sengl dafür entschieden, den „Nörgler“ als schwarze Ratte auftreten zu lassen, da er jene Person ist, die das Geschehen von außen betrachtet. In akribischer Detailarbeit gestaltet Sengl Fahnen und Zeitungen, Möbel und andere Gegenstände wie Hüte oder Schmuck, um die Protagonisten lebendig und die einzelnen Szenen erkenn- und lesbar zu machen. Auch die gebauten Requisiten sind weiß, doch in vereinzelten Szenen kommen Blut, Urin und Alkohol als farbliche Stilmittel vor, um zu verdeutlichen, dass das Grauen immer mehr auch in den Alltag hereinbricht und diese „Reinheit“ gebrochen wird.

Deborah Sengl hat bei Christian Ludwig Attersee studiert. Sie lebt und arbeitet in Wien. In ihren Malereien, Zeichnungen und Skulpturen überträgt sie immer wieder allgemein menschliche Fragestellungen auf das Tierreich und untersucht das Rollenverhalten in der Gesellschaft. „Ich bediene mich deswegen des Tiers als Metapher, weil ich finde, dass man ablenkt, wenn man Menschen darstellt. Man lenkt mit der Physiognomie ab, jeder beginnt, seine subjektive Sicht auf diesen Menschen zu haben.“ Das sei bei einem Tier nicht der Fall, so Sengl, „es ist nur mehr ein Stellvertreter für einen Charakterzug, für eine Handlungsform, für ein Verhalten.“ Die Arbeit für das Essl Museum ist eine konsequente Weiterentwicklung dieses Themas. Sengl gelingt dabei eine künstlerisch mutige Sicht auf Kraus’ Werk und lässt uns dessen Aktualität neu entdecken.

Die Ausstellung eröffnet das Ausstellungsprogramm des Essl Museums für das Jahr 2014, das unter dem Motto „made in Austria“ steht.

www.essl.museum

Wien, 13. 2. 2014

Hans Hollmann liest Karl Kraus

Juni 3, 2013 in Tipps

„Die letzten Tage der Menschheit“ an der Burg

Bild: Hans Hollmann

Bild: Hans Hollmann

Regisseur und Schauspieler Hans Hollmann ging mit der ersten großen Inszenierung von Karl Kraus’ „Die letzten Tage der Menschheit“ in den 70er Jahren (das er 1975 in Basel und 1980 zu den Wiener Festwochen in einer siebenstündigen Aufführung inszenierte) in die Theatergeschichte ein. Am 7. Juni präsentiert er im Kasino des Burgtheaters seine Lesefassung dieses Monumentalwerks.

Ausschnitte aus einem Gespräch anlässlich einer Lesung in Graz:

Die Sprache an sich war für Kraus ein hohes Gut. Die Verrohung des Menschen begann für ihn nicht zuletzt mit der Verrohung der Sprache. Daher war er jemand, der auch auf Formalismen (wie z.B. die korrekte Grammatik) größtenWert legte.Gilt das auch noch heute? Im Zeitalter von SMS, Blogs und medial verbreitetem „Denglisch“? Oder ist der heutzutage ach so lockere Umgang mit Sprache „eh gar nicht so schlimm“, womöglich sogar -wie vielerorten ausgetrommelt -eine „Bereicherung“?
H.H.: Die Sprachen der SMS, der Blogs und der einsickernden Anglizismen sind kein qualitatives Problem, sie zeigen, dass Sprache lebt; im 19. Jahrhundert sickerte Französisch ein. Das Schlimme ist die ritualisierte öffentliche Sprache, die der Politiker und derer, die diese in den Medien beinahe ausschliesslich anwenden. Da ist eine Sprachwelt entstanden, die Botho Strauss unlängst Fertigteilsprache nannte. Diese Sprache ist belastend, aus ihr heraus bedrohen uns Begriffe, die nichts mehr bedeuten sondern die Wirklichkeit verhüllen.

Wie ist Ihr persönlicher Zugang zu den „Letzten Tagen …“? Welche Faszination übt das Stück auf Sie aus?
H.H.: Ich habe das Stück, in bisher grösstem Umfang, siebenstündig an zwei Abenden, in Basel und bei den Wiener Festwochen inszeniert.In diesem Stück wird die Sprache als schlimmste Täterin, als gefährlichste Waffe des Menschen entdeckt. Das und der Umstand, dass es akribisch die Wurzeln der Katastrophen des 20. Jahrhunderts aufzeigt, macht es einmalig.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 3. 6. 2013