Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit. Mit Cartoons von Stefanie Sargnagel

November 29, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Karl Kraus in die Gegenwart herüber gespürt

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet: „Der allerletzte Tag der Menschheit“.

Das Kabarettprogramm wurde 2016 mit dem Österreichischen Kabarettpreis und 2017 mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Nun liegt der Text als Buch vor, aufgepeppt mit witzigen Cartoons von Satire-Kollegin Stefanie Sargnagel. Ein Protokoll über den allerletzten Tag der Menschheit: Österreich an einem heißen Sommertag. Das nahende Ende liegt in der Luft und das von Karl Kraus beschriebene „österreichische Antlitz“ zeigt sich in seiner Vielfalt und in seiner Hässlichkeit.

Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauffolgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, und dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession: „Nur ein Beispiel: Das Gebäude, wo wir unser Kulturforum rein getan haben, wunderschön, direkt gegenüber von der Secession, kennt man. ,Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit‘. HA! Nein, wirklich wunderschön, Art Deco, alles da. Ich war so glücklich, wo wir es gekriegt haben. Aber dann klopft der Chef von meiner Compliance und sagt: In dem Gebäude war in der sogenannten Nazizeit ein Reisebüro, ganz normales Geschäftsmodell, Fahrkartenverkauf, Detail, für Fahrten in Konzentrationslager. Ja. Schauen Sie mich nicht so an. Die deutsche Reichsbahn hat auch nix zum Verschenken gehabt …“

Ein Waffenhändler philosophiert bei den Salzburger Festspielen: „Was mit einem Land geschieht, dass sich zur falschen Zeit weigert, Eurofighter zu kaufen, das könnt ihr gerade in Griechenland beobachten. Da is nix mehr mit ,queerfeministisches  Tanztheater auf Kosten des Steuerzahlers‘. Da ist jetzt nur mehr Überlebenskampf. Und ich darf schon erinnern: Österreich war ganz oben mit dabei, in der Liste der Pleitekandidaten. Mafia, aufgeblähte Verwaltung, Korruption, besser könnte man Österreich doch kaum beschreiben. Aber der Grieche, der war eben zusätzlich noch bockig beim Eurofighter, und jetzt muss er die Kröte schlucken. Das sagt man doch so? Ach, ich liebe Österreich“.

Bild: Stefanie Sargnagel

Und Deutschlehrer lernen mittels Döner die türkische Kultur kennen: „Kunde: Ich habe keinerlei Vorurteile. Nie gehabt. Aus diesem Grunde möchte ich nun bei Ihnen einen Döner bestellen, junge Frau. Um genau zu sein einen Döner in Pide. Denn erst der Zusatz ,in Pide‘ stellt klar, dass ich mich für ein Grillfleisch-Sandwich interessiere, wie Sie wissen. Verstehen Sie unsere Sprache? Verkäuferin: Mit Alles? Kunde: Zwiebel, Tomate, Soße. Und über den Grammatikfehler sehe ich galant hinweg. Verkäuferin: Mit Scharf? Kunde: Auch das lasse ich gelten. Der Anatole weiß, aber auch seine Frau weiß es: An heißen Tagen soll man scharf essen. Sie bemerken: Ich bin durchaus bereit, von Ihrer Kultur zu lernen“. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft.

Hosea Ratschiller beschreibt in seiner Collage voll Ironie und schwarzem Humor, wie diese letzten 24 Stunden in Österreich verlaufen könnten. Dafür erweckt er 43 höchst unterschiedliche Charaktere zum Leben.

Eine lustvoll-satirische Revue zum Zustand des Wesens „Österreich“, die mit intelligentem Witz, scheinbar spielerisch, die Abgründe in Gesellschaft und Gegenwart aufspürt.

Über den Autor: Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt, ist ein österreichischer Schauspieler (derzeit mit „Harri Pinter Drecksau“ in den heimischen Kinos), Kabarettist, Kolumnist und Radiomacher. Ratschiller hat in Wien ein Studium der Geschichte, Philosophie und Theaterwissenschaft abgebrochen. Anschließend leistete er Zivildienst im Sanatorium der Israelitischen Kultusgemeinde. Seit 2000 arbeitet Ratschiller beim Radiosender FM4 und seit 2009 auch für Radio Ö1.

Holzbaum Verlag, Hosea Ratschiller (Text), Stefanie Sargnagel (Cartoons): Der allerletzte Tag der Menschheit (Jetzt ist wirklich Schluss), Theaterstück, 64 Seiten

www.holzbaumverlag.at

www.hosearatschiller.at

  1. 11. 2017

Hosea Ratschiller: Der allerletzte Tag der Menschheit

November 26, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Österreichs Bedeutungslosigkeit als Chance begreifen

Hosea Ratschiller und RaDeschnig Bild: Peter Sihorsch

Hosea Ratschiller und RaDeschnig
Bild: Peter Sihorsch

„Natürlich ist auch bei uns nicht alles optimal gelaufen“, antwortete Karl Habsburg, angesprochen auf den Ersten Weltkrieg. Diese Worte des Kaiserenkels inspirierten den Humoristen Hosea Ratschiller zu einer lustvollen Schmierenkomödie über den allerletzten Tag der Menschheit. Aus Notwehr hat er Karl Kraus´ Opus Magnum „Die letzten Tage der Menschheit“ in die Gegenwart herüber gespürt und eine feierliche Gala zu Ehren der hervorragenden Gegenwart vorbereitet:

„Der allerletzte Tag der Menschheit“. Weil, eine Boulevardzeitung hat einen neuen Weltkrieg ausgerufen. In den darauf folgenden Verwirrungen begegnen einem der Kommunismus im Altersheim, ein Bundeskanzler, der für sein Abendessen autorast, dem Glücksspiel verpflichtete Selbsthilfegruppen nahe der Sezession, ein Waffenhändler bei den Salzburger Festspielen und Tiroler, die mittels Döner die türkische Kultur kennenlernen. „Serbien muss sterbien“ kommt vor, und die Schalek. Sehr böse ist das, dieses Kaleidoskop der Gesellschaft. Zum höllischen Spaß kommen die himmlischen Klänge von RaDeschnig. Die Kärntner Zwillingsschwestern Birgit und Nicole musizieren und singen. Zum Beispiel über den Franz und was der alles auf dem Dachboden hängen hat. Inklusive sich selber. „Der allerletzte Tag der Menschheit“ gibt’s jetzt auf CD. Oder live. Nächster Termin: 27. November im Kabarett Niedermair. Hosea Ratschiller im Gespräch:

MM: Erste Frage: Was erlauben Sie sich? Karl Kraus – geht’s eh?

Hosea Ratschiller: Jaaa. Der Zugang ist eher so, wie sich junge Buben im Prater David-Alaba-Trikots anziehen und sich ein bissel vorkommen, wie der tolle Fußballer. Für mich waren als Bub halt Hörspiele sehr wichtig. Pumuckl und Qualtinger. Seine Aufnahme von „Die letzten Tage der Menschheit“ habe ich sicher hundert Mal gehört, ich finde aber, dass seine Art der Interpretation mittlerweile etwas altmodisch ist, diese Daueremphase, die er da an den Tag legt. Als ich vom Radiokulturhaus den Arbeitsauftrag „Mach’ irgendwas!“ bekommen und daher „Der allerletzte Tag der Menschheit“ geschrieben habe, war’s gerade 2014 und alle möglichen Theater haben „Die letzten Tage …“ ihren schlecht vorbereiteten Inszenierungen ausgesetzt, und ich habe mir gedacht, warum macht man als Satiriker nicht so etwas Ähnliches für die Jetztzeit? Ich hatte das Gefühl, es gibt derzeit in Österreich Themen, die nicht besprochen werden, weil Karl Kraus sich mit ihnen nicht mehr beschäftigen kann.

MM: Für ein übersteigertes Kabarettisten-Ego gibt’s …

Ratschiller: … mittlerweile Tabletten. Das ist ein geklauter Satz, er steht im Stadtsaal. Es ist natürlich ein Akt der fundamentalen Frechheit, aber nicht frecher als zwei Drittel der österreichischen Landestheater sind. Natürlich kann man sich mit Karl Kraus nicht messen. Würde ich das versuchen, würden sich meine intellektuellen Künstlerfreunde von mir abwenden. Mir hat immer schon Kraus’ beißender Humor gekoppelt mit seiner beinharten Recherche gefallen. Mir geht es um die Kombination von Inhalt und Komödie, also: die trockene Form humoristisch aufbereitet. Ich sehe das theatrale Kabarett als Riesenchance für das Theater. Wenn nicht der selbstbewusste Kabarettist auf die Bühne steigt und verkündet so und so ist es, sondern wenn eine Figur da ist, die eine Entwicklung durchläuft, der etwas zustößt, so dass der Zuschauer am Ende sagen kann: Ich habe etwas erlebt, ich habe Theater erlebt. Diesbezüglich habe ich ganz klare Vorbilder von Josef Hader bis Martin Puntigam. Oder Saturday Night Live. Die behandeln Themen tiefgehend, aber weil es lustig präsentiert wird, wird es nicht so ernst genommen.

MM: Die Person, der etwas zustößt, sind bei Ihnen 43 Personen. Wie schizophren wird man da? Wie lebt man mit all diesen Stimmen im Kopf?

Ratschiller: Das sind teilweise Figuren, die mich schon sehr lange begleiten. „Der allerletzte Tag …“ ist eine Reise durch das Land mit verschiedenen Stationen. Und plötzlich titelt eine Zeitung „Kommt jetzt der Weltkrieg?“ Ist es soweit? Also diese sensationalistischen Schlagzeilen. 2014 war das noch mehr ein Witz. Wenn ich es jetzt sage, schlucken die Leute im Publikum ein bisschen. Insofern ist das Programm vielleicht ein Tabubruch. Adorno wurde einmal gefragt: Herr Professor, vor zwei Wochen schien die Welt noch in Ordnung …? – Adorno: Mir nicht. So ähnlich sehe ich das auch. Wenn man sieht, mit welchem Ausmaß an Unvernunft weite Teile der Welt verwaltet werden, kann einen nicht überraschen in welcher Situation wir sind. „Weltkrieg“ findet heute im Abbau von Rechten und Ansprüchen zugunsten von Pflichten und Almosen statt. Es findet eine Abkehr vom sozialdemokratischen Prinzip statt, hin zu einer gewissen marktwirtschaftlichen Lenkung der weniger Privilegierten. Und aus irgendeinem Grund soll das alles nicht besprechbar sein. Naja. Entlang dieser Schlagzeile jedenfalls zeige ich, wie verschiedene Personen mit dieser Information umgehen. Zum Beispiel eine junge Frau aus gutem Hause, die Auslandskorrespondentin werden möchte, sich aber eigentlich nur für Mode interessiert …

MM: … ah, die dumme Tussi, die den Redewettbewerb der niederösterreichischen Landesregierung, den Er-Win, gewinnt …

Ratschiller: Genau. Die gibt es schon ganz lange. Es beginnt oft mit einer kleinen Beobachtung, und die war in diesem Fall, dass Männer, Kabarettisten, wenn sie Frauen darstellen oft übers Kostüm oder die Stimme in die Karikatur gehen. Ich finde aber nichts lächerlich daran, eine Frau zu sein. Also habe ich versucht eine strunzdumme Person darzustellen, die aber nicht deshalb dumm ist, weil sie eine Frau ist, sondern aus anderen Gründen.

MM: Darf ich das sagen? Sie ist schichtspezifisch dumm.

Ratschiller: Genau. Deshalb kann man vergessen, dass sie eine Frau ist und sich auf die Texte konzentrieren. Ich habe für sie Verschiedenes geschrieben und geblieben ist ihre „Analyse“ der Situation im Südsudan.

MM: Entwickelt man bei so vielen Figuren einen Liebling, einen Sonderling, einen, den man gar nicht mag?

Ratschiller: Ich spiele sehr gerne diesen Direktor von dem Glücksspielkonzern, den ich nicht beim Namen nennen möchte, weil ich nicht so viel Geld für eine Klage habe, und die klagen alles pro­phy­lak­tisch, auch Journalisten. Er nimmt das Geld von seinen Kunden, den potenziellen Selbstmordkandidaten, und macht damit Kultursponsoring. Er ist quasi der Teufel. Er betreibt Lobbying dafür, dass Familien mit Geld-, statt mit Sachleistungen wie gratis Kindergartenplätzen unterstützt werden, weil er genau weiß, die hauen das Geld in seine Automaten. Und wir treffen ihn in dem Moment, an dem er anfängt das diffuse Gefühl zu entwickeln, dass an seinem Tun irgendetwas nicht stimmt. Ich liebe seine Verblüffung kombiniert mit Verzweiflung und körperlichen Erscheinungen, die er sich nicht erklären kann. Das macht großen Spaß zu spielen.

MM: Verzweiflung und Alkoholismus sind überhaupt zwei Hauptthemen. Ist das das Österreichische?

Ratschiller: Das Österreichische ist für mich die Unvernunft, das Sich-in-der-Situation-Befinden, aber in dieser nicht reflektieren, sondern verblüfft sein, wo man da gelandet ist. Das finde ich sehr österreichisch. Ich erzähle in meinem Post-Donaumonarchie-Programm von dem enormen Privileg, von der Chance, die man als solche begreifen sollte, die das Land durch seine Bedeutungslosigkeit hat. Nach Österreich kommen keine Soldaten in Särgen zurück. Wir haben keine Bündnisverpflichtungen, beispielsweise gegenüber der Nato. Wir entscheiden keine Wirtschaftsstreitigkeiten. Wir haben nichts zu tun mit den brutalisierten Grabenkämpfen, die derzeit stattfinden, wo auf der einen Seite islamistische Terroristen stehen, auf der anderen die rechtsradikale Propaganda, die den Islamismus eins-zu-eins weitererzählt, weil sie alle miteinander junge Männer sind, die mit der Gegenwart nicht zurechtkommen. Wir haben kein Gewaltproblem, wir haben kein sonderliches Integrationsproblem. Wir haben einen reichen Schatz an Kultur- und Geistesleben. Wir könnten Vordenker sein, wir haben den Spielraum dafür. Ich bin ein großer Fan der Bedeutungslosigkeit. Wir sollten den Bedeutungsverlust genießen.

MM: Und was daraus machen?

Ratschiller: Wir sind in der Lage, sowohl vom Reichtum, als auch von der intellektuellen Grundmasse, die Diskussionen, die derzeit hochnotwendig sind, zu moderieren. Darin sehe ich eine große Gelegenheit, zu sagen, wir sehen uns nicht als Schnitzelland, sondern als Land für relevante Debatten. Mir fällt niemand sonst ein, der dafür so geeignet wäre. Österreich sollte mit seinem Friedensdenken eine Plattform für internationale Gesprächskultur werden. Dass man mit der Skandalisierung von Problemen, die Österreich gar nicht hat, aber 30 Prozent der Wählerstimmen gewinnen kann, ist so etwas von erstaunlich, und liegt meiner Meinung nach daran, dass eine Diskussion auf hohem Niveau nicht gewagt wird, und mit den Menschen, die diese 30 Prozent sind, nicht gesprochen wird. Herr Strache hat eine funktionierende Facebook-Seite mit 200.000 Freunden. Wenn man sich dorthin begibt, kann man mit denen reden. Das sind verwirrte Menschen, die Informationen nicht auseinander halten können, die Angst haben aus diesen oder jenen mehr oder weniger berechtigten Gründen. Wenn man da nur einen vernünftigen Satz postet, kriegt man sofort Zustimmung. Der überwiegende Großteil ist Argumenten zugänglich, wenn man einen Diskussionsbeitrag beginnt mit: Ich verstehe deine Sorgen, aber die Antwort kann nicht sein …

MM: Sie orten eine Teilschuld der stattfindenden Verbal-Eskalation bei den Boulevardmedien.

Ratschiller: Das ist … nein, da muss ich früher ansetzen. Es folgt nun eine Kritik an der Sozialdemokratie: Dieses Regieren mit den Boulevardmedien, dieses Fast-schon-in-Symbiose-Dahinexistieren mag eine machtabsichernde Angelegenheit sein. Ich halte Werner Faymann für einen durchschnittlich geeigneten Bundeskanzler, der das Pech hat, mit Menschen in einer Koalition zu sitzen, die vom Gegenteil dessen, was seine Partei vertritt, überzeugt sind. Er hat auch keine Richtlinienkompetenz, er darf gar keinem Minister sagen, was der tun soll, das ist in der österreichischen Verfassung nicht vorgesehen. Das ist alles nicht leicht. Das entschuldigt aber nicht, dass die Sozialdemokratie – dies nun in Anführungszeichen – ihre „volksbildnerische“ Aufgabe vernachlässigt. Der politische Diskurs wird den Rechten überlassen, die Sozialdemokraten stoßen den öffentlichen Dialog über die brennenden Themen nie an, die reagieren immer nur. Da könnte man deutlich mutiger sein. Ich glaube nicht, wie manche befürchten, dass das Wählerstimmen kosten, sondern Wählerstimmen bringen würde. Aber Boulevardmedien war die Frage: Im „allerletzten Tag“ werden sie immer nur gestreift, die Zeitungen liegen rum, die Schlagzeile wird überflogen …

MM: Was doch der Realität entspricht: Mit markigen Schlagzeilen statt mit Inhalten auffallen. Weil, die Leute lesen eh nicht, was drunter steht.

Ratschiller: Das ist aber kein Vorwurf, den man auf die Boulevardmedien beschränken kann. Das machen auch die sogenannten Qualitätszeitungen, warum auch immer die es für notwendig erachten, sich dieses als Leser eigentlich vorauszusetzende „Qualitäts-“ vorne hinzustellen, siehe die Berichterstattung über Paris. Da wurde alles gemacht, vor dem Experten warnen: Opferzahlen genannt, Namen genannt, Fotos gezeigt. Wie sehr der Kampf um die Auflage sie ihre Qualität kostet, wird von den Qualitätsmedien total unterschätzt. Von Kollegen, die durchaus journalistischen Anspruch haben, hört man dann: Das ist ja nur das Cover. Das machen wir nur, damit die Leute die Zeitung kaufen. Das tun die  dann auch, lesen aber das reißerische Cover, nicht den möglicherweise differenzierten Artikel. Das halte ich für eine unterschätzte Gefahrenquelle.

MM: Haben Sie schon Pläne für nach dem allerletzten Tag?

Ratschiller: Im echten Leben: nein. So eitel bin ich dann doch, dass ich keine sinnlosen Pläne mache. Künstlerisch, was mit dem echten Leben wirklich überhaupt nichts zu tun hat, möchte ich mit humoristisch-theatralem Anspruch weiterarbeiten. Der Beruf des Kabarettisten entwickelt sich Richtung Stand-up, das finde ich auch spannend, das kann man auch sehr gut machen. Vor allem wenn man es nicht komplett trivialisiert. Ich selber würde irgendwann gerne die Form der Sketch-Revue ähnlich faszinierend nützen dürfen, wie das bei Saturday Night Live möglich ist oder bei Gerhard Polts „Fast wia im richtigen Leben“. Man muss halt dann für drei Minuten Sketch so viel arbeiten, wie andere für einen ganzen Abend. Aber das ist es wert.

Zur Person:

Hosea Ratschiller, geboren 1981 in Klagenfurt. Komiker. Seit der Geburt der ersten Tochter gerne Wiener. Die humoristische Laufbahn beginnt 1998 mit der satirischen Wochenrevue „Club Karate“ auf dem freien Radiosender Orange 94.0. Auftritte in Wettcafés, Fußgängerzonen und Diskotheken folgen. Die erste Oper wird am Landestheater Innsbruck uraufgeführt, das erste Theaterstück in einem Wiener Hinterhof. Ratschiller wird 2003 erster österreichischer Meister im Poetry Slam und bald darauf „FM4 Ombudsmann“ – mit bisher rund zweitausend Ausgaben eine der langlebigsten ORF Satire-Sendungen aller Zeiten. 2009 hat das erste Soloprogramm im Kabarett Niedermair Premiere. Wenig später tritt Hosea Ratschiller auf Radio Ö1 mit Maria Hofstätter, Thomas Maurer, Robert Palfrader und Martin Puntigam die Nachfolge des legendären „Guglhupf“ an. „Welt Ahoi!“ löst mit der ersten Sendung den leidenschaftlichsten Publikums-Protest der jüngeren Rundfunkgeschichte aus und entwickelt sich in Folge mit Gaststars wie Georg Schramm oder Lukas Resetarits zur international beachteten satirischen Top-Adresse. 2010 wird die Sendung aufgrund „unterschiedlicher inhaltlicher Auffassungen“ einvernehmlich eingestellt. 2012 wird Ratschiller der Förderpreis zum Österreichischen Kabarettpreis verliehen. Diesen nimmt er dankend an und zahlt seine Schulden bei der Sozialversicherung. Erleichtert tourt er von nun an mit seinen Programmen durch Österreich, Deutschland und die Schweiz. Hin und wieder schreibt er Bücher (Czernin Verlag, Goldmann Verlag) oder TV-Sendungen (Bösterreich) und moderiert im Wiener Fluc eine Stand Up Comedy Mixed Show. Privat ist er ein eher trauriger Mensch.

www.hosearatschiller.at

Wien, 26. 11. 2015

Salzburger Festspiele: Die letzten Tage der Menschheit

August 6, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ja oder Nein oder auch Vielleicht

Gregor Bloéb, Dietmar König Bild: © Georg Soulek

Gregor Bloéb, Dietmar König Bild: © Georg Soulek

In der großartigen „Pension Schöller“-Bearbeitung von Hugo Wiener aus der 70er-Jahren sagt Max Böhm von Marianne Chappuis zu deren künstlerischem „Werk“ befragt: „Dazu kann man sagen Ja oder Nein oder auch Vielleicht.“ Darauf sie: „Fabelhaft, wie Sie die Situation beurteilen.“ Ähnlich ergeht’s einem nun mit Georg Schmiedleitners Inszenierung der „Letzten Tage der Menschheit“ am Salzburger Landestheater. Weder ist dem Zuschauer zuzustimmen, der den „heiligen Qualtinger“ beschwört, noch jenem Sitznachbar, der meint, nicht umsonst seien die letzten Worte von Karl Kraus‘ Marstheater Gottes „Ich habe es nicht gewollt“, noch solchen, denen ein „Stadttheater“ zu klein fürs große Ganze scheint. Dass das geht wurde erst eindrucksvoll bewiesen: www.mottingers-meinung.at/volkstheater-die-letzten-tage-der-menschheit/ . Und auch Schmiedleitner gibt das Beste. Und lässt einen doch irgendwie unbefriedigt zurück. Erst im April hat er die Arbeit, die im Herbst am Burgtheater zu sehen sein wird, von Matthias Hartmann übernommen. Da gab’s nicht einmal noch eine Textfassung. Schmiedleitner hat sich für 50 Szenen in dreieinhalb Stunden entschieden. Natürlich fehlt’s da am einen oder anderen.

Das Schöne: Der Regisseur verlässt sich nicht nur auf Burgkräfte. Er holte sich unter anderem Gregor Bloéb (als unverschämt breit grinsender Optimist; Bloéb wird von Rolle zu Rolle überzeugender, man freut sich schon auf seinen Boxer „Rukeli“ an der Josefstadt www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-spielzeit-201415), Christoph Krutzler (sehr schön als süffisanter Hofrat oder brutaler Viktualienhändler) und Thomas Reisinger dazu. Der Regisseur enthält sich jeder nachfahrigen Besserwisserei. Er ist in diesem Sinne weniger kraus-lich. Dass es aber gerade derzeit wieder einmal an allen Ecken und Enden der Welt kracht, dass die letzten eigentlich nur die vorletzten Tage waren und sind, darauf – nur ein Vorschlag! – hätte man durchaus Bezug nehmen können, dürfen, sollen … Schmiedleitner hat sich statt eines allumspannenden Bogens für einen Reigen aus unzähligen „netten“ Einfällen entschieden. Dass dazu auch der Auftritt der Blasmusikkapelle Postmusik Salzburg gehört, ist Geschmackssache. Dass er sich bei der Zeichnung der Figuren nicht zwischen Karikatur und Kaltschnäuzigkeit entscheiden konnte (oder wollte?) nicht. So spielt die Burgtruppe brillant routiniert vor sich hin. Sie kann’s ja. Was soll da schief gehen?

Wenn Dietmar König den Nörgler gibt. Oder Elisabeth Orth den Kriegstreiber Conrad von Hötzendorf. Oder Stefanie Dvorak, Bernd Birkhahn, Petra Morzé … spielen, als ob es um ihr Leben ginge. Oder Peter Matić als Kaiser Franz Joseph dem Leichenwagen entsteigt. Oder Dörte Lyssewski die Kriegsberichterstatterin Schalek ist. Dreizehn Burgschauspieler in jeweils mehreren Rollen. Bumsti! Möchte man sagen. Doch es fehlt der Zunder, die Lunte, die diese Inszenierung zur Explosion bringt. Viel verpufft in lauer Luft. Was kann man da sagen? Ja oder Nein oder auch Vielleicht.

Salzburg, 31. 7. 2014

www.salzburgerfestspiele.at

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2014/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-jedermann/

Volkstheater: Die letzten Tage der Menschheit

Mai 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt – ein Irrenhaus

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Es beginnt fast wie der Faust oder ein Shakespeare oder Karl Kraus. Mit Prolog. Da werden die Insassen/Schauspieler und ihre Leiden/Leidenschaften vorgestellt. Nur findet der weder im Himmel noch auf dem Theater (das heißt: das natürlich), sondern im Irrenhaus statt. Die Welt ist ein Lazarett geworden, in Thomas Schulte-Michels großartiger Inszenierung von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. Berichten die da oben etwa schon posthum, gehören sie mit ihren weißen Untergatten und ebenso fahl geschminkten Gesichtern, mit ihren „schlecht“ geklebten Glatzen und Haarresten zu den an Leib und Seele Versehrten, die den Ersten Weltkrieg als Untote überlebten? Und/oder sind es schon ihre verwirrten Geister, die zu uns sprechen?

Schulte-Michels ist etwas Wunderbares gelungen. Er hat Kraus‘ niemals zur Bühnenaufführung gedachtes „Marstheater“ neu verwandelt, sich anverwandelt. Ein Stoff, den jede Maturaklasse intravenös verabreicht kriegt. Ein Text, bei dem man Helmut Qualtinger in jeder Szene im Ohr hat: Die Stimme, die „Bumsti!“ ruft. Und nun das Gefühl: „Winter in den Karpathen“, das gehört auch dazu. Sie haben keine Kriegsmoral, diese Lumpen, obwohl man sie nächtens bei Frost nackt im Freien stehen lässt. Nein, bevor sie kämpfen, erfrieren sie lieber … „Man kommt gar nicht mehr dazu, human zu sein.“ Grausam ist die auf eindreiviertel Stunden gekürzte Fassung mit den übergangslosen Szenen des Regisseurs. Aber Lachen machen einen seine Gaukler. Haymon Maria Buttinger, Marcello de Nardo, Erwin Ebenbauer, Günter Franzmeier, Rainer Frieb, Tany Gabriel, Thomas Kamper, Ronald Kuste, Patrick Lammer, Alexander Lhotzky, Roman Schmelzer und Günther Wiederschwinger sind in unzähligen Rollen unterwegs. Lammer sorgt darüber hinaus fürs Musikalische; de Nardo ist als eine Art Arzt mit Stethoskop in der Kitteltasche der Spielleiter. Und eine fabelhafte Schalek. So wie sich Rainer Frieb unter anderem als Hansi Niese hervortut, die „unserem Kaiser“ – ein Riesenhampelmann, der von oben auf die Rampe schwebt – ein Busserl aufdrücken möcht‘.

Man kann Satire noch satirisch überhöhen, beweist der Abend. Das Lametta, das die Herren Offiziere an den Uniformen tragen, ist vom Christbaum (Kostüme: Tanja Liebermann). Die Kanonen schießen Konfetti. Eine U-Boot-Mannschaft trägt Zeitungspapierhüte. Und immer wieder tritt einer mit dem Aufschrei „Jetzt reicht’s aber!“ auf einen der Knallfrösche, die auf dem Boden verteilt sind. Franz-Joseph-Büsten mit blinkenden roten Augen gibt’s en masse. Viele gehen freiwillig oder unfreiwillig zu Bruch. Und gab dem Kaiser einen ganz kleinen Stips, und da war er aus Gips … Gespielt wird mit Tempo, Tempo, Tempo. Ein Irrsinn im Irrenhaus. Und ein weiterer Grund für die österreichisch-deutsch-babylonische Sprachverwirrung. Es fehlt k.u.k. eben die „Urganisation“ der Piekfe; dafür haben wir das absurde „Je ne sais quoi„. Schön arbeitet Schulte-Michels heraus, wie aus der fatal fröhlichen Falscheinschätzung der Situation allmählich Katastrophenstimmung wird. In solchen Momenten hat etwa Günter Franzmeier seine besten.

Wie wohl es freut, dass der Ausnahmeschauspieler Haymon Maria Buttinger auch für diese Produktion gewonnen werden konnte, und ihr schließlich ein Ende setzt, ist die Arbeit eine einzige große Ensembleleistung. Chapeau vor allen, die die Straßen Wiens und Berlins bevölkern, in Kanzleien und Kasernen, in Hinterhöfen und großbürgerlichen Wohnungen, in Wallfahrtskirchen, in Friseursalons und Redaktionen, an Fronten und in der Etappe – im Lazarett sitzen. Chapeau vor allen Erzherzögen, Militärs und Zivilisten jeglicher sozialen Schattierung, jeder Mittelmäßigkeit und angetan von jedem politischen Verbrechen, blutrünstigen Patriotismus, Profitgier oder Phrasendrescherei. Ein kriegsgegnerischer Irrenhäusler wird kurzerhand erschossen. Auf de Nardos Prolog folgt sein Epilog. Nur Gottes letzte Worte „Ich habe es nicht gewollt“ fehlen. Wahrscheinlich wurde Er gerade mit Elektroschocktherapie oder kalten Bädern behandelt. Drei Mal, sagte Schulte-Michels im Interview, hätte er Kraus‘ Buch an die Wand geworfen und geflucht, warum er sich das Ganze antue. Ein Glück, dass er es ein viertes Mal aufgehoben hat.

www.volkstheater.at

Wien, 2. 5. 2014

Schloss Halbturn: Im Spiegel der anderen

April 3, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Der Menschheit gemeinsames Erbe

Zum Tanz geschmückter junger Mann aus dem Bimetal, Mek Kultur; Provinz Papua, Indonesien  Bild: © W. Schiefenhövel

Zum Tanz geschmückter junger Mann aus dem Bimetal, Mek Kultur; Provinz Papua, Indonesien
Bild: © W. Schiefenhövel

Was unterscheidet einen Ohrring gegen den Ohrschmuck eines Yanomami? Was ein Nasenpiercing gegen den Nasenstab eines jungen Mannes aus Bimetal? „Im Spiegel der anderen. Der Menschheit gemeinsames Erbe“ heißt die diesjährige Ausstellung des Kulturvereins Schloss Halbturn, die ab 11. April zu sehen ist.

Im Rahmen der Schau präsentiert Halbturn in Zusammenarbeit mit der Gruppe Humanethologie des Max‐Planck‐Institutes für Ornithologie die bahnbrechenden Erkenntnisse  zum gemeinsamen Erbe der Menschen des weltberühmten Forschers und Begründer des Fachs Humanethologie – die Verhaltensforschung am Menschen – Irenäus Eibl-Eibesfeldt und seiner Kolleginnen und Kollegen. Alle Menschen aus allen 5 Kontinenten verfügen über ein gemeinsames Erbe, ein Grundrepertoire an Emotionen, Kommunikationsformen, Wahrnehmungsleistungen, Bewertungen, Motivationen und Handlungsimpulsen. Das Gemeinsame  von fünf traditionalen Kulturen wird in der Ausstellung in sieben Themenbereiche (Familie und Familialität, Teilen und Kooperation, Kunst, Angst und Angstabwehr, Feste und Rituale, Krankheit und Heilung, Sexualität) anhand von Objekten, Texten, Bild- und Filmdokumenten spannend illustriert.
Ein Highlight der Ausstellung sind Filme aus dem weltweit größten Filmarchiv zum menschlichen Verhalten, gegründet von Irenäus Eibl‐Eibesfeldt, die man in Schloss Halbturn nun sehen kann. Darüber hinaus werden einzigartige Objekte aus dem Alltagsleben und kultischen Gebrauch der Kulturen in Afrika, Südamerika, Indonesien und Papua Neuguinea gezeigt.

Die Ausstellung hält uns sozusagen einen Spiegel vor. In Verhaltensweisen, die uns zunächst exotisch erscheinen, erkennen wir uns selbst. Wir sehen, dass alle Menschen über gemeinsame Emotionen und Handlungsweisen verfügen. Gerade in der heutigen Zeit, in der viel von Differenzen zwischen Menschen, Ethnien und Kulturgruppen die Rede ist, vermag sich hier ein erneuter Blick auf das Gemeinsame aller Menschen zu eröffnen. Die Forschungen der Humanethologie geben uns wichtige Argumente in die Hand, uns auf das weltweit Verbindende zu besinnen für ein immer besser gelingendes Miteinander.

www.schlosshalbturn.com

Wien, 3. 4. 2014