fragments ’16: Filmfestival der Menschenrechte in Graz

April 12, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem Programm

George Kurian: The Crossing. Bild: fragments

George Kurian: The Crossing. Bild: fragments

Ab 21. April läuft in Graz, seit 2001 erste europäische Stadt der Menschenrechte, das Filmfestival „fragments“. Neben Filmen zu allgemeinen Themen der Menschenrechte wird der Fokus auf dem Thema Flucht & Krise liegen. Nationale und internationale Filmschaffende werden Gäste des Festivals sein, ebenso wie Betroffene und Experten zum Schwerpunktthema. Eröffnungsfilm ist der diesjährige Berlinale-Gewinner „Fuocoammare“ von Gianfranco Rosi. Die Lampedusa-Doku hat in Graz Österreich-Premiere. Zu sehen sind außerdem „Mama illegal“ von Ed Moschitz, „Lampedusa im Winter“ von Jakob Brossmann (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764) und „Last Shelter“ von Gerald Igor Hauzenberger (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16248).

Die Empfehlungen:

Breaking the Torture Machine von Omar Mesri und Sihem Bensedrine aus Tunesien ist ein Kurzfilm, der stellvertretend für ein Stück tunesische Zeitgeschichte steht. Die Bedingungen, unter denen er entstand, sind bemerkenswert: Denn 2008, noch bevor der Arabische Frühling in Tunesien alles von Grund auf veränderte, waren Filme wie diese lebensgefährlich. Der Film dokumentiert, wie das System der Folter zu jener Zeit in Tunesien angewandt wurde. Sihem Bensedrine spricht im Anschluss an die Vorführung über den Film, den gegenwärtigen Zustand ihres Heimatlandes, ihre Zeit im Exil, ihre Arbeit als Friedensaktivistin und Journalistin
und was vom Arabischen Frühling in Tunesien geblieben ist.

Maidan ist Sergei Loznitsas Detailbeobachtung des Kiewer Protestverlaufs im Winter 2013/14. Nüchtern montiert der ukrainische Regisseur Sequenzen friedlicher Kundgebungen wie blutiger Straßenschlachten zu einem großen Ganzen und bleibt dabei konsequent am zentralen Schauplatz des Geschehens, dem Kiewer Maidan. Er erschafft derart ein eindringliches Zeitdokument und erstaunliches cineastisches Gemälde, das klassisches Filmemachen und dokumentarische Dringlichkeit miteinander verbindet.

Erol Mintaş: Song of my Mother. Bild: fragments

Erol Mintaş: Song of my Mother. Bild: fragments

Song of my Mother ist ein Spielfilm des türkischen Filmemachers Erol Mintaş: Schon einmal mussten Ali und seine Mutter Nigar ihr Hab und Gut zusammenpacken, damals in den 1990er-Jahren bevor sie als kurdische Flüchtlinge nach Istanbul kamen. Nun sind sie erneut gezwungen ihr Zuhause zu verlassen, um in eine seelenlose Betonwüste zu ziehen. Nigar verwindet den Schmerz nicht und packt jeden Morgen ihre Sachen, um ihr altes Dorf zu suchen. Während Ali immer noch versucht alles zu tun, um seine Mutter glücklich zu machen, erfährt er, dass er selbst bald Vater wird. Ein hin- und mitreißende Familiengeschichte mit Feyyaz Duman, Zubeyde Ronahi und Nesrin Cavadzade, unabwendbar politisch.

The Crossing ist ein Projekt des türkischen Regisseurs George Kurian mit Flüchtlingen aus Syrien. Ihre Weg führte sie von Ägypten über Libyen mit dem Boot nach Lampedusa. Mit dabei: eine Kamera, mit der sie die gefährliche Überfahrt auf dem Boot dokumentieren. Die ersten Schritte in ein neues Leben in Europa sind schwierig. Nach Monaten der Ungewissheit ist die Gruppe aufgeteilt auf vier Länder. Erst jetzt wird ihnen bewusst, was es bedeutet ein „Flüchtling“ zu sein. Gemeinsam mit Kurian entsteht aus dem Filmmaterial ein Dokument ihrer Flucht nach Europa, über ihre Hoffnungen, die der Realität in Europa nicht Stand halten können, und die Sehnsucht nach der Heimat.

Radu Mihaileanu: Zug des Lebens. Bild: fragments

Radu Mihaileanu: Zug des Lebens. Bild: fragments

Zug des Lebens von Radu Mihaileanu spielt 1941, irgendwo in Osteuropa. Um den Nazis zuvorzukommen, beschließen die Bewohner eines kleinen jüdischen Schtetls sich auf einen Deportationskonvoi zu begeben – aber auf einen, den sie selbst manövrieren. Über Russland wollen sie nach Palästina, ins Gelobte Land rollen. Ein maroder Güterzug wird angeschafft, SS-Uniformen werden geschneidert und akzentfreies Deutsch gelernt. Der Film mit Lionel Abelanski, Rufus und Bruno Abraham-Kremer ist eine famose Anti-Nazi-Groteske, die dem jiddischen Humor ein Denkmal setzt.

www.fragments.at

Wien, 12. 4. 2016

Filmfestival der Menschenrechte: this human world

November 30, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fünf Tipps aus dem umfangreichen Programm

How To Cross from Jiliz to Jiliz Bild: © Sona & Marina Kocharyan

How To Cross from Jiliz to Jiliz
Bild: © Sona & Marina Kocharyanrogramm

Von 3. bis 11. Dezember findet in Wien wieder das Internationale Filmfestival der Menschenrechte „this human world“ statt. Es präsentiert an neun Festivaltagen und in fünf Spielstätten ein Kino, das nahe an der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist, aktuelle Konflikte verhandelt, politisch und sozial Stellung bezieht. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern einfühlsam, aufrüttelnd und bisweilen auch humorvoll.
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Gezeigt werden mehr als 70 Spiel- und Dokumentarfilme, dazu gibt es Publikumsdiskussionen, Konzerte und eine Nightline. „this human world“ öffnet mit Filmen von Südeuropa – bestürzend etwa die Doku „River Memories“ über Italiens größtes Elendsviertel bei Turin – bis Skandinavien den Blick für die Armut vor der eigenen Haustüre, auf ein Europa, in dem Menschen durch Arbeitslosigkeit, Wohnungskrise oder bankrotte Sozialsysteme zunehmend verarmen. Mit Projekten wie „Those Who Feel the Fire Burning“ werden die Umstände erklärt, die Menschen zur Flucht aus ihrer Heimat zwingen, Schattenökonomien und Grenzpolitiken, die lebensgefährlichen Wege der Fliehenden und ihr beschwerliches Fußfassen in der Fremde, die sich allzu oft als neue Heimat verweigert. Es gibt Kino aus Lateinamerika, Georgien und Armenien, und wie schon im Vorjahr den Off-Porno-Programmschwerpunkt „Every Time We Fuck We Win 2!“
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Die Programmtipps:

4. Dezember, Top Kino: How To Cross from Jiliz to Jiliz (Armenien, 2014); es gibt ein Dorf, das heißt Jiliz. Durch Jiliz fließt ein Bach, aber dieser Bach ist nicht nur ein Bach, er ist auch die Grenze zwischen Armenien und Georgien. Die kleine Lousine und ihr Bruder leben an einem Ufer, ihre Großeltern am anderen. Um zu ihnen zu gelangen, müssen sie mehr als 100 Kilometer zum nächsten Grenzübergang fahren und dann auf der anderen Seite wieder zurück. Der Bub hat seine Großeltern noch nie gesehen. Auch Lousine kennt sie kaum. Deshalb beschließt das Mädchen, sich auf den Weg zu machen. Ein Film von Sona und Marine Kocharyan über die Absurdität von Grenzen und darüber, welche Auswirkungen diese auf das Leben von Menschen haben können. Trailer: www.youtube.com/watch?v=XYFJFPheyEA

7. Dezember, Top Kino: Hope (Frankreich, 2014); der Weg vom Golf von Guinea durch die Sahara bis zum Tor Europas an der marokkanischen Küste ist weit und gefährlich. Als die junge Nigerianerin Hope nachts in der Wüste zurückgelassen werden soll, hilft ihr Léonard aus Kamerun. In einer Welt, in der brutale Willkür und der tägliche Kampf ums Überleben herrschen, entwickelt sich aus der Zwangsgemeinschaft der beiden eine fragile Liebesbeziehung, die dem feindseligen und erbarmungslosen Leben auf der Flucht entgegenhält. Das Spielfilmdebüt des Dokumentarfilmregisseurs Boris Lojkine bietet ein beeindruckend realitätsnahes Bild einzelner menschlicher Schicksale an den Grenzen der „Festung Europa“. Lojkine lernte sowohl Haupt- als auch Nebendarsteller von „Hope“ auf deren eigener Flucht kennen. Im Anschluss an die Vorstellung gibt es ein Gespräch mit Autor Emmanuel Mbolela über dessen Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil“. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Fycw0Q0ahlo

7. Dezember, Top Kino: Tell Spring Not To Come This Year (Großbritannien/Afghanistan, 2015); der Alltag der neu formierten Einheit der Afghanischen Armee (ANA) ist gefährlich, hart und beschwerlich. Die Soldaten sind schlecht ausgerüstet, kassieren unregelmäßig Sold und sind desillusioniert. Der Dokumentarfilm „Tell Spring Not To Come This Year“ von Saeed Taji Farouky und Michael McEvoy folgt den afghanischen Soldaten abseits und während ihrer Einsätze. Er zeigt sie auf dem Schlachtfeld und in ihrer Unterkunft. Kommentare aus dem Off konterkarieren das Gesehene und geben Aufschluss über persönliche Motive, Hoffnungen und Ängste der Männer. Dem Film gelingt es, einen schonungslosen Blick auf den Krieg aus der Perspektive von Afghanen zu werfen und die Wirren des bewaffneten Konflikts zu illustrieren. Trailer: vimeo.com/115809611

8. Dezember, Top Kino: In the Sands of Babylon / That Remal Babyl  (Irak, 2013); 1991: Das Ende des Zweiten Golfkrieges. Ibrahim, ein irakischer Soldat, ist nach dem Rückzug der irakischen Armee aus Kuwait zur Flucht gezwungen. Auf dem Weg in die Heimat gerät er in die Hände der Soldaten Saddam Husseins. Des Verrats bezichtigt, wird er inhaftiert. Trotz seiner Unschuld beginnt für ihn wie auch für seine Mithäftlinge ein Gefängnisalltag, der von Folter geprägt ist. 2013: Auf der Suche nach Antworten spricht Regisseur Mohamed  Al-Daradji mit Überlebenden des nahezu vergessenen Aufstandes gegen das Baath-Regime. Durch die Verbindung von nachinszenierten Spielfilmsequenzen und Interviews gelingt es ihm, im Nachfolgewerk seines Films „Son of Babylon“, der 2010 bei „this human world“ gezeigt wurde, ein eindrückliches Bild von den Folter- und Repressionsmethoden, mit denen gegen Regimegegner im Irak in den 1990ern vorgegangen wurde, zu zeichnen. Trailer: www.youtube.com/watch?v=Tn6gkX0kJ8s

10. Dezember, Schikaneder: Das andere bessere Leben / Drugi Bolji Zivot (Österreich, 2015) von Saša Barbul und Philomena Grassl porträtiert den täglichen Überlebenskampf einer serbischen Roma-Familie. Die Protagonisten erzählen von ihrem Alltag, der korrupten Minderheitenpolitik und dem geplatzten Traum vom Asyl in Deutschland. Idylle und Elend, Stolz und Apathie liegen nah beieinander. Die scheinbare Zeitlosigkeit des Ortes wird durch das bedrohliche Szenario der Vertreibung und Entwurzelung durchbrochen.

www.thishumanworld.com

Wien, 30. 11. 2015

Der Dschungel Wien setzt sich für Menschenrechte ein

September 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ab sofort gibt es sogar Theater für Babys ab 6 Monaten

Die Legende von Schillers Räubern Bild: © Ani Antonova

Die Legende von Schillers Räubern
Bild: © Ani Antonova

Heute Vormittag präsentierte Direktor Stephan Rabl gemeinsam mit seinem Team das Programm für die Saison 2015/16 im Dschungel Wien. Als Thema im Mittelpunkt stehen noch deutlicher als bisher die Menschenrechte. „Das Recht auf Kunst ist ein Kinderrecht und in der UN-Kinderrechtskonvention festgeschrieben. Diesem Grundsatz wollen wir für die ganze Stadt Wien und ihren Kindern und Jugendlichen gerecht werden“, so Rabl, der damit auch den Standort des Hauses auf dem Platz der Menschenrechte rund um das Marcus-Omofuma-Denkmal betonte. „Es geht darum, den Kindern die Welt nicht vorzuenthalten, sondern ihren Blick zu schärfen und ihnen Lösungswege für ihre Fragen anzubieten. Ihre Ängste ernst zu nehmen und die Möglichkeiten des Lebens zu zeigen. Ihre Individualität zu unterstützen, aber nicht Egoismus zu säen. Theater kann eine Möglichkeit bieten, um dies zu erfahren.“

Eng zusammenarbeiten will man deshalb mit Shams Asadi, der bei der Programmpräsentation anwesenden neuen Menschenrechtsbeauftragten der Stadt Wien.  Warum? „Kinder sind besonders von Menschenrechtsverletzungen betroffen. Deshalb befasst sich Wien bei der Umsetzung der Deklaration zur Menschenrechtsstadt derzeit vor allem mit Kinderrechten. Ihre Einhaltung ist ein Barometer für die Gesellschaft“, erklärt Asadi. „Gerade in diesem Zusammenhang ermöglicht der Dschungel Wien als Drehscheibe und als Ort für Dialoge einen Zugang zu Kunst und Kultur für junges Publikum“. Mit dem aktuellen Programm werden aktuelle Themen wie Migration und Rassismus aufgegriffen. Durch Stücke wie „schwarzweißlila“ über das elfjährige Mädchen Lila mit einer weißen Mutter und einem afrikanischen Vater, den sie nicht kennt, für Kinder ab zehn Jahren. Oder „La Linea – der Traum vom besseren Leben“ über Geschwister, die von Mexiko in die USA wollen, für Jugendliche ab 13 Jahren.

Mit sieben Premieren im September startet der Dschungel Wien in die Saison 2015/16. Von und mit Ensemblemitglied Mira Tscherne eröffnet „Höflich wie ein Löwe“ (ab 5 /10. Sep.) die neue Spielzeit. In einem Schauspiel mit Musik werden Themen wie Mut, Höflichkeit und das „Anderssein“ humorvoll behandelt. Dem Witz und der Poesie der Straße verschreibt sich nur einen Tag später das Clowntheater „Totò macht Mittagspause“ (ab 6 / 11. Sep.). Michael Moritz inszeniert ein artistisches, akrobatisches und clowneskes Spiel, in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Der noch warmen Jahreszeit entsprechend kommt es an diesem Tag mit „Das Postgirl“ (ab 4 / 12. Sep.) mit Figurentheaterspielerin Myriam Rossbach zur dritten Uraufführung in drei Tagen. Gespielt wird unter freiem Himmel mit dem Dschungel-Fahrrad im MQ-Fürstenhof. Das zum Postfahrrad umgebaute Vehikel birgt dabei so einige Überraschungen. In der darauffolgenden Woche kehrt Breakdance, in der von Ákos Hargitay choreografierten Produktion „Break.out“ (ab 13 / 16. Sep.), an seinen Ursprungsort zurück – auf die Straße. Open air vor dem Theaterhaus treffen ein Hip-Hop-Girl, ein zeitgenössischer Tänzer und ein Choreograf aufeinander, um eine „Show“ aus dem Nichts aufzustellen. Mit dem Schauspielsolo „Titus“ (ab 12 / 23. Sep.) begeht Sven Kaschte sein Debüt als Ensemblemitglied. Der bereits als Klassiker des Jugendtheaters verstandene Monolog eines Jugendlichen von Autor Jan Sobrie wird von Hausregisseurin Julia Burger inszeniert. „Ein Orkan rast durch meinen Schädel“ – unverkitscht, klischeefrei und sensibel zeichnet das Stück Gedankengänge, Nöte und Ängste eines Jungen in der Pubertät nach. Teil einer Abenteuernacht mit Abendessen und Übernachtung im Theater ist am 3. Oktober „Die Legende von Schillers Räubern“ (ab 11).

Mit einer „Babyschiene“ für Babys ab 6 Monaten geht der Dschungel Wien ab Herbst neue Wege. Mit Schauspiel, Tanz, Musik und Objekttheater begeben sich bereits die Allerkleinsten auf eine spannende theatrale Entdeckungsreise. Stephan Rabl selbst zeichnet für Idee und Konzept verantwortlich.

www.dschungelwien.at

Wien, 2. 9. 2015