Schallaburg: Donau – Menschen, Schätze & Kulturen

Mai 27, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ab 1. Juni rauschen endlich wieder die Wellen

Flussgott, Danuvius, Kopie, römische Kaiserzeit, Fundort: Carnuntum, 3. Jhdt. © Landessammlungen NÖ, Archäologischer Park Carnuntum

Ab 1. Juni lädt die Ausstellung „Donau – Menschen, Schätze & Kulturen“ zu einer inspirierenden Reise flussaufwärts: Vom Schwarzen Meer durch die engen Felsschluchten des Eisernen Tors, vorbei an den Ebenen Ungarns durch die Wachau bis auf die Schallaburg. Vor Millionen Jahren begann sich die Donau ihren Weg zu bahnen –  mit ihren rund 2.800 Kilometern Länge ist die sie der zweitlängste Fluss Europas. Wie kein anderer steht die Donau für die Vielfalt des europäischen Kontinents.

Und seine wechselvolle Geschichte. Seit tausenden Jahren ist auch der Mensch an ihren Ufern präsent und nutzt sie für seine Zwecke. Schon in der Jungsteinzeit entstanden entlang des Stromes beeindruckende Kulturen. Den Römern diente er als Grenze ihres mächtigen Imperiums, den Habsburgern als Lebensader eines Reiches, das nicht umsonst den Namen „Donaumonarchie“ trägt. Zahlreich sind die Geschichten und Erzählungen, die eine Reise wie diese bereithält. Sei es das dramatische Ende der versunkenen Insel Ada Kaleh oder die geheimnisvollen Spuren der Vinča-Kultur am serbischen Donauufer; seien es die Kämpfe Prinz Eugens gegen die Osmanen oder das Schicksal der Donauschwaben.

Dabei wird dem Geheimnis der ungarischen Fischsuppe, den Lesehöfen und den Wanderungen der Nibelungen in der Wachau ebenso nachgegangen wie dem Mythos der Schönen Blauen Donau. „Die Ausstellung lädt zu einer Reise voller Überraschungen ein“, erkärt Kurt Farasin, der Künstlerische Leiter der Schallaburg. „Erst in der Begegnung mit den Menschen, den unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Landschaften öffnet die Donau ihre Geschichten, die wir mit unserem Publikum teilen wollen. Wie groß der Schatz Donau für uns, für Europa ist, lässt sich erst erahnen, wenn man sich auf die Fahrt entlang des mächtigsten Stromes Europas macht.“

Gefäß mit zwei Gesichtern. Bild: Mátyás Király Múzeum

Michael Dietrich: Kelch aus Donauwaschgold, 1660, Stift Melk

Lilly Steiner: Donauweibchen, 1934. Artothek des Bundes . Bild: Belvedere, Wien, Johannes Stoll

In abwechslungsreichen Etappen werden also Einblicke in die Geschichte des Donauraums und Ausblicke auf seine vielfältigen Landschaften geboten. Menschen erzählen vom Leben am großen Strom, ungewöhnliche Exponate zeichnen Bilder seiner Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. So verschmelzen alle Eindrücke dieser Reise zu jenem bunten Mosaik, das den Donauraum bis heute prägt.

„Unsere Reiseroute folgt bewusst nicht der Fließrichtung der Donau, sondern der außergewöhnlichen Kilometrierung dieses Flusses, die mit Kilometer 0 in Sulina beginnt. Die Reise gegen den Strom soll vor allem deutlich machen, dass ein Fluss keine Einbahnstraße ist: Der Austausch hat immer schon in beide Richtungen stattgefunden. Dank der Zusammenarbeit mit zahlreichen regionalen Museen entlang der Donau zeigt die Schau größtenteils Exponate, die in Österreich noch nie zu sehen waren und Geschichten zu erzählen, die einen neuen Blick auf die Donau ermöglichen“, so Kurator Dominik Heher. „Die Ausstellungsreise von Sulina bis in die Wachau soll die Besucherinnen und Besucher dazu inspirieren, den Donauraum auch außerhalb der Mauern der Schallaburg zu erkunden.“

Hausen, gefangen ca. 1905 bei der Raab-Mündung. NHM, Wien

Weltkulturerbe Wachau. Bild: Daniela Matejschek

Alter Leuchtturm in Sulina, 1887. Bild: Juergen Haberhauer

Ausstellungsansicht. Bild: Klaus Pichler

Da der Start der Schau #Corona-bedingt verschoben werden musste, hat die Schallaburg eine digitale Donaureise mit zahlreichen Interview-Videos zusammengestellt. Sogar ein Stör und eine Haselmaus erzählen, und selbstverständlich gibt es das Rezept für Bajai Halászlé nachzulesen. Sehenswert!

www.schallaburg.at/de/donaureise           www.schallaburg.at

27. 5. 2020

Architektur Zentrum Wien: Balkrishna Doshi

Mai 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Indische Tradition trifft europäische Moderne

Balkrishna Doshi: Indian Institute of Management, Bangalore, 1977/1992. © Iwan Baan 2018

Am 29. Mai startet im Architekturzentrum Wien endlich die #Corona-bedingt verschobene Ausstellung „Balkrishna Doshi. Architektur für den Menschen“. Der Architekt, Urbanist und Lehrer Balkrishna Doshi gehört zu den wichtigsten Vertretern einer indischen Moderne, erlangte aber weit darüber hinaus Einfluss und Weltrang. Zentral sind seine visionäre Arbeit im Bereich des kostengünstigen Wohnens und der Stadtplanung sowie sein Engagement für Bildung.

Als erster indischer Architekt erhielt er 2018 den renommierten Pritzker-Preis, den „Nobelpreis der Architektur“. In mehr als 60 Jahren hat der 1927 im indischen Pune geborene Balkrishna Doshi eine Vielzahl von Projekten realisiert, darunter das Indian Institute of Management in Bangalore, die soziale Wohnsiedlung Aranya oder die von ihm gegründete Architekturschule in Ahmedabad. Aufgewachsen in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung, arbeitete Doshi in den 1950ern mit Größen wie Le Corbusier und Louis I. Kahn.

Schon früh entwickelte er sein ganz eigenes Vokabular, das moderne Grundsätze mit indischen Traditionen verbindet. Indem er den Bogen zwischen Industrie und lokalem Handwerk spannt, passt er seine Architektur den lokalen Gegebenheiten an. Doshis humanistische Haltung ist durch seine indischen Wurzeln ebenso geprägt wie durch seine westliche Bildung. Inspiriert von Mahatma Gandhis Lehren, entwickelte er neue Herangehensweisen an den sozialen Wohnbau. Im Zentrum stehen soziale Durchmischung, Selbstbestimmung und die Anpassung an wechselnde Bedürfnisse – Stichwort „wachsendes Haus“.

Doshis „Architektur für den Menschen“ ist von der Überzeugung getragen, dass die gebaute Umwelt einen entscheidenden Einfluss auf das Wohlergehen, das Zugehörigkeitsgefühl und den Gemeinsinn hat. Sein 1956 in Ahmedabad eröffnetes Architekturbüro nannte er „Vastushilpa“: „Vastu“ beschreibt die Gesamtheit der Umwelt, „shilpa“ bedeutet auf Sanskrit „gestalten“. Seine Praxis strebt nach der Verortung der Architektur in einem weitgefassten Zusammenhang von Kultur, Umwelt, Gesellschaft, Ethik und Religion. „Dos-his Vorstellung von Nachhaltigkeit vereint die kulturelle, soziale, ökologische und wirtschaftliche Dimension“, so die Direktorin des Architekturzentrum Wien Angelika Fitz. „Das macht seine Architektur hochaktuell, auch für Europa.“

Balkrishna Doshi: Vidhyadhar Nagar, Jaipur, Indien, Miniatur, 1986. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in seinem Architekturbüro Sangath, Ahmedabad, 1980. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi: Architekturbüro Sangath Miniaturmalerei, Ahmedabad, 1980. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Die Ausstellung zeigt Projekte aus sechs Jahrzehnten, wobei das Spektrum von Bildungs- und Kulturbauten über Wohnbauten und Interieurs bis zur Planung ganzer Städte reicht. Die Schau versammelt eine Fülle an Originalmaterialien wie Modelle, Zeichnungen und Doshis berühmte, an indische Miniaturen angelehnte Visualisierungen. Großmaßstäbliche Installationen machen die Poesie seiner Architektur erlebbar. Aktuelle Fotografien und Filme zeigen das Weiterleben der Bauten im Alltag. Die Schau ist in vier Themenschwerpunkte gegliedert: Als Architekt und Pädagoge hat Doshi die Architekturausbildung in Indien dauerhaft verändert. Der Abschnitt „Bildung ganzheitlich Denken“ widmet sich ausführlich dem Centre of Environmental Planning and Technology in Ahmedabad, einem von Doshis Schlüsselprojekten.

Über einen Zeitraum von 50 Jahren – 1962 bis 2012 – entstand ein multidisziplinärer Universitätscampus, inklusive der von ihm gegründeten Architekturschule. Um den Dialog zwischen Studierenden und Lehrkräften zu fördern, entwarf Doshi das gesamte Gelände als frei fließenden Raum, der sein Ideal einer „Bildung ohne Türen“ widerspiegelt. Dem Mangel an leistbarem Wohnraum und der Fragmentierung der Gesellschaft begegnet Doshi mit experimentellen Konzepten für den sozialen Wohnbau. Im Abschnitt„Zuhause und Zugehörigkeit“ veranschaulicht die Ausstellung seine Ideen zur Gestaltung von kostengünstigem, klimagerechten und sozial integrativen Wohnraum.

Ausgehend von Mahatma Gandhis Begriff der Selbstbestimmung kombiniert Doshi Fertigbauweisen und lokale Handwerkstechniken in einem Modulsystem, das es den Bewohnern ermöglicht, den Wohnraum nach ihren Bedürfnissen, persönlichen Vorlieben und wirtschaftlichen Möglichkeiten individuell auszubauen und zu erweitern. Die Übergänge zwischen öffentlichem und privatem Raum sind fließend – auf Straßen und Plätzen, in Innenhöfen und auf Treppen begegnen sich Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten. Doshis Wohnsiedlungen sind ein Instrument zur Überwindung gesellschaftlicher Grenzen und ein Beitrag zum wirtschaftlichen Wandel.

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya Skizze, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi: Wohnsiedlung Aranya, Indore, 1989. © Vastushilpa Foundation, Ahmedabad

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Balkrishna Doshi in Zusammenarbeit mit M.F. Husain: Amdavad Ni Gufa Kunstraum, Ahmedabad, 1994. © Iwan Baan 2018

Auch Doshis institutionelle Bauten bezeugen seinen ausgeprägten Gemeinsinn, wie das Kapitel „Institutionen bauen“ verdeutlicht. Seine Verwaltungsgebäude, Forschungszentren und Schulen fördern den zwanglosen Austausch. Beim Indian Institute of Management in Bangalore bilden Treppen und Flure, begrünte Höfe und Verbindungswege einen übergreifenden Zusammenhang. Sie schaffen fließende Übergänge zwischen Innen und Außen und sind als Erweiterung der Unterrichtsräume angelegt. Die Verwendung lokaler Baustoffe und -techniken lässt die Architektur zeitlos erscheinen und spiegelt Doshis Wertschätzung indischer Bauweisen sowiesein starkes Bewusstsein für die Umwelt wider.

Der Abschnitt „Gestaltung lebenswerter Städte“ zeigt, dass bei Doshi stets der Alltag der Menschen im Mittelpunkt steht. Straßen und Wege, öffentliche Plätze und Gebäude, Privathäuser, Büro-und Geschäftsgebäude, Baudenkmäler, Tempel und Kultureinrichtungen – besonders aber die Menschen und ihre Tätigkeiten – wollen zu einem funktionierenden Ganzen verbunden sein. Um die Qualität des städtischen Lebens zu verbessern, überträgt Doshi traditionelle Planungsprinzipien wie dichte Strukturen, zu Fuß zu bewältigende Entfernungen und den multifunktionalen Gebrauch der verfügbaren Flächen in die Gegenwart.

Zur Person: Der 1927 als Sohn einer traditionellen hinduistischen Familie geborene Balkrishna Doshi wuchs in der Aufbruchsstimmung der indischen Unabhängigkeitsbewegung auf, zu deren Leitfiguren Mahatma Gandhi und Rabindranath Tagore zählten. Im Jahr der indischen Unabhängigkeit 1947 begann er sein Architekturstudium am Sir J.J. College of Architecture Bombay, heute Mumbai. In den 1950er-Jahren reiste er mit dem Schiff nach London und zog schließlich nach Paris weiter, um bei Le Corbusier zu arbeiten. Doshis Zusammenarbeit mit Le Corbusier und später Louis I. Kahn erstreckte sich über ein ganzes Jahrzehnt und machte den jungen Architekten mit dem Vokabular der architektonischen Moderne vertraut. Doshi wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Global Award for Lifetime Achievement for Sustainable Architecture, der Aga Khan Award for Architecture und die Goldmedaille der französischen Académied’Architecture. Im Jahr 2018 wurde ihm als erstem indischen Architekten der Pritzker-Preis verliehen

www.azw.at           Interview mit Balkrishna Doshi: www.welt.de/icon/design/article191809589/Architekt-der-Armen-Balkrishna-Doshi-ist-der-Anti-Koolhaas.html

23. 5. 2020

Kosmos Theater: Geister sind auch nur Menschen

Mai 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit

Noch nicht weg, aber auch nicht mehr richtig da: Tobias M. Draeger, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Barbara Gassner im Pflegeheim. Bild: Bettina Frenzel

Dieser Allgemeinplatz vom Lachen, das den Zuschauern im Hals stecken geblieben ist, darf zur gestrigen Premiere im Kosmos Theater ohne Scham bemüht werden. Regisseurin Barbara Falter brachte dort „Geister sind auch nur Menschen“ der Schweizer Autorin Katja Brunner zur Österreichischen Erstaufführung, die beiden bereits ein eingespieltes Team, wenn es darum geht, Brunners heiß aufkochende Textkaskaden in szenischer Form zu bändigen.

Und so geben sie nun auch einem Wiener Publikum kalt-warm. Brunners Geister-Menschen heißen die, die nicht mehr ganz da, aber auch noch nicht wirklich weg sind, die Alten, die von den Kindern der Leistungsgesellschaft Ausgestoßenen, die unrentabel Gewordenen, die Ausrangierten. Also werden diese in Scheibchen Sterbenden „im Heim“ verstaut, von wo aus Brunner sie die Scherben und verpassten Chancen eines gewesenen Lebens bejammern lässt. Ein Klagelied, eine „Pflegeoper“ hat die Dramatikerin da verfasst, einen grotesken, boshaften, morbiden Text, eine Fäkalienfarce zur menschlichen Vergänglichkeit, denn die Notdurft wird im Wortsinn als immer wiederkehrendes Druckmittel verwandt, die unvermittelt in poetische Sprachbilder kippen kann.

Die gestrenge Heimleitung: Karola Niederhuber mit Barbara Gassner, Isabella Jeschke und den Beinen von Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Das langsame Ende in langen Unterhosen: Barbara Gassner, Isabella Jeschke, Karola Niederhuber und Tobias M. Draeger. Bild: Bettina Frenzel

Die Schauspielerinnen Barbara Gassner, Isabella Jeschke und Karola Niederhuber gestalten, in der Körperarbeit unterstützt von Choreograf Tobias M. Draeger, sowohl Pflegepersonal als auch Patienten. Im Ping-Pong wechseln sie die Seiten, brechen als Betreuer in nichtssagenden, weil desinteressierten Bla-Gesang aus. Dann wiederum, gekleidet in Steppstoff, die Gesichter clownesk auf moribund geschminkt, winden sie sich durch ihren Danse macabre, die Bühne von Carl und Carla dazu eine Art dusterer Aufbahrungsort, in der Mitte ein in den Boden eingelassener Sarg, so lässt zumindest die gerüschte Bestattungswäsche vermuten, in den Darstellerinnen und Darsteller regelmäßig abgleiten.

Damit das Alter nicht zur spöttischen Parodie unserer früheren Existenz werde, brauche es Sinn im Sprechen und Handeln, formulierte Simone de Beauvoir einmal, doch, so Brunner, was nützt das, wenn man nicht gehört wird. „Wir denken oft, wir verstehen meistens“, lässt sie ihre Protagonistinnen sagen, nur: wen interessiert’s noch? Derart eignet sich Barbara Gassner die Figur der von einem Schlaganfall niedergestreckten Frau Heisinger an, führt in deren Innenleben, führt in einer wunderbaren Wutrede deren Verbitterung darüber vor, sich für „Töchtersöhne“ aufgeopfert zu haben, die jetzt bereits zu ihren Nochlebzeiten ihr Hab und Gut verscherbeln, oder wünscht Karola Niederhuber als Pflegekraft, mit der Betonung des Begriffs Kraft als Macht und Autorität, der jaulenden Frau Simplon, „dass der Herrgott sie bald mitnehmen soll“.

Was nützt die Stimme, wenn einen niemand mehr hören mag? Barbara Gassner, Karola Niederhuber und Isabella Jeschke. Bild: Bettina Frenzel

Dass dieser Bettlägrigenreigen nicht zur Tristesse pur wird, ist Katja Brunners speziellem Witz und ihrer Beobachtung, den von ihr beschriebenen Nichtort zwischen Vergessen und Verwirrung auch als Hort von Sticheleien, Sekkierereien und postsexuellen Anwandlungen zu begreifen, zu danken. Aufbegehrt wird gegen’s Rauch- und Alkoholverbot, „als ob es jetzt noch darauf ankäme“, ein lieb gemeinter Popograpscher ruft allerdings die gestrenge Heimleitung auf den Plan.

All das ist so verzweifelt komisch, so fröhlich überzogen, verschwimmend zwischen real und surreal, dass nicht auszumachen ist, was Wach- und was -koma ist. Über Magensonde und Dauerkatheter kalauert Isabella Jeschke „Der Schlauch tut’s auch“, dann wieder meint sie zu ihrem „Ich möchte bitte gegangen sein dürfen“ – „Genug geschuftet, jetzt wird verduftet“. Der Schrecken wird sprachverspielt, die entmündigende Tatsache, dass der persönliche Name gegen eine Patientennummer ausgewechselt wurde, oder, dass zu den blauen Flecken auf der Seele jene am Körper kommen, weil die Behandlung eben nicht immer sanft ist.

Was Barbara Falter und ihr sich bis an die Grenzen verausgabendes Ensemble mit ihrer Pflegestufen-Party erschaffen haben, ist Überwältigungstheater. Da nie voyeuristisch, nie mitleidskitischig, zieht es einen umso mehr in Bann. Dass einen dieses Endspiel auf Fragen nach der eigenen Existenz zurückwirft, muss man, wie auf der Bühne zu sehen, mit Galgenhumor nehmen. „Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu“, Cicero, 106 – 43 v. Chr.

Video: www.youtube.com/watch?v=fTNgWKeBLSY

kosmostheater.at

  1. 5. 2019

Das Rote Wien im Waschsalon: Julius Tandler

September 19, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

„Verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren“

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Kinderbetreuung in der Loggia der Kinderübernahmsstelle, 1925. Bild: © WStLA

Anlässlich des 80. Todestages von Julius Tandler widmet Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof ab 21. September seine aktuelle Sonderausstellung dem Arzt, Wissenschafter und Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen. Gezeigt werden auch Briefe aus dem im Josephinum befindlichen Nachlass. Tandler, ab 1920 Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen, ist eine der zentralen Persönlichkeiten des Roten Wien.

Unter seiner Ägide wird soziale Hilfe von einer „gewährten Gnade“ zum Rechtsanspruch für alle, die sie brauchen. Tandler entwickelt ein System der „geschlossenen Fürsorge“, das die Menschen von der Zeugung bis zum Tod erfasst. Julius Tandler wird am 16. Februar 1869 im mährischen Iglau geboren; bald darauf zieht seine Familie nach Wien. Der aus einfachen Verhältnissen stammende Mann bringt es dennoch bis zum Medizinstudium an der Wiener Universität, deren medizinische Fakultät zu den führenden der Welt zählt. Emil Zuckerkandl, der Leiter des Anatomischen Instituts, wird bald zu seinem Mentor. 1910 folgt Tandler seinem Lehrer als Leiter des Anatomischen Instituts nach. Als engagierter Arzt und renommierter Wissenschafter sieht er seine Aufgabe nicht nur im Behandeln, sondern auch im Verhindern von Krankheiten.

1919 wird er in den Wiener Gemeinderat gewählt und ist auch mit der Ausarbeitung eines bundesweiten Krankenanstaltengesetzes befasst, das im Juli 1920 im Parlament beschlossen wird. Damit wird die Verpflichtung des Staates, sich an den Kosten der Heilbehandlung sämtlicher Staatsbürger finanziell zu beteiligen, zum ersten Mal gesetzlich verankert. Ab 1920 ist Tandler als Stadtrat für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen für die Neuorganisation des Wiener Fürsorgewesens verantwortlich. Tandlers Wohlfahrtspolitik ist umfassend – und deren Inanspruchnahme freiwillig.

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Julius Tandler bei einer Vorlesung. Bild: © Josephinum, MedUni Wien

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927

Illustration aus “Die Unzufriedene”, 17.12.1927. Bild: Waschsalon Karl-Marx-Hof

Ein halbes Jahr nach der Übernahme des Stadtratspostens im November 1920 trägt Julius Tandler im Wiener Gemeinderat die vier Grundsätze seines künftigen Fürsorgesystems vor.  „Die Gesellschaft ist verpflichtet, allen Hilfsbedürftigen Hilfe zu gewähren.“ Schon dieser erste Punkt markiert einen grundlegenden Gesinnungswandel: weg von der „regellosen Wohltäterei“, hin zur verpflichtenden öffentlichen Aufgabe und zum Rechtsanspruch jedes Einzelnen, der ja „ungefragt in die menschliche Gesellschaft kommt“. Die „Geschlossenheit der Fürsorge“ – räumlich, zeitlich und qualitativ – ist ebenfalls neu und revolutionär. Die Gemeinde Wien errichtet ein dichtes Netz von Fürsorgestellen, das ab 1932 durch ambulante Dienste ergänzt wird. Gleichzeitig erfasst die Fürsorge die Menschen von der Zeugung bis zum Tod und reicht weit in andere Bereiche hinein – von Infrastruktureinrichtungen in Wohnbauten über Sportstätten und Bäder bis hin zur Arbeitslosenunterstützung. Die finanziellen Voraussetzungen dafür schafft eine zunächst zwei-, später vierprozentige Fürsorgeabgabe, mit der folgerichtig auch Teile des Wohnbauprogramms finanziert werden.

Das aufsehenerregendste Resultat der bevölkerungspolitischen Überlegungen Julius Tandlers ist die Einführung einer Eheberatung. Darüber hinaus wird auch über Empfängnisverhütung als Mittel gegen Geschlechtskrankheiten, über Abtreibung und mögliche „Unvollkommenheiten“ informiert. Für bereits geborene Kinder soll ein dichtes Netz an Mutterberatungsstellen Hilfe und Aufklärung leisten. Unter dem Motto „Kein Wiener Kind darf auf Zeitungspapier geboren werden“ wird 1927 auf Initiative Tandlers das Säuglingswäschepaket eingeführt – eine kostenlose Erstausstattung für alle in Wien geborenen Kinder. Da 1927 auch ein Wahljahr ist, diffamiert die bürgerliche Opposition das Wäschepaket als „Wahlwindeln“. Julius Tandlers Hauptaugenmerk gilt der Kinder- und Jugendfürsorge, dem „Fundament jeder Fürsorge“. „Sinn und Zweck des Daseins einer Generation“ könne seiner Ansicht nach „nur die Sorge um die nächste sein“, und diese gelte es zu „besseren Menschen“ zu erziehen.

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Zahnputzunterricht in der Kinderübernahmsstelle, 1926 Bild: © WStLA

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Städtische Heilstätte “Bellevue” für leicht lungenkranke Frauen, aus “Die Tuberkulosefürsorge der Gemeinde Wien”, 1927 Bild: © Waschsalon Karl-Marx-Hof

Tandlers Wirkungsbereich umfasst auch den Kampf gegen Volksseuchen wie Tuberkulose, Alkoholismus und Krebs. Auf seine Initiative hin startet die Gemeinde Wien „einen umfassenden Angriff gegen die Tuberkulose“, die wegen ihres gehäuften Auftretens in Wien europaweit als „Morbus Viennensis“, als „Wiener Krankheit“, bekannt ist. Auf Tandlers Betreiben hin erwirbt die Gemeinde fünf Gramm Radium und richtet in Lainz eine Sonderabteilung für Strahlentherapie ein. 1922 wird die Trinkerheilstätte „Am Steinhof“ eröffnet, 1925 auch eine eigene Trinkerfürsorgestelle eingerichtet. Der einzig gangbare Weg zur Bekämpfung der Alkoholsucht, so Tandler, sei der „Kampf gegen die Inhaltlosigkeit des Daseins“, „gegen Entfremdung des Arbeitsprodukts vom Arbeiter durch Industrialisierung und Mechanisierung.“

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Kinderfreibad Vogelweidplatz, 1928. Bild: © MA 44

Tandler, der nicht nur innerhalb der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei höchstes Ansehen genießt – Finanzstadtrat Hugo Breitner nennt ihn halb scherzhaft seinen „teuersten Freund“ –, bleibt zeitlebens ein selbstbewusster und manchmal unbequemer Außenseiter. Legendär und gefürchtet ist sein bissiger Humor.

Zwar kulturell durch das traditionelle Judentum geprägt, aber keineswegs religiös und bereits 1899 zum katholischen Glauben konvertiert ist, sieht er sich zeitlebens mit antisemitischen Anfeindungen konfrontiert. Vom Ausbruch des Bürgerkriegs 1934 erfährt Tandler während eines Aufenthalts in China. Nach Wien zurückgekehrt, wird er vorübergehend verhaftet. Man nimmt ihm sogar Brille, Hosenträger und Schuhbänder ab. Über diese schäbige Behandlung empört, sagt er: „Glauben Sie wirklich, daß ich aus China gekommen bin, um mir in der Rossauer Lände die Pulsadern aufzuschneiden?“ Seinen Sarkasmus behält er bei. Als der Internist Carl von Noorden anfragen lässt, wann er Tandler besuchen könne, erhält er zur Antwort: „Ich bin den ganzen Tag zu Hause.“

dasrotewien-waschsalon.at

Wien, 19. 9. 2016

Wiener Festwochen: Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen

Juni 1, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein etwas langatmiges Antikorruptionskabarett

Die Whistleblowerin und ihre Widersacher: Marius Turdeanu, Ioan Paraschiv, Mariana Mihu, Florin Coşuleţ und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Die Whistleblowerin und ihre Widersacher: Marius Turdeanu, Ioan Paraschiv, Mariana Mihu, Florin Coşuleţ und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Die rumänische Regisseurin Gianina Cărbunariu und das Teatrul National Radu Stanca Sibiu zeigen bei den Wiener Festwochen ihre Arbeit „Oameni obişnuiţi / Gewöhnliche Menschen“. Whistleblower aus Großbritannien, Italien und Rumänien wurden für diese Produktion befragt, nicht Medienstars wie Snowden oder Assange, sondern Alltagshelden, in Workshops mit einem ersten Publikum der Text erarbeitet.

Doch was nun im Theater Akzent zu sehen ist, hat die theatrale Relevanz der PULS4-Show „Bist du deppert!“. In seinen besten Momenten wirkt der Abend wie ein etwas langatmig geratenes Antikorruptionskabarett. Was umso mehr schmerzt, als man Cărbunariu als „das Enfant terrible, den aufstrebenden Regiestar des rumänischen Theaters“ vorschussbelorbeerte.

Hier aber präsentiert sie zwei Stunden lang more of the same, zwar ein Psychogramm von Whistleblowern, aber deren Story ist eben immer die selbe: Aufdeckung, Verrat, Mobbing, Entlassung, schwere Erkrankung bis hin zu Krebs. Es ist, als würden einem all diese Don Quijotes von der Bühne herunter zuraunen: Freundchen, wenn du je in so eine Situation kommst, lass‘ bloß die Finger davon, Idealismus zahlt sich nicht aus. Dieser Eindruck relativiert sich erst, als in Videozuspielungen die tatsächlichen „Nestbeschmutzer und Kollegenschweine“ zu Wort kommen, starke Persönlichkeiten, die über ihr Nicht-Anders-Können angesichts der entdeckten Ungereimtheiten und Ungerechtigkeiten berichten, und die nach all ihren negativen Erfahrungen sicher und selbstbewusst in die Kamera sagen, jederzeit würden sie’s wieder so tun. Sie sind ihre besten Anwälte, und eigentlich hätte man lieber sie in einer Filmdoku als dieses Dokutheater gesehen. An dem fraglich bleibt, ob es überhaupt seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, wollte Cărbunariu doch den Fakt zur Fiktion überhöhen.

Dass ihr derlei nicht gelungen ist, ist auch der von ihr gewählten Spielweise geschuldet. Die Schauspieler agieren kaum miteinander, sondern adressieren lieber das Publikum. Die Zuschauer werden stellvertretend für die Mitspieler angesprochen, als bräuchte es einen Dritten um die Dialoge auszuführen, sie werden einbezogen, verschwörerisch um ihre Meinung befragt, doch weil da nichts zurückkommt, bleibt diese Art der Kommunikation eine Einbahnstraße. Und dass die Bühnenwand von Mihai Păcurar, ähnlich der von Anja Rabes in Jossi Wielers „Rechnitz“, alle Stückln spielen kann, ist allein nicht abendfüllend. So bleibt’s bei einer Aneinanderreihung gesagter Unsäglichkeiten; Cărbunariu lässt ihre Informationsveranstaltung zum Thema Whistleblowing auf keinen Kulminationspunkt zusteuern, und wie wichtig es auch sein mag, all diesen couragierten Aufdeckern Gehör zu schenken, die Skandale von Altenpflege bis Autobahnbau, von Spitalswesen bis origineller Spesenabrechnung sind soweit bekannt.

Es wird kein Gedanke dazu ausgeführt, weitergeführt, und auch jüngste Entwicklungen, wie etwa eine aufgrund von LuxLeaks erst Mitte April beschlossene neue EU-Richtlinie für den Schutz von Geschäftsgeheimnissen, sind nicht eingearbeitet. Das ist schade, muss einem Theatermacher, der sich einem derart aktuellen Gegenstand widmet, doch klar sein, dass sein Werk work in progress ist.

Dana Taloş kämpft als Eileen Chubb um das Wohl von Demenzkranken. Bild: Sebastian Marcovici

Dana Taloş kämpft als Eileen Chubb um das Wohl von Demenzkranken. Bild: Sebastian Marcovici

Ständig unter Beobachtung - vom Aufdecker zum Mobbingopfer: Ioan Paraschiv und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Ständig unter Beobachtung: Ioan Paraschiv und Ofelia Popii. Bild: Sebastian Marcovici

Im Gedächtnis bleiben von dieser Aufführung zwei Namen: Eileen Chubb – und ihr Bühnen-Alter-Ego Dana Taloş, die den systematischen Missbrauch von Demenzkranken in einem Pflegeheim aufdeckte. Sie sei eher der verschreckte, stille Typ gewesen, sagt sie von sich selbst, nun kämpft sie als Politaktivistin an vorderster Front für die Rechte von Whistleblowern. Und Ian Foxley, dargestellt von Schauspieler Ioan Paraschiv. Der Ex-Militär lehnte sich gegen die mächtigen Airbus Industries auf, indem er unheilige Verquickungen zwischen dem britischen Verteidigungsministerium und dem saudischen Königshaus bloßlegte. Seine Flucht aus Riad ist tatsächlich filmreif, doch sein Prozess läuft nach sechs Jahren immer noch …

Video: www.youtube.com/watch?v=7ZvB5yuDfjc

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt: www.mottingers-meinung.at/?p=20380

Три сестры / Drei Schwestern: www.mottingers-meinung.at/?p=20364

Идеальный муж / Ein idealer Gatte: www.mottingers-meinung.at/?p=20289

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 1. 6. 2016