Volkstheater: Der gute Mensch von Sezuan

Oktober 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Brechts Parabel bleiben ein paar illegale Teigtascherl

Im Schatten des im Wortsinn großen Bert Brecht: Andreas Patton, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Constanze Winkler, Lukas Watzl, Isabella Knöll und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn zum Schluss der Kurz’sche Satz fällt „Sozial ist, was stark macht“, dann ist die mutmaßliche Stoßrichtung des Abends endlich formuliert. Klar, Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist das Stück der Stunde, Robert Gerloff hat’s nun am Volkstheater inszeniert, wo man auch höchst p.c. die Autorinnen- schaft von Ruth Berlau und Margarete Steffin anführt. Einen Konnex zum „kapitalistischen Surrealis- mus“, wie ihn Markus Metz und Georg Seeßlen beschreiben, gibt der Regisseur als Referenz an.

Was bedeutet, wo’s früher „Ohne Fleiß kein Preis“ hieß, sind die Systemmacher heute die mit der größten Fähigkeit, aus nichts ein Etwas zu kreieren – Stichwort: Erfindungs/Reichtum. In dieses Konzept wird nun gezwängt, was sich nicht wehren kann. Gerloff schraubt seine extrem stilisierte, durchchoreografierte Inszenierung bis zum Anschlag auf artifizielles Konstrukt, als könne maximale Künstlichkeit ein Mehrwert fürs Zur-Kenntlichkeit-Entstellen sein. Dies ist wohl, was er unter epischem Theater versteht, und passend zu dieser fixen Idee ist das Bühnenbild von Gabriela Neubauer eine Art „Turm zu Babel“-Baustelle, von welcher der übermenschengroße, tatsächlich Zigarre qualmende Kopf des Godfather auf seine Kreaturen blickt, und sind es die Kostüme von Johanna Hlawica aus einem zu eigener Körperhaftigkeit gestärkten Kunst-Stoff.

Das tollste Teil trägt die „achtköpfige Familie“ in Form eines riesigen Ponchos mit je einem Kopfdurchschlupf für jeden von der Verwandtschaft – die Mischpoche als ein mächtiger Parasit. Das alles ist von ansprechender Ästhetik, allerdings verheddert sich Gerloff im Bemühen, Brechts Protagonistin Shen Te einer Gesellschaftsanalyse à la Metz/Seeßlen zu unterwerfen. Selbstverständlich kann man der Figur den Versuch einer aberwitzigen Verbindung von Profitgier mit humanistischem Gedankengut in die Schuhe schieben, freilich will die von der Prostituierten zur Tabakhändlerin Avancierte mittels eines imaginären Vetters ihre wirtschaftliche Interessen mit ihren Moralillusionen synchronisieren.

Nur steckt im Brecht-Text mehr Kritik an wachstumsimmanenten Unsinnigkeiten, sozialen Ungerechtigkeiten, am Primat permanenter Profitmaximierung, ergo an der Ausbeutung von Arbeitskraft, als die postfaktische Schulweisheit sich träumt. Was, während der Zuschauer in der Reihe hinter einem, weiß, männlich, offensichtlich wohlsituiert, laut über das längst überfällige Abschaffen von Arbeitnehmervertretungen angesichts „der zunehmenden Zufriedenheit der Berufstätigen mit dem Zwölf-Stunden-Tag“ philosophiert, hätte sich über die Verhältnisse in Sezuan nicht alles anmerken lassen?

Shen Te verwandelt sich Shui Ta: Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jan Thümer als mit seinem Schicksal hadernder Flieger Yan Sun. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über Abgehängte, Arbeitslose und den diesen aufgezwungene Ich-AGs, über Gehaltsschere und Schere im Kopf, über die sogenannten betrieblichen Umstrukturierungen, die immer beim Personalabbau in der Belegschaft beginnen … Doch ein wirkliches weiteres Ausführen der Parabel bis zur Situation der Gegenwart passiert nicht. Wiewohl Shen Te die Götter natürlich fragt, „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, und diese vor der kapitalistischen Ökonomie kapitulieren. Am Volkstheater springinkerln sie ihr fröhliches Liedchen trällernd über die sich beständig drehende Bühne. Imre Lichtenberger Bozoki hat Paul Dessaus Musik für die dreiköpfige Band Raphael Meinhart, Oliver Stotz und er selbst der Trompeter eingerichtet, und wechselt den Sound zusätzlich von Genesis‘ „I Can’t Dance“ – samt dazu ausgeführtem Video-Walk – zum „The End“ der Doors.

Gerloff lässt sein Ensemble dazu hopsen und im Gleichschritt tänzeln. Louis de Funés‘ berühmtes „Nein! – Doch! – Oh!“ kommt zu Ehren, und da das Ganze bekanntlich in China angesiedelt ist – hurra, was ein Spaß! -, die berüchtigten sich illegal in Österreich aufhaltenden Teigtascherl. In dieser Sinnspruchszenerie spielt Claudia Sabitzer die Shen Te mit einem Anstand und einer Würde, die alles überstrahlt, und um nichts schlechter ihren ausgeklügelt gemeinen Cousin Shui Ta, ihr gewinnorientiertes zweites Ich, das der gutmütigen Wohltäterin die Schmarotzer vom Leib schneidet. Die neben Sabitzer eindrücklichste Rollengestaltung gelingt Gertrud Roll, die als die Shin die Ereignisse mit staubtrockenem Sarkasmus kommentiert – und trotzdem für Momente die warmherzige Mitmenschlichkeit dieses Charakters aufblitzen lässt.

Jan Thümer gibt den Flieger Yang Sun gebrochen genug, um seinen Weg vom schäbigen Liebhaber zum kleinlaut die bösartigen Einflüsterungen seiner Mutter befolgenden Söhnchen zum Peitschen schwingenden Vorarbeiter in der Tabakfabrik nachvollziehbar zu machen. Ein Anti-Held, wie er bei Brecht steht. Steffi Krautz ist als Mutter Yang wie Hausbesitzerin Mi Tzü geldgierig und intrigant, und versteht es, beide Frauen messerscharf gezeichnet über die Rampe zu bringen. Und apropos, Rampe: Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf Brecht-Manier in einen Lichtspot und aus ihren Rollen, um sich mit ihren Bemerkungen direkt ans Publikum zu wenden.

So tut’s auch „die achtköpfige Familie“, mit Thümer sind es Isabella Knöll, Günther Wiederschwinger, Constanze Winkler und Lukas Watzl, die wiederholt für witzige Einlagen sorgen. Sie alle agieren vielfach, wie Andreas Patton unter anderem als zwielichtiger Barbier, der gedenkt, sich durch eine Heirat mit Shen Te deren „Marke“ der Ehrbarkeit einzukaufen, oder Nils Hohenhövel, der als Schreiner vom zahlungsunwilligen Shui Ta in den Konkurs getrieben wird. Watzl bestreitet als Wasserverkäufer auch die erste Begegnung mit den Göttern.

„Die Shin“ Gertrud Roll kommentiert staubtrocken das Geschehen; hinten: Claudia Sabitzer und Steffi Krautz als Hausbesitzerin Mi Tzü. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber, wie gesagt: Mehr Sinnieren über Ursache und Wirkung vom Geld-regiert-die-Welt ist nicht, auch nicht über das mit dem Abhacken des ganzen Arms endende Reichen des kleinen Fingers, oder über Wohltätigkeit als Wertschöpfungsmaßnahme, oder über politische Veränderung, die im Kleinen gern beginnen kann, aber im Großen weitergehen muss. Der pädagogische Fingerzeig, der am Volkstheater mitunter überschnell zur Stelle ist, hinkt den hehren Absichten der Aufführung diesmal gehörig hinten nach. Schade. Über „Sezuan ist überall und insbesondere im neoliberalistischen Hierzulande“ wäre Ausführlicheres zu sagen gewesen.

Ein Satz zu Beginn dieser Rezension, einer zum Schluss: „Mir ist nicht so wichtig, wer mit wem regiert, mir ist wichtig, wer wofür regiert“, so Bundespräsident Van der Bellen bei der Erteilung des Regierungsbildungsauftrags an Sebastian Kurz. Hoffentlich steckt dieser Spruch in der Lichtenfelsgasse schon hinter einem der Spiegel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Der letzte Mensch

Oktober 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstverdauung als positivstes Zukunftsszenario

Erinnerungsarbeit mit alten Fotos: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova sind drei Mal die Protagonistin Liv van der Meer:. Bild: © Alina Amman

Vorstellung for Future, das ist im doppelten Wortsinn, heißt: Fantasie wie Aufführung, der Leitgedanke mit dem das Theater Nestroyhof Hamakom gestern in die Jubiläumssaison zu seinem zehnjährigen Bestehen startete. Uraufgeführt wurde Philipp Weiss‘ Stück „Der letzte Mensch“, Weiss bekannt als der Autor, der vergangenen Herbst mit tausend auf fünf Bände verteilten Seiten seinen Debütroman vorlegte: „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Ein literarischer Größenwahn auf höchstem Niveau, der vom Feuilleton gehypt zum Sensationserfolg avancierte. Weiss‘ Ansinnen, sich nun mit einem auf ferne Zukünfte gerichteten Text, das Thema der Gegenwart vorzunehmen, ist ein hehres, soll doch der Klimawandel, der besorgte Bürger allüberall um- und auf die Straße treibt, endlich auf der Bühne verhandelt werden. Allein, der Wille steht fürs Werk. Weiss‘ neuerlicher Ausflug ins Dramatische – nach „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ 2013 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=8475) – ist kein großer Wurf. Immerhin: „Der letzte Mensch“ ist eine Frau in dreifacher schauspielerischer Ausführung, die Figur Liv van der Meer, für die ihr Schöpfer drei hypothetische Verläufe des 21. Jahrhunderts und innerhalb dieser Paralleluniversen drei mögliche Leben erdacht hat.

„Sie treibt im Kollaps-Szenario auf einem aus Müll zusammengeflickten Floß unter der glühenden Sonne des Nordpolarmeers. Sie driftet im Transzendenz-Szenario in einer technisch transformierten Welt durch den Asteroidengürtel des Sonnensystems. Zuletzt schwimmt Liv im Utopie-Szenario in der Tiefsee – als ein Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus – und widmet sich der Heilung auf den Trümmern einer geschundenen Welt“, heißt es dazu im Programmheft. Tatsächlich aber ängstigt einen auch die letzte Fiktion als eine dystopische, wird schließlich als positivste Vision und ergo letzte Chance auf Selbstrettung die Selbstverdauung ausgewiesen …

„Der letzte Mensch“ ist eine verquaste, quasselige Cli-Fi-Story, die sich höflich enigmatisch nennen ließe, weil das als Synonym fürs durchs Nebulöse irrende Nichtauskennen immer gut kommt. Neben der Schilderung von Tentakelsex in der Tiefsee, spricht aus dem Off ein Androide, der einzige „Mann“ im Ganzen, während sich die Darstellerinnen mal Chimäre, mal Kinder der Nemesis nennen, mal Zwiegespräche mit inneren Stimmen, mal miteinander führen. Das alles ist so futuristisch wie das Futur II, das Weiss für seine Szenenabfolge verwendet, „Was wird einmal gewesen sein?“, so klinisch-kühl, so steril, dass Emotion und Empathie gar nicht erst aufkommen. Dies sehr zum Schaden einer publikum’schen Betroffenheit über die Weltlage, denn wo kein Gefühl, da auch kein Mitgefühl.

Auf den Trümmern einer geschundenen Welt: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Ana Grigalashvili schwebt als Astronautin in der Schwerelosigkeit. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Der Glücksstrahl an der Sache ist die Inszenierung von Ingrid Lang, die mit viel Feinsinn für Weiss‘ Fantastik an das Stück herangeht, und mit enormer Einbildungskraft diese Arbeit stemmt – indem sie die gedämpfte Stimmung, die fast schon bleierne Schwere des Abends mit ein paar gezielt platzierten Ideen wie Unterwasservideos der nackten Liv, hypnotischen Bildern vom Kampf mit dem Element, oder einem Spiegel, in dem „Schwerelosigkeit“ stattfinden kann, bricht. Komparsen mit Papiertierköpfen erscheinen, ein schwarzer Projektionsquader wird durch eine Änderung des Lichts durchlässig und entpuppt sich als Spielfläche, alte Fotos fallen von oben auf die Zuschauer herab.

Da sind Weiss und Hamakom-Co-Direktorin Lang bei der Erinnerungspflege, der sich das Theater verschrieben hat, wenn Livᶟ von einer Inhaftierung im Lager berichtet, von Todeszonen und Gewaltakten von Herrenmenschen, vom Einsatz von Giftgas und von Pogromen. Zum ersten Jahrzehnt Hamakom erweitert das Haus seine Perspektive von den immer noch schwärenden Traumata der Vergangenheit zu möglicherweise bevorstehenden, denn ohne Behandlung der ersteren, kein Abwenden der zweiten.

Livs Dasein in der Klimaapokalypse, später ihre Maschinenträume von der technologischen Selbstüberwindung, am Ende ihre Metamorphose zu einem neu zu definierenden Wesen gestalten Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova, Martini dabei die Frau vom Meer, stark bis zum Schluss, ein noch im Sterben selbstbestimmtes Individuum, Ivanova danach das symbiontische Flechtwerk, ein Hybrid von hohem Alter, der keinen sozialen Sinn mehr kennt. Wie sie unter Zuckungen zu diesem Meeresriesen evolviert, wird nur übertroffen von Ana Grigalashvili als einer Art Astronauten-Liv.

Liv wird zum Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus: Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Allein auf dem Nordpolarmeer: Theresa Martinis Liv ist ein starkes, selbstbestimmtes Individuum. Bild: © Alina Amman

Die in Georgien geborene Künstlerin ist ausgebildete Tänzerin, und das merkt man ihrer Performance an, wenn sie sich, auf einem schwarz glänzenden Podium liegend, in aberwitzige Körperpositionen bringt, die von einem Deckenspiegel zurückgeworfen wirken, als würde sie wirklich durchs All gleiten. Wenn am Ende das Oktopodenallerlei eine Rede ans globale Parlament hält, kommen die Sätze von einem blechernen Lautsprecherorgan, zu dessen Playback die Schauspielerinnen nur die Lippen bewegen. Die auffordernde Botschaft: „Wir können etwas verändern. Zusammen. Und es geschieht. Heute. Jetzt.“

So nimmt Weiss sein stoisches „praemeditatio malorum“ doch noch raus aus seinen Überlegungen. In Summe aber ist dies Durchspielen von Worst-Case-Szenarien zu wenig atmosphärisch, zu wenig beseelt, um sich zum Stimmungsbarometer der allgemeinen Wetterlage zu machen. Weniger Hirnakrobatik, mehr Herzenswärme hätte diesem After-Endzeit-Drama nicht geschadet.

TIPP: Mit einem umfangreichen Begleitprogramm rund um „Der letzte Mensch“ widmet sich das Theater Nestroyhof Hamakom von 13. bis 27. Oktober in Zukunftsgesprächen den Folgen des Klimawandels, Exodusgelüsten der Menschheit ins Posthumane sowie der Möglichkeit einer technologischen Transformation. Autor Philipp Weiss diskutiert mit jeweils einer Expertin. Am 22. Oktober liest Weiss aus seinem Roman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=V9uKyPRkTJ4           www.hamakom.at           www.philippweiss.at

  1. 10. 2019

Niedermair: Hosea Ratschiller – Ein neuer Mensch

September 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Und ein besseres Brot gib uns heute …

Charmant, charismatisch, gfeanzt: Hosea Ratschiller präsentiert sein aktuelles Programm „Ein neuer Mensch“. Bild: Ernesto Gelles

Sich in etwas „einetheatern“ bedeutet so viel, wie sich in eine Sache sinnlos verbeißen, sich ohne Maß und Zeil reinzusteigern. Kabarettist Hosea Ratschiller, bekennt er, hat ein Talent dafür. Der Kurator und Conférencier der – seit zwei Jahren sogar vom ORF gepowerten – „Pratersterne“ im Fluc, die er monatlich als die besten Shooting-Star-Comedians vorstellt, lud gestern zur Premiere seines neuen Programms „Ein neuer Mensch“ ins Niedermair.

Nun ist es Ratschillers Art, ein unaufgeregter Erzähler zu sein, chillig, charismatisch, charmant, doch kann den aufmerksamen Zuhörer dies Timbre nicht über den Tenor des Gesagten hinwegtäuschen. Ratschillers Samtstimme schnurrt nämlich vor Sarkasmus, wenn er unters scheinbar Private das Politische mengt, seine Kritik am Zustand ebendieser, am Anarcho-Kapitalismus, an der sozialen wie gesellschaftlichen Kälte loslässt. Dass das alles auch noch zum Lachen ist, zeigt die Größe des Kleinkünstlers: Ratschillers fein gesponnener, leis‘-melancholischer Humor ist einer, der verhindert, dass einem der Kragen platzt.

Der Bogen, den er diesmal spannt, ist weit. Von Gott und der Welt bis zu Kinderzimmer und Kosmos, aber nie reißt ihm dabei der Faden, schon gar nicht der Gedulds-, wenn’s ums Patscherte, ums Hoppertatschige, also ums Allzumenschliche geht. Da ist er eher der erste, der sich in eigenen Angelegenheiten um Anteilnahme anstellt. Derart switcht er von seinem Dasein als Familienvater „zack, zack, zack“ zum Aufstieg des Homo Sapiens vom „rattenartigen Schadnager“ zum Slim-Fit-Messias, wobei das mit dem „Sapiens“ …, bevor er kurz über Drahtzieher, Hintermänner, Mitläufer referiert.

„Räum‘ dein Zimmer auf!“ ist der Stehsatz von Ratschillers philosophischen Betrachtungen, die Aufforderung an die zehnjährige Tochter, deren Pfft! darauf beruht, dass der verbissen um Coolness ringende Papa der noch ärgere Messie ist. So schwinden dem Haushaltschaoten die erzieherischen Argumente; wenigstens am Staubsauger- roboter findet er sympathisch, dass auch die künstliche Intelligenz ihre Grenzen hat. In diesem Fall, dass sie nicht unters Bett oder in die Zimmerecken fahren kann. Und, apropos, Bett: Keiner sonst kann sich so elegant die eheliche tote Hose schönreden wie Ratschiller, hat er zufällig keine Elternpflichten, weil das Kind bei der Oma weilt, ergo er mit der Ehefrau allein daheim: „Da heißt es, nicht die Nerven verlieren! Parole: Gute Nacht!“

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Bild: Ernesto Gelles

Die Großmutter übrigens hat ihrem „Hoseale“ das als Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben: „Tiefe brauchen nur Menschen, die keine Breite haben“, ein Sinnspruch, mit dem er die harte Arbeit, sich sein Außenseitertum abzusichern, zwar nicht erklärt, aber eine Gestimmtheit, die schon zur Schulzeit mit einem Zwei-Schwammerl-speiben-sich-an-Motivpullover begonnen hat. Klar, ist Ratschiller einer, der im Urlaub prinzipiell krank wird, und mit Freunden darüber debattiert, ob uns China oder antibiotikaresistente Keime zuerst den Garaus machen werden.

Fast meint man’s zu sehen, wie Ratschillers Gehirn beim Schreiben dieses Textes Kapriolen schlug, wenn er vom Grönlandhai, dem im Polarmeer 400 Jahre Leben vergönnt sind, zum Bert Brecht’schen Zähnezeiger kommt, oder seine Unfähigkeit ausstellt, als Österreicher Kitsch von Kunst zu unterscheiden. Oder einen direkten ideologischen Zusammenhang vom Essen mit Besteck zum Nationalsozialismus herstellt, weshalb das Verwenden von Stäbchen eine Art „kulinarischer Entnazifizierung“ sei. Rastschillers Nonsense, in Szene gesetzt von Regisseurin Petra Dobetsberger, die es versteht, die Gabe ihres Protagonisten zum Gesichter-Ziehen, auszuspielen, hat immer einen Hintersinn. Der Satiriker grimassiert sich vom gefährlich grinsenden Knorpelfisch zum hingebungsvoll gläubigen Hosea, irr‘ witziger Blick beide Male inklusive.

Ein Kabinettstück, wie er den Einkauf beim „Bäcker mit dem besseren Brot“ als heilige Messe zelebriert, vom ungeduldigen Gerangel der Jünger in der Warteschlange, wo bald das Recht des Reicheren regiert, übers Stammeln der laibhaftigen Wünsche im Angesicht der himmlischen Herrlichkeiten – bis zur Erkenntnis, dass dem Sterblichen kein Stahl gegeben ist, scharf genug, um sich im verzweifelten Klingen-Kreuzen mit der Kruste auch nur eine Kante vom Paradies abzuschneiden. Ja, die Existenz steht immer auf des Messers Schneide, weiß Hosea Ratschiller, und das Leben hält selbst für den Frohgemutesten die Rückschläge stets griffbereit. Dass die zweite Silbe im Wort Wehmut auf die Courage verweist, die es nicht zu verlieren gilt, ist an dieser Stelle doch ein super Schluss. Fand wohl auch das Niedermair-Publikum und entließ den Künstler erst nach entsprechend langem Applaus.

www.niedermair.at           www.hosearatschiller.at

25. 9. 2019

museum gugging: existence.! Der Mensch in der Sammlung Jean-Claude Volot

Januar 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Abbaye d’Auberive erstmals nach Österreich

Fabian Cerredo, Minotaurus bietet seiner Schönen sein Herz an, 2003 © Bildrecht, Wien 2017, Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Das museum gugging präsentiert ab 26. Jänner die Sammlung Jean-Claude Volot. Volot ist eine der ungewöhnlichsten Sammlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Ihn faszinieren die existenziellen Fragen des menschlichen Daseins: Schicksal, Zwänge und Leiden, Entsetzen und Wahn, die Schöpfungskraft und die Liebe.

Werke der Art Brut und Arbeiten bekannter sowie neu zu entdeckender Klassiker wie Karel Appel, Gaston Chaissac, Hans Bellmer oder Louise Giamari sind in dieser Sammlung vereint. Erstmals ist diese Sammlung in Österreich zu sehen. Seit drei Jahrzehnten sammelt Jean-Claude Volot Kunst. Mit der Auswahl seiner Werke ignoriert er den lange als unumstößlich geltenden Kanon in ästhetischen Fragen, den die französischen Museen und Institutionen der Kunst durch ihre Ankaufsentscheidungen bestimmten. Volot nimmt sich Freiheiten in der Zusammenstellung der Arbeiten, die diese Institutionen sich untersagen. Der Sammler hortet alle diese Werke in seinem eigenen Kloster, der Abbaye d’Auberive, in der Haute Marne in einem einsamen Wald in Frankreich.

Tausende Bilder, Objekte und Skulpturen sind dort in Jahrhunderte alten Mauern gelagert, die man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollte, da sie Einblick in Teile des Daseins und vielleicht auch der Seele geben können. Volot sammelt neben Gemälden und Zeichnungen auch andere, eher überraschende Kunstwerke – etwa christlich geprägte Objekte, die von Kunsthandwerkern oder Künstlern im Afrika der Kolonialzeit hergestellt wurden. Die Vielfalt ist ein charakteristisches Merkmal seiner „Galerie“.

Karel Appel, Personage no. 14, 1983, © Karel Appel Foundation / Bildrecht, Wien 2017, Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Pinchas Maryan, Ohne Titel, Serie Napoleon, 1973-1974, Photo Atelier Démoulin, Copyright:© Abbaye d’Auberive

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Meine Kaufentscheidungen sind ein Querschnitt durch die künstlerischen Bewegungen unserer Zeit: Art Brut, Expressionismus, Street Art, Art Singulier, Surrealismus, Populärkunst … Die ganze Sammlung stellt die Frage nach den Menschen – ihrem Weg, ihrem Schicksal, ihren Zwängen und ihren Leiden, ihrem Entsetzen, ihrem Wahn, ihrer Schöpfungskraft, ihrem Lieben. Wenn man alles – Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Videos – mit einem einzigen Wort bezeichnen wollte, so ist es das Wort ‚menschlich‘, das mir in den Sinn kommt“, sagt er.

Zwei Kategorien von Künstlern lassen sich in seiner Sammlung unterscheiden: Einerseits jene, die dem Usus des Kunstmarkts entsprechen und andererseits solche Künstler, die sich am Rande der etablierten Kunstwelt ansiedeln. Die Sammlung Volot ignoriert Kategorisierungen. Die Werke seiner Sammlung befinden sich auf gleicher Höhe. Somit wird jegliche hierarchische Beziehungunter den Werken aufgehoben. Volot macht also Schluss mit Schubladen – für ihn wäre es kein Problem etwa Aloïse neben Matisse und La Chaise zu hängen und Wölfli neben Klee. Auf seine Weise, mit „seinen“ Künstlern ist dies genau das, was Volot tut. Die Sammlung setzt sich vornehmlich aus Werken zusammen, für die es gut eingeführte ästhetische Bezeichnungen gibt, aber sie tut so, als existierten diese nicht.

Joël-Peter Witkin, The Beast, New Mexico, 1989, tirage argentique n°8 sur 10, Photo Démoulin © Fonds Abbaye d’Auberive

Sie verweist auf eine Wahrnehmung künstlerischen Schaffens, die verwirrend ist, weil ihre Struktur nicht vorgegeben wird von Klassifikationen, die in Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten vorherrschten und von den meisten Kulturinstitutionen vertreten wurden. Dies ist einer der Gründe, weshalb es sich lohnt, diese Sammlung genauer zu studieren: weil sie sich, vielleicht ohne dass sich ihr Schöpfer dessen bewusst wäre, absolut außerhalb der Normen entwickelt hat.

www.gugging.at

22. 1. 2018

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 12. 2017