Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

www.schauspielhaus.at

  1. 9. 2018

Robert Menasse: Die Hauptstadt

Dezember 10, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Roman eines großen Liebenden

Dies könnte das Buch eines EU-Gegners sein, das eines großen Satirikers ist es ganz bestimmt. Und das eines großen Liebenden, eines glühenden Europa-Liebenden. Robert Menasse legt mit seinem mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Die Hauptstadt“ eine unterhaltsame Farce über Brüsseler Verhältnisse vor. Die muss man aber erst einmal verdauen. Ein Schwein wird da im Wortsinn zum running gag, rennt im Schweinsgalopp durchs Regierungsviertel, eine Sauwirtschaft ist das, anhand der Menasse klarer als jedes Sachbuch erklärt, wie Wirtschaft in der EU funktioniert. Als Vorarbeit gab’s einen Essay, „Der europäische Landbote“, nach der Theoriearbeit nun den Roman, die Kür.

Menasse macht sich lustig, erklärt aber auch viel. Besser hat man Brüssel noch nie verstanden. Für das Schwein ist jede EU-Abteilung einmal zuständig. Fürs Ferkeln, für das Futter, für die Schlachtung, für die Fleischverarbeitung. Das Schwein ist in aller Munde. Als Glücks- oder Sparschwein, als Nazischwein, als Drecksau, als Judensau. Darauf wird noch zu kommen sein. Einer der Protagonisten des Buches führt in Österreich einen Schweinemastbetrieb.

Deren fast ein Dutzend führt Menasse ein, in Parallelgeschichten, die sich zum Teil verweben, zum Teil auch nicht. Es gibt einen katholisch-polnischen Mörder, Mateusz Oswiecki, einen jüdischen Pensionisten, David de Vriend, der als Kind von dem Deportationszug sprang, der seine Eltern ins Gas brachte, und einen Kommissar Brunfaut, dessen Familie im antifaschistischen Widerstand war, und der den Mordfall aus politischen Gründen zu den Akten legen muss. Das Blut, das Europa geboren hat, schwappt von unten in die humoristische Szenerie.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Und da ist das Big Jubilee Projekt. Die Kommission will ihr Image mit einem Festakt aufpolieren. Fenia Xenopoulou, die Fremde, die Beamtin in der ungeliebten Generaldirektion Kultur, will damit ihre Karriere aufpeppen. Sie beauftragt Martin Susman, kleiner Bruder des Schweinezüchters. Der will die letzten Holocaustüberlebenden einladen. Menasse versteht Europa als nachnationales Friedensprojekt. Nichts kann dieser Tage wichtiger sein. Europa – entstanden als Idee des „Niemals vergessen!“, des Niemals wieder Nationalismus als Nährboden für Faschismus und Nationalsozialismus. Klar, dass einige Nationalstaaten gegen die Idee aufbegehren …

Menasse ist als Erzähler göttlich komisch, allein seine U-Bahn-Beschreibungen, „die mechanisch sich bewegenden Menschenströme, die über Rolltreppen stapften, die außer Betrieb waren, sich weiterschoben durch die mit Sperrholz verschachtelten, verdreckten Korridore der ewigen Baustellen des Untergrunds, vorbei an den Pizzaschnitten- und Kebab-Verschlägen …

… schließlich der Windkanal des Aufstiegs zur Straße, hinauf in ein Tageslicht, das nicht mehr vordringt in die trübe Seele“, ist ein Marionettenspieler, der die Fäden aber auch zeigt, sein Buch frech, witzig, raffiniert gebaut. Die komplexe Erzählweise, die Struktur spiegelt die Struktur der europäischen Union wider. Der Roman verzahnt sich wie die Abteilungen, Abkürzungen, Positionen, Prä-Positionen, wie Gremien im Kampf gegeneinander und die Mitarbeiter beim Intrigenspiel. Menasse zeigt nicht nur, dass die EU literaturfähig ist, sondern einen polyglotten Kosmos mit Figuren aus Fleisch und Blut.

Unglaublich, wie empathisch er sich in seine literarischen Geschöpfe einlebt, deren Biografien er erst nach und nach enthüllt. Er geht von den Mechanismen zu den Menschen, immer geht es ihm um zwei Agenden: die Sachagenda und das eigene Fortkommen. „Mrs Atkinson studierte die Papiere, Tabellen, Prozentrechnungen, Graphiken, Statistiken, und sie fragte sich, wie es zu diesem dramatischen Vertrauensverlust in die Institution hatte kommen können …  Bezeichnend fand sie, dass es keine Kritik an den eigentlichen Aufgaben der Kommission gab, offenbar waren diese den Menschen gar nicht bekannt.“ Robert Menasses „Die Hauptstadt“ ist ein Werk an dessen Nacherzählung man nur scheitern kann, was bedeutet, dass man es gelesen haben muss.

Bild: pixabay.com

Eine faszinierende Figur ist Alois Erhart, Wiener Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Think-Tank der Kommission eingeladen. Den er mit seiner Rede sprengt, weil seine Sorge einer Zeit gilt, in der Politiker das Sagen haben, denen der europäische Gründungsgedanke so weit entfernt ist wie eine gute Kinderstube. „Aber dann? Wenn der Letzte gestorben sein wird, der bezeugen kann, aus welchem Schock heraus Europa sich neu erfinden wollte – dann war Auschwitz für die Lebenden so weit abgesunken wie die Punischen Kriege.“

www.suhrkamp.de

  1. 12. 2017

Schauspielhaus Wien: Punk & Politik

November 1, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Posttraumatisches Diskurstheater mit FunFaktor

Steffen Link, Simon Bauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger, Vassilissa Reznikoff, Sophia Löffler und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Steffen Link, Simon Bauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger, Vassilissa Reznikoff, Sophia Löffler und Jesse Inman. Bild: © Matthias Heschl

Wenn ein deutscher Frosch in einen Lebensmittelladen kommt und „Quark“ kaufen will, dann ist das auf Österreichisch ein Topfen. So ungefähr die Waffe Witz von „Punk & Politik“. Das Schauspielhaus Wien eröffnet den Spielzeitraum Tomas Schweigen mit dieser Uraufführung; Schweigen selbst hat inszeniert und gemeinsam mit dem Ensemble die Autorschaft an sich gebracht. Also, den Wortsinn mit der Angel ausgeworfen und gewartet, was er denn an Land ziehen wird.

Entstanden ist so eine Konzeptcompilation zu den Themen Europa von-bis Ideologien, Nationalstolz und Heimatgefühl, Angst bis Zivilcourage, nichts ist fertig und alle sind uneins. Ein Ratgeber für Politanfänger, in dem der Begriff regional nicht nur das Schweinderl angeht, und freilich – die Wien-Wahl und die FPÖ. Posttraumatisches Diskurstheater mit FunFaktor. Der Abend ist wie eine Bastelanleitung für einen Castorf mit eingebauter Protestfunktion. Drücke den Clown in den Bauch und er brummt: Fuck you, EU!

Klar, Schweigen und sein ihm eigener Humor legen mit dieser ersten Produktion in Wien gleichsam ihr Manifest vor, Theater, das sich einmischt in die Stadt und ihre Politik, daher sind Portal und Porzellangasse im Bühnenraum ein zweites Mal aufgebaut, man tritt sozusagen ein zweites Mal ein, hört Straßensound und Straßenbahn, und ist doch mit den Darstellern draußen vor der Tür, wenn sie dort musizieren-agitieren-agieren. Bühnenbildner Stephan Weber ist auch dabei, man will sich ja vorstellen, und erklärt auf spaßig, warum in der Schwyz alles sowieso ganz anders ist. Weil: Die EU ist ihm fast so eine falsche Fassade, wie die, die er hier gebaut hat. Der Abend ist Schieben-wir-eine-schnelle-Nummernrevue und als Kabarett Kleinkunst groß gedacht, wild gewordene TV-Show und Tanz auf dem Vulkan und das Singen von Britney Spears „Toxic“. Da hat einer gegoogelt: Kann man sich über alles lustig machen?

Dass das fabelhaft funktioniert, liegt daran, dass sich das dramatische Dreiländereck, was so nicht ganz stimmt, weil auch Birmingham und Paris-Banlieue vertreten sind, angestiftet vom Wiener Schweigen auf eine sehr Wienerische Position begeben hat – man möchtelt. Für Freunde aus der Schweiz und Deutschland, das hat nichts mit miachteln zu tun, sondern mit: es müsste schon etwas passieren, aber …, mit: was hätte alles sein können, wäre nicht … Des Österreichers liebstes Kind ist der Konjunktiv. Wir würden wollen. Und das immer. Aus vollstem Herzen. Bis die Rechnung in der Regel nach hinten losgeht. Dieser „Wir wissen’s leider auch nicht“-Standpunkt vermeidet geschickt das Proseminaristische, formuliert auch keine ewig gültigen Wahrheiten über Ewiggestriges, erhebt keinen Anspruch auf Zeigefingriges; im Schauspielhaus muss keiner die Frankfurter Schulbank drücken, hier geht’s um Lust und gute Laune. Statt Elfenbeinturm hinaus aufs Wikinger-Thing! Dialekt ist Dialektik genug. Das hätte ja heiter geworden werden können minus Möglichkeitsform.

Dass das fabelhaft funktioniert, liegt am sehr sympathischen siebenköpfigen Ensemble. Allen voran Jesse Inman, dieser Freak aus Ozzys Nachbarschaft, und Sebastian Schindegger, diese Tschechow-Gestalt des verzweifelten In­tel­li­genz­lers, der vergeblich liebt und leidet bis zum Ausraster. Er spielt den Schauspieler und seine Nöte mit dem Stoff, während Steffen Link als Autor den übergroßen Robert Menasse trifft, der einen von sich selbst besoffenen „Robert Menasse“ via Video gibt, der im Essay des „Europäischen Landboten“ mit der Idee einer Europäischen Republik bereits alles vorgedacht und vorgemacht und vorformuliert und daher jede weitere Idee eigentlich obsolet gemacht hat. Vassilissa Reznikoff ist als postnationales Modell in Zeiten der Renationalisierung gleichsam die Europäische UnUnion. Ein Vergewaltigungsopfer. Simon Bauer, Vera von Gunten und Sophia Löffler – als Journalistin sprachlos auf einer freiheitlichen Veranstaltung – versuchen sich als politische Querdenkeinsteiger. Von Gunten liest dazu sogar Ratgeberliteratur.

Da hat tatsächlich einer gegoogelt: Kann man sich über alles lustig machen? Jón Gnarr, und Jesse Inman hat sich ihm nicht nur optisch angeglichen, erschien 2008 im isländischen Reykjavik auf der politischen Bühne. Da lag in der Stadt vieles im Argen und die Stadt in Agonie und er gründete die Beste Partei mit dem Programm „die Highlights aller anderen Parteiprogramme“. Resigniert vom Versagen der arrivierten Mächte wählten die Menschen den Punkanarchisten und Comedian zum Bürgermeister. Entgegen aller Erwartungen gelang es Gnarr mit gesundem Menschenverstand und dem Mut, sich von Experten beraten zu lassen, die desaströsen Finanzen zwar nicht zu sanieren, aber die Gläubiger zu überreden, sich in Geduld zu üben, und Reykjavik so wieder politische Stabilität zu bringen. Vor der Wiederwahl 2014 zog er sich aus der Politik zurück. Einfach, weil ein guter Roman ein gutes Ende haben muss, wie er sagt.

Doch zeigt sein Do-it-yourself-Beispiel nicht, dass jeder der bessere Politiker sein kann als der Politiker? Frei nach Gandhis „Sei die Veränderung, die du in der Welt willst“? Man könnte beispielsweise eine rechtspopulistische Partei gründen, um anderen rechtspopulistischen Parteien die Wähler wegzunehmen und nach der Wahl nach links abbiegen, sagt Simon Bauer. Dann wäre HC Strache nicht mehr der selbsternannte Joker in der heimischen Politik, sondern einfach nur ein Joke. Man könnte aus dem Integrationsfonds einen Identitätsfonds machen und damit Projekte für all jene finanzieren, die um ebendiese fürchten – angesichts der vielen Flüchtlingsfremden. Die Hoffnung schimmert wie das Fell eines Isländers. Man muss in dieser Welt offensichtlich fünf Gänge haben.

Ach ja I, am Ende wird Jón Gnarr, der sich höchstselbst über das Vidiwallleintuch meldet, zum Vorsitzenden der Europäischen Bürgermeister gewählt. Und nimmt das Amt gerne an. Im Überschaubaren lässt sich eben mehr erreichen, als im Unübersichtlichen. Weshalb die Zukunftsvision eines Bürgermeisters, der mehr Einfluss hat als ein Bundeskanzler, in Wien nicht mehr als eine Basler Binsenweisheit sein kann. Schön wäre jetzt, wenn Gnarr im Franchise-Verfahren „Punk & Politik“ weiterentwickeln würde. In der Performance ist das vorgeschlagen, von Berlin bis London Royal Court Theatre gibt’s fiktive Premierenmeldungen, der Schweigen wollt‘ halt kurz zeigen, wie gut er eh alle kennt. Ansonsten muss man abwarten, was und wie sich das Schauspielhaus Wien noch bewegen kann. Ach ja II: Wenn es nun schon Töchtersöhne heißt, müsste es dann nicht auch endlich „alle Menschen werden Schwesternbrüder“ heißen?

Trailer: www.youtube.com/watch?v=eRdJ-U_t0Xc

Das Programm: www.mottingers-meinung.at/?p=15266

www.schauspielhaus.at

Wien, 1. 11. 2015

Leipziger Buchmesse 2015: 12.–15.3.

März 5, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Im Zeichen der Begegnung

Bild: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Bild: Leipziger Messe GmbH / Tom Schulze

Die Leipziger Buchmesse vom 12. bis 15. März ist der wichtigste Frühjahrstreff der Buch- und Medienbranche und versteht sich als Messe für Leser, Autoren und Verlage. Das Lesefestival präsentiert die Neuerscheinungen des Frühjahrs, aktuelle Themen und Trends und zeigt neben deutschsprachiger Literatur auch Neues aus Mittel- und Osteuropa. Durch die einzigartige Verbindung von Messe und „Leipzig liest“ – dem größten europäischen Lesefest – hat sich die Buchmesse zu einem Publikumsmagneten entwickelt.

Es werden knapp 2.000 Aussteller und mehr als 235.000 Besucher erwartet.

Auszeichnung
Der rumänische Autor Mircea Cărtărescu erhält für seine Romantrilogie „Orbitor“, deren letzter Band „Die Flügel“ 2014 im Zsolnay Verlag erschienen ist, den Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2015. Am 12. März wird der mit insgesamt 60.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse vergeben. Er ehrt herausragende deutschsprachige Neuerscheinungen und Übersetzungen in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung.

Schwerpunkt Deutschland – Israel
2015 begehen Deutschland und Israel ein besonderes Jubiläum: 50 Jahre deutsch-israelische diplomatische Beziehungen. Mit ihrem Messeschwerpunkt „1965 bis 2015. Deutschland – Israel“ würdigt die Leipziger Buchmesse das besondere Verhältnis beider Staaten. Zahlreiche Autoren aus Israel und Deutschland kommen im Rahmen des Literaturevents zu Wort und sprechen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Mit dem Messeschwerpunkt bietet die Buchmesse die Gelegenheit, sich direkt und differenzierter mit Autoren auszutauschen, und wird zum Ort von Begegnung und von offenen Gesprächen zwischen Autoren, Verlegern, Politikern, Medienvertretern und Lesern. Während der Messetage reisen 40 Autorinnen und Autoren zu Lesungen, Diskussionen und Lesepartys nach Leipzig. Sie präsentieren unterschiedliche Facetten der deutsch-israelischen Beziehungen und zeigen das Leben der jeweils anderen Gesellschaft. Es lesen und diskutieren u.a. Jan Assmann, Michael Degen, Dan Diner, Lizzie Doron, Michael Guggenheimer, Eva Menasse, Amos Oz, Ron Segal und Meir Shalev.

Buchtipps:

Mircea Cărtărescu, „Die Flügel“, Zsolnay, 2014
„Es war das Jahr des Herrn 1989. Die Menschen hörten von Kriegen und von Aufständen, doch sie ängstigten sich nicht, denn das alles musste sich ereignen.“ So beginnt der Roman „Die Flügel“ von Mircea Cărtărescu aus Rumänien, das Finale der „Orbitor“-Trilogie. Hintergrund bildet die Wandlung der Gesellschaft während der Revolution in Bukarest. Auf den Straßen spielen sich tumultartige Szenen ab, in der Wohnung des Ich-Erzählers läuft tagein, tagaus der Fernseher, und er taucht ein in die Geschichten seiner Vorfahren. So entsteht ein Kaleidoskop von Bewusstseinssplittern.

Michael Degen, „Der traurige Prinz“, Rowohlt, 2015
Vaduz, 1983: Nach einem Gastspiel kommt ein deutscher Schauspieler mit einem Mann ins Gespräch. Er erkennt die unverwechselbare Stimme und erschrickt über das müde Gesicht: Es ist der weltberühmte Oskar Werner, Theatergott und Oscar-nominierter Filmstar. In dieser Nacht erzählt Werner sein erstaunliches Leben: ein Wiener Bub aus armen Verhältnissen, der früh an der „Burg“ spielte, der gegen die Nazis opponierte, desertierte und knapp dem Tod entkommen ist.

Dan Diner, „Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage“, DVA, 2015
Vor 50 Jahren nahmen die BRD und Israel diplomatische Beziehungen auf. In dichter Erzählung sucht der Historiker Dan Diner die Tiefenschichten jener zwiespältigen deutsch-israelischen Annäherung auszuleuchten, nur wenige Jahre nach dem Mord an den europäischen Juden. Es geht ihm dabei um Sprache und Habitus, Fluch und Bann, um Erinnern und Vergessen, Anerkennung und Nichtanerkennung und schließlich um die Entscheidung zwischen jüdischer Tradition und israelischer Staatsraison: Durfte man mit dem Land der Mörder in Verhandlung treten und materielle Entschädigung annehmen?

Eva Menasse, „Lieber aufgeregt als abgeklärt“, Kiepenheuer & Witsch, 2015
Menasses Essays und Reden sind liebevoll-boshafte Langzeitbeobachtungen über Deutsche, Österreicher und engagierte politische Interventionen. Sie sind auch leidenschaftliche Bekenntnisse zu Lieblingsautoren. Ihr besonderes Augenmerk gilt der öffentlichen Rolle des Schriftstellers.

Amos Oz, „Judas“, Suhrkamp, 2015
Im Winter 1959/1960 beschließt Schmuel Asch sein Studium (Thema seiner geplanten Abschlussarbeit: Jesus in der Perspektive der Juden) in Jerusalem abzubrechen. Zum selben Zeitpunkt verlässt ihn seine Freundin, um einen früheren Freund zu heiraten. Schmuel will Israel verlassen, doch als er eine Anzeige liest, die ihm ein Auskommen in Jerusalem erlaubt, ohne es jemandem mitzuteilen, ändert er seine Pläne. Die Anzeige führt ihn ins Haus eines eigentümlichen alten Mannes namens Gerschom Wald. In der Nacht liest er ihm vor und unterhält sich mit ihm über die Ideale des Zionismus, über die jüdisch-arabischen Konflikte und über Gott und die Welt. Als er dort die geheimnisvolle Atalja Abrabanel trifft, deren Vater einer der Anführer der zionistischen Bewegung war, gelingt es ihm deren Geheimnis zu enthüllen – und die menschliche Tragödie vor und nach der Gründung Israels 1948.

Ron Segal, „Jeder Tag wie heute“, Wallstein, 2014
Der Held dieses Debütromans ist ein 90-jähriger israelischer Schriftsteller und Holocaust-Überlebender. Er reist nach Deutschland, um für ein Literaturmagazin seine Erinnerungen aufzuschreiben. Segal erzählt die Fieberträume des Überlebenden, in denen die Fakten und Fiktionen einander überlagern, er ruft die Geschichten der Gebrüder Grimm auf, die Mythen, Legenden und versucht eine Mischung zu finden, die ein literarisches Sprechen über den Holocaust für jemanden „zwei Generationen danach“ möglich macht.

www.leipziger-buchmesse.de

Wien, 5. 3. 2015

Von Felix Mitterer bis Cornelius Obonya

August 28, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Walfischgasse startet mit Stars in die neue Saison

Cornelius Obonya, Stefano Bernardin, Claudia Kottal Foto: Robert Polster

Cornelius Obonya, Stefano Bernardin, Claudia Kottal
Foto: Robert Polster

Zunächst ein Rückblick als Vorschau: Weil der hauptberufliche Autor Felix Mitterer vergangene Saison als grandioser Schauspieler in Franz Kafkas „Bericht an eine Akademie“ dem Publikum schier atemberaubende Höhepunkte bescherte, gelang es Anita Ammersfeld, Intendantin des Wiener stadtTheater Walfischgasse, den Vielbegabten zu drei weiteren Abenden zu überreden: Am 25., 26. und 27. Oktober kann man Mitterer nochmals als Affen Rotpeter erleben!

Die ersten neue Eigen-Produktion ist ein Auftragsstück an Rupert Henning „C(R)ASH“ – Premiere ist am 16. Oktober. Das Stück erzählt über Realitäten, in denen wir leben: solche mit vier Wänden und solche, die wir manchmal einfach nicht wahrhaben wollen … Das junge Ehepaar Trish und Artie Rizzo ist vor kurzem erst in ein schönes, altes Haus eingezogen, das in einer ausnehmend guten Wohngegend steht, wo sich nur betuchtere Leute Grund und Boden leisten können. Der smarte, geschäftlich begabte Artie hat ziemlich viel Geld mit der Entwicklung und dem Verkauf einer Anwendungssoftware und diversen lukrativen Investments gemacht, während die hübsche, intelligente Trish erst vor kurzem ihr langjähriges Studium abschließen konnte. Als ein uniformierter Polizist vor der Türe steht, sind Trish und Artie zunächst auch nicht sonderlich beunruhigt – und Officer Leroy S. Brooks scheint ja ein besonders netter Kerl zu sein, der einfach nur einmal vorbeischauen wollte, um die neuen Bewohner des schönsten Heims in „seiner Gegend“ kennenzulernen. Das anfangs freundliche, zwanglose Gespräch wird zusehends angespannter – auch weil sich herausstellt, dass der Cop offenbar mehr über die Geschichte des Hauses weiß, als es zunächst schien: Brooks macht auch keinerlei Anstalten, seinen „Höflichkeitsbesuch“ zu beenden – ganz im Gegenteil: Es wirkt fast so, als würde der unerwartete Gast bleiben wollen – und als wäre es ihm lieber, die Rizzos würden gehen… Langsam kippt die Stimmung. Die eigenen vier Wände, die ihnen zwar laut Kaufvertrag gehören, aber eigentlich nicht zustehen, wenn man Leroy S. Brooks Worten glauben darf, sind plötzlich kein schützendes Heim mehr, sondern eine Gefängnis ohne Ausweg – und der Ausgang des unerwarteten Besuches ist völlig offen… Hochklassig besetzt mit Claudia Kottal, Stefano Bernardin und Salzburgs neuem, fabelhaftem „Jedermann“ Cornelius Obonya verspricht Hennings Stück in der Regie von Obonya-Ehefrau Carolin Pienkos ein besonderer schauspielerischer Genuss zu werden.

Bereits als zweites Stück (nach „Kleine Eheverbrechen“ im Jahre 2009) von Eric-Emmanuel Schmitt, einem der bekanntesten und erfolgreichsten zeitgenössischen französischen Autoren, bereits zweimal mit dem Prix Molière und 2001 mit dem „Grand Prix du Théâtre“ der Académie Française ausgezeichnet, ist als Eigenproduktion der Walfischgasse „Enigma“ zu sehen: Isabella Suppanz inszeniert das Interview eines Provinz-Journalisten mit einem zurückgezogen lebenden Literaturnobelpreisträger, das zum Ausgangspunkt einiger Enthüllungen wird – Lebenslügen, Verrat und Masken der Männlichkeit werden aufgedeckt. Aus den erzwungenen Bekenntnissen der beiden Männer entsteht das Bild einer rätselhaften Frau aus der Vergangenheit. Neu und wahrhaftig … Es spielen Christian Pätzold und Alexander Rossi; Premiere ist am 13. November.

Auch ein weiteres Stück von Yasmina Reza wird sehen sein: „3 x Leben“ beginnt als Feydeau´sche Komödie, wächst sich aber zu einem Bunuel’schen Albtraum aus. Reza beschreibt mit Sensibilität, Humor und hinterhältiger, abgrundtiefer Bösartigkeit in drei Variationen das Zusammentreffen zweier Ehepaare, das sich jedes Mal anders gestaltet, obwohl es immer um die gleiche Grundkonstellation geht. Dabei verschieben sich die Machtverhältnisse permanent und vor allem die Ehefrauen haben ein gerüttelt Maß schuld, daß jeder gegen jeden kämpft und zu erniedrigen versucht. Es spielen (nach „Gott des Gemetzels“ wieder) Oliver Baier sowie Barbara Horvath, Sinikka Schubert und Nicolaus Hagg; Regie Michael Gampe; Premiere: 15. 1. 2014.

Fortgesetzt wird natürlich auch in der neuen Saison die Reihe „Peter Huemer im Gespräch mit …“, zu Gast sind diesmal Paul Lendvai am 27. Oktober und Robert Menasse am 17. November (jeweils Sonntag, 11 Uhr). Als Neuheit veröffentlicht das stadtTheater erstmals eine selbstproduzierte DVD: Arik Brauers  Jugend-Erinnerungen „A Gaude wars in Ottakring“ wurde wegen der großen Publikums-Nachfrage in der Walfischgasse aufgezeichnet und wird auch im Fernsehen ausgestrahlt (Freitag, 8. November, 23:20 h auf ORF 3), dem Tag den Novemberpogromen 1938.

www.stadttheater.org

Rezension vom 14. 2. 2013: www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-spielt-franz-kafka

Wien, 28. 8. 2013