Werk X-Petersplatz: Lies mein Herz

Februar 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der verzweifelten Liebe zweier Lyriker

Eine Pierrette als Souffleuse: Soffi Schweighofer, Régis Mainka und Claudia Marold. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Atemloser haben wohl kaum je zwei Lyriker um Worte gerungen, und das nicht etwa, weil’s ihre Dichtkunst betraf, sondern weil sie Liebende waren. Vor ziemlich genau zehn Jahren erschien bei Suhrkamp der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das Private berührend, das Politische bedeutend, eine hochliterarische Reise durch Gefühle und Gedanken, ein zu Papier gebrachter Kampf um Zuneigung, Zuwendung, auch Zugeständnisse – „Herzzeit“.

Shirina Granmayeh und Matti Melchinger von Junges Theater Wien haben nun im Werk X-Petersplatz ihre Bühnenfassung dieser Texte zur Uraufführung gebracht. „Lies mein Herz“ heißt der Abend, der so entstanden ist, und durch den eine Pierrette, verkörpert von Soffi Schweighofer, zwei Paare führt.

Claudia Marold, Veronika Petrovic, Régis Mainka und Johannes Sautner sind die Ingeborgs und Pauls, eine Ménage à Quatre, die sich in den intellektuellen Infight begibt. Wer mit wem wird im Laufe der Aufführung wechseln, man wird sich begegnen und sich spiegeln und im Zitate-Reigen zum Zerrbild des anderen werden. Man wird einander mit Kreide Grenzen ziehen.

Und apropos, Kreide: An die Wände ist damit Davidstern und Herz gezeichnet, und ist ein Satz der „Todesfuge“ geschrieben. Sie wird Leitmotiv bleiben, ihr „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Und so treffen einander die 21-jährige Studentin und der um sechs Jahre ältere Poet an einem Maitag 1948 in Wien, ein schicksalhaftes Zusammenkommen, lang anhaltendes Drama einer Amour Fou, die beider Existenz empfindlich mitentscheiden wird. Wie schnell einer des anderen Prüfstein wird, wie eine unbedachte oder aber sehr durchdachte Bemerkung des einen dem anderen das Sprechen vereist, führen Marold, Petrovic, Mainka und Sautner auf bemerkenswerte Weise vor – das Kärntner Nazi-Kind und der durch den Krieg staatenlos gewordene Jude, dessen Eltern im KZ ermordet wurden und der selber ein Zwangsarbeiterlager nur mit knapper Not überlebte.

„One Of Us Is Crying“: Johannes Sautner als Gitarrero und Soffi Schweighofer. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Eine Opernparodie entgleist mit Hitlergruß: Johannes Sautner und Régis Mainka. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bald wird er, dieser lebenslang Überlebensschuldige, ihr, der hier noch Lebenshungrigen, mit dem Satz seines „älteren Dunkels“ den ersten Pfeil in die Seele schießen. Wird einen nach-Auschwitz’schen Abgrund aufreißen, den Schweighofers Pierrette als Erzählerin und Souffleuse zwar zu überbrücken sucht, aber ach … Régis Mainka und Johannes Sautner, einander äußerlich ähnlich gemacht, gestalten Paul als einen, der mit Vehemenz, auch Wut, auftritt. Geraten ihre Celans aneinander, kann auch schon einmal gerauft und einander geohrfeigt werden.

Oder man liegt sich sozusagen selbst im Arm, im Versuch, die Depression hinwegzutrösten. Vor allem Mainka macht aus der Figur einen selbstgefällig Verzweifelten, ganz Dichter und Denker und Nägelbeißer, und wie Mainka ihn eines seiner Werke mit ausladender Geste vortragen lässt, da muss der Schauspieler mit dem lachenden Publikum schmunzeln. Überhaupt gelingt es Shirina Granmayeh und Matti Melchinger ihre Inszenierung, den Briefe-Pathos, der naturgemäß mehr vom Ausdruck als von der Aktion bestimmt ist, durch einige so skurrile wie surreale Einschübe zu konterkarieren.

Es erklingt Jerry Lewis‘ „The Typewriter“, wenn die genialischen Autoren auf imaginäre Tasten hämmern, oder Abbas „One Of Us Is Crying“ wird zum Musikcontest, die Herren an Schlagzeug und Gitarre, die Damen bemüht, in der ersten Reihe zu tanzen. Johannes Sautner mutiert zur Operndiva, der mitten in der Arie ein Hitlerbärtchen wächst, derweil ihr der rechte Arm zum entsprechenden Gruß auskommt. Soffi Schweighofer singt sehr ergreifend „Send In The Clowns“ und Sautner am Schluss „Heite Drah I Mi Ham“ von Wolfgang Ambros. Da ist Celan 1970 schon in die Seine gegangen.

In vielerlei Variationen spielen Granmayeh und Melchinger mit dem Motiv Opfersohn und Tätertochter. Das Fiasko mit der Gruppe 47 kommt vor, die von Celan als antisemitisch empfundene Rezension des Gedichtbandes „Sprachgitter“ durch Günter Blöcker, die alte Ängste aufreißt. Celans Ehefrau Gisèle und Bachmanns neuer Partner Max Frisch kommen zu Wort. Und mitten in der Wüste ihrer tief verstörten, tief verstörenden Worte, deren immer wiederkehrende „Schwere“ und „Schweigen“ und „Schuld“ sind, mitten im Stammeln und Selbstzerfleischen der beiden sonst so Sprachgewaltigen, ist es schön, dass auch Themen wie ein brennen gelassenes Bügeleisen oder der Kauf einer Stehlampe eine Rolle spielen.

Johannes Sautner, Claudia Marold, Veronika Petrovic und Régis Mainka. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Auf neuerlichen Liebessturm folgen neuerlich Kränkungen, folgt Celans „Notschrei“, folgt eine Bachmann am Ende ihrer Kräfte. Es ist erstaunlich oder auch eine Angelegenheit der persönlichen Interpretation, aus dieser Korrespondenz herauszulesen, dass Ingeborg Bachmann, diese Ikone feministischen Schreibens, Celan gegenüber stets die Gebende, die Beschwichtigende, die Psychotherapeutin gewesen zu sein scheint. Claudia Marold und Veronika Petrovic spielen das jedenfalls so, und das mit großer und sehenswerter Überzeugungskraft.

 

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  1. 2. 2019

Theater zum Fürchten: Tea & Sympathy

Oktober 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sandwiches, Scones und spleenige Satire

Queen Victoria und ihre geliebten Briten: Florian Lebek, Lotte Loebenstein, Jacqueline Rehak und Matti Melchinger. Bild: Bettina Frenzel

Bevor Großbritannien sich endgültig aus Europa brexit und ganz seiner Splendid Isolation hingibt, lässt Theater-zum-Fürchten-Prinzipal Bruno Max das Vereinigte Königreich noch einmal ordentlich hochleben. „Tea & Sympathy“ heißt die diesjährige Dinnerproduktion, die nun am Wiener Spielort, der Scala, Premiere hatte, und die das Publikum zu Sandwiches und Scones und natürlich der Inselbewohner innig geliebtes Aufgussgetränk in einen Original Tea Room einlädt.

Der heiße Blättersud ist sozusagen Leitmotiv des Abends, erläutert werden unter anderem die Fragen, wie der Tee nach England kam, und die nach der richtigen Zubereitung. Dazu gibt es Zehn Gebote vom British Institute for Tea and Infusions – und das gibt es tatsächlich. Zwei Mal hinhören und hinschauen muss man bei diesem Defilee von Exzentrikern, Dandys und Blaustrümpfen, von Butlern, Punks und Blaublütern nämlich, um festzustellen, wer spleenige Idee exzellenter Satiriker ist und welcher schrullige Zeitgenosse wirklich einmal existiert hat.

Vorweg: Die von Dame Edith Sitwell, selber „Staatengründerin“ und Verfasserin abstrakter Gedichte, mittels Abhandlung festgehalten Aristokraten haben ihre Abenteuer erlebt. Vom Bären-Zureiten bis zum Tauchen bis zur Ohnmacht, vom Alienforscher bis zum Anti-Auto-Parteivorsitzenden. Die großartige Lotte Loebenstein leiht der originellen historischen Gestalt ihre Stimme, und wird sich später als Queen Victoria darüber wundern, dass ihr „Butler“ Jörg Stelling bewusst macht, dass Englands Stil und Glanz aus fremden, blutig niedergeworfenen und kolonialisierten Ländern kommt. Keine Bruno-Max-Inszenierung ohne Gesellschaftskritik.

Nach Dame Edith Sitwell zählt Jörg Stelling die „Britischen Exzentriker“ auf. Bild: Bettina Frenzel

Florian Lebek und Christina Saginth in Monty Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“-Sketch. Bild: Bettina Frenzel

Neben dem Königshaus, fabelhaft „The Four Georges“ als erste Boygroup, kommen auch Samuel Pepys aus seinen Tagebüchern von 1662, ein Lord Clarendon und die New Yorker Kunstfigur Lord Whimsy mit ihrer Furcht vor dem Casual Friday zu Wort. George Bernard Shaw, James Whistler und Oscar Wilde treten auf, da wird’s brilliantly witty, ein Lieblingswort, weil es im Deutschen keines gibt, dass Intellekt so eng an Irrwitz knüpft, Lewis Carroll, dessen „Mad Tea Party“ aus „Alice im Wunderland“ herrlich interpretiert wird, wird mit seiner Vorliebe für Fotos nackter Kinder vorgeführt, George Orwell darf weniger verfänglich über „A Nice Cup Of Tea“ sinnieren.

Stets trifft in dieser Aufführung Understatement auf Stiff Upper Lip, besonders in Monthy Python’s „Ich hätte gerne einen Streit“, weniger im „Dreckige Gabel Sketch“, ersterer von Florian Lebek und Christina Saginth aufs Feinste dargeboten, während Jacqueline Rehak gekonnt an Loriots – der grandiose Humorist hat als einziger Ausländer seinen Auftritt – „Zwei Cousinen“ scheitert. Sie wissen schon: „Auf dem Landsitz North Cothelstone Hall von Lord und Lady Hesketh-Fortescue befinden sich außer dem jüngsten Sohn Meredith auch die Cousinen Priscilla und Gwyneth Molesworth aus den benachbarten Ortschaften Nether Addlethorpe und Middle Fritham …“

Mit Johanna Rehm, RRemi Brandner, Christoph Prückner und Matti Melchinger schlüpft das spielfreudige Ensemble von Figur zu Figur, aus Kostüm in Kostüm. Das britische Fernsehen wird ebenso veralbert, wie der Naked Gardening Day. Und auch, dass Punk nicht tot ist, wird eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Wie der Abend, mit Frizz Fischer am Klavier, musikalisch überhaupt top ist. Man singt Buchanans „Everybody Stops For Tea“ bis Youmans‘ und Caesars Evergreen „Tea For Two“, klampft The Who – und wandelt den großen Queen-Hit kurzerhand in „I Want To Drink Tea“ um.

Die Mad Tea Party aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“: Christoph Prückner, Jacqueline Rehak und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

In all dem Jubel, Trubel, Heiterkeit vergisst Bruno Max den schwelenden Zeitgeist nicht. Der von ihm ins Programm genommene Text „Brexit?“ des derzeit erfolgreichsten irischen Comedy-Trios „Foil, Arms and Hog“ alias Sean Finnegan, Conor McKenna und Sean Flanagan gehört zum Bösesten der Kleinkunstbranche, und bei den Originalstatements aus Politikerinterviews zieht es einem sowieso die Schuhe von den Füßen.

Derart Wendehälsisches ist auch hierzulande nicht unbekannt. Was die staatsführerische Zukunft betrifft, kann man’s also nur very british machen: Abwarten und Tee trinken.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 10. 2018

Sommerspiele Melk: Odyssee

Juni 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt - die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: DanielaMatejschek

Während Odysseus (Nicki von Tempelhoff, gefesselt) erzählt, wie er den Sirenen entkam, wird Penelope (Doris Schretzmayer, hinten) von den Freiern bedrängt – die Odyssee als Spiel auf mehreren Ebenen. Bild: Daniela Matejschek

Inmitten oranger Rettungswesten schwemmt es einen letzten Überlebenden an. Er sei dem Krieg entronnen, sagt er, aber war es nicht „nur“ der Hunger, der den schmutzigen Bettler an die Küste trieb? Die Bewohner derselben wollen den Parasiten, der sich ins Land schleicht, um ihre Luft zu atmen, jedenfalls nicht haben – und das machen sie ihm unter Schlägen und Fußtritten klar.

Was so beginnt, ist Alexander Hauers Inszenierung der „Odyssee“ bei den Sommerspielen Melk. Mit Autor Stephan Lack hat der für seine innovativen Arbeiten bekannte Intendant Homers Epos in ein Schauspiel verwandelt – und es ist sein bisheriges Meisterstück geworden. Der Theatermacher, den bekanntlich Vorlagen unter 1500 Seiten oder in diesem Fall 12.000 Hexameterversen gar nicht erst reizen, folgt der vom antiken Dichter vorgegebenen Vielschichtigkeit in vielerlei Hinsicht. Wie er haben Lack und Hauer eine komplexen Erzählweise mit ineinander verflochtenen Parallelhandlungen, Rückblenden, Einschüben und Perspektivwechseln für ihre Geschichte entwickelt. Das Ganze wird nicht chronologisch geschildert, sondern setzt mit der Rückkehr des Odysseus in Ithaka ein. Wo er seinem ihn erkennenden Vater Laertes und seinem ihn verkennenden Sohn Telemach von seinen Irrfahrten berichtet.

Die Zeiten- und Seitenwechsel funktionieren am Beispiel der Kalypso-Episode erklärt so: Während Odysseus Vater und Sohn aus seiner Sicht die Geschehnisse beschreibt, unterhält die Magd Melantho die Freier Penelopes mit der ihren, der weit weniger heroischen, dafür umso erotischeren. Derweil trauert die treue Ehefrau hoch oben im Gemach um den Gemahl und klagt im Bühnenvordergrund die Nymphe den Liebhaber an, was er durch die Flucht von ihrer Insel denn gewonnen hätte. Odysseus steigt zu ihr aufs Felsenpodest, umarmt sie in der Vergangenheit wie im Jetzt, aber Telemach sieht sich gegenwärtig schon mit einer anderen seiner Geliebten, der Zauberin Kirke, konfrontiert … Dass sich das alles ausgeht, dass man dem allen zu folgen vermag, dass so eine aberwitzige Spannung aufgebaut und aufrechterhalten wird, ohne durch Video- oder andere Künste den Polyphem oder Skylla und Charybdis oder die Sirenen-Vogelfrauen zu generieren, dass statt dessen der ganze Abend aus einer Beschwörung der gemeinschaftlichen Fantasie entsteht, ist ein großartiges Geschenk an das Publikum. Und wurde zum Schluss mit entsprechend tosendem Applaus bedankt.

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit "Iro" Thomas Dapoz, "Telemach" Matti Melchinger und "Laertes" Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Der Empfang in Ithaka ist alles andere als herzlich: Nicki von Tempelhoff mit „Iro“ Thomas Dapoz, „Telemach“ Matti Melchinger und „Laertes“ Christian Preuß. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Königstochter Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus' Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Am Hof der Phaiaken zeigt Nausikaa (Valerie Anna Gruber), wie Odysseus‘ Gefährte Eurylochos (Eleftherios Chladt) der Kirke entkam. Bild: Daniela Matejschek

Viel Verdienst an dieser Umsetzung hat das Bühnenbild von Daniel Sommergruber, das mit Sockeln, Rampen, einem kippbaren Tunnel und einer Kemenate dieses Spiel auf mehreren Ebenen erst möglich macht. Die Kostüme von Julia Klug dazu sind angedacht antik-orientalisch mit Ausflug in eine opulente Zeitlosigkeit. Der Text holt das Homer’sche Pathos ins Heute. „Du mich auch, Antinoos“, darf etwa Telemach auf den Gruß eines Penelope-Belagerers erwidern.

Und Lack und Hauer tun mehr. Sie reichern die Odyssee mit Feuerbach, der Aufklärung und einem Schuss Feminismus an. Penelope ist die Starke; die ständigen Seitensprung-Storys, denn der Zauberinnen, Nymphen und Prinzessinnen waren ja nicht wenige, längst leid, dieses sich immer wiederholende „Halb zogen sie ihn, halb sank er ihn“, fällt ihr Empfang schließlich entsprechend kühl aus. Doris Schretzmayer gestaltet die Königin mit einer angewiderten Würde.

Nicki von Tempelhoff ist Odysseus. Ein Antiheld mit posttraumatischem Stress-Syndrom, ein zerrütteter, wütender, um sein Leben betrogener Mann. Wie er die Gräuel von Troja schildert, weist er die Griechen nicht nur als grausame Kriegsherren aus, sondern verweist auch auf die Sinnlosigkeit dieses, wie jedes blutig ausgetragenen Konflikts.

Doch der Listenreiche wird von den Theaterautoren jeglichen Opfermythos‘ entkleidet, nicht die Götter haben, seine Hybris hat sein Schicksal verschuldet. Bei Lack und Hauer ist Odysseus nicht weniger ein Schwein als seine verwandelten Kameraden, und gejagt von den Geistern seiner Vergangenheit dem Wahn näher als dem Sinn. Tempelhoff ist ein Kraftfeld, das die Aufführung an sich zieht, ein Naturschauspiel, das für sich Aufmerksamkeit einfordert. Wie gebannt folgt man seiner expressiven Darstellung, wie es ihn innerlich schindet und schilt und zerreißt ob der begangenen Taten, wie er sein tatsächliches Ich verbergen und auf seinen Moment der Rache warten muss. Für ihn haben Schlacht und Schlachten noch kein Ende, wird man noch erfahren, für War Pigs gibt es keinen Frieden, das war 1200 vor Christus so wahr, wie es das 2016 nach ist.

Eine ganz bemerkenswerte Erscheinung ist Matti Melchinger, der einen trotzigen, mutigen, jugendlich ungestümen Telemach spielt, dessen Lebensziel es ist, möglichst nicht so zu werden wie der Heldenvater. Er ist in dieser Inszenierung die Lichtgestalt einer hoffentlich aus der patriarchalen Alleinherrschaft aufbrechenden Generation. Melchinger, einerseits „erst“ seit zwei Jahren Schauspielstudent, andererseits mit dem Jungen Theater Wien bereits Compagnie-Chef (mehr: jungestheaterwien.wix.com/junges-theater-wien) gibt eine beachtliche Probe seines Könnens ab. Christian Preuß und Beatrice Fago gestalten Laertes und die Amme Eurykleia mit der ihnen eigenen Prägnanz und Brillanz. Unter den Freiern sticht Giuseppe Rizzo als Eurymachos ebenso hervor, wie Kajetan Dick als Seher Teiresias; Dagmar Bernhard ist eine bösartig-bissige Magd Melantho.

Nicki von Tempelhoff als Odysseus. Bild: © Daniela Matejscheck

Odysseus, umringt von zuviel Weiblichkeit. Bild: Daniela Matejscheck

Im zweiten Teil des knapp dreistündigen Abends entwickelt sich die tiefenpsychologische Betrachtung der antiken Abenteuer zur schnellen Action. Nachdem Odysseus mehrmals aus seiner Bettler-/Rolle fällt, als ihn die Zuhörer auf Ungereimtheiten in seinen fantastischen Ausführungen hinweisen, auch das eine schöne, weil Ungeheuer befreite Idee von Lack und Hauer, steht der ultimative Kampf mit den Freiern an. Doch kaum wieder die Oberhand gewonnen, ist Odysseus ein Despot, wie er früher einer war. Nicht anders als Achill dem Hektor verweigert er den von ihm Geschlagenen ein ehrenvolles Begräbnis, muss, um deren Familien zu entgehen, erneut in die Ferne aufbrechen. Aber ein ihm unbekannter Knabe steht da, sein mit Kirke gezeugter Sohn Telegonos, dessen mütterlicher Arbeitsauftrag in der Telegonie des Eugamon von Kyrene nachzulesen ist …

Der Mensch kann aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne beginnt. „Soll Griechenland zum Lager der verlorenen Seelen werden?“, fragt der alte Laertes. In diesem Sinne ist die „Odyssee“ in Melk über eine gelungene Theaterproduktion hinaus die Beschreibung eines europäischen Krisenzustands und ein Beispiel dafür, wie einer die Kyklopen, die er rief, nicht mehr los werden kann. Bravo.

www.sommerspielemelk.at

Wien, 17. 6. 2016