Max Winter: Expeditionen ins dunkelste Wien

April 24, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich hatte Elendsmaskerade angelegt“

Sein journalistisches Programm hieß Aufklärung und Aufdeckung. Er war bestrebt, Missstände durch stringente Beweisführung aufzuzeigen, Verantwortliche zu nennen und Verbesserungen zu erzwingen: Max Winter. Für seinen Blick von „ganz unten“ begab er sich vor hundert Jahren in die Welt der Wiener Elendsklasse, der Arbeits- und Obdachlosen und der Sandler, die er auf ihren Wegen durch die Großstadt begleitete. Er schuf damit erschütternde Gegenbilder zu einem überliefert verklärt-sentimentalen k.u.k.-Kitschpanorama. Mehr als 1500 Sozialreportagen hat Max Winter verfasst. Die eindringlichsten hat der Picus Verlag nun im Buch „Expeditionen ins dunkelste Wien“ herausgegeben, eine einmalige Gelegenheit, die bis dato nur in Archiven und Bibliotheken aufliegenden Texte nachzulesen.

Max Winter war ein Meister der Verkleidung, in vielerlei Gestalt drang er in unterschiedlichste Milieus vor. Diese Rollenreportagen machten es ihm möglich, nicht von außen, sondern von innen den Alltag Benachteiligter zu schildern. So nächtigte er im Asyl für Obdachlose, kroch mit einem Strotter durch die Wiener Kanäle, war Polizeihäftling, im Tschecherl, unter Praterstrizzis, im Spielercafé … Den Wechsel seiner Identitäten beschreibt er beispielweise so: „Ich hatte Elendsmaskerade angelegt: den Kragen meines alten Lodenspenzers aufgestülpt – den verstaubten Filz in die Stirn gedrückt, die Hände in den Taschen der Sommerhose vergraben, so stehe ich dort und friere in den Füßen …“ Das Foto auf dem Umschlag des Buches zeigt Winter in einer seiner Aufmachungen.

Die so entstandenen Texte sind bar jeder Patina. Winter erzählt mit schmuckloser Geradheit, die Wärme, die seine Artikel dennoch ausstrahlen, ist unsentimental, die Schilderungen sind ruhig, trocken, einfach, ohne Pointen und drastische Effekte, aber nicht ohne feinen Humor. Ein Glossar im Anhang erklärt die von Winter oft verwendeten Soziolektbegriffe und Worte aus der Gaunersprache: „Neben dem großen Neunzehnjährigen verschwindet ein kleiner Knirps in einem blauen ,Barchentjanker‘, ein ,Schräuferl‘ im Ohr …“, steht da. Oder: „Da hab’n S’ jetzt an Gadern.“ Besonders erschütternd: „Eine Stunde in der Wärmestube“, wo die Ärmsten der Armen die Nacht im Sitzen auf Bänken verbringen müssen, weil es keine Betten gibt: „134 an der Zahl. Mann an Mann in drangvoller Enge durchseufzen die Nacht, für die ihnen kein anderes Obdach wird als dieser Notunterschlupf, den die Gemeinde Wien gar zu gern zur ständigen Einrichtungen gestalten möchte.“

Winter stieß immer wieder nach, organisierte spontan Demonstrationen und Geldsammlungen, und zwang so die Behörden zur Reaktion. „Der Fall Hofrichter“ aus dem Jahr 1910 wurde zu einem seiner größten Erfolge: Winter deckte die Willkür der Militärgerichtsbarkeit so überzeugend auf, dass diese in der Folge reformiert werden musste. Seine unkonventionellen Vor-Ort-Recherchen, die Not am eigenen Leib erfahrend, untermauerte er akribisch mit wissenschaftlichen Ergebnissen, Statistiken und amtlichen Sozialberichten, sie sicherten seine qualitativen Standards.

In „Im Zeichen der roten Laterne“ berichtet er schließlich sehr persönlich, was ihn bewegt: „Man müsste Bände schreiben, wollte man alles schreiben, was man sieht, hört, und was man erfährt und miterlebt. Wer erfahren will, wie das Volk lebt, siecht und stirbt, wer die Leiden der Proletarier intim studieren will, der studiere die Erfahrungen der Rettungsgesellschaft … Er wird Dinge erfahren, die er sich sonst nicht erträumt, an deren Wahrheit er zweifeln würde, wenn er sie liest.“ Einer wie Max Winter fehlt.

Über den Autor: Max Winter wurde 1870 in Tárnok bei Budapest geboren. Als Zwanzigjähriger begann er seine journalistische Laufbahn beim Neuen Wiener Journal, bis ihn Victor Adler 1895 zur Arbeiter-Zeitung holte, für die er bis zu deren Verbot 1934 und zu seiner Emigration mehr als 1500 Reportagen verfasste. Winters sozialreformerisches Engagement blieb nicht auf den Journalismus beschränkt, er baute unter anderem die Kinderfreunde-Bewegung in Graz aus und gründete in ganz Österreich Kinderbibliotheken. Auch als Quereinsteiger in die Politik war er erfolgreich, war von 1919 bis 1923 einer der drei Vizebürgermeister der Stadt Wien und bis 1930 im Bundesrat. Nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei 1934 ging Winter in die USA, wo er beruflich nicht Fuß fassen konnte. Er starb 1937 einsam und verarmt in Hollywood.

Picus Verlag, Max Winter: „Expeditionen ins dunkelste Wien. Meisterwerke der Sozialreportage“, Sachbuch, herausgegeben von Hannes Haas, 304 Seiten.

www.picus.at

  1. 4. 2018

Belvedere: Alfred Wickenburg

März 11, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Grazer Ausnahmekünstler in den Fokus gerückt

Alfred Wickenburg: Selbstbildnis in persischer Tracht, 1920. LENTOS Kunstmuseum Linz, Bild: Reinhard Haider

In seiner Ausstellungsserie „Meisterwerke im Fokus“, die zweimal jährlich einen österreichischen Künstler in den Mittelpunkt rückt, zeigt das Belvedere ab 17. März unter dem Titel „Visionen in Farbe und Form“ Arbeiten des Grazer Malers Alfred Wickenburg. Wickenburg wurde 1885 in Bad Gleichenberg in der Steiermark in eine adelige Familie geboren. Er wuchs in einem kultivierten und kunstinteressierten Umfeld auf. Bereits die Wahl seines künstlerischen Ausbildungswegs verweist auf eine aufgeschlossene, den internationalen zeitgenössischen Kunstströmungen unvoreingenommen gegenüberstehende, äußerst interessierte Persönlichkeit.

Mit 19 Jahren ging Wickenburg nach München. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Dachauer Künstlerkolonie folgten vier Jahre in Paris, wo er an der Académie Julian bei Jean-Paul Laurens studierte. Von 1910 bis 1914 besuchte er an der Stuttgarter Akademie neben Oskar Schlemmer und Willi Baumeister  die Meisterklasse von Adolf Hölzel.

Nach dem Ersten Weltkrieg folgten Studienaufenthalte in Rom, Florenz und Venedig, bevor Wickenburg 1923 wieder in die Steiermark zurückkehrte – um zahlreiche Eindrücke und die Schulung und Wissenserweiterung durch hervorragende Lehrer reicher. Expressionistische, fauvistische, kubistische und futuristische Einflüsse machen sich in seinen meist farbintensiven und großformatigen Werken bemerkbar. Auch Gestaltungsprinzipien der Pittura metafisica oder des Surrealismus finden Eingang in seine Arbeiten, wobei er aus sämtlichen stilistischen Einflüssen seine individuellen und eigenständigen Konsequenzen zieht. Die zunehmende Reduzierung auf das Wesentliche des Dargestellten und eine ausgewogene Balance des Zusammenspiels von Linie, Form und Farbe bilden die Hauptelemente im Schaffen Wickenburgs, der über viele Jahre als Zeichenlehrer und Leiter der Abteilung für Freskomalerei an der Bundesgewerbeschule Graz tätig war.

Alfred Wickenburg: Das Paradies, 1919. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Alfred Wickenburg, Römisches Liebespaar, 1921. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Bis ins hohe Alter von 93 Jahren blieb der Mitbegründer der Grazer Secession künstlerisch aktiv. Zahlreiche Preise und Ehrungen sowie eine intensive Ausstellungstätigkeit im In- und Ausland, darunter die Teilnahme an der Biennale in Venedig in den Jahren 1934, 1936, 1950 und 1958, begleiteten seine langjährige künstlerische Laufbahn.

Alfred Wickenburg, Rinaldo und Armida, 1923. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Alfred Wickenburg, Bei der Wahrsagerin, 1973. Bild: © Belvedere, Wien/Leihgabe aus Privatbesitz, New York

Seit 2014 wird am Institut für die Erstellung von Werkverzeichnissen des Belvedere mit Unterstützung der Familie Wickenburg an der Aufarbeitung des umfangreichen Œuvres des Künstlers gearbeitet. Das Gesamtverzeichnis wird zum Zeitpunkt der „Fokus“- Ausstellung vorliegen und digital zugänglich sein. Die Schau im Oberen Belvedere möchte durch ausgewählte Beispiele die künstlerischen Einflüsse und Entwicklungen im Werk Wickenburgs exemplarisch aufzeigen. Neben dem noch unterrepräsentierten Spätwerk sollen auch die Glasarbeiten im Ansatz thematisiert werden, mit denen sich Wickenburg in den 1960er-Jahren intensiv beschäftigte. Darüber hinaus beheimatet das Belvedere einen großen Bestand von Archivalien des Künstlers, die neue spannende Erkenntnisse zum Schaffen dieses österreichischen Ausnahmekünstlers versprechen.

www.belvedere.at

Wien, 11. 3. 2017

Essl Museum: Rendezvouz. Meisterwerke der Sammlung

Februar 15, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Agnes met Karlheinz, now Maria meets Arnulf

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © BILDRECHT Wien, 2016 Bild: Mischa Nawrata, Wien

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © BILDRECHT Wien, 2016
Bild: Mischa Nawrata, Wien

Meisterwerke aus der Sammlung Essl werden ab 19. Februar in der Ausstellung „Rendezvous“ präsentiert. Im Rahmen der Schau geben sich zentrale Werke und künstlerische Positionen ein Stelldichein, Max Weiler etwa mit Cecily Brown, Martha Jungwirth mit Asger Jorn oder Kurt Kocherscheidt mit Antoni Tàpies.

Ein Rendezvous mit Folgen markiert den Beginn der Sammlung Essl und ist auch der Ausgangspunkt für die Ausstellung. Agnes und Karlheinz Essl treffen einander 1959 in New York zum ersten Mal und werden ein Liebespaar. In den folgenden Monaten tauchen sie in der pulsierenden Welthauptstadt der Kunst in die Galerien- und Museenszene ein und entdecken dabei ihre Liebe zur Kunst, die bald zu einer lebenslangen Leidenschaft wird. Zurück in Österreich beginnen sie, eine Sammlung aufzubauen, die heute zu den wichtigsten in ganz Europa zählt und als einzige dieser Art das österreichische Kunstgeschehen seit 1945 in einem internationalen Kontext abbildet. Im Jahr 2012 porträtiert der weltbekannte New Yorker Künstler Alex Katz das Sammlerpaar.

Anfang der 1950er-Jahre gingen zwei der bedeutendsten österreichischen Künstler, Maria Lassnig und Arnulf Rainer, als Paar nach Paris. In dieser von den Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und den kunstfeindlichen europäischen Diktaturen geprägten Zeit befasste man sich in der europäischen Kunstmetropole mit fernöstlichen Philosophien. Reduktion und Konzentration auf das Wesentliche waren große Themen, die auch die beiden jungen Künstler beeinflussten. Besonders in den Zentralisationen von Arnulf Rainer aus dieser Zeit sind diese Reflexionen spürbar. Ein Star in Paris war Georges Mathieu. Auch er war von der asiatischen Kalligraphie in ihrer eleganten Konzentration beeinflusst. Mathieu malte theatralisch vor Publikum, in Theatern oder in der freien Natur. Als er 1959 im Wiener Theater am Fleischmarkt eine seiner kalligraphisch orientierten Linienkompositionen vor versammelten Zuschauern malte, inspirierte er mit dieser Vorführung des künstlerischen Aktes die Wiener Aktionisten. Mathieu trifft in der Ausstellung auf Hans Hartung, einen Deutschen in Paris, dessen von chinesischer Tuschmalerei inspirierte Werke ebenso dem Informel zugerechnet werden. Dazu gesellen sich noch die poetisch malerischen Reduktionen von Hans Bischoffshausen.

Der katalanische Künstler Antoni Tàpies trifft auf Kurt Kocherscheidt, Hermann Nitsch und Eduardo Chillida. In diesen Begegnungen spürt man die Affinität der vier ansonsten recht unterschiedlichen Künstler zum Archaischen, zur Einfachheit, zum Ursprünglichen und Existenziellen. Kocherscheidt ging als junger Künstler ohne Geld nach Südamerika, war fasziniert von den Formen der Natur, deren unheimliche Kraft er malerisch transformierte. Hermann Nitsch arbeitet seit den frühen 1960er-Jahren an seinem Orgien Mysterien Theater, einem hedonistischen, alle Sinne ansprechenden transzendentalen Existenztheater, in dem die Malerei und deren Artefakte eine starke Rolle spielen. Tàpies verwendet einfache Naturmaterialen wie Sand, Gips und Ton, die auch die reduzierte erdige Farbigkeit seiner Bilder und Objekte bestimmen. Das Kreuz als archaisches Symbol für das Menschsein und für eine Bestimmung des eigenen Standpunktes im Universum, abseits der Christlichen Konnotation, taucht in vielen seiner Arbeiten auf.

Max Weiler hat mit Per Kirkeby wenig zu tun, so scheint es auf den ersten Blick, und ebenso wenig mit der Malerei der New Yorker Künstlerin Cecily Brown. Aber den tiefreligiösen Maler Weiler aus Österreich und den ausgebildeten Geologen Kirkeby aus Dänemark verbindet die Gewissheit, dass es nicht reicht, die Natur in ihrer sichtbaren Oberfläche nach- oder abzubilden, um dem Geheimnis der Schöpfung und der Malerei nahezukommen. Weiler transformiert die Naturbeobachtung in den schöpferischen Malprozess, er lässt das Bild wachsen, aus Gesehenem, Gespürtem, dem Zufall heraus formiert sich die Malerei. Kirkebys Ausgangspunkte für seine Kompositionen sind Schichtungen und grafische Strukturen, die aber immer an Natur denken lassen. Die jüngere Cecily Brown ist eher durch den malerischen Prozess der Transformation des Gesehenen mit Max Weiler verbunden – ein Rendezvous, bei dem der Ausgang noch ganz offen scheint.

Als Karlheinz und Agnes Essl Ende der 1990er Jahre begannen, international zu sammeln, knüpften sie bei der COBRA-Gruppe an, weil sie wussten, dass diese auf einige ihrer Sammlungskünstler großen Einfluss ausgeübt hatte. Die COBRA-Künstler waren kurz nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges in den westeuropäischen Städten Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam angetreten, um einen künstlerischen Neuanfang zu suchen, sie sahen ihn in allen Entäußerungen nichtgelernter Kunst, wie bei den unbefangenen Bildern von Kindern. So impulsiv, intensiv und unverstellt wollte man an den Malakt gehen. So schnell diese Gruppe sich auch wieder auflöste, ihren Künstlern blieb diese Klassifizierung ein Leben lang. Auch einer Künstlergruppe in Wien erging es am Ende der 1960er-Jahre ähnlich. Auch sie hatten sich nur für die Ausstellung Wirklichkeiten in der Secession formiert, die Bezeichnung blieb für immer. Künstlerisch wurde etwa Franz Ringel von der COBRA-Gruppe beeinflusst, andere Affinitäten tauchen in der Schau in den Begegnungen von Asger Jorn, Karel Appel, Antonio Saura und Martha Jungwirth auf. Die Malerei ist furios, emotional, gestisch und spontan, der malerische Akt ist im Werk immer spürbar, sehbar, erlebbar, ein Fest der malerischen Intensität.

Wechselnde Rendezvous mit ungewissem Ausgang bilden den Abschluss der Präsentation. Dazu werden mehrmals im Laufe der Ausstellung Freunde der Sammlung Essl eingeladen, zwei Werke im Depot auszusuchen und diese in einem Ausstellungsraum aufeinandertreffen zu lassen.

www.essl.museum

Wien, 15. 2. 2016

Leopold Museum: Farbenrausch. Meisterwerke des deutschen Expressionismus

September 24, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Provokateure des bürgerlichen Publikums

Otto Mueller: Mädchen am Wasser, um 1926 Bild: Courtesy of Institut für Kulturaustausch, Tübinge

Otto Mueller: Mädchen am Wasser, um 1926
Bild: Courtesy of Institut für Kulturaustausch, Tübinge

Herausragende Meisterwerke des deutschen Expressionismus aus der Sammlung des Osthaus Museum in Hagen präsentiert das Leopold Museum ab 9. Oktober in seiner großen Herbstausstellung. ­Werke der Brücke-Künstler Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller und Karl Schmidt-Rotluff, der Blaue Reiter-Exponenten Alexey von Jawlensky, Franz Marc und anderer, sowie zahlreiche Werke von Christian Rohlfs zeigen den Aufbruch der deutschen Avantgarde.

 

Ab 1905 wagte sich eine Gruppe junger Künstler in Deutschland in die Moderne. Ihre  kraftvolle, expressive und völlig neue Bildsprache war Ausdruck eines individuellen Lebensgefühls. Mithilfe von radikal subjektiven Bildformeln und Farben von einzigartiger Intensität legten die „Expressionisten“ einen Grundstein für das moderne Verständnis des Künstlers. Die Expressionisten wollten den Betrachter ihrer Kunst emotional bewegen und innerlich ansprechen. Die Maler versuchten ihre leidenschaftlichen elementaren Erlebnisse unmittelbar ins Bild umzusetzen. In ihrer Sehnsucht nach dem Ursprünglichen schufen die Expressionisten  zuweilen regelrechte Feuerwerke der Farbe. Die Formverzerrungen, die Überbetonung der Umrisslinien, die radikale Reduktion auf das ­Wesenhafte und eine höchst eigenwillige Interpretation der Perspektive provozierten das bürgerliche Publikum und rüttelten am althergebrachten Kunstbegriff. Konservative Betrachter reagierten zunächst größtenteils ablehnend und schockiert auf die Werke der Maler, ebenso wie auf deren unkonventionelle Lebens- und Arbeitsweise. Von ihren Kritikern wurden sie als „Hottentotten im Frack“ bezeichnet. Ihnen wurde ein „regelrecht schlampiger Stil“ vorgeworfen. „Ich kann nur malen, was ich liebe“, sagte Otto Mueller einmal. Etliche seiner Mädchenbilder wurden von den Nazis als „entartete Kunst“ klassifiziert …

In der Ausstellung ist eine Auswahl von etwa 30 Gemälden und 80 Papierarbeiten aller Hauptvertreter des deutschen Expressionismus zu sehen. Ergänzt wird die Schau durch expressionistische Werke aus dem Bestand des Leopold Museum und der Privatsammlung Leopold.

www.leopoldmuseum.org

Wien, 24. 9. 2015

Museum Gugging

März 12, 2014 in Ausstellung

VON SONJA CHRISTINE VOCKE

Meisterwerke einer ganz besonderen Art

Oswald Tschirtner Menschen 1980 Bild: ®Privatstiftung Kuenstler aus Gugging

Oswald Tschirtner Menschen 1980
Bild: ®Privatstiftung Kuenstler aus Gugging

Die Künstler aus Gugging und ihr Werk sind mittlerweile ein Begriff in der Kunstgeschichte und bei vielen, die sich mit Kunst beschäftigen. Die Unmittelbarkeit und Spontaneität, die den Gemälden und Zeichnungen zu Eigen ist, macht diese Kunst aus. Der Fachbegriff „Art Brut“ – rohe beziehungsweise unverbildetet Kunst, soll nicht auf die Qualität hinweisen. Vielmehr bezeichnet der Begriff die antiakademische Richtung – Kunst, die von Autodidakten geschaffen wurde, im Speziellen von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Das Haus der Künstler ist ein kleines Gebäude auf einem Hügel am Rande des Wienerwaldes, ca. 20 km nördlich von Wien, Österreich. Es gehört zur Ortschaft Maria Gugging, Klosterneuburg. Seit 1981 leben und arbeiten hier Menschen, die über die hohe Qualität ihrer Zeichnungen, Gemälden, Schriften und Objekten als Künstler aus Gugging weltweit bekannt geworden sind. Sie zählen zu den bedeutenden Vertretern der Kunstrichtung Art Brut » . Derzeit hat das Haus 12 Bewohner, von denen 6 als Künstler in der galerie gugging vertreten werden. Mit der Eröffnung des Pavillons entstanden auch die ersten Wand und Fassadenmalereien, die den kulturellen Anspruch dieser neuen Einrichtung offen demonstrierte.

Am Montag, den 10. März wurde das Buch „gugging meisterwerke.!“ vorgestellt, da mit Frühjahr 2014 die Hauptwerke der Künstler aus Gugging im Museum präsentiert werden, sozusagen die „Mona Lisas“ aus Gugging. Unter den 101 Meisterwerken sind Johann Hausers berühmte drei Bildnisse von Frauen, die nach zwei Jahrzehnten in England nun endlich wieder in Österreich zu bewundern sind. Ebenso gezeigt werden Gemälde wie das Horacek – Bildnis, das zum Logo des museum gugging wurde. Hauptwerke August Wallas, Philipp Schöpkes, Oswald Tschirtners und vieler anderer Künstler werden mit ihren Schöpfern erfahrbar gemacht. Die Ausstellung gugging meisterwerke.! ermöglicht eine Reise durch die Welt der Art Brut und markiert die vielseitige Stilistik und beeindruckende Formensprache der Künstler aus Gugging. gugging meisterwerke.! versucht, anhand von 101 Arbeiten der wichtigsten Gugginger Künstler etwas über die Umstände der Entstehung und die Geschichte von Einzelwerken oder von Werkblöcken zu vermitteln, um ein wenig in die faszinierende Welt der Art Brut, dieser von der “eigentlichen” Kunstwelt der westlichen Hemisphäre unbeeinflussten Kunst, eintauchen zu können.

Menschen, die sich vom gängigen oder akademischen Kunstbegriff nicht haben beeinflussen lassen, hat es schon immer gegeben. So sind abseits von etablierten Kunstformen bereits bei Goya, Archimboldo oder Hieronymus Bosch Gemälde entstanden, die als eine Spielart der „Art Brut“ gelten können. Kunst aus gesammelten Alltagsgegenständen wie Scherben, Abfall, Muscheln oder ähnlichem ist ebenfalls dieser unmittelbaren Kunstrichtung zuzuordnen. Der „horror vacui“ (etwa „Angst vor dem leeren Raum“), wird überwunden, indem die gesamte Zeichenfläche oder der gesamte Raum mit Mustern, Gegenständen und dergleichen ausgefüllt wird. Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte der Psychiater Walter Morgenthaler bereits 1921 ein Buch über Adolf Wölfli „Ein geisteskranker als Künstler“ – hier wurde ein unter Schizophrenie leidender Patient erstmals als bildender Künstler ernst genommen. Auch die Publikation von Hans Prinzhorn „Die Bildnerei der Geisteskranken“ (Heidelberg 1922), hat den künstlerisch arbeitenden sowie den Kunstrezipienten der vom psychisch „Normalen“ abweicht zum Thema. Im Grunde zeigte sich aber nur die Kunstwelt daran interessiert – zuerst die Surrealisten, mit denen zumindest in der Bildsprache eine gewisse Wesensverwandtschaft bestand.

Jean Dubuffet war einer der ersten Künstler, der das bereits angeschnittene Thema der unbeeinflussten Kunstproduktion aufgriff und mit der Bezeichnung „Art Brut“ auch begrifflich verankerte. Obwohl Art Brut keineswegs eine Kunst von psychisch Kranken ist, was Dubuffet besonders betonte (“ebenso wenig, wie eine Kunst der am Knie Erkrankten”), war es wieder eine “Heil- und Pflege-Anstalt”, und zwar jene in Gugging, in der künstlerisch außergewöhnlich talentierte Menschen entdeckt wurden. Der Psychiater Leo Navratil hatte Ende der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts zur Diagnostik Zeichentests eingeführt. Dabei fand er gelegentlich besonders kreative Umsetzungen, die er Jean Dubuffet schickte. Im darauffolgenden Briefwechsel mit Bildzusendungen bestätigte der französische Künstler die hohe Qualität der erhaltenen Werke und nahm sie in seine “Collection de l ́Art Brut” auf, die er später der Stadt Lausanne in der Schweiz schenkte.

Dank dieser Bestätigung förderte Navratil diese Talentierten, die bald zu Künstlern wurden. Eine erste Ausstellung fand bereits 1970 in der Wiener Galerie nächst St. Stephan statt. Einzelne jener Künstler von damals sind inzwischen weltberühmt. Navratil konnte nach weiteren elf Jahren das Zentrum für Kunst- und Psychotherapie eröffnen, in das er diese Kreativen einlud. Er sprach von “Künstler-Patienten”, da er, ganz im Gegensatz zu Dubuffet, noch der Meinung war, dass die Krankheit die Kunst ausmache. Nachdem Navratil 1986 in Pension gegangen war, folgte der Psychiater und bildende Künstler Johann Feilacher als neuer Leiter des Zentrums. Da die “Künstler-Patienten” für ihn einfach “Künstler” waren, wurde die Institution in “Haus der Künstler in Gugging” umbenannt und damit von der Psychiatrie abgespalten. Es war und ist bis heute eine Wohngemeinschaft von Zeichnern und Malern, deren Krankheit im Bereich des Privaten bleiben soll. In der Ausstellung gugging meisterwerke.! sind sie nun alle vereint: die alten und die neuen Meister-Maler, -Zeichner und -Gestalter aus Gugging.

Angaben zum Buch: Johann Feilacher, gugging meisterwerke.!. 101 Meisterwerke in einem Band. Residenz Verlag, 2014. EUR19,90.- Zudem wird es noch eine Liebhaberausgabe in bibliophiler Kleinst-Auflage mit Originalradierungen von sechs Gugginger Künstlern geben. Parallel zu gugging meisterwerke.! in Verlängerung bis 7. 9. 2014 zu sehen: small formats.! und ingolf ebeling sonnenstrahlenmillionär.

 Ankündigung Herbst: adolf wölfli. universum.! Eröffnung: 17. September 2014, 19 Uhr Ausstellungsdauer: 18. 9. 2014 – 1.3.2015 In dieser umfangreichen Personale zum Werk des Schweizer Malers, Schriftstellers und Komponisten Adolf Wölfli (1864-1930) werden Bilder und Schriften aus allen Schaffensperioden des Universalkünstlers gezeigt.

www.gugging.at

Wien, 12. 3. 2014