Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Kasino des Burgtheaters: Theblondproject

Oktober 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Aufzug mit der Avatarin

Gesine Danckwart und Caroline Peters erklären dem anwesenden Publikum den Ablauf des Abends. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Als Rod Stewart sein Album „Blondes Have More Fun“ veröffentlichte, war er mehr als 40 Jahre von der gestrigen Uraufführung entfernt, und nein, als Angehörige dieser – wenn auch mittlerweile im Friseursalon aufgepeppten – Spezies kann man nicht sagen, dass man an „Theblondproject“ besonders viel Spaß gehabt hätte. Theatermacherin Gesine Danckwart und Schauspielerin Caroline Peters haben die immerhin vom deutschen Fonds Doppelpass geförderte Produktion der Danckwart’

schen Formation Chez Company und des Burgtheaters gemeinsam entwickelt und getextet, und fungieren nun im Kasino desselben auch als Performerinnen. Dass der Abend allerdings ab der initialen Phase nicht zündet, mag an der eigenen Erwartungshaltung gelegen sein, wurde doch via Burgtheater-Webseite vollmundig verkündet, die Akteurinnen würden sich anhand der klischeebehaftesten Haarfarbe von allen mit Rollenbildern, Identitätsmustern, Machtstrukturen, heißt: eben den üblichen Mythen ums Blondsein, beschäftigen. Davon bleibt ein von Peters zugegeben virtuos vorgetragener Blondinenwitz und bereits anfangs die Ansage, die eine, Danckwart, sei immer schon Feministin gewesen, während die andere, Peters, damit bis dato wenig zu tun hatte, hätte sich ihrer Selbstverwirklichung doch nie ein Mann in den Weg gestellt.

Was bei einer Mitarbeiterin in einem Apparat, der vom Literaturkanon bis zur Bühnentätigkeit männlich dominiert ist, an sich schon verwundert, auch eingedenk der Tatsache, dass die zwei großen Wiener Theater von Frauen- zurück in Männerhände gegeben wurden. Staunende Sprachlosigkeit befällt einen aber erst, als das Künstlerinnenduo sich dem Gendering verweigert, und für sich selbst in seinen Aufgaben das Maskulinum wählt – Autor, Regisseur, Schauspieler. Ist das ein Witz in dieser Welt weißer Hetero-Herren?

An einer Station steuern die Zuschauer die Avatarin … Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

… und die reagiert sofort auf deren Wünsche. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

„Theblondproject“ will sich als Indikator des neuen Kušej’schen Burgtheaters verstanden wissen, wobei vor allem im Kasino stattfinden soll, was weibliche Avantgarde, Diskurs darüber – mit einem Wort: emanizipationsbewegt ist. Bewegt wird aber erstmal nur das Publikum, eingeladen zu einem Parcours durch die Hinterbühnenräume des Kasinos, wo an Bildern, Filmen, Erlebnissen allerhand passiert. Chefmaskenbildner Peter Spörl referiert über Haare, daneben Perücken und Spiegel, um das Gehörte gleich auszuprobieren. Komparsinnen und Komparsen unterhalten mit Anekdoten über berühmte Blondinen, an Musik erklingt der Plastikblondsong „Barbie Girl“ von Aqua und Emilia Mitikus „Big Big World“.

Herzstück der Installation sind Video-Interviews mit Frauen, Kulturstadträtin Veronika Kaup-Hasler, Theaterwissenschaftlerin Monika Meister und anderen aus der vielzitierten „Mitte der Gesellschaft“ stammenden Macherinnen. Das innovative Highlight des Ganzen ist denn freilich nicht Inhaltliches, sondern ein Stück Technik, Thekla Kaischauri als mit Stirnkamera ausgestattete „Avatarin“, deren Live-Aufnahmen in den Saal übertragen, und deren Aktionen von den Zuschauerinnen und Zuschauern gesteuert werden können. So muss sie mal Klavierspielen, mal raus auf den regennassen Schwarzenbergplatz, mit einem selber zum Schluss im Aufzug hinunter Richtung Eingangsbereich fahren.

Bevor es gilt, sich aus der Bunten-Abend-Atmosphäre zu verabschieden, monologisiert Caroline Peters noch dreißig Minuten lang, kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste, von der strawberryblonden Rita Hayworth über die Hitchcock-blonde Tippi Hedren zur wasserstoffblonden Marilyn Monroe, diese als Smiley auf der Spielfläche versinnbildlicht, und apropos, Sex-: von Bikini zu Atoll zu Atombombe.  Bombshellblond und in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung womansplaint Peters, was das Zeug hält, flachst, sie sei im Laufe der Veranstaltung noch (flachs)-blonder geworden, schäkert mit Souffleuse Monika Brusenbauch, weil’s doch nur ein Scherz ist, wenn sie sich aus deren Einsagebuch die vergessenen Formulierungen holt.

Keep on Smiley: Caroline Peters als Bombshell Blonde in „Diamonds Are a Girl’s Best Friend“-Aufmachung. Bild: Marcella Ruiz Cruz / Burgtheater

Da geht das Auditorium dankbar mit, doch hat’s anschließend Gesine Danckwart schwer, die, in Fell gehüllt, den mutmaßlich maßgeblichen Satz der Vorführung sagt: „Ich sehe mich einfach nicht.“ Und ist das der Fall, kann ich auch nicht gesehen werden. Da legt sich der Frauen- solidaritätsschalter doch noch um, auch wenn dieses Selbst- bespiegelungsprojekt – „Spiegel“ im Sinne von: zwar glänzender, aber letztlich zweidimensionaler Oberfläche

– nichts zu Selbstreflexion, schon gar nicht Selbstfindung beigetragen hat. Immerhin ein Erfreuliches: Auf den zu Beginn ausgeteilten Fragebögen geben am Ende 87 Prozent der diese Ausfüllenden an, den Begriff „Feminismus“ nicht zum Schimpfen zu verwenden. „Befragen“ ist auch das Stichwort, das „Theblondproject“ für sich erkoren hat, Danckwart und Peters wollen das mit sich, einander und anderen weiter tun. Im Frühjahr 2012 soll es dann ein zweites Projekt an der Deutschen Oper Berlin geben.

www.burgtheater.at           www.theblondproject.net

  1. 10. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot

Oktober 20, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Wurschtl übernimmt die Welt

Matthias Mamedof als Siebentot und die von ihm geschaffene Kasperlgesellschaft: Markus Schramm, Rainer Doppler, Sören Kneidl, Thomas Kamper, Roswitha Soukup und Thomas Kolle. Bild: © Marcel Köhler

Das Theater Nestroyhof Hamakom hat den „Drach/Herbst“ ausgerufen, und beginnt diesen mit einer fulminanten Inszenierung von dessen das Wiener Volksstück aufs Feinste persiflierenden Faschismusparabel „Das Kasperlspiel vom Meister Siebentot“. Wobei, fein ist dabei gar nichts, sondern grob und derb und gallig. 1935 hat der Autor dies Werk in seiner ersten Fassung geschrieben, davor das noch nicht von Rudolf Hess redigierte Original von „Mein Kampf“ gelesen.

Das ist der Mist, auf dem derart Großartiges gewachsen ist. Als Anti-Hitler-Text konzipiert, als Allgemeingültigkeit über die Machtergreifungen von gefährlichen „Wurschtln“ zu verstehen. Unter Idioten ist der Kretin König, sagt ein Sprichwort, und so bietet Albert Drach als einzige Erklärung fürs Unbegreifliche nichts Monströses, sondern einfach die menschliche Durchschnittstrotteligkeit. Bei ihm ist, gleich bei Hannah Arendt, die Banalität des Bösen dargelegt. Drachs Kasperl ist eine Schaubudenfigur, eine Jahrmarktsattraktion aus Watte und Sägespänen, die durch das Blut ihres Publikums, das dieses bereitwilliger gibt als Geld, zum Leben erwacht. Als Meister Siebentot geht sie nun in die Welt hinaus, imstande gehörte Sätze zu kopieren, zu verarbeiten und die Worte in manipulativer Weise wiederzugeben.

Derart wird dem Volk aufs Maul geschaut, werden diffuse Ängste und Unzufriedenheiten und die bare Unvernunft, denn tatsächlich plappert der Kasperl nur zu Parolen aufgebauschtes, ungereimtes Zeug daher, das aber von seinen Zuhörern als der Weisheit letzter Schluss gewürdigt wird, gespiegelt und im Spiegelbild vergrößert, eine Übung, die Populisten bis zur Perfektion beherrschen, bis der Popanz schließlich wirklich gekrönt wird. Regisseurin Ingrid Lang versteht es, Drachs zynische Spitzfindigkeiten über die Unnatur einer Gesellschaft für ein intensives, auf grelle Zeichenhaftigkeit setzendes Spiel zu nutzen. Sie lässt die Figuren als die – politischen – Marionetten, die sie sind, an Siebentots unsichtbaren Fäden tanzen, ihre Gesten wie stilisiert, ihre Gesichter wie schockgefroren. Sie lässt surreale, albtraumhafte Bilder entstehen.

Für all dies hat Vincent Mesnaritsch eine originelle Bühnenlösung erdacht, hat als Schaubude einen oben und innen zu bespielenden Bretterverschlag hingestellt, in dessen gläserner Vorderfront sich das Publikum bei gedimmtem Licht wiedererkennen muss. Links und rechts davon zwei Guckkästen, die den Jahrmarktscharakter der Aufführung wiederholen. Obendrein kann für die gespenstische Schlüsselszene eine mit Jagdtrophäen vollgehängte Wirtshausstube hereingerollt werden, in der man sich von Volksdümmelei volltrunken zuprostet.

Eine Schaubudenfigur erwacht durch Blut zum Leben: René Rebeiz, Matthias Mamedof, Eva Mayer und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Der Kasperl kopiert die Sätze des Volkes: Matthias Mamedof und Eva Mayer. Bild: © Marcel Köhler

Im Mittelpunkt der sich verselbstständigenden Meinungsmechanik steht Matthias Mamedof als Meister Siebentot, eine Gruselpuppe mit weiß bemalter Fratze, eine in Leder gekleidete Spukgestalt, optisch ein gar nicht gutmütiger Edward mit den Scherenhänden, der mit gerunzelter Stirn mal schelmisch, mal martialisch über die Spielfläche stiefelt. Mit Märchen entliehenen Heldenmythen – siehe „Sieben auf einen Streich!“ – und der Heraufbeschwörung von Feindbildern, offensichtlich erfundenen, das Land bedrohenden Riesen, schafft er unaufhaltsam den Aufstieg, wird vom Schneider zum gemeinen Soldaten zum Staats-„Führer“.

„Wenn ich übertreibe, ist es keine Lüge, sondern Reklame“, konstatiert er. Mamedof liefert in dieser Rolle ein großartiges Beispiel seines Könnens ab. Ihn umringen wie ein Allegorienreigen Rainer Doppler und Sören Kneidl als stramme Militärs, Roswitha Soukup als Prostituierte Mitzi und Thomas Kolle als ihr Zuhälter, „der scheckige Franz“, Thomas Kamper als hinter dicken Brillengläsern hervorlugender Lehrer, Markus Schramm als kriegsversehrter Schuster und René Rebeiz als eleganter, stöckelbeschuhter Vertrauter des alten Königs.

Dieweil Eva Mayer als Kasperl-Gefährtin Amanda betörend schön von Peter Ahorner bearbeitete Lieder singt, verteilt Siebentot Kasperlmützen unter seinen Anhängern, lächerliche, bis über die Augen gezogene Pudelhauben, und wirft ihnen den Propheten Köpfler zur kollektiven Rachedurststillung am Fremdem vor. Lang lässt ihn mit etwas viel Kalkül vom syrischen Schauspieler Alaedin Gamian darstellen.

Die Menschen, in ihrer Dummheit entblößt: Eva Mayer mit Rainer Doppler, René Rebeiz, Thomas Kolle, Markus Schramm, Roswitha Soukup und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

„Die Leute lachen über den Kasperl, bis der zurücklacht“, sagt Mamedof an einer Stelle. Mit Kasperls Inthronisation schließt sich der Kreis, das Volk wird, was es war, eine nackte, amorphe Masse, die ihrer Erweckung durch eine nächste unheilvolle Heilsgestalt harrt. Und damit darauf, dass der nächste böse Wurschtl die Welt übernimmt. Meister Siebentot sagt’s als Schlusssatz: „Und morgen komm‘ ich wieder …“

Wer nach dieser heftig akklamierten Aufführung Lust auf mehr Albert Drach hat, dem bietet das Hamakom ausreichend Gelegenheit, etwa am 22. Oktober mit einer szenischen Lesung des Romans „Unsentimentale Reise“, in dem er seine aberwitzige Flucht vor den Nazis bis nach Südfrankreich schildert, oder am 29. Oktober und 12. November mit der szenischen Einrichtung der drei Erzählungen „Ja Und Nein“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=mYDfAiUcTms

www.hamakom.at

www.albert-drach.at

  1. 10. 2018

Volkstheater: Alte Meister

Oktober 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei manische Dialogisierer

Rainer Galke, Lukas Holzhausen Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rainer Galke, Lukas Holzhausen
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Alles Geschriebene ist Fälschung. Formulierte Thomas Bernhard. Das trifft im Maße auf diesen Abend zu. Am Volkstheater inszenierte Dušan David Pařízek Bernhards „Alte Meister“. Und nicht nur das. Der Regisseur des Jahres besorgte auch gleich die Bühnenfassung des Romans von Österreichs unfreiwilligstem Nationaldichter. Wie problematisch das sein muss, wird man noch sehen. Eines vorweg ist Pařízek hervorragend gelungen, er hat des Autors vorgenommene Kategorisierung seines Werks als Komödie als Arbeitsauftrag verstanden und diesen erfüllt.

So fabulieren, fighten, fressen sie nun auf der Bühne des Volkstheaters. Musikkritiker Reger, der seit drei Jahrzehnten an jedem zweiten Vormittag den fiktiven Bordone-Saal des Kunsthistorischen Museums aufsucht, nur um in Tintorettos „Weißbärtigem Mann“ einen gravierenden Fehler zu entdecken, und Museumswärter Irrsigler, der den fast hündisch verehrten Philosophen kunstvoll abschirmt und sein Denken beschützt. Irrsigler ist das Sprachrohr Regers, fast alles, das Irrsigler sagt, hat Reger gesagt, seit über dreißig Jahren redet Irrsigler Reger’sche Sätze im Reger-Tonfall. Reger redet nicht nur durch Irrsigler, er denkt auch durch ihn.

Naturgemäß das beste aus seinem Kopf. Lukas Holzhausen ist dieser höher gestellte Kulturmensch mit Kunstsinn, er bespiegelt sich in Pařízeks Bühnenbild via Overheadfolienfotos als manieristischer Griesgram, Rainer Galke sein dumper Burgenländer, dessen höchstes Begehr ein Arbeitsplatz in Uniform ist – lebenslänglich in dasselbe Gewand zu schlüpfen und dieses lebenslängliche Gewand nicht einmal selber bezahlen zu müssen! Pařízek gestaltet statt der typischen Bernhard-Figur eines manischen Monologisierers einen Dialog zweier gleichberechtigter Sprachermächtigter. Das ist in dieser Art neu.

Denn Galke schenkt Holzhausen nichts. Angespannte Aufmerksamkeit in beiden Ecken des Kampfplatzes. Galke zwar beflissen, dem strengen Kunst-Richter zu gefallen, sein Leben eine einzige Prüfung, während der Holzhausen die Bernhard-Begriffe ganz Geistesaufbereitungsmaschine nahezu körperlich gebiert. Aber wer hier wen … nicht wahr? … ist eigentlich kaum mehr zu sagen. Weil die Welt bekanntlich ein Irrenhaus ist, könnte dieses Kunsthistorische Museum auch auf der Baumgartner Höhe stehen, Wärter ist ja schon da. Sozusagen Otto statt Richard Wagner. Der Herr des einen Ring entgeht der Reger-Schelte genauso wenig wie Beethoven, Mozart, Stifter, Dürer, Heidegger, Ur-Nazis allesamt, Staatskünstler und auch anderweitig Stümper, vom dubiosen habsburgischen Möchtegerngeschmack, schöngeistig widerlich, bis zu den provinzdilettantisch kulturbanausischen Sozialisten, Thomas Bernhard halt, und doch etwas mehr, denn Reger ist Witwer, und auch, wenn er seine Frau zur unglücklichsten überhaupt gemacht haben dürfte, er vermisst unverkennbar autobiographisch. Bernhard schrieb das Buch nach dem Tod von Hedwig Stavianicek. Regers Frau tritt auf. Mit nackten Männerbeinen und in schwarzen Stöckelschuhen. In einem Cocktailkleid. In ihr, der Abwesenden, liegt das tragische Grausen, die grausige Tragik des Bernhard-Texts. Auch diese Aufgabe teilen sich die vier Männer. Galke/Irrsigler; Holzhausen/Reger; in chemischem Sinne verwandt. Ein Wir-Denken im Wort-Strudel. Die Biografien verschwimmen zu einer.

Holzhausen und Galke agieren mit der szenischen Präsenz eines Clown-Duos. Von der Ohrfeigenorgie bis zum beherzten Biss in die Zehen wird an nichts gespart. Die Geige knarzt, der Strick wird um den Hals gelegt. Selbstverständlich das Selbstmordwort von einem, der im entscheidenden Moment vom Schemel steigt. In seiner Beamtenaktentasche hat Irrsigler alles, was Reger für seinen Irrsinn braucht. Kuhglocke, Papierschere für den Bilderstürmer, kalte Schnitzel. Rituale werden ausgeführt, Zigarettenrauch wird zum Nebeltag. Während sich der eine in Rage redet, versucht der andere mit Hilfe des Souffleurs das Burgenländische zu meistern. Düsseldorf grüßt Bruck an der Leitha. In ganz Europa gibt es kein ärmeres und kein schmutzigeres Land. Die Wiener reden den Burgenländern immer ein, dass das Burgenland ein schönes Land sei, weil sie diesen burgenländischen Schmutz und diesen burgenländischen Stumpfsinn auf Wienerisch perverse Weise als romantisch empfinden. „schware kindheid ghobt.“ – „Wie?“ – „schware kindheid ghobt.“ – „Wie?“ So unterhält man ein hiesiges Publikum. Man weiß nicht, ob es sie freut, im Stücksinn ist es eigentlich eine Beschimpfung, aber der Wahrheit verpflichtet, ist festzuhalten: Rainer Galke und Lukas Holzhausen haben das Zeug zu Publikumslieblingen.

Dass dem Abend dennoch etwas fehlt, hat nichts mit einer fehlenden Skandalkultur, mit einem Heutzutage, in dem keine Helden Platz haben, zu tun. Es ist auch schwer zu (be)schreiben, angesichts des eigenen Plädoyers, ein Stoff dürfe zwischen Medien changieren und sich wandeln. Und doch fehlt diesem Thomas-Bernhard-Abend der Thomas Bernhard. Die liturgische Litanei, die Wortkaskaden des Sprachkaskadeurs, dieses Eineinhalb Seiten ohne Punkt machen noch keinen ganzen Satz, dieses Atemholen ist etwas für Anfänger. Es fehlt auch an der Atzbacher’schen Distanz bei dessen gleichzeitig fehlender Distanziertheit. Im Roman ist der beobachtende Privatgelehrte Erzähler und Einschätzer, ein bezeichnender Bezeichner, tatsächlich ist alles, was an Nichthandlung geschieht, durch seine Wahrnehmung gefiltert, tatsächlich ist die Frage, was er wahr- und was falschnimmt. Eine Metaebene, die am Theater durchaus funktionieren kann, es bei Pařízek aber wohl nicht sollte. So bleibt ein perfekt performtes Duellduett. Von Dušan David Pařízek nach Thomas Bernhard. Tatsächlich am Abend in das Volkstheater und in Alte Meister gegangen. Die Vorstellung war hervorragend.  

www.volkstheater.at

Rainer Galke und Lukas Holzhausen im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15171

„Alte Meister. Komödie“, erschienen u. a. in: Suhrkamp Quarto, Thomas Bernhard. Die Romane. 1840 Seiten. Herausgegeben mit einem Nachwort von Martin Huber und Wendelin Schmidt-Dengler www.suhrkamp.de/suhrkamp_quarto_248.html

Wien, 19. 10. 2015

Neu am Volkstheater: Rainer Galke, Lukas Holzhausen

Oktober 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bernhard-Premiere mit „Alte Meister“

Lukas Holzhausen, Rainer Galke Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Lukas Holzhausen, Rainer Galke
Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Der eine kommt vom Düsseldorfer Schauspielhaus, der andere aus dem Züricher. Für beide ist es die erste schauspielerische Begegnung mit Thomas Bernhard. Rainer Galke und Lukas Holzhausen (mehr: www.volkstheater.at/person/rainer-galke/ www.volkstheater.at/person/lukas-holzhausen/) spielen am Volkstheater in Dušan David Pařízeks Regie „Alte Meister“, vom Regisseur des Jahres ist auch die Bühnenfassung: Seit dreißig Jahren besucht Musikphilosoph Reger das Kunsthistorische Museum, um im fiktiven Bordone-Saal Tintorettos Weißbärtigen Mann zu betrachten. Er will an diesem Meisterwerk einen „gravierenden Fehler“ entdecken. Museumswärter Irrsigler, der Reger seit ebenfalls dreißig Jahren kunstvoll abschirmt, ist von dieser seltsamen Tätigkeit in den Bann gezogen … Premiere ist am 18. Oktober. Galke und Holzhausen im Gespräch über Reger & Irrsigler, Jahreskarten fürs Museum und wie einem Bernhard „auf den Wecker gehen“ kann:

MM: Thomas Bernhard sagte einmal zu einer Journalistin: „Sie fragen mich Groscherlfragen und mir sollen die Hunderter aus dem Mund fallen“. Daran anschließend: Waren Sie schon im Kunsthistorischen Museum?

Rainer Galke: Ich war schon dort. Selbstverständlich. Und fürs Naturhistorische habe ich schon Jahreskarten besorgt, das begeistert meine Kinder nämlich mehr.

Lukas Holzhausen: Da war ich noch überhaupt nicht drin! Ist das interessant? Aber da ich davon ausgehe, dass Sie Ihre Frage auch ernst meinen: Es geht in „Alte Meister“ ums Kunsthistorische Museum nur als Vehikel für die Betrachtung, was Kunst für eine Gesellschaft bedeutet. Und die Figur Reger braucht einen Raum, in dem sie sich aufhalten kann, also geht sie ins Museum.

MM: Dušan David Pařízek hat Bernhards Roman für die Bühne bearbeitet. Im Roman kommen vor: Musikphilosoph Reger, Museumswärter Irrsigler, der Privatgelehrte Atzbacher, wenn man will Regers verstorbene Frau und ein Engländer. Sie sind zu zweit, Sie beschäftigen sich als Schauspieler beide erstmals mit Bernhard. Wie legen Sie’s an?

Galke: Also den Waliser haben wir gestrichen. Einen Reger gibt es auf jeden Fall. Einen Irrsigler wahrscheinlich auch. Wie das dann aufgelöst wird? Lassen Sie sich überraschen, wer in unserer Variante letztlich wessen Sprachrohr ist.

Holzhausen: Wir haben die Reflexionsebene, also, dass ständig einer berichtet, was der andere sagt, in die direkte Rede geholt, sonst wird es für das Publikum langweilig. Die formalen Verschachtelungen des Romans lösen wir auf. Wir lösen aber auch diese kabarettistische Sicht auf, die man auf Bernhard und sein Schimpfen in Österreich einnimmt, seit man ihn in den „normalen“ Literaturkanon geholt hat. Im Roman und jetzt im Stück gibt es einen Schmerzpunkt. Das ist der Tod von Regers geliebter Frau. Das habe ich selber erst beim dritten Mal Lesen gespürt, nachdem mir das Buch vorher wahnsinnig auf den Wecker gegangen ist. Nun spüre ich diesem Schmerz bis auf den Grund nach, der Frage, wie man’s überhaupt aushalten kann auf dieser Welt, in der Gewissheit weiterleben zu müssen. Das ist der Nährboden für die Selbstmordfantasien der Figur.

MM: Das klingt alles todernst und tieftraurig. Der Autor nennt seinen Roman schon noch Komödie. Bei Bernhard ist das Eins-zu-Eins -Nehmen seiner Figuren ein schmaler Grat.

Holzhausen: Mich erinnert „Alte Meister“ sehr an Becketts „Endspiel“. Bernhard ist ein Ozean an Gedanken, da ist alles formuliert. Ich hätte nicht gedacht, dass er so ein zeitgemäßer Ausdruck für mein Lebensgefühl ist. Regers großer Schmerz ist eine singuläre Erscheinung in Bernhards Werk. Das heißt, das ist ein spezieller Aspekt, ein biografisch grundierter Aspekt. Ich hoffe trotzdem, dass es lustig ist. Der Roman heißt Komödie. Unser Stück ist eine intellektuelle Clownerie.

MM: Was ist für Sie an Thomas Bernhard das Allgemeingültige, was das österreichische?

Holzhausen lacht.

Galke: Persönlich gesprochen, es ist gerade schwer, in Österreich anzukommen und dieses Stück vor der Brust zu haben, wo einer auf alles schimpft, den Staat als marode bezeichnet, die Menschen verachtet. Wo ich doch gerade versuche, hier einen Fuß auf den Boden zu bringen und mein Leben für längere Zeit hier einzurichten. Andererseits ist natürlich, was er Reger über den Kulturbetrieb in den Mund legt, sehr drastisch, sehr überspitzt, zugleich sieht man aber auch Parallelen zu Deutschland, die durchaus der Wahrheit entsprechen.

Holzhausen: Ich bin zu kurz in Wien, um mich da festzulegen. Ich komme vom Schauspielhaus Zürich, und was die Schweiz betrifft, kann ich sagen, dass Kunst und Kultur dort viel nebensächlicher konsumiert werden als hier. Die Schweizer machen alles richtig, das ist das beste Land der Welt, mit dieser Mentalität lässt man sich doch nichts sagen. Die Schweizer „brauchen“ das Theater nicht, diese merkwürdig vergängliche Kunst, die man nicht im Salon aufstellen oder aufhängen kann, mit der man vor Freunden nicht protzen kann. Ich debütiere ja erst in Wien, aber ich beobachte, wie viele ins Volkstheater, das ja nun wirklich nicht wenige Sitzplätze hat, kommen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man sich als Kulturnation versteht, dass hier Kunst alles ist. Sieht man ja auch an den Touristenströmen. In der Schweiz würde sich niemand im Theater so beschimpfen lassen, die Schweizer würden so viel Selbstkritik nicht ertragen, Jelinek, Handke, Schwab, die Einmischung in den politischen Diskurs, da würden die Leute gar nicht reingehen. In Österreich ist man mit dem Theater per Du, in Wien ist das Bedürfnis sich aufzuregen ein ganz eigener Antrieb.

MM: Denken Sie, dass das noch so ist? Das Theater als Erregungsanstalt?

Galke: Ich glaube schon. Darum haben wir uns auch am Düsseldorfer Schauspielhaus, wo ich zuletzt engagiert war, bemüht. Man kann sich aber nur über etwas empören, dass im tiefsten Kern wahr ist. Das aufzuzeigen war die Stärke Thomas Bernhards. Wir versuchen das Zeitlose an seiner Kritik in den Vordergrund zu stellen, dann meine ich, könnte es heute auch möglich sein, dass sich jemand aufregt.

Holzhausen: Es ist viel schwieriger geworden am Theater Skandal zu erzeugen, dafür gibt es jetzt andere Foren. Die Kämpfe verlagern sich in die sozialen Netzwerke. Skandal ist aber gar nicht unser Ziel, wir wollen zwei Figuren zeigen und was sie mit- und aneinander haben. Reger ist bewegt von Bernhards paranoidem Gedankengebilde, Staatskünstler zu sein. Das ist erzählenswert. Und wie der einfachere Irrsigler im Gegensatz zu ihm gut leben kann.

MM: Irrsigler ist Burgenländer. Kennen Sie schon einen Burgenländerwitz?

Galke: Ach, das sind die hiesigen Ostfriesen! Wie viele Burgenländer braucht man um eine Glühbirne …

MM: Schön! Wo sehen Sie Unterschiede zwischen dem österreichischen, dem berühmten deutschen und dem noch viel berühmteren Schweizer Humor?

Holzhausen: Humor ist in der Schweiz eine Erbärmlichkeit. Ich bin Österreich die Kabarettisten, allen voran Josef Hader, sehr neidig. Wie der Gemeines ganz charmant und unterhaltsam präsentieren kann.

Galke: Das ist ja das Gemeine daran. Das ist die Falle, in die wir Deutschen im Umgang mit den Österreichern gern tappen. Deutscher Humor ist Schenkelklopfen und Vier-Viertel-Takt-Klatschen. Der qualitätsvolle beschränkt sich auf Loriot und Hape Kerkeling. Ende. Und weil vorhin die Autoren Jelinek, Schwab etc. genannt wurden: In Deutschland wird streng getrennt zwischen Unterhaltung und tiefernster Aussage, da fehlt es an der Leichtigkeit solcher Dramatiker.

MM: Erzählen Sie mal was über sich: Männedorf trifft Meerburg in Wien. Wie soll das werden?

Galke: Als ich mich mit Anna Badora wegen des Engagements getroffen habe, war ich zum ersten Mal in Wien. Ich bin ganz neu und ganz zurückhaltend und sehr devot und warte, was passieren wird. Bis jetzt waren alle sehr nett und zuvorkommend. Meine Familie ist da, meine Kinder werden in der Schule sprachlich zu kleinen Wienern. Ich muss mal gucken, dass ich alles verstehe, was sie sagen. Warum sagen Sie eigentlich zum Kellner „Herr Ober“?

MM: Weil er im Caféhaus der Herr ist und hierarchisch ober den Gästen steht. Ich weiß es nicht.

Holzhausen: Was das werden soll? Viel Spaß am Spielen! Meine Frau Anja Herden ist jetzt auch hier am Haus. Das freut uns sehr. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich gemeinsam zu präsentieren? Wir freuen uns, bei einem Neuanfang dabei zu sein, wir freuen uns über Anna Badoras Mut, Neues zu versuchen. Wir lieben die leicht abgefuckte Optik des Hauses, aber da soll sich ja bald was tun.

MM: Anja Herden ist in der Volx-Bezirke-Produktion von Yasmina Rezas „Ihre Version des Spiels“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15092) zu sehen. Auch Sie werden in den Bezirken arbeiten, Sie inszenieren Thomas Glavinics erstes Bühnenstück „Mugshots“ im April 2016. Apropos, abgefuckt …

Holzhausen: Jaja, ich war schon auf Spielortebesichtigungstour. Großartig, was es da zu sehen gibt. SiMM City! Ich habe zunächst Sin City verstanden. Ich überlege schon, wie ich eine Produktion für so viele verschiedene Stätten adaptieren kann. Aber sehen Sie, das ist wieder was Tolles, wie hier in Wien Theater zu den Leuten gebracht wird.

MM: Um zum Ende noch eine Groscherlfrage anzubringen: Auf einem ersten Foto zu „Alte Meister“ zeigen Sie beide viel Bein. Was hat’s damit auf sich?

Holzhausen: Das ist unsere Art zu sagen: Sire, geben Sie Beinfreiheit.

Galke: Wir haben einfach die Beine, die man zeigen kann, insofern verstehe ich Ihre Frage nicht.

www.volkstheater.at

www.rainergalke.de

Außerdem Neu am Volkstheater:

Nils Rovira-Muñoz: www.mottingers-meinung.at/?p=14477

Jan Thümer: www.mottingers-meinung.at/?p=14810

Wien, 6. 10. 2015