Schauspielhaus Wien: Mehr Zeit für Probleme

Dezember 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlechtnachbarlicher Seelenstriptease im Schwimmbad

Plitsch-Platsch reinköpfeln in die Probleme: Vera von Gunten, Til Schindler und Steffen Link. Bild: Laura Malmberg

Der Chlorgeruch, der einem beim Eintreten entgegenschlägt, ist dermaßen atemraubend, dass es manchem hochkommt. Das Andenken natürlich. Ans gute, alte Hallenbad. Als ein solches ward nun das Nachbarhaus/USUS im Schauspielhaus Wien von Patrick Loibl blau verfliest, dazu Stahltreppe und Startstockerl, weil Regisseurin Johanna Mitulla den ersten ihres Dreiteilers „Mehr Zeit für Probleme“ in eine Schwimmanstalt verlegt hat. „Nachbarn“ ist der Titel von Folge 1, und Mitulla sagt danach im Gespräch, sie hätte sich fürs Setting entschieden, Sinnbild für Seelenstriptease, weil am Pool die Menschen fast nackt wären.

Der perfekte Platz also fürs Team zur Nabelschau anzutreten, denn der Text, der einem in der kommenden Stunde zu Gehör gebracht wird, ist entstanden aus Anekdoten von Hausmitgliedern aller Sparten, und darum geht’s auch: Ums Mitein-, Gegenein- , Aneinander mit den oben einem, unter einem, links, rechts Lebenden – die Hausgemeinschaft in guten wie in bösen Tagen. Und Nächten. Vieles wird hier unterschriftsfertig dargeboten, laute Musik zu finsterer Stunde, Getrampel, als würde einer in Goiserern rumlaufen, die Hassliebe zum keifenden Hund von nebenan, ebenso zu den plärrenden Bälgern im Hof.

Vera von Gunten, Steffen Link und Til Schindler spielen diese Stories, von Vanessa Sampaio Borgmann eingekleidet mit Badekleidchen, Socken, Plastiksandalen, auch die eine Kindheitserinnerung – als Seeigelschutz in Kroatien, Schindler in einer großartig großpaillettigen Badehose, die Wangen vom heißen Dampf gerötet, die Haare vom Wasser feucht. Aus Smalltalk an der Stahlstiege/Stiegenhaus wird schnell ein Reinköpfeln ins Räsonieren. Einigkeit entsteht erst durch Schaffen eines Feindbildes – das selbstverständlich der gerade nicht anwesende Nachbar, ob Sonderling, Störenfried, Schreckschraube, alte Schachtel, oder wahlweise das Chinalokal im Erdgeschoss ist. Dies dann das Alle-gegen-einen-Szenario, wenn in schönster Eintracht beratschlagt wird, wie die gelbe Gefahr am besten anonym anzuzeigen sei.

Nachbarn, sind sich die drei einig, sind keine Freunde. Pakete annehmen geht grad noch, da wäscht ja sozusagen eine Hand die andere, aber bitte nicht bei Hausbrand anläuten. Schon gar nicht um fünf Uhr morgens, da ist man nämlich kein freundliches Gegenüber, sondern lediglich das Eindringlingsdings. Von Gunten, Link und Schindler sind versiert im Aneinander-Vorbeireden statt Einander-Zuhören, jeder druckt dem anderen hier sein Gschichtl. Ohne Rücksicht auf Verluste. Und apropos, die Wienerherz-goldige Satire ist in Höchstform, wenn Link die „Ganz Paris träumt von der Liebe“-Melodie mit Lärmbelästigungslyrics singt.

Warum Schindler das Knie eingefascht hat oder: Das Springen vom Beckenrand ist nicht verboten. Bild: Laura Malmberg

Socken, Plastiksandalen, Badekleid, Kindheitserinnerungen: Vera von Gunten von unten. Bild: Laura Malmberg

Bald wünscht einer dem anderen dessen persönlichen Badeschluss. Plitsch-Platsch wird entlang des Publikums rückengekrault. In einer Sketchrunde ist man einander mit Spickzetteln bewehrter Souffleur. Sehr spaßig ist, wie Schindler von Gunten vormacht, wie Nachhause kommen bis Zubettgehen in nur vier geräuscharmen Gängen zu absolvieren ist, weniger, wenn er sich, von einem Nachbarn zum Kaffee eingeladen, beinah sexuell belästigt fühlt. Es gebe eben, erklärt Mitulla ein strenges Reglement unter Hausbewohnern, das habe sie in Wien erfahren, dass den Wienern nach Situationen nicht zu vermeidender Nähe, beispielsweise im Aufzug, die Wohnung als Ort zum raschen Rückzug umso wichtiger sei.

Vera von Gunten, als „Prominente“ im Lift vom Jeder-Wiener-ein-Theaterkritiker deppert angemacht, flüchtet – was hier nur raus in die abendliche Kälte der Porzellangasse geht. Und es ist herrlich, wie die Passanten ob des Spektakels schauen und staunen, die Schauspielhaus-Nachbarschaft, die vorbeigeht oder auf dem Rad vorüberfährt, und vom Scheinwerferlicht angelockt durch die hohen USUS-Fenster in dessen Inneres späht. „Man wächst nicht an Problemen, man geht an ihnen zugrunde“ (© Steffen Link), ist eine der Weisheiten, die man erfährt, und warum Til Schindler sein Knie eingefascht hat. Dazu nur dies: das Springen vom Beckenrand ist in dieser Produktion nicht verboten …

Johanna Mitulla beschäftigt sich derweil schon mit „Mehr Zeit für Probleme. Folge 2: Hobbies“, ein Bereich, meint sie, zu dem Diverses an Assoziation möglich sei, und an dem sie am meisten interessiere, dass „ein Begriff, der früher mit Freude und Freizeit verbunden war, heute auf jene zugeschnitten wird, die gesellschaftlich auf dem absteigenden Ast sind“. Weil, wer beruflich erfolgreich ist, keine Mußestunden ergo keinen Zeitvertreib hat. Mehr darüber bei der Premiere am 31. Jänner. Folge 3 folgt im März.

Video: www.youtube.com/watch?v=NUqNyJTWaLw           www.schauspielhaus.at

  1. 12. 2019

Belvedere: Mehr als ZERO – Hans Bischoffshausen

Oktober 7, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Österreichs Meister der Monochromie

Bischoffshausen vor Gemälde "Der Mann mit dem Schmetterling 1954“, um 1960 © Archiv Bischoffshausen, 2015, Bild: Belvedere, Wien

Bischoffshausen vor Gemälde „Der Mann mit dem Schmetterling 1954“, um 1960 © Archiv Bischoffshausen, 2015, Bild: Belvedere, Wien

Ab 8. Oktober würdigt das Belvedere den Kärntner Maler Hans Bischoffshausen mit einer großen retrospektiven Ausstellung. Titel: „Mehr als ZERO“. Der 1927 in Feld am See geborene Künstler zählt zu den wesentlichen Vertretern der österreichischen Nachkriegsavantgarde der 1950er- und 1960er-Jahre. Seine Ausstellungen in Venedig, Mailand und Paris ließen Bischoffshausen erste Erfahrungen mit der ZERO-Bewegung und der Malerei der Monochromie machen.

Seine zunächst düstere und materialbezogene Kunst entwickelte sich im Sinne des Purismus von ZERO hin zu klaren Formen und Strukturen. Bischoffshausens monochrome Strukturbilder der 1960er-Jahre sind Ausdruck seiner intensiven Auseinandersetzung mit der Stille, über die er die Welt zu begreifen versuchte. „Ich treibe die Askese bis zum Ende“, beschrieb der Künstler seine Intention. Unvergessen auch jener „Club 2“ im Jahr 1979, in dem er eine Schweigeminute forderte.

Die Schau in der Orangerie des Belvedere beschränkt sich nicht nur auf die ZERO-Periode Bischoffshausens, sie widmet sich allen bildnerischen Hauptwerken des Multitalents. Aufgezeigt werden die künstlerischen Wechselbeziehungen zu Malerkollegen aus Frankreich, Deutschland, Italien und Holland. „Wo, wenn nicht im Museum für österreichische Kunst sollte diese kultur- und kunsthistorische Aufarbeitung geleistet und gezeigt werden?“, betont Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco bei der Pressekonferenz am Mittwoch und ergänzt: „Zumal die kritische Aufarbeitung und Revision wichtiger Kapitel der heimischen Nachkriegskunstgeschichte in diesem Museum einen festen Ort und konzentrierte Kompetenz gefunden hat.“

Bischoffshausens reduziertes, die Grenzen der Malerei auslotendes, materialbezogenes Schaffen hatte er im Zusammenhang mit seinen Reisen nach Italien und Frankreich bereits sehr früh entwickelt. Ausstellungsbesuche in Galerien von Venedig und Mailand legten den Grundstein zu einer Kunst, die immer weiter die Grenzen der Malerei ertastete. War sein Schaffen anfänglich noch von einer gestischen, abstrakten Malerei geprägt, fand er mit Materialien wie Sand, Zement, Lochungen oder Brandspuren zu einer neuen Formensprache. „Mit Arnulf Rainer, Maria Lassnig, Friedensreich Hundertwasser, Josef Mikl, Markus Prachensky und Hans Staudacher gehörte Bischoffshausen zu den Künstlern, die bereits Mitte der 1950er-Jahre innerhalb der internationalen Avantgardeszene auf sich aufmerksam machten“, sagt Ausstellungskurator Harald Krejci. In Österreich war Bischoffshausen nicht unumstritten. So schrieb etwa Walther Nowotny von der Volkszeitung anlässlich einer ZERO-Schau: „Die vier Künstler … bezeichnen sich also als Nullen. Ja – da möchte ich nicht widersprechen.“

Die Freundschaft mit dem italienischen Avantgardekünstler Lucio Fontana, der durch seine Schnittbilder weltberühmt wurde, öffnete Bischoffshausens Werkbegriff, an dem er nach seinem Umzug nach Paris 1959 konsequent weiterarbeitete. Bischoffshausen fand rasch Eingang in die französische Künstlerszene. Der bildende Künstler und ZERO-Vertreter Bernard Aubertin wurde zu einem wichtigen Wegbegleiter. Zwischen 1962 und 1965 nahm Bischoffshausens Karriere einen intensiven Verlauf, Ausstellungen in Frankreich und Deutschland sowie Beteiligungen in Italien waren die Folge. Kontakte zur internationalen Künstlergruppierung NUL um Jan Schoonhoven ermöglichten ihm, auch in Holland künstlerisch zu reüssieren. Ebenso sind seine Freundschaften mit Herman de Vries oder Heinz Mack Thema der Ausstellung.

Die Ausstellung versucht, den Bogen von den ersten Materialbildern der 1950er-Jahre bis zur Pariser Zeit der ZERO-Bewegung zu spannen. Erstmals werden aber auch die 1970er- und 1980er-Jahre beleuchtet. Bischoffshausen gehört heute neben seinem Künstlerfreund Erwin Thorn zu den wenigen österreichischen Vertretern der ZERO-Bewegung. Zu Unrecht ist er in Europa wenig bekannt. Dass Bischoffshausen genau wusste, in welche Richtung seine Kunst gehen würde, zeigt eine Anekdote, über die er seinen Schwiegereltern in einem Brief schrieb: „Ein Galerietrottel sagte zu mir: Was wollen Sie? Was Sie machen ist das Ende der Malerei. Sie irren sich, habe ich geantwortet, hier beginnt die moderne Malerei überhaupt erst.“

www.belvedere.at

Wien, 7. 10. 2015