TAG: Medea – Ich, ich, ich, ich!

Dezember 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Ausländerin einfach abschieben

Michaela Kaspar als vor Zorn rasende Andrea/Medea: Bild: Anna Stöcher

Da die Darsteller bei ihrem ersten Auftreten als attischer Chor Masken tragen, verweist dies bereits darauf, dass das Drama zur Groteske werden wird. Der Mythos der mord- lüsternen Medea als spöttische Auseinander- setzung mit den Bürgern der Polis – so originalgetreu überschrieben hat Gernot Plass Euripides, und dem Namen der Barbarenprinzes- sin vier Ichs angefügt. Kenn- zeichnung einer Ego-Gesell- schaft, in der jeder für sich und gegen alle anderen ist.

„Medea – Ich, ich, ich, ich!“, uraufgeführt am Wochenende im TAG, ist die komplett unterschiedliche, sich total gleichende Geschichte mit Ursprung Argonautensage, Andrea und Walter aka Medea und Jason als Yuppie-Paar, das die geschmackvoll-weiße Couch allerdings nicht zur Ehetherapie nutzt. Nein, zwischen Michaela Kaspar und Julian Loidl geht’s handfest zur Sache, ein Streit wegen des Gatten Seitensprung eskaliert, dieweil der Chor eben noch vor hochgespieltem Individualismus warnte, schlimmer ist es als die Frau befürchtet hat: Das Pantscherl basiert auf politischem Kalkül. Walter gesteht freimütig, ihm sei das höhere Töchterl Elisa lieber als die angetraute Lebensabschnittspartnerin.

Deren Vater Peter, früher König Kreon von Korinth, ist immerhin Bürgermeister, und Elisa/Kreusa beileibe nicht untätig, träufelt sie’s doch wie Gift in Daddys Ohr, er solle die Ausländerin per Dekret abschieben, die Fremde ein für alle Mal aus der Stadt entfernen lassen. Für Andreas Kinderchen hingegen hat Elisa durchaus Verwendung, wie schön, auf Mutti machen zu können, ohne die Unbill des Gebärens. Über so viel Chuzpe seiner Lendenfrucht steht sogar Jens Claßens Peter der Mund offen, er wird dennoch den Wunsch Elisas zu erfüllen trachten.

Walter/Jason will Lebensabschnittsgattin Andrea abschieben: Julian Loidl und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Bürgermeister Peter und Tochter Elisa aka Kreon und Kreusa: Jens Claßen und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Messerattentäterin Andrea tötet Ehekonkurrentin Elisa: Michaela Kaspar und Lisa Schrammel. Bild: Anna Stöcher

Der weinende Walter, die triumphierend blutverschmierte Andrea: Julia Loidl mit Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

Lisa Schrammel schlüpft in diese Rolle, der Charakter der Kreusa von Gernot Plass, wiewohl er die griechische Tragödie insgesamt auf ihre immer noch Gültigkeit abklopft und für gut befindet, der am meisten ins Heute gehievte, denn Elisa ist ein manipulatives, machthaberisches Upper-Class-Miststück fernab jeder Jungmädchen- haftigkeit, geschweige denn Mitmenschlichkeit. Es macht einen frösteln, wie Plass die Figuren zwischen TAG-typischem Geplänkel und aggressivster Kontroverse wechseln lässt. Seine „Medea“ ist ein entsetzliches Vergnügen, der irrwitzige Plot um Beziehungskisten angereichert um den Wahnsinn der Themen Rassismus und Xenophobie – ein Fazit zum Umgang der selbsternannten Ersten mit der sogenannten Dritten Welt.

Selbstverständlich wird auch diesmal das Schlachtfeld der sexuellen Untreue mit Blut begossen, im ewig währenden Kampf der Geschlechter schont die Inszenierung niemanden. Vor allem Kaspar und Schrammel gehen mit brutaler Gewalt in den Infight, die europäische Bildungsbürgerin und die zu entsorgende Ehefrau aus einer, wieder und wieder wird’s gesagt, rückständigeren „Kultur“. Kaspar kann grandios toben, im Wortsinn archaisch – und wie!, Schrammel so groß- wie unartig skrupellos sein, letztlich aber, eine so schlimme, wie die andere, überlappen die beiden Plass-Charaktere. Schauderhaft die Szene, in der Elisa endlich die Beherrschung verliert und kaltschnäuzig zugibt, sie hätte sich die Bastardsöhne zwecks „für uns die Drecksarbeit erledigen“ ins Haus geholt, grauenvoll die Reaktion Andreas, die zur Vermeidung der Ausweisung erst Peter anbaggert, bis –

Der Chor der attischen Tragödie: Julian Loidl, Jens Claßen, Lisa Schrammel und Michaela Kaspar. Bild: Anna Stöcher

sie beginnt, die Leichen zu Bergen zu stapeln. Auf diese Bestialität hat sich die Aufführung hundert atemlose Minuten lang zugespitzt, der Abend ist von der ersten bis zur letzten von fiebrig vibrierender Spannung, alle beständig am Rande des Nervenzusammenbruchs, weil der Existenzbedrohung, auch Claßens gern mal laut werdender Lokalpolitiker, auch Loidls begriffsstutziger, Schwanz einziehender Anti-Held, der ja zumindest seit Grillparzer zum rückgratlosen Schwächling deklariert ist. Derart changiert „Medea – Ich, ich, ich, ich!“ im TAG von literarischen Bezügen zu deren Brüchen.

Die Sprache des Plass’schen Textes ist stark, seine Umsetzung auf der Bühne intensiv, zwischen Gut und Böse sind die Figuren hier jenseits von … und das Publikum mal bitter lachend, mal betreten Innenschau haltend. Medea/Andrea schießt sich ins Aus durch einen martialischen Spruch, den sie in ihrer Wut ausstößt. Bekannt kommt einem dieser Satz vor. „Was? ‚Ich bring sie um?‘ Mein Gott! Das wird man doch noch sagen dürfen!!!“

 

dastag.at

  1. 12. 2019

Burgtheater: Medea

Dezember 21, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Magierin endgültig entzaubert

Die Söhne zeigen Clara das Sex-Video ihrer Eltern: Steven Scharf als Lucas, Caroline Peters als Anna, Mavie Hörbiger als Clara, Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Regisseur Simon Stone, für seine Stückeüberschreibungen so gerühmt wie gerügt, hat diesmal nach dem Medea-Mythos gegriffen, und zeigt seine vor vier Jahren über Amsterdam und London entwickelte und immer noch durch Europa tourende Arbeit nun als deutschsprachige Erstaufführung am Burgtheater. „Nach Euripides“ nennt er bescheiden sein Elaborat, und mit dieser Art Etikettenschwindel ist es so eine Sache.

Denn einerseits hat Stone mit seinem trivialen Text die der Magie mächtige Königstochter aus Kolchis dermaßen endgültig entzaubert, dass ihr das von seinen Vorgängern Corneille, Grillparzer, Anouilh hochgehaltene Antikenideal des Archetypischen völlig abhandengekommen ist. Andererseits aber funktioniert seine Alltagsfrau als Bühnenfigur überzeugend gut. Was nicht zuletzt deren Darstellerin Caroline Peters zu danken ist.

Stones „Medea“ ist nicht mehr die Fremde, sondern sich selbst entfremdet, die einst Überlebensgroße nun frisch entlassene Psychiatriepatientin und gerade erst wieder nach Hause gekommen. Diese Geschichte hat Stone einem tatsächlichen Kriminalfall aus Kansas City/USA nachempfunden. Dort vergiftete eine Ärztin ihren ebenfalls Mediziner-Ehemann wegen dessen Affäre mit einer Krankenschwester sukzessive mit Rizinsamen. Als die Tat aufflog, steckte die Frau das Haus in Brand und nahm ihren Söhnen so das Leben. Simon Stone verformt nun König Kreons Korinth in ein Pharmaunternehmen, in dem Anna und Lucas Karriere mit der Entwicklung potenzfördernder Medikamente machen.

Das heißt, bald wird klar, er macht diese, sie, seine ehemalige Vorgesetzte, für die er erst nicht mehr als ein Firmenfeiernfick war (das F-Wort fällt im Text in regelmäßigen Abständen), hat auf den beruflichen Aufstieg zugunsten der Söhne Edgar und Georg verzichtet. Vorkommen des Weiteren, neben der Therapeutin Anne-Marie-Lou und Annas neuem Arbeitgeber Herbert, zwei für die Handlung entbehrlichen Figuren, Lucas‘ Geliebte Clara, die Kreusa-Rolle, sowie deren Bruder und Big Boss Christoph. Als Setting hat sich Stone von Bob Cousins einen klinisch weißen, vollkommen leeren Kubus bauen lassen, dessen obere Hälfte aus einer riesigen, auch absenkbaren Leinwand besteht, auf die man versucht ist, bald öfter zu schauen, als auf das Bühnengeschehen; die Großkaufhauskostüme sind von An D’Huys und Fauve Ryckebusch.

Verzweiflung einer Entfremdeten: Steven Scharf als Lucas und Caroline Peters als Anna. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Tod der Clara: Mavie Hörbiger mit Quentin Retzl als Georg und Wenzel Witura als Edgar. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Darin brilliert die Peters. Die Schauspielerin des Jahres erschafft auch diesmal einen Charakter, dem man sich unmöglich entziehen kann. Ihre moderne Medea-Anna entert das Geschehen, aufgesetzt heiter, eindeutig unter dem Einfluss von Psychopharmaka, weshalb sie, denn diese, sagt sie, halten Anna im Gleichgewicht, ihrer Situation auch satirisch begegnet. Nicht, dass das zum Lachen wäre, nein, denn Anna ist überzeugt, dass auch nach ihrem Vergiftungsversuch ein Neuanfang mit der Familie möglich ist.

Und wie Caroline Peters‘ Anna, auf der Großübertragung perfekt zu sehen, mit ihren zuckenden Gesichtszügen, mal verächtlich, mal verzweifelt verzogenen Mundwinkeln, kämpft, die eigene Seele ausgesaugt und dabei, andere Seelen auszusaugen, sich der gewesenen und der kommenden Schuld bewusst, das ist große Kunst. Die Raserei sozusagen vorprogrammiert. Was rund um die Peters passiert, ist schon bedeutend blasser.

Etwa, ebenfalls in Cinemascope, Lucas, sprachlos, den Steven Scharf als Paradebeispiel eines Pragmatikers spielt, dem die Ex peinlich im Wege steht.

Entsprechend überfordert agiert er gegenüber der fordernden Leidenschaft der Wiederkehrerin. Fast scheint’s, als hätten ihm deren Psychiater geraten, den Ball bei der ersten Begegnung flach zu halten, um die Patientin nicht aufzuregen. „Abklatsch eines Mannes“ nennt Anna ihn, und so distanziert, so neben sich steht dieser Lucas da. Und so lässt er sich auch zum Sex mit Anna hinreißen, eine Szene, die die Söhne – bei der Premiere die großartig zwischen sich in die Ecke drängendem Vater und ausgeflippt-alkoholisierter Mutter agierenden Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg – filmen, nur um das Video später Clara zu zeigen.

Dieser Clara verleiht Mavie Hörbiger ihre zarte Gestalt. Im Versuch stark zu sein, ringt sie mit Selbstbewusstsein und Selbstironie um ihre Liebe zu Lucas, Edgar und Georg – bis zum bitteren Ende. Dass ihr Bruder, Christoph Luser als Christoph, von Lucas schließlich Entschlusskraft und Entscheidung verlangt, ist der Knackpunkt, der die Katastrophe ins Rollen bringt. Stone erzählt das alles in parallel laufenden Szenen, immer wieder stehen Figuren auf der Bühne, zu denen die Fäden längst gekappt sind, doch macht das die Aufführung nur noch bedrängender, zwingender, bedrohlicher. Die Sterbebilder schließlich sind so poetisch wie drastisch. Bestehend aus Flaschenblut und Ascheregen. Eine plötzliche Eskalation in dieser unterkühlten, auf Künstlichkeit setzenden Inszenierung.

Ende in der Asche, Medea mordet ihre Kinder: Caroline Peters als Anna, Wenzel Witura als Edgar und Quentin Retzl als Georg. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Das Premierenpublikum zollte so frenetisch Applaus, als wär’s ein gemeinsames Aufatmen nach dem gewaltsamen Schluss. Auch Irina Sulaver als Sozialarbeiterin Anne-Marie-Lou und Falk Rockstroh als Buchhändler Herbert wurden bejubelt. Dennoch, zu den wirklich großen Medea-Fassungen wird sich diese Adaption eines Zeitungsartikels kaum je zählen lassen.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2018

Volkstheater: Medea

November 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon lange nicht mehr war Grillparzer so aktuell

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger als urgewaltige Medea mit den Kindern Phillip Bauer und Nikolaus Baumgartner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Medea“, Grillparzers atemraubend furioses Dramatisches Gedicht, hat man freilich schon gesehen. Mal pathetisch, mal sperrig, 2004 rührte Birgit Minichmayr an der Seite von Michael Maertens sogar zu Tränen. Doch mutmaßlich noch nie war der letzte Teil dieser der Antike entliehenen Trilogie so aktuell wie diesmal. Das ist zum einen dem Unfug und den Unsitten dieser Tage geschuldet.

Zum anderen Volkstheaterdirektorin Anna Badora zu danken, die mit ihrer Neuinszenierung am Haus neue Maßstäbe setzt. Sie konzentriert sich in ihrer Arbeit auf die Fragen nach dem Anderssein, ergo Ausgegrenzt- und Ausgestoßen sein; fremd ist gleich Frau ist gleich Medea, was die Männerbündler in ihrer Angst vor dem Unbekannten maximal zu sexuellen Übergriffen reizt. Doch auch Heimkehrer Jason findet in Griechenland kein Zuhause mehr, er ist zum Flüchtling geworden, immer unstet, immer unterwegs – und keine Rettung nirgendwo. In Korinth schließlich beginnt die Wertediskussion, „unsere“ Regeln und „deren“ Gebräuche“, Medea wird aufgefordert ihre Kleidung anzupassen, ihre Söhne sind bereits in das eingeführt, was sich Zivilisation nennt. Dabei helfen ein schönerer Teddybär und ein neuerer Ball.

Und während Seinesgleichen noch bereit sind, Jason wieder in ihrer aufgeklärten Mitte aufzunehmen, wird der Wilden, der Unangepassten, der Freiheitsliebenden das Asyl verweigert. Nicht überzeugend genug waren ihre Anstrengungen, sich assimilieren, sich ändern zu wollen. Sie hat ihr Integrationsjahr nicht genutzt, lieber vollverschleiert martialische Tänze aufgeführt, das Urteil lautet daher Verbannung. Badora hat in kühnen Strichen atmosphärisch dichte Bilder gemalt. In Thilo Reuthers Bühnenbildbunker entwirft sie das Grillparzer’sche Schnetzeln und Metzeln als intimes Familientableau, zeigt wie das Politische das Private unter sich zermalmt, Stefanie Reinsperger und Gábor Biedermann in einem Infight, in Zank und Hader wie eine mythologische Version von Martha und George, und einen Boden, Wände, die sich bewegen und drehen, eine Zeit, die nicht mehr aufgehalten werden kann.

Rückblende - ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfrend zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rückblende – ein Albtraum aus der Vergangenheit: Aietes zwingt das Kind Medea den Gastfreund zu töten: Michael Abendroth und Luana Otto. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Männer verhöhnen die Rituale der fremden Frauen: Anja Herden als Gora, Günter Franzmeier als Kreon, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klug verwebt sie die ersten beiden Teile „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“ in die Aufführung. Die wichtigsten Szenen daraus erscheinen wie Albträume, Weissagungen, Rückblenden an den Moment, an dem das Leben auch eine andere Wendung hätte nehmen können. Nicht alle im sehr spielfreudigen und gutgelaunten Ensemble sind gleich versiert darin, Grillparzers komplexe Sprache, seine komplizierten Verse über die Rampe zu bringen. Und so klingt bei den einen nur wie Behauptung, was die anderen gekonnt als Selbstbehauptung kommunizieren können. Dass ganz auffällig „gespielt“ wird, hat seine Berechtigung, hat hier doch beinah jeder jedem etwas vorzustellen, dass er eigentlich gar nicht ist.

Im Zentrum steht, wie Mutter Erde, die Zauberin; Stefanie Reinsperger ist als Medea wie immer eine Urgewalt auf der Bühne, diesmal eine, die ihr altes, gewaltbehaftetes Leben hinter sich lassen will – doch die, die wissen, was falsch und was richtig ist, lassen sie nicht. Ihre Auflehnung gegen eine patriarchalische Welt muss angesichts der männlichen Übermacht verpuffen, sie erkennt – zu spät -, dass sie den habgierigen Vater Aietes nur gegen den egomanischen Ehemann Jason getauscht hat, berührend ist, wie sie dennoch um seine Liebe buhlt und sich dabei beinah selbst aufgibt. Ihre Lösung der äußeren und inneren Konflikte ist bekannt. „Du kennst ihn nicht, ich aber kenn‘ ihn ganz“, wird sie an bezeichnender Stelle sagen.

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Eine Liebe zum gegenseitigen Verderben: Stefanie Reinsperger als Medea, Gábor Biedermann als Jason. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

An ihrer Seite brilliert Gábor Biedermann als ein Jason, der im lakonischen Tonfall seiner Liebe zwar abschwören kann, doch bis zuletzt die Ekstase, die Passion Medeas in der neuen, schönen, aalglatten Welt sucht. Biedermann, am Volkstheater bis dato immer eine sichere Bank, überzeugt auch diesmal. Und wieder zeigt er neue Seiten seines schauspielerischen Könnens.

Evi Kehrstephan verkörpert als Kreusa die Art Willkommenskultur, die sich spätestens dann zurückzieht, wenn es gilt eigene Interessen zu schützen. Michael Abendroth ist als Medeas Vater Aietes ein habgieriger Intrigant. Anja Herden holt wie stets das Maximum aus ihrer Rolle. Ihre Amme Gora ist von Anfang an die angewiderte Warnerin ob der neuen Umstände in Griechenland, nicht gewillt ihre Herkunft zu verraten, ist sie immer auf der Hut vor dem nächsten Streich der neuerdings über sie bestimmenden Moralwächter, deren Amoral wie nur allzu gern bloßstellt.

Als deren höchster ist Günter Franzmeier ein saturierter, selbstgefälliger König Kreon, einer, der gern mit den Schicksalen anderer spielt und sie in seinen Händen dreht und wendet, bis ihm der Tod das seiner Tochter Kreusa entreißt. Mit zwei starken Bildern beschließt Badora ihren Abend. Kreusas Sterben ist ein archaisches, unter dem Goldenen Vlies wie Herkules in seinem vergifteten Hemd; danach tanzt Medea mit ihren ermordeten Kindern den Walzer, den sie zuvor nicht und nicht erlernen konnte. Am Ende Jason, der wieder liebeswirbt, wie in den „Argonauten“. Die Rückschau als Blick in die Zukunft. Die Menschen, die Erde, die Verantwortung für einander, zwei Hälften, die zusammengehören. Nicht platonisch, tatsächlich.

www.volkstheater.at

Wien, 21. 11. 2016

Berliner Theatertreffen: Thalheimers „Medea“

Mai 6, 2013 in Bühne

Das stille Schreien der Constanze Becker

Constanze Becker Bild: © Birgit Hupfeld

Constanze Becker
Bild: © Birgit Hupfeld

Mit frenetischem Jubel wurde am 3. Mai das 50. Berliner Theatertreffen eröffnet. Kein Wunder. Es gab die beklemmend großartige „Medea“-Inszenierung von Michael Thalheimer vom Schauspiel Frankfurt zu sehen. Der Antiken-Experte hat Euripides nicht durch den zeitgenössischen Fleischwolf gedreht, sondern klug (wie immer) die Essenz des grausamen Dramas herausgearbeitet – wobei gesagt sein soll: Euripides selbst hat den zweifachen Kindermord erfunden, in der Sage scheint er nicht auf.

Das Theaterglück an diesem Abend beginnt schon mit dem Auftritt der Josefin Platt als Amme. Eine alte, hinkende, schwarze Krähe bringt sie den Chor der korinthischen Frauen (allesamt: Bettina Hoppe) wegen des Medea geschehenen Unrechts auf. Jason, für den sie die Familie bestahl (Goldenes Vlies) und ermordete (den Bruder) hat sich der Königstochter Kreusa vermählt. Die wilde Hexe, die barbarische Zauberin, mit der er zwei Söhne zeugte, will er nicht mehr. Und König Kreon will die unberechenbare Kreatur erst recht loswerden. Und da ist sie schon: Medea. Constanze Becker. Ein Ereignis. Bühnenbildner Olaf Altmann hat auf einer schwarzen Ebene einen felsigen Vorsprung für sie geschaffen. Da steht, da kauert, da liegt sie, sucht mit den Händen an der glatten, kalten Wand Halt. Mit von Tränen verschmiertem Gesicht, mit verkratztem, blutigem Körper sieht sie ihren kommenden Untaten entgegen. Eine Schreckens- und Schmerzensfrau. Und dabei die vernünftigste Furie überhaupt. Denn sie weiß, dass die Söhne im fremden Regime fallen werden. Und wenn das schon geschehen muss, dann durch ihre eigene Hand.

Es gibt keine Worte, Constanze Beckers Stimme zu beschreiben. Oft findet ihre Medea selbst keine. Streckt in einem stummen Brüllen die Zunge aus dem Hals, als wolle sie sich diese herausreißen, hinausschreien. Ihr stiller Schrei schneidet sich durchs Zuschauerherz. Sie zürnt, sie fleht, will „Kreon“ Martin Rentzsch weichstimmen, vergiftet als das fehlschlägt bekanntlich mit dem Hochzeitskleid seine Tochter und ihn. Dann die Wahnsinnstat an den Söhnen. Den doppelten Kindermord illustiert eine Projektion riesiger Icons, die das Familienleben durchdeklinieren. Vom pochenden Ultraschall-Herzen bis zum geborenen Kind, von Windeln wechseln bis zur Ausfahrt mit dem Kinderwagen (Video: Alexander du Prel). Währenddessen Tinnitusverdächtige E-Gitarren-Riffs. Ein schräger, bösartiger Comic-Kommentar auf das Zweisamkeitsglücksversprechen.

Nun rückt der Vorsprung vor, wird zum Podium. Medea erscheint gewaschen, gekämmt, im Abendkleid. Und Jason, zu ihren Füßen kauernd, ist der Jammerlappen. Marc Oliver Schulze, der eben noch ganz Macho Medea die „Situation“, Verbannung und so, um die Ohren schleuderte, wird von Moment zu Moment kleiner, kleinlauter, schmutziger. Während sie wächst. Tonlos, wie sie, ist er in seinem Schmerz. Wie die ganze Truppe spielt sich auch Schulze die Seele aus dem Leib. Der Held hat alles Heroische verloren. Ihn erwartet die Einsamkeit. Die Halbgöttin ist auferstanden. Hat ihr vermenschlichtes Herz hart gemacht und wird das Urteil des Olymp erwarten. Und die Hoppe macht derweil Euripides Botschaft klar: Glücklich, wer dort lebt, wo es Gesetz und Gerechtigkeit gibt.

Eine Aufführung von unglaublicher Schärfe, von unverfälschter Brillanz. Das Publikum verweilte kurz im Schockzustand, bevor die Schönheit dieses Abends es aus den Sitzen riß.

www.berlinerfestspiele.de

www.schauspielfrankfurt.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=6PrTJ0ZCphc

Von Michaela Mottinger

Berlin, 4. 5. 2013

Franziska Hackl mordet als „Mamma Medea“

März 17, 2013 in Bühne

Philipp Hauß inszeniert am Landestheater NÖ

Ja, daran hat sich nichts geändert. Solch starke Frauen empfinden schwache Männer als „anstrengend“. Ist die erste Liebe erst einmal weg. Hat sie alle seine Begehrlichkeiten erfüllt. Und dann sieht auch sie, dass ihr Krieger vom tapferen Streitross aufs Schaukelpferdchen umgestiegen ist. Das Ende ist nah. Zum Glück nicht immer so blutig, wie hier in St.Pölten. Das Landestheater Niederösterreich zeigt als österreichische Erstaufführung „Mamma Medea“ von Tom Lanoye. Der antike Mythos ist bekannt; viele haben sich den Stoff zu Eigen gemacht. Von Euripides, Ovid, Seneca über Dante, Corneille, Grillparzer bis zu Anouilh, Christa Wolf, Neil LaBute: Der Grieche Jason kommt nach Kolchis, Raub des Goldenen Vlies’ durch die Hilfe der „Zauberin“ Medea. Gemeinsame Flucht und Ehe. Viele Opfer, darunter ihre Grundsätze und etliche Menschen – bis hin zu den eigenen Söhnen. Die „zivilisierte Gesellschaft“ lässt die „Barbarin“ büßen …

Der Niederländer Lanoye (er schuf z. B. 1997 für Luk Perceval das Shakespeare-Königsdramen-Konglomerat „Schlachten!“) präsentiert seine Medea als ehrfürchtige Theaterneudichtung. Hinter jedem Federstrich schwebt die Überlegung, weder der archaischen Geschichte, noch ihrer Sprache die Wucht zu nehmen, und die Schilderung dieses unfassbaren Tabubruchs trotzdem ans Heute heranzuführen. Das gelingt vor allem nach der Pause ausgezeichnet, wenn sich Karrierist Jason längst der korinthischen Königstochter Kreusa zugewandt hat, und Medea eine Art Patchwork-Familien-Vorschlag unterbreitet. Natürlich kommt’s, wie vorgesehen. Nur, dass sie Sohn Nr. 1 in der Badewanne ertränkt – wobei er ziemlich cool zuschaut – und er dafür Sohn Nr. 2 erwürgt. Reißt du meiner Puppe den Kopf ab, mach’ ich’s mit deiner auch. Zu diesem Zeitpunkt ist ohnedies schon alles egal.

Mamma Medea

Moritz Vierboom, Franziska Hackl
Bild: Alexi Pelekanos

Burgschauspieler und Regisseur Philipp Hauß hat diese „Mamma Medea“ – es scheint ein Widerspruch zum Thema, doch es stimmt – mit leichter Hand inszeniert. Allein durch seine Musikauswahl, etwa Tom Jones’ „What’s New Pussycat“, kann er einen mittelschweren Hang zu Ironie kaum abstreiten. Ein Griechen-Drama, bei dem gelacht wird. Welch eine Leistung! Gespielt wird im minimalistischen Bühnenbild von Martin Schepers, den Rahmen zweier Quader. Und wie gespielt wird. Hauß führt das Landestheater-Ensemble in lichte Höhen. Herausragend die Kolcher: unter ihnen Michael Scherff als Medeas Vater Aietes, Katharina von Harsdorf als seine ältere Tochter Chalkiope, Jan Walter als Sohn Apsyrtos, und die wunderbare Christine Jirku als „Tante“ Kirke. Später liefert Lisa Weidenmüller als zwischen naiv und hinterfotzig changierende Kreusa eine Glanzvorstellung im kurzen Kleidchen ab.

Als tragisches Paar hat man zwei Gäste eingeladen: Nestroy-Preisträgerin Franziska Hackl gibt die Medea, Hauß’ Burg-Kollege Moritz Vierboom den Jason. Schön ist es, den beiden dabei zuzusehen, wie sie sich aneinander bis zur endgültigen Eskalation emporhangeln. Er erst ein präpotenter Haudrauf; sie, verwirrt durch ihre Verliebtheit, erlebt Gefühlsumwälzungen im Minutentakt; er, ganz Anti-Romantiker, von so viel Weiblichkeit, ihrem Temperament, überfordert, rettet sich in Flapsigkeit; sie, die große mystische Magierin, kleinmütig in der Fremde.

Mann unterwirft Frau.

Bis als einziges Gefühl der Hass bleibt. Medea ihren Mut wieder findet, nein, eigentlich begreift, dass in der zivilisierten Welt Nüchternheit die einzig erlaubte Nicht-Emotion ist. In entsprechendem Tonfall erklärt sie Kreusa, ihre beiden Schicksale würden einmal dieselben sein (was nicht stimmt, denn Medea lässt Kreusa mittels vergifteter Hochzeitsrobe in Flammen aufgehen). Ein Fremdgänger bleibt ein Fremdgänger bleibt ein Fremdgänger. Ja, daran hat sich nichts geändert. Dieser vorgetäuscht lakonische Schlagabtausch zwischen Hackl und Weidenmüller ist nur einer eines vor schauspielerischen Höhepunkten strotzenden Abends.

Franziska Hackl dominiert, drangsaliert, triumphiert auf der Bühne. Wo Hackl draufsteht, ist ein Hackl drin. Zu Recht holte sich die Tochter von Karlheinz (der stolze Papa saß im Publikum) mit Bühnenpartner Vierboom die Bravos ab. Viel verdienten Applaus gab’s auch für Philipp Hauß. Ihm ist es gelungen, eine moderne Story von Entwurzelung, Fremd- und Abhängigsein zu erzählen, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu wacheln.

Bitte bald mehr davon.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 3. 2013