Maxim Biller: Sechs Koffer

Oktober 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Verwandtschaft macht sich mehr als verdächtig

Die Worte „fauliger Geruch“ sind zu übersetzen. Vom Tschechischen ins Russische. Blatt für Blatt spannt der Vater in die Schreibmaschine, tippt, verwirft, wirft weg. Der „faulige Geruch“ steigt aus einem Massengrab im Ersten Weltkrieg, steht in Jaroslav Hašeks „Schwejk“, der Vater sitzt 1965 in Prag. So beginnt Maxim Billers jüngster Roman „Sechs Koffer“. Einmal mehr schreibt der Autor seine Familiengeschichte, das heißt: mehr oder weniger, denn unklar bleibt meist, was Fakt und was Fiktion ist. Wer das ergründen will, muss schon querlesen.

Der gesamte Biller-Clan reflektiert sich literarisch selbst, Mutter Rada 2003 in „Melonenschale“, Schwester Jelena 2016 mit „In welcher Sprache träume ich?“, die Bücher zusammengesetzt sind eine große Saga über dessen selbst gewählte Diaspora, die auf die Flucht aus diversen Regimen folgt und in einige Demokratien führt. Von Moskau über Prag nach Hamburg, Rio de Janeiro, Montreal, Zürich … Auf diesen Wegen kann einem Sprache schon abhandenkommen. Genau darum geht’s Biller, um das Nichtgesagte, das Nichtübersetzte, um Geheimnisse und Lügen, um ausweichende Antworten, aber bedeutungsschwangere Blicke.

Sein Erzähler/Ich berichtet retrospektiv, allerdings wie aus der Perspektive und mit dem Wissensstand von sechs anderen Mitgliedern dieser jüdischen Intellektuellen-Mischpoche. Der Protagonist macht sich so selbst zur Nebenfigur, ein Anti-Held-Teenager ist er, der aber alles über die geheimsten Gedanken seiner Sippe weiß, und das ist schriftstellerisch so ungeheuerlich, wie der Verrat, der passiert ist, und den das Ich aufklären will. Der Tate, Großvater Schmil, wurde in der Sowjetunion hingerichtet, denunziert als der Schmuggler und Schwarzhändler, der er war. Und die gesamte geldgierige – ein gewagtes Motiv angesichts seines ewiggestrigen Klischees – Verwandtschaft macht sich diesbezüglich mehr als verdächtig.

Jeder hat jeden im Visier, die Söhne, Dima, gerade erst aus einem tschechoslowakischen Gefängnis entlassen, Übersetzer Sjoma, Lev in der Schweiz, Wladimir in Brasilien, Dimas mondäne Frau Natalia, die eigentlich Sjoma liebt, und dessen auf diese eifersüchtige Frau Rada. Der „faulige Geruch“ ist ergo Familienprogramm, Gerüchte entfalten ihre böse Kraft. „Alle für einen, aber nur einer für sich selbst“, steht geheimnisvoll auf dem einzigen Foto, das alle vier Brüder zusammen zeigt, und das der Erzähler, man ahnt es, er wird später in Berlin zum Schriftsteller werden, alsbald in Händen hält.

Derart entspinnt sich eine Art Krimi. Durch vom Erzähler beim Herumschnüffeln in Schreibtischen gefundene Dokumente und Briefe erfährt man, dass Dima vom KGB zum Spitzel umgedreht und von ihm gegen Lev die „Aktion Bruder“ eingeleitet wurde. Lev, der mit niemandem aus der Familie mehr redet, soll seinerseits vom Tate für Dima und Sjoma gedachte Westwährung für sich behalten haben. Natalia wiederum erpresst Dima mit dessen von ihr gekaufter Geheimdienstakte. Oder ist das alles gar nicht wahr? Jeder spielt hier sein Spiel, und niemandem kann man trauen.

Schon gar nicht Maxim Biller. Je länger man liest, umso diffuser wird, wer oder was hier ausgedacht ist. In einer Erinnerung ist einer Verschwörer, in einer anderen Verschwörungsopfer. In einer ein Frühlingstag zu warm, in einer anderen „für Ende Mai viel zu kalt“, in einer ein Eiskasten rot, in einer anderen blau. Ein eben noch abstoßend harter Charakter wird plötzlich anziehend und empfindsam. Im Kopf des Erzählers laufen die Widersprüche, die vielen Miniaturen, die Biller entwirft, wie von Zauberhand und wunderschön surreal zusammen.

Die Schuldfrage löst sich am Ende nicht. Biller entlässt seine lebenslang Flüchtenden, die Holocaust-Überlebenden und die Emigrierten, in Ausflüchte und Andeutungen. Wie er sich auch selbst aus der Affäre zieht. Denn nie liest sein Erzähler ein Schriftstück zu Ende, nie führt sein Erfinder eine Pointe zu ihrem Schluss. Dieser Bericht wie aus zweiter Hand hält die Familie auf angemessener Distanz. Wahrscheinlich ist es das, was Maxim Biller braucht. Und immer bevor’s ernst wird, heißt es: „Und dann lachten wir alle“. Kein Wunder, bei so viel eleganter Gewitztheit. Sein Ich lässt Biller Bert Brechts „Flüchtlingsgespräche“ lesen. „Sechs Koffer“ ist kein dickes Buch, aber sicher ein großes.

Über den Autor: Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Von ihm sind bisher unter anderem erschienen: der Roman „Die Tochter“, die Erzählbände „Wenn ich einmal reich und tot bin“, „Land der Väter und Verräter“ und „Bernsteintage“. Sein Roman „Esra“ wurde gerichtlich verboten und ist deshalb zurzeit nicht lieferbar. Sein Short-Story-Band „Liebe heute“ wurde unter dem Titel „Love Today“ in den USA veröffentlicht, seine Bücher sind insgesamt in sechzehn Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen ist Billers Roman „Biografie“, den die Süddeutsche Zeitung sein Opus Magnum nannte.

Kiepenheuer & Witsch, Maxim Biller: „Sechs Koffer“, Roman, 208 Seiten.

www.kiwi-verlag.de

  1. 10. 2018

Wiener Festwochen: Идеальный муж / Ein idealer Gatte

Mai 26, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Populist liebt populären Popstar

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Eine Männerliebe fürs Leben: Igor Mirkurbanow als Lord und Alexej Krawtschenko als Minister Robert Ternow. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Als zur Mitte des Abends Schauspieler Sergej Tschonischwili unter Szenenapplaus als Dorian Gray auftritt und jede Ähnlichkeit mit dem amtierenden russischen Präsidenten natürlich ein Zufall sein muss, erklärt sich, warum gewisse Kräfte in Moskau versucht haben, diese Aufführung vom Spielplan zu verbannen. Nicht nur lässt er sein Bildnis von einer Figur namens „der letzte russische Intellektuelle“ malen.

Er schließt auch einen faustischen Pakt mit der Kirche, um es an seiner Stelle hässlich und alt werden zu lassen, und stülpt sich schließlich die Zarenkrone auf den Kopf. Tschonischwilis Fanpublikum tobt vor Lachen, es singt auch die angestimmten Schlagersongs und Volkslieder mit, oder johlt, wenn sich eine Protagonistin als Laura Palmer ausgibt. Der Gag entschlüsselt sich unser einem erst via Wladimir Kaminers Blog: Gorbatschow sah so gerne „Twin Peaks“ – vermutlich wegen des Nebels, der über der Geschichte wabert …

Schauspielchefin Marina Davydova beschert den diesjährigen Wiener Festwochen die Theatersensation der Saison: Sie lud Konstantin Bogomolov und das Tschechow Künstlertheater Moskau ins Museumsquartier, damit sie ihre Version von „Ein idealer Gatte“ zeigen. Bogomolov hat Oscar Wildes Text adaptiert, die betuchte britische Upperclass zur neureichen russischen Elite gemacht, und die demaskiert der Regisseur nun unter Zuhilfenahme von sehr viel Komödianten-Make-up. Wobei die Inszenierung nicht so skurril-spaßig ist, wie man es von deutschsprachigen des Stoffs kennt, vielmehr schwebt über allem die Schwere der russischen Seele, ein Hauch Moskauer Melancholie. Bogomolov legt eine Arbeit vor, die das Innerste nach außen kehrt, heißt in diesem Fall: Links auf Rechts dreht, da bleibt keine Paillette und keine Epaulette an ihrem Platz, da werden Scheinheiligkeit und Verlogenheit eines Systems und seiner Profiteure ausgestellt, politische wie religiöse Orthodoxie veralbert, dass es nur so kracht. „Ein idealer Gatte“-reloaded ist eine satirisch-trashige Enzyklopädie des modernen Russland, freilich, es dürfen sich auch anderswo neoliberalistische Antidemokraten angesprochen fühlen.

Und so ist es nur konsequent, dass die Dorian-Gray-Episode ähnlich Dostojewskis „Großinquisitor“ einen separaten zweiten Akt darstellt, geht es doch im Rundherum um dessen „Heftklammern“, ein Begriff, der, so lehrt der Programmzettel, im Putin’schen Neusprech jene High Society zusammenfasst, die sein Polit-Projekt zusammen- und die gemeinsamen Werte, Ideen und Überzeugungen hochhält. Bogomolov hat sein Publikum über ein soziales Netzwerk an der Entstehung des Stückes beteiligt, im Mittelpunkt der Handlung steht der für die Gummiproduktion des Landes zuständige Minister Robert Ternow, dessen Frau Gertruda selbstverständlich die wichtigste Gummiproduzentin des Landes ist, damit die Aufträge ja schön in der Familie bleiben. Robert, der diesbezüglich ideale Gatte, liebt aber fremd, und zwar den Schlagersänger Lord. Dem Populisten und dem populären Popstar muss eine Missis Cheavely in die Quere kommen, nur will sie diesmal groß ins Gummigeschäft einsteigen und den Vertrag dazu vom Minister mittels Sexvideo erpressen. Einen Mayble gibt es auch, Lord adoptiert den Jüngling aus einem von Frömmlern in Popengewändern betriebenen Waisenhaus, das offensichtlich ein Einkaufscenter für Pädophile ist.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Dorian Gray und ein Medienbildnis: Sergej Tschonischwili. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Da ist die Welt noch in Ordnung: Der Minister planscht in der Badewanne. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Für die russischen Theatergeher soll das alles üppig und neu gewesen sein. Gewohnt, hehre Texte auf hohem Niveau vorgetragen zu bekommen, und wie zu erwarten konnte sich Bogomolov eine kurze Persiflage auf dortige Theatergepflogenheiten nicht verkneifen, besah man in Moskau das intrigante Treiben um die Männerliebe erst mit einer gewissen Schreckstarre. Dabei dominiert für hierzulande fast Dezenz. „Stellen Sie sich das vor!“, befiehlt ein Insert an der Stelle, an der die Bühnenfiguren entsetzt das Video betrachten. Später lässt Lord Ternow einen Thermophor, auch genannt Bettwärmer, aufblasen, bis er platzt. Welch ein Bild! Und davon gibt es an diesem Abend etliche. Das Ensemble agiert auf höchstem Niveau. Allen voran Igor Mirkurbanow als Lord, der von Anfang an die Halle mit heißen Rhythmen rockt. Er gibt den Entertainer, den Großsprecher und Phrasendrescher von Kremls Gnaden, um gleich darauf in harte, zynische Selbstkritik zu verfallen, um gleich darauf ein zarter Liebender zu sein, der für das Glück des Geliebten sein eigenes opfert. Eine Stimme wie ein Reibeisen, eine Seele weich wie Paskha. Mirkurbanow ist wie ein Nowosibirsker Bill Nighy mit einem schwarzen Schwung Keith Richards um die Augen.

Seinen seit 15 Jahren geheimgehaltenen Gatten spielt Alexej Krawtschenko als nach außen hin sleekes Schlitzohr. Des Ministers Leidenschaft gehört außer Lord antiken Statuen und Schnee, davon weht es jede Menge die Nasen hoch, in Moskau sind die Winter kalt, lässt ein Lied wissen, und Gertrudas Geld. „Obwohl mein Glied manchmal abgleitet, gehört mein Herz meiner Frau“, versucht er Missis Cheavelys Enthüllungsandrohung kleinzureden. Wie man ihn aber dann via „Fernsehzuspielung“ dicke, bittere Tränen weinen sieht, als er seinen Mann und die Intrigantin am Traualtar erblickt, die Cheavely verlangt von Lord die Ehe im Gegenzug für die Aufgabe ihrer Pläne, das ist so anrührend, das geht so ans Herz, dass man beinah vergißt, dass hier keiner ein Guter und niemand bemitleidenswert und das alles ein Nonsense mit sehr viel Hintersinn ist. Darja Moros gestaltet die Gertruda als herrische, herrlich geldgeile Bissgurn, die ihre „kleinen usbekischen Sklaven“ scheucht und bei Einlangen von Geld auf ihrem Konto von Orgasmen geschüttelt wird. Damit ihr Finanzklimax kein Ende findet, muss der Minister an Ort und Stelle bleiben, und so stellt sie als vermutetes Pantscherl Missis Cheavely zur Rede. Ein köstlicher Schlagabtausch mit der unterkühlt agierenden Marina Sudina.

Bild: Ekaterina Tsvetkova

Missis Cheavely erpresst von Lord die Ehe, der leidet still: Igor Mirkurbanow mit Marina Sudina. Bild: Ekaterina Tsvetkova

Garniert ist das Ganze mit großartigem Personal, etwa Pawel Tschinarew als Ferrari fahrenden Mayble, Alexander Semtschew als vaterlandstreuen Vater Lords, Maxim Matweew als diabolischen Priester, und Pawel Waschtschilin als schwulen Modeschöpfer. Der ist irgendwie auch Andrej Prosorow. Denn wie um zu verorten, dass der Ennui des Establishments, dessen Nichtstuer, Nichtsnutze und Tunichtgute kein neuzeitliches und bei weitem kein Insel-Phänomen sind, verknüpft Bogomolov Oscar Wilde mit dem russischen Bildungskanon. Puschkin wird bemüht, Turgenew und, wie könnte es anders sein?, Godfather Tschechow. Dessen „Drei Schwestern“ sitzen, in den Originalsätzen ihre Untätigkeit und ihre Sehnsucht nach einem arbeitsamen Leben gejammernd, in einer schicken Bar, tippen in Displays und lassen sich zwischendurch von Männern abschleppen. Und weil, wo Theatergiganten unter sich sind, Shakespeare keinesfalls fehlen darf, wird „Romeo und Julia“ zitiert.

Aber da ist alles schon zu Ende, Lord hat sich aus Liebeskummer erschossen, und auch der Minister greift zur Waffe, neben dem Leichnam des Vorausgegangenen die letzten Worte des Veroneser Adelsspross‘ rezitierend. Über den gläsernen Sarg der beiden fällt die russische Flagge. Kurze Kranzniederlegung. Aus. Jubel und Applaus. Das Publikum dankte ausgiebig für den gelungenen, fast vierstündigen Abend. Bogomolov hat eine Inszenierung gezeigt, die im besten Wilde’schen Sinne als witty zu bezeichnen ist – witzig, geistreich, originell. Er fordert auf zu mehr Aufmerksamkeit und weiterem Nachdenken, was gesellschaftspolitische Phänomene und ihre Auswüchse betrifft. Er macht es den Zuschauern nicht leicht, er verlangt ihre Mitarbeit, das zeigten schon die Pausengespräche, und das ist gut so. „Ein idealer Gatte“ ist eine perfekte Produktion. Mit allem Drum und allem Dran. Und als Zugabe gab’s, wie schön,  Wiens russische Gemeinde, die sich gar nicht genug über die Insiderjokes amüsieren konnte. Was einen selbst, siehe Kaminer, auch noch zum Nachforschen anregte.

Video – ein Premierenbericht des russischen Fernsehens: https://www.youtube.com/watch?v=iZD5ajqQDJs

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Dugne / Nachtasyl: www.mottingers-meinung.at/?p=20221

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet / Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016

Wiener Festwochen: Dugne / Nachtasyl

Mai 25, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Letzten Abendmahl des Theaters

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Pennerphilosophie von Satin und dem Baron: Darius Meskauskas und Dainius Gavenonis. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Beim Nachhausefahren in der U-Bahn genau so ein Typ, mit Bierdose, der Vierersitz bis auf seinen Platz leer, denn wer will schon … nicht einmal rüberschauen am besten. Das geht beim Oskaras Koršunovas Theater aus Vilnius nicht. Der litauische Regisseur und seine Truppe zeigen bei den Wiener Festwochen Maxim Gorkis „Dugne / Nachtasyl“. Das heißt, es ist nur der vierte Akt, der im brut dargeboten wird.

Da ist Luka schon gegangen, Anna tot, und Pepel und Wassilissa sind in Untersuchungshaft. Was bleibt, ist eine Inszenierung auf kurze Distanz, so sehr Aug‘-in-Aug‘, dass man hinsehen muss. Koršunovas heischt nicht um Verständnis für irgendjemandes Verhängnis. Schonungs- und mitleidlos zeigt er zunehmend aggressiver werdende Asoziale, der Mensch, wie er ist, wenn ihm Eigendefinition und -verantwortung ausgehen, das ist bedrückend, eindrücklich und schwer auszuhalten.

Wobei Gorki weder etwas hinzugefügt, noch von ihm weggelassen wird. Im Hintergrund gleiten dessen Sätze vorbei. „Man muss jeden Menschen respektieren!“ und „Tritt keinem Menschen zu nahe!“ und der liebste „Wenn Arbeit erzwungen ist, dann wird Leben zur elenden Sklaverei!“ Das Wort ist Leuchtschrift geworden und ist unter uns gelaufen. Dazu Dias von der litauischen Landschaft als ein letztes bisschen Frieden. Auch die Schauspieler werden diese Sätze noch sprechen, aber aus ihrem Mund werden sie anders klingen, nach „arbeitsscheu“ und den üblichen tagtäglichen Beschimpfungen. Sandler, Owezahrer, Strolch. Vorurteile? Ein Grausen? Nicht doch! Da sitzen sie so lieb lächelnd an der weißgedeckten Tafel, die zweite Gruft in Tuchfühlung, und teilen ihren Wodka und die salzigen Kekse mit dem Publikum. Gramm um Gramm rinnt die Kehlen runter, und das Wort wird weitergereicht. Rasa Samuolytė als Prostituierte Nastja hat sich schon beim Reinkommen einen jungen Mann in der ersten Reihe ausgeguckt. Er ist Student, Johannes heißt er, und am Ende wird sie ihm ihre Telefonnummer zustecken – man weiß ja nie, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Österreich soll keiner aufgeben müssen. Und natürlich wird gebettelt. Eine Million Euro, das ist für reiche Westeuropäer doch nichts!

Die Gesichter des vermeintlich vereinten Europas, und wie wenig man dem anderen in seines zu schauen vermag, und wie Unkenntnis zu Unverständnis führt. Oskaras Koršunovas sagt das alles, ohne etwas explizit zu sagen. Derweil entwickelt sich unter den Darstellern eine Diskussion um die Wahrheit und ihren Wert, an diesem Tisch ohne den Tischler beraten hochphilosophische Penner darüber, ob Wahrheit nicht eigentlich eine Glaubensfrage ist. „Der Gott des freien Menschen“, wie Dainius Gavenonis als Satin sagt. Der Wort- und Rädelsführer hat die arbeitslosen Apostel um sich versammelt, um Lukas Gleichnisse an die Gemeinde weiterzugeben. Wie Hostien teilt er nun die Kekse aus, wirft sie unter das Zuschauervolk, trinkt Bruderschaft da und dort, die, die so gut wie nichts haben, teilen noch das wenige, und mit der Promillezahl steigt die Großzügigkeit. Einer auf dem Nebenplatz flüstert: „Müssen die morgen nicht ihren Rausch ausschlafen?“ Es ist ein Verdienst dieser seltsam naturalistischen Aufführung, dass einem solche Dinge durch den Kopf und nahe gehen.

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Das Ensemble versammelt sich zum Letzten Abendmahl des Theaters. In der Mitte: Rasa Samuolyte als Nastja. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Die Witwe Kwaschnja (Nele Savicenko) schimpft auf die Männer. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Wo der Mensch ist, wird Geschirr zerschlagen werden. Im Wortsinn, Nastja wirft mit Tellern um sich. Sie fühlt sich beleidigt, weil die Männer über ihre Kitschromane lachen. Samuolytė, dieses rothaarige Gorki-Geschöpf, ist eines der Highlights des Abends. Überhaupt sind die Schauspieler ganz großartig: Julius Žalakevičius als selig volltrunkener Mützenmacher Bubnow, Darius Meškauskas als resignativer Baron, Jonas Verseckas als um Ruhe bemühter Kleschtsch oder Rytis Saladžius als Polizist Medwedew. Giedrius Savickas steigt als Aljoschka den zum Tänzchen gebetenen Zuschauerinnen auf die Zehen.

Nelė Savičenko warnt als Witwe Kwaschnja eine anwesende Ehefrau: „Schlägt er dich? – Nein? – Na, das wird schon noch kommen!“ Und inmitten von  Lärm und Musik kniet Tomas Žaibus als der Tartar und betet zu Allah. Auch das keine Erfindung des Ensembles, sondern original Gorki. Es folgen Streit, Standesdünkel und Eifersüchteleien. Und die Gewaltspirale dreht sich, es wird gesoffen, geschrien und geschlagen, und selbst der gutmütigste Gutbürgerliche hat mittlerweile Fluchtgedanken. Raus aus diesem Raum, ein Glück, das geht einen alles nichts an, weil man ist ja auf der sicheren Seite der Gesellschaft.

Doch da kommt die Kultur. Sie ist gestorben, sie ist ein Gespenst. Der Schauspieler – Darius Gumauskas mit einer beklemmenden Performance stiller Verzweiflung – hat sich erhängt, und sein Geist rezitiert Hamlet. Sein oder Nichtsein? In solchen Verhältnissen ist Schluss mit „Show“. Lichter aus, Vorhang zu. Oskaras Koršunovas sagt, in Litauen sei es aufgrund der jetzigen Theaterfinanzierung nicht mehr möglich eine „normale“ Inszenierung zu machen. Und man versteht, dieses Grenzerlebnis war eine Einladung zum Letzten Abendmahl, eine über seine sozialen Metaphern hinausreichende Totenfeier des Theaters. Jetzt ist das Hochkulturblabla als Bluff enttarnt, denn mit schönen Worten lässt sich kein Schauspielermagen füllen, nun wird die Kulturpolitik auf die Bühne gebeten. Eine gute Entscheidung von Festwochen-Schauspielchefin Marina Davydova diese Produktion auch nach Wien einzuladen. Sie ist ein kleiner Abend, der einem kluge Gedanken mit auf den Weg gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=vBHLNZEII4A

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Der Auftrag: www.mottingers-meinung.at/?p=20189

Látszatélet/ Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 25. 5. 2016

Burgtheater: Wassa Schelesnowa

Oktober 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Kriegenburgs andere Art der Kapitalismuskritik

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel). Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Weil bereits viel bemurmelt, ein: Ja. Sie ist wieder einmal ein Star, die Bühne von Andreas Kriegenburg, diesmal eigentlich gestaltet von Harald B. Thor. Über den Kriegenburg-Stil zu schreiben, ist müßig, man sah von ihm schon Kafka an der Kletterwand oder davonrutschende „Diebe“, der Wirkungsästhet ist eben auch ein Wirkungsmechaniker, wie ihn die Süddeutsche einmal nannte. Auch diesmal ist die Spielfläche in Schieflage geraten, als ein an Seilen festgezurrtes Floß auf den wilden Wellen der Welt. Sie kippt den Darstellern im Verlauf der Handlung mehr und mehr unter den Füßen weg, steht am Ende fast senkrecht, lässt aber unter sich genug Platz um „die da oben“ zu belauschen und auszuspionieren. So viel zum Schauwert der Inszenierung.

Andreas Kriegburg zeigt am Burgtheater seine Interpretation von Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“. Direktorin Karin Bergmann lud den ehemaligen Klaus-Bachler’schen Hausregisseur zu dieser Arbeit ein; Kriegenburg, gebürtiger DDRler, der sich dereinst als Tischler am Magdeburger Gorki-Theater mit der Bühnenbegeisterung ansteckte, entschied sich für die 1910er Urfassung des Dramas, geschrieben unter dem Eindruck des St. Petersburger Blutsonntags und in der DDR eher ungern gesehen, in der weniger parteiideologisch zugespitzt als in der Version von 1935 die knallharte Ziegeleibesitzerin im Mittelpunkt steht. Sie ist mörderische Mutter und wildes Weib, eine, die alles unternehmen wird, um ihr Unternehmen zu retten. Nicht (nur) aus Selbstsucht, es gilt mit dem Familienbetrieb das Familienerbe zu bewahren.

„Wassa Schelesnowa“ ist derzeit groß in Mode, von Stephan Kimmig bis Dieter Giesing, von Berlin bis Hamburg, was sich versteht: Das Stück ist die ideale Folie für Kapitalismuskritik. Ein hippes Chromglasambiente, ein paar Designerklamotten – und schon ist man in einem kaltschnäuzigen Management-Heute, in dem Geld Gott ist und zwecks Gewinnmaximierung angebeten wird. Für einen wie Kriegenburg ist das Ausstellen fieser Finanzzombies freilich zu billig, er geht auf Risiko und hält seine Bilder in erstarrten, russischestheater Klischees fest. Von Samowar bis Sitzbank leidet hier alles an Tschechow’scher Schwermut, inklusive den obligaten Ausbrüchen in hysterischen Ennui oder in nervenflatternd-erotischen Irrsinn oder einer Bedrohung von unerwarteter Seite. Andrea Schraad hat ihre Kostüme dem angepasst, das Ensemble ist je nach sozialem Status von Schmutzigweiß bis Creme gewandet, einzig die aufmüpfige Tochter Anna geht in Zitronengelb. Kriegenburg macht so die Herr-Knecht-Verhältnisse klar. Das ist radikaler gedacht, als es aussieht. Eine subtilere Art der Kapitalismuskritik eben. Der Regisseur zeigt, wie privat Politik ist, zeigt eine von ihrer Zeit verhaftete Endzeitgesellschaft. Er hat mit stilsicherer Hand und viel Gefühl für Sprachtempo gleichsam inszeniert und choreografiert. Zweieinhalb Sternstunden lang kann man den ausgezeichneten Schauspielern bei der Arbeit zusehen. Bühnenbild hin oder her, die Burg hat ihre Stars und die verstehen ihre Handwerkskunst.

Allen voran Christiane von Poelnitz als Wassa. Sie ist die „Dulderin und Sünderin“, wie von Gorki erfunden, eine Queen über ihre Firma, eine gequälte und daher andere quälende Familienvorsitzende unter lauter antriebslosen Angehörigen. Ergo tut es ihr am Ende zwar schon um die verlorenen Seelen leid, aber: Wer nichts tut, gedeiht nicht; die upperclassige Kronosin frisst ihre Kinder. Christiane von Poelnitz ist selbst im ersten Schweigen und Leiden überlebensgroß, im späteren spinnenschnellen Zuschlagen sowieso. Andrea Wenzl, Martin Vischer und Tino Hillebrand bilden das Trio, das versucht gegen den Mutterwahn zu bestehen. Wunderbar, wie Wenzl erst zögert, dann erschauert, um sich schließlich in Wassas Pläne einbeziehen zu lassen. Vischers Semjon ist ein unnützer Schwätzer, seine Frau Natalja (Frida-Lovisa Hamann bleibt ein bisschen blass) geht mit ihrer Bigotterie allen auf den Senkel. Hillebrand pflegt als jüngerer Sohn Pawel einen Minderwertigkeitskomplex wegen seiner verpatzten Körperlichkeit, und heult Rotz und Wasser, weil seine junge Ehefrau Aenne Schwarz auf Onkel Prochors (Peter Knaack) Schoß Hühott-Pferdchen-reitet. Er wird einer von Lipa angezettelten Intrige zum Opfer fallen, Alina Fritsch erzählt lebhaft diese Dienstmädchen-Biografie. Sabine Haupt dient als entfernte Verwandte Dunjestschka abgeklärt, kalt und intrigant. Als letzter Mann muss auch Dietmar Königs schleimiger Gutsverwalter – und lange Zeit Wassas sexuelles Wärmekissen – Michailo Wassiljewitsch zu Grunde gehen.

Eine von vielen schönen Regieideen ist, wie Haupt und Fritsch anfangs Leintücher zusammenlegen, auf denen stummfilmspruchartig ihre Dialoge zu lesen sind. „Du Huhn!“ – „Oh je!“, steht da. Auch „Nur Geduld!“ Die haben die Frauen, bis das Patriarchat endlich ausgerottet ist. Dann bleibt eine Weiberwirtschaft in Formation Familienaufstellung zurück. Glücklich oder auch nur zufrieden ist hier keine(r). Außer das heftig applaudierende Publikum.

www.burgtheater.at

Ausstellungstipp: Kunstforum Wien: Liebe in Zeiten der Revolution. Künstlerpaare der russischen Avantgarde www.mottingers-meinung.at/?p=15325

Wien, 27. 10. 2015

Armes Theater Wien: Kinder der Sonne

August 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gorki ganz ohne Russische-Seele-Klischees

Krista Pauer, Florine Schnitzel, Simon Stockinger, Klaus Fischer, Alexandra-Yoana Alexandrova, Daniel Ruben Rüb Bild: © Vondru

Krista Pauer, Florine Schnitzel, Simon Stockinger, Klaus Fischer, Alexandra-Yoana Alexandrova, Daniel Ruben Rüb
Bild: © Vondru

Zu Beginn wechselt Jegor kaputte Lampen im Kronleuchter aus. Ganz nah kommt er mit der Leiter ans Publikum, berührt fast die Fußspitzen der Zuschauer in der ersten Reihe, eine Frau zuckt, weicht aus, doch da ist es schon passiert – sie ist gefesselt vom Geschehen. Seit zehn Jahren gehört dies zum Konzept des Armen Theater Wien: Schauorte öffnen, Distanz abschaffen, auf Augenhöhe agieren, so dass man mit dem nur um Armeslänge entfernten Schauspieler frei nach Jerzy Grotowski mitatmen, mitfühlen kann. Die Szene wird sich später am Abend wiederholen. Da haben die Intelligenzler den Proletarier verjagt und müssen die Mühsal mit den Glühbirnen auf sich nehmen. Protassow scheitert beim Versuch. Natürlich.

Das Arme Theater Wien zeigt zu seinem Jubiläum Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Gorki, Sturmvogel der russischen Revolution, den die Bekanntschaft mit dem eigenen Volk „bitter“ machte, erfand die Tragikomödie in einer Gefängniszelle der Peter-und-Pauls-Festung, wo er wegen seiner Sympathien für die Petersburger Blutsonntagsrevolte eingesperrt war. Das Stück ist ein Beziehungsreigen, zeigt mehr als eine Sozialstudie die Kluft zwischen den Klassen, zeigt die Tagalbträume eines fühligen Sextetts, zeigt des Autors Hoffnung, die Kreativen könnten gesellschaftspolitisch wegweisend sein, zeigt einen Albtraum namens nackte Existenz, der das Volk beutelt, zeigt, wie der Mensch nicht über seinen Tellerrand blicken kann. Gorki soll beim Schreiben, so zumindest überliefert, laut gelacht haben.

Ein Vergnügen, dass Regisseur Erhard Pauer da ansetzt. Seine Arbeit befreit die „Kinder der Sonne“ von allem, was – allzu oft schon so gesehen – tonnenschwer bedeutungsschwanger ist. Seine Inszenierung strahlt Leichtigkeit, besser gesagt: eine gewisse fatalistische Grandezza aus. In nicht ganz zwei Stunden erzählt er knackig eine hochaktuelle Geschichte, befreit von den üblichen Klischees des Russischen-Seele-Ballasts. Dabei verfehlt er nicht, die Standpunkte der Gorki’schen Charaktere und auch seinen eigenen künstlerischen klar zu machen. Diese „Kinder der Sonne“-Produktion ist in dieser Klarheit zweifellos eine der besten, die man in Wien bis dato sehen konnte. Großen Anteil am Gelingen hat die unter der Ägide von Krista Pauer erstellte Textfassung des Armen Theater Wien. Man hat die Worte zugeschliffen, bis ihre Spitzen sitzen und stechen. Man verwehrt sich den Begriff Pointe, um den wunderbaren Abend nicht im Schenkelklopfbiotop anzusiedeln, aber wie Protassow angesichts von Melanijas leidenschaftlicher Liebeserklärung emotional schwer überfordert stammelt „Ich kann Ihre Grundidee nicht verstehen“, das hat Pfeffer – die Schauspieler wissen Auftritte damit zu würzen.

Ein durch Bildung und Herkunft begünstigtes Herrentrio stellt die Blickwinkel ein: Kunst hat keinen Wert (Dimitrij Wagin). Es gibt auf der Welt nichts Wertloses (Pawel Protassow). Außer die Welt selbst (Boris Tschepurnoi). Biologe Protassow will an die Möglichkeit des Menschen glauben, sich von jeglichem Joch zu befreien und sich selbst schöpferisch zu vervollkommnen. Auch Gorki glaubte daran, weshalb er sich mit Lenin überwarf und ins Exil musste. Daniel Ruben Rüb gibt den philosophischen Professor als weltfremden Weltverbesserer, dem die Reagenzgläser näher sind als die Realität. Heiß nur der Tee, nach dem er ständig verlangt, er selbst lauwarm. Ganz im Gegensatz zum Wagin von Branimir Agovi, dessen Maler ganz Mannsbild ist, auf Betriebstemperatur wie ein Opernsänger vor der großen Arie. Auch optisch macht Agovi das her. Simon Stockingers Tierarzt Boris hält beiden die ehrlich erarbeitete Überzeugung entgegen, der Mensch sei widerlich. Stockinger gestaltet diesen Ablasser zynischer Wortspenden, diese letztlich tragische Figur als lyrischen, mit bubenhaftem Charme ausgestatteten Helden. So wie alle drei in ihrer Rollengestaltung bestechen, kann man über Letzteren, den Erhard-Pauer-Schüler, ohne Pauer seine Schauspieler wegempfehlen zu wollen, nur sagen: Bühnen, schaut euch nach ihm um!

Krista Pauer besticht als Jelena. Ihre elegische Erscheinung im Duett mit der charakteristisch-rauchigen Gänsehaut-Stimme ist Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Diese Jelena, von Wagin sexuell bestürmt, wie sie es sich von Ehemann Protassow wünschen würde, hat ihren Stoizismus nicht als Geburtsrecht mitbekommen, sondern arbeitet täglich hart daran, um dem stürmischen Meer ihrer Mitmenschen ein Fels in der Brandung zu sein. Alexandra-Yoana Alexandrova wirkt als Melanija angeknipst wie eine Shopping-Queen-Kandidatin kurz vor dem Laufsteg. Umso größer der Effekt, wenn die Kaufmannswitwe ihr Inneres nach außen offenbart, Alexandrova ihrer Figur den Firnis aus Couture und Goldkettchen abkratzt und die Sicht auf eine einsame Frau freigibt. Die von Florine Schnitzel mit mädchenhafter Glut gespielte Lisa ist ein Kummerkind, dessen sehr wahren Umsturzfantasien niemand Beachtung schenkt. Die Nervenkranke wird den verliebten Boris ins Unglück stürzen.

Den Kopfgebürtigen steht eine Körpergestalt gegenüber: Klaus Fischer muss als Jegor von Salontür zu Gartentor auch die meisten Kilometer machen. Sein Schlosser changiert zwischen Unikat und Unikum. Standesstolz gibt sich der Arbeiter als Herr im Haus, doch weiß der Proletarier anno 2015 längst, dass auch ihn die Historie hinter sich gelassen, dass er den Baumeistern der Macht nur als Stützmaterial beim Errichten ihrer kapitalen Türme gedient haben wird. Fischer erzählt das im Tonfall verzweifelter Wut und rundet die tadellose darstellerische Leistung aller damit ab.

Wenn Idee und Ausführung stimmen, kann man auch ohne den „Schnickschnack“ opulenter Bühnenbilder und Kostüme großartiges Theater machen. Das Arme Theater Wien beschenkt mit seiner puren Art zu spielen das Publikum reich. Dass eine Truppe wie diese ohne Subvention gelassen wird, optimiert vielleicht ihre Kreativität und den Idealismus, ist aber kulturpolitisch völlig unverständlich. Da muss sich Wiens Großer Kultur-Gossudar die Kritik gefallen lassen, dass er was versäumt hat. Noch ist Zeit!

Zu sehen bis 28. August im Bockkeller. Im November folgt im WUK „Nach dem Ende“ von Dennis Kelly.

www.armestheaterwien.at

Wien, 19. 8. 2015