Bronski & Grünberg: Rigoletto – Denn er hat es nicht anders VERDIent

November 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein böser Hampelmann und sein Hofstaat blöder Clowns

Lisa Reichetseder, Julia Edtmeier, Aleksandra Corovic, Rouven Stöhr, Stefan Lasko, Lukas Strasser und Max Konrad. Bild: © Philine Hofmann

Das Bronski & Grünberg, dies Jahr für den Nestroy-Spezialpreis nominiert gewesen, zeigt als aktuelle Produktion „Rigoletto“ mit dem Untertitel „Denn er hat es nicht anders VERDIent“. Das schon als Hinweis darauf, dass hier natürlich nicht große Oper gegeben, sondern eine der feinen Grotesken gezeigt wird, für die sich das Theater im neunten Bezirk mehr und mehr einen guten Namen macht. Text und Bühnenbild sind von Julia Edtmeier und Kaja Dymnicki, Regie führte Alex Pschill.

Und wie! Pschill spielt seine ganze Kammerspiele-Erfahrung an Klipp-Klapp-Komödie aus, nur dreht er die Schraube weiter, überdreht sie, bis eine überdrehte Aufführung hervorschnellt, skurril, absurd und absolut zum Totlachen. Letzteres vor allem ein Verdienst der wunderbaren Julia Edtmeier, die als Rigoletto so erbarmungswürdig komisch ist, so verbissen ernsthaft im allgemeinen Wahnsinn, der sie umzingelt, dass man gar nicht anders kann, als ihren Hofnarren mitleidig zu mögen.

Wiewohl die Figuren ganz nahe bei Verdi geführt werden, ist der traurige Berufspossenreißer nicht der einzige Clown weit und breit. Edtmeier, Dymnicki und Pschill legen ihr Stück als Analyse dieses Seinszustands an.

Vom Arlecchino – tatsächlich lässt Pschill seine Darsteller etliche Lazzi spielen – bis zu Pennywise ist die Bandbreite ja groß, und so regiert hier ein böser Hampelmann über einen Hofstaat blöder Hanswurste. Rouven Stöhr ist dieser Herzog von Mantua, ein erotomanischer Einfaltspinsel, dem die meiste Zeit die Zunge aus dem Hals hängt, wenn er sich über die Ehefrauen seiner Untergebenen hermacht. Wie im Scherenschritt strampelt er über die Bühne, und lacht wie ein Wolf knapp vorm Zubeißen, glaubt einer, sich seinen Wünschen widersetzen zu können. Stöhr verpackt in die Rolle so viel Irresein, wie sie zulässt, sein Herzog ist ein gefährlicher Machtmensch, hinter dessen Charme das Verderben lauert.

Umringt ist er von Max Konrads „Ceprano“, Lukas Strassers „Marullo“ und Stefan Laskos „Bianco“ (er auch für die Musik zuständig, erstaunlich in wie vielen Variationen man „Caro nome“ und „La donna è mobile“ intonieren kann, erstere Arie einmal sogar als Orgasmus), drei Tölpel und Handlanger, die ihren Herrn hasslieben und ihre Rache an ihm stattdessen an Rigoletto ausleben wollen. Herrliche Szenen entstehen da, wenn das Trio versucht, sich im Tausend-Türen-Palast zu verstecken, um Gildas habhaft zu werden. Die Tochter des Rigoletto gestaltet Lisa Reichetseder hart an der Grenze zu einer modernen Colombina, als eine lebenslustige und selbstsichere Figur, die kein Blatt vor den Mund nimmt, und mit ihren 18 Jahren endlich wissen will, was die Männer-/Welt zu bieten hat. Aleksandra Corovic ist ein schön sinistrer Sparafucile.

Dreh- und Angelpunkt der durch Crowdfunding finanzierten Inszenierung ist aber, wie gesagt, Julia Edtmeiers Rigoletto. Laborierend an einer Déformation professionnelle ist dieser Außenseiter, ausgestattet mit einem Mikrophon wie ein – in diesem Falle schlechter – Stand-up-Comedian, in jeder Beziehung unlustig. Seine Witze zünden nicht, und auch, wenn er der Versuchung nicht widerstehen kann, auf der berühmten Bananenschale auszurutschen, findet das keiner komisch. Die Augen stets unstet, die zuckenden Mundwinkel nach unten gezogen, die Finger dauernd in angespannter Bewegung, so agiert Edtmeier als einer, der das Schlimmste – die Schändung seiner Tochter – verhindern will, und doch versagen muss.

Alles endet nicht in einem Sack, sondern mit einem Koffer. Doch wer da drin steckt … unbedingt anschauen!

www.bronski-gruenberg.at

27. 11. 2017

Schlüterwerke: mondsüchtig – ein theatraler Liederabend

November 15, 2017 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Max Kowalskis „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“

Bild: pixabay.com

Die Schlüterwerke zeigen ab 23. November „mondsüchtig – ein theatraler Liederabend“. Um den Liederzyklus op.4 „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“ von Max Kowalski entspinnt sich eine rührend-schaurige Geschichte.

Der Zyklus erschien 1913 im Simrock Verlag. Max Kowalski, Rechtsanwalt, Sänger und Komponist, war ein enger Freund Arnold Schönbergs. Schönberg schätzte Kowalskis musikalische Werke sehr, und seine „Zwölf Gedichte aus Pierrot Lunaire“ fanden bei zeitgenössischen Kritikern und Publikum auch mehr Anklang und wurden damals öfter zur Aufführung gebracht als Schönbergs eigene Vertonungen aus demselben Gedichtzyklus von A. Giraud übersetzt von O.E. Hartleben (1914).

Mittlerweile sind die Werke Kowalskis großteils in Vergessenheit geraten; mit der Darbietung des musikalisch hochinteressanten Zyklus holen die Schlüterwerke einen wahren Schatz der Musikgeschichte wieder ans Licht der Öffentlichkeit. Bespielt wird der erste und vierte Stock des ehemaligen k. und k. Post- und Telegraphenamts Ecke Zollergasse/Mondscheingasse, 1070 Wien, mit Unterstützung des sirene Operntheaters.

Mitwirkende sind Colombine: Beatrice Ferolli (Schauspiel), Pierrot: Ingala Fortagne (Sopran), Rosalie: Therese Cafasso (Klavier, Performance). Regie führt Markus Kupferblum.

www.schlüterwerke.at

15. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Der Herr der Zwiebelringe

November 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tollkühns“ Meisterwerk zum Totlachen

Die Helden sind unzufrieden mit ihrem Gamemaster: Randolf Destaller, Robert Elsinger, Hendrik Winkler, Benjamin Ulbrich, Eva-Maria Scholz, Hans-Jürgen Bertram, Thomas Marchart und Samantha Steppan. Bild: Bettina Frenzel

Witziger und geistreicher als gestern Abend kann ein Fasching kaum beginnen. In der Scala, der Wiener Spielstätte des Theaters zum Fürchten, hatte rechtzeitig zum 11. 11. die aktuelle Dinnerproduktion „Der Herr der Zwiebelringe“ Premiere. Und es war köstlich zu sehen, wie genüsslich Intendant und Regisseur Bruno Max sich die gesamten heiligen Schriften von J.R.R. Tolkien aneignete.

Wie er sie verwurstete, und unter Beimengung der Gewürzmischung H.N. Beard und D.C. Kennedy, mit einem Schuss Saturday Night Live und einer Prise College Humour Network als Festschmaus kredenzte. Zwölf Darsteller und zwei Stunden braucht Bruno Max nun für seinen „endlosen Waldspaziergang durch magische Welten“, eine liebenswerte und feinsinnige Persiflage, die die Herzen der höchst amüsierten Gäste im Wirtshaus zum Grindigen Eber höherschlagen ließ.

Gespielt wird wie immer mitten unter ihnen, denn Bruno Max hat sich fürs Abenteuer einen Kniff einfallen lassen: Randolf Destaller fungiert als Gamemaster, der mit dem D20-Würfel über das Schicksal der Geschöpfe „Tollkühns“ in Oberuntererde verfügt. Da kann’s schon mal sein, dass bei einer Vier alle einen Schnupfen kriegen, oder bei 14 alle eine Runde aussetzen müssen, weil Glamrock seinen Zaubererhut verloren hat, und der gesucht werden muss. Kein Wunder also, dass die Helden bald mit ihrem Spielleiter Streit anfangen.

Die Helden, die da sind: Bingo Windbeutel und Spam Semmelschmarrn, Thomas Marchart und Robert Elsinger, zwei illegale Pfeifensubstanzen rauchende Wobbits, der eine genervt und depressiv, der andere naiv und notgeil. Der vergesslich-senile Zauberer Glamrock, Hans-Jürgen Bertram. Amalgan, Benjamin Ulbrich, ein selbstverliebt-dämlicher Waldläufer. Der Elb Lemongrass, Hendrik Winkler, der sich selbst über seine sexuelle Orientierung nicht so sicher ist (großartig auch das aus Markennamen bestehende Elbisch, das er mit seiner Königin Migraene spricht). Perlon, Eva-Maria Scholz, der martialische Zwerg. Und zwecks Frauenquote: W-Lana, Samantha Steppan, die WaldläuferIn.

Bingo findet das Geschöpf Scrotum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und Lemongrass und Perlon endlich zueinander: Eva-Maria Scholz, Hendrik Winkler, Samantha Steppan und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Glamrock und der Bullprog von Mordio: Hans-Jürgen Bertram und Helmut Frauenlob. Bild: Bettina Frenzel

Bingo, bedroht von den Schwarzen Reitern: Thomas Marchart. Bild: Bettina Frenzel

Absolutes Highlight des Abends ist Peter Fuchs als ehemaliger Schmierkaas, nun genannt Scrotum. Sind schon die anderen Darsteller optisch bestens Peter Jackson, so beweist Bruno Max mit der Figur Scrotum, dass er kein ausgeklügeltes CGI braucht, um atemberaubende Kreaturen und Bilder zu erschaffen. Fantasy ist eben eine Frage der Fantasie!

Die glorreichen Sieben brechen also auf, um Onkel Dildos Großen Ring im Berg der Verdammnis zu versenken, und treffen dabei wie vorgesehen auf allerlei düstere Wesen: Synonym, der Thesaurus, wird von Glamrock mit einem uralten Kartentrick besiegt, der alle ein Level höher bringt. Mit dem Bullprog von Mordio allerdings stürzt er in die Tiefe. Bingo wird von den Schwarzen Reitern bedroht, aber setzt er seine Nerd-Brille auf, müssen sich die Orks im Wortsinn totlachen. Als er aus dem Ring, um ihn sicher zu verwahren, einen Prinz Albert macht, erweist sich das bald als weniger gute Idee. Die Kampfschafreiterin von Ray Ban, Anna Sagaischek, eilt zur Hilfe. Doch gefährlich ist’s, den Satz zu sagen: Hier spu(c)kts ja wirklich!

Derweil muss sich W-Lana über eine Bikini-Rüstüng von Zwerg Dralon ärgern, doch Lemongrass und Perlon finden in der Gefahr endlich zueinander. Die Seherein AchundWeh, Jackie Rehak, sieht zu viel Gutes, auch Hillary Clinton als US-Präsidenten, dafür will der Truchsess von Danclor, Helmut Frauenlob als Donald-Trump-Klon, der Truppe nur Böses, und außerdem eine Mauer gegen die Orks bauen, die Sagrotan bezahlen soll. Der entpuppt sich schließlich als Großunternehmer mit Globalisierungsbestrebungen, der den schwach werdenden Helden eine Gewinnbeteiligung anbietet. Doch der Streit mit dem Gamemaster eskaliert, Alea iacta est, wie einer von Glamrocks lateinischen Sprüchen lauten würde, und so sind am Ende alle …

Noch schnell zum Menü: Es gibt Ente auf Elbenart (Warnhinweis: kann Spuren von Zwergen enthalten), Wobbinger Rotkraut mit Preisselbeeren, Erdtuffeln aus dem Sauenland, Berserker-Met – und natürlich Zwiebelringe.

Bruno Max im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27073

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 11. 2017

Theater zum Fürchten: Intendant Bruno Max im Gespräch

November 2, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

 Brecht kredenzt Moral, Gandalf lieber Zwiebelringe

Der Herr der Zwiebelringe: Thomas Marchart, Hans-Jürgen Bertram, Peter Fuchs, Robert Elsinger, Samantha Steppan, Eva-Maria Scholz, Jackie Rehak, Hendrik Winkler und Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Drei Spielstätten betreibt der Verein Theater zum Fürchten: das Stadttheater Mödling, die Wiener Scala und das Theater im Bunker. Das bedeutet mehr Verantwortung bei nicht mehr Geld, und ein Bewegen zwischen roter und schwarzer Kulturpolitik. Eine Herausforderung, die Bruno Max mit herausragenden Produktionen meistert. Am 4. November folgt im Mödling Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“, am 11. November in Wien die Parodie „Der Herr der Zwiebelringe“, eine der berühmten Dinnerproduktionen.

Der Intendant im Gespräch über Kampffelder der ÖVP, warum die FPÖ laut eigener Aussage Kulturförderung prinzipiell ablehnt und bittere Pillen für sein Publikum:

MM: Ihre nächste Premiere ist die Dinner-Produktion „Der Herr der Zwiebelringe“ am 11. 11. Sie dachten sich, zum Faschingsbeginn was Lustiges?

Bruno Max: Wir haben schon so viele Dinnertheater gemacht, wir waren in Kaffeehäusern, in Burgerrestaurants, bei Kannibalen, beim Heurigen, wir haben Picknicks an der Front gemacht, römische Orgien … Nun sollte es einmal was Exotisches sein – ein Mittelerdedinner. Wenn sich Menschen einen Waldspaziergang über 15 Stunden im Kino anschauen können, dann können sie sich auch die gesamte Fantasyliteratur in zwei Stunden geben.

MM: Das führt zur wichtigsten Frage: Was gibt es zu essen?

Bruno Max: Flugsaurier mit Kartuffeln aus dem Auenlande, das ist in Wahrheit Ente, Blaukraut mit Preiselbeeren, und natürlich Zwiebelringe. Zu trinken gibt es Met. Davon haben wir 100 Liter.

MM: Die ersten Fotos zeigen, alles wirkt original – bis hin zu Gollum.

Bruno Max: Ja, der arbeitet für uns schon lange. Wir haben auch einen Drachen und eben Flugsaurier, wir haben alles, auch einen Balrog, aber wir nehmen das Ganze nicht so ernst. Ich bin kein Tolkien-Spezialist, ich habe das Buch vor dreißig Jahren gelesen, und die erste Trilogie im Kino gesehen. Aber die „Hobbit“-Verfilmung war mir dann zu viel: Und sie gehen durch den Wald, und sie gehen durch den Wald, und dann verliert Gandalf seinen Hut, jemand würfelt eine Sechs – und alle müssen zurück an den Start, das war nicht mehr mein’s, ein Kinderbuch auf epische Breite auszuwalzen. Wir haben schamlos Parodien zusammengefügt, ich glaube es ist sehr lustig.

MM: Wie kam’s überhaupt zu der Idee Dinner-Produktion?

Bruno Max: Das weiß ich gar nicht mehr. Weil’s niemand anderer macht. Es ist auch ein enormer Aufwand. Aber mit der nächsten, die am Stadttheater Mödling schon im Juni und in Wien im Herbst zu sehen ist, gehen wir zurück zu den Wurzeln: Sie heißt „Tea and Sympathie“ und es geht um einen britischen High Tea in Zeiten des Brexit, mit sämtlichen britischen Exzentrikern der vergangenen 300 Jahre, seit Königin Henrietta den Tee in England eingeführt hat.

MM: Da beginnen die Vorstellungen um 17 Uhr.

Bruno Max: Das wäre eine Überlegung wert. Jedenfalls gibt es nur Tee und Gurkensandwiches und Plätzchen.

TzF-Intendant Bruno Max. Bild: Bettina Frenzel

Zuletzt zu sehen: „Die Fleischbank“ mit Georg Kusztrich und Michael Reiter. Bild: Bettina Frenzel

MM: Der Spielplan dieser Saison ist dominiert von Alfred Paul Schmidt, Brecht, Horvath, Hochwälder, Boris Vian … Sie glauben an das Theater als politische Institution?

Bruno Max: Nicht in dem Sinne, dass jemand unsere Vorstellung sieht, und hinausgeht und die Weltrevolution erklärt. Das glaube ich nicht, ich glaube, dass man am Theater zu den Bekehrten predigt, weil wer ins Theater geht schon eine grundsätzliche Einstellung zur Kultur und zum Humanismus hat. Zu uns kommen Leute, die man nur darin bestärken kann, dass es Sinn macht, sich mit Empathie für andere Menschen einzusetzen, dass man zuhört, dass man auch mal seine Meinung ändern kann, also eigentlich die Grundlagen einer gewissen Solidarität, die dem Theater innewohnt. Es gibt ein reaktionäres Theater, dass Menschen ausschließlich in ihren Vorurteilen bekräftigt, etwas, das Peter Brook einmal das tödliche Theater genannt hat, aber das ist nie in einem Volkstheater-Begriff anzutreffen, in dem wir arbeiten. So gesehen ist Theater immer neophil und nie neophob.

MM: Das glauben Sie wirklich, dass es in Österreich reaktionäres Theater gibt?

Bruno Max: Na, wir alle kennen doch die Bühnen, in denen die dicke Dame auftritt, und der Komiker zeigt mit dem Finger auf sie und sagt: Hahaha hohoho. Das brauche ich Ihnen doch nicht zu erklären. Es gibt schon Theater, wo Menschen denunziert werden. Aber Theater eignet sich nicht wirklich, um Vorurteile zu bestätigen. Was es machen kann, ist Menschen davon zu überzeugen, ihr Hirn zu benutzen. Und das ist eh  schon was. Wenn man das heute als politisch links betrachtet, dann frage ich mich, wo die Mitte abgeblieben ist.

MM: Mit ihren zwei Ganzjahres- und der Sommerspielstätte in Wien und Niederösterreich sind Sie mit roter und schwarzer Kulturpolitik befasst. Welche ist besser?

Bruno Max: Ich bin gar nicht mit Kulturpolitik befasst, ich weigere mich. Ich kriege gerade so viel Geld, dass sich die, die es uns geben nicht dafür schämen müssen. Es ist trotzdem nicht viel: Für Wien 320.000 €, von Mödling 350.000 €, vom Land Niederösterreich für unsere beiden Spielstätten in Niederösterreich etwa dieselbe Summe und vom Bund 130.000 €. Das heißt, wir erwirtschaften ungefähr ein knappes Drittel von dem, was wir brauchen selbst. Was für ein Nahversorger Theater, das Anspruch und Programm hat, das nicht nur Unterhaltung, sondern auch Haltung liefern möchte, ganz gut ist. Ich bin nicht einer, der in Wien rot und in Niederösterreich schwarz ist. Wenn ich das könnte, wie es ja einige Leute gibt, die das können, die am SPÖ-Landesparteitag sprechen und im Personenkomitee vom Erwin Pröll waren, wäre mein Leben leichter. Ich habe das nie gewollt, ich habe zwar schon Angebote in der Richtung bekommen, aber die waren finanziell immer viel zu niedrig, als dass es sich lohnte ohne Parteipräferenz erworbene Ansprüche gegen so etwas zu tauschen.

MM: Die mäßige Subvention ist umso bedauerlicher, als sie ein großer Arbeitgeber sind. Die Liste der Schauspieler, die bei Ihnen schon gewirkt haben, kann man gar nicht zählen.

Bruno Max: Es sind bald 500 Schauspieler, die in den vergangenen zwanzig Jahren hier gearbeitet haben. Wir haben im Jahr etwa 80 Rollen zu vergeben, ohne den Bunker, der zusätzlich 70 bis 80 Mitwirkende hat. In schlechten Monaten haben wir 30 Angestellte, in guten Monaten haben wir 50. Angestellte! Wir versuchen nicht mit Kooperationsverträgen oder ähnlichem durchzukommen. Als das geändert wurde, weil wir eine gewisse Größe überschritten hatten, hat uns in Wien niemand extra Geld dafür gegeben, dass wir anstellen. Trotz 50 Prozent höherer Lohnkosten. Ich bin seit 1995 in der Scala, die früher ein Boxklub war. Mir wurde nie ein Theater gegeben, ich habe immer Theater gebaut, selbst in Mödling. Das Haus war, bevor wir kamen, ein leerer Mehrzwecksaal. Alles, was darin jetzt Theater ist, haben wir uns erarbeitet. Und die Schauspieler sind froh, dass es nun eine durchgehende Versicherung gibt, die einmal einen Krankenstand möglich macht.

MM: Hinter den Kulissen?

Bruno Max: Arbeiten wir minimalst. Wir haben zwei Vollzeitkräfte in der Verwaltung für drei Theater, die auch den Kartenverkauf stemmen, ich habe einen Putzmann, der beide Häuser reinigt, ich habe zwei angestellte Techniker für beide Häuser, die helfen einander gegenseitig. Und mich gibt es noch. Ich habe vor Jahren aufgegeben, mir Gagen für Regie und Bühnenbild auszuzahlen, weil die SVA mir das ohnedies wegnimmt. Die Sache ist ja so, dass man gar nicht in der Lage ist, um höhere Subventionen einzureichen. Bei der Stadt Wien ist es so, dass die sagen, was man kriegt, und dann muss man schauen, dass man mit seiner Kalkulation dahin kommt. Das ist sehr pervers, weil es ein bisschen was davon hat, dass ein Verhungernder schriftlich bestätigen muss, dass er auf Diät ist hat.

MM: Und die Auslastung?

Bruno Max: Geht konstant nach oben. Wir haben die vergangene Produktion in Mödling ausverkauft zugesperrt. Ich glaube, das liegt auch daran, dass wir den kontinuierlichen Austausch mit dem Publikum suchen, anders als ein einzelnes Stück abzuschießen und nächste Woche mit einem anderen Gemischtwarenladen zu kommen.

Mit waschechtem Gollum …: Thomas Marchart und Peter Fuchs. Bild: Bettina Frenzel

… und einem wirklichen Drachen: Hans-Jürgen Bertram. Bild: Bettina Frenzel

MM: Sie selbst stemmen zweieinhalb Intendanzen, vier Inszenierungen im Jahr und einmal, zweimal treten Sie auch als Schauspieler auf. Wie geht sich das aus?

Bruno Max: Und ich mache meistens noch zwei Bühnenbilder. Es geht sich aus. Ich lebe halt sieben Tage die Woche im Theater. Gottseidank ist meine Frau selber Schauspielerin und versteht das und arbeitet mit und spielt mit. Aber jetzt beispielsweise, wo ich in Mödling eine große Premiere und in Wien die „Zwiebelringe“ habe, wird’s definitiv der gewöhnliche 13-Stunden-Tag.

MM: Haben Sie bei den „Zwiebelringen“ auch einen Gastauftritt?

Bruno Max: Nein, aber es gibt sehr viele Soundeffekte, und ich sitze bei den meisten Vorstellungen daneben und sorge dafür, dass sämtliche Zaubertricks funktionieren. Wir machen jedes Jahr ein Minimum an drei Ur- und Erstaufführungen, die anderen sind Texte, an die sich andere Truppen höchstens in Form von Überschreibungen heranwagen. Mir ist es wichtig, dass zum Theater auch ein Autor gehört, und man dessen Absichten nicht sklavisch folgen, aber hören muss. Beispielsweise ist es jetzt sehr schwierig, wir planen als nächste Mödling-Premiere Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ …

MM: Und die Brecht-Erben …?

Bruno Max: Gar nicht. Die Dessau-Erben. Außerdem ist es schwierig, den guten Menschen nicht als Gutmenschen, der die Schnorrer durchfüttert erscheinen zu lassen, und Applaus von der falschen Seite zu bekommen. „Wackerer Kapitalist bringt arbeitsscheues Gesindel am Ende zum Hackeln“, das kann’s nicht sein. Das ist schwer, wie Brecht selbst weiß. Wenn’s heißt: „Wir sind zerschmettert  und nicht nur zum Scheine! Wir stehen betroffen: Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Sucht euch selbst den Schluss, es muss ein guter da sein. Muss, muss, muss!“ Das ist einmal ein Brecht, wo der Brecht nicht so selbstbewusst erscheint. Brecht ist ein Aufklärer. Die Aufklärung will die Herausführung des Menschen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit – und Brecht würde das selbstverschuldet nicht unterschreiben, weil die Gesellschaft das verschuldet. Die Menschen sind schlecht aus der Not …

MM: Von Brecht gibt es auch das Zitat der „allerdümmsten Kälber“. Was erwarten Sie als Kulturschaffender von der kommenden Politik?

Bruno Max: Das ist schwer zu sagen. Kultur war nie ein Kampffeld für die ÖVP. Im Gegenteil, es ist uns in Wien unter einem schwarzen Kulturstadtrat nicht schlechter gegangen. Es war sogar leichter den Diskurs zu finden, aber das liegt an der jeweiligen individuellen Schwerpunktsetzung. Die FPÖ hat eine Ansage gemacht, dass sie prinzipiell Kulturförderung ablehnt, Kultur soll sich selbst finanzieren, mit der Begründung, Theater kommt in erster Linie den Wohlhabenden und Gebildeten zugute, weil wer anderer geht nicht hin. Unsere Kartenpreise beginnen für die Nichtwohlhabenden bei null Euro. Wir haben das Abkommen mit „Hunger für Kunst und Kultur“, bei uns kann man mit entsprechender Berechtigung auch beim Dinnertheater umsonst reingehen. Da rufen schon Leute an und sagen zwei Mal Abendessen umsonst plus Theater, das ermöglichen wir auch. Unsere teuerste Karte in Mödling kostet 30 Euro – also so viel von wegen die Wohlhabenden. Und was die Unbildung betrifft, das ist nichts Respektables. Vielleicht nichts Selbstverschuldetes, aber nichts auf das man stolz sein sollte.

MM: Wie also sehen Sie Ihr Theaterpublikum?

Bruno Max: Unser Publikum sind Menschen, die bereit sind, sich eine Geschichte erzählen zu lassen, und nicht von vorneherein ihr Vorurteil mitbringen und darüber nicht diskutieren wollen. Im Theater trifft man die Menschen aufmerksam, niemand geht ins Theater, um nicht zuzuhören. Das ist spannend, und vielleicht nicht immer im Sinne der Politik, aber teilweise kann man den Leuten Ideen nahebringen, die ihnen vor dem Kommen noch nicht nahe waren. Damit Sie sagen, da schau her, das habe ich noch gar nicht bedacht. Und das machen wir mit guter Unterhaltung: Ihnen mit einem Stück Zucker auch bittere Pillen zu verabreichen.

Die Rezension „Der Herr der Zwiebelringe“: www.mottingers-meinung.at/?p=27270

www.theaterzumfuerchten.at

2. 11. 2017

Rabenhof: Viel gut essen

Oktober 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kreisky rocken Sibylle Berg

Franz Adrian Wenzl performt den verbalen Rundumschlag von Typ Mittelschicht. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Sein altes Wohnviertel wird zu einem Mix aus Bobo-Behausungen und Asylantenheim umgebaut. Seinen Vorgesetztenjobtraum hat er an Frau Hüdüczü verloren, den Arbeitsplatz gleich dazu, hat er ihr doch ihren „doppelten Quotenanspruch – weiblich und Migrationshintergrund“ ins Gesicht gekotzt. Frau Claudia und Sohn Anselm haben das Weite gesucht. Nun steht er in seiner nicht abbezahlten Fast-Profi-Küche und brutzelt, was das Zeug hält.

Denn heute Abend sollen, werden sie, hofft er … heimkommen? Der arme „kleine Mann“, er könnte einem fast leid tun. Bevor er seinen Verbalrundumschlag beginnt. Auf alles und jeden, das und die ihm fremd sind – und das ist zu allererst einmal er selbst. „Ich weiß, dass ich ich bin, weil ich eine Wohnung habe, zu der mein Schlüssel passt“, singt Kreisky-Frontmann Franz Adrian Wenzl. Die Wienerwut-Rocker haben Teile von Sibylle Bergs Texttirade „Viel gut essen“ zu sechs neuen Songs vertont, den großen Rest spricht „Austrofred“ Wenzl bei diesem, seinem quasi Debüt als Schauspieler.

Nach Aufführungen in Deutschland und der Schweiz ist die in ihren beiden Heimatländern hassgeliebte Autorin mit ihrem Monolog nun im Rabenhof angekommen, und wirkte beim tosenden Schlussapplaus und den Standing Ovations sichtlich gerührt, ja sogar ein wenig schüchtern. Vater-Land/Mutter-Sprache, vielmehr: der empfundene Verlust derselben an neue Verhältnisse, das ist auch Thema von „Viel gut essen“.

Da steht er nämlich, der Repräsentant der sogenannten, von allen politischen Couleurs heiß umbuhlten Mittelschicht, weiß, hetero, xenophob, homophob, frauenfeindlich und ein Feind moderner Kunst, früher beruflich sogar erfolgreich, und sieht die Fassade bröckeln. Das Fundament seiner Existenz ist brüchig geworden. Das erzeugt Frust. Der erzeugt Gewaltbereitschaft. Aber noch ist er ruhig, der „kleine Mann“ und will nur kochen und die Geschichte seines Scheiterns erzählen. „Ich war immer angestellt, meinem Bedürfnis nach Planungssicherheit geschuldet“, sagt er. „Ich hatte nie das Bedürfnis nach Regelunkonformität. Ich wollte nicht aufbegehren“, sagt er.

Kreisky: Klaus Mitter, Martin Max Offenhuber, Lelo Brossmann und Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Bernd Supper und Willi Landl: Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Und wie er das sagt. Wenzl trifft einen Ton zwischen bekanntem Politikertypus und sozialfaschistischem Prediger, ausgerechnet sein Protagonist doppeldeutig ein „Europe“-Fan, und der Eindruck bewahrheitet sich mit Fortschreiten des Abends, wenn Wenzl seine Sätze zunehmend als Parolen formuliert, diese immer öfter ins Mikrophon donnert. Oder sich in Glencheckanzug und Schwarzer-Kontinent-Shirt darüber wundert, dass „in Afrika eine Familie ein Monat von einem Stück Topfenstrudel leben“ kann. Die Musik erhöht den Druck, die Dynamik der Eskalation steigert sich stetig. Bald fehlt hinter ihm nur noch das Heimatplakat.

Berg und die Band wollten der Rabenhof-Aufführung etwas Wienerisches geben, und dazu gehört wohl, dass Wenzls Auftritt was Kabarettistisches hat. Die Kreiskys sind halt Kreisler-Kinder. Im Gemeindebautheater (wo die, die hier, eh immer eines Geistes sind) wurde jedenfalls gejohlt und gelacht (im Unterschied zur deutschschweizerischen Publikumsschreckstarre), da versteht man sich aufs Hinterfotzige, das Knallharte wird Kleinkunst, das Grausliche grotesk. Wie sich Wenzl so von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit zetert, das ist scham- und schonungslos, zynisch und provokant, und es ist melancholisch. Es ist wahnwitzig komisch und zum Brüllen traurig. Wenzl balanciert über Bergs Klischeeberg auf dem schmalen Grat von So was sagt man nicht! und Das wird man doch noch sagen dürfen!

Dort also, wo‘s die einen für den endlich notwendigen Tabubruch halten und die anderen für Rassismus. Früher hatte die politisch korrekte Mehrheitsgesellschaft beim Reden das Sagen, die anderen schwiegen, jetzt wächst der „kleine Mann“ über sich hinaus. Der Einzelne ist gar nicht mehr so anonyme Masse, das Schweigen wird laut, deshalb wird Wenzl außer von Klaus Mitter am Schlagzeug, Gitarrist Martin Max Offenhuber und Lelo Brossmann am Bass von einem Chor begleitet. Man hat sich dafür Bernd Supper von The Scarabeusdream, Maximilian Atteneder von Catastrophe & Cure und den oberösterreichischen Jazzsänger Willi Landl ausgeborgt.

Und die drei sind nun die Perversions- und Percussiongruppe, gestalten das schlechte und das böse Gewissen, die schlechten und die bösen Kindheitserinnerungen – die Mutter ging dem lieblos schweigsamen Vater mit „Jeff aus Eritrea“ durch: „Die armen Asylanten. Aber tanzen tun sie so anmutig. Sie haben so elegante, unterprivilegierte Gliedmaßen, da staunt die Frau auf ihrem Tretroller, da beben ihre roten Unterarme. Und schon gab es sie nicht mehr.“ Das Trio mimt auch Gourmetküchen-Aficionadas, es feiert als Herrn Jedermanns Kopfdruckkochtopf dessen Rezepte. „Kapern sind die Krönung des Fischfonds“, psalmodiert es. Oder: „Die Tomaten glänzen wie Halbedelsteine.“ – „Paradeiser heißt das bei uns“, kontert Wenzl.

Tänzeln in Starschnitt-Attitüde:Franz Adrian Wenzl. Bild: © Rabenhof / Nikolaus Ostermann

Martin Max Offenhuber, Franz Wenzl, Sibylle Berg, Klaus Mitter und Lelo Brossmann: Bild: © Rabenhof / Ingo Pertramer

Auch, wenn der Chor über Claudia und Anselm singt, klingt’s oft wie Kirchenchoral. Die heilige Institution Familie. Heißt, wenn die Frau Blumen will, soll sie einen Fleurop-Lieferanten heiraten; will sie sich selbstverwirklichen, „irgendwas aus Ton oder Schmuck gestalten“. Dass andere von ihm abhängig sind, findet der Ex-Alleinverdiener „sinnstiftend“. Und will der Sohn zum Ballett, ist er ent-***, also jedenfalls aus der Art geraten. The Final Countdown. Franz Adrian Wenzl performt seinen Bühnenfreak mittlerweile mit Rebellenattitüde, tanzt über die Bühne wie ein Fred-Starschnitt. Unter seinen Posts erbeben Internetforen, seine Leserbriefe sind im mehrfachen Wortsinn Reaktion.

Der Kampf an allen Fronten hat längst begonnen. Musikalisch als die „Mobilmachung des gesunden Menschenverstands“: „Wir sind keine dumpfe braune Horde/wir sind das Volk/wir sind Bürger mit Bürgerrechten/und die holen wir uns./Stillgestanden./In einer Reihe./Die Ausgabe der Waffen erfolgt jetzt -“

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=8&v=12sFvR-KeFE

www.rabenhoftheater.com

  1. 10. 2017