Wiener Festwochen: Die Orestie

Mai 22, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Demokratie für die Laborratten

Klytaimestra (Marie Löcker) und Volk. Bild: Armin Smailovic

Sollte einem die Schädeldecke nach hinten rutschen, so der Tipp von Dramaturg Matthias Günther am Ende seiner gutgelaunten Werkeinführung: „Schieben Sie sie einfach wieder nach vorne!“ Äh, ja. Ersan Mondtag Shootingstar hat zweifellos viel und farbenprächtige Fantasie, seine Fassung von Aischylos‘ „Orestie“ oszilliert zwischen Pathos und Klamauk – ein spannender Mix, für den man alles, nur nicht spaßbefreit sein darf.

Die Ansage, den Anspruch, sich wieder auf die Archaik des antiken Theaters zu besinnen, erfüllt der Abend, der vom Thalia ans Theater an der Wien übersiedelt ist, allerdings in vielerlei Hinsicht nicht. Das beginnt mit der Sprache, die so typisch deutsches Stadttheater ist. Mit einem Hauch Schnoddrigkeit und Mut zur Schreierei bis zur Outrage. Wenn Sebastian Zimmler als Orest sich in der Plattenbausiedlung – Mondtag, der seine Inszenierungen gern auch biografisch verankert, denkt hier wohl an den Berliner Kiez seiner Kindheit – die rachsüchtige Seele aus dem Leib brüllt, wartet man unwillkürlich darauf, dass von einem der Balkone ein „Ruhe!“ in den Innenhof erschallt. Im Wiener Gemeindebau wär’s mit Garantie so. Bevor die Stiege vier endlich ins Spiel kommt, passiert aber eine Menge.

Mondtag hat sich das Haus des Atreus‘ als Laborrattenstaat erdacht (honi soit …, wem hier der Neuenfels‘sche Skandal-Lohengrin einfällt). Das macht insofern Un/sinn, als die alten Griechen schon zu satyrnartigen Bocksmasken und großen Schwänzen griffen. Vor der Kulisse einer Glyptothek stehen die Darsteller in Stasis auf einer kleinen, roten Drehbühne. Ihr Singsang als Bürgerchor, unterstützt von einem Altonaer Gesangschor, der die Musik von Jazzer Max Andrzejewski interpretiert, erzählt die Geschichte von Flaute für die Flotte, Opferung Iphigenies, bis Heimkehr Agamemnon und Totschlag. Das ist, dank des hohen Tons von Walter Jens‘ Übersetzung, tatsächlich gewaltig. Marie Löcker tritt mit brüchiger Erotik als Klytaimestra aus der Masse hervor, André Szymanski als totengleich wandelnder Agamemnon, Paul Schröder als Aigisth.

Kassandra irritiert als Wickelkind im Weidenkorb. Bild: Armin Smailovic

Warum Kassandra ein Wickelkind im Weidenkörbchen sein muss, erschließt sich wiederum nicht. Das Babygebrabbel wird als die Fremdsprache der Seherin gedeutet, von der keiner versteht, was sie sagen will. Die ästhetische Setzung ist jedenfalls stark, Form bestimmt den Inhalt. Und erst auf den zweiten Blick sind die kleinen Irritationen zu entdecken: ein Shirt auf dem „Geil“ steht, eine Tasche mit der Aufschrift „Club Azur“.

Das weist schon hin auf das Folgende, wenn sich die Kulisse dreht, und die Aufführung zwischen Blumenbalkon und Sat-Schüssel angelangt ist. Als ob hinter jeder marmornen Fassade die Kleinbürgerlichkeit hauste. Und Klytaimestra und Aigisth winken gar königlich aus ihrem Spießeridyll ins Volk hinunter. Da wird nun vieles lächerlich bis zum Lachen. Eine Urne wird aufs Chaos von Thomas Niehaus geworfen, die Sätze sind jetzt von Mondtag und modern. Als hätte manch einer ein „Also, wissen Sie, nee …“ auf den Lippen.

Nach der Pause eine eindrückliche, schwarze Albtraumszene, die sich von Atreus und Thyestes zu Aigisth, der längst als Witzfigur zur Abschlachtung freigegeben ist, und Orest entwickelt. Das ist von großer Intensität, wenn Agamemnon, als Toter auf seinem Grab sitzend, dem Sohn den Doppelmord befiehlt. Kein Wunder hier, dass Zimmler Hamlet und Jesus zitiert, er wird schließlich vor dem roten Vorhang zum durch die Erinyen Verpesteten, will eine Beichte ablegen, wird aber durch höhere Macht – Apollon – zum Demagogen, der aufhetzt, statt zu gestehen. Das ist schon sehr geschickt gelöst, samt Björn Meyer als Elektra.

Am Ende finden sich alle im Tiefgaragen-Tempel von Athene – Cathérine Seifert, die für die Übersiedlung die vom deutschen Feuilleton bemängelte Merkel-Raute und SMS-Sucht offenbar abgelegt hat – wieder und die Plädoyers beginnen. Der Hohe Rat wird eingesetzt, und sofort setzt Zank und Hader ein. Unter Ratten ist eben keine Demokratie möglich, diese zarte Pflanze, die derzeit gerade vielerorts zertreten wird. Sagt Ersan Mondtag und verdreht Aischylos‘ Happy End in ein hämisches Moment. Zum Schluss gab’s Riesenjubel und Applaus für einen Abend, der die Balance zwischen Erhabenen und Groteskem sucht, und doch zu sehr in Zweiteres entgleitet. Die alte Kreativenregel „Kill your darlings!“ lass‘ die Einfälle weg, auf die du am stolzesten bist und die du am schönsten findest – hätte dieser Inszenierung gutgetan.

www.festwochen.at

  1. 5. 2018

Theater zum Fürchten: Donadieu

Mai 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Frage, wie man Folterern vergeben kann

Lavalette bemüht sich um Benehmen im Haus des „Feindes“ Donaudieu: Roger Murbach, Alina Bachmayr-Heyda, Wolfgang Lesky und Clemens Aap Lindenberg. Bild: Bettina Frenzel

1629, während der letzten Hugenottenerhebung in Frankreich. Zwei Kuriere des Königs begehren in einer stürmischen Nacht Einlass in das Schloss eines protestantischen Adeligen, Gastfreundschaft wird ihnen trotz der religiösen Feindschaft gewährt. Da erkennen Tochter und Dienerin in einem der Fremden den Marterer und Mörder der Mutter – nun lodert ein Gewissenskonflikt auf: Soll man die Frau rächen oder den Mann, der ein Friedensedikt mit sich trägt um dessen willen ziehen lassen?

Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, das Schauspiel „Donadieu“, und es ist schön, dass man sich des Dramatikers Fritz Hochwälder wieder besinnt, der mit unter anderem „Das heilige Experiment“ und „Der Himbeerpflücker“ maßgebliche Werke der österreichischen Bühnenliteratur schuf, jedoch heute für die Spielpläne fast gänzlich vergessen ist. 1953, im Schatten des Dritten Reichs, hat Hochwälder als Hausautor des Burgtheaters sein Stück verfasst, nichts hat es an Aktualität eingebüßt. Themen wie Glaubensfreiheit oder politisch instrumentalisierte Religion, die die Menschen entzweit, Krieg, Flüchtlinge, Hass auf alle, die als „anders“ abgetan werden, sind gegenwärtig. Wie die vom Juden, bekennenden Linken, Schweiz-Exilanten Hochwälder gestellte Frage, wie denn aus den Folterern von gestern wieder die Nachbarn von morgen werden sollten.

TzF-Prinzipal und Regisseur Bruno Max lässt den „Donadieu“ im historischen Kostüm. Gemeinsam mit Marcus Ganser hat er ein Bühnenbild erdacht, das von Prunksaal bis zu den Schlafgemächern entlang einer Galerie im ersten Stock eine halbe Burg darstellt. Mit viel Liebe zum Detail sind eine Feuerstelle oder ein Lesepult aufgestellt, das Publikum nimmt diesmal zu beiden Seiten der Spielfläche statt, was eine intensive Nähe zum an dramatischen Wendungen reichen Geschehen schafft.

Clemens Aap Lindenberg und Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Bernie Feit. Bild: Bettina Frenzel

Wolfgang Lesky und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

Wie schnell hier die Stimmung umschlägt, demonstrieren vor allem Clemens Aap Lindenberg in der Titelrolle und Wolfgang Lesky und Dirk Warme als die beiden Kuriere Lavalette und Du Bosc. Die ersten beiden Ehrenmänner, die an die Bestrafung von Kriegsgräuel glauben und es an moderater Haltung und gegenseitigem Respekt nicht fehlen lassen, zweiterer ein Bösewicht wie das dem Bilderbuch, der schlussendlich erneut entgleist und sich enttarnt, als er die Bewohner des Schlosses ihrer Menschenwürde beraubt und demütigt.

Eine Erniedrigung, die Lindenbergs Donadieu, vom ersten Aufbrausen schließlich in der Vernunft angelangt, mit stoischer Ruhe ertragen kann, nicht aber der hochanständige Lavalette. Wie über dem Gebaren dieses exzellent agierenden Dreiergespanns ständig die Gefahr schwebt, macht eine Reihe ebenfalls ausgezeichneter TzF-Schauspieler deutlich. Bernie Feit gibt den Escambarlat als geschwätzigen Dichter und erst käufliche Seele, die – zum äußersten getrieben – doch noch ihren Heldenmut findet.

Margot Ganser-Skofic ist eine vor Empörung bebende Schaffnerin Barbe, Kari Rakkola ein aufbrausender schwedischer Hauptmann Tiefenbach, während Roger Murbach als Pfarrer Berthelien um den lieben Frieden bemüht ist. Alina Bachmayr-Heyda als rachedurstige Tochter Judith und Robert Elsinger als feuerversehrter Nicolas komplettieren das Ensemble. Bruno Max versteht es mit dieser Inszenierung einmal mehr, aus einem schwierigen Stoff einen stetig sich beschleunigenden, spannungsreichen Abend zu machen.

Sein „Donadieu“ besticht durch eine fein ziselierte Figurenzeichnung, die die Charaktere fernab jeder Thesenhaftigkeit als Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne stellt. Und er macht Hochwälders Aufruf zu Aufarbeitung und Aussöhnung deutlich. Das Theater zum Fürchten ist mit dieser Arbeit um eine unterhaltsame, lehrreiche Aufführung reicher.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 5. 2018

Max Winter: Expeditionen ins dunkelste Wien

April 24, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich hatte Elendsmaskerade angelegt“

Sein journalistisches Programm hieß Aufklärung und Aufdeckung. Er war bestrebt, Missstände durch stringente Beweisführung aufzuzeigen, Verantwortliche zu nennen und Verbesserungen zu erzwingen: Max Winter. Für seinen Blick von „ganz unten“ begab er sich vor hundert Jahren in die Welt der Wiener Elendsklasse, der Arbeits- und Obdachlosen und der Sandler, die er auf ihren Wegen durch die Großstadt begleitete. Er schuf damit erschütternde Gegenbilder zu einem überliefert verklärt-sentimentalen k.u.k.-Kitschpanorama. Mehr als 1500 Sozialreportagen hat Max Winter verfasst. Die eindringlichsten hat der Picus Verlag nun im Buch „Expeditionen ins dunkelste Wien“ herausgegeben, eine einmalige Gelegenheit, die bis dato nur in Archiven und Bibliotheken aufliegenden Texte nachzulesen.

Max Winter war ein Meister der Verkleidung, in vielerlei Gestalt drang er in unterschiedlichste Milieus vor. Diese Rollenreportagen machten es ihm möglich, nicht von außen, sondern von innen den Alltag Benachteiligter zu schildern. So nächtigte er im Asyl für Obdachlose, kroch mit einem Strotter durch die Wiener Kanäle, war Polizeihäftling, im Tschecherl, unter Praterstrizzis, im Spielercafé … Den Wechsel seiner Identitäten beschreibt er beispielweise so: „Ich hatte Elendsmaskerade angelegt: den Kragen meines alten Lodenspenzers aufgestülpt – den verstaubten Filz in die Stirn gedrückt, die Hände in den Taschen der Sommerhose vergraben, so stehe ich dort und friere in den Füßen …“ Das Foto auf dem Umschlag des Buches zeigt Winter in einer seiner Aufmachungen.

Die so entstandenen Texte sind bar jeder Patina. Winter erzählt mit schmuckloser Geradheit, die Wärme, die seine Artikel dennoch ausstrahlen, ist unsentimental, die Schilderungen sind ruhig, trocken, einfach, ohne Pointen und drastische Effekte, aber nicht ohne feinen Humor. Ein Glossar im Anhang erklärt die von Winter oft verwendeten Soziolektbegriffe und Worte aus der Gaunersprache: „Neben dem großen Neunzehnjährigen verschwindet ein kleiner Knirps in einem blauen ,Barchentjanker‘, ein ,Schräuferl‘ im Ohr …“, steht da. Oder: „Da hab’n S’ jetzt an Gadern.“ Besonders erschütternd: „Eine Stunde in der Wärmestube“, wo die Ärmsten der Armen die Nacht im Sitzen auf Bänken verbringen müssen, weil es keine Betten gibt: „134 an der Zahl. Mann an Mann in drangvoller Enge durchseufzen die Nacht, für die ihnen kein anderes Obdach wird als dieser Notunterschlupf, den die Gemeinde Wien gar zu gern zur ständigen Einrichtungen gestalten möchte.“

Winter stieß immer wieder nach, organisierte spontan Demonstrationen und Geldsammlungen, und zwang so die Behörden zur Reaktion. „Der Fall Hofrichter“ aus dem Jahr 1910 wurde zu einem seiner größten Erfolge: Winter deckte die Willkür der Militärgerichtsbarkeit so überzeugend auf, dass diese in der Folge reformiert werden musste. Seine unkonventionellen Vor-Ort-Recherchen, die Not am eigenen Leib erfahrend, untermauerte er akribisch mit wissenschaftlichen Ergebnissen, Statistiken und amtlichen Sozialberichten, sie sicherten seine qualitativen Standards.

In „Im Zeichen der roten Laterne“ berichtet er schließlich sehr persönlich, was ihn bewegt: „Man müsste Bände schreiben, wollte man alles schreiben, was man sieht, hört, und was man erfährt und miterlebt. Wer erfahren will, wie das Volk lebt, siecht und stirbt, wer die Leiden der Proletarier intim studieren will, der studiere die Erfahrungen der Rettungsgesellschaft … Er wird Dinge erfahren, die er sich sonst nicht erträumt, an deren Wahrheit er zweifeln würde, wenn er sie liest.“ Einer wie Max Winter fehlt.

Über den Autor: Max Winter wurde 1870 in Tárnok bei Budapest geboren. Als Zwanzigjähriger begann er seine journalistische Laufbahn beim Neuen Wiener Journal, bis ihn Victor Adler 1895 zur Arbeiter-Zeitung holte, für die er bis zu deren Verbot 1934 und zu seiner Emigration mehr als 1500 Reportagen verfasste. Winters sozialreformerisches Engagement blieb nicht auf den Journalismus beschränkt, er baute unter anderem die Kinderfreunde-Bewegung in Graz aus und gründete in ganz Österreich Kinderbibliotheken. Auch als Quereinsteiger in die Politik war er erfolgreich, war von 1919 bis 1923 einer der drei Vizebürgermeister der Stadt Wien und bis 1930 im Bundesrat. Nach dem Verbot der sozialdemokratischen Partei 1934 ging Winter in die USA, wo er beruflich nicht Fuß fassen konnte. Er starb 1937 einsam und verarmt in Hollywood.

Picus Verlag, Max Winter: „Expeditionen ins dunkelste Wien. Meisterwerke der Sozialreportage“, Sachbuch, herausgegeben von Hannes Haas, 304 Seiten.

www.picus.at

  1. 4. 2018

Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 12. 2017