Stadtsaal – Thomas Maurer: Zukunft

Dezember 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Digital Immigrant sinniert über sinnloses Wissen

Thomas Maurer: Zukunft. Bild: © Ingo Pertramer

Da hat sich einer eine Menge vorgenommen. Thomas Maurer nämlich mit seinem neuen Programm „Zukunft“. Zu dessen Beginn er nicht höchstselbst auf der Bühne erscheint, sondern ein 3D-Hologramm vorschickt, um tagesaktuell über die neuen Regierungsmitglieder und ehemalige, nun vor Gericht stehende zu lästern. Da wird er in den nächsten Monaten vor jedem Auftritt viel zu überarbeiten und zu filmen haben. Kein Wunder, dass die Sache irgendwann abstürzt.

Kritische „Staatskünstler“ will dieser Tage weder der ORF noch finden sie Platz in einem Regierungspapier, das – was? – fünf? Seiten für Kunst und Kultur beinhaltet. Alles muss raus. So auch der Maurer, „der Künstler muss leiden und anwesend sein“, der doch noch leibhaftig im Wiener Stadtsaal erscheint. Gleich mit der ersten Wuchtel, einen steinalten Skoda Octavia hätte er zum Verkauf anzubieten, umgespritzt auf Türkisblau ergo neuwertig, weil warum soll ihm nicht gelingen, was dem Kurz aufgekauft wird, mit seiner Koalition 2.0, die „so sinnvoll ist, wie sich die Milchzähne noch einmal einsetzen zu lassen“.

Doch genug der Politik. Schließlich soll’s hier um echte Utopien gehen. Maurer turnt in den folgenden zwei Stunden durch die schöne, neue Welt der Digitalisierung und spielt dabei alle Schreckens- und Hoffnungsszenarien durch, die Robotik, Deep Learing, selbstfahrende Autos und Jobkillersoftware so mit sich bringen werden. Ganz nostalgisch wird er, wenn er den kürzlich erstandenen, nachgebauten Raumschiff-Enterprise-Kommunikator mit seinem Smartphone vergleicht. Nur, dass ersterer nix kann, wenn man das Gadget nicht via Bluetooth mit dem Handy verbindet.

Ach, Mann hat’s schwer. Und sich zur Ablenkung einen süßen, kleinen Roboterhund namens Chip gekauft, der das Publikum mit ein paar einstudierten Tricks unterhält. Lustig! Doch schon bäumt sich Maurer auf und hält eine Brandrede wider die Entwertung sinnlosen Wissens. Wo kommen wir denn da hin, wenn bei der dritten Flasche Grauburgunder jeder Wikipedia-Wurschtl schneller als er die Frage beantworten kann, warum Ketchup Ketchup und Mayonnaise Mayonnaise heißt?

Bild: © Lukas Beck

Bild: © Lukas Beck

Wer’s nun auch wissen will: Onkel Google fragen! Der und Spotify, Amazon und Co., erkennen ohnehin „viel besser als du, was dir als Nächstes am besten gefällt“ oder was dich zu interessieren hat. Als ob das was wäre, was Zukunft können muss. Komisch. Je länger der Abend dauert, um so mehr stürzt der Kabarettist von der Euphorie in die Dystopie. Er merkt es sogar selbst, und nennt es seine Déformation professionnelle immer ein bissl Teuferl sein zu müssen.

Nach der Pause und einem Philosophieren über Transhumanismus, Kryokonservierung und gentechnische Glanzleistungen zeigt Maurer seine eigene Zukunft. Das mit den 3D-Ichs gefällt ihm. Und so sieht man ihn als Nicht-einmal-Mindestrentner, nicht völlig freiwillig zum Islam konvertierten Alten und strahlend runderneuerten 100-something. Zeitlebens aufgrund des Geburtsjahrs 1967 aber zum Dasein als Digital Immigrant verdammt, muss er seinen Sohn fragen, wenn in der Cloud nichts mehr geht – bis der auch nichts mehr wissen wird. So viel zur „Gruselzukunft“.

Maurer, der seine starken Programme im Jahresrhythmus ins Publikum schießt, offenbar ohne mit der Wimper zucken zu müssen, hat auch diesmal die Lacher auf seiner Seite.

In tiefst Wienerischer Mundart, nie verlegen um das eine oder andere Sch-Wort, legt er höchst intelligent seine Sicht der Dinge dar. Es ist eine Kunst, all die abstrakten „Zukunft“-Ideen in Zugnummern zu verwandeln, und Maurer ist es gelungen. „Was man nicht im Kopf hat, sondern auf dem Handy, muss man nicht im Kopf haben“, sagt er zwar neckisch. Aber man weiß, einer der g’scheit ist, hat das nicht so gemeint.

www.thomasmaurer.at

www.stadtsaal.com

  1. 12. 2017

Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

Stadtsaal: Die Tankstelle der Verdammten

August 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Watzmann hat in Wien jetzt Konkurrenz bekommen

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Wilfried Scheutz. Bild: © Ernesto Gelles

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Rock’n’Roller Wilfried Scheutz. Bild: Ernesto Gelles

Die Fangemeinde, das merkte man beim Auftritt der Polka Punks, war vollzählig angetreten, und sie war mehr als gewillt, Titus Vadon zum Hohepriester des Abends zu ernennen. Als der nämlich als erstes Freud und Leid der „Currywurst“ besang, tobte sich der Stadtsaal heiß – und bei der Betriebstemperatur blieb’s dann auch für die nächsten zweieinhalb Stunden. Georg Ringsgwandls „Die Tankstelle der Verdammten“ hat man sich als diesjährige Sommerproduktion auserkoren.

Thomas Maurer hat dem Text einen Wienerischen Klang verpasst, die Zapfsäulen stehen statt am Hasenbergl jetzt irgendwo zwischen Simmering und Ottakring, und der Chuck ist vom Bazi zum Strizzi mutiert. Der Chuck, das ist die mittelschwer verlorene Existenz, um die Ringsgwandl seine, wie er sie nennt, „lausige Operette“ gebaut hat. Ein überwuzelter Berufsjugendlicher, ein abgehalfteter Vorstadt-Rock’n’Roller, der es auch nach xen Jahren nicht aufgibt, auf die große Karriere zu hoffen, aber mit seinem Haberer Tino den ganzen Tag bei dessen Imbissbude rumhängt.

Für seine Angie ist er der Held, für seine Mutter ein Wappler, übertroffen nur von seinem Bruder Ivo, dem glorreichen Diskobesitzer. Jedenfalls, der Ivo geht Pleite, aber der Chuck wohnt in Frau Drehers Wohnung. Und die will sie jetzt zurück, weil Hotel Mama war gestern. Für Angie stürzt eine Welt zusammen, ergo sie sich in die Arme des Oberschurken und Tankstellenpächters Dr. Prittwitz. Ein zwielichtiger Anwalt mit einem mörderischen Rollkommando. Der Rest ist … Showdown. Und die Geschichte eine True Story. Ringsgwandl, der bayrische Punkphilosoph, hat seine Typen alle persönlich gekannt. Damals, in den 1970ern, als man sich im Rubin Club in Karlsfeld noch gepflegt das Hirn wegknallen konnte …

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: © Ernesto Gelles

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: Ernesto Gelles

Rockt den Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Harald Baumgartner

Da bebt der Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Ernesto Gelles

Im Stadtsaal gibt Wilfried Scheutz den Chuck. Und, was soll man sagen?, der Watzmann hat in Wien ernsthafte Konkurrenz bekommen. Es fetzt, dass die – äh – Fetzn fliegen. Weil, der Wilfried kann’s, egal, ob sich Chuck „Obercool“ findet oder erklärt, warum er eine „Soziale Ratte“ ist. Immer noch mit dem charakteristischen Kieks in der Stimme, aber das Bauchgefühl mit den Jahren doch deutlich gewachsen. Und wenn’s mit dem Text einmal nicht so ganz klappt, na bitte, dafür hat der liebe Gott doch das Schubidu erschaffen. Er schwitzt und swingt und schwingt das Tanzbein, letzteres nicht immer total im Takt, aber mit ansteckender Begeisterung. Wilfried, das ist Charme und Schmäh und Scheiß-mi-nix. Weltklasse!

Regisseurin Gabi Rothmüller, eine Zuagraste aus dem Freistaat, hat übrigens, sagt sie, beim Watzmann ihr Herz an Wien verloren, seither unter anderem Severin Groebner und Hosea Ratschiller inszenatorisch betreut, und nun eine astreine Arbeit vorgelegt. Sie hat mit viel Sinn für Nonsense den Ringsgwandl-Spirit und dank der Polka Punks auch dessen Sound umgesetzt; für das Tempo, das sie vorgibt, und das Temperament ihrer Darsteller wird die Stadtsaal-Bühne mitunter fast zu klein. Im Jubel-Trubel geht Eva Maria Marold einmal sogar die Perücke päule. Ein Extraplus gibt’s für die Kostüme, Mutter Drehers pinkfarbener Pomponella, den mutmaßlich ältesten, abgefucktesten Plastikschlapfen der Welt – und wo kriegt man dieses Rock-Benson-Hemd her?

Eva Maria Marold brilliert als Mutter Dreher, die sich manchmal wundersam auch in eine schrille Skater-Fee verwandeln kann. Als erstere verzweifelt sie an ihrer Mutterschaft, besingt das Schicksal, dass ihr „Der verrückte Chromosom“ angedreht hat, als zweitere dreht Frau studierte Sängerin gekonnt auf Soubretten-Modus. Die „Hex‘“ weiß jedenfalls, dass ihr bleder Bua ka Schmusi-Susi, sondern die Gerte braucht, aber die Angie kann das halt nicht. Nadja Maleh macht aus dem Südstadt-Schlampn eine nicht mehr ganz jugendliche Naive im Leopardenleiberl, die das Spitzmausg’sichterl zu allen möglichen Grimassen des Erstaunens verziehen kann. Ihr Antiliebeslied „Nicht die Art von Frau“ ist einer der Höhepunkte des Abends. Marold und Maleh, das sind die Harte und die Zarte, zwei großartige Komödiantinnen, und die Marold rockt das Haus.

Die schrille Skater-Fee will's zum Besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: © Ernesto Gelles

Die schrille Skater-Fee will’s zum besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: Ernesto Gelles

Zum coolen Hund Chuck kommen der guate Lodsch und die gfeanzte Sau, Harald Baumgartner als hilflos ehrlicher Tino und Titus Vadon, der, weil in dieser Rolle sehr schön sinister, als Dr. Prittwitz nicht nur am Schlagzeug den Takt der Aufführung vorgibt. Erwin Bader, der dritte Polka Punk, spielt den Ivo und andere lebensweise Erscheinungen.

Nun könnt‘ man, apropos Lebensweisheiten, noch viel sagen über das Stück. Über die Lage der Welt am Rande der Gesellschaft und übers Ausrangiertwerden am Arbeitsplatz, über Modernisierungsverlierer und übers Geld, das offenbar immer nur in die gleichen Taschen fließt. Aber der Ringsgwandl selber hat gemeint, man solle sein Werk nicht mit Bedeutung überfrachten. Wörtlich hat er gesagt, er will, „dass man das von irgendwelchen Sinnbeladungen freihält“. In diesem Sinne ein Schlusswort: „Die Tankstelle der Verdammten“ im Stadtsaal ist ein Mordsspaß. Zu sehen bis 3. September.

stadtsaal.com

Wien, 18. 8. 2016

Thomas Maurer: Der Tolerator

November 13, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Argumentieren an den Außengrenzen der Logik

Thomas Maurer Bild: © Ingo Pertramer

Thomas Maurer
Bild: © Ingo Pertramer

Geh, bitte. Er weiß es eh. Dass Toleranz von lat. „tolerare“ kommt. Diese Belehrung hat er in den vergangenen Monaten oft genug erdulden müssen. Und daher längst akzeptiert, dass zwischen billigen und einwilligen der Grat ein schmaler ist 😉 „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“. Das ist von Goethe. Nur weil er ihn so gern zitiert 😉 😉 😉

Toleranz kann man fordern, an sie appellieren, mit der Caritas sogar tanzen, oder sie, wie Thomas Maurer jetzt im Stadtsaal, durchdeklinieren. In seinem neuen, großartigen Programm „Der Tolerator“ begibt sich der Kabarettist an die Außengrenzen der Logik, um über dortige geistige Grenzzäune zu blicken. Toleranz ist nicht immer schön. Ergo wird das für Einverständnisse aller Art unverständige Naturtalent auf eine harte Probe gestellt. Toleranz dient ja meist nur zur Selbstbefriedigung des guten Gewissens, also kann man sich bei dieser Übung durchaus auf eine interessante Art unwohl fühlen 😉 Nimmst du die Finger da weg, böser Bub!

Aber einen Thomas Maurer kann nichts erschrecken, einer muss in Europa schließlich auch in den Ecken wischen, und so führt ihn seine Pflanzodyssee von der Politik zur Religion, überall dorthin halt, wo der rechte Glaube herrscht, und zu camembertintolerantem Barrique-Ausbau 😉 Nicht jeder kann ein Gourmet-Führer sein. Da tun sich die weltanschaulichen leichter, da geht’s nicht um so große Fragen wie halbtrockener Riesling oder süffiger Spätburgunder, da reichen einfache Parolen für simple Gehirne, und wer gar nix im Kopf hat, schneidet anderen den ihren ab. In der Pause lässt Maurer Hasspostings über eine Leinwand laufen. Eau de Strache 🙁 🙁  Nichts ist schwerer, als den gelten zu lassen, der andere nicht gelten läßt. Nichts ist schlimmer, als wenn sich Präpotenz mit Blödheit paart. Womit die Diskussion beim Toleranzwert, also der Beziehung zwischen einem Umweltfaktor und der Möglichkeit zur Existenz eines Organismus, angelangt wäre: Toleranz als Bequemlichkeitsformel, die der Dummheit zum leichten Aufstieg aufs Siegertreppchen verhilft. Hierfür sollte eine Wurschtigkeitsgrenzkontrolle eingeführt werden 😉 🙁 Aber schon ohne Stacheldraht. Weil Stacheldraht, das ist so Jedem das seine. Toleranz wird halt durch den Horizont begrenzt.

Maurer beweist sich als Kernkompetenzler in Sachen Konfliktkultur. So wie’s war, muss es wieder werden. Wie in der Brigittenauer Pubertät, wo man der depperten Sau von nebenan per direkter Wortwahl beigebracht hat, dass sie eine ebensolche ist. Schluss mit der Verbaljonglage wie mit rohen Eiern, der wienerische g’feudeparadeiser-rote Witz muss wieder her 😉 Weil, man muss es einsehen, Satire ist leider nur was für Connaisseurs. Und die Ins-Internet-Speiber holt nicht einmal die Datenstasi ab. Oba ins Facebook schreiben’s … Da kannst du nichts mehr argumentieren. Schon wieder Echo eines Phrasenschwalls. Nie wieder Widerhall des toten Widerhalls. G’scheit g’feanzt ist das, der Kabarettist ein Herr Karl, der mit der österreichischen Befindlichkeit zeitreist. Gaslicht – Hitler – Vollbeschäftigung. Mir haben ja nix g’habt 🙁 🙁 🙁 Was hamma jetzt davon? Die Körperhaltung ist von oben nach unten. Und die Geisteshaltung sowieso. Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen.

In diesem Sinne wünscht man sich mit Thomas Maurer ein freundliches Nebeneinander und die Geduld, die auszuhalten, die man nicht aushält. Man muss dankbar sein für alles, was sich friedlich ignorieren lässt, bis man’s tolerieren kann 😉 Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie dieser da. Aber in meiner großen Güte dulde ich ihn neben mir 😉 Maurer muss ungefähr Österreichs einziger Kabarettist sein, der kein Musikant ist. Er kann’s gern versuchen, so we-shall-overcome-mäßig, aber besser wär‘ bleiben lassen. Das ist jetzt nicht penetranttolerant, sondern ein Appell an die Vernunft. Diese übrigens ein Kind der Aufklärung. Zum Schluss noch einer für die Bildungswutbürger: „Laß‘ dem anderen die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, laß‘ ihm die Zeit, die Welt aus seiner Sicht zu sehen“ – Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Geht’s mit den Emojicons? 😉 😉 😉

www.thomasmaurer.at

www.stadtsaal.com

Wien, 13. 11. 2015

Landestheater Niederösterreich: Die schmutzigen Hände

Februar 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Juergen Maurer in Sartres Partei-Satire

Juergen Maurer, Pascal Groß  Bild: Nurit Wagner-Strauss

Juergen Maurer, Pascal Groß
Bild: Nurit Wagner-Strauss

Die Partei frisst ihre Kinder. Oder: Nicht nur Geschichte, auch Partei wiederholt sich. Oder … Illyrien, das war einmal. Am Landestheater Niederösterreich inszenierte die Niederländerin Maaike van Langen Jean-Paul Sartres „Die schmutzigen Hände“ in einer Neuübersetzung von Eva Groepler und gibt mit ihrer Arbeit das Stück von 1948 zur Neubesichtigung frei. Es herrscht Bunkerstimmung bei den Linken. Soll man sich mit dem Regentensohn und dem faschistischen „Pentagon“ verbünden (1x links + 2x rechts = ??? Siehe die SP-Annäherungen an https://www.facebook.com/pegida.at bzw. https://www.facebook.com/pages/Pediga/1579663822267240) Der Realo sagt Ja, die Fundis sagen Nein. Zur Bunkerstimmung hat Raimund Orfeo Voigt ein Bunkerbühnenbild geschaffen. Graue, drehbare Wände, die zum Konferenzraum, zum Schlaf- oder Arbeitszimmer, zur Straße werden. Sie werfen Personen aus dem Rahmen, fegen neue hinein.

Politik ist ein Ringelspiel. Politik dreht sich. Immer um die eigene Achse: Markiert durch seine bourgeoise Herkunft bleibt der junge Hugo ein kleines Rädchen in der Kommunistischen Partei. Doch es herrscht Krieg und Hugo, der Intellektuelle, der an die reine Lehre, sprich die Diktatur der Partei glaubt, ist bereit für seine Ideale zu kämpfen und zu sterben. Wer nichts getan hat, ist niemand. Als Beweis seiner Entschlossenheit soll nichts Geringeres als ein Mord dienen. Er bietet sich an, den Parteisekretär Hoederer, der wegen der aktuellen politischen Situation eine Allianz mit reaktionären Kräften anstrebt, um den Krieg und die deutsche Okkupation heil zu überstehen und am Ende die Macht zu ernten, zu töten. Zusammen mit seiner sexy Frau Jessica, die den Zögerlichen zu einer Tat, egal welcher, bewegen will, wird Hugo (Deckname: „Raskolnikoff“) als Sekretär bei Hoederer eingeschleust. Anfänglich zu seinem Auftrag fest entschlossen, zieht ihn dieser aber mehr und mehr in seinen Bann – der geplante Mord wird immer weiter aufgeschoben. Schließlich vollzieht er den finalen Auftrag. Nach Jahren in Haft pocht Hugo darauf, Partei-Befehle ausgeführt zu haben. Allein die Situation hat sich mittlerweile verändert, Hoederer ist rehabilitiert und Hugo zur Persona non grata erklärt. Die Partei ist auf Hoederers Linie umgeschwenkt … und für Hugo rollt die nächste Kugel im Roulette. Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht.

Als Intellektueller im Zweiten Weltkrieg selbst von aktiven Sabotageakten im Widerstand gegen die Nazis ausgeschlossen (die Kommunisten, die nach dem Verbot von 1939 schon eine Widerstandsorganisation im Untergrund aufgebaut hatten, und die 1941 mit Attentaten auf deutsche Soldaten begannen, hielten ihn für einen anarcho-linken bürgerlichen „Dichter und Denker“, der für direkte Aktionen ähnlich unbrauchbar war wie seine spätere Figur Hugo), verarbeitet Nobelpreisträger und Philosoph Sartre seine Erfahrung in der Partei-Satire. Mit diesem Politthriller geht er aber auch der universelleren Frage nach der Unvereinbarkeit von politischer Praxis und moralischer Integrität nach, zeigt, wie abhängig Ideale und Überzeugungen von der Tagespolitik und auch von privaten Emotionen gemacht werden. Die ideologie ist vom Individuum nicht zu trennen. Man staunt, wie tief Menschen ihre Hände in Blut und ihre Hirne in Lügen tauchen können. Ein Glück. Van Langen hat Sartre verstanden und macht die Farce dort sichtbar, wo sie eine ist. Es ist, ja tatsächlich, zum Lachen. Die Regisseurin gewährt nicht nur den Schlüssellochblick in die neoideologistische, postdemokratische Jetzt-Zeit, sondern lässt auch eine Hintertür in den Humor offen. Der ist, wenn sie „spazieren“, marschieren, und man trotzdem … Nach dem „Wir kämpfen für …“ steht bei Van Langen nur noch ein Leerzeichen. Das trifft den Nagel – pardon für das Wortspiel – gerade am heutigen Tag auf den Kopf. Worte sind geladene Pistolen.

Das St. Pöltener Ensemble hat sich als Gast Juergen Maurer eingeladen. Er gibt den Hoederer zwischen gütigem Herrscher, Anschläge fürchtendem Angsthasen und lauerndem Raubtier. Alles in allem ist er aber ein desillusinierter Melancholiker, der zwar die Revolution von innen anstrebt, ein Überzeugungstäter, der für seine Überzeugungen stirbt, aber sich lieber einen hinter die Binde gießen als auf Polit-Parabel machen möchte. Doch mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus. Pascal Groß ist als sein Mit- und Gegenspieler Hugo großartig. Im weißen „Intelligenzler“-Rollkragenpullover ist er hin- und hergerissen zwischen den Wahrheiten, die ihm aufgetischt werden. Ein trotziger Trotzkist. Doch was bringt ein Arbeiterrat, wenn der Arbeiter keinen Rat mehr weiß? Das steigert erst HugosVerzweiflung, dann die Wut, die ihn Richtung Hoederer abdrücken lässt, am Ende die Resignation. Loyalität, erkennt er, wird in dieser Welt nicht belohnt. Marion Reiser als Olga; Wojo van Brouwer, Tobias Voigt und Jan Walter überzeugen in verschiedenen Rollen. Höhepunkt des Abends ist aber Swintha Gersthofer als Jessica, die in verschiedenen „Edeloutfits“ und Perücken Hugos „Luxus“ gibt. Ein Weibchen, von dem man nie weiß, ob es spielt, „spielt“ oder mit dem Spiel gerade ernst macht. Sie will. Sich durchsetzen, Hoederer zwischen den Schenkeln, das Mannsbild im Bilde gegen das Männlein, das meist im Walde steht, austauschen. Auch sie wird scheitern.

Am Landestheater Niederösterreich wird wieder einmal Theater gemacht, wie man es sich nur wünschen kann. Intendantin Bettina Hering beweist einmal mehr nicht nur ein Händchen bei der Spielplangestaltung, sondern auch bei der Auswahl ihrer Protagonisten. Eine Ausnahmeproduktion. Empfehlenswert. Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.

www.landestheater.net

Wien, 2. 2. 2015