Stadtsaal – Thomas Maurer: WOSWASI

Januar 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Geistesarbeiter beim Hackln zuschauen

Bild: © Ernesto Gelles

Dass der forsche Fredl dem faulenzenden Alfred in der Entscheidungskurve tagtäglich um die entscheidenden Hundertstel voraus ist, weiß jeder, den’s wegen falsch getroffener bereits aus ebendieser getragen hat. Dass da aber auch noch ein grantiger, älterer Herr im grauen Arbeitsmantel Dritter im Bunde sein soll, ein Renitenzler, der das Rekapitulieren und ergo Wiederholen von Patzern nicht und nicht verhindern will, ist einfach Künstlerpech. In diesem Fall das spezielle von Thomas Maurer.

Im Allgemeinen definiert als Bestätigungsfehler, so genannt des Menschen Neigung, Informationen derart auszuwählen und zu interpretieren, dass sie seine Erwartungen erfüllen. Womit die Rede bei den Kognitionspsychologen und einem derer wichtigsten, Daniel Kahneman, ist.

Mit dessen Theorien hat sich der Kabarettist für sein neues Programm „WOSWASI“ ausgiebig beschäftigt, vor allem mit des Wirtschaftsnobelpreisträgers Bestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“ – was Maurer gleich eingangs folgende philosophische Fragestellung ans Publikum weiterreichen lässt: „Haben Sie sich schon einmal gefragt: Warum bin i eigentlich so deppert?“

Ja, Selbsterkenntnis mag der erste Schritt zur Depression sein, aber verwandelt einer wie Maurer theoretische Selbstironie in angewandte Gesellschaftssatire, so hat er ein wirkmächtiges Werkzeug zum Festnageln von Irrwitz zur Hand. Sarkastisches in Sachen Homo sapiens ist bei Maurer bekanntlich prägender Bestandteil seines Rundumschlag-Repertoires, wenn er anhand eigener – inwieweit erfundener? – Erlebnisse eine komplette Palette unser aller Unzulänglichkeiten ausbreitet, mit spitzer Zunge die Existenz an sich und die persönliche im Besonderen seziert, und beim Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Kommen Gott und die Welt und die österreichische Befindlichkeit in ihre Elementarteilchen zerlegt.

„Halbwegs zu wissen, was man nicht weiß, hat schon etwas Befreiendes“, lautet diesbezüglich sein Leitsatz, und dass er mit seinem Seitenhieb auf „gefühlte Kompetenz“, imitierte Intellektualität und Teilbildung selbstverständlich hochpolitisch ist, versteht sich auch ohne das Bemühen diverser Wörter und Unwörter. Dem Geistesarbeiter Maurer beim Hackln zuzuschauen, ist so spaßig wie er sympathisch. Maurer balanciert auf dem schmalen Grat zwischen g’scheit reden und oberg’scheit sein, ein Hochseilhumorakt in Original Wiener Mundwerk, wobei Maurer zwischen „System I“ und „System II“ diesmal quasi nur Trittbrettdenker ist.

Bild: © Ernesto Gelles

Bild: © Ernesto Gelles

Den Denkapparat bedienen nämlich, man ahnt es, der Fredl – mit stummem d – und Alfred, beide entstanden aus des Künstlers zweitem Vornamen, ersterer der erdige Grips fürs Grobe, zweiterer der Hirni fürs Hochgeistige, der eine sofort ang‘fressen, sobald der andere es wagt, sich meinungsbildnerisch zu melden – was durchaus zu Kopfkonflikten führt, die Maurer via Stimme so lustig wie lehrreich vorträgt. Siehe Kahneman ist der Fredl schnell von Entschluss, hingegen Alfreds Zögern ein überlebensnotwendiger Reflex, etwa so wie erst Furcht die Flucht ermöglicht, doch Maurers Machtwort dazu: „Der anzige, der do i is, bin i!“

Im Sinne dieser Selbstermächtigung ist außerdem zu erfahren: Dass Maurer zum Truthahn immer noch lieber Indian als Pute sagt, dass er noch die Stadtbahn und schon eine Koloskopie erlebt hat, diese allerdings bewusstlos, ist er doch bekennender „komfortneutraler Erlebnissammler“, was die Truthahn-Illusion ist (hat was mit Verhaltensökonomik, Risikointelligenz und Thanksgiving zu tun, Anm.), wie Maurers Tante geheißen hat, sowie dass man nicht weiß, wie ein Reißverschluss tatsächlich funktioniert. Die Frage, was passiert im Gehirn, wenn man über andere urteilt, bleibt zum Schluss im Raum hängen. „WOSWASI“, das Gedankenspiel, macht solcherart einen Strich durch schlechte solche. Ein selbsterkenntnisreicher Abend.

Nächste Termine: 30. und 31. Jänner im Stadtsaal.

Thomas Maurer über sein Programm: www.youtube.com/watch?v=ll6S_Jbm9NQ

www.stadtsaal.com           thomasmaurer.at

  1. 1. 2020

Stadtsaal – Thomas Maurer: Zukunft

Dezember 19, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Digital Immigrant sinniert über sinnloses Wissen

Thomas Maurer: Zukunft. Bild: © Ingo Pertramer

Da hat sich einer eine Menge vorgenommen. Thomas Maurer nämlich mit seinem neuen Programm „Zukunft“. Zu dessen Beginn er nicht höchstselbst auf der Bühne erscheint, sondern ein 3D-Hologramm vorschickt, um tagesaktuell über die neuen Regierungsmitglieder und ehemalige, nun vor Gericht stehende zu lästern. Da wird er in den nächsten Monaten vor jedem Auftritt viel zu überarbeiten und zu filmen haben. Kein Wunder, dass die Sache irgendwann abstürzt.

Kritische „Staatskünstler“ will dieser Tage weder der ORF noch finden sie Platz in einem Regierungspapier, das – was? – fünf? Seiten für Kunst und Kultur beinhaltet. Alles muss raus. So auch der Maurer, „der Künstler muss leiden und anwesend sein“, der doch noch leibhaftig im Wiener Stadtsaal erscheint. Gleich mit der ersten Wuchtel, einen steinalten Skoda Octavia hätte er zum Verkauf anzubieten, umgespritzt auf Türkisblau ergo neuwertig, weil warum soll ihm nicht gelingen, was dem Kurz aufgekauft wird, mit seiner Koalition 2.0, die „so sinnvoll ist, wie sich die Milchzähne noch einmal einsetzen zu lassen“.

Doch genug der Politik. Schließlich soll’s hier um echte Utopien gehen. Maurer turnt in den folgenden zwei Stunden durch die schöne, neue Welt der Digitalisierung und spielt dabei alle Schreckens- und Hoffnungsszenarien durch, die Robotik, Deep Learing, selbstfahrende Autos und Jobkillersoftware so mit sich bringen werden. Ganz nostalgisch wird er, wenn er den kürzlich erstandenen, nachgebauten Raumschiff-Enterprise-Kommunikator mit seinem Smartphone vergleicht. Nur, dass ersterer nix kann, wenn man das Gadget nicht via Bluetooth mit dem Handy verbindet.

Ach, Mann hat’s schwer. Und sich zur Ablenkung einen süßen, kleinen Roboterhund namens Chip gekauft, der das Publikum mit ein paar einstudierten Tricks unterhält. Lustig! Doch schon bäumt sich Maurer auf und hält eine Brandrede wider die Entwertung sinnlosen Wissens. Wo kommen wir denn da hin, wenn bei der dritten Flasche Grauburgunder jeder Wikipedia-Wurschtl schneller als er die Frage beantworten kann, warum Ketchup Ketchup und Mayonnaise Mayonnaise heißt?

Bild: © Lukas Beck

Bild: © Lukas Beck

Wer’s nun auch wissen will: Onkel Google fragen! Der und Spotify, Amazon und Co., erkennen ohnehin „viel besser als du, was dir als Nächstes am besten gefällt“ oder was dich zu interessieren hat. Als ob das was wäre, was Zukunft können muss. Komisch. Je länger der Abend dauert, um so mehr stürzt der Kabarettist von der Euphorie in die Dystopie. Er merkt es sogar selbst, und nennt es seine Déformation professionnelle immer ein bissl Teuferl sein zu müssen.

Nach der Pause und einem Philosophieren über Transhumanismus, Kryokonservierung und gentechnische Glanzleistungen zeigt Maurer seine eigene Zukunft. Das mit den 3D-Ichs gefällt ihm. Und so sieht man ihn als Nicht-einmal-Mindestrentner, nicht völlig freiwillig zum Islam konvertierten Alten und strahlend runderneuerten 100-something. Zeitlebens aufgrund des Geburtsjahrs 1967 aber zum Dasein als Digital Immigrant verdammt, muss er seinen Sohn fragen, wenn in der Cloud nichts mehr geht – bis der auch nichts mehr wissen wird. So viel zur „Gruselzukunft“.

Maurer, der seine starken Programme im Jahresrhythmus ins Publikum schießt, offenbar ohne mit der Wimper zucken zu müssen, hat auch diesmal die Lacher auf seiner Seite.

In tiefst Wienerischer Mundart, nie verlegen um das eine oder andere Sch-Wort, legt er höchst intelligent seine Sicht der Dinge dar. Es ist eine Kunst, all die abstrakten „Zukunft“-Ideen in Zugnummern zu verwandeln, und Maurer ist es gelungen. „Was man nicht im Kopf hat, sondern auf dem Handy, muss man nicht im Kopf haben“, sagt er zwar neckisch. Aber man weiß, einer der g’scheit ist, hat das nicht so gemeint.

www.thomasmaurer.at

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  1. 12. 2017

Harri Pinter Drecksau

Dezember 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Absolut sympathische Loser-Komödie

Harris Herzblut – Juergen Maurer schlägt mit der U12-Eishockeymannschaft des KAC ein. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Von den „Mighty Ducks“ bis zum „Miracle“ – Filme über Eishockey stehen auf der persönlichen To-do-Liste nicht besonders weit oben. Nicht einmal Paul Newman und „Slap Shot“ konnten daran etwas ändern. Nun aber „Harri Pinter Drecksau“: hinreißend, supersympathisch, eine warmherzige Loser-Komödie, die den Kinobesuch lohnt, noch bevor der Film ins Fernsehen kommt (ist er doch die dritte „ORF-Stadtkomödie“).

Ein wenig  zaghaft wagte man sich erst nur an eine Veröffentlichung in Kärnten, nun ist „Harri Pinter Drecksau“ dank des dortigen Erfolges seit Freitag österreichweit in den Kinos. Der Inhalt: Harri Pinter, 46, hat seine beste Zeit schon hinter sich, nicht nur optisch: in den 1980er-Jahren holte die berüchtigte „Drecksau“ – dies ein Ehrentitel, bei dem das Ohrlapperl eines „Russen“ eine Rolle spielte – dem KAC den Meistertitel.  Erfolge, die der nunmehrige Fahrlehrer und Trainer der U12-Mannschaft beim Bier mit seinen Haberern gerne aufwärmt. Als aber Dauerfreundin Ines mit ihrem Uniprofessor den Absprung probt, gerät Harris Welt- und Selbstbild gehörig ins Wanken. Und als ihm auch noch der Trainerposten weggenommen wird, versteht er gar nichts mehr …

Nach „Die Werkstürmer“ ist „Harri Pinter Drecksau“ die neue turbulente Komödie von Andreas Schmied. Und sie besticht, wie schon die vorherige, durch die großartigen Darsteller. Juergen Maurer ist die Idealbesetzung für den einfach gestrickten Kraftlackel Marke „raue Schale, weicher Kern“, der bei seinen Eishockeykids sogar batzweich wird. Sein Harri ist mehr armes Würstl als Macker, weit weniger testosterongesteuert, als er’s gern hätte, und stets peinlich bemüht seinen Freunden etwas zu beweisen.

Mit einem Blick wie ein gescholtener Rottweiler bewegt sich dieses so hilflos naive Mannsbild durch die Gegend. Wunderbar, wie er alle Frauen in seiner Umgebung nach dem neuen, sensiblen Gegenmodell fragt, zu dem er sich für die Ines entwickeln möchte. Die unbequemen Wahrheiten, die er dabei zu hören bekommt, lassen nur einen Schluss zu: „Die Weiba stehen auf so halbschwule Sachn.“ In einer der witzigsten Szenen versucht er mit à la 80er Jahre aufgekrempelten Sakkoärmeln in der Disco einen Stich zu machen. Sehr fein auch, dass in der Kantine nicht Tischfussball, sondern Tischeishockey gewuzzelt wird.

Flasch gewährt Harri seine „5 minutes of fame“: Juergen Maurer und Andreas Lust. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Harri begleitet Dörki auf seinem schweren Weg zu Miri: Juergen Maurer und Hosea Ratschiller. Bild: © ORF/arte/Graf/Petro Domenigg

Flankiert wird Harri von Andreas Lust als Unsympathler vom Dienst, Flasch, der beim KAC auf Funktionärsebene große Karriere bis zum Vereinspräsidenten machen will, und Hosea Ratschiller als Dodl von der Vereinszeitung, Dörki, der unsterblich in die Kantinenkraft verliebt ist. Julia Cencig spielt die Ines, Dominik Warta ihren Uniprof – und alle beherrschen sie den Kärntner Dialekt aus dem Effeff.

Am Ende, eh klar, wird Harri zum Hero. Durchschaut alle Machenschaften und erkennt, dass Dörki sein einziger echter Freund ist. Entdeckt hinter Helm und Brustschutz seine perfekte Mischung aus Macho und Schmusebär. Das Dilemma moderner Männer. Doch gerade, weil Harri an allem (ver)-zweifelt, ermannt er sich. Schließlich gilt es ein Spiel und die Frau fürs Leben zu gewinnen …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=56&v=1V-adkDjncI

  1. 12. 2017

Stadtsaal: Die Tankstelle der Verdammten

August 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Watzmann hat in Wien jetzt Konkurrenz bekommen

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Wilfried Scheutz. Bild: © Ernesto Gelles

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Rock’n’Roller Wilfried Scheutz. Bild: Ernesto Gelles

Die Fangemeinde, das merkte man beim Auftritt der Polka Punks, war vollzählig angetreten, und sie war mehr als gewillt, Titus Vadon zum Hohepriester des Abends zu ernennen. Als der nämlich als erstes Freud und Leid der „Currywurst“ besang, tobte sich der Stadtsaal heiß – und bei der Betriebstemperatur blieb’s dann auch für die nächsten zweieinhalb Stunden. Georg Ringsgwandls „Die Tankstelle der Verdammten“ hat man sich als diesjährige Sommerproduktion auserkoren.

Thomas Maurer hat dem Text einen Wienerischen Klang verpasst, die Zapfsäulen stehen statt am Hasenbergl jetzt irgendwo zwischen Simmering und Ottakring, und der Chuck ist vom Bazi zum Strizzi mutiert. Der Chuck, das ist die mittelschwer verlorene Existenz, um die Ringsgwandl seine, wie er sie nennt, „lausige Operette“ gebaut hat. Ein überwuzelter Berufsjugendlicher, ein abgehalfteter Vorstadt-Rock’n’Roller, der es auch nach xen Jahren nicht aufgibt, auf die große Karriere zu hoffen, aber mit seinem Haberer Tino den ganzen Tag bei dessen Imbissbude rumhängt.

Für seine Angie ist er der Held, für seine Mutter ein Wappler, übertroffen nur von seinem Bruder Ivo, dem glorreichen Diskobesitzer. Jedenfalls, der Ivo geht Pleite, aber der Chuck wohnt in Frau Drehers Wohnung. Und die will sie jetzt zurück, weil Hotel Mama war gestern. Für Angie stürzt eine Welt zusammen, ergo sie sich in die Arme des Oberschurken und Tankstellenpächters Dr. Prittwitz. Ein zwielichtiger Anwalt mit einem mörderischen Rollkommando. Der Rest ist … Showdown. Und die Geschichte eine True Story. Ringsgwandl, der bayrische Punkphilosoph, hat seine Typen alle persönlich gekannt. Damals, in den 1970ern, als man sich im Rubin Club in Karlsfeld noch gepflegt das Hirn wegknallen konnte …

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: © Ernesto Gelles

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: Ernesto Gelles

Rockt den Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Harald Baumgartner

Da bebt der Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Ernesto Gelles

Im Stadtsaal gibt Wilfried Scheutz den Chuck. Und, was soll man sagen?, der Watzmann hat in Wien ernsthafte Konkurrenz bekommen. Es fetzt, dass die – äh – Fetzn fliegen. Weil, der Wilfried kann’s, egal, ob sich Chuck „Obercool“ findet oder erklärt, warum er eine „Soziale Ratte“ ist. Immer noch mit dem charakteristischen Kieks in der Stimme, aber das Bauchgefühl mit den Jahren doch deutlich gewachsen. Und wenn’s mit dem Text einmal nicht so ganz klappt, na bitte, dafür hat der liebe Gott doch das Schubidu erschaffen. Er schwitzt und swingt und schwingt das Tanzbein, letzteres nicht immer total im Takt, aber mit ansteckender Begeisterung. Wilfried, das ist Charme und Schmäh und Scheiß-mi-nix. Weltklasse!

Regisseurin Gabi Rothmüller, eine Zuagraste aus dem Freistaat, hat übrigens, sagt sie, beim Watzmann ihr Herz an Wien verloren, seither unter anderem Severin Groebner und Hosea Ratschiller inszenatorisch betreut, und nun eine astreine Arbeit vorgelegt. Sie hat mit viel Sinn für Nonsense den Ringsgwandl-Spirit und dank der Polka Punks auch dessen Sound umgesetzt; für das Tempo, das sie vorgibt, und das Temperament ihrer Darsteller wird die Stadtsaal-Bühne mitunter fast zu klein. Im Jubel-Trubel geht Eva Maria Marold einmal sogar die Perücke päule. Ein Extraplus gibt’s für die Kostüme, Mutter Drehers pinkfarbener Pomponella, den mutmaßlich ältesten, abgefucktesten Plastikschlapfen der Welt – und wo kriegt man dieses Rock-Benson-Hemd her?

Eva Maria Marold brilliert als Mutter Dreher, die sich manchmal wundersam auch in eine schrille Skater-Fee verwandeln kann. Als erstere verzweifelt sie an ihrer Mutterschaft, besingt das Schicksal, dass ihr „Der verrückte Chromosom“ angedreht hat, als zweitere dreht Frau studierte Sängerin gekonnt auf Soubretten-Modus. Die „Hex‘“ weiß jedenfalls, dass ihr bleder Bua ka Schmusi-Susi, sondern die Gerte braucht, aber die Angie kann das halt nicht. Nadja Maleh macht aus dem Südstadt-Schlampn eine nicht mehr ganz jugendliche Naive im Leopardenleiberl, die das Spitzmausg’sichterl zu allen möglichen Grimassen des Erstaunens verziehen kann. Ihr Antiliebeslied „Nicht die Art von Frau“ ist einer der Höhepunkte des Abends. Marold und Maleh, das sind die Harte und die Zarte, zwei großartige Komödiantinnen, und die Marold rockt das Haus.

Die schrille Skater-Fee will's zum Besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: © Ernesto Gelles

Die schrille Skater-Fee will’s zum besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: Ernesto Gelles

Zum coolen Hund Chuck kommen der guate Lodsch und die gfeanzte Sau, Harald Baumgartner als hilflos ehrlicher Tino und Titus Vadon, der, weil in dieser Rolle sehr schön sinister, als Dr. Prittwitz nicht nur am Schlagzeug den Takt der Aufführung vorgibt. Erwin Bader, der dritte Polka Punk, spielt den Ivo und andere lebensweise Erscheinungen.

Nun könnt‘ man, apropos Lebensweisheiten, noch viel sagen über das Stück. Über die Lage der Welt am Rande der Gesellschaft und übers Ausrangiertwerden am Arbeitsplatz, über Modernisierungsverlierer und übers Geld, das offenbar immer nur in die gleichen Taschen fließt. Aber der Ringsgwandl selber hat gemeint, man solle sein Werk nicht mit Bedeutung überfrachten. Wörtlich hat er gesagt, er will, „dass man das von irgendwelchen Sinnbeladungen freihält“. In diesem Sinne ein Schlusswort: „Die Tankstelle der Verdammten“ im Stadtsaal ist ein Mordsspaß. Zu sehen bis 3. September.

stadtsaal.com

Wien, 18. 8. 2016

Thomas Maurer: Der Tolerator

November 13, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Argumentieren an den Außengrenzen der Logik

Thomas Maurer Bild: © Ingo Pertramer

Thomas Maurer
Bild: © Ingo Pertramer

Geh, bitte. Er weiß es eh. Dass Toleranz von lat. „tolerare“ kommt. Diese Belehrung hat er in den vergangenen Monaten oft genug erdulden müssen. Und daher längst akzeptiert, dass zwischen billigen und einwilligen der Grat ein schmaler ist 😉 „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen“. Das ist von Goethe. Nur weil er ihn so gern zitiert 😉 😉 😉

Toleranz kann man fordern, an sie appellieren, mit der Caritas sogar tanzen, oder sie, wie Thomas Maurer jetzt im Stadtsaal, durchdeklinieren. In seinem neuen, großartigen Programm „Der Tolerator“ begibt sich der Kabarettist an die Außengrenzen der Logik, um über dortige geistige Grenzzäune zu blicken. Toleranz ist nicht immer schön. Ergo wird das für Einverständnisse aller Art unverständige Naturtalent auf eine harte Probe gestellt. Toleranz dient ja meist nur zur Selbstbefriedigung des guten Gewissens, also kann man sich bei dieser Übung durchaus auf eine interessante Art unwohl fühlen 😉 Nimmst du die Finger da weg, böser Bub!

Aber einen Thomas Maurer kann nichts erschrecken, einer muss in Europa schließlich auch in den Ecken wischen, und so führt ihn seine Pflanzodyssee von der Politik zur Religion, überall dorthin halt, wo der rechte Glaube herrscht, und zu camembertintolerantem Barrique-Ausbau 😉 Nicht jeder kann ein Gourmet-Führer sein. Da tun sich die weltanschaulichen leichter, da geht’s nicht um so große Fragen wie halbtrockener Riesling oder süffiger Spätburgunder, da reichen einfache Parolen für simple Gehirne, und wer gar nix im Kopf hat, schneidet anderen den ihren ab. In der Pause lässt Maurer Hasspostings über eine Leinwand laufen. Eau de Strache 🙁 🙁  Nichts ist schwerer, als den gelten zu lassen, der andere nicht gelten läßt. Nichts ist schlimmer, als wenn sich Präpotenz mit Blödheit paart. Womit die Diskussion beim Toleranzwert, also der Beziehung zwischen einem Umweltfaktor und der Möglichkeit zur Existenz eines Organismus, angelangt wäre: Toleranz als Bequemlichkeitsformel, die der Dummheit zum leichten Aufstieg aufs Siegertreppchen verhilft. Hierfür sollte eine Wurschtigkeitsgrenzkontrolle eingeführt werden 😉 🙁 Aber schon ohne Stacheldraht. Weil Stacheldraht, das ist so Jedem das seine. Toleranz wird halt durch den Horizont begrenzt.

Maurer beweist sich als Kernkompetenzler in Sachen Konfliktkultur. So wie’s war, muss es wieder werden. Wie in der Brigittenauer Pubertät, wo man der depperten Sau von nebenan per direkter Wortwahl beigebracht hat, dass sie eine ebensolche ist. Schluss mit der Verbaljonglage wie mit rohen Eiern, der wienerische g’feudeparadeiser-rote Witz muss wieder her 😉 Weil, man muss es einsehen, Satire ist leider nur was für Connaisseurs. Und die Ins-Internet-Speiber holt nicht einmal die Datenstasi ab. Oba ins Facebook schreiben’s … Da kannst du nichts mehr argumentieren. Schon wieder Echo eines Phrasenschwalls. Nie wieder Widerhall des toten Widerhalls. G’scheit g’feanzt ist das, der Kabarettist ein Herr Karl, der mit der österreichischen Befindlichkeit zeitreist. Gaslicht – Hitler – Vollbeschäftigung. Mir haben ja nix g’habt 🙁 🙁 🙁 Was hamma jetzt davon? Die Körperhaltung ist von oben nach unten. Und die Geisteshaltung sowieso. Toleranz ist vor allem die Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, sich aufzuregen.

In diesem Sinne wünscht man sich mit Thomas Maurer ein freundliches Nebeneinander und die Geduld, die auszuhalten, die man nicht aushält. Man muss dankbar sein für alles, was sich friedlich ignorieren lässt, bis man’s tolerieren kann 😉 Herr, ich danke Dir, dass ich nicht bin wie dieser da. Aber in meiner großen Güte dulde ich ihn neben mir 😉 Maurer muss ungefähr Österreichs einziger Kabarettist sein, der kein Musikant ist. Er kann’s gern versuchen, so we-shall-overcome-mäßig, aber besser wär‘ bleiben lassen. Das ist jetzt nicht penetranttolerant, sondern ein Appell an die Vernunft. Diese übrigens ein Kind der Aufklärung. Zum Schluss noch einer für die Bildungswutbürger: „Laß‘ dem anderen die Freiheit, seinen eigenen Weg zu gehen, laß‘ ihm die Zeit, die Welt aus seiner Sicht zu sehen“ – Dschalal ad-Din Muhammad Rumi. Geht’s mit den Emojicons? 😉 😉 😉

www.thomasmaurer.at

www.stadtsaal.com

Wien, 13. 11. 2015