Terrence Malick: Ein verborgenes Leben

Januar 30, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Franz Jägerstätter

Dorf- und Liebesidyll: August Diehl und Valerie Pachner als Franz und Fani Jägerstätter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Masse-und-Macht-Bilder von Leni Riefenstahl überschneiden sich mit Dorf- und Liebesidyll, Gras mähen, Vieh füttern, Küsse geben, gewaltige Choräle mit filigranen Violinklängen, im fernen Berlin jubeln die Menschen jenem Mann zu, der sich zu ihrem „Führer“ aufgeschwungen hat, und auch in St. Radegund heben die Leute zu seinen Ehren den rechten Grußarm. Nur Franz Jägerstätter macht die neuen Sitten nicht mit, ihm ist es statt ums „Sieg Heil!“ um sein Seelenheil zu tun, weshalb der Bauer Begegnungen auf dem Feldweg mit einem „Pfui Hitler!“ beendet.

Das ist 1940 im oberösterreichischen Bezirk Braunau brandgefährlich. Kinomystiker Terrence Malick hat in seinem ab morgen auf den heimischen Leinwänden zu sehenden Film „Ein verborgenes Leben“ das reale des Franz Jägerstätter verfilmt. In Österreich ist die Geschichte des Wehrdienst-, weil Führereid-Verweigerers seit Axel Cortis Film, Erna Putzs Büchern und Felix Mitterers Drama (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=4764, Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=4738) bekannt.

Nun wird das Schicksal des stillen Widerstandskämpfers, der 1943 im Zuchthaus Brandenburg von den Nationalsozialisten hingerichtet und 2007 im Linzer Mariä-Empfängnis-Dom seliggesprochen wurde, dies wohl auch international werden. Regisseur und Drehbuchautor Malick nimmt sich für seine Story gute drei Stunden Zeit, um von Jägerstätters Blinde-Kuh-Spiel mit seinen Kindern zur blinden Wut des Volkskörpers zu kommen. Er erzählt weniger Handlung als Stimmungen, Emotionen, erzählt vom Fluss der Zeit, vom Sonnenstand, während sich ein Glaubenssatz im Gehirn festsetzt. Immer wieder verschneidet er Original-Wochenschauen, Tod, Zerstörung, Sinnlosigkeit, mit den grandiosen Aufnahmen von Kameramann Jörg Widmer.

Dessen Kamera lässt die Protagonisten mitunter fast steil ins Bild ragen, so als seien sie fragile Zeugen ihrer selbst. Das hat man so noch nicht gesehen. So wie Widmer an den Originalschauplätzen von der Weite der Landschaft in die Enge der Gefängniszellen, von sattem Grün zu wild und düster zu bleichem Grau-in-Grau wechselt, so schaffen die mal melancholische, mal minimalistische, mal auf Beethoven, mal auf Arvo Pärt zurückgreifende Musik von James Newton Howard, und die Tatsache, dass August Diehl und Valerie Pachner aus dem Off aus dem Briefwechsel zwischen Jägerstätter und seiner Frau Franzis­ka vorlesen, zusätzlich Atmosphäre.

Tobias Moretti als Vikar Fürthauer. Bild: © Filmladen Filmverleih

Inhaftiert im Linzer Ursulinenhof. Bild: © Filmladen Filmverleih

Franz findet Kraft im Gebet. Bild: © Filmladen Filmverleih

Mit Bruno Ganz als Richter Lueben. Bild: © Filmladen Filmverleih

Diehl ist in seiner feinnervigen, von einem inneren Leuchten beseelten Darstellung des Charakters Jägerstätter brillant, und Malick umwebt den Gewissens- auf seinem Weg zum Schmerzensmann sanft und behutsam mit passendem szenischen Panorama, gemeinsam erkunden sie den Kosmos ihrer Schlüsselfigur bis ins Kleinste. „Besser die Hände gefesselt als der Wille!“ Dieser Ruf des Tiefgläubigen ist überliefert, und Malick macht in seiner Umsetzung des Stoffes deutlich, dass diese unpathetisch und elegisch zugleich geht. Der Herrgott ist allüberall, vom Winkel bis zum Marterl, Worte werden wenige gewechselt, doch jeder zweite Satz ist wie ein Bibelzitat, wuchtig, eindringlich, Jeremia 23. Gegen das Böse aufzustehen, heißt dabei der Amboss, nicht der Hammer zu sein. Auch, wenn Malick selbst dies verneint, er hat einen Märtyrerfilm gedreht.

Ob Diehls Jägerstätter als Sämann übers Feld stapft. Ob er sich im finsteren Wehrmachtsuntersuchungs- gefängnis des Linzer Ursulinenhofs, während – Schnitt – Jörg Widmer ein Waldmüller-Licht auf die Gesichter seiner drei Töchter fallen lässt, den Hochmut vorwirft, durch seine stolze Entscheidung besser als die anderen Eingezogenen sein zu wollen. Ob er verlegt nach Berlin-Tegel die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut und Erinnerungsrückblenden an daheim erträgt. Diehl spielt Verzweiflung, Müdigkeit, Tränen stets nur an, nie aus. Bemerkenswert ist, wie er körperlich mehr und mehr verfällt, seine Überzeugung von den Nazi-Schergen bis zur letzten Sekunde geprüft, Diehls stumm leidendes Gesicht dabei, im Hintergrund Hass und Flehen, Befehls- und Schmerzensschreie, in Großaufnahme. Am Ende wankt er zwischen der Kraft des Gebets und seinem Zweifel am Glauben, soviel zu Matthäus 27 bis Lukas 23.

In seiner Bezugnahme auf das Christentum ist Malick kompromiss- und furchtlos, ohne Berührungsängste, aber, siehe Michael Nyqvist als Bischof Fliesser, der Jägerstätter anordnet dem Vaterland zu dienen, kritisch gegenüber der Institution Kirche. „Ein verborgenes Leben“ ist ein Antikriegsfilm ohne Front und Schlachtfelder und Gemetzel. Heidegger-Übersetzer Malick und mit ihm Widmer machen die Abwesenheit ihres Helden durch Verlassenheit deutlich, im Haus, im Stall, Blicke auf leere Stiegen und Türstaffeln, verwaiste Holzpantoffel, dazu Valerie Pachner, die als Fani Jägerstätter den Volkszorn wegen ihres Verräter-Ehemanns stoisch erträgt. Malick ist nicht der Filmemacher, dem es darum ist, Gegenwart herzustellen, und doch gelingt es ihm hier auf besondere Art – und dank eines hochkarätigen Casts, Ausnahmeschauspieler allesamt, die in noch in kürzesten Szenen eindringlich ihr Können zeigen.

Die Demütigungen und Misshandlungen mit Demut erdulden: August Diehl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Allen voran Karl Markovics, der als St. Radegunds regimetreuer Bürgermeister Kraus aktuell anmutende Phrasen wie „Ausländer überfluten unsere Straßen, Immigranten ohne Achtung vor unserer Vergangenheit, wir müssen unser Land verteidigen!“ drischt. Oder Tobias Moretti als Vikar Ferdinand Fürthauer, der Jägerstätter mit beinah denselben Worten vor den existenziellen Konsequenzen seines „Opfers“ warnt. Johannes Krisch als Müller Trakl und Wolfgang Michael als Eckinger sind zumindest im Kopf Widerständler. Ulrich Matthes begleitet als Fanis Vater Lorenz Schwaninger diese bis nach Berlin.

Martin Wuttke hat als Major Kiel eine Epilepsie-Epiphanie, Michael Steinocher ist als Offizier Kersting ein brutaler Gefangenenwärter, Thomas Mraz der windige Staatsanwalt Kleint, Berlinale-Pensionist Dieter Kosslick der Richter Musshoff. Zwei herausragende Szenen gibt es mit Franz Rogowski als ebenfalls zum Tode verurteilten Waldland, der sich in eine gespenstische Enthauptungsfantasie hineinsteigert, und mit Bruno Ganz, der als Richter Werner Lueben kein zweiter Freisler ist.

Sondern versonnen im Verhör, eine Pontius-Pilatus-Figur, deren Frage an Jägerstätter „Verurteilen Sie mich?“ den späteren Suizid des Senatspräsidenten beim Reichskriegsgericht – offiziell: plötzlicher Tod wegen seelischen Erschöpfungszustands, vermutet: Gewissensnot wegen seiner Todesurteile gegen drei Pfarrer, Verstrickung in die Attentatspläne gegen Adolf Hitler – vorwegnimmt. In beiden Begegnungen erkennt Jägerstätter, dass Mitgefühl, nicht Mitleid, denn was nützt es, wenn ein anderer mit einem leidet, den Christenmenschen macht.

Dass Malick zum Schluss seine ruhige Konsequenz mit dem Gang zum Schafott, einem Bild des Fallbeils, dem lapidaren Ruf des Scharfrichters „Der nächste …“ bricht, hätte zwar nicht sein müssen, denn in seiner Gesamtheit ist „Ein verborgenes Leben“ ein kostbares Kinogeschenk, diese Geschichte einer reinen Seele, eines Menschen, der lieber Außenseiter ist, als Teil einer Gemeinschaft potenziell gewalttätiger Mitläufer und ergo Mittäter. Jägerstätter-Tochter Maria hat den Film über ihren Vater bereits gesehen. Im Sonntag-Interview bekräftigt sie, wie wichtig es sei, „dass man nicht alles nachmachen soll, was einem so vorgegeben wird, sondern überlegen, ob das auch gut ist“: „Nicht auf das schauen, was die anderen sagen, sondern sich selbst informieren und nachdenken, was ist richtig und was nicht.“

www.ein-verborgenes-leben.de

  1. 1. 2020

Alexander Ilitschewski: Matisse

Januar 8, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein schonungsloses Porträt der russischen Wendezeit

matisseAuf den Straßen des winterlichen Moskau geraten die ständig mehr werdenden Obdachlosen in kleinen Fehden um das Terrain mit Straßenkindern aneinander und suchen sich für die kalten Nächte ihre Schlafplätze in den Treppenabsätzen der Häuser. Die Bewohner achten längst nicht mehr auf sie, und steigen über sie hinweg.

In einem dieser Häuser lebt der feinsinnige, mit außergewöhnlichen Sinnesfähigkeiten ausgestattete Physiker Koroljow. Aufgewachsen in verschiedenen Kinderheimen der alten Sowjetunion, findet er sich in den Wirren der Umbruchszeit Anfang der 1990er Jahre in der Hauptstadt nur schwer zurecht. Weil er selbst seine Kindheit im Internat und seine Jugend im Studentenwohnheim verbracht hat, und dort die „Unbehaustheit im Laufe seines Lebens heftig zu spüren bekommen hat“, vertreibt er die Obdachlosen nicht.

Während all seine Freunde und Kollegen das Land verlassen oder umkommen, bleibt der Naturwissenschaftler in der chaotischen Stadt zurück, schlägt sich mit abwegigen Jobs durch, lernt die beiden Obdachlosen Nadja und Wadja kennen und führt schließlich selbst das Leben eines Obdachlosen. Alle materiellen Sicherheiten ablehnend, begibt sich Koroljow – Verehrer der Bilder Henri Matisses, Pilger und heiliger Narr – auf Reisen, und sucht auf dem Land, in der russischen Weite, Tiefe und Heil.

Alexander Ilitschewski, einer der bedeutendsten russischen Gegenwartsautoren, entwirft in seinem Roman „Matisse“ ein schonungsloses Porträt der russischen Wendezeit, wo bittere Armut parallel zu extremen Reichtum existiert, und alle bestehenden Werte durch neue abgelöst werden. Denn mit der Auflösung des alten Systems sind auch vertraute Denkmuster und Welterklärungen obsolet geworden. An ihre Stelle tritt eine tiefe Verunsicherung. Wie wird die Zukunft aussehen? Wo steht der Einzelne in der Gesellschaft?

Und so ist die Obdachlosigkeit, die im Roman eine so wichtige Rolle spielt, mehr als nur ein Fehlen eines „ständigen Dachs über dem Kopf“, sondern eine allgemeine Befindlichkeit: „Trotz der völligen Sicherheit, trotz der totalen Abwesenheit äußerer Bedrohung, trotz der endgültigen Unmöglichkeit des Weltuntergangs, der die ältere Generation auf Trab gehalten und der jetzt futsch war, hatte sich überall Angst ausgebreitet. Nackt stand die tägliche Angst in den Augen der Menschen, rundum erstarrte die Angst zu Sülze, sie zitterte wie eine wabbelige, zähe, luftleere Masse. Die Menschen – schon abgestumpft gegen die Verelendung, gegen die qualvolle alltägliche Vergeblichkeit – fürchteten sich, man wusste nicht wovor, aber sie taten es heftig und voller Unruhe. Es regierte das Angsterhaltungsgesetz. Sie fürchteten keine entfernten Instanzen, keine abstrakten Machtstrukturen, sondern den konkreten Alltag, konkrete Verkehrspolizisten, konkrete Niedertracht, konkrete Demütigungen und Übergriffe.“

Zu den Gewinnern der Wende zählt Koroljow nicht. „Er war sein Leben lang Opfer und Frucht großer und kleiner Irrtümer, er sah die Welt rundum verzerrt durch eine dicke Linse der Fantasie.“ Doch Fantasie ist im neuen Russland nicht gefragt, höchstens bei Gaunern, die immer neue Wege finden, um mit den abstrusesten Geschäften zu Geld zu kommen – und am Ende doch wieder alles zu verlieren. Der 1970 geborene Autor zeichnet in mitunter apokalyptischen Bildern, eine zerstörte, orientierungslose Gesellschaft, in der Freidenker wie Koroljow keinen Platz haben. Statt seine Doktorarbeit zu beenden, erkundet er lieber den Park eines nahen Anwesens, selbstvergessen, ähnlich einem Insektenforscher, der sich in das Muster eines Schmetterlingsflügels vertieft. „Er war der Ansicht, dass die Menschen die Zeit immerzu antrieben, dass sie sie störten.“

Schließlich verliert der Träumer seine Wohnung, schlendert durch Moskau, schläft in verfallenen Fähranlagehütten und philosophiert über alles und nichts – die Zeit, den Raum, die Welt, den Tod. Er schlägt sich als Maschineneinrichter am Fließband, Reklameplakatekleber, später als Warenkoordinator eines dubiosen Kleinhandelsunternehmens durch. Der Kontakt zu seinen Mitmenschen und Freunden bricht ab. Er beginnt zu malen, seine Liebe zu den Bildern von Henri Matisse bleibt. Bis er schließlich unter der Erde, im weitläufigen Areal der alten Metro landet. Das unterirdische Moskau übt eine besondere Faszination auf ihn aus, Tagträume suchen ihn heim, bis er an der Oberfläche wieder den Frühling begrüßt, Wadja und Nadja erneut trifft und sich ihnen anschließt. Er möchte raus aus Moskau, in den Süden und dann vielleicht nach Israel. Fortan ziehen sie gemeinsam durchs Land. Sie nehmen ihr Schicksal an und leben ihr Leben, ohne dass sich jemand für sie interessiert. Sie begegnen in verschiedenen Stationen einem Land im Umbruch und Menschen, die in ihrer kleinen Welt dem Schicksal trotzen und weitermachen. „Nur krank werden durfte man nicht. Krankheit verdammte einen zum Tod; die Straße duldet keine Kranken – man wird verlassen, vergessen.“

Alexander Ilitschewski gilt nicht zu Unrecht als ein großer Erzähler. In seiner poetischer Sprache konfrontiert er den Leser mit immer neuen Eindrücken, Träumen, Wahrheiten und verwebt sie zu einem außergewöhnlichen Entwicklungsroman. Am Ende trennen sich die Wege der drei Suchenden. Koroljow muss weiter. „Er hatte sich geschworen, von nun an nie mehr auf sie zu warten, und stürzt weiter – voran, der sich zum Horizont neigenden Sonne nach. Der Sonne nach, die vor die Zukunft gespannt war.“

Über den Autor:
Geboren 1970 in Aserbaidschan, studierte Ilitschewski Mathematik und Theoretische Physik an der Lomonossow-Universität in Moskau, wo er nach Abschluss des Studiums auch als Dozent tätig war. Es folgten langjährige wissenschaftliche Arbeitsaufenthalte in Israel und Kalifornien, erst 1998 kehrte er nach Russland zurück. Seit den neunziger Jahren veröffentlichte er Zeitungsartikel, Essays und Romane, die mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Russischen Booker-Preis für den Roman „Matisse“ (2006) ausgezeichnet wurden. Seit 2013 lebt Ilitschewski in Jerusalem. Am 11. Jänner 2016 erschien sein Roman „Die Perser“ bei Suhrkamp.

Matthes & Seitz Berlin, Alexander Ilitschewski: „Matisse“, Roman, 427 Seiten. Aus dem Russischen von Valerie Engler und Friederike Meltendorf.

www.matthes-seitz-berlin.de

Wien, 8. 1. 2016

Stephan Kimmigs „Kinder der Sonne“

März 14, 2013 in Tipps

Gastspiel am Burgtheater

Mit einer “ Sternstunde nicht allein des Berliner Theaters“ habe man es hier zu tun. Nie habe Stephan Kimmig „Besseres, in sich Stimmigeres gemacht“, schrieb die Welt. Der Regisseur führe uns „in seiner brillanten Inszenierung“ die Folge des „Weltabhandengekommenseins“ bei Gorki „mit größtmöglicher Ironie“ vor, jubelte die Frankfurter Rundschau. Und über die Darsteller berichtet die Berliner Zeitung: „Sie sind allesamt hinreißend!“ Ein Schauspielhochglanzabend.

 

Kinder der Sonne

Ulrich Matthes (Pawel Fjodorowitsch Protassow), Nina Hoss (Jelena Nikolajewna, seine Frau)
Bild: Arno Declair
Eine Produktion des Deutschen Theaters Berlin

Kimmigs vielgelobte Inszenierung – er bekam dafür den deutschen Theaterpreis „Faust“ in der Kategorie Beste Regie – von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“ ist am 16. und 17. März  als Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin am Burgtheater zu sehen. Inhalt: Im Haus des Wissenschaftlers Protassow und seiner Ehefrau Jelena gehen ein und aus: der Künstler Wagin, der in Jelena verliebt ist, die reiche Witwe Melanija, die ihrerseits Protassow liebt, sowie der Tierarzt Tschepurnoj, der seit langem Protassows Schwester Lisa zugetan ist. Schließlich der Hausmeister Jegor, der seinen Beruf versteht, aber trinkt und seine Frau schlägt. Alle sind auf der Suche nach einem erfüllten, einem besseren, einem wertvollen Leben. Wie muss man arbeiten, wie miteinander leben, um so etwas wie Sinn zu verspüren? Sie verstehen einander nicht – neurotisch, unglücklich, egoistisch und zutiefst komisch hat sich jeder in seinem Kokon eingerichtet. Draußen auf der Straße, „unten“, findet eine wirkliche Revolte nicht statt. Eine Utopie ist nicht in Sicht.

Maxim Gorki schrieb ‚Kinder der Sonne‘ 1905 in der Peter-Paul-Festung, wo er wegen seiner Teilnahme an Protesten gegen die Militäraktion des so genannten „Blutsonntags“ in Arrest gehalten wurde. Die Schüsse auf die Demonstration von Arbeitern leiteten die erste russische Revolution ein. In seinem Stück nimmt Gorki die Cholera-Unruhen von 1890 zum Vorwand und erzählt von der Vorausahnung einer politischen wie gesellschaftlichen Katastrophe. Er zeichnet das düsterkomische Bild einer Gesellschaft, die, von sozialen wie kulturellen Konflikten zerrissen, unfähig ist zur Schaffung einer besseren Welt.

Es spielen u. a. Ulrich Matthes, Nina Hoss, Sven Lehmann und Alexander Khuon.

www.burgtheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 14. 3. 2013