Theater in der Josefstadt: Die Wildente

Mai 5, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schön in aller Schlichtheit

Familiendrama im Stiegenhaus: Raphael von Bargen, Gerti Drassl, Roman Schmelzer, Maresi Riegner und Siegfried Walther. Bild: Astrid Knie

An der Josefstadt hatte Ibsens „Die Wildente“ Premiere, dieser Dauerbrenner an heimischen Bühnen, man hat den einen und die andere diesmal Mitwirkende/n schon in früheren Inszenierungen in jüngeren Rollen gesehen, doch der Donnerstagabend war etwas sehr Besonderes. Regisseurin Mateja Koležnik, eine der wesentlichen Spielmacherinnen des slowenischen Theaters und ausgewiesene Ibsen-Expertin (ihre Vorjahresinterpretation der „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt begeisterte derart, dass Martin Kušej die Aufführung ans Resi holte), gab ihr Wien-Debüt – und überzeugte auf ganzer Linie.

Sie hat Ibsen schlank und schlicht gemacht, und birgt in dieser Schlichtheit große Schönheit. Sie stemmt sich „einfach“ gegen Bedeutungsschwere und Pathos. Die nunmehr wie dahingesprochenen Sätze, die geflüsterten Geheimnisse, erzählen von einer unerträglichen, weil unechten Leichtigkeit des Seins, und die großartige Beiläufigkeit, mit der agiert wird, weist aus: Hier wird mehr aneinander vorbei gesprochen als tatsächlich miteinander geredet. Viel Falschheit wird mit nicht einem falschen Ton gesagt, die Lebenslügen, der Selbstbetrug, schneiden so erst recht ins Fleisch. Koležniks Arbeit tut weh.

Man spürt die unterschwelligen Aggressionen, die gutbürgerlichen Unzufriedenheiten – und brechen diese abrupt auf und aus, ist man durch das Hochbrausen der Emotionen an diesem stillen Abend umso mehr erschüttert. Für all das hat Koležnik mit Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kostümbildner Alan Hranitelj eine Art Farbleitsystem erdacht, eine spezielle Farbästhetik von zinkgrau-zinskasernenen Kittelschürzen bis blauen Arbeits/Mänteln. Die Herren im Ensemble laborieren außerdem allesamt an einem Bad-Hair-Day, heißt: gatschbraunem Topfhaarschnitt.

Die Frage, wer tatsächlich Hedvigs Vater ist …: Maresi Riegner und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

… treibt Hjalmar und Gina auseinander: Roman Schmelzer und Gerti Drassl. Bild: Astrid Knie

Gespielt wird in einem Stiegenhaus, diesem nachbarschaftlichen Begegnungsort, an dem sich’s trotzdem so trefflich anonym und unangetastet bleiben lässt. Die steilen, atemlos machenden Stufen, diese „Lebensleiter“, verbinden mutmaßlich die Ekdal’sche Wohnung mit dem Fotoatelier, im ständigen Treppauf-Treppab wird Geschäftigkeit, wird Bewegung simuliert, wo seit Langem seelischer Stillstand herrscht. Eine alle Heimlichkeiten wahrende Tür führt auf den mysteriösen Dachboden, der nicht nur den Wasservogel, sondern auch einige Tanzpaare beherbergt. Ibsens Hang zum Symbolismus, der mitunter unvermittelt seiner naturalistischen Beschreibung von Realität gegenübersteht, ist ja bekannt – und Koležnik trägt ihm mit ihrer aufs Kondensat eingedampften Arbeit und dem klaustrophobischen Bühnenraum Rechnung.

All diese wunderbar konzeptiven Ideen wären wenig wert, hätte man nicht Schauspieler, die diese auch in den Zuschauerraum zu übertragen wissen. Und Koležnik versteht sie exzellent zu führen und zu stärkster Wirkung zu bringen. Maresi Riegner, diese blutjunge Film- und Theaterentdeckung, ist eine formidable Hedvig, sehr naiv, sehr Mädchen, ein von den unerwarteten Umständen erschrecktes Kind, das sich zum Wohle der Eltern opfert. Gerti Drassl und Roman Schmelzer brillieren als Hjalmar und Gina Ekdal, die hantige Mutter und der gutmütige Vater, deren Existenz ein Mensch gewordener Jagdhund vernichtet, nur weil er seinem Wahrheitswahn und seinem übersteigerten Ehrbegriff folgen zu müssen glaubt.

Die Werles tragen ihren Vater-Sohn-Konflikt in der Familie Ekdal aus: Maresi Riegner, Michael König und Raphael von Bargen. Bild: Astrid Knie

Als dieser Gregers Werle ist Raphael von Bargen eine Idealbesetzung, herrisch bis zum Herrenmenschentum, von sich selbst und seinen Idealen überzeugt. Er will sein Gewissen heilen, indem er andere krank macht, er holt zum Rundumschlag aus, und will doch nur seinen Vater treffen. Selten war in einer Inszenierung so klar zu erkennen, dass Gregers über die Ekdals Vergeltung an Håkon übt. Wie Schmelzers Hjalmar mit dem Grad der Verzweiflung menschlich wächst, schrumpft von Bargens Gregers mit seinem Tun zusammen.

Großartig sein Aufeinanderprallen mit „Vater“ Michael König, er ein Paradebeispiel für Ibsens misstrauischen, schweigsamen und hartleibigen Menschenschlag, und Peter Scholz als abgeklärt-zynischem Dr. Relling. Siegfried Walther ist ein wunderbarer alter Ekdal, mittelschwer senil und mit einem Dachbodenparadies auf Erden. Susa Meyer hat einen prägnanten Kurzauftritt als Frau Sørby, ebenso Alexander Absenger als Molvik. „Die Wildente“ an der Josefstadt ist eine hochkonzentrierte, atmosphärisch dichte und beklemmende Aufführung. Am Ende wird Gina vom Tod ihres Kindes in einem gewaltigen, bleischweren Schlussbild überwältigt, ein letzter Schrei, bevor der Eiserne fällt – nicht nur Gerti Drassl brauchte beim wohlverdienten Applaus sichtlich, um aus dieser Situation wieder ins Hier und Jetzt zu finden – auch das Publikum hatte eine Schrecksekunde, eine Schweigeminute nötig, bevor der Jubel losging.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=WuF68lYg7T8

www.josefstadt.org

Wien, 5. 5. 2017