Burgtheater: Zelt

April 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grandiose Gruppengymnastik mit Campinggestänge

Sebastian Wendelin, Sabine Haupt, Hubert Wild, Michael Masula, Markus Meyer, Petra Morzé, Stefanie Dvorak, Simon Jensen, Ruth Brauer-Kvam, Marius Michael Huth, Naemi Latzer, Daniela Mühlbauer und Dorothee Hartinger. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

„Erst einmal nur rumspinnen“ wolle er, sagt Herbert Fritsch über seine jüngste Arbeit, der Regieschelm, der nicht dran glaubt, dass Theater auf einem Dramatikerpapier entstehen kann, sondern dies ausschließlich auf der Bühne tut. „Pures Theater“ nennt er‘s, wenn er wieder einmal seine Wunderkiste öffnet und den Spielort zum magischen Raum macht und seinen Schauspielern die Gelegenheit gibt, ihren Spieltrieb auf die Spitze zu treiben. Vierundzwanzig sind es diesmal in „Zelt“.

Fritschs finalem Kunststück am Burgtheater der abtretenden Direktorin Karin Bergmann, die sich auf ihrem Stammplatz, Reihe zehn fußfrei, so köstlich amüsierte, wie das ganze Premierenpublikum. „Zelt“ ist, nach Fritschs aufgekratzten Klassikerinszenierungen am Haus, da selbst entwickelt, noch eigentümlicher und exaltierter, ein perfekt choreografierter Nonsens, knallbunt, voll absurder Gags und komischer Akrobatik, in dem kein Wort gesprochen wird, weil, sagt Fritsch, der Sinn ohnedies im Klang läge. Stattdessen sind die Darsteller zur Gruppengymnastik mit Campingstangen angehalten, denn, wenn’s um irgendetwas geht, dann darum, ein Einpersonenkabäuschen aufzubauen. Mit Plane, Gestänge und Heringen, und die Darsteller machen daraus mit famoser Fantasie einen kollektiv-künstlerischen Prozess des erst Miss-, später Gelingens. Wieder scheitern, besser scheitern. Dass dieser Schaukampf mit der Tücke des Objekts unterhält, mag daran liegen, dass man ein Kind der großen Camping-Ära ist, der 1970er-Jahre. Als alles Richtung Freilufturlaub aufbrach, der erste Familienstreit vorprogrammiert, weil Vater das Vorzelt natürlich nicht in die dafür vorgesehene Schiene am Wohnwagen eingefädelt bekam.

Bevor die Plagerei losgeht, wird aber erst der Platz geschrubbt, der neongrün glänzende Boden vom neongrün gekleideten Putztrupp, der zum Wischbesen-Ballett einen Sound aus Gummihandschuh-Schnalzern und Kübelknall-Rhythmus kreiert. Fritsch-Intimus Hubert Wild intoniert kurz eine aufreibfetzige Arie, und während dazu Bilder von „Präsentiert den Besen!“ über die Schatten eines Reinigungsgeräte-Golgatha bis zum Protestmopp einer Demonstration geschaffen werden, stellt sich Hermann Scheidleder als eine Art staunender Chef heraus. Der zwar nicht recht zu wissen scheint, wie ihm geschieht, aber gleich einem Hohepriester den ersten Zeltaufbau zelebriert, aus dem dann das Ensemble krabbelt. Nun werkt ein jeder, wird sich in Heringen verheddert und mit aufgebauschten Planen gebalgt, ein jeder ein an seinem Trick gescheiterter Zauberlehrling, eingezwickte Finger inklusive, etwaige Schmerzäußerungen von der Musik übertönt.

Der Putztrupp lässt die Gummihandschuhe knallen: Selina Graf, Sabine Haupt, Sebastian Wendelin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kampf dem Gestänge: Stefanie Dvorak, Daniela Mühlbauer, Eva Maria Schindele, Michael Masula, Hermann Scheidleder und Sebastian Wendelin. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auweh mit eingezwicktem Finger: Hubert Wild, Markus Meyer, Marius Michael Huth und Michael Masula. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zeremonienmeister Hermann Scheidleder hat sein Einpersonenzelt als erster fertig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mitten durch den Saal macht sich nämlich eine skurrile Gestalt zur Bühne auf, Matthias Jakisic als Clown mit E-Geige, der die körperlichen Abläufe mit seinen Kompositionen koordiniert. Ob das Campingdasein sich als Synonym fürs Theaterleben lesen lässt, im Sinne von: aus Klein-Einzelnen wird ein Großes, bleibt im Fritsch‘schen Gedankenkosmos der freien Assoziation dem Betrachter überlassen. So auch die Frage ob der politischen Bedeutung eines Burkamoments oder, wenn die Zeltverpackungsbeutel wie Gasmasken über die Köpfe gestülpt werden. Man darf sich ausmalen, was man will und so gut man‘s kann, und apropos: Farben, Friedrich Rom versetzt Fritschs leeren Raum in einen fröhlich irisierenden Lichtrausch, rot wie Blut, blau wie der Himmel, frühlingsgrün. Die Kostüme von Bettina Helmi gleichen einer Trachtenkasperliade.

Die Damen in glitzernden Glockenrockdirndln mit Blumenmuster und Puffärmeln und blonden Gretelperücken, die Herren in einer Steirerlodensatire, unterm Janker kreischorange Hemden und grüne Krawatten, weiße Kniestrümpfe für Mann wie Frau ein Modemuss. Derart angetan erschaffen die Schauspieler eine Vielzahl komödiantischer Miniaturen, in denen es meist ums Begehren, Anbandeln, sich Verlieben geht, gelingt es diesen grandiosen Darstellern doch auch in der uniformen Masse absonderliche Typen zu gestalten. Bald wird’s zum Quiz, wen man unter der Maskerade erkennt, die Pirouetten drehende Petra Morzé, den ständig über seine Füße stolpernden, aber den Spagat meisternden Markus Meyer, Michael Masula, der sein Versagen am Gestänge grässlich weggrinst, die Beine hochschmeißende Ruth Brauer-Kvam, Marta Kizyma mit typischer Schnute und einem Augenrollen, den sich bis zum Schweißgebadet-Sein verausgabenden Sebastian Wendelin, Simon Jensen mit der Max-und-Moritz-Tolle, Stefanie Dvorak, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt …

Akkordeon auf Teufel komm‘ raus: Markus Meyer, Petra Morzé, Peter Rahmani und Stefanie Dvorak. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Kaum ist die Zeltstadt fertig, legen die Zappelphilippas und Hampelmänner mit einem Lagerfeuerkonzert los. Die einen mit Gitarren, die anderen mit Akkordeons, eine furiose Kakophonie dieser mimischen Koalition, ein quietschend geschrammeltes Forte- fortissimo, der Veitstanz grotesker Volksdümmelei, mit Jakisic als satanischem Kapellmeister. Mitreißend verführerisch klingt das, dieser Irrsinn mit theatralem Seltenheitswert, und das Ensemble mit Spaß an der Freud‘ dabei.

Am Schluss zum Teufelsgeiger Scheidleder als Herrgott, der die Zelte als beleuchtete Lampions einer neuen Kušej’gen Zeit entgegenschweben lässt. Aber wie’s mit dem Übergang vom Hier zum Jetzt schon so ist, steht vor dem Anfang ein Ende, an dem die zwei Dutzend wie zerzauste Rübenköpfe aus dem Untergrund ragen, als seien sie in Dantes Purgatorio oder enthauptete Opfer einer nicht näher definierten Revolution. Das ist Überwältigungtheater, der Augenschmaus und Ohrensaus Beweis dafür, dass man kein Wort verstehen muss, um etwas auf sich wirken zu lassen. Zum tosenden Applaus der Fritsch-Fans fliegt er höchstpersönlich als Dirndl-Gretchen vom Schnürboden herab, die Träne im Knopfloch, weil’s für etliche im Ensemble tatsächlich die letzte Burg-Premiere gewesen sein wird.

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  1. 4. 2019

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

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  1. 9. 2018

Akademietheater: Willkommen bei den Hartmanns

November 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

An den falschen Stellen gelacht

Gelebte Willkommenskultur: David Wurawa als Diallo und die Hartmanns Valentin Postlmayr, Markus Hering, Alexandra Henkel, Alina Fritsch und Simon Jensen. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die von Peter Wittenberg inszenierte Bühnenversion von Simon Verhoevens Filmerfolg „Willkommen bei den Hartmanns“ überzeugte Sonntagabend das Premierenpublikum am Akademietheater. Großen Jubel und viel Applaus gab es für die knapp dreistündige Uraufführung, für die Angelika Hager eine Wienerische Bearbeitung verfasste. Wobei Hager auf Schablonen, Stereotypen und eingefahrene Vorstellungen setzt.

Um so wichtige Themen wie fehlgeleitete Willkommens- kultur und einen „gut gemeinten“ Alltagsrassismus anzusprechen. Mehr als einmal ertappt man sich beim platten Text an den falschen Stellen gelacht zu haben. So outriert wie die Vorlage auch das Spiel. Zwölf Schauspieler gestalten in Doppel- und Dreifachrollen die überkandidelte Familie Hartmann, deren soziales, noch übertriebeneres Umfeld und die Bewohner eines Flüchtlingsheims. Allen voran überzeugt immerhin David Wurawa als nigerianischer Flüchtling Diallo, dessen schließliche Schilderung der Daseins-, eigentlich Todesdrohungsumstände, die ihn zum Aufbruch ins sichere Europa bewegten, überaus eindrücklich sind. Wie er die Hartmanns mit Schmäh nimmt, ihm gleichzeitig die Trauer um sein verlorenes Leben und die Angst, ob ihm ein neues gewährt werden wird, in den Augen steht, das ist schöne Schauspielkunst.

Der Rest ist Knallchargerei. Alexandra Henkel gibt die dauertrinkende Pensionistin Angelika, die im Film von Senta Berger dargestellt wurde, Markus Hering ihren Ehemann Richard als latent rassistischen und von Jugendwahn befallenen Oberarzt – dies mit unglaublichem Körpereinsatz und breit angelegtem Mienenspiel. Alina Fritsch ist eine endlos studierende Tochter Sofie, Simon Jensen der Workaholic-Sohn Philipp. Valentin Postlmayr hat als Enkel Basti, dem HipHop vor Schule geht, die Sympathien auf seiner Seite. Sven Dolinksi spielt den zukünftigen, türkischstämmigen Schwiegersohn Tarek. „So schnell hat man einen Migrationshintergrund“, befindet Richard ob der Sachlage.

Im Gemeindebau herrscht offene Ausländerfeindlichkeit: Sabine Haupt mit David Wurawa und Alexandra Henkel. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Rotarier-Damen von Döbling planen mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau: Petra Morzé und David Wurawa. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Sabine Haupt zieht viele herzhafte Lacher als esoterische Flüchtlingshelferin auf sich. Als Gemeindebaulerin, Klischee as Klischee can, muss sie natürlich Ausländerfeindin sein, weil sie angesichts der Mindestsicherung für Asylwerber um ihre Rente fürchtet. Im Programmheft, „Das muss man doch noch sagen dürfen!“, entwirft Hager ein ebensolches Bild von einem früh pensionierten Schweißer, tätowiert, mit schwerem Zungenschlag, der auf „Hacäh“ setzt. Dass Wittenberg zu Kurz in erster Linie dessen Ohren einfallen, ist, bei aller politischen Gegnerschaft, nicht einmal Geschmackssache. Da gäbe es über den künftigen Bundeskanzler Wichtigeres zu erzählen.

In ihren zahlreichen Rollen von der exjugoslawischen, ebenfalls ausländerfeindlichen Putzfrau (ihr Argument, warum ihre Flucht anders war: „Der Jugoslawienkrieg war ja vor eurer Haustür!“) über die alltagsrassistische Bäckerei-Angestellte (die über Diallo stets befindet: „Is der liab!“) bis zum Go-Go-Girl gibt Petra Morzé alles. Als Anführerin der Rotarier-Damen von Döbling will sie mit den Flüchtlingen eine Trachtenmodenschau inszenieren. Dietmar König spielt den Schönheitschirurgen-Ehemann der Dame.

Dirk Nocker macht den Leiter des Flüchtlingsheims. Michael Masula ist ein starker Auftritt gegönnt, als identitärer Taxifahrer und als radikaler Islamist, der alles ablehnt, was den Westen ausmacht – und trotzdem in Österreich bleiben will -, ist also in der Inszenierung insgesamt für die Fundamentalisten zuständig.

In beinah filmischen „Schnitten“, temporeich und gut getimt, treibt Regisseur Wittenberg sein Personal in dieser atemlosen, chaotischen Arbeit über die Bühne, auf der ein Laufband schnell zum OP-Tisch oder zum nächtlichen Club werden kann. Darsteller melden sich via Vidiwall telefonisch oder lassen an der Rampe in Monologen die Befindlichkeit ihrer Figuren ab. Herzstück des Hartmann’schen Haushalts ist eine überdimensionale, aufblasbare Couch. Sie verwandelt sich am Ende in ein sinkendes Boot …

„Willkommen bei den Hartmanns“ ist vom Burgtheater als Familienstück ab 12 Jahren angekündigt. Es würde interessant sein zu erfahren, wie Angelika Hagers anspielungsbemühte Sprache – und vor allem ihr Versuch, in dieser gechillt „jung“ zu sein, bei der Zielgruppe ankommt.

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  1. 11. 2017

Kasino des Burgtheaters: Platons Party

März 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Club der tanzenden Philosophen

Hermann Scheidleder, Martin Schwab, Merlin Sandmeyer, Daniel Jesch und Michael Masula. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Trinken, Tanzen, Tod. Das sind die Eckpfeiler des Abends „Platons Party“, den Stephan Müller im Kasino des Burgtheaters gestaltet hat. Der für seine anspruchsvollen Arbeiten bekannte Schweizer Regisseur verbindet dabei zwei Dialoge von Platon, dessen Symposion und Phaidon. Im Mittelpunkt der Texte steht der große Denker Sokrates – und die Ewiggültigkeit seiner Gedanken.

Im ersten Teil huldigen er und sein innerer Kreis den Gaben von Gott Eros, im zweiten gilt es sich mit Thanatos auseinanderzusetzen. Denn Sokrates wird am Ende zum Tode verurteilt werden und den Schierlingsbecher leeren. Die Anklage: Gottlosigkeit. Müller begibt sich mit Witz auf die Suche nach den sokratischen Wahrheiten. Technomusik wummert, die Darsteller tänzeln herein, ein jeder nach seinen diesbezüglichen Fähigkeiten, man bezärtelt einander, man trägt Smoking und die meiste Zeit ein Glas in der Hand. Der Gentlemen’s Club, oder wie er sich selbst nennt: der Club der tanzenden Philosophen, lässt sich’s gutgehen. Und weil man Bildungsbürger ist, sinniert man über dieses und jenes, die Welt an sich und das Weltgeschehen im Besonderen.

Das ist so leichtfüßig dargeboten, man vergißt beinah, dass man gemeinsam mit dem großartigen Ensemble an der Wiege des abendländischen Denkens steht. Wie es der Meister aller Meister mit seiner Maieutik vorgesehen hat, leistet man zusammen Hebammendienst, wenn auf der Bühne nach mehr als 1600 Jahren Sokrates‘ ethische Grundsätze, sein Verstehen der Dinge, seine Kenntnis des Menschen wiedergeboren werden. Diese kleine, knapp zweistündige Aufführung erweist sich als wesentliche Ergänzung des derzeit an der Burg laufenden Antike-Schwerpunkts. Sie ist im Wortsinn der philosophische Überbau zum großen Drama.

Auf der Spielfläche des Kasinos steht  – eine Lücke, eine karstige Wand, aus der Bühnenbildnerin Claudia Vallant ein Loch gerissen hat. Die ausgefranzte Wunde wird umschlossen von Projektionen – Menschengesichter und Menschenleiber, vor allem letztere von Michelangelo’scher Anmutung. Ekstatisch aufgerissene Augen, gierige Münder, Nacktheit, Begehren, dieser Reigen dreht sie sich um die leere Mitte, als wär‘ sie der Eingang zu Platons Höhlengleichnis. Der Bildungs-Weg als erotisch schmerzhafter Befreiungsprozess. Sokrates selbst hat keine Schriften hinterlassen, das überließ er seinem Schüler Platon …

Das Ensemble lagert sich rund ums von Menschenleibern umschlossene Bühnenbildloch. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Im Turnsaal der Transzendenz: Daniel Jesch, Martin Schwab und Merlin Sandmeyer. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Die Schauspieler, Daniel Jesch, Michael Masula, Merlin Sandmeyer, Herman Scheidleder und Martin Schwab, sind Erzählende und gleichsam Gegenstand der Erzählung, sie sind Chor und Protagonisten. Immer wieder schält sich einer aus der Gruppe und wird als Individuum erkennbar. Michael Masula gibt einen so eleganten wie leicht erregbaren Alkibiades, Daniel Jesch setzt als arroganter Arzt Eryximachos selbstbewusst auf sein medizinisches Wissen bezüglich der Zuträglichkeit von Sex.

Der jüngste im Männerbunde, Merlin Sandmeyer macht aus Agathon einen eitlen Geck, der im bodenlangen Pelz seine stilistisch gefeilten, aber inhaltlich unausgegorenen Reden schwingt. Er erhält natürlich seine Lektion – und zwar vom Komödiendichter Aristophanes, den Hermann Scheidleder mit heiterer Gelassenheit – und einem gewaltigen Schluckauf – ausstattet. Wie Scheidleder über den Mythos der Kugelmenschen berichtet, die von den Göttern in zwei sehnsüchtelnde Hälften, in Mann und Frau, zerteilt wurden, ist einer der Höhepunkte der Aufführung.

Martin Schwab schließlich brilliert als ein (hinter-)listiger Sokrates, in dessen überliefert bescheidener Art und seinem Hang zur Selbstironie er bestimmt eine Seelenverwandtschaft entdecken konnte. Jede Sekunde auf der Höhe, ist Schwab immer im Zentrum des Geschehens, hat stets die dramaturgischen Fäden in der Hand, so er sie nicht sowieso selber spinnt – rhetorisch und schauspielerisch liefert er eine Spitzenleistung.

Es ist bemerkenswert, wie üppig Stephan Müller, der auch für die Textfassung verantwortlich ist, eine Szenerie illustrieren kann, in der nicht viel mehr als laut gedacht wird. Seine Inszenierung ist alles andere als eine stoische Angelegenheit – wiewohl Schwab nach der Pause auf deren Grundsatz der Gelassenheit zurückgreift. Sein Sterben schon greifbar, leitet Sokrates noch einmal die Gedanken seiner Freunde – Jesch und Sandmeyer als Kebes und Simmias – an. Die Dreiergespräche über Wesen und Unsterblichkeit der Seele, über die Frage, ob Wissen schon vor der Geburt existiert, über die sokratische Vorstellung der „wahren Welt“ sind ehrlich ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr zu verfolgen. Und das, obwohl die vorgebrachten Beispiele mit Kreide auf den Fußboden gezeichnet und per Video auf die Hinterwand übertragen werden. Transzendenz-Erläuterungen für Thebaner im Turnsaal – ob der allgemeinen Verwirrung auf der Suche nach einer nachvollziehbaren Logik spielt man nun sogar mit Textbuch in der Hand.

Nichts desto trotz geht man am Ende beglückt nach Hause. Schließlich stammt der Satz von Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Man hat hervorragende Darsteller genossen, kluge Dialoge gehört, tolle Bilder gesehen. Man hat sich amüsiert und wird nun in die Nacht entlassen um nach zu denken. Das Publikum dankte mit entsprechendem Applaus. Wie schön, dass die Burg diese Saison ihr Kasino wieder so gut und gerne nutzt.
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Wien, 29. 3. 2017

Burgtheater: Pension Schöller

Oktober 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Berliner Schwung und Schnauze

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Schwungvoll hinein in die Abendunterhaltung: Sabine Haupt und Roland Koch als Philipp Klapproth. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Es ist ein gewisses Wagnis, man merkte es an den Foyergesprächen vor dem Einlass, in der Stadt, in der sich so viele noch an die legendäre Hugo-Wiener-Fassung mit Max und Alfred Böhm erinnern können, die „Pension Schöller“ auf die Bühne zu bringen. Das Burgtheater hat’s nun erstmals gewagt – und gewonnen.

Regisseur Andreas Kriegenburg macht alles neu und anders, heißt eigentlich, er bewegt sich näher entlang des Originals von Carl Laufs und Wilhelm Jacoby, und damit macht er alles richtig. Dreieinhalb Stunden dauert seine Inszenierung und ebenso lange fackelt er ein Feuerwerk an schrägen Ideen und skurrilen Einfällen ab. Nun kann in diesem Schwank freilich nichts weltbewegend Welterklärendes gefunden werden, doch wer gekommen war, um sich zu unterhalten, wurde bestens bedient. Kriegenburg setzt auf Berliner Schwung und Schnauze, auf stummfilmartigen Slapstick, selbst wenn zeitweise ein bisschen arg viel gestolpert wird, denn nicht einmal der Bananenausrutscher darf da eingangs fehlen. Allerdings als Theatergag auf dem Theater. „Ike schäme mir so“, sagt der ausführende Zahlkellner im Kaffee dazu.

Immer wieder treten die Darsteller auch aus ihren Rollen, um ebendiese Menschenparodien noch zu persiflieren, immer auf der Suche nach der Steigerungsstufe für das Wort Wahn-Witz, und wenn einer zum anderen sagt: „Das Niveau ist auf der Flucht vor dir“, dann ist damit die Temperatur des Abends eingestellt. Das passende Kunstwerk dazu ist das Bühnenbild von Harald B. Thor, der Schriftzug Smile, wie aus Backsteinen gebaut, dreidimensional zu bespielen, mit Balkonen und Blumenfenstern. Alles dreht sich, alles bewegt sich, alle überschlagen und verheddern sich im nächsten Schabernack. Sogar eine Bollywood’sche Tanzeinlage darf da nicht fehlen.

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Christiane von Poelnitz als Schriftstellerin Josephine Krüger. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Mit Max Simonischek als Schauspieler ohne L, Eugen Rümpel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Nun ist „Pension Schöller“ in erster Linie ein Fest für Schauspieler, und das Ensemble des Burgtheaters feiert sich und seine Kunst ausgiebig. Allen voran Roland Koch als Philipp Klapproth, der bis zum Schamhaar alles gibt. Er ist der reiche Privatier aus der Provinz, der Prototyp des braven Bürgers, der ein Abenteuer in der Großstadt erleben will und dem ein hinterlistiger Neffe ein Familienhotel als Irrenhaus vorgaukelt. Woran die Mieter in demselben nicht ganz unschuldig sind. Michael Masula brilliert als liebenswert-verrückter Weltreisender Fritz Bernhardy, die schamanische Reinigungsszene, der sich Klapproth an seiner Seite unterziehen muss, ist ein Kabinettstückchen für sich. Dietmar König ist als cholerischer Major a. D. Gröber ganz fabelhaft.

Christiane von Poelnitz hätte sich als nervige Schriftstellerin Josephine Krüger nicht nur einen Komödiantik-, sondern auch einen Artistikpreis verdient. Max Simonischek meistert sein Burg-Debüt mit Bravour. Er hat als Eugen Rümpel – der Schauspieler, der kein L sprechen kann – nicht nur eine der sprachlichst anspruchsvollsten Possenrollen ausgefasst, sondern eine, die vollen Körpereinsatz verlangt. Bernd Birkhahn und Sabine Haupt überzeugen als Schöller nebst Schwägerin auch mit einer musikalischen Einlage.

„Pension Schöller“ am Burgtheater ist irre lustig. Das Publikum reagierte mit lautem Lachen und viel Szenenapplaus. Was Schöneres lässt sich über einen Theaterabend sagen?

www.burgtheater.at

Wien, 23. 10. 2016