Das Rote Wien im Waschsalon: Es lebe der Sport!

Mai 21, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ausstellungen zur Arbeiter-Olympiade und für Alpinisten

Zillenfahrt von Wörgl nach Wien © ASKÖ WAT Wien

Es hat sich irgendwo in den Seiten der Zeit verloren, jenes vom Vater schon zerlesene Zwischenkriegs-Kinderbuch über eine Lausbubenbande, die im Hinterhof „Olympische Spiele“ abhält, bei denen „das Nullerl“, Sohn des kriegsinvaliden und darob gemeindebau-gesellschaftlich randständigen Trafikanten, endlich zum gefeierten Sporthelden wird … Nun, da die Sommerspiele 2020 #Corona-bedingt auf nächstes

Jahr in Tokio verschoben sind, „Das Rote Wien im Waschsalon Karl-Marx-Hof“ seine Pforten aber endlich wieder geöffnet hat, lässt man ebenda diese Tage mit zwei Sonderausstellungen wiederauferstehen. „2. Arbeiter-Olympiade in Wien. ,Neue Menschen‘ für eine ,neue Welt'“ nennt sich die eine, „Hand in Hand durch Berg und Land. 125 Jahre Naturfreunde“ die andere.

„Wir verzichten von vornherein auf alle Sensationen“ – Julius Deutsch

Arbeiter-Olympiade, Gewichtheber © ASKÖ WAT Wien

Im Umfeld der europäischen Arbeiterparteien entstehen Ende des 19. Jahrhunderts auch Turn- und Sportvereine, die sich bewusst vom „bürgerlichen“ Sport abgrenzen wollen. Nicht Rekordstreben und Kommerz sollen Ziel und Zweck der sportlichen Betätigung sein, sondern die körperliche Ertüchtigung von Männern und Frauen sowie die geistige und kulturelle Entwicklung der Arbeiterschaft – als Vorbereitung auf ein Leben in einer sozialistischen Gesellschaft.

Nach dem Ersten Weltkrieg sammeln sich 1919 die Arbeitersportvereine, die Arbeiterradfahrer und die Naturfreunde im Verband der Arbeiter- und Soldatensportvereine, der sich 1924 mit der Zentralstelle der österreichischen Arbeiterturnvereine zum Arbeiterbund für Sport und Körperkultur in Österreich, kurz ASKO, vereint. Gegen Ende der 1920er-Jahre zählt der ASKÖ bereits mehr als 200.000 Mitglieder. Da der österreichische Arbeiterbund für Sport und Körperkultur europaweit die höchsten Mitgliederzahlen aufweist und zudem das Rote Wien die besten Voraussetzungen für die Durchführung einer derartigen Veranstaltung mitbringt, wird die Austragung der 2. Arbeiter-Olympiade an Österreich vergeben.

Die Winterspiele finden im Februar 1931 in Mürzzuschlag und auf dem Semmering statt, die Sommerspiele vom 19. bis zum 26. Juli in Wien. Das anlässlich der Arbeiter-Olympiade neu errichtete Praterstadion mit Stadionbad wird wenige Tage vorher, am 11. Juli, feierlich eröffnet. Trotz Weltwirtschaftskrise nehmen an die 25.000 Sportlerinnen und Sportler aus 27 Nationen teil, darunter mit Hapoel Tel Aviv auch eine Delegation aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina. Insgesamt strömen 70.000 Menschen nach Wien. Bei dieser größten bis dahin in Wien abgehaltenen Sportveranstaltung werden 117 Bewerbe in 18 Sportarten ausgetragen.

Darunter Klassiker wie Fußball, Hand- und Faustball, aber auch Disziplinen, die den Arbeitersportlern bisher verschlossen waren, wie Tennis, Jiu-Jitsu und Paddeln oder damals populäre Sportarten wie Schleuderballwerfen oder Raffball. Der Waschsalon Karl-Marx-Hof zeigt neben Fotos, Festführern, Postkarten und Broschüren zur 2. Arbeiter-Olympiade aus den Beständen des Vereins für Geschichte der ArbeiterInnenbewegung auch Objekte aus dem Archiv des ASKÖ WAT Wien. Außerdem gibt es auch altes dokumentarisches Filmmaterial aus den Beständen des Wiener Filmarchiv der Arbeiterbewegung und des Filmarchiv Austria zu sehen.

Arbeiter-Olympiade, Hürdenlauf © ASKÖ WAT Wien

Radsportclub „Triumpf“ Weißenfels, 1925 © Stadtgeschichtliches Museum Leipzig / Sportmuseum

Alpinistengilde am Peilstein, 1920 © Archiv der Naturfreunde

Zdarsky Skigruppe, 1905 © Foto Wagner, Lilienfeld

Hand in Hand durch Berg und Land. Eine Sonderschau der Naturfreunde

Alles beginnt mit einer Anzeige in der Arbeiter-Zeitung im März 1895: „Naturfreunde werden zur Gründung einer touristischen Gruppe eingeladen, ihre Adresse unter ,Natur 2080′ einzusenden an die Exped.“ Aufgegeben hatten das Inserat der sozialdemokratische Pädagoge Georg Schmiedl und sein Wanderkollege Simon Katz. Unter den zahlreichen Antwortschreiben befindet sich auch jenes der Wohnungsnachbarn Alois Rohrauer, Feinmechaniker, und Karl Renner, Jura-Student.

1896 entwirft Renner das Emblem des neuen Vereins. Es vereint den Handschlag als sozialdemokratisches Symbol der Solidarität mit drei Alpenrosen. Auch der Wahlspruch ist schnell gefunden: „Hand in Hand durch Berg und Land“ – ein Ausdruck des politischen Kampfes um Freizeit und Erholung.

dasrotewien-waschsalon.at

21. 5. 2020

Theater Nestroyhof Hamakom: Zu ebener Erde und im tiefen Keller

Dezember 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Freizeitgesellschaft für alle Workaholics

Der französische Sozialist Paul Lafargue mit seiner Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura beim Tango de la mort: Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Während das Publikum noch zwischen vorweihnachtlichem Negroni oder doch dem klassischen Glas Rotwein schwankt, sich vielleicht auch über den ausgesprochen zuvorkommenden Service freut, laufen auf den Videowänden schon erste Filme schwer schuftender Menschen. Traditionell im Dezember hat sich das Theater Nestroyhof Hamakom wieder in Sam’s Bar verwandelt, und einer deren freundlicher Keeper ist selbstverständlich Schauspieler Florian Haslinger.

Der einem beginnend mit Zitaten von Oscar Wilde über Sully Prudhomme, seines Zeichens französischer Lyriker und Philosoph und erster Literaturnobelpreisträger, bis Boris Becker Sinn und Zweck des Abends beibringt. „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ heißt die von Hausherr Frederic Lion erdachte Inszenierung, eine Gegenüberstellung des Prinzips Arbeit mit der Abscheu vor ebendieser, ein buchstäbliches Gegeneinander-Ausspielen von Adam Smiths Schrift „Wohlstand der Nationen“ aus dem Jahr 1776 versus Paul Lafargues Spottpamphlet „Das Recht auf Faulheit“ von 1880. Zwei visionäre Texte – und auch zwei fantastisch verstaubte Sackgassen, deren Abschreiten einen durch die gesamte Architektur des Hamakom führt.

Wobei bei dieser performativen Bildbeschreibung dem Kapitalismus nur das Parterresein, dem Kommunismus hingegen nur noch die Katakomben bestimmt sind. Und so erklimmt Haslinger als sozusagen Adam Smith die Bühne, und versucht als deklarierter „Vater der Nationalökonomie“ wie ein Evangelist des Liberalismus und per Balken- und anderen Grafiken seine Theorien zu erklären. Die da wären, den Ursprung allen Wohlstands in der menschlichen Arbeit zu sehen, weshalb durch Anheizen der Produktivität auch dieser ansteigen werde. Heiß und kalt überläuft es einen, wenn der schottische Aufklärer vorrechnet, wie ein Hackler kaum mehr als eine Nadel pro Tag fertigen könne, aber bei Arbeitsteilung … und ruckzuck ist der Wettbewerbler bei schwindelerregenden 48.000 Stück und schnell steigen einem nicht nur die Grausbirn‘ auf, sondern auch Fließbandbilder, die eintönig vorbeirasenden „Modern Times“.

Das Schlagwort von der „unsichtbaren Hand“ hat Smith postuliert, und während Darsteller Haslinger gerade ausführt, der Mensch sei seinem Wesen nach träge, denn „der Mensch trödelt gewöhnlich ein wenig“, versagt der freien Marktwirtschaft die Technik, stockfinster wird’s im Saal, bis eine Handvoll mit Stirnlampen ausgerüstete Performerinnen und Performer die Zuschauer aus der misslichen Lage erlöst. Sie sind aus dem Augustin-Team, sind über dessen 11% K.Theater zur Kultur gekommen und schreiben wie das Ehepaar Traude und Rudi Lehner für die Rubrik „KulturPASSage“, oder wie Christian Sturm im „Dichter Innenteil“. Es ist tatsächlich der schönste Teil der Aufführung, nach dieser mit den Augustin-Akteuren ins Gespräch zu kommen, ein Gedankenaustausch über Lebenspläne und Werdegänge und die Umleitungen, auf die man geschickt wird.

Geld regiert die Welt: Florian Haslinger erklärt Adam Smiths ökonomische Theorien. Bild: © Peter Katlein

Die Lafargues vor dem gemeinsamen Selbstmord: Jaschka Lämmert und Hubsi Kramar. Bild: © Peter Katlein

Laura Lafargue mit der Grammophonstimme ihres Mannes: Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Der Kommunist im Keller: Hubsi Kramar als Paul Lafague auf der Publikums-Borschtsch-Tafel. Bild: © Peter Katlein

Zuvor freilich geht’s vom Jugendstilsaal in den Backsteinkeller, an hoher, langer Tafel wird Borschtsch serviert, der Alkohol braucht schließlich eine Unterlage, also Eintopf schlürfen und aufmerksam lauschen. Wenn Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert als Paul Lafargue und dessen Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura seine Ideen exemplifizieren, die mitwirkenden Augustinerinnen und Augustiner in diesen Szenen das Salz in der Suppe. Wunderbar, wie sie zu Lukas Goldschmidts Akkordeonklängen den Tango als Totentanz schwofen, Kramar und Lämmert ohnedies auf Leiche geschminkt, denn die Lafargues werden sich mittels Selbstmords von dieser Welt verabschieden. In einer hinterlassenen Notiz steht zu lesen: „Gesund an Körper und Geist, töte ich mich selbst, bevor das unerbittliche Alter mir eine nach der anderen alle Vergnügungen und Freuden des Daseins genommen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat …“

Auf dem Höhepunkt derselben allerdings ist Kramars Lafargue kämpferisch, der französische Sozialist und Konsumkritiker, der Schwiegervaters Marxismus in seiner Heimat zur Parteigründung verhalf, der auf Kuba geborene, „Mulatte“ geschimpfte Manifesthalter, der die kapitalistische Ideologisierung des Begriffs Arbeitsmoral ablehnte, als dessen Grundübel er die Überproduktion sah. Es hat etwas Bemerkenswertes, wenn der Mitstreiter der Ersten Internationalen vor dem aufgepinseltem Antlitz des „bärtigen und sauertöpfischen Gottes“ – meint er den Allmächtigen oder den Arbeiterbewegten? – die Bergpredigt Christi zitiert: Sehet die Lilien auf dem Felde … Es wirkt absonderlich, wenn Laura/Lämmert am Grammophon Frauenrollen runterkurbelt, die Qualwahl zwischen entweder naturverbunden-gesunde Gebärmaschine oder hohlwangig-ausgelaugte Fabrikarbeiterin.

„O jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie!“, so Lafargue in seinem „Recht auf Faulheit“, und ist der philosophischen Auseinandersetzung im Hamakom eins vorzuhalten, dann dass einem Frederic Lion die weibliche Perspektive vorenthält. Ob nun Laura Lafarge tatsächlich keine eigenständige Meinung hatte oder ihr keine zugebilligt wurde, auch Marxisten sind Machos, so ist Wien doch die Stadt des Erdarbeiterinnenaufstands, der ersten Frauendemonstration in Österreich, der am 23. August 1848 in der sogenannten „Praterschlacht“ blutig endete.

Traditionell im Dezember wird der Jugendstil-Theatersaal umfunktioniert zu Sam’s Bar, wo’s außer Programm auch Cocktails und Snacks gibt. Bild: © Nick Mangafas

Sagt Lion darauf angesprochen, politische Theaterabende können nicht jede rundum glücklich machen, so fordert alldieweil Kramar als grau gepuderter Untoter Lafargue den Drei-Stunden-Tag und Zeit für flotten Müßiggang für des Tages Rest, und weil Smith davor die Leistungsstärke der Maschine gelobt hat, fällt einem zum Computerzeitalter ein, dass vor allem wichtig, dass die Workstation werktätig ist, der Mensch an der Tastatur hastet schon irgendwie hinterher.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagen die Bibel und August Bebel, sagen Adolf Hitler und die Stalin-Verfassung, wer’s aber tut, belohnt sich mit von eben jener Wirtschaft, die er mit seiner Arbeitskraft befeuert, künstlich erzeugten Konsumbedürfnissen. Hinauf und zurück in Sam’s Bar, wo zwischenzeitlich die Titanic wie der Teufel an die Wand gemalt worden ist, ein Symbol für den gemeinsamen Schiffbruch aller Klassen, und man fragt sich, wie eine Lafargue’sche Freizeitgesellschaft der Smith’schen Workaholics funktionieren kann, prognostizieren Zukunftsforscher doch erstere, bei gleichzeitiger unternehmerischer Erwartung, der Arbeitnehmer möge via Neuer Medien twentyfourseven erreichbar und einsatzbereit sein.

Derart gibt einem „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ zu denken, die Nestroy-Paraphrase im Nestroyhof, die Localposse, in der auch der Volksdichter zeigt, wie schnell ein Schiff sinken und man von der Beletage im Souterrain landen kann.

www.hamakom.at           augustin.or.at

  1. 12. 2019

Schauspielhaus Wien: Die Hauptstadt

September 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Menasses Inside-Brüssel-Roman als Bühnensatire

Die Fädenzieher im Hintergrund: Steffen Link als Romolo Strozzi und Jesse Inman als schweinsköpfiger Attila Hitegkuti. Bild: © Matthias Heschl

Man könne, so dachte man, mit der Umsetzung von Robert Menasses mit dem Deutschen Buchpreis 2017 ausgezeichneten Brüssel-Bestseller „Die Hauptstadt“ (Buchrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27646) auf der Bühne nur in Schönheit scheitern. Zu viele Protagonisten, viel zu viele verzwirbelte Handlungsstränge, als dass ein solches Unterfangen gelingen könnte. Falsch gedacht.

Am Schauspielhaus Wien zeigen Regisseurin Lucia Bihler und Dramaturg Tobias Schuster, beide für die Bühnenfassung des Texts verantwortlich, wie’s geht. Sie haben die Essenz dieser Europa-Satire exemplarisch destilliert, und behandeln in knackigen zwei Stunden Menasses große Themen – vom scheint‘s undurchdringlichen Dickicht der EU-Bürokratie über die grotesk-intrigante Beamtenschaft und auf eigenstaatlichen Standpunkten beharrenden Politiker bis zum nicht klein zu kriegenden Geist des Nationalismus.

Dieser entzündet sich diesmal an einem eigentlich für ein Prestigeprojekt gedachten Papier: Weil die Europäische Kommission unter Imageproblemen zu leiden hat, soll die Generaldirektion für Kultur zum 50. Geburtstag derselben einen Festakt organisieren. Ergo macht man sich in der ungeliebten, vernachlässigten Abteilung Gedanken um ein mögliches Motto – und landet bei Auschwitz. Das Vernichtungslager der Nazis als Motor der Gründung der Europäischen Union, geschuldet einem Niemals Vergessen! und einem Nie mehr wieder! Ein entsprechender Plan wird ausgearbeitet und rundgemailt – und schon bricht die Hölle los, brechen alte Gräben auf. Die Beamten darin Aufrechterhalter eines Status quo, ohne Vorstellungskraft für die Zukunft, die Politiker festgezurrt an ihr Modell des Nationalismus als Identifikationsobjekt für ihre jeweils wahlberechtigen Bürger.

Bihler verlegt das Geschehen in eine von Josa Marx gestaltete Bar wie aus grünem Onyx. Darin tummeln sich seltsame, kafkaeske Gestalten, die Gesichter weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, aber fesch glänzend in Schale, die ganze untote Brüsseler Beamtenschaft. Viel Pantomimisches läuft hier ab, ein Zombietanz, ein Gespensterballett, immer wieder Stasis, Zeitlupe, dann Zeitraffer-Bilder, Zuckungen wie von Insekten, die gegen Flammen fliegen. Der Zeremonienmeister in dieser Szenerie ist Bardo Böhlefeld als diabolischer Barmann. Er ist gleichsam Erzähler wie Spielleiter, eine Art Maschinenmensch mit zunehmender Funktionsstörung. Unheimlich, wie er um die anderen Figuren schleicht, wie er Vanitas-Videos, ein verrottendes Stillleben mit Milch und Motte, an die Wand werfen lässt, bis ihm selbst schließlich wortwörtlich der Saft ausgeht.

Der diabolische Spielmacher und seine Beamtenfiguren: Jesse Inman, Bardo Böhlefeld und Sophia Löffler. Bild: © Matthias Heschl

Brüsseler Zombietanz: Simon Bauer, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler und Sebastian Schindegger. Bild: © Matthias Heschl

Antiheld des Ganzen ist Simon Bauer als Martin Susman, ein schwermütiger, ein österreichischer Mensch ganz am Rande des Machtzentrums, aufgerieben zwischen den Begehrlichkeiten seines Bruders, der den Jüngeren als Lobbyist für seine Schweinezucht-Interessen instrumentalisieren will, und denen seiner Vorgesetzten Fenia Xenopoulou, die eigentlich auf dem Sprung zum nächsten Karriereschritt wäre, der aber nicht kommen mag, so lange sie in der „Kultur“ vor sich hin dümpelt.

Bauer stattet seinen Susman mit einer augenrollend komischen Verzweiflung aus, Sophia Löffler macht aus Fenia eine flirrende Person, die um vermeintlich höher Gestellte verlegen umhertänzelt, während sie ihre eigene Truppe mit harschem Kommando führt. Ständig arbeitet es in ihrem um „Visibility“ bemühten Gesicht, aber ach, der Pragmatismus … Jesse Inman darf als Susmans begrenzt enthusiastischer Kollege Bohumil Smekal Elvis singen (muss sich aber gleichzeitig wegen der Heirat seiner Schwester mit einem tschechischen Nationalisten grämen), und als Attila Hitegkuti Fenias Kartenhaus zum Einsturz bringen.

Schließlich Steffen Link, der sich als Fenias Liebhaber Frigge zähnebleckend geschmeidig macht, und als Florian Susman zum typisch hiesigen Funktionär, bevor er als Kabinettchef Romolo Strozzi – dieser cool in güldenen Frauenkleidern und auf High Heels – Fenias Plänen die Fäden zieht. Bihler zeigt Robert Menasses heiter bis wolkige Liebeserklärung an die große Idee Europa als Brüsseler Spitzen. In genau jenen Zerrbilder und Klischees, die für etliche die unelastischen EU-Eingeweide ausmachen. Viel ließe sich über die Aufführung am Schauspielhaus noch sagen. Böhlefeld etwa berichtet über den im Buch überaus wichtigen David de Vriend, einen Holocaustüberlebenden, der nun in einem Altersheim seinem Lebensabend entgegendämmert. Kommissar Émile Brunfaut und dessen Mörderjagd fehlen, was verständlich, aber schade ist, weil seine Geschichte direkt mit der de Vriends zu tun hat. Die Sau, die Menasse leitmotivisch durch seinen Roman laufen lässt, eine Metapher für eine ganze Breite ideologisch geprägter Europabilder, taucht im Schweinsgalopp der Inszenierung immer wieder nur kurz auf.

Bleibt Professor Alois Erhart, der zweite Österreicher im Setting, gespielt von Sebastian Schindegger, und bereits im Roman eine faszinierende Figur. Wie ein Fremdkörper tritt er immer wieder dann in Erscheinung, will er sich offenbaren, wenn die anderen mit „wichtigen Geschäften“ beschäftigt sind. Ein sympathisch-tollpatschiger Emeritus für Volkswirtschaft, und als solcher in einen Thinktank über die Zukunft der Union eingeladen. Den sprengt er ob des dargebotenen Schwachsinns mit einer Rede, in der er seine Sorge formuliert, Europa könnte derzeit von Politikern gemacht werden, von denen der europäische Grundgedanke so weit weg ist, wie eine gute Kinderstube. Dem lässt sich angesichts aktueller Entwicklungen nichts hinzufügen. Auf der Schauspielhaus-Bühne wird indes mit Robert Menasse weiter diskutiert werden über dieses als nachnationale Gemeinschaft gedachte Gebilde, geboren aus einem europäischen Wahnsinn, den jetzt viele wieder für normal halten.

www.schauspielhaus.at

  1. 9. 2018

Wiener Festwochen: Die Orestie

Mai 31, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Demokratie für die Laborratten

Klytaimestra (Marie Löcker) und Volk. Bild: Armin Smailovic

Sollte einem die Schädeldecke nach hinten rutschen, so der Tipp von Dramaturg Matthias Günther am Ende seiner gutgelaunten Werkeinführung: „Schieben Sie sie einfach wieder nach vorne!“ Äh, ja. Ersan Mondtag Shootingstar hat zweifellos viel und farbenprächtige Fantasie, seine Fassung von Aischylos‘ „Orestie“ oszilliert zwischen Pathos und Klamauk – ein spannender Mix, für den man alles, nur nicht spaßbefreit sein darf.

Die Ansage, den Anspruch, sich wieder auf die Archaik des antiken Theaters zu besinnen, erfüllt der Abend, der vom Thalia ans Theater an der Wien übersiedelt ist, allerdings in vielerlei Hinsicht nicht. Das beginnt mit der Sprache, die so typisch deutsches Stadttheater ist. Mit einem Hauch Schnoddrigkeit und Mut zur Schreierei bis zur Outrage. Wenn Sebastian Zimmler als Orest sich in der Plattenbausiedlung – Mondtag, der seine Inszenierungen gern auch biografisch verankert, denkt hier wohl an den Berliner Kiez seiner Kindheit – die rachsüchtige Seele aus dem Leib brüllt, wartet man unwillkürlich darauf, dass von einem der Balkone ein „Ruhe!“ in den Innenhof erschallt. Im Wiener Gemeindebau wär’s mit Garantie so. Bevor die Stiege vier endlich ins Spiel kommt, passiert aber eine Menge.

Mondtag hat sich das Haus des Atreus‘ als Laborrattenstaat erdacht (honi soit …, wem hier der Neuenfels‘sche Skandal-Lohengrin einfällt). Das macht insofern Un/sinn, als die alten Griechen schon zu satyrnartigen Bocksmasken und großen Schwänzen griffen. Vor der Kulisse einer Glyptothek stehen die Darsteller in Stasis auf einer kleinen, roten Drehbühne. Ihr Singsang als Bürgerchor, unterstützt von einem Altonaer Gesangschor, der die Musik von Jazzer Max Andrzejewski interpretiert, erzählt die Geschichte von Flaute für die Flotte, Opferung Iphigenies, bis Heimkehr Agamemnon und Totschlag. Das ist, dank des hohen Tons von Walter Jens‘ Übersetzung, tatsächlich gewaltig. Marie Löcker tritt mit brüchiger Erotik als Klytaimestra aus der Masse hervor, André Szymanski als totengleich wandelnder Agamemnon, Paul Schröder als Aigisth.

Kassandra irritiert als Wickelkind im Weidenkorb. Bild: Armin Smailovic

Warum Kassandra ein Wickelkind im Weidenkörbchen sein muss, erschließt sich wiederum nicht. Das Babygebrabbel wird als die Fremdsprache der Seherin gedeutet, von der keiner versteht, was sie sagen will. Die ästhetische Setzung ist jedenfalls stark, Form bestimmt den Inhalt. Und erst auf den zweiten Blick sind die kleinen Irritationen zu entdecken: ein Shirt auf dem „Geil“ steht, eine Tasche mit der Aufschrift „Club Azur“.

Das weist schon hin auf das Folgende, wenn sich die Kulisse dreht, und die Aufführung zwischen Blumenbalkon und Sat-Schüssel angelangt ist. Als ob hinter jeder marmornen Fassade die Kleinbürgerlichkeit hauste. Und Klytaimestra und Aigisth winken gar königlich aus dem Spießbürgeridyll ins Volk hinunter. Da wird nun vieles lächerlich bis zum Lachen. Eine Urne wird aufs Chaos von Thomas Niehaus geworfen, die Sätze sind jetzt von Mondtag und modern. Als hätte manch einer ein „Also, wissen Sie, nee …“ auf den Lippen.

Nach der Pause eine eindrückliche, schwarze Albtraumszene, die sich von Atreus und Thyestes zu Aigisth, der längst als Witzfigur zur Abschlachtung freigegeben ist, und Orest entwickelt. Das ist von großer Intensität, wenn Agamemnon, als Toter auf seinem Grab sitzend, dem Sohn den Doppelmord befiehlt. Kein Wunder hier, dass Zimmler Hamlet und Jesus zitiert, er wird schließlich vor dem roten Vorhang zum durch die Erinyen Verpesteten, will eine Beichte ablegen, wird aber durch höhere Macht – Apollon – zum Demagogen, der aufhetzt, statt zu gestehen. Das ist schon sehr geschickt gelöst, samt Björn Meyer als Elektra.

Am Ende finden sich alle im Tiefgaragen-Tempel von Athene – Cathérine Seifert, die für die Übersiedlung die vom deutschen Feuilleton bemängelte Merkel-Raute und SMS-Sucht offenbar abgelegt hat – wieder und die Plädoyers beginnen. Der Hohe Rat wird eingesetzt, und sofort setzt Zank und Hader wieder ein. Unter Ratten ist eben keine Demokratie möglich, diese zarte Pflanze, die derzeit gerade vielerorts zertreten wird. Sagt Ersan Mondtag und verdreht Aischylos‘ Happy End in ein hämisches Moment. Zum Schluss gab’s Riesenjubel und Applaus für einen Abend, der die Balance zwischen Erhabenen und Groteskem sucht, und doch zu sehr in Zweiteres entgleitet. Die alte Kreativenregel „Kill your darlings!“ lass‘ die Einfälle weg, auf die du am stolzesten bist und die du am schönsten findest – hätte dieser Inszenierung gutgetan.

www.festwochen.at

  1. 5. 2018

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017