Kasino des Burgtheaters: Sechs Tanzstunden in sechs Wochen

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei supersympathische Dancing Stars

Tango mit Pasión: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Was sich Regisseurin Martina Gredler und Kostümbildnerin Lejla Ganic an Outfits für Markus Meyer ausgedacht haben, ist für sich genommen schon eine Show. Vom goldglitzernden Matador-Jäckchen über eine weiße Fantasieuniform mit Sisi-Enten-Shirt bis zu Jeanshotpants mit „Stars ans Stripes“-Leggins, so angetan wirbelt Meyer als Tanzlehrer Michael Minetti ins Leben der pensionierten Lehrerin Lily Harrison.

Andrea Eckert, die am Burgtheater in der Andrea-Breth-Inszenierung von „Die Ratten“ eine großartige Frau Knobbe gibt (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32521), spielt nun in dieser Kasino-Produktion die – zumindest anfangs – spaßgebremste Schülerin, die sich über den exaltierten Kerl, der da in ihrer Tür steht, nur erstaunen kann. Und während sie noch seinen verqueren Humor und seine sozialen Groschenweisheiten für gewöhnungsbedürftig hält, kippt er schon ins Unflätige, muss „die alte Schachtel“ aber letztlich um diesen Job anflehen, weil weit und breit kein anderer in Aussicht ist …

Ein Tüll-Traum für den Walzer: Andrea Eckert. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der exaltierte Michael: Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mit dem tragikomischen Feel-Good-Stück „Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ des US-Dramatikers Richard Alfieri geht Burg-Herrin Karin Bergmann ins Finale ihrer Direktionszeit. Dass die ansonsten aufs Experiment zugeschnittene Spielfläche auch als Parkett für leichte Theaterkost taugt, ist vor allem den supersympathischen Darstellern zu danken, Markus Meyer in Jugendjahren Turniertänzer, Andrea Eckert seit dem Alter von fünf „Tänzerin aus Leidenschaft“, die an Spielfreude mit Verve für ihre Figuren alles geben. Es ist im Stück nicht anders, als bei den Original-Dancing-Stars: Zwei verlorene Seelen zicken um die Wette, kommen sich beim Ankeifen menschlich aber durchaus näher.

Man will sich dem anderen gegenüber anders zeigen, als es tatsächlich ist, doch – von diesem Spannungsbogen profitiert das Ganze – nach und nach fallen die Masken, werden Schicksale enthüllt, kommen die kleineren Flunkereien und die größeren Unwahrheiten ans Licht. Mit jeder Trainingsstunde offenbaren die beiden mehr von sich, etwa, dass Lily gar keinen Tanzkurs, aber Gesellschaft braucht, um ihr zu viel an Zeit zu füllen, oder, dass Michael nicht nur am Broadway gescheitert ist, sondern in New York auch seine große Liebe Charly begraben musste. Bald ist es zwischen dem Schwulen und der Witwe ein gespielter Witz, wer die größere Bitch ist, und derart holen sich die Hitzköpfe gegenseitig aus den Schneckenhäusern der selbstgewählten Isolation.

Autor Alfieri versteht es in bester amerikanischer Well-made-Play-Manier die Themen Alter, Einsamkeit und Tod in Screwball-Pointen zu verpacken. Eine Krebskrise noch schnell, dann sind Lily und Michael BFF – Best Friends Forever. Neben Eckert und Meyer brilliert noch ein dritter Akteur, das schmissige Salonorchester, bestehend aus Lenny Dickson, Andreas Radovan, Emily Stewart sowie Alexander und Konstantin Wladigeroff, das swingen und rocken und grooven vom Feinsten kann. Bühnenbildnerin Sophie Lux deutet das Seniorenparadies Florida mit einem luftig-kühlen Luxusappartement an, in dem die Eckert in mal sexy, mal eleganten Kleidern die Frustration, auch Wut, ihrer Lily mit viel Elan ausstattet, was den Konfrontationen mit Meyers Michael natürlich Pepp gibt. Dieser gibt nicht nur in den Choreografien von Daniela Mühlbauer Vollgas, sondern auch im Komödiantischen.

Aus zickigen Tanzpartnern werden beste Freunde fürs Leben: Andrea Eckert und Markus Meyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Lehrer glaubt er an die ganzheitliche Methode, weswegen er beim Tango „spanish“ lispelt und beim Walzer ins „Gnä’ Frau“ verfällt. Er schwoft und springinkerlt und kommt er durch die Tür, sind ihm die Lacher des Publikums schon sicher. Auch bei der spitzen Bemerkung, Lily schwärmt von einem früheren Wien-Besuch und den liebenswerten Leuten dort, die Österreicher seien ja bekanntlich stets ein anschlussfreudiges Völkchen gewesen …

„Sechs Tanzstunden in sechs Wochen“ im Kasino ist einfach rundum entzückend. „Wie beim Sex kommt alles auf die Ausführung an“, sagt Lily übers Tanzen an einer Stelle. Diesbezüglich ist an diesem Abend alles gelungen. TIPP: „Let’s Dance“ – zum Ende jeder Vorstellung lädt die Band das Publikum in den Ballroom, von denen jeder ein besonderes Motto hat: Am 31. Mai „Love and Peace and Dance“, am 1. Juni „Dance the Savoy“, am 11. Juni „Kasino Night Fever“ und am 16. Juni „Kasino Royal“. Ab 23 Uhr steht dann DJane Colette am Mischpult.

www.burgtheater.at

  1. 5. 2019

Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Bronski & Grünberg: Pension Schöller

Dezember 13, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fest an den lockeren Schrauben gedreht

Philipp Klapproth am Ende seiner Kräfte: Claudius von Stolzmann, Gioia Osthoff, Benjamin Vanyek und Martina Dähne. Bild: © Andrea Peller

Es ist, ob legendärer Inszenierungen an den Kammerspielen, immer ein gewisses Wagnis in Wien „Pension Schöller“ zu zeigen. Der dort regieerfahrene Fabian Alder hat’s nun im Bronski & Grünberg getan, hat radikal viel gewagt – und alles gewonnen. In seiner Neufassung dockt das beinah 130 Jahre alte Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs geradezu demonstrativ an der Jetztzeit an.

Alder hat, ohne Irr- oder Sprachwitz des Originals zu beschädigen, die Charaktere weitergedacht und fortgeschrieben, hat fest an deren lockeren Schrauben gedreht, und schafft es, mitten im größten Spaß, ein hinterlistiges Statement zum Heute abzugeben. Die Welt anno 2018 – ein Narrenhaus.

Die Handlung ist bekannt. Privatier Philipp Klapproth will, weil er eine seiner Villen in ein Sanatorium für nervlich Angegriffene verwandeln möchte, in Wien eine Klapsmühle besuchen. Sein Neffe Alfred, der vorhat, ein chices Geschäft für sinnlos überteuerte Wohnaccessoires zu eröffnen, und dafür dessen finanzielle Unterstützung braucht, führt den Onkel zu einem Gesellschaftsabend in der Pension Schöller.

Was in Wahrheit nicht mehr als ein Zusammentreffen eines freilich exaltierten, aber keineswegs geisteskranken Künstlerkreises ist, ist für Klapproth pure Psychiatrie. Doch weil sich Klapproth immer mehr in seinen Begegnungen mit den vermeintlichen Insassen verstrickt, nehmen die Verwirrungen naturgemäß ihren Lauf. Um deren grelle Komik zu illustrieren, hat Kaja Dymnicki ein mit pinker Luftpolsterfolie überzogenes Bühnenbild erdacht, die Kostüme von Julia Edtmeier kontrastierend dazu in ihrer spießigen Kleinkariertheit. Darin gelingt dem Ensemble mit viel Spielfreude und hohem Tempo, zwischen Handgreiflichkeiten und Slapstick-Stürzen, großartiger Boulevard.

Martina Dähne gibt mit Verve die beherzte Pensionswirtin, die mit ihren „internationalen“ Soiréen das Ende der Demokratie in Europa abwenden will – vorausgesetzt die Subventionen dafür fließen. Benjamin Vanyek bezaubert in der Paraderolle als Schöllers schwuler Sohn und „logopädisch herausgeforderter“ Jungschauspieler mit Abscheu vor der strukturellen Ausbeutung am Theater. Hinreißend, wie er als Showhighlight „Oh mein Papa“ nispelt, und nogisch, dass er in Dominic Marcus Singers aufgeräumtem Alfred sein Liebesglück findet.

Ein verdächtiges Geschenk vom Globetrotter: Claudius von Stolzmann und David Oberkogler. Bild: © Andrea Peller

Die Postdramatikerin im Infight mit dem Major: Gioia Osthoff und Thomas Weissengruber, hinten: Martina Dähne, Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Hier findet zusammen, was zusammen gehört: Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Die Schauspieler schmieren und klamauken sich derart Vollgas durch ihre Rollen in dieser gegenüber dem 1890er-Stück noch  zugespitzten Farce, dass es eine Freude ist. Das „Kasperltheater“ mit dem die Kaffeehausszene beginnt, ist auch in Folge wörtlich zu nehmen. David Oberkogler spielt den Löwenbändiger Bernhardy, der hier hauptberuflich ein mittelschwer narzisstischer Auslandskorrespondent ist, immer bereit über seine zahlreichen Journalistenpreise zu schwadronieren oder eine „kritisch-unabhängige“ Frage zu platzieren.

Gioia Osthoff ist als Schriftstellerin, nun mit dem Namen „Weißgarnix“, zur feministischen Postdramatikerin avanciert, die ihr Umfeld mit ihren unverrückbaren Gender-Positionen nervt. Thomas Weissengruber ist – mit einem Riesenrepertoire an wutbürgerlicher Mimik – als cholerischer Major a. D. zu sehen, dessen Karriereende mit dem (tatsächlich Pilz’schen) Sager vom „Höschen aus Paris“ zu tun hat, und der daher in funktionierende Opposition gehen will. Solcherlei Bezüge stellt Fabian Alder mit Vorliebe her. Und nicht immer nur geht es dabei um politische Fettnäpfe, sondern im extremsten Fall um einen wieder gesellschaftsfähigen Faschismus.

Philipp Klapproth nämlich, von Claudius von Stolzmann lange Zeit ganz prima als Provinztropf angelegt, ist nämlich aus Chemnitz. Was nicht nur diverse Seitenhiebe zur aktuellen Lage hierzu- und im Nachbarlande zulässt, sondern auch eine Schlusspointe, in der sich das vorgeblich so harm- wie arglose Onkelchen als Drahtzieher einer Operation, genannt „Schöne braue Donau“, enttarnt. Was es damit auf sich hat, sollte man sich selber anschauen. Nur so viel: Zum Schluss heißt es nicht nur Komödienfeuer frei.

Auch in seiner dritten Saison erweist sich das Bronski & Grünberg mit dieser High-Speed-Aufführung als erste Adresse für absurden, bissigen Witz und scharfsinnigen Schabernack. Mit diesen Mitteln ist dem Wahnsinn dieser Tag wohl am besten beizukommen, sozusagen Lachen als Theater- und Lebenskonzept. Erst kürzlich ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien, dass, wer schwarzen Humor mag, einen höheren Intelligenzquotienten und ein niedrigeres Aggressionslevel als andere hat …

www.bronski-gruenberg.at

13. 12. 2018

Was uns nicht umbringt: August Zirner im Gespräch

November 10, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Komödiantische Schwermut entspricht mir sehr“

August Zirner als Therapeut Max in Sandra Nettelbecks berührendem Ensemblefilm „Was uns nicht umbringt“. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

Am 16. November startet Sandra Nettelbecks berührender Ensemblefilm „Was uns nicht umbringt“ in den heimischen Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin lässt darin den Therapeuten Max aus „Bella Martha“ in seinem Kosmos voller neurotischer Patienten, familiärer und amouröser Verstrickungen wieder aufleben. Nettelbeck erzählt mit melancholischer Heiterkeit von Sinnkrisen und Herzensangelegenheiten in der Mitte des Lebens.

Als Max ist erneut August Zirner zu sehen, der es diesmal mit einem depressiven Piloten, einer trauernden Schriftstellerin – und einem faulen Hund zu tun bekommt. Mit ihm spielen Barbara Auer, Johanna Ter Steege, Christian Berkel, Peter Lohmeyer und David Rott. Ein Gespräch in den Wiener Kammerspielen, wo August Zirner diese Saison in Daniel Glattauers „Vier Stern Stunden“ auf der Bühne steht:

MM: Etwas, das den Episodenfilm „Was uns nicht umbringt“ auszeichnet, ist wohl, dass jeder Zuschauer darin eine Geschichte finden wird, die er so oder so ähnlich persönlich kennt.

August Zirner: Ich hoffe, und ich glaube, das ist etwas, das die Regisseurin Sandra Nettelbeck auszeichnet, dass sie so viele verschiedene Typen erschaffen kann. Das Phänomen Weltschmerz, um das es im Film ja geht, wenn man das so großspurig ausdrücken darf, ist sicher eines, das viele Leute beschäftigt.

MM: Ich habe gelesen, Sandra Nettelbeck hätte Ihnen versprochen, diesen Film zu schreiben?

Zirner: Als wir uns damals bei „Bella Martha“ kennengelernt haben, haben wir festgestellt, dass da eine gewisse geistige Verwandtschaft, ein ähnliches Ticken ist. Ich sollte in „Bella Martha“ den Therapeuten spielen, und sie sagte aber, das sei nur eine kleine Rolle, ob ich das überhaupt machen wolle. Ich sagte natürlich, die Figur interessiert mich. Ich wuchs geradezu in diese Therapeutenrolle hinein, und Sandra sagte, irgendwann rücke ich diesen Max mal in den Mittelpunkt eines Films. Einige Zeit später haben wir wieder miteinander gedreht, beim Kinderfilm „Sergeant Pepper“, da habe ich wieder einen Therapeuten gespielt, und sie wiederholte, das Versprechen für den Max gilt noch. Und jetzt hat sie es wahr gemacht, was ich sehr schön finde, wenn jemand mal Wort hält und seinen Darstellern treu ist.

MM: Als Sie mit dem Max zum zweiten Mal dieselbe Figur übernahmen, sind Sie da schon in eine Vertrautheit geschlüpft? Wie haben Sie den Max weiterentwickelt, und: sind Sie denn der Paradetherapeut?

Zirner: Mir war Max von Beginn an sehr vertraut, auch, was seine Vater-Geschichte betrifft, wenn die unbekannte Halbschwester kommt, und ihn informiert, dass der, den er seit Jahrzehnten für tot hielt, gerade noch lebt. Das könnte eins zu eins aus meinem Leben sein. Die Lücke, die entsteht, wenn ein Vater früh stirbt, und wie man diese Lücke zu füllen versucht, das kenne ich sehr gut. Max hat sich also insofern entwickelt, schon beim Lesen, und dann beim Drehen. Es war ein schönes Arbeiten. Mit jedem neuen Patienten und mit jedem neuen Schicksal hatte ich tolle Kollegen vor mir, an denen ich die Qualität dessen, was es heißt, zuzuhören, noch einmal ganz stark kennengelernt habe. Mir ist das begleitende Zuhören mit zunehmendem Alter immer wichtiger.

MM: Ein Beispiel?

Zirner: Als der Film abgedreht war, habe ich einen Monat später in München wieder „Nathan der Weise“ gespielt, und habe plötzlich gemerkt, ich höre viel intensiver zu, wenn die anderen sprechen, der Tempelherr, die Recha, der Sultan … was brauchen die, was kann ich sagen oder tun, um denen in die Spur zu helfen? Ich wollte mich tatsächlich, bevor ich auf die Schauspielschule ging, mit der menschlichen Psyche befassen. Aber Schauspieler ist der Beruf, der mir diesbezüglich mehr entgegenkommt, weil er auch meinen Spieltrieb bedient.

MM: Max ist die Figur, bei der alle Fäden des Films zusammenlaufen, gleichzeitig ist auch er von seinem Leben überfordert. Er hat diese komödiantische Schwermut. Ist das ein Typus, den zu spielen Ihnen liegt?

Zirner: Komödiantische Schwermut entspricht mir sehr. Ich mag diesen Begriff, das umzusetzen ist das, was ich mir beim Spielen wünsche.

Kuscheln auf der Therapeutencouch: mit Film-Exfrau Barbara Auer. Bild: © Mathias Bothor / Alamode Film

Max verliebt sich in Patientin Sophie: Johanna Ter Steege. Bild: © Marion von der Mehden / Alamode Film

MM: Um eine Klammer zum Frederic Trömerbusch zu bilden, den Sie an den Kammerspielen in „Vier Stern Stunden“ darstellen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29596): zeichnet den dieser Charakterzug auch aus?

Zirner: Ja, aber anders. Er hat sich seit der Premiere Mitte September auch noch entwickelt, ist jetzt weniger sarkastisch übertrieben, sondern hat mehr Kern bekommen.

MM: Max holt sich gegen das Alleinsein einen Hund aus dem Tierheim. Ich würde Sie ja fragen, wie es war, mit dem zu spielen, aber dieser Hund spielt nicht, er liegt nur herum.

Zirner: Mit Hund zu spielen ist nicht sehr schön, weil er natürlich immer im Mittelpunkt steht, und das ist für jeden Schauspieler ganz furchtbar. (Er lacht.) Hier war es besonders schwierig, weil ich den Hund nicht einmal ansprechen durfte, wir durften uns nicht aneinander binden, sondern mussten Distanz zueinander wahren. Ich mag aber Hunde, also fiel mir das schwer.

 

MM: Sie haben vorhin schon gesagt, das ist Ihr dritter Film mit Frau Nettelbeck. Was sind denn die Vorzüge, wenn man einander kennt?

Zirner: Man kann mit Sandra sehr offen und ehrlich arbeiten, man kann ihr vertrauen. Ich vertraue ihrem Geschmack und ihrer Intelligenz. Und sie hat die Begabung, mich zu konzentrieren, mich zu fokussieren. Sie macht konsequent ihr Ding, das ist sicher für manche anstrengend, aber sie weiß, was sie will. Sie hat eine sanfte Insistenz, sie besteht sanft auf dem, was sie richtig findet. Da fühlt man sich aufgefordert, das Wesentliche zu tun, und nicht mehr.

MM: Ihre Kolleginnen und Kollegen im Film hatten ja großteils auch schon Nettelbeck-Erfahrung.

Zirner: Jaja, wir sind viele Wiederholungstäter. Auch Kameramann Michael Bertl. Das ist etwas, das einen guten Film ausmacht, dass Regie und Kamera als eingespieltes Team miteinander arbeiten.

MM: Welche Geschichte von Max‘ Patienten hat Sie am meisten berührt?

Zirner: Eigentlich die von Ben, weil er nicht spricht, weil er nicht mehr sprechen kann. Ich bin ja ein Dauerquassler, deshalb ziehen mich solche Gegensätze an. Ich finde zwar Bjarne Mädel als Tierpfleger hinreißend, auch seine Geschichte mit Jenny Schily, aber Mark Waschke, den ich vorher gar nicht kannte, hat mich sehr berührt. Da habe ich mich ständig gefragt, was kann ich tun, um diesen Ben aus der Reserve zu locken? Soll ich Tee kochen, mich mit dem Hund beschäftigen, wie bringe ich ihn zum Reden?

MM: Das klingt, als hätten Sie Raum gehabt, Ihre eigenen Ideen in den Dreh einzubringen.

Zirner: Viele Dinge entstanden im Moment, bei der szenischen Entwicklung, ich kann wirklich nicht mehr sagen, was Sandras Idee war, und was meine. Es hat sich oft aus dem Spiel so ergeben. Mir ist es halt wichtig, nicht nur auf mein nächstes Stichwort zu warten, sondern genau auf den Bühnen- oder Filmpartner zu achten – aktives Zuhören, wie ich vorhin schon sagte. Das ist in unserem Beruf ein bisschen auf den Hund gekommen, aber es ist wichtig.

MM: Der Film lässt bei den meisten Figuren am Ende die Fragen offen.

Zirner: Das ist das Schöne daran, viel wird angedeutet, nichts zu Ende erklärt. Doch für alle Figuren besteht die Chance, dass …

„Vier Stern Stunden“ an den Kammerspielen: als Frederic Trömerbusch mit Bühnenpartnerin Martina Ebm. Bild: Rita Newman

Spontane Umarmung: bei den Dreharbeiten zur John-Steinbeck-Doku in der Wüste Nevada. Bild: privat

MM: Was anderes, weil wir hier in den Wiener Kammerspielen sitzen: Sie haben in einem Interview einmal gesagt, Wien mache Sie aggressiv. Wie geht es Ihnen jetzt?

Zirner: Ich habe mich inzwischen wieder daran gewöhnt, in Wien zu sein, und habe mit der Stadt meinen Frieden geschlossen. Wien ist eine Stadt des Theaters, der Musik, hat immer tolle Ausstellungen, hat seine Kaffeehäuser. Ich kann Ihnen gestehen, so sehr Wien mich auf die Palme bringen kann, ist es doch die einzige Stadt, in der ich leben kann.

MM: Auf die Palme – warum?

Zirner: Weil ich über die Schatten der immer noch nicht bereinigten Vergangenheit ärgere, über die fehlende Bereitschaft, darüber zu reden. Dieses Denken – „Es war eine schwierige Zeit, das wissen wir eh, aber man muss doch nach vorne schauen. Wir haben jetzt so Leute wie Kickl, die machen das für uns. Wir haben jetzt wieder Grund, Identität zu stiften …“ -, da kann es mir passieren, dass ich grantig werde. Nur, ich bin ja auch Amerikaner, und da ist es um nichts besser.

 

MM: Das wollte ich Sie fragen. Wie geht derzeit ein Leben zwischen den USA, Österreich und Ihrem Hauptwohnsitz Bayern?

Zirner: Indem man pendelt und immer wieder auch anderswo spielt.

MM: „Was uns nicht umbringt“ hat Szenen, in denen Menschen sich vorstellen, wie etwas sein könnte, und im nächsten Bild sieht man die Realität.

Zirner: Diesen „Trick“ habe ich sehr gemocht. Das kennen wir ja alle, Vorstellungen von etwas zu haben, und in der Wirklichkeit wird es dann ein Oh-Gott! Man hat sich getäuscht, oder aber es ist noch schöner. Das finde ich reizvoll, und es ist auch ein Thema von Sandra: diese ganzen Projektionen und Hoffnungen, die wir haben, die Diskrepanz zwischen einem Wunsch und dessen Verwirklichung.

MM: Der Film beginnt für Max mit einer vorgestellten Umarmung und endet mit einer tatsächlichen. Ist es das, was die Welt braucht, mehr Umarmungen?

Zirner: Das ist ein sehr schöner Gedanke. Wenn der Film bei jedem so ankommt, kann ich mir nichts Schöneres wünschen. Wenn man all diese Herren, die uns regieren, betrachtet, deren Namen ich gar nicht nennen will, weil man Narzissten nur damit bestrafen kann, und in dem Wissen, dass es unter den Wählern eine Akzeptanz für deren peinlichen Nationalismus und deren peinliche Ausländerangst gibt, dann ja, dann brauchen wir dringend mehr Umarmungen. Ich frage mich immer, wovor die denn Angst haben. Ich habe mehr Angst vor wild gewordenen Bayern. Oder vor Bankern. Wo ich vor meiner eigenen Türe kehre, ist die Bereitschaft, viel mehr über einen anderen und dessen Nöte und Probleme zu erfahren. Wir müssen viel mehr miteinander sprechen.

MM: Tun Sie das nicht ohnedies?

Zirner: Ich bemühe mich, weil es mich wirklich interessiert, wie es uns allen geht. Ich habe vor zwei Jahren in den USA mit Regisseurin Katharina Cleber eine Fernsehdoku über John Steinbeck gemacht, „Ein Mann, ein Hund, ein Pick up Truck, auf den Spuren von John Steinbeck“, und dazu eine alte Dame in der Wüste Nevadas interviewt. Und plötzlich sagte sie, das Problem im Land sei, dass die Leute nicht mehr miteinander reden, dass Nachbarn einander nicht mehr besuchen und sehen, wie sie helfen können. Und dann sagte sie: „August, can I ask you a favor? Would you just stand up and give me a hug?“ Das Foto davon habe ich noch.

 MM: Bleibt mir die Frage nach weiteren beruflichen Plänen. Sie haben einen Fernsehfilm mit Urs Egger gedreht, „Der Geldmacher“?

Zirner: Da spiele ich den Nationalbankdirektor, eine kleine Rolle, aber ich mochte das Thema, das Phänomen des Schwundgelds, wo also Geldwert mit dem Wert von Arbeit in Balance ist. Ich habe ein musikalisches Programm namens „Frankenstein“ mit dem Spardosen-Terzett, als inneren Monolog des Doktors, der das Monster in seinem Kopf hat. Da sind die Kompositionen alle von uns, von Jazz bis Funk bis Kitsch. Ich mache wieder „Der kleine Prinz“ mit Kai Struwe – und am 25. Jänner trete ich im Radiokulturhaus mit den „Transatlantischen Geschichten“ auf. Der Anteil des Musikalischen wird in meiner Arbeit immer mehr. Ich bin in Gesprächen für zwei Filmprojekte, und an den Kammerspielen spiele ich bis Mai „Vier Stern Stunden“. Was das Danach am Theater betrifft, bin ich offen für Vorschläge.

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Die Filmkritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30441

  1. 11. 2018