Theater in der Josefstadt: Der Bauer als Millionär

Dezember 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geistreich geht’s durchs Geisterreich

Abschied von der Jugend: Michael Dangl und Sopranistin Theresa Dax. Bild: Erich Reismann

Die Drehbühne, eine Seite Feen-, andere irdische Welt, dominiert der Leuchtschriftzug „Geisterreich“, daraus wird, je nachdem welche Buchstaben gerade in Rot erklimmen, ein „geistreich“ oder nur „reich“, dann ein „erreicht“. Eine originelle Idee, die Regisseur Josef E. Köpplinger und Bühnenbildner Walter Vogelweider da hatten, und auch die modernste des Abends. Denn Köpplinger widersteht bei seiner Inszenierung von Ferdinand Raimunds „Der Bauer als Millionär“ am Theater in der Josefstadt jeder Versuchung zur Zwangsaktualisierung.

Bis auf eine Zeitstrophe beim „Aschenlied“, in der Fortunatus Wurzel von grenzenlosem Denken schwärmt und den kalten Wind, der von rechts weht, beklagt, lässt Köpplinger das „romantische Original-Zaubermärchen“ von Querverweisen unangetastet, weder Streikdrohung noch „Sonderbehandlung“ noch Sozialversicherungsreform müssen vorkommen, das ist dieser Theatertage mal was anderes – und offenbar so ungewöhnlich, dass Pausengespräche in die Richtung gingen, ob man das denn eigentlich dürfe.

Doch der derzeitige Chef des Münchner Gärtnerplatztheaters vertraut dem Dichter und dessen ewiggültiger Botschaft vom Geld, das allein nicht glücklich macht, und vertraut auch der Musik von Joseph Drechsler, die ein sechsköpfiges Orchester unter der Leitung von Jürgen Goriup mit Verve umsetzt. Diesem ist einer von zwei Höhepunkten des Abends zu verdanken, wenn Sopranistin Theresa Dax als Jugend ihr „Brüderlein fein“ singt, und sich nicht nur stimmlich auf höchstem Niveau, sondern schauspielerisch, angetan mit einem rosa Bubenanzug, als ein androgynes Wesen von anrührender Zartheit präsentiert. Ebenfalls Szenenapplaus gab es für ihr Pendant, Wolfgang Hübsch als das hohe Alter ein Respekt gebietender, resoluter Mann von Welt, der sich unversehens in einen zynischen, zahnlos scheinenden Mummelgreis verwandelt, sowie er Wurzel die nun anstehenden Zipperlein vor Augen führt. Hübschs trockener Humor, mit dem er seine Figur ausstattet, ist geradezu das Paradebeispiel für die Köpplinger-Handschrift dieser Aufführung.

Lacrimosa und ihre Vertrauten: Alexandra Krismer mit Alexander Strömer, Patrick Seletzky und Tamim Fattal. Bild: Erich Reismann

Hass, Neid und ihr Handlanger: Ljubiša Lupo Grujčić, Martin Niedermair und Dominic Oley. Bild: Erich Reismann

Das hohe Alter hält Einzug bei Fortunatus Wurzel: Wolfgang Hübsch mit Michael Dangl. Bild: Erich Reismann

Den Fortunatus Wurzel spielt Michael Dangl ziemlich deftig. Sein rabiat polternder Neureicher ist ein Bauer geblieben, das Gemüt schlicht, der Verstand verblendet, ein Trinker und Tunichtgut, als Aschenmann beinah ein Ebenbild der Kriehuber-Lithographie, und doch einer, dem man zwar Gebrochenheit und Läuterung, das Happy End aber nur bedingt abnimmt. Während Lisa-Carolin Nemec ein unauffällig-nettes Lottchen ist, gibt Tobias Reinthaller seinem armen Fischer Karl Schilf mit Temperament Kontur. Johannes Seilern macht sich gut als hinterlistiger Lorenz, Paul Matić darf als Habakuk ein Kabinettstück abliefern, dieses in Anlehnung an den Lurch der Addams Family, was ihm einiges an Lachen sichert.

Die Feenwelt nimmt Köpplinger absolut ernst, da wird nichts ironisiert oder karikiert, auch das ein wohltuender Zug an der Aufführung, wenn Alexandra Krismer als Lacrimosa einfach nur eine Mutter ist, die um das Wohlergehen ihrer Tochter bangt. Unter den sie umschwirrenden Geistern verströmt Alexander Pschill als Ajaxerle schwäbelnden Charme, Patrick Seletzky ist als Bustorius ein würdiger Zauberer aus Varaždin. Und weil die Bösen natürlich stets die besten Rollen sind, brillieren Dominic Oley als rotgewandeter Hass, Martin Niedermair als grüner Neid und Ljubiša Lupo Grujčić als deren heimtückisch-komischer Kammerdiener.

Warum Julia Stemberger ausgerechnet als Zufriedenheit ein schwarzes Trauerkleid tragen muss, die Kostüme sind von Alfred Mayerhofer und tatsächlich gibt es eine Friedhofsszene mit ein paar Grabstein schwingenden Untoten, erschließt sich einem ehrlich nicht. Schön hingegen, wie Köpplinger die Stemberger zur Spielmacherin, zur Strippenzieherin macht, die mit Durchsetzungskraft, und manchmal fast ein wenig hantig, schlussendlich die Geschicke der Geister und der Menschen lenkt.

Fazit: Köpplinger setzt auf Raimunds bissigen Wortwitz, würzt das Singspiel durchaus mit dessen Depression, verzichtet auf allzu Liebliches ebenso wie auf das Abklopfen von Leitartikelthemen – und das ergibt in Summe mehr Ferdinand Raimund, als andere Inszenierungen von sich sagen können. „Der Bauer als Millionär“ an der Josefstadt versteht sich als Unterhaltung. Mit Haltung.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=RqPTF4w0U6k

www.josefstadt.org

  1. 12. 2018

Werk X-Petersplatz: Zum Wilden Mann

Dezember 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blitzkrieg mit Bierdeckeln

Die Burschenschaft „Dekadenzia zu Wien“: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann; vorne: Sebastian von Malfér. Bild: © Alexander Gotter

Kein Schmäh. Gerade als man das Theater verließ, lief einer im Elitenstechschritt vorbei. An der Hand die Freundin, die Couleur hellbraun. Sage noch einer, Kunst sei kein Spiegel der Sachlage im Lande. Einen solchen halten Regisseurin Ursula Leitner und die handikapped unicorns nun im Werk X-Petersplatz der Pandorabüchse Burschenschaften vor. Sören Kneidl, Sebastian von Malfèr, Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, J-D Schwarzmann und Matthias Tuzar agieren als „Dekadenzia zu Wien“.

Diese zwar fiktiv, doch der Text zu „Zum Wilden Mann“ auf Grundlage von Dokumaterial und mit Beratung des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands entstanden. Eine bissige Farce auf die Vollwichsträger ist diese Uraufführung geworden. Vom Fuxmajor über den Cantusmagister bis zum Fuxe, die Hackordnung wie in einem Hühnerstall, sind alle vorhanden, die sich der Männlichkeit ihres Bierzipfels versichern müssen. Und so übt sich das rechtsakademische Personalreservoir Vielmann, Neumann, Hartmann, Bergmann, Baumann und Trautmann in den entsprechenden Ritualen – saufen, singen, über Sex reden. Das alles tun sie in der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“, wo die Truppe knapp vor Sperrstunde kornblumenblau von einem Bezirksfest kommend einfällt. Für eine letzte Runde.

Dem linksgemütlichen Hausherrn Johnny, Régis Mainka, und seiner Kellnerin/Verlobten Tajana, Aleksandra Corovic, helfen ihre freundliche Art wenig. Die Nacht wird aus dem Ruder laufen, die Situation eskalieren. Immer wieder nämlich wird der Fortlauf der Ereignisse gestoppt, treten einzelne Mitglieder der Dekadenzia wie zur Aussage fürs Polizeiprotokoll an, Tenor natürlich: wir immer die Sündenböcke – lächerliche Vorwürfe – an den Pressesprecher wenden, da weiß man bereits, es wird nicht gut enden.

Der Wirt und seine Verlobte bemühen sich um Freundlichkeit: Aleksandra Corovic und Régis Mainka; hinten: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl und Martin Purth. Bild: © Alexander Gotter

Doch die Stimmung wird dank Alkohol immer aggressiver: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth und J-D Schwarzmann; hinten: Aleksandra Corovic und Régis Mainka. Bild: © Alexander Gotter

Bis die Situation eskaliert: Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann, Sören Kneidl (hinten) und Aleksandra Corovic. Bild: © Alexander Gotter

Schwarzweiße Maskengesichter hat Leitner den Burschenschaft-Darstellern verpasst, kennzeichnet sie so als untote Wiedergänger, doch je mehr die Schminke verrinnt oder verwischt wird, werden die Menschen darunter zur Kenntlichkeit entstellt. Bald schon werden nicht nur Bettgeschichten und Fußballergebnisse diskutiert, werden nicht mehr Blitzkrieg mit Bierdeckeln und andere Trink- und Demütigungsspielchen gespielt, sondern bricht sich der Hass Bahn. Der rechte Arm schnell hoch, Parolen werden gebrüllt, dass der Spielraum erbebt.

Es geht um Ehre, Treue, Vaterland, um urdeutsch vs. ostmärkisch, darum, das kulturelle Erbe wehrhaft zu verteidigen, gegen die Gutmensch-Propaganda, gegen toleranzbesoffene Armleuchter, Asylanten, Andersdenkende. Als die Liedzeile vom Schaffen der siebenten Million angestimmt wird, und der Wirt darob dem Treiben Einhalt gebieten will, wird die Bemerkung „Wir werden uns um die Wirtschaft kümmern“ zur unverhohlenen Drohung. Umso mehr, als sich herausstellt, dass Tajana aus dem Montenegro stammt …

Die Schauspieler spielen mit viel Schmiss. Zwar sind ihre Herrenmenschen ziemlich holzschnittartig angelegt, doch dient vielleicht gerade dies als Instrument für die Beunruhigung, die dieser mit Testosteron aufgeladene Theaterabend beim Betrachter auslöst.

Zum Schluss eine choreografiert ästhetische Gewaltszene. Dazwischen aber wendet Ursula Leitner ihren Gesellschaftsspiegel immer wieder auch Richtung Publikum. Wenn Sätze fallen wie „Ich bin wirklich die letzte, die etwas gegen Ausländer hat …“, und darauf ein kollektives „Aber …“ folgt. So wird „Zum Wilden Mann“ auch Aufforderung zur Selbstüberprüfung. Sehenswert! Noch bis 8. Dezember.

werk-x.at

  1. 12. 2018

Schauspielhaus Wien: Schlafende Männer

November 10, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einsauen bis zur Ekelgrenze

Hier wird gekleckert, nicht geklotzt: Anton Widauer, Vera von Gunten, Sebastian Schindegger und Alina Schaller. Bild: © Susanne Einzenberger

Lässig lehnt Maria Lassnig an der Wand. Ihre Selbstporträts „Du oder ich“ und jenes „unter Plastik“, natürlich „Schlafende Männer“. Das Gemälde aus dem Jahr 2006 ist schließlich Namensgeber für Martin Crimps Stück, das Tomas Schweigen nun am Schauspielhaus Wien als österreichische Erstaufführung inszeniert hat. Bühnenbildnerin Giovanna Bolliger hat Zuschauertribüne und Spielfläche vertauscht, all the world’s a stage, und auf diese eine Atelierwohnung gestellt.

Manifeste über den heidnischen Menschen und die ursprüngliche Tragödie an den Wänden; Kunst fließt hier, später noch im Wortsinn, tropft von Gesichtern und Körpern, wenn sich das Darstellerquartett mit Joghurt und Gips, Blutfarbe und griechischem Salat einsaut – bis zur aktionistischen Ekelgrenze; das Leben dagegen stagniert. Dass an die Fensterschräge als Referenz Mike Nichols Geschlechterkampffilm, Liz Taylor und Richard Burton in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, projiziert wird, verweist auf die theatrale Zimmerschlacht, die hier gleich anheben wird.

Das Setting ist dasselbe, ein in die Jahre kommendes, gutsituiertes Ehepaar, Paul und Julia, er Musikproduzent, sie Kunsthistorikern, lädt ein junges ein. Josefine ist Julias neue Assistentin, deren Mann Tillman hat mit Möbeln zu tun, und ist ergo der einzige nicht künstlerisch tätige in der Gruppe. Die Vornamen sind die der Schauspieler der Uraufführung am Hamburger Schauspielhaus, Crimp-Intima Katie Mitchell hatte dort die Regie übernommen, und musste sich vom Feuilleton vorwerfen lassen, ihre „kältestmögliche Zurückhaltung“ hätte die Aufführung zur „Fischblütigkeit“ verdammt.

Das kann man Tomas Schweigen nicht anlasten, er greift in die Vollen. Mitten im Alsergrunder Boboville geraten ihm die Crimp’schen Figuren wie selbstverständlich zu jener Art von Bourgeoisie, die verzweifelt versucht, ihr letztes bisschen Bohème ins Arriviert-Sein zu retten. Vera von Gunten gibt die Julia mit ausreichend Schnepfigkeit und selbstverliebter Attitüde, die Frau ist schließlich ein Star auf ihrem Gebiet, Sebastian Schindegger spielt Paul in lustvoll-gebückter Demutshaltung, ein passiv-aggressiver Tropf, dessen Geltungsdrang längst erloschen ist. „Die meisten Leute in Pauls Alter, die versagt haben, sind verbittert, aber Paul ist frei von Bitterkeit“, sagt Julia.

Das sitzt. Und Paul ist nicht der einzige unterbutterte, auch der verhuschte, tanzbärig-dumpfe Tillman wird von der Gattin klein gemacht. „Wir haben darüber gesprochen, Kinder zu kriegen, aber das Kind dürfte nicht wie ich sein, es müsste sein wie Josefine, es müsste Josefines Augen haben und Josefines Mund und Hände, und es müsste ihren Verstand und Körper haben und Josefines Lächeln und Josefines gesamte Körpereinstellung, weil, ich bin nur ein Stück Scheiße“, so stellt er sich vor. Plaudertäschchen Josefine ist er unter den Kunstkollegen in erster Linie peinlich.

Von Gunten und Schindegger. Bild: © Susanne Einzenberger

Von Gunten, Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Schaller und Widauer. Bild: © Susanne Einzenberger

Zwischen absurder Komödie und psychologischem Kammerspiel entwickelt Crimp im Weiteren eine Horrornacht mit unklarem Ausgang. Wie Maria Lassnigs Bilder vor expliziter Sexualität strotzen, wie sie Machtstrukturen genussvoll aufbricht und ins Skurril-Surreale dreht, so zugeht’s auch im Stück. Es ist ein Erregungsfeuerwerk, und Schweigen bedient Crimps expressiven Humor aufs beste, etwa, wenn der angesäuerte Paul Rudolf-Schwarzkoglerisch an seinem Salatgurken-Penis herumsäbelt und Paradeiser auf seiner Stirn zertrümmert.

Julia ist nämlich Expertin für Wiener Aktionismus, und knapp vor dem Aus laufen an den Seiten Videos, die Schauspieler in Günter Brus‘ Kopfbemalungs-Pose oder in Otto-Muehl-Aktionen zeigen. „So leben wir nicht“, ist Pauls Selbstversicherung, bevor er eine sexuelle Annäherung an Tillman wagt.

Die Pointen fliegen wie die Fäuste, es gibt Prügel mit der Plastikflasche, die unterschwellige Bereitschaft zu Gewaltakten bricht sich dank zunehmend Alkohol allmählich Bahn, das kennt man so auch von Yasmina Reza, doch Crimp legt keinen Wert aufs Well-Made-Play, er fordert das Publikum heraus mit seinen feministischen Diskurstheaterdialogen übers extrem schwache starke Geschlecht.

Gekonnt wechseln von Gunten, Schindegger, Schaller und Widauer von Exzess zu Konversationston, vor allem von Gunten als obskure Strippenzieherin treibt mit ihrem zwischen Hysterie und Hochmut changierenden Spiel den Abend voran. Bis ein ominöser Marc anruft, er offenbar auch Maler mit gerade Ausstellung in den USA, und von Julia für ihre Karriere eine Auslöschung verlangt.

Zum Schluss – dies ein Spoiler – scheint sich die ganze Inszenierung höchst doppeldeutig als von Marc geschaffene Kunstinstallation zu enttarnen. Deren Ende ist ein Sprung aus dem Fenster. Mit Hausmacher-Aktionismus die eigene Existenz wieder provokant zu machen, hat für Julia und Paul nicht funktioniert. Tomas Schweigens Hommage an ebendiesen funktioniert als irrwitziges Bühnenschüttbild hingegen prächtig.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Jga-YL95zGo

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

aktionstheater ensemble: Martin Gruber im Gespräch

November 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Nicht Ideologien, Haltung wird uns weiterbringen“

Martin Gruber. Bild: © Apollonia Bitzan

Momentaufnahmen aus dem Leben zu einem Bildband des Empfinden formen. So definiert das aktionstheater ensemble seine Art, Theater zu machen. Kommendes Jahr begeht die Kompagnie ihr 30-Jahr-Jubiläum. Gründer und Leiter Martin Gruber im Gespräch über aktuelle Aufführungen, Pläne für 2019 und das Theater als amoralische Anstalt:

MM: Sie zeigen ab 15. November im Wiener Werk X, ab 4. Dezember im Spielboden in Dornbirn Ihre vier Inszenierungen „Die wunderbare Zerstörung des Mannes“, „Ich glaube“, „Immersion. Wir verschwinden“ und „Swing. Dance to the right“ in Doppelvorstellungen als „4 Stücke gegen die Einsamkeit“. Was darf man sich erwarten?

Martin Gruber: Der Punkt war für mich, die Querverbindungen zwischen den Abenden transparent zu machen, aufzuzeigen, wie die Stücke zusammenhängen. Und zwar, ohne das Ganze edukativ zu machen, weil ich es für Hybris halte, zu glauben, man könne das Publikum erziehen. Um das, was ich meine, an einem Beispiel zu verdeutlichen: Wir zeigen zum Beispiel den Machismo oder „Post-Machismo“ in „Die wunderbaren Zerstörung des Mannes“, während es in „Ich glaube“ um Religion, und damit auch um patriarchale Strukturen geht.

MM: Haben sich die Abende verändert?

Gruber: Die Stücke haben sich insofern gewandelt, heißt: weiterentwickelt, als wir auch zeigen, was sich in der letzten Zeit getan hat. Wir wollen klar machen, wie sich der Egotrip des einzelnen, die Entsolidarisierung, die ich in der Gesellschaft meine zu spüren, wiederum auf das Individuum auswirkt. Man kann nicht sagen, bis zu dieser Grenze Österreichs oder Europas bin ich solidarisch, und vier Meter drüber geht es mich nichts mehr an. Das ist eine absurde Haltung. Wir sind nicht allein, und gerade, was jetzt in Österreich passiert, siehe UNO, wenn es der Politik nur noch darum geht, die eigene Klientel zu bedienen, das ist ein Paradigmenwechsel, den ich aktuell einbinden will. Nicht à la Kabarett mit Eh-schon-wissen-Sätzen, sondern sich auf die Suche zu begeben nach dem, was mit uns passieren kann.

MM: Was passiert mit dem Einzelnen?

Gruber: Darüber will ich keine abstrakte Analyse auf der Bühne. Ich gehe der Frage nach, was tun gegenwärtige politische Entscheidungen mit mir. Da soll es keine Thesenhaftigkeit geben, sondern ganz pur: Was machen diese Vorgänge mit mir.

MM: Das klingt, als wären Ihre Inszenierungen immer Work in Progress. Was ist eine Initialzündung, und wann empfinden Sie Texte als abgespielt? Man nannte Ihr Team ja auch schon eine „schnelle Eingreiftruppe“ …

Gruber: „Pension Europa“ spielen wir seit fünf Jahren. Wir machen aber nicht von heute auf morgen ganze Stücke anders, wir verschärfen dort, wo es sich aktuell ergibt, wo wir neue Stimmungen und Bestimmungen orten. Dabei will ich aber nichts aufblasen. Aufblasen dürfen und sollen sich die Dinge in den Köpfen des Publikums. Ich sitze in jeder Aufführung meines Ensembles, und jeden Abend, eine halbe, dreiviertel Stunde vor Beginn coache ich ein, um von der Energie her auf dem Level zu bleiben, den wir bei der Premiere hatten. Bevor eine Schauspielerin, ein Schauspieler die Bühne betritt, soll sie/er wissen, was sie/er mitteilen will. Der Fokus liegt auf der Dringlichkeit des Gesagten.

Die wunderbare Zerstörung des Mannes. Bild: Stefan Hauer

Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

MM: Sie arbeiten mit einem fixen Stamm von Schauspielern. Wer bei Ihnen mitmachen will, muss bereit sein, etwas von sich preiszugeben, sich zu entblößen – tatsächlich wie im übertragenen Sinne. Was muss man können, um zum aktionstheater ensemble zu gehören?

Gruber: Abgesehen vom Können ist es ein sozialer Aspekt. Bei der Arbeit ist eine der wichtigsten Grundlagen die Empathie, das Miteinander-Können. Also frage ich mich, wie passt ein Schauspieler, eine Schauspielerin in die Truppe. Es muss eine Diversität vieler verschiedener Charaktere gegeben sein, damit Energie entsteht und ein angstfreies Arbeiten möglich ist, und jemand muss mir sympathisch sein, ganz ehrlich. Ich arbeite mit niemandem, bei dem das nicht der Fall ist, so großartig kann der künstlerisch gar nicht sein. Schauspieler sollen bei mir das Gefühl haben, aufgefangen und nicht zu etwas vergewaltigt zu sein, so entsteht die Wahrhaftigkeit, die mit den Darstellern persönlich zu tun hat. Wir starten in einer ganz bestimmten Form der Authentizität, suchen etwa xenophobe Ansätze in uns, damit wir nie arrogant auf der Bühne stehen, und „den Deppen da unten“ die Welt erklären.

MM: Ihre Inszenierungen haben in der Regel Humor. Ist Humor ein Mittel, um Themen zu transportieren? Sie haben einmal gesagt, Sie wollen „der Realität unter den Rock schauen“.

Gruber: Ja, Humor und Selbstironie und Spaß haben sind extrem wichtig. Nichts liebt das Publikum doch mehr, als wenn ich mich selbst verarsche. Bei den sogenannten „politisch ernsthaften“ Stücken wird Humor immer unterschätzt. Dabei liegt er ganz nah bei der Tragödie und beim Schmerz. Humor ist ein Transmitter, mit dem ich die Menschen öffne, und dann hau‘ ich rein. Das nennt man dann Verführung. (Er lacht.) Ein anderer Aspekt ist die Ästhetik: Reiner Ästhetizismus geht gar nicht. Wirkliche Schönheit hat nichts mit Deko zu tun. Wichtig ist mir, dass das, was wir zeigen, in den Zuschauern arbeitet. Ich nenne das Evokation. Wichtig ist nicht, was gesagt wird, sondern was es auslöst.

MM: Darf man sagen, Ihre Regiearbeiten sind choreografiert?

Gruber: Choreografiert ist gut. Ich stehe nicht auf Deklamation auf Stelzen. Mein Theater ist immer sehr körperlich. Am sichtbarsten ist das bei „Swing. Dance to the right“, im Stück geht’s ums „To make a show of“ vom Herrn Punkt-Punkt-Punkt, wo die Darsteller ständig in Bewegung sind, und zwar nicht im gleichen Rhythmus mit dem Sprechen. Das einzustudieren, bis es leicht wirkt, war Knochenarbeit. Mir geht es immer darum, möglichst viele Sinne anzusprechen, und nicht nur die kognitive Information, sondern auch die Körperlichkeit als Subtext zu transportieren.

MM: Das aktionstheater ensemble feiert kommendes Jahr sein 30-jähriges Bestehen; Sie haben es 1989, im Alter von 22 Jahren, gegründet. Wie kam’s dazu?

Gruber: Ich stand quasi schon mit einem Bein im arrivierten Theaterapparat, und versuchte in letzter Sekunde da wieder rauszukommen. Dieser eigenartige Tempel hat mich ziemlich abgeschreckt und mir ziemlich Angst gemacht. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich mich da entfalten kann. Für mich persönlich war diese Struktur, nicht zuletzt hierarchische Struktur, ich habe ja Schauspiel gelernt, nicht das Richtige. Ich hatte das Gefühl Bankbeamter zu sein, und hat für mich nicht gestimmt. So weit zu gehen, wie ich will, das war mir schnell klar, konnte ich nur mit meiner eigenen Kompagnie.

MM: Und haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?

 Gruber: Sehr viele davon. Ich wollte, wie gesagt, in einem angstfreien Raum Kunst machen, und das kann ich jetzt. Es waren heftige Zeiten, wenn ich etwa an den Kampf um Subventionen denke; es ging und geht dadurch, dass ich es mit Menschen zusammen mache, die aneinander glauben. Alleine möchte ich das nicht durchziehen. Das war ganz von Anfang an natürlich Martin Ojster, dann auch Schauspielerin Susanne Brandt. Es wird immer mehr zum Hochgenuss mit ihr zu arbeiten, weil wir einander in- und auswendig kennen, und sie mich trotzdem immer noch überrascht. Ich kann mit ihr in die Tiefe gehen, mitunter bis auf einen schamlosen Level. Die Tatsache, dass das aktionstheater ensemble so gut funktioniert, freut mich, weil viele gesagt haben, eine freie Kompagnie ist in Österreich nicht möglich, das machst ein Zeitl und dann gibst du auf.

Immersion. Wir verschwinden. Bild: Gerhard Breitwieser

Swing. Dance to the right. Bild: Gerhard Breitwieser

MM: Sie haben, das muss man sagen, eine treue Fangemeinde. Und in der Regel gute Kritiken.

 Gruber: Ja, es läuft. Die Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber man darf zufrieden sein.

MM: Das heißt?

Gruber. Wir können zwar finanziell keine großen Sprünge machen. Martin Ojster und ich versuchen, die Leute fair zu bezahlen und kein Geld für Bühnenbilder etc. zu verschwenden. Das ist eine Grundhaltung, und so entstand auch unsere Ästhetik des leeren Raums, eine Reduktion, in der alles vom Schauspieler, der Schauspielerin ausgeht. Die österreichischen Subventionsgeber sind halt sehr in die Institutionen verliebt, als würde, wenn man dort einen Furz lässt, die Luft besser. Ich hingegen bin der festen Überzeugung, dass die freien Kompagnien die Zukunft des Theaters sind. Frankreich, Belgien, auch die Niederlande, haben da eine viel progressivere Tradition, und diesbezüglich wäre Österreich gut beraten, sich etwas zu überlegen.

MM: Sie werden fürs Jubiläumsjahr eine neue Produktion entwickeln, wie ich annehme. In der gegenwärtigen Situation in Österreich und der Welt, juckt Ihnen nicht täglich ein neues Thema in den Fingern?

Gruber: Genau das ist das Thema vom nächsten Jahr: Wie derzeit die Post abgeht. Das Stück heißt „Wie geht es weiter?“, mit dem Untertitel „Die gelähmte Zivilgesellschaft“. Mich interessieren nicht die Leute, die das, was gerade passiert, ganz toll finden, sondern, dass ich bei denen, die das gar nicht toll finden, eine eigenartige Lähmung und Trägheit verspüre. Warum schläft der ohnedies immer sehr kleine Prozentsatz, der das Potential hätte, die Dinge zum Besseren zu wenden? Ich frage mich, wo ist die Avantgarde? Warum ist, wenn von Fortschritt die Rede ist, immer nur das Geld gemeint? Warum macht uns unsere Saturiertheit so depressiv? Warum wird nicht mehr aufbegehrt, sondern ausgesessen? Sehr viele, fürchte ich, sind damit zufrieden, dass gewisse Populisten jetzt die unangenehmen Entscheidungen erledigen, und sie selber deshalb nicht aus ihrer Komfortzone müssen. Die Menschen wissen zwar, dass das mieft, aber …

MM: Um in dem Zusammenhang darauf zurückzukommen, dass Sie vorhin sagten, Sie wollen nicht edukativ sein: Sie glauben nicht an das Theater als moralische Anstalt?

Gruber: Das ist eine Fangfrage. Das Theater ist keine unmoralische Anstalt, das Theater ist eine amoralische Anstalt. Zuerst einmal muss ohne Wertung alles möglich sein. Ich ersetze den Begriff Moral durch Haltung. Wenn ich mich den Dingen mit Haltung nähere, passiert etwas anderes, als wenn ich a priori weiß, was richtig und falsch ist. In dieser Banalität würde es weder uns noch unser Publikum interessieren. Ich will nicht sagen, etwas ist so und so, sondern ein Paradoxon aufwerfen, über das dann gedacht und gefühlt wird. So in etwa würde ich unsere Herangehensweise beschreiben, aber natürlich ist man als Theatermacher immer auch Moralist, alles andere zu behaupten, wäre eine Lüge.

MM: Was würde derzeit, sagen wir zwischen Nationalismus und Neoliberalismus, gebraucht?

Gruber: Der Mut, ein Drittes zu denken. Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen. Ideologien verbreiten Dogmen, Haltung hingegen ist momentan, kein fertiges Konzept, das ich aus einer Schublade zerre, sondern die Verpflichtung, jetzt zu reagieren. Heißt, nicht langwierig in einem Maßnahmenkatalog zu blättern, sondern die Menschen jetzt aus dem Wasser zu ziehen. Der Mensch hat überlebt, weil er solidarisch war, weil er ein Herdentier war. Allein gegen den Löwen hast du ein Problem, aber zu zehnt mit Lanzen …

aktionstheater.at          werk-x.at           www.spielboden.at

5. 11. 2018

Belvedere: Der Kremser Schmidt. Zum 300. Geburtstag

Oktober 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon zu Lebzeiten eine Legende

Martin Johann Schmidt: Venus und Amor, 1788. Bild: Johannes Stoll © Belvedere, Wien

Er wird mitunter als letzter großer Maler seiner Zeit gesehen – sein Tod 1801 gilt als spätes Ende der großen Ära des Barock. Und doch reichen seine Einflüsse noch weit in die nächste Künstlergeneration hinein. Martin Johann Schmidt, genannt Kremser Schmidt, zählt bis heute zu den populärsten mitteleuropäischen Barockmalern. Im Oberen Belvedere ist ihm ab 25. Oktober eine Ausstellung gewidmet.

Das Ende des Barock im Jahr 1801 anzusetzen, wirkt fast gewagt. Dennoch kann der Tod des Barockmalers Martin Johann Schmidt durchaus als Ende dieser Ära gesehen werden. Seine Kompositionen haben sich noch lange danach ungebrochener Beliebtheit erfreut. So trugen seine Schüler den Stil des Künstlers noch bis weit in das 19. Jahrhundert hinein. Kremser Schmidt war bereits zu Lebzeiten ein Klassiker geworden. Neben Paul Troger und Franz Anton Maulbertsch gilt er bis heute als einer der bedeutendsten mitteleuropäischen Barockmaler. Er genoss überregionale Bekanntheit, wählte aber als Lebensmittelpunkt Stein bei Krems. Von dort führte er seine Aufträge aus. Niemand geringerer als Kaiser Joseph II. besuchte ihn in seinem Haus. Die Reichweite seines Einflusses veranschaulichen jene Werke, die sich im heutigen Slowenien befinden und den dortigen Künstlern eine eminente Inspirationsquelle waren.
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Martin Johann Schmidt: Die Heilige Sippe, 1786. Bild: © Belvedere, Wien

Martin Johann Schmidt: Wirtshausszene, 1781. Bild: © Belvedere, Wien

Der Künstler Kremser Schmidt selbst wurde offenbar stark von Rembrandt beeinflusst, dessen Volkstypen und die vergleichbaren Darstellungen seiner Zeitgenossen das Schaffen des Niederösterreichers inspiriert haben dürften. Ausgehend von den Werken des Künstlers, die sich im Belvedere befinden, wird in der Schau nun sein umfangreiches Oeuvre in allen wichtigen Facetten umrissen.

www.belvedere.at

22. 10. 2018