Burgtheater: Martin Kušej präsentiert die Saison 2020/21

Mai 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Wünsch‘ mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht“

Martin Kušej geht zuversichtlich in den Herbst. Bild: Susanne Hassler-Smith

Aus einem „Haus ohne Mann und Maus“ meldete sich Burgtheater-Direktor Martin Kušej via ORF III, um seine Pläne für die Spielzeit 2020/21 vorzustellen. Ihn selbst, erklärt Kušej im Gespräch mit „Kultur Heute Spezial“-Moderator Peter Fässlacher habe der #Corona-Lockdown mitten in den Vorbereitungen zur „Maria Stuart“ erwischt, die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen wird um ein Jahr verschoben und

soll nun im Sommer 2021 stattfinden, und befragt nach seinem Befinden sagt der „Chef“ (dies Kušej bevorzugte Betitelung): „Ich bin eigentlich ein relaxter und starker Typ, aber das hat mich in ein inneres Chaos gestürzt“ – vor allem wegen der Verantwortung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, deren Sorgen und oft nicht zu beantwortende Fragen. „Ich sehe #Corona aber auch als Chance noch selbstbewusster und klarer aufzutreten“, so Kušej weiter, der mit (Zweck-)Optimismus in die nächste Saison startet, denn: „Bei aller Demut – die letzten Monate haben gezeigt, dass es ohne Theater nicht geht.“ 31 Premieren sind geplant, über die sich der Motto-Bogen „der Mensch als politische Manövriermasse in einem System, in dem es um Macht und deren Gewinn geht“ spannt. Der „Körper“ steht im Mittelpunkt, der menschliche wie der gesellschafts-/politische.

Kušej: „In der momentanen Zeit und Situation wird noch sichtbarer und deutlicher, dass die ,Körper‘ Gegenstände politischer Regulierungen sind. Dieses Themenfeld ist angesichts der gegenwärtigen Krise ein zentraler Punkt der kommenden Spielzeit: die Politik der Körper. Wo finden wir verwaltete Körper und wo ihre unverwaltbaren, widerständigen Impulse? Wer besitzt Verfügungsmacht über die Körper?“ Jene acht Projekte, die diese Spielzeit nicht mehr zur Premiere kommen konnten, sollen nachgeholt, und beispielweise das „Peer Gynt“-Konzept vom isländischen Duo Arnarsson/Torfason auf die aktuelle Situation umgeschrieben werden, konkrete Termine wollen aber erst noch gefunden sein. Was Kušej verspricht, ist ein „Weg von krassen Experimenten und performativen Formaten, damit das Publikum gut und gerne an den Aufführungen andocken kann.“

Die kommende Saison wird am 11. September am Burgtheater mit Calderóns „Das Leben ist ein Traum“ in einer Inszenierung von Marin Kušej eröffnet. „Ob das eine Physical-Distancing-Fassung wird, keine Ahnung! Befreundete Regisseure, die in Deutschland bereits proben, sind verzweifelt und sagen mir, das geht gar nicht. Ich bin ein Perfektionist, damit muss ich also klar kommen“, so Kušej, und zum Stück:  „Es geht für mich darum, welchen Begriff von Freiheit wir als Menschen haben, wie wir uns über unsere Freiheit definieren. Dabei wird eine tiefgreifende Ungewissheit im Verhältnis zur Welt thematisiert. In diesem Gefühl der tiefen Verunsicherung sehe ich eine Parallele zu unserer Gegenwart. Es lässt sich daraus durchaus die Frage entwickeln, wie wir uns wieder aktiv in die Gestaltung unserer Welt einmischen, nachdem wir eingesperrt waren und in einem unwirklichen, traumhaften Zustand gelebt haben.“

Thomas Köck zeichnet in seinem neuen Stück „antigone. ein requiem“ das Bild der angeschwemmten Körper am Strand. Der Köck-Text wird die Eröffnungspremiere am 12. September am Akademietheater, Regie führt Lars-Ole Walburg. In Lucy Kirkwoods „Das Himmelszelt“ müssen die zwölf Geschworenen, alles Frauen, über den Körper einer jungen Mörderin befinden müssen – Regie: Tina Lanik. „Richard II.“, inszeniert von Johan Simons im November,  lässt sich als Abgesang von Menschen über Menschen und von Körpern über Körper begreifen: Im Moment des Machtverlusts verliert der junge König Richard II. mit der Souveränität auch das Gefühl für die eigene Unverletzlichkeit.

Michael Maertens. Bild: © Katarina Šoškić

Maria Happel. Bild: © Katarina Šoškić

Jan Bülow. Bild: © Katarina Šoškić

Sarah Viktoria Frick. Bild: © Katarina Šoškić

Zu sehen im März sind „Die Troerinnen“, die „gegen die männliche Verfügungsgewalt über ihre Körper kämpfen“; mit dieser Inszenierung stellt sich Regisseurin Adena Jacobs erstmals im deutschsprachigen Raum vor. „Im Reich des Todes. Politische Theorie“ schildert Rainald Goetz die planmäßige Außerkraftsetzung demokratischer Grundrechte bei der ersten großen Krise unseres Jahrtausends 2001, insbesondere die Abschaffung des Folterverbots und damit des Rechts am eigenen Körper. Regie bei dieser Mai-Erstaufführung führt Robert Borgmann. Simon Stone zeigt im April eine eigene Bearbeitung von Gorkis „Kinder der Sonne“, in dem die von den Herrschenden in Ungewissheit gehaltene Bevölkerung die Schuld an der Epidemie in der Geldgeilheit der Ärzte sucht. Und schließlich setzt in Handkes neuem, von Frank Castorf auf die Bühne gehobenen Stück „Zdeněk Adamec“ der Protagonist seinen Körper auf dem Prager Wenzelsplatz als Fackel und Fanal gegen die Welt ein.

Insgesamt wurden Regisseurinnen und Regisseure aus 14 Ländern eingeladen, die Saison 2020/21 mit ihren Inszenierungen zu gestalten. Wieder am Burgtheater führen Regie: Mateja Koležnik mit Strindbergs „Fräulein Julie“, in dieser Saison „Der Henker“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36623), Ensemblemitglied Itay Tiran mit Taboris „Mein Kampf“, jetzt „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508), Barbara Frey mit Anna Gmeyners „Automatenbüfett“, in dem Maria Happel eine Hauptrolle übernehmen wird, und Dead Centre, deren „Die Traumdeutung nach Sigmund Freud“ zwiespältig aufgenomen wurde, mit der Uraufführung von „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ nach Ludwig Wittgenstein.

„Troerin“ Adena Jacobs, David Kramer mit Maurice Maeterlincks „Pelléas und Mélisande“, Antonio Latella mit Oscar Wildes „Bunbury“), Lucia Bihler mit Thomas Bernhards „Die Jagdgesellschaft“ und Kommando Himmelfahrt, dies ein 2008 vom Hamburger Komponisten Jan Dvorak und Berliner Regisseur Thomas Fiedler gegründetes interdisziplinäres Theaterkollektiv, das sich künstlerisch mit gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Utopien beschäftigt, mit einer Uraufführung der „Zauberflöte“, auf die man gespannt sein darf, arbeiten erstmals am Burgtheater. Mit insgesamt sechs Uraufführungen und zehn Deutschsprachigen oder Österreichischen Erstaufführungen ist zeitgenössische Theater-Literatur eine tragende Säule im Spielplan, etwa mit Felicia Zellers „Der Fiskus“ in der Regie von Anita Vulesica, „Ode“ von Thomas Melle in der Regie von András Dömötör und Isobel McArthurs „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“ in Koproduktion mit dem seit einigen Tagen von Maria Happel geleiteten Max Reinhardt Seminar in der Regie von Lily Sykes (Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=15477).

Auch das Burgtheaterstudio befragt die Rolle des Körpers: In Hans Christian Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“, in Szene gesetzt von Rüdiger Pape, stehen sich der nackte Mensch, der „body natural“, und die Verkörperung der Macht, der „body politic“, als Gegenspieler klar gegenüber. Fortgesetzt wird „Europa im Diskurs“, der Kollektivsalon mit dem Autorenkollektiv Hydra, früher Nazis & Goldmund, sowie Culinare L’Evrope mit literarischen und kulinarischen Beiträgen zusammen mit Lojze Wieser. Bevor nun in der tvthek.orf.at nachzusehen ist, was Maria Happel und Michael Maertens übers Zwischenkriegs-Sittengemälde „Automatenbüffet“, Sarah Viktoria Frick übers Fluch-Brechen und System-Hinterfragen in „antigone. ein requiem“ und Jan Bülow über den „Modernisten“ Richard II. sagen, befragt Peter Fässlacher den Burgtheater-Direktor noch zu seinen Herzensangelegenheiten für den Herbst. Darauf Kušej schlicht: „Wünschen Sie mir, dass es auf keinen Fall so weitergeht.“ Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

www.burgtheater.at         Video: www.facebook.com/Burgtheater/videos/327845468182944           tv.orf.at/orfdrei

25. 5. 2020

Die Staatsoper auf ORF III: Spielplanpräsentation 2020/21

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bogdan Roščić spricht über Pläne, Anna Netrebko singt

Bogdan Roščić ist neuer Direktor der Staatsoper. Bild: Regina Aigner/BKA

Mit der Spielplanpräsentation des designierten Direktors Bogdan Roščić für die Saison 2020/21 wird an der Wiener Staatsoper nun offiziell eine neue Ära eingeleitet. Da es dem Haus am Ring #Corona-bedingt nicht möglich ist, diese live abzuhalten, findet die Saisonvorschau erstmals im Fernsehen statt – heute, 21.30 Uhr, ORF III.

Programmatisch setzt Roščić drei Schwerpunkte: Mozart, Wagner sowie jene klassisch gewordenen Opern des 20. Jahrhunderts, die wie eine Brücke sind zwischen der Tradition und den Kompositionen der Zeitgenossen. Der Fokus auf Mozarts Werk bedeutet 2020/21 zunächst das Schließen einer großen Lücke im Repertoire. Seine „Entführung aus dem Serail“, bis ins Jahr 2000 im Haus am Ring fast 700 mal gespielt, wird in Hans Neuenfels’ virtuoser Inszenierung gezeigt.

2021/22 beginnt dann die Erarbeitung einer neuen Da-Ponte-Trilogie in der Regie von Barrie Kosky. Er wird aber auch in der nächsten Spielzeit präsent sein – mit seiner preisgekrönten „Macbeth“-Produktion. Am Beginn der Erneuerung des Wagner-Repertoires steht „Parsifal“ in Zusammenarbeit mit dem russischen Theater-Magier Kirill Serebrennikow. 2021/22 folgt dann „Tristan und Isolde“ mit Calixto Bieito, der aber schon zu Ostern 2021 sein Staatsopern-Debüt gibt – und zwar mit der Übernahme seiner weltweit gefeierten „Carmen“-Inszenierung.

Die klassische Moderne wird vertreten sein durch den Mann, der vielleicht mehr als jeder andere zum Kanon der Oper nach 1945 beigetragen hat: Hans Werner Henze mit „Das verratene Meer“. Eine Saison später folgt das vielleicht wichtigste Werk des 20. Jahrhunderts: Alban Bergs „Wozzeck“ in einer neuen Inszenierung von Simon Stone. Schon im März 2021 debütiert Stone an der Staatsoper mit seiner neuen Inszenierung der „Traviata“, die Bogdan Roščić mit ihm und der Opéra national de Paris produziert hat.

Ans Dirigtenpult kehren kommende Spielzeit vertraute Namen wie Christian Thielemann, Franz Welser-Möst oder Bertrand de Billy zurück. Das im Zentrum aller Planungen stehende Ensemble mit vielen neuen Stimmen wird ergänzt durch die Mitglieder des soeben gegründeten Studios, in dem ganz junge Sängerinnen und Sänger den Anfang ihrer internationalen Karriere setzen. Die Saison 2020/21 ist ebenfalls der Beginn einer neuen Ära für das Staatsballett. Der Schweizer Choreograph Martin Schläpfer übernimmt die Führung der Kompagnie. Seine erste Kreation für Wien ist Mahler gewidmet, dessen 4. Symphonie Schläpfer für die gesamte Kompagnie choreographiert, also für mehr als hundert Tänzerinnen und Tänzer.

Anna Netrebko. Bild: © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Jonas Kaufmann. Bild: © Gregor Hohenberg / Sony Classical

Elīna Garanča. Bild: © Paul Schirnhofer / Deutsche Grammophon

Auf ORF III geben neben Bogdan Roščić www.youtube.com/watch?v=kdcXxn-31jk der designierte Musikdirektor Philippe Jordan, zugeschaltet aus Paris, sowie der künftige Leiter des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer, per Videoschaltung aus Düsseldorf, Einblicke in die kommende Spielzeit. In Videoclips berichten auch die Künstlerinnen und Künstler sowie die Regisseure von ihrer bereits angelaufen gewesenen Arbeit an den geplanten zehn Produktionen.

Darunter Anna Netrebko www.youtube.com/watch?v=hMrlVkZuHhg, Jonas Kaufmann www.youtube.com/watch?v=Hzj2PFk1sfc&t=20s, Elīna Garanča www.youtube.com/watch?v=9QmJSBC6Bfk und Asmik Grigorian www.youtube.com/watch?v=mVhLwjAQGag, Barrie Kosky www.youtube.com/watch?v=s0UgNfLl4Mg, Simon Stone www.youtube.com/watch?v=aOUQ_ekTpGQ&t=24s, Jossi Wieler, Sergio Morabito und Anna Viebrock www.youtube.com/watch?v=UkRVWy1bgHo, Hans Neuenfels www.youtube.com/watch?v=RD6vD2AvtTo, Calixto Bieito www.youtube.com/watch?v=BkWNqhGQIKE, Kate Lindsey und Jan Lauwers www.youtube.com/watch?v=h5dF9vtIyEI&t=88s.

Musikalischer Höhepunkt der Spielplanpräsentation sind drei besondere Auftritte: Operndiva Anna Netrebko gibt Giacomo Puccinis „In quelle trine morbide“ aus „Manon Lescaut“ zum Besten. Die österreichische Mezzosopranistin Patricia Nolz, auch Mitglied des neugeschaffenen Opernstudios, singt „Morgen!“ von Richard Strauss, und der slowakische Bassist Peter Kellner, Ensemble-Mitglied der Wiener Staatsoper, präsentiert die Arie „Se vuol ballare“ aus Wolfgang Amadeus Mozarts „Le nozze di Figaro“. Jendrik Springer, Pianist und Musikalischer Studienleiter der Wiener Staatsoper, begleitet die Solistinnen und den Solisten am Klavier.

Die Sendung wird via TVthek.ORF.at als Live-Stream sowie für sieben Tage als Video-on-Demand bereitgestellt. Sie ist live auf der Klassikplattform www.myfidelio.at und anschließend in der fidelio-Klassithek abrufbar.

www.wiener-staatsoper.at/spielzeit-202021

Die Videos zur Saison 2020/21: www.wiener-staatsoper.at/die-staatsoper/mediathek

26. 4. 2020

Werk X im Wohnzimmer: Je suis Fassbinder

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gruppenkuscheln in Kokomo

In der Krise – Gruppenkuscheln: Lisa Weidenmüller, Annette Isabella Holzmann, Christoph Griesser und Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz. Schreit auf der Bühne einer „Aus““, dann hat sich entsetzte Andacht einzustellen. Nicht so im Werk X. Dort kann sich Martin Hemmer die Lunge aus dem Leib quetschen, Andreas Dauböck wird seinen Solo-Jam bis zur letzten Note ausführen. Eine schwere Schlappe, die der unterm behaglich warmen Lampenschirmlicht sitzende Multiinstrumentalist der selbstbehaupteten Autorität von Hemmers Bühnen- charakter Stan da verpasst.

Macht und Kontrolle, die dieser zu haben vermeint, weil er hier so etwas wie Autor-Regisseur in Personalunion ist. Ein Filmemacher, und nicht irgendeiner, Stan spielt den großen Rainer Werner, „Je suis Fassbinder“, wie er getreu des Stücktitels von Falk Richter erklärt, und noch bis Sonntag um Mitternacht ist dessen Inszenierung von Amina Gusner beim Werk X im Wohnzimmer auf werk-x.at kostenlos zu streamen.

Der designierte neue Spielmacher der Münchner Kammerspiele ist bekannt für sein Handanlegen beim radikalen Gegenwartstheater, um damit der Rechten eine aufzulegen. Hier zieht er Parallelen zwischen den restriktiven Regierungsmaßnahmen aufgrund des RAF-Terrors 1977 und dem nicht-erklärten Ausnahmezustand aktueller Tage. Als Folie dient der Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ von Schlöndorff, Kluge und eben Fassbinder, und klar ist, dass Stan Schauspieler Arthur Werner gleich eingangs dessen Interview mit Mutter Liselotte Eder proben lässt (das Original: www.youtube.com/watch?v=LL14D9gmqMM), und gut ist, das Gusner Falk Richter von Anfang an den Suaden-Zahn zieht.

Werk-X-like mengt Gusner die Posse ins Politische, die Groteske unter die Gesellschaftskritik, das sorgt für Deeskalation auf der nach oben offenen Richter-Skala. Zwischen den Schminkspiegeln der Künstlergarderoben und einer weiß ausgeschlagenen Spielfläche, das Probensituationssetting wie stets von Gusner-Schwester Inken, sekkiert Stan die Kollegenschaft bis aufs Blut. Immer wieder muss Werner, blond und im Leopardenmantel, die Worte wiederholen, Liselotte wünsche sich einen „autoritären Herrscher, der ganz gut ist und ganz lieb und ordentlich“, bis er schon nicht mehr weiß, was irr und was real ist. „Bei mir ist alles Text“, bescheidet ihm Stan.

Und zwar immer und mega-meta. All the world’s a stage, and all men and women merely players. Äußert sich Christoph Griesser auf höchst problematische Weise über „Opfer“ sexueller Übergriffe, bei Arabern kreischt ihr, aber ein geiler Italiener wär‘ euch sehr willkommen, brüllt Lisa Weidenmüller nicht ihn an, sondern fragt panisch: „Stan? Hast du das geschrieben?!“, darauf Griesser schüchtern: „Das war die Rolle, nicht ich“. Als das Team klare Vorgaben fordert, entgegnet Stan: „Europa hat keine Richtung. Wie soll ich da eine Richtung haben?“

Annette Isabella Holzmann mit Petra-Perücke. Bild: © M. Heschl

Christoph Griesser gibt wie immer alles. Bild: © Matthias Heschl

Arthur Werner als Liselotte im Leopelz. Bild: © Matthias Heschl

Andreas Dauböck bei der Arbeit. Bild: © Matthias Heschl

Lisa Weidenmüller, angstvoll. Bild: © Matthias Heschl

Fassbinder, verzweifelt: Martin Hemmer. Bild: © Matthias Heschl

Wie zeitlos zeitgemäß das ist. Die Furcht vorm „schwarzen“ überwiegt die Abscheu vorm starken Mann, es folgt eine ominöse Werte- und Abschiebediskussion, geschrieben im Schatten der Kölner Silvesternacht, die Angst vorm Gewaltpotenzial der Ausländer, Feindbild Flüchtlinge. Zustände im Land, die „Frau“ Werner so lautstark beklagt, wie jene Yoga-Jammerlappen, zu denen die einheimischen Herren der Schöpfung verkommen seien.

Der Filmcast geriert sich als Wohlstandserhalter, der/die wütende Weiße, der/die jene Welt beherrscht, die die Populisten so einfach zu erklären wissen, nur kein differenziertes Denken auf diffizile Inhalte verschwenden!, und der/die trotzdem oder deswegen in Verwirrung, Verdrängung, Verständnislosigkeit lebt. Man formiert sich zum Soldateka-Chor, im Gleichschritt werden imaginäre Gewehre repetiert, wer die Qual der Wahl hat, wofür er sich engagieren soll, ist im Zweifelsfall gegen alles. Ferngesteuert, fehlgeleitet, fremdbestimmt.

Die Falk-Richter-Figuren sind fassbinderisch in Rainerkultur. Hemmer changiert vom fiebrigen Berserker zum charismatischen Seelenbeschauer zum verzweifelten Zeitdiagnostiker zum Manipulator seiner Mitarbeiter, ein unerbittlicher Clan-Chief und ein demütig Gläubiger im moralischen Anstaltstheater. „Stopp, gleich nochmal, Kamera läuft, und bitte, gut – danke, wir haben’s“, kommandiert er, während die Impro seine Viererbande ins Private entgleisen lässt. Familienkrieg und Festung Europa, Geschlechter- und weitere darzustellende Rollen, Klassen- und andere künstlich geschaffene Unterschiede, Fassbinders Frauen erscheinen, Petra, Martha, Maria, Lola, Veronika, Feminismus stellt sich contra Faschismus …

Mehr und mehr werden die inneren Strukturen der Truppe freigelegt, es folgen Schnaps- und Schattenspiele, Lisa Weidenmüller trimmt sich mit überbordender Spielfreude auf Zicke, kann aber „die Leere“ am Schminktisch, da ein solcher nicht vorhanden ist, nicht mit Text füllen, Annette Isabella Holzmann macht mittels Brautschleier ihre Herzensangelegenheiten deutlich, aus Weitblick wird Innenschau, der überforderte Regisseur klampft E-Gitarre, bis sich einer, Christoph Griesser nämlich, gleich dem vollalkoholisierten Fassbinder im Film nackig macht – und als pervers beschimpft wird. Theater-auf-dem-Theater meets Film-im-Film.

Im Gleichschritt zum Erhalt der Werte: Lisa Weidenmüller, Christoph Griesser, Martin Hemmer, Arthur Werner und Annette Isabella Holzmann. Bild: © Matthias Heschl

Was Tragikomisches hat das, wie ausgerechnet das diktatorische Regime Kunstschaffen, „es gibt hier nur einen, der das Sagen hat, und das bin ich“, dreht Stan durch, Demokratie vorleben will. Versuch gescheitert im Streit um fette Szenen und das beste Scheinwerferlicht und den blankärschigen Spanier-Schnuckel im Arm! Mit Verve setzen Falk Richter/Amina Gusner die Krämpfe im künstlerischen Prozess mit den Kämpfen im gesellschaftspolitischen gleich.

In „Deutschland im Herbst“ weiß Fassbinder nicht mehr weiter. Nach dem Baader-Meinhof-Terror steht er auf einer Sympathisantenliste, ist gereiht als intellektueller Verdächtiger, und wankt zwischen Bespitzelung und Selbstzensur. Falk Richter reiht Stammtischphrasen und Allgemeinplätze zum aggressiven Loop, Gusner macht den Wiederholungszwang systemimmanent, Sicherheit durch Überwachungsstaat, Tracking-App auf der Suche nach #Corona-Sündern, darf man dagegen mitprotestieren, auch wenn’s andernorts die Falschen tun? Wie sich die „Angst essen Seele auf“ gleicht. Als wären 40 Jahre ein Tag.

„Je suis Fassbinder“ ist ein beklemmend komisches Stück über Konsequenzen, die aus der Geschichte bestens bekannt sind. Die präsentierten Pendants sind erwünscht und alles andere als zufällig, nichts wird hier mutwillig auf einen Haufen geworfen. Nur die Darsteller. Am Schluss. Beim Gruppenkuscheln. Die Wirkmächtigkeit im Für- und Mit- statt Gegeneinander. Denn Liebe ist … auch wenn man keinen Film fertiggebracht hat. Und Andreas Dauböck singt „Kokomo“ von den Beach Boys. In Moll und superslow.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=QtFyn9mhtfg&feature=emb_logo

werk-x.at/premieren/stream-je-suis-fassbinder

TIPP: Die Woche von 27. April bis 3. Mai steht beim Werk X im Wohnzimmer ganz im Zeichen von Händl Klaus: Da sein Stück „Dunkel lockende Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35553) derzeit nicht gespielt werden kann, liest und interpretiert das Ensemble Prosa-Texte, die der Autor dem Haus zukommen hat lassen. Dabei sind drei sehr unterschiedliche Filme entstanden, die auf werk-x.at zu sehen sind.

  1. 4. 2020

aktionstheater ensemble online: Immersion. Wir verschwinden

April 25, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

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Selbstironische Selbstdarsteller: Michaela Bilgerin, Andreas Jähnert und Martin Hemmer betreiben berufsbedingt Trauerbewältigung. Bild: ®Apollonia Bitzan

In seinem Bemühen zu „Streamen gegen die Einsamkeit“ zeigt das aktionstheater ensemble auf seiner Webseite aktionstheater.at nach „Heile Mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260) noch bis heute Mitternacht die Produktion „Immersion. Wir verschwinden“. Morgen ab 10 Uhr folgt, als Online-Ersatz zum Gastspiel beim Heidelberger Stückemarkt, „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672).

Immersion, so weiß es die Fachliteratur, beschreibt den durch eine Virtuelle Realität hervorgerufenen Effekt, das menschliche Bewusstsein durch illusorische Stimuli so weit auszuschalten, bis die VR als real empfunden wird. Mit anderen Worten: Selbst- durch Vortäuschung. Genau das führt Martin Grubers schnelle gesellschafts- politische Eingreiftruppe, diesmal bestehend aus Michaela Bilgeri, Martin Hemmer, Andreas Jähnert, Sonja Romei und Kristian Musser, in ihrer ersten Performance nach dem Nestroy-Preis auch vor.

Nämlich zuerst einmal sich selbst, die Protagonistinnen und Protagonisten eindeutig punziert als Exponenten dieses eitlen, traurigen, tollen Berufs „Künstler“, und 70 Minuten lang beobachten man deren ae-typischen, perfekt synchronisierten Danse macabre raus aus jedweder Logi- wie Faktizität. Dies durchaus nicht thesenreich theoretisierend, vielmehr temperamentvoll, redeschwallend, expressiv – und mit Musser-Musik, zu der Sonja Romei in Stimmlage Lachmöwe ihren Shalalala-Ohrgasmus singt.

In Form kleiner beiger Bodenplatten liegt, von der Bilgeri folgerichtig zum „Himmel und Hölle“-Hüpfen benutzt, der Frust herum, die Spielfelder gleich den Kreuzwegstationen des Selbstwertgefühls. Gegens Abgeschasselt-Werden und Ausgeschlossen-Fühlen, gegens Sich-Selbst-Abhandenkommen und soziale Abstiegsangst hilft am ehesten die Selbstdarstellung. Eine Disziplin, sollt‘ man meinen, die dem Schauspielerdasein inne ist, aber ach!

Hemmer, Jähnert, Bilgeri, hi: Sonja Romei und Kristian Musser. Bild: Gerhard Breitwieser

Andreas Jähnert, hinten: Romei, Hemmer, Musser und Bilgeri. Bild: Michael Grössinger

Sonja Romei bei ihrem Shalalala-Ohrgasmus. Bild: Screenshot aktionstheater ensemble

Durchsynchronisierter Danse macabre: Musser, Hemmer und Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Wenn Andreas Jähnert als hoffnungsloser Lyriker ob seines auf einer VIP-Hochzeit verlesenen Poems nicht nur vom Sitznachbarn namens ausgerechnet Langenscheidt veralbert, sondern sich danach – im Gegensatz zu Veronica Ferres und Ehemann Carsten Maschmeyer – weder in der Bunten abgebildet noch in der FAZ erwähnt findet, dann kann man sich schon als Verlierer im Wettstreit um die Mediengunst fühlen.

Ist die Handschüttel-Gelegenheit erst mal verpasst, hilft auch kein Namedropping der prominenten Bekanntschaften, dazu Bilgeri hinreißend gelangweilt und lapidar: „Kenn‘ ich nicht, kenn‘ ich auch nicht …“, und in der Art wird die Jähnert-Figur nicht die einzige bleiben, die sich ans Celebrity-Leben diverser Instagram-Heros klammert. Drüben ist das Gras eben immer glamouröser.

Kollegenneid ist was Un-, bezüglich Spaßfaktor aber natürlich etwas Feines, Michaela Bilgeri echauffiert sich grün vor Eifersucht auf eine sexy(stische) Spaziergängerin in einem dümmlichen Werbefilmchen – „46.000 Shares! Ist die überhaupt Schauspielerin?“, bis ihr Haardutt w. o. gibt. Man muss sich halt engagieren fürs Engagement! Sogar wenn man sich wie Martin Hemmer, um bei Himalaya-Dreharbeiten für einen potenziellen Blockbuster dabeizusein, statt from Austria als Australier ausgeben muss, doch herrje, als sich die Story als von einem Freund „geborgt“ entpuppt, geht die Sache im Wortsinn in die Hose.

Immer mehr verspinnen sich die vom Trio verkörperten Aufmerksamkeitsdefizitler in Sprach- und weitere Verwirrungen, in ihr als solches empfundenes Unglück, und für den Betrachter ist ihr „Versuchen, Scheitern, noch beschämender Scheitern“ zum Kaputtspötteln ernst. Wie stets balanciert der Martin-Gruber’sche Trupp auf dem schmalen Grat zwischen Tragi- und -komödie, nach dem Motto: Humor ist, was man mit Trotz verlacht, und wirklich schade ist, dass bildschirm-bedingt lediglich Kamera-Ausschnitte zu sehen sind – vor allem, wenn Martin Hemmer moves like Jagger.

Sing your Loser-Song: Romei, Jähnert, Hemmer und Bilgeri beim Whitney-Houston-Husten. Bild: Gerhard Breitwieser

„Was könnte sie noch interessieren?“, fragt Michaela Bilgeri mitten in ihrer Trivial-Tirade übers Rauchen-Aufhören, die Rotwein-Ersatzdroge und die Sorge, ob schlechte Laune den Krebs nicht rascher verursacht als Nikotin, während der Rest enerviert-ennuiert in der Runde schaut. Kulturauszeichnungen, klar!

Ein Triumph für die Frau, war Hemmer zur Verleihung des Josefstadt-Ensemblepreises doch gar nicht eingeladen, und hat sich Jähnert für einen deutschen Literatur-Award erst angemeldet, hat Bilgeri beim Vorarlberger Kulturpreis den ersten Platz gemacht.

Was Hemmer – siehe Kollegenneid – zu ihrem Ärger in Gänsefüßchen kommentiert, und wie er als Heulsusen-Sensibelchen ihren allumfassenden Furor konterkariert, alldieweil der stille Dulder-Dichter in Wahrheit zu den gröbsten Gemeinheiten befähigt ist, wie hier aneinander vorbei seelengestripteased wird, das ist große Kunst.

In Tränen aufgelöst rezitiert Bilgeri die Jury-Begründung hinsichtlich ihrer durchlässigen Darstellung und ihrer situativen Wachheit, ihres mit großer Wahrhaftigkeit ausgespielten tragödischen Talents, ihrer unvermittelt-überraschenden Atmosphäre-Wechsel und der Gabe, ihre Gefühlsklaviatur bis zur Peinlichkeit zu nutzen. All dies ist tatsächlich zum Weinen schön, und was „Immersion. Wir verschwinden“ betrifft: Wo kann man das unterschreiben? Grenzgenial ist noch ein Begriff, der einem zu diesem zwischen Popsongs und Pop Art angesiedelten Abend einfällt, der jenen prekären Jahrmarkt der Eitelkeiten auch genannt Showbusiness selbstironisch-selbstreflektiv erst ent-, dann erneut verzaubert.

Am Ende dieser famosen Trauerbewältigung erkennt sich das aktionstheater ensemble als solches wieder. Den Hype dieser 2016er-Aufführung müsse man hochhalten, um mit den hausgemachten Satiren mehr zu bewirken, mehr Publikum zu erreichen. Trump ist noch nicht Geschichte, Putin so gut wie Alleinherrscher auf Lebenszeit, Nachbar Ungarn auf dem Weg zum autoritären Maßnahmenstaat, die heimischen Rechtspopulisten nur #Corona-bedingt schweigsam, und die Menschen immersieren sich dieser Tage sua sponte. Es gibt also noch viel zu erzählen, aktionstheater, packen wir’s an! Wie singt ihr so schön zum Schluss: I Wanna Dance With Somebody!

Trailer „Immersion“: vimeo.com/189901179          vimeo.com/200016049

Trailer „Wie geht es weiter“: vimeo.com/352342879                   aktionstheater.at

25. 4. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020