aktionstheater ensemble: Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft

Juni 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein Riesenthema bei uns

Michaela Bilgeri als professionelle Pflegeheimstreichlerin; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Genug ist genug. Das muss Michaela Bilgeri eingangs kurz festhalten. Und mit dem nächsten Atemzug zugeben, dass, wann immer sie sich das sagt, sie denkt – ein bissl was ginge noch … Mit derart viel Verve, Wahnsinn und Wollust, wie hier die Bilgeri, muss man sich erst einmal auf eine Spielfläche stellen und „davon“ erzählen, denn, nein, ihr geht es nicht etwa um Innenpolitik, sondern eher Innenschau, sprich: Selbstbefriedigung. „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert,“ erklärt sie.

Und auch den nützlichen Ersatzeinsatz des Turnseils in der Schulsporthalle. Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen macht dieser Tage Station im Wiener Werk X. Zum sagenhaften 30-Jahr-Jubiläum hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble die Inszenierung „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ erarbeitet, zustande gekommen wie stets als die Essenz von Erlebtem und Erfühltem seiner Darsteller, diesmal Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Die nun da stehen, die weiße Weste, äh Wäsche, nicht ganz sauber, darüber können auch die Spitzenshirts und die Sneakersöckchen nicht hinwegtäuschen, um zu berichten, dass es gegen ein übermächtiges, unübersichtliches Draußen wohl besser sei, man bleibe ganz drin bei sich.

So wohl lässt sich der aktionstheater’sche Ansatz interpretieren, die Generation nach BoBo zu zeigen, die Bohemian Bourgeois, die ihren Kindern wenig mitgegeben hat, außer Sinn für Stil und reflektierten Spaß am Konsum. Wenn auch die Fridays For Future Hoffnung schöpfen lassen, aber wie Bilgeri, die professionelle Pflegeheimstreichlerin, die gern zeigt, wie’s geht, aufzählt, was alles anliegt, „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns …“, ist nur menschlich, dass aus dem Schöpfen allzu schnell ein Erschöpfen werden kann. Zwischen diesen Polen mäandert die Produktion. Den Stimmungen nachzuspüren, die zum Status Quo geführt haben, und als solche eine Metapher mit hohem Wieder- und Selbsterkennungswert, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle und den Culture Clash zu sein.

Wut im Wohnungsamt: Benjamin Vanyek; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Über Selbstbefriedigung am Turnseil: Michaela Bilgeri mit Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Gerhard Breitwieser

Verhandelt werden: Der Groll aufs weltverbesserische Kaufverhalten, weil Noisetteschokolade allemal besser schmeckt als Fairtrade, wie Benjamin Vanyek erbittert kauend unter Beweis stellt. Die schöne österreichische Kultur, für die sich sogar die Söckchen in Ballettschuhe verzaubern. Die Vorteile des Ballen- gegenüber des Fersengangs, den Andreas Jähnert vorführt. Versus Maria Fliris kämpferischem Ruf nach „Jetzt erst recht! Neuer Stil! Hula Hoop!“ und Fabian Schiffkorns ängstlicher Frage nach dem Verbleib der Mitte.

Das träge Volk, wie’s neuerdings gern genannt wird, in Hinblick auf das Wahl- davor, hat sich scheint’s auf Nebenschauplätzen eingerichtet. Setzt auf Selbstbespiegelung statt Zivilcourage, und wunderbar ist es, wie Thomas Kolle staubt, klopft ihm einer auf den Rücken. Zack! Zack! Zack! hat er Lösungen parat. Ein spitzbübisches Rich Kid, das seine Eltern zu immensen Ausgaben veranlasst. Im gewollten Dunkel bleibt der fulminante Sänger Pete Simpson, eine Fleisch gewordene Paraphrase aufs Gesagte, einer durchkomponierten Textcollage, die Sprache zu Melodie und Rhythmus eint, Simpson, der mit seiner R’n’B-Stimme Schuberts „Nacht und Träume“ interpretiert.

Und der in den Höhen betörend sphärisch nach Jimmy Somerville klingt. Definitiv ist der gebürtige Brite ein Highlight des Ganzen. „Alle tun so, als würden sie etwas tun, aber sie tun es nicht“, ist der Fazitsatz der Uraufführung. Für die Gruber auch diesmal minimalistische Bewegungschoreographien erdacht hat, angedeutete Tanzschritte, unterstützt durch ein Spiel mit Autoreifen, das die insistierende Wiederholung von Phrasen und Behauptungen begleitet. „Wie geht es weiter“ ist nach den Worten Martin Grubers „der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren“. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at fordert er den „Mut, ein Drittes zu denken“: „Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen“ (das ganze Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30322).

Reifenchoreografie mit Noisettegeschmack: Thomas Kolle, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Maria Fliri, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

In diese Atmosphäre versetzt Gruber mit der eindrücklichsten Szene des Abends, Stichwort: heißes Eisen Immobilienmarkt. Während also Maria Fliri als Hausbesitzerin über das Unbill eines solchen jammert, ihr Scheitern an unbeschädigt weißen Sockelleisten eine einzige linksliberale Wohlstandsverirrung, versucht Benjamin Vanyek seiner Delogierung dadurch zu entrinnen, dass er ihr den Mietvertrag für eine ihrer leerstehenden Wohnungen abschwatzt. Vergebens.

Da wandelt sich der Akteur in einer Erinnerungssequenz in seine Mutter und anverwandelt sich deren breites Wienerisch. Auch sie war in der Situation, und es folgt ein Wutausbruch auf dem Wohnungsamt: „Waun Sie mi mit meine vier Kinda aussehaun, daun …“ Übers eigene Prosperitätstrauma und das „Wie geht es weiter“ lässt sich hernach bei einem Glas Wein trefflich philosophieren. Im Sinne von: sich mit Gott und der Welt, aber nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Weil sich die Bilder gleichen.

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 6. 2019

Burgtheater: Martin Kušej präsentiert seinen Spielplan

Juni 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen

Der neue Burgtheaterdirektor Martin Kušej im Bühnenbild der Eröffnungspremiere von „Die Bakchen“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Vorsicht ist geboten, verlangt Martin Kušej doch künftig von jedem, der einfach nur „Burg“ sagt und aufs „-theater“ verzichtet, 10 Euro. Erfrischend, dass gleich einmal eine seiner Mitarbeiterinnen das diesbezügliche Sparschwein wegen eines Verplapperers füttern wird, hocherfreulich, dass sich der designierte Burgtheaterdirektor heute Vormittag mit seiner Dramaturgie umgab, um gemeinsam seinen ersten Spielplan am Haus vorzustellen.

Nichts weniger als eine Frischzellenkur für die heiligen Hallen verspricht der neue Hausherr, der drei Säulen für die Zukunft vorstellt: Vielsprachigkeit, den Dialog mit der nächsten Generation von Theaterbesuchern und die Auseinandersetzung mit der digitalisierten Gesellschaft. Was, so Kušej, ihm gleichbedeutend sei mit einer Rückbesinnung auf den Schauspieler als Wesen aus Fleisch und Blut. Er wolle, sagt er, „markante Geschichten mit starken Darstellern erzählen und Wien zum Brennglas für Europa machen“. Um das zu gewährleisten, wurden nicht nur Regisseurinnen und Regisseure aus 13 Ländern und die meisten zum ersten Mal nach Wien eingeladen, spannende Namen, die sich mit dem politischen Klima in Osteuropa beschäftigen oder einen Island-Schwerpunkt gestalten werden, sondern auch das Schauspielpersonal aufgestockt.

Elma Stefanía Ágústsdóttir kommt aus Island, Itay Tiran aus Israel, Annamária Láng, dem österreichischen Publikum bereits bestens bekannt (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=20141) aus Ungarn. Wie schon verlautbart, übersiedelt Florian Teichtmeister von der Josefstadt auf die andere Seite des Rings, ebenso Rainer Galke vom Volkstheater. Till Firit kehrt nach Hause zurück, wie auch Birgit Minichmayr und Tobias Moretti. Aus München nimmt Kušej Bibiana Beglau, Norman Hacker, Franz Pätzold und Johannes Zirner mit. „Wir finden ganz Europa, mehr sogar, mindestens die halbe Welt, in Wien – wir wollen das Haus noch mehr öffnen, als es bisher der Fall war – das Burgtheater soll ein Ort sein, an dem sich alle Wienerinnen und Wiener und die, die es im Begriff sind gerade zu werden, wiederfinden sollen. Das Burgtheater wird ein Raum der Extreme sein – extrem kontrovers, extrem vielgestaltig, extrem dringend, extrem zeitgenössisch, extrem laut, extrem leise, extrem österreichisch, extrem international. In diesen Raum sind alle in dieser Gesellschaft eingeladen“, so Martin Kušej.

Der nebenbei verrät, dass das Ensemble der Eröffnungspremiere am Akademietheater, Wajdi Mouawads Vögel am 13. September, bereits eifrig hebräisch und arabisch lernt. Los geht es aber tags zuvor am Burgtheater mit Die Bakchen in der Regie von Ulrich Rasche, am 14. September folgt eine Kušej-Übernahme vom Residenztheater, Wer hat Angst vor Virginia Woolf, und noch drei weitere Premieren werden von dort übernommen: Faust am 27. September, Don Karlos im Oktober, Der nackte Wahnsinn im Dezember und auch als Silvestervorstellung. Neu inszenieren wird Kušej für den November Die Hermansschlacht, diese in Wien naturgemäß von Claus Peymann besetzt, weshalb Kušej zugibt, „lange Zeit gedacht zu haben, der Kleist-Stoff ist nix für mich, aber wenn man ihn ganz anders liest, passt er hervorragend in die heutige europäisch-politische Zeit.“ Das Bühnenbild wird Martin Zehetgruber besorgen.

Großer Medienrummel bei der Spielplanpräsentation auf der Burgtheaterbühne. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Kušej bringt vier seiner Arbeiten aus München mit und inszeniert neu „Die Hermannsschlacht“. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Weitere Highlights: Anne Lenk zeigt Sally Potters The Party (21. September, Burgtheater), Gesine Danckwart und Caroline Peters mit Theblondproject im Oktober im Kasino eine Produktion über die Lust und den Frust blond zu sein. Kušej setzt also auf Frauenpower, holt auch Ene Liis Semper und Tiit Ojasoo für Meister und Margarita, Mateja Koležnik für Maria Lazars Der Henker, Anne-Cécile Vandalem mit ihrem Stück Tristesses und Starregisseurin Katie Mitchell für 2020 oder Das Ende – dies die nächstjährige Koproduktion mit den Wiener Festwochen. Auch gute alte Bekannte sind Teil von Kušejs Burgtheaterauftakt: Kornél Mundruczó zeigt mit Kata Wéber im November eine Tosca nach Victorien Sardou, Simon Stone Die Letzten nach Maxim Gorki, der kroatische Aufregerregisseur Oliver Frljič Heiner Müllers Die Hamletmaschine, Sebastian Nübling This Is Venice nach Shakespeares „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ und Nikolaus Habjan mit seinen Klappmaulpuppen Ladislav Fuks‘ von Franzobel für die Bühne bearbeitete Erzählung Der Leichenverbrenner.

Der designierte neue Volkstheaterdirektor Kay Voges stellt sich mit der Endzeitoper von Paul Wallfisch Dies Irae – Tag des Zorns vor

(mehr zur Person: www.mottingers-meinung.at/?p=33586). Der isländische Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson wird seine wuchtige Edda aus Hannover in Wien zeigen und sich erneut dem Peer Gynt widmen. Ben Kidd und Bush Moukarzel von der irischen Theatertruppe Dead Centre beschäftigen sich mit Sigmund Freuds Traumdeutung. Fürs Vestibül schreibt Roland Schimmelpfennig Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin. Womit die Rede auf die jüngsten Theatergeher kommt, die künftig vom Burgtheaterstudio im Vestibül bedient werden, mit den neuen Kooperationspartnern Gleis 21 und der Brunnenpassage verstärkt aber auch in der ganzen Stadt. Das Kasino wiederum wird zum Ort der Auseinandersetzung und der Diskussion. Unter den Extras Apropos Gegenwart mit Isolde Charim und Sasha Marianna Salzmann, Der Kollektivsalon von Nazis & Goldmund oder der von Oliver Frljić und Srećko Horvat kuratierten Reihe Europamaschine findet sich ein besonderes Schmankerl: Lojze Wieser wird bei Culinaire L’Evrope für kulinarische Überraschungen mit passender Wein- und Geistbegleitung sorgen.

Befragt nach weiteren multikulturellen, mehrsprachigen Plänen wird Kušej zum Schluss noch einmal konkret: „Ich bin im Gespräch mit John Malkovich und könnte mir vorstellen, dass er am Burgtheater einen Schnitzler spielt.“

neu.burgtheater.at

  1. 6. 2019

Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

www.volksoper.at

  1. 6. 2019

Wiener Festwochen: Deponie Highfield

Mai 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Pferde sind jedenfalls gesattelt

Ich will ’nen Cowboy als Mann: Martin Wuttke und Caroline Peters. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Prächtig, was einem an einem solchen Abend alles durch den Kopf gehen kann. Vom Richard-Ruf „Mein Königreich für …“ bis zum Komparsen-Satz vom Gesattelt-Sein, vom Hoppe-Hoppe-Kinderreim bis zum Kneipenwitz übers Pferd in der Bar. Für die Wiener Festwochen stellt nun René Pollesch sieben Lipizzaner auf die Bühne des Akademietheaters. Genauer gesagt, hat das Bühnenbildnerin Katrin Brack für dessen Uraufführung von „Deponie Highfield“ besorgt.

Die Weide rundum ist grün, auf der die edlen, beinah lebensechten Rösser sogar per ihren Ohren kommunizieren, mit dem Schweif schlagen und aus den Nüstern rauchen können. Was mutmaßlich Martin Wuttke die restlichen 100 Minuten dazu führt, sich vorrangig zu fragen, ob er sich auf dem Rücken seines Reittiers wohl eine anzünden dürfe. Tatsächlich wird’s aber Irina Sulaver sein, die als erste zur Zigarette greift. Und so galoppiert der Schauwert auf und davon, während man doch versucht ist, ein Inhaltliches zu erfassen. Im Ankündigungstext der Produktion raunt’s von einer Politik des Optischen, „die die Dinge in das Dunkle zieht, raus aus der Erhellung, in die Nicht-Transparenz“, und weiter: „Auf einer besseren Darstellung der Welt müsste man beharren, einer zuverlässigen und durchsetzbaren, die sich nicht in der Suche nach Repräsentation erschöpft.“

Da kommt einem natürlich Lipica-Ibiza in den Sinn, aber nein, das wäre in nur einer Woche nicht zu schaffen gewesen, obwohl Caroline Peters mal erzählte, Pollesch schreibe über Nacht auch gern Dutzend Seiten neu, und außerdem legt er mit Donna-Haraway-Querverweisen eine andere Fährte aus, ist die US-Universitätsprofessorin doch für ihre postmodern sozialistisch-feministischen Denkanstöße bekannt. Auftritt also „Die fünf Vogelfreien“ Kathrin Angerer, Birgit Minichmayr, Caroline Peters, Irina Sulaver und Martin Wuttke. Sie reiten, was das Zaumzeug hält, nur gibt’s weder Weg noch Ausweg noch Wegkommen. Und schon gar keinen Sonnenuntergang, in den hinein … „Ja, verdammt. Wie bleibt man zusammen? Es hatte so schön angefangen. Man beginnt zusammen und dann – ist es weg“, lamentiert Angerer, hängt mit einem Stiefel im Steigbügel und schleift mit dem Körper auf dem Boden.

Ich möcht‘ so gerne mal nach Nashville: Birgit Minichmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mamatschi, schenk‘ mir ein Pferdchen: Irina Sulaver. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein sich’rer Colt ist so gut wie Gold, Bonanza: Kathrin Angerer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Verhandelt wird, zumindest so ungefähr, warum Liebe niemals hält, die Erinnerung an einen gelungenen Theatermoment hingegen schon, dazu Kluggeschwätzes vom marxistischen Philosophen Alain Badiou, der Mensch muss sich positiv definieren, vom Guten und der Fähigkeit zum Guten muss das Böse abgeleitet werden, nicht umgekehrt, und vom Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan, der über „Das Reale, das Symbolische und das Imaginäre“ arbeitete. Und wie Pollesch derart den Gedanken wieder einmal die Zügel schießen lässt, sagt jemand: „Man steht irgendwo rum und hat kein Problem gelöst. So ist es eigentlich immer.“

Ansonsten wird viel herumgeschnauzt und mit den Colts gefuchtelt. „Ich bin Pferd mit Reiter, das ist doch ganz klar zu sehen“, antwortet Minichmayr nach ihrer Rolle gefragt pampig. Irgendwann kotzt ein Schimmel, zwei Mal gibt es Schusswechsel, und die Darstellerinnen wechseln von Tabea Brauns Cowgirl-Kluft in weiße Kleidchen, alldieweil Wuttke wie der verloren geglaubte Sohn der Katie Elder o-beinig durchs Geschehen geht. Kurz geht es noch um, siehe Repräsentation, Schein und Sein, Sinn und Unsinn, um eine Art Darstellung, die das Darzustellende überdeckt.

Um Kommunikation, die nur noch im Angesicht einer gezogenen Waffe klappt. Was einen dann doch wieder aufs magische Dreieck Spanische Hofreitschule – Bundeskanzleramt – Burgtheater zurückwirft. Am Ende, zum langen und lauten Applaus der Fans, heißt es: „Fick Dich. Gute Nacht!“ Ein Schelm, wer Pollesch dabei denkt.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

25. 5. 2019

TheaterArche – Aggregat Valudskis: Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald

Mai 14, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pistolen auf Fliegen schießen

Der Bär: Martin Bermoser als Smírnow, Markus Kofler als greiser Diener Luká und Sonja Romei als Gutsbesitzerswitwe Jeléna Popówa. Bild: © Daniel Wolf

Čechov-Kenner Arturas Valudskis beglückt das Wiener Publikum nach seiner bejubelten „Kirschgarten“-Interpretation im TAG mit einer neuen Produktion aus Werken des russischen Literaturtitanen. „Liebirien oder Eine fremde Seele, das ist ein dichter Wald“ nennt sich der Abend, den der litauische Theatermacher mit seinem Aggregat Valudskis in der TheaterArche zeigt – und schon in diesem Titel klingt die Liebe an.

Ebenso, wie der Versuch, ob ihrer der Einsamkeit zu entrinnen, einem selbstgewählten Seelensibirien, und so lange ist der in der Sowjetunion politisch verfolgt gewesene Regisseur schon in Österreich, dass er selbstverständlich Vornamensvetter Schnitzler parat hat. Auch die Taiga ist ein weites Land …

Es geht also um Herzensangelegenheiten und darum, wie leicht ein solches sich erwärmen und aufblühen oder beschädigt und gebrochen werden kann. Bei seiner hochpoetischen Überprüfung der menschlichsten aller menschlichen Regungen führt Valudskis die Zuschauer von himmelhoch jauchzend zu im Wortsinn zu Tode betrübt. Er entführt in die Welt der Čechov’schen Gutsbesitzer, verknüpft deren aus Untätigkeit entstandene Unlust am Leben mit einer Satire über Standesdünkel, lässt dessen Untergangsgesellschaft aushalten, hoffen und vor allem harren. Jede Geste, jedes Gefühl, jedes scheiternde Gespräch dabei in Valudskis‘ spezieller Weise, eine Bühne zu bespielen, pointiert auf den Punkt gebracht. Und ohne auf Pointen zu vergessen.

Die letzte Mohikanerin: Martin Bermoser als Dokukin, Markus Kofler als Dossifej und Sonja Romei als Olimpiada. Bild: © Aggregat Valudskis

Der Heiratsantrag: Sonja Romei als Natalja, Martin Bermoser als Gutsherr Tschubukow und Markus Kofler als Lomow. Bild: © Aggregat Valudskis

Mit seinen Schauspielern Sonja Romei, Markus Kofler und Martin Bermoser macht Valudskis das, was Čechov sein unter Tränen Lachen nannte, zum ungetrübten Tränenlachen. Dies zumindest für Zeitgenossen, die sich auf ein sarkastisches Augenzwinkern verstehen. Für „Liebirien“ hat sich das Aggregat die Einakter „Der Heiratsantrag“ und „Der Bär“ und die Kurzgeschichten „Die letzte Mohikanerin“ und „Der Familienvater“ hergenommen, hat daraus Schlüsselszenen auf die Essenz reduziert. Der Nachbar, der bei der Gutsbesitzerswitwe die Schulden vom verstorbenen Mann eintreiben will, und sich in einem Duell wiederfindet.

Der Junggeselle, der wegen eines Streits um den besseren Jagdhund sein Herz nicht verschenkt, sondern einem Herzinfarkt erliegt. Die kratzbürstige Hausherrin, die vom Gatten gerade darum geliebt wird. Ein Suppenvorfall, der in Heulen und Zähneknirschen endet. Nicht jede Miniatur schließt gemäß dem Erfinder mit einem sich glücklich in die Arme fallen, mit Hintersinn nimmt Valudskis nämlich die Überhitzung, die Exaltiertheit der Čechov’schen Charaktere aufs Korn, und lässt sie, im Sinne der Kanonen und der Spatzen, mit Pistolen auf Fliegen schießen. Markus Kofler richtet in der Art jede Menge Kollateralschäden an. Er ist diesmal für die verhuschten, scheuen, vorsichtigen Figuren zuständig.

Den greisen Diener Luká, den dauergescholtenen Dossifej, den auf seinen Freiersfüßen zusammenbrechenden Lomow. Und wie er das macht, wie er Valudskis‘ schwarzes Theater, „Armes Theater“, mit seiner Körperpräsenz erfühlt und erfüllt, ist ganz große Klasse. Er schwankt in Gesten der Hilflosigkeit, ringt mit einer entgleisenden Mimik, das Reißen von Papier, der Stift auf einem Blatt, versetzen ihn in Zuckungen, Tischbeine können gar nicht anders, als ihn mit sich ziehen – aber ein Augenrollen hinter der Nickelbrille und alles ist wieder im Lot. Mit weiß geschminkten Gesichtern deutet das Aggregat Valudskis immer auch das Clowneske seiner Arbeiten an. Die vier Hintergrundtüren in der TheaterArche eignen sich darüber hinaus hervorragend für ein russisches Klipp-Klapp.

Der Bär: Jeléna Popówa will mit allen Mitteln ein Bildnis ihres verstorbenen Mannes sehen: Martin Bermoser, Markus Kofler und Sonja Romei. Bild: © Daniel Wolf

Martin Bermoser ist als Schuldeneintreiber Smírnow zwar ein grobschlächtiger Kerl, doch wohl noch nie hat einer stoischer an „Wadenkrämpfen vor Wut“ gelitten. Als Vater der angedachten Braut, Tschubukow, stellt er sehr schön dessen selbstgefällige Art zur Schau, wenn seinen Segen und Champagner auch angesichts des bereits Hingestreckten kredenzt. Dass die Frau im Inneren ein Krokodil ist, so Čechovs Kosenamen für Olga Knipper, präsentiert Sonja Romei überaus pikant.

Wie ihre Rollen, die Jeléna Popowa, die Olimpiada Jegorowna Chlykina, die Natalja Tschubukowa zusehends aus der Rolle fallen, vom vornehmen Madämchen zur zänkischen Xanthippe werden, ist zu komisch. Vieler Worte bedürfen die drei Darsteller bei all diesen Irrungen und Wirrungen nicht, Valudskis filtert auch aus der Sprache das Wesentliche. Macht sein Stück zur Filigranarbeit, die Figuren feingezeichnet, selbst ihr Schweigen greifbar.

Derart entsteht das magischste, das letzte Dramolett: Aus „Der Familienvater“ hat Valudskis lediglich den Abschnitt entliehen, in dem eben jener Stepan Stepanytsch Shilin die Qualität der Suppe bemängelt. Was die Hausfrau verschüchtert und das Söhnchen zum Weinen bringt. Bermoser als Shilin, Romei und Kofler spielen das als Knietheater, wie Kinntheater, nur eben mit nackter Kniescheibe statt Unterkiefer, das Hemd oder den Rock um diese gebunden. Klar, dass sich die Gelenke Grausamstes antun, bis eines in der Schüssel ertränkt wird. Großer Beifall für diese außergewöhnliche Aufführung, in der überbordende Fantasie und künstlerisches Vermögen alles sind. Nur 70 Minuten dauert dieses Kleinod, und das ist, war sich das Publikum nach der Premiere einig, zu kurz.

Video: www.youtube.com/watch?v=IQ4vDIybTUQ&t=278s

www.facebook.com/Aggregat-Valudskis-1646800055587123           www.theaterarche.at

TIPP: Ab 24. Mai gibt es im TAG wieder Vorstellungen von Arturas Valudskis‘ gefeierter Produktion „Kirschgarten. Eine Komödie ohne Bäume“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31734)

  1. 5. 2019