aktionstheater ensemble im Werk X: Die große Show

Januar 12, 2022 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geburtstagsparty mit Generationenkonflikt

Festredner Elias Hirschl, Michaela Bilgeri und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Ach, was hat man mit dem aktionstheater ensemble nicht schon alles erlebt. Man hat gemeinsam die „Die gelähmte Zivilgesellschaft“ untersucht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33672) oder „6 Frauen 6 Männer“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31384), hat geschworen „Ich glaube“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44760) und beschworen „Heile mich“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39260).

Nun aber ist’s Zeit für eine Party, eine Geburtstagsfeier um genau zu sein, denn Susanne, æ-Urgestein und bewundertes Vorbild ihrer Theaterfamilie, begeht ihren 60er. Wer wüsste da besser als Busenfreundin Michaela, was die Kollegin sich wünscht: Einmal alleine im Rampenlicht stehen, es einmal so richtig krachen lassen, mit einem Wort: „Die große Show“, so der Titel der Uraufführung, die gestern im Werk X Premiere hatte.

Da tritt die schöne, junge Schauspielerin zugunsten der Alten gerne einen Schritt zur Seite, sagt sie, gilt es doch zu würdigen, dass diese in fortgeschrittenem Lebensstadium „noch sooo da oben stehen kann“.

Die liebe Michaela, sie geizt nicht mit fragwürdigen Komplimenten, Susannes Jubeljahr ist halt eines der Bejahrtheit, da muss man sich keine Illusionen machen, da gibt es nix herunterzuspielen – und so spielen sie, die beiden Performerinnen, wie stets. Auf Teufel komm raus. „Die große Show“ must go on.

„Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen“ wurde das aktionstheater ensemble an dieser Stelle schon genannt, und auch diesmal ist der Text aus den Erfahrungen und Erlebnissen des Ensembles entstanden, zu einer Inszenierung zusammengefasst von den æ-Masterminds Regisseur Martin Gruber und Dramaturg Martin Ojster. Genüsslich wird die Gala-Sucht der Kulturgesellschaft aufs Korn genommen, deren Hunger danach, sich hochleben zu lassen.

Dazu windet das Team business as aktionstheater-mäßig rasant mäandernde Assoziationsketten, ein skurriler Diskurs vom Politischen ins Private und retour mit lakonisch abstürzenden Pointen. Ziegen für Afrika treffen auf Windräder als Gesamtkunstwerk, die Mülltrennung versinkt im Bühnennebel.

Michaela Bilgeri, Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Pete Simpson und Susanne Brandt. Bild: © Gerhard Breitwieser

Susanne Brandt, Michaela Bilgeri und Zauberkünstler Raphael Macho. Bild: © Gerhard Breitwieser

Oh Schreck, der Zipp geht nicht zu: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die Prosecco-Schlacht beginnt: Susanne Brandt und Michaela Bilgeri. Bild: © Gerhard Breitwieser

Eine Gratwanderung zwischen Innenschau und Entäußerung ist das, die freilich nicht vonstattengehen kann, ohne dass das aktionstheater ensemble seine liebsten Themen durchdekliniert: Schein und Sein, Ego-Trips (in diesem Fall mit dem Flugzeug höchst klimaschädlich nach Griechenland), Ich-Bezogenheit. Letztere die Schwäche der Michaela, die sich naturgemäß nicht aus ihrer Showtime verdrängen lässt, sondern sich permanent penetrant in den Vordergrund stellt, alldieweil Susanne sich ein „Piccolöchen“ nach dem anderen gönnt.

Immerhin ist die oftmals Jammer-Suse darob beschwingt, „jetzt geht’s mir gut, jetzt geht’s mir wieder besser“, ist ihr Mantra nach jedem Glas, und Michaela Bilgeri und Susanne Brandt agieren im Wiegeschritt – aktionstheater ist auch Körpertheater – gewohnt glänzend und überzuckert wie eine Geburtstagstorte, wobei – apropos: Glanz und Glamour – Bilgeri nicht weniger als sieben opulente Abendkleider präsentiert; die Brandt schafft’s nur auf drei.

Welch ein Spaß! Das Publikum in Meidling kommt aus dem Lachen gar nicht mehr raus. Ein Meisterinnenstück der Bilgeri, wenn Michaela mit dem Nibelungenlied nervt, hibbelig-hektisch, auf dass nur ja nichts schiefgehen möge, gleichzeitig bemüht, dass ihr jovial-berufsjugendlicher Firnis nicht blättert, während sie von ihren Party-Mottos Altruismus und Humanismus schwadroniert. Credo: „Ich kann etwas bewirken, weil ich so jung und schön bin.“ Dabei hatte sich Susanne nur „40 bis 50 nackte Männer“, Flamencomusik und Alkohol erbeten – auch so ein Thema: Geschenke oder Spendenaufruf auf Facebook?

Michaela versucht es diesbezüglich mit Name dropping: „Wie heißt der? Na, wie? Der ist ja auch schon gestorben …“ Autsch, die Spitze sticht. Zum Wortgefecht musizieren Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Kristian Musser und Pete Simpson, der Sänger mit der Engelsstimme. Raphael Macho tritt auf als Taschenspieler und ist als somnambuler Magier grandios, vor allem beherrscht er den „Flaschentrick“, heißt: von allen möglichen und unmöglichen Orten Nachschub für Susanne herbeizuzaubern.

Benjamin Vanyek singt Brel. Bild: © Gerhard Breitwieser

Die wird von Stifterl zu Stifterl interessierter, schüttelt alsbald ihr „funktionierendes moralisches Rüstzeug“ und ihr „christlich-soziales Weltbild“ ab, um dem Macho zu zeigen, wie handfester Feminismus (Popozwicker!) funktioniert. Der Generation Gap ist eine Schlucht mit zwei Ufern, die in die Pension palaverte Susanne macht sich durchaus Sorgen. Um die Jugend: „Hoffnungslos“.

Nach klassischem Showablauf folgen Stargäste: Festredner Elias Hirschl, Autor der Sebastian-Kurz-Groteske „Salonfähig“ (zu deren slimfittem Protagonisten ihn Martin Gruber und Martin Ojster inspirierten), hält im Glitzerkleidchen eine so fulminante wie absurde Fürbitte aufs Blutspenden, „das ist das mindeste, das wir tun können gegen die Spaltung in der Gesellschaft“, weil doch dieser heilige Saft „in unser aller Adern fließt“, der ganze Vortrag eine perfide Art faschistische Gewaltfantasien mit einer erdrückenden Umarmung zu ersticken. Im Predigtton hofft er, sein Blut (samt Antikörpern) möge für einen Neo-Nazi vergossen werden.

Knirps Fridolin gibt mit einem Gedicht Auskunft über die Beschaffenheit lauter und leiser Fürze. Und zum Ende singt Benjamin Vanyek im Rüschenornat „Die Chancenlosen“ von Jaques Brel, Minuten des Gedenkens an „alle jene, die es vielleicht nicht geschafft haben“, die unter die Haut gehen. Bis dahin jedoch eskaliert die Situation unter den Damen nach einer verunglückten Selfie-Diashow, ein „Leck mich!“ und „Blöde Kuh!“ perlt nun über die Lippen wie der Prosecco. Jetzt wird gekleckert, nicht geklotzt – und gekotzt. Bei einem Flaschenduell fließt Blut. Sage keiner, er wäre noch nie auf einer solchen Party gewesen.

Zugegeben, es gibt vom aktionstheater ensemble stringentere, in jeder Hinsicht durchchoreografiertere Arbeiten. Diesmal wollte man sich einen Jux machen und der gelingt mit schauspielerisch-virtuosem Klamauk. Vielleicht ist „Die große Show“ ja auch ein wenig als Satire auf die Martin-Gruber-Truppe selbst zu lesen. Susanne jedenfalls schließt mit egozentrischem Schlachtruf: „Geht’s mir gut, geht’s allen gut!“ Darauf Jubel und Applaus.

Zu sehen bis 15. Jänner.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=lpoRVTzLamI          aktionstheater.at          werk-x.at

TIPP: Am 18. Jänner um 20 Uhr im Werk X-Petersplatz: Benjamin Vanyek singt Jacques Brel (Video „Der Gasmann“: www.youtube.com/watch?v=Czqf9I8rEpQ)

  1. 1. 2022

Martin Wuttke spielt am Wiener Volkstheater

November 3, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wird Teil von Jonathan Meeses L.O.L.I.T.A.-Inszenierung

KAMPF-L.O.L.I.T.A. von Jonathan Meese: Jonathan Meese und Lilith Stangenberg Bild: © Photography JanBauer.net / Courtesy JonathanMeese.com

Am 4. November feiert Jonathan Meeses „KAMPF-L.O.L.I.T.A. (EVOLUTION IST CHEF) oder L.O.L.I.T.A. D.Z.I.O. (ZARDOZ FLIEGT WIEDER!)“ Premiere im Volkstheater.

Das Volkstheater konnte Martin Wuttke für die Inszenierung gewinnen, der zunächst die Rolle von Bernhard Schütz übernehmen wird. Wuttke wird vorerst in der Premiere, sowie bei der Vorstellung am 2. Dezember zu sehen sein. Neben den Volkstheater-

Ensemblemitgliedern Anke Zillich und Uwe Schmieder sind als Gäste Lilith Stangenberg und Maximilian Brauer mit Jonathan Meese auf der Bühne zu sehen. Bernhard Schütz, der ebenfalls in der Original-Besetzung zu sehen war und oft mit dem Maler zusammenarbeitet, wird bei späteren Vorstellungen ebenfalls wieder auf der Bühne stehen. Die Performance hatte im Februar 2020 im Theater Dortmund Premiere und wurde für das Wiener Volkstheater von Jonathan Meese und dem Team erneuert – jede Abend ist neu, jede Vorstellung eine Uraufführung.

www.volkstheater.at

3. 11. 2021

Burgtheater: „Komplizen“ von Simon Stone

September 27, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wer im Glashaus sitzt …, oder: Das Warten auf die wahrhaft neue Volkspartei

Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Lilith Häßle und Roland Koch. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Es sind zwei Sätze, die Peter Simonischek als Matthias spricht, die die Klammer dieses Abends und damit die Rotationsachse der derzeitigen Geschehnisse bilden – der erste: „Ich habe nichts gegen Nächstenliebe, aber sie ist ein Privileg, dass diejenigen von uns, die sich nach oben gekämpft haben, denen gewähren, die unten geblieben sind“, der letzte: „Es ist alles aus, und wir sind selber schuld daran.“ Dazwischen entfaltet Regisseur Simon Stone ein in

doppeltem Sinne beziehungsreiches Gesellschaftspanorama, und setzt dafür seine Figuren einer künstlerisch-wissenschaftlichen Upperclass vs. der sogenannten wirtschaftlich Abgehängten in ein derart träges Karussell aus Räumen, dass man sich Fortschritt hier schier unmöglich denkt. Das heißt, Stones Figuren sind’s und sind doch geborgte, die gestern am Burgtheater als „Komplizen“ ihre Uraufführung hatten. Getreu Mark Twains „Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich“ hat der Australier mit europäischem Background, der 2018 am Haus für sein „Hotel Strindberg“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28131) gefeiert wurde und der statt Twain lieber Friedrich Nietzsches zentralen philosophischen Gedanken der Ewigen Wiederkunft des Gleichen zitiert, Maxim Gorkis Dramen „Kinder der Sonne“ und „Feinde“ in aktuellem Kontext neugeschrieben.

Das eine vom russischen Autor 1905 in der Peter-und-Paul-Festung verfasst, wo er wegen seines Aufrufs zum „brüderlichen Kampf gegen die Autokratie“ inhaftiert war, ein Stück über einen großbürgerlichen Intellektuellenkreis, der seinen Ennui und sein Unglück pflegt, während vor seinen Toren Cholera-Aufstände wüten. Das andere von einer Amerika-Reise im Jahr 1906 mitgebracht, Gorki von Lenin nach Übersee verfrachtet, um einer neuerlichen Gefangennahme zu entgehen und Propaganda für die kommunistische Sache zu machen, „Feinde“, in dem es zum in Gewalt eskalierenden Konflikt zwischen einem Fabrikbesitzer, dessen Direktor und den Arbeitern kommt.

Diesen „Komplizen“, und Stone meint damit wohl jene Kontrahenten, die ihr Klassendenken, ihr Klassenzwang in Tateinheit mit ihrer elitären Unbeweglichkeit und einem narzisstischen Kollektiv-Egoismus zu Systemerhaltern eines sozialpolitischen Stillstands macht, diesen Komplizen hat Bob Cousins eine Grinzinger Glasvilla auf die Bühne gestellt, Wohn- und Schlafzimmer, Küche und Bad voll funktionsfähig, und hebt sich der Vorhang, sieht man zuallererst das Personal die unzähligen Fensterscheiben putzen. Das modernistische Manor rotiert träge, alldieweil die Intelligenzija nicht minder behäbig um sich selbst kreist – wiewohl immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt wird, dass Behäbigkeit, schweizerisch für die Eigenschaft, wohlhabend zu sein, und Hysterie einander nicht ausschließen.

In diesem Glashaus, der Vergleich mit einem Museumsschaukasten drängt sich auf, sitzt nun Michael Maertens, vor fast 120 Jahren noch der Chemiker Protassow, anno 2021 schlicht Paul genannt, nach einem alkoholintensiven Abend und muss sich die kommenden vier verkaterten Stunden von Freud, Freund, Feind und Familie quälen lassen. Maertens legt das bei der Nobelpreis-Vergabe vergessene Genie mit der seiner Rollengestaltung eigenen Quengelei an, wie überhaupt das ganze Star-Ensemble perfekt einem beiläufigen, herrlich voneinander angeödetem Konversationston huldigt. Man hat sich Status und Lifestyle mit einer Selbstgewissheit angeeignet, mit einem Abgehoben-Sein, das sich durch Finanzstärke rechtfertigt.

Roland Koch und Mavie Hörbiger. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Birgit Minichmayr und Michael Maertens. Bild: © M. Ruiz Cruz

Rainer Galke und Michael Maertens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Lilith Häßle und Michael Maertens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Peter Simonischek gibt den leutseligen, mit einer Noblesse-oblige-Rücksichtslosigkeit gesegneten Fabriksbesitzer Matthias Prositsch, Pauls Onkel, Mavie Hörbiger Pauls revoltierende, NGO-engagierte, vom Depressiven ins Manische changierenden Schwester Lisa, von der sofort klar ist, dass sie emotional ebenso wenig stabil ist, wie die exaltiert und hypernervös agierende Birgit Minichmayr als in erster Linie autokommunikative Anwältin Melanie, ehemals Melanija Kirpitschowa, die den versponnenen Mikrokosmonauten Maertens stalkt.

Melanies Bruder, Felix Rech als Botho, ist vom Veterinär zu Lisas in sie verliebten Psychotherapeuten geworden. Pauls Frau Tanya, Lilith Häßle, ist eine durchaus unliebenswerte, krisengebeutelt-egomanische (Burgtheater-)Schauspielerin, die Roland Koch, als Dietmar nicht mehr Maler, sondern Filmemacher und Fotograf, zu einem Porträt und einer Affäre überreden will – und sage nun keiner, Simon Stone könne es weniger delikat-diffizil als die russischen Literaten.

Auf der Gegenüberseite stehen: Der brillante Rainer Galke als Hausmeister Igor, ein Handwerker mit Golfhandicap und dem Hausherrn unentbehrlicher WLAN-Auskenner, Safira Robens als Reinigungsfrau Farida, Falk Rockstroh – wie von Gorki in die Gegenwart gezaubert – und Reinhardt-Seminarist Dalibor Nikolic als Fabriksarbeiter Jürgen und „Gastarbeiter“ Goran, und irgendwo dazwischen Annamária Láng als Pauls Haushälterin Anita sowie Bardo Böhlefeld als Matthias‘ Geschäftsführer Raschid nebst verteufelt schlauer Ehefrau und Bankangestellter Cleo, Stacyian Jackson – diese beiden der Mittelstand zwischen den Standesdünkeln von Arm und Reich, und wenn man so will, bei Simon Stone am Ende die Gewinner.

In der Übersetzung von Martin Thomas Pesl wird’s einem mit trocken-zynischem Humor so richtig reingesagt. Die schwelenden Konflikte in den Dioramen sprengen bald den Rahmen, ein Durchräuspern des Textes, ein gelegentliches Husten, die Erwähnung von Quarantäne und PCR-Tests, weisen auf die aktuelle Infektionsgefahr hin, auch wenn die Nachrichten von draußen, übervolle Intensivstationen und bald brennende Autos, der Arbeitsk(r)ampf und die sozialen Verwerfungen dieser Tage die Scheibenwelt nur glasig gefiltert durchdringen. Doch die umstürzlerische Durchseuchung macht auch vor tollem Design nicht halt, wie sich alsbald erkennen lässt, Geschäftsführer Raschid, ganz Typ Slim Fit, will die Fabrik wegen Streikandrohung der Gewerkschaft – es geht um Maskenpausen für die Belegschaft – schließen. Was ihn, wie den erschossenen Michail Skrobotow, beinah das Leben kosten wird.

Peter Simonischek und Stacyian Jackson. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Mavie Hörbiger mitten im Nerven- zusammenbruch. Bild: © M. Ruiz Cruz

Peter Simonischek, Bardo Böhlefeld und Stacyian Jackson. Bild: © M. Ruiz Cruz

Beide von Gorkis Vorlagen wurden von der zaristischen Zensur mit einem Bühnenbann belegt, zu regional beschränkt glaubte man die ersten Erschütterungen, die ein Jahrzehnt später zur Oktoberrevolution führen sollten. Ähnliches ortet und verortet Stone in seinem Gegenwartsdrama, und dieser Gedankengang lässt doch gehörig Gänsehaut aufkommen – das dumpfe Gefühl einiger, Manövriermasse der obszönen Geliebten Politik und Wirtschaft zu sein, das Rumoren im Souterrain bei gleichzeitigem Champagnisieren einer Jeunesse dorée in der Beletage, Turbokapitalismus, während der ehrenwerte Proletarier, die Proletarierin zum Prekariat degradiert wurde. Stone nimmt diese Zustände um nichts weniger ernst als weiland Gorki.

Und er nimmt, zwischen gutmenschlichem Gedankengut bei schleunigstem Rückzug in die bourgeoise Deckung, sobald es ans Eingemachte geht, dies vor allem Lisas von Mavie Hörbiger glänzend fahrig verkörperte Charakterisierung, auch die eigene Zunft aufs Korn. In Lilith Häßle als Tanya mit der Künstlerseele, die in ihrem Nichtwissen(-wollen), durch ihre Realitätsflucht vor allem Ruhe fürs Rollenstudium will. Härtester Spruch, als sie Igor-Galke ins Krankenhaus zu dessen an COV19-verstorbener Ehefrau fährt und sie seinen Schmerz mitansieht: „Merk dir das Tanya für die Bühne, das ist echter Verlust!“ In Roland Kochs Dietmar, dem Salonsozialisten, der sich auf seiner Suche nach Authentizität selbst links von Ken Loach wähnt, während er doch nur ein von der Sozialfotografie in die Konventionen der Kulturschickeria aufgestiegener Auswegloser im Maßanzug ist.

Versteht sich, dass Stone, alldieweil er Innerstes offenlegt, auch Situationskomik kann. „Komplizen“ vergeht wie im Flug, nur zum Ende hin bei den Erklärungsmonologen könnte man die Schraube ein wenig anziehen, und apropos, Authentizität: Auf die verstehen sich vor allem die „Unterschicht“-Darstellerinnen und Darsteller, der grundaggressive Galke, ein zwielichtiger Geselle, der, was Farida betrifft, am Rande von #MeToo balanciert, was aber Paul angesichts seiner Internet-Qualitäten ohnedies wurscht ist, bis er sich in einer ergreifenden Schlussszene bei seinem Opfer entschuldigt. Der wie fürs Burgtheater gemachte Dalibor Nikolic, dessen Goran – siehe Raschid – Täter und Opfer zugleich ist. Falk Rockstroh als brav-ergebener Vorarbeiter Jürgen, den seine lebenslange Nähe zum Establishment lähmt.

Schließlich Annamária Láng als dienstbarer, guter Geist Anita, bis ihr im Selbstmitleidssumpf ihrer ignoranten Arbeitgeber deren Dreck bis hier steht. Mit der aus Ungarn kommenden Schauspielerin und dem serbischen Nikolic greift Simon Stone auch Themen wie – welch ein Unwort – „Migrationshintergrund“ und Multikulturalität auf. Einer wie Theatermacher Stone, weiß auch jeder und jedem in seinem Cast eine Sternstunde zu verschaffen, was diese mit scharfkantiger Rollengestaltung weidlich zu nutzen wissen, mit bravourösen Auftritten und grandios aufgeblähten Ansagen, die die Versagensangst und das schlussendliche Versagen der Figuren gar nicht verschleiern wollen, sondern als eine Art „C’est la vie!“ ausstellen, dann wieder mit leisen Augenblicken des Zweifels und der Verzweiflung – Felix Rechs Botho, der die selbstmörderische Konsequenz zieht und sich – Tschepurnoi hatte sich einst an einer Weide am Fluss erhängt – statt zwischen die sich verhärtenden Fronten vor die Wiener U-Bahn wirft.

Bardo Böhlefeld und Safira Robens. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Felix Rech und Mavie Hörbiger. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Michael Maertens und Annamária Láng. Bild: © M. Ruiz Cruz

Rainer Galke, Falk Rockstroh und Dalibor Nikolic. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Es wird der Moment dräuen, da die aufgebrachte, aufgestachelte Masse an die Glasfassade ein „Fickt euch alle!“ sprayen wird, wer sich erinnert, denn damals sorgte dies für öffentliche Debatten, bei Achim Benning 1988 zog die Arbeiterschaft mit wehenden roten Fahnen an der demolierten Datscha vorbei, und es ist als größtes Kompliment an Simon Stones „Komplizen“ gemeint, dass dies eigenständige Stück Dramatik, so nah es auch der Gorki-Dramaturgie ist, auch versteht, wer den Gorki nicht studiert hat.

Es kommt – Achtung: Spoiler! – zum großen Aufräumen. Nicht nur der Glasscherben, sondern auch der Gesellschaftssplitter. Der wiederauferstandene, zumindest im Rollstuhl sitzende Raschid hat sich via Wertpapiere zum Mehrheitseigentümer von Matthias‘ Fabrik gemacht, der Spross eingewanderter Gemüsehändler als Big Boss im Eingelegte-Gurkerl-Business, und man sieht die Kündigungswelle schon anrollen, Cleo sich der Paul’schen Hypotheken bemächtigt, was diesen um Haus und Hof bringt. Die neoliberale Ausbeuterin mit dem königlichen Namen hat schon Pläne für Tennisplatz und Swimmingpool, der Mittelstand steigt auf und entpuppt sich als Neureiche als noch gnadenloser als der alte, sich noch vom Gemeindebau ins Villenparadies hochgearbeitet habende Geldadel. Welch ein Symbolbild.

Und zwischen denen, die ihren Kummer über den „toten Traum“ (© Matthias-Simonischek) im Wein ertränken, den „vertrottelten Spielen von Stolz und Vorurteil“, dem Nachsinnen über „Besitz als neue Waffe der Unterdrückung“, den Wohlstandsverlierern da wie dort, den Generationen- und Familienkonflikten, den Betroffenen und den Performern von Betroffenheit, Anitas Zornesausbruch und dem endgültigen Irre-Werden von Lisa und Melanie ob Bothos Suizid, Wissenschaftler Paul-Maertens‘ Furor und Revolutionsästhet Dietmar-Kochs Resignation, alle entfremdet oder: jeder überlebt für sich allein, steigt ein Phönix aus den Trümmern. Safira Robens als Unterste-der-Unteren-, wie’s auf Wienerisch heißt: -Bedienerin, die ihre Zulassung zum Medizinstudium geschafft hat.

Was bleibt zu sagen? Am Premierenabend hat in Graz die KPÖ die Gemeinderatswahl gewonnen. Laut Wählerstromanalyse mit Stimmen, die bisher für andere Parteien abgegeben wurden und einem großen Zulauf von bis dato Nichtwählerinnen und -wählern. „Es ist alles aus, und wir sind selber schuld daran“, sagt Simonischeks Prositsch. Doch wer weiß, vielleicht lugt an der Wahlurne endlich eine echte, wahrhaft neue Volkspartei aus der Zukunft ins Heute?

Teaser: www.youtube.com/watch?v=BO2R6ZllyYY&t=1s           www.burgtheater.at

  1. 9. 2021

Hochwald: Evi Romens queerer Anti-Heimatfilm

September 15, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Parabel vom zernarbten Herzen

Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Eines Tages stellte sich ein junger Mann in die Mitte des Ortes und verkündete, er habe das schönste Herz im ganzen Tal. Da trat ein alter Mann aus der Menge und sagte: „Dein Herz ist lange nicht so schön wie meines!“ Die Menschen und der junge Mann blickten auf das Herz des Alten. Es schlug stark, doch es war voller Narben. Stücke waren herausgebrochen und andere eingesetzt, tatsächlich waren da tiefe Löcher, wo ganze Teile fehlten.

„Du machst wohl Witze“, lachte der Junge. „Vergleich dein Herz mit meinem: Meines ist vollkommen und deines ist längst kaputt!“ „Ja“, erwiderte der alte Mann, „dein Herz sieht vollkommen aus, aber ich würde doch niemals mit dir tauschen. Weißt du, jede Narbe in meinem, jede Lücke steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe.“ Diese Parabel erzählt der Imam Mario, als dieser in einer muslimischen Wohngemeinschaft in Bozen eine letzte Zufluchtsstätte findet. Da hat der gestrauchelte Traumtänzer die Talfahrt vom „Hochwald“ schon hinter sich, dies der Titel von Evi Romens wuchtigem Regiedebüt, das bei der diesjährigen Diagonale mit dem Großen Preis für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde und am Freitag in den heimischen Kinos anläuft.

„Hochwald“ ist ein queerer Anti-Heimatfilm über Außenseiter in ländlicher Gegend, kontrast- und mit seinen Irrungen, Wirrungen, Wendungen auch risikoreich, doch Regisseurin und Drehbuchautorin Romens Rechnung geht voll auf, ihr Kalkül Schwul-sein im südtirolerischen Katholizismus, das Gefühl des Deplatziert-Seins, islamistischen Terror und eine rettende Begegnung mit dem Islam auf einen Nenner zu bringen. Durch die Kamera von Martin Gschlacht und Jerzy Palacz präsentiert sich die Amour-Fou-Produktion stylisch, hipp, innovativ.

„Hochwald“ ist atmosphärisch dicht, mit psychologischer Präzision inszeniert und exzellent bildgewaltig fotografiert, und es ist der charismatische Hauptdarsteller Thomas Prenn als Mario, der 107 Minuten lang sein Innerstes nach außen kehrt, und diesem Film seinen schauspielerischen Stempel aufdrückt – wofür der 27-Jährige beim Österreichischen Filmpreis zum besten Hauptdarsteller gekürt wurde. Und so beginnt der Film: Selbstvergessen tanzt Mario im Mehrzwecksaal der Volksschule im fiktiven Südtiroler Dorf „Hochwald“, er trägt Latein-Tanzschuhe, also solche mit Absatz, und hat in seiner Sporttasche allerlei fancy Kostüme dabei.

Eine Karriere als Tänzer schwebt ihm vor, ein Ausbrechen aus der Enge, die ihn erdrückt wie seine Gelegenheitsjobs als Frühstückskoch im Nobelhotel oder in der Fleischhauerei des Stiefvaters Hermann, Würste abdrehen und Mutters Neuen wichsen. Da trifft er in der Dorfdisco Jugendfreund Lenz, Noah Saavedra, dieser nunmehr Schauspielschüler in Wien und auf dem Weg zu einem Casting in Rom, und wohl früher Marios Love Interest. „In Wien sind alle schwul!“ – „Aber bei uns hier nicht“, unterhalten sich Mario und Lenz kichernd und kiffend im eingeschneiten Auto vor der Kirche und unterwegs zur Christmette.

Thomas Prenn im Haufen von Marios fancy Kostümen. Bild: © Amour Fou

Thomas Prenn und Noah Saavedra. Bild: © Amour Fou

Mario fühlt sich nur in der Dorfdisco frei: Thomas Prenn. Bild: © Amour Fou

Doch gesagt, getan: der sensible, diverse Drogen drückende Mario wird den exaltierten Lenz nach Rom begleiten, der in sich gekehrte, nur im Tanz freie Schulwartssohn und der adelige, weltläufige Winzerspross, auch mit diesen Gegensätzen hantiert Evi Romen, wo sie am ersten Abend in einem Gay Club – gecastet: dessen echte Community – landen. Da passiert’s. „Allahu Akbar“ brüllende, vermummte Männer stürmen das Lokal, schießen wild um sich, Lenz ist tot … Für Marios Coming-Of-Age-Story bedeutet das ein Zurück in die gebirgige Düsternis, eine Konfrontation mit jener gnadenlosen Kleingeistigkeit, vor der seine sexuelle Orientierung nun offen ausgebreitet ist, hin zu Lenz‘ über dessen Homosexualität ahnungslose Eltern. Was Wunder, dass Mario seine Trauerarbeit im Volksschulsaal vor erschrockenen Taferlklasslern performt …

Zwischen den Anschuldigungen von dessen Mutter, Mario hätte Lenz Richtung Pfad der körperlichen Untugend verführt, und seines leiblichen Vaters: „Scheiß-Moslems, die g’hören alle darschossen“, in einer Abwärtsspirale ohne Ausweg, konfrontiert Evi Romen das Publikum nicht nur mit dessen eigenen Ressentiments, sie macht auch etwaige Erwartungshaltungen zunichte, wenn sie die Andersartigkeiten einander nicht abstoßen, sondern sich gegenseitig anziehen lässt. In Bozen nämlich, wo Mario sich in einem Nageldesignstudio unterm Ladentisch mit aufklebbaren Tips versorgt, trifft er nach einem „Schuss“ auf der Bahnhofstoilette Nadim, den er von seiner abgebrochenen Konditorenlehre kennt, und der sich dort fürs Gebet wäscht.

Josef Mohamed, in Wien bekannt als ausdrucksstarker Theaterschauspieler (Rezensionen: www.mottingers-meinung.at/?p=32241, www.mottingers-meinung.at/?p=36095), schlüpft in die Figur des Gratis-Koran verteilenden Nadim wie in eine zweite Haut. Überhaupt ist Hochwald bis in die Nebencharaktere brillant besetzt. Mit Claudia Kottal als Volksschullehrerin und Mutter von Lenz‘ Ausrutscher-Sohn, mit „Hochwürden“ Johannes Silberschneider und Marco Di Sapia als Lenz‘ Künstleragent, mit Ursula Scribano-Ofner als Marios Mutter, Helmuth Häusler als Vater und Hannes Perkmann als Stiefvater. Katja Lechthaler und Walter Sachers sind als Lenz‘ Eltern zu sehen.

Mit Ursula Scribano-Ofner. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Josef Mohamed. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Mit Kida Kodhr Ramadan. Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Josef Mohamed (li.). Bild: © Amour Fou – Flo Rainer

Sowie der libanesisch-deutsche Schauspieler und Szenestar Kida Kodhr Ramadan als Imam Mami, in dessen WG Nadim Mario mitnimmt, als der im Drogenrausch auf der Straße zusammenbricht. Es wird die dortige Friedlichkeit und Freundlichkeit sein, das Anerkennen seines Ichs, wie es ist – siehe: die Parabel vom zernarbten Herzen, in dem Mario Halt und Unterstützung findet. „Die Attentäter, des waren kane Muslime, der Islam isch a friedliche Religion“, sagt Nadim, und Marios Vater, als er auf den Armen des Sohns keine neuen Einstiche findet: „War des da Allah?“ Bis sich der nächste Dorfskandal entzündet: „Man hat dich gesehen! Mit den Muselmanen! Des isch pervers! Totalschaden, odr?“

Wie sie einen doch ins Visier nimmt, die Wegschau-, die Menschen-Wegwerf-Gesellschaft, Visier wortwörtlich, als Lenz‘ Vater vom Hochstand aus mit seinem Jagdgewehr auf Mario anlegt … Mit seinen Doppelbödigkeiten, den Doppeldeutigkeiten des Dorfdialekts, die Tabus, um die jeder weiß es, doch keiner beredet, mit seinem spröde erzählten Gefecht Einzelkämpfer gegen Kollektiv, mit dessen Zerrissenheit und dem Zwiespalt, der Gräben durchs Umfeld zieht, ist „Hochwald“ ein gelungenes Stück modernen Neorealismo.

Evi Romen kann Symbolik, die archaische Grundstruktur des Orts als Setting, ausgerechnet Religion als Befreiung von belastenden Glaubensmustern, als Talisman eine weißgelockte Perücke, die sich wie ein roter Faden durch den Film zieht, der Hochwald als Stätte der Transformation, und niemals bedient sie ein touristisches Südtirol. Dazu die stimmige Original-Musik von Florian Horwath, die’s hoffentlich bald auf CD gibt, und ein paar 1960er-Klassiker wie „Inch’Allah“ von Adamo.

„Hochwald“ lässt einen atemlos zurück, und mit viel Stoff, um darüber nachzudenken. Die Haken, die die Handlung durch die Unberechenbarkeit ihres Protagonisten Mario schlägt, lenken einen stets in eine neue Richtung, weg vom spezifischen Südtirol, hin ins Universelle. Im exzellenten Ensemble sticht einem Thomas Prenn als introvertierter Extrovertierter ins Auge, und ein solches sollte man auf den Südtiroler Schauspieler auch haben. Sein nächster Streich, „Große Freiheit“ von Sebastian Meise mit Franz Rogowski und Georg Friedrich, wurde dieses Jahr in Cannes in die Sektion Un Certain Regard eingeladen und mit dem Jurypreis ausgezeichnet.

www.facebook.com/hochwaldfilm          Trailer: www.youtube.com/watch?v=VlxjiJe-r1w&t=1s

  1. 9. 2021

Burgtheater: Maria Stuart

September 14, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die weibliche Ohnmacht als männlich-nackte Tatsache

Maria Stuarts Haupt über dem stummen, nackten Männerchor. Bild: © Matthias Horn

Erstes Bild: Sechs Reihen breitbeinig strammstehender, nackter Männer. Über ihnen schwingt im Halbdunkel Marias abgeschlagenes Haupt, das rotwallende Haar, sie wollen es greifen … Martin Kušejs bejubelte Inszenierung von Schillers „Maria Stuart“ ist von der Perner-Insel auf die Bühne des runderneuerten Burg- theaters übersiedelt, und hat nicht zuletzt dank des fulminanten Spiels von Birgit Minichmayr als Maria und Bibiana Beglau als Elisabeth an Intensität noch gewonnen.

Kušejs Betrachtungsweise des Kampfs der beiden Königinnen, blutig, brutal, beinah archaisch zu nennen, ist trotz der zwei zentralen Frauenfiguren jene auf eine von Männern dominierte, dirigierte, und sei’s über den Umweg Frau regierte Welt. Der Körper der Komparserie geben den Blick frei aufs starke Geschlecht, stoisch schweigend formieren sie sich im mal dunklen, mal hellen, mal verspiegelten Kubus von Annette Murschetz immer wieder neu. Männer nehmen sich den Raum, den sie brauchen; in entsprechenden Seminaren lernen weibliche Führungs- kräfte, wie sie’s genauso machen, im Meeting ihren Bereich am Besprechungstisch mit ausgebreiteten Armen abstecken, nur nicht mit Piepsstimme sprechen, argumentativ stark sein und fest im Glauben an sich selbst.

Symbolisch wirksame Bilder sind das, von der muskelbepackten rohen Fleischmasse. Die Protagonistinnen, sie müssen dieser ausweichen, sie durchschlüpfen, doch kein Entrinnen nirgendwo. Weder für Maria, deren Hände am langen Seil wie an einer Hundeleine gefesselt ist, noch für Elisabeth, die Kušej als ihren Herren Beratern und anderen Einflüsterern ausgelieferte „Sklavin ihres Standes“ zeigt. Da sitzt der Hosenanzug gleich einem Hohn, der Zwang des Volkes, der Zwang ihres Hofstaats, der Zwang, sich endlich einen Bräutigam zu nehmen, machen die Souveränin zur politischen Marionette im Ränkespiel der wahrhaft Mächtigen.

Die Beglau spielt diese royale Ohnmacht ebenso, die Verhärmtheit ins Gesicht geschnitzt, in schockstarrem Entsetzen über die unentwirrbare Situation, in verkrampften Posen festgefroren. Überhaupt ist Kušejs Regie unterkühlt und auf die Essenz reduziert, er hat bei maximaler Werktreue aus dem Trauer- ein Kammerspiel gemeißelt, seine Tableaux vivants trennt er in gewohnter Manier mit Blackouts. Entgegen der jungfräulichen Königin, kalkuliert Maria Stuart ihre einzige Chance zum Überleben im Gefallen der Männer. In der Haltung der offensichtlich unterlegen Leidenden gelingt es ihr raffinierter diese Tonart anzuschlagen, man weiß es, vergeblich.

Birgit Minichmayr. Bild: © Matthias Horn

Minichmayr und Beglau. Bild: © M. Horn

Bibiana Beglau. Bild: © Matthias Horn

Doch Minchmayr wird ihr Unglück mit rauer, exaltierter Stimme hinausschreien, eine furios Schutzlose, die mit Vehement ihre Rechte einfordert, bis sie zur abgeklärten, herablassenden Todgeweihten wird. Die Darsteller rundum agieren, reagieren von übergeordneter Perspektive, an ihnen stellt Kušej seinen Metadiskurs zu den Themen Macht und Moral, Patriarchat und Pflichterfüllung aus – „Maria Stuart“, eine Parabel über Wert und Unwert von Prinzipien. Rainer Galke als Marias Hüter Amias Paulet ist der nächstliegende, der entlang des Abgrunds dieses Fallstricks taumelt. Maria wahrlich nicht freundschaftlich zugetan, muss er nach und nach die Intrigen, die zu deren Hinrichtung führen werden, erkennen. Galkes Paulet, ganz Ehrenmann, wird sich ergo zu ihrem Fürsprecher aufwerfen: Englisches Recht muss Recht bleiben!

Eine starke Leistung, und ebenbürtig der von Norman Hacker, als selbstgerechter Schatzmeister, selbsternannter „Richter“ Burleigh sozusagen der Oberschurke, und wie ihm die zur Schau getragene Political Correctness von den Lippen perlt, um nichts weniger als sein anglikanischer Geifer gegen die Katholikin, ja, seine Jovialität beim Verkünden des Urteils jenes Gerichts, das Maria nie und nimmer anzuerkennen geschworen hat. Burleigh-Hacker gegenüber offenbart Minichmayrs Maria Emotionen nicht einmal in Nuancen, trotz ihres miserablen, Burleigh sichtlich anekelnden Zustands, gibt sie sich majestätisch stolz, als sie auf einem Treffen mit Elisabeth besteht. In diesem Moment ist Minichmayr die Herrin.

In Shrewsbury, an diesem Abend gespielt von Wolfram Rupperti, findet Maria immerhin einen Wohlgesinnten; Rupperti macht auf Vernunftmenschen, auf eindringlich Warnenden, doch sein Shrewsbury ist eben doch ein Mitglied des Establishments. Itay Tiran als langhaarig-lässigem, doch faktisch zwischen den Kontrahentinnen aufgeriebenem, also dem Alkohol zusprechendem Leichester wirft sich Elisabeth länger in die Arme als es punkto Staatsräson zulässig wäre. Gleiches gilt für ihre Annäherung an Franz Pätzold als durch diverse Fanatismen irrlichternder Mortimer, den Pätzold mit einer Unruhe des Nicht-mehr-aus-noch-ein-Wissens ausstattet. Pätzold, den man stets schätzt, auch hier brillant.

Birigit Minichmayr und Rainer Galke. Bild: © Matthias Horn

Norman Hacker (li.) und Franz Pätzold (re.). Bild: © M. Horn

Birigit Minichmayr. Bild: © Matthias Horn

Itay Tiran und Bibiana Beglau. Bild: © Matthias Horn

Zu Kušejs analytisch bester, in Geste und vor allem Sprache präzise gefasster Szene wird schließlich der Infight von Minichmayr und Beglau. Eine Konfrontation im düsteren Kerker, in dem, wie anfangs der Kopf der Maria, nun eine Glühbirne zwischen den Königinnen hin- und her pendelt, mal das eine, mal das andere Gesicht beim Herantasten an die fremde Schwester beleuchtend. Eine kurz aufflackernde Nähe, eine der Verlegenheit geschuldete Beinah-Empathie, als die beiden einander ihr Getrieben-Sein eingestehen. Maria wirft sich Elisabeth zu Füßen, in Erwartung, dass sie aufgerichtet werde. Nichts. Außer Marias Eskalation gegen „Boleyns Bastard“.

Welch eine Episode. Wie die vom Unterzeichnen des Todesurteils. Da hat Elisabeth längst ihren Namen auf die nackten Männerrücken geschrieben, bevor sie, was sie tief im Herzen nicht ausgeführt wissen will, Staatssekretär Davison übergibt. Eine Groteske, die Beglaus Elisabeth angstvoll autoritär, Felix Kammerer, an diesem Abend der Davison, und Hacker daraus machen: Davison-Kammerer ein Opferlamm, das sucht, den Willen seiner Herrscherin zu ergründen, Hackers Burleigh, der ihm das Dokument mit flinken Fingern entwindet und den Henker seine Arbeit tun lässt. Im weißen Büßerinnenkleid wird Minichmayr von den Männern über deren Köpfe hinweg zum Schafott transportiert, Elisabeth vor vollzogene Tatsachen gestellt.

Zurück bleibt Elisabeth in blutroter Robe (Kostüme: Heide Kastler), einsam, ein Standbild ihrer selbst. Die Männer sind getürmt oder verbannt, der philanthropische Shrewsbury, der besoffene „Beichtvater“ Leichester, der von seiner Hybris heimgesuchte Burleigh. Lähmend lange steht die Beglau da und summt anachronistisch „God save the Queen“. Das bitterböse Ende einer der dichtesten Schiller-Arbeiten, die hierzulande zu sehen waren, ein Drama noir mit zwei frühfeministischen Antiheldinnen, Abrechnung mit einer politischen Perfidie, die in gewissen Kreisen nach wie vor gang und gäbe ist, die Studie eines Staatsapparats als sich selbst erhaltenden Systems, zeitlos aktuell – und mit viel Applaus bedacht.

Trailer mit Interviews: www.youtube.com/watch?v=Im3T_TrdaWs           www.burgtheater.at

  1. 9. 2021