Wiener Festwochen: Tiefer Schweb

Juni 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Marthalerei auf dem Boden des Binnenmeers

Die Macht der Tracht: Hassan Akkouch, Walter Hess, Ueli Jäggi, Stefan Merki, Annette Paulmann, Jürg Kienberger, Olivia Grigolli und Raphael Clamer. Bild: Thomas Aurin

Der erfolgreich in Bayern Eingebürgerte – in diesem Falle Hassan Akkouch – kann alle Inhaltsstoffe der Weißwurst nennen und Schuhplatteln. Dies unterscheidet ihn positiv von den 900 „außereuropäischen“ Individuen, die in einem aus neun Kreuzfahrtschiffen bestehenden Dorf über der tiefsten Stelle des Bodensees auf Asyl warten. Ihre Fremdheit hat das Binnenmeer, so scheint’s, mit fremdartigen Bakterien verseucht.

Und wegen all dieser Misslichkeiten tagt nun unten am „Tiefen Schweb“, in der „geheimen Klausurdruckkammer 55b“ eine Bande Bürokraten, deren Aufgabe es ist, die Biosphäre wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Soweit der Inhalt von Christoph Marthalers jüngster Produktion, die für die Wiener Festwochen von den Münchner Kammerspielen ans Theater an der Wien übersiedelt ist. Mit der Einladung des immer wieder gern gesehenen Gastes setzt Festwochen-Intendant Tomas Zierhofer-Kin auf eine sichere Bank, und tatsächlich ist auch diesmal der Jubel für den Schweizer Regisseur und seine handverlesene Truppe – Ueli Jäggi, Olivia Grigolli, Hassan Akkouch, Annette Paulmann, Walter Hess, Jürg Kienberger, Stefan Merki und Raphael Clamer – nach der Premiere groß.

Marthaler präsentiert eine Art Verwaltungsrevue, in der skurrile Vertreter eines verbraucht-siechen Europas Methoden zur Abschottung gegen neue weltweite Wanderungsbewegungen finden wollen – ein Thema, das ihn zumindest seit den Hamburger „Wehleidern“ begleitet. Musik gibt’s von Volksweisen und Mozart bis zu Bach und Kirchengesängen, als Höhepunkt eine dreifach georgelte Battle zwischen Simon & Garfunkels „Sound of Silence“ und Procol Harums „White Shade of Pale“ (Kienberger, Clamer und Merki, Gesang: Jäggi mit beinah Gary-Brooker-Originalstimme), gefolgt von Paulmanns lauthals dargebotener – no na – „Fischerin vom Bodensee“.

Und wie nebenbei, zwischen Tretbootabenteuern und dem „Zauberflöten“-Tamino, flicht Marthaler seine Anliegen zur Zeit ein. Verhandelt den abgenudelten Begriff Heimat, sinniert über das hiesige „Werte- und Bekenntnissystem“ und lässt seine Figuren über die „Integrationskompatibilität“ der an der Oberfläche angeschwemmten Fremden schwadronieren. Das alles ist Dada bis gaga. Marthalerei vom Feinsten. Die Loslassung seiner gesamten surrealen Fantasie. Duri Bischoff hat dazu eine holzgetäfelte Bühne erdacht, auf der sich immer wieder unerwartet neue Räume auftun, mit einem riesengrünen Kachelofen als einzigem Ausstieg zur Außenwelt. Allerdings, so müssen die weiblichen Mitglieder der kafkaesken Kommission, bald feststellen, wurde auf den Einbau von Damentoiletten vergessen.

Procol Harum meets Simon & Garfunkel: Jürg Kienberger, Raphael Clamer, Stefan Merki an den Heimorgeln und Sänger Ueli Jäggi. Bild: Thomas Aurin

Doch das tut dem verstaatlichten Pflichtbewusstsein keinen Abbruch. Annette Paulmann poetry-slammt die Tugenden des Ausschussmenschen von A wie Ausdauer bis Z wie Zivilcourage. Ueli Jäggi katalogisiert mit Verve die fremdsprachigen Namen für Bodensee. In einem so beiläufigen wie tiefsinnigen Dialog am Pissoir diskutieren Jäggi und Walter Hess in Heidegger’schem Duktus einen herrlichen Doppelsinn:

Ausschuss als Gremium und Ausschuss als Abfall. Das Wesen des Ersteren, sagen sie, sei über sein „Nicht-Wollen“ bestimmt. Also über das, was er ablehnt, aber auch über das, was ihm unwillkürlich widerfährt. Wie eben seine kauzigen Einlassungen auf eine zunehmend irreale Heimatsehnsucht. Im Stakkato der Sitzungsprosa kommt es zu weiteren verqueren Selbstdefinitionen. Aus all dem entsteht das eindrückliche Bild einer Bunkermentalität. Marthaler reimt Abschottung auf „Schotten dicht!“, alle stehen hier unter Druck und mitunter ist die Luft so dick, dass es kaum zum Atmen ist, dann muss im Panikraum panisch ein Ventilrad gedreht werden. Nach links selbstverständlich. Marthalers begrinsenswerte Parabel hat viele derart hinterfotzige Querverweise.

Zum Ende kommt’s zu einer großartigen Modenschau von von Sara Kittelmann entworfenen, kühn verschnittenen Kleidern, Lederhosen und Hüten. Da entfaltet sich die ganze Macht der Tracht, werden Ausgänge zugenagelt und wird Stacheldraht ausgerollt. Da jongliert Marthaler noch einmal mit den Imponderabilien einer im Umbruch begriffenen Welt, der mit engstirniger Binnenperspektive nicht länger beizukommen sein wird. Welch ein Abend. Politisch klug und voll sanfter Schrulligkeit. Man muss diesen Aberwitz einfach mögen!

www.festwochen.at

  1. 6. 2018

Salzburger Festspiele: „Die Entführung aus dem Serail“

August 22, 2013 in Film, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Live aus dem Hangar-7  und auf ServusTV

Tobias Moretti, Desiree Rancatore Bild: Servus TV

Tobias Moretti, Desiree Rancatore
Bild: Servus TV

So wie nun am 26. August hat man Oper wohl noch selten erlebt: Eine Weltklassebesetzung, Haute-Couture-Kleider, die spektakuläre Kulisse im Hangar-7 mit mehr als  Spielorten. Erstmals wird Oper auf einem Flughafen inszeniert! Die Flugzeuge werden in die Inszenierung eingebunden. Die  Neuinszenierung von Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“  soll zu einem DER  Highlights der diesjährigen Salzburger Festspiele werden. In der  Inszenierung von Adrian Marthaler bildet der gesamte Hangar-7 die Kulisse für diesen Abend. Während das Publikum mit den Sängern von Szene zu Szene wandert und so Teil der Aufführung wird, entsteht für die Zuseher daheim ein Live-Schnitt. Die Besetzung: Die Sprechrolle des Bassa Selims übernimmt  Tobias Moretti. Der mexikanische Tenor und Javier Camarena verkörpert Belmonte, Kammersänger Kurt Rydl singt den Osmin. Als Blondchen, die in Marthalers Inszenierung zur Stylistin wird, ist die Sopranistin Rebecca Nelsen zu erleben. Die musikalische Leitung der Camerata Salzburg und des Salzburger Bachchors übernimmt einer der besten Mozart-Kenner:  Dirigent Hans Graf. Stimmliche Unterstützung leistet ein Quartett junger  Sänger des Young Singers Project der Salzburger Festspiele. Während sich die Darsteller durch den Hangar-7 bewegen, werden Orchester und Chor im Hangar-8 musizieren. Die Übertragung der Musik und des Dirigats findet über modernste In-Ear-Technik, Monitore und Subdirigenten statt.

Adrian Marthaler (der etwa „La Traviata im Hauptbahnhof Zürich“ machte) verlegt die Handlung des 1782 entstandenen Singspiels in unsere Zeit. Die „Entführung“ wird zur „Verführung“ durch eine Mode-und Jetset-Welt.  Constanze (Desiree Rancatore) ist hin und her gerissen zwischen ihrem bürgerlichen Leben mit  Belmonte (Javier Camarena) und der rauschenden Welt des Modezaren Selim (Tobias Moretti). Dazu verwandelt sich der gesamte Hangar-7 in ein Modeimperium mit Laufsteg, Schneiderwerkstätten und Fotoshooting-Sets. In dieser Modewelt spielen Kleider und Styling eine Hauptrolle. Deshalb entwirft die Wiener Modedesignerin Lena Hoschek exklusive Kostüme für die Aufführung, darunter auch zehn Haute-Couture-Roben. Hoschek, die seit 2005 mit ihrem eigenen Label Erfolge feiert, arbeitete bereits für Vivienne Westwood. Ihr Stil, ein Mix aus urbanem Retro-Chic und ländlicher Trachtenmode, verbindet Tradition mit Moderne. Die technische Umsetzung des Opern-Events stellt das gesamte Team vor ganz besondere Herausforderungen. Bei einer insgesamt bespielten Fläche von etwa 14.000 qm werden 16 unterschiedlichste Kameras (unter anderem Seil-und Krankameras) für das perfekte Bild sorgen. Zusätzlich kommen „Arbeitskameras“ zum Einsatz, die Bilder des Dirigenten aus dem Hangar-8 an Subdirigenten im Hangar-7 übertragen. So ist, zusätzlich zu individuell für die Sänger angepassten InEar-Steckern, ein reibungsloser Kontakt zwischen Sängern und Dirigent möglich.

Tobias Moretti über …

… das Projekt:  „So etwas wie die „Entführung aus dem Serail“ als Oper hier zu machen, ist natürlich gleichermaßen problematisch wie spannend. Zunächst weiß man gar nicht, wohin die Reise geht, und dann soll es ja auch so sein: das Ambiente als eine Erfindung, eine Idee, die in irgendeiner Weise darauf schließen lässt, wo spielt das, was soll das bedeuten – jetzt im oberflächlichen Kontext. Das heßt, das hier zu spielen dass man überhaupt eine andere Interpretation als die im Libretto vorgegebene erstellt, also erfindet. Das hat der Marthaler  mit seinem Konzept interessant für mich herübergebracht, dass mich das genug provoziert hat, das gerne zu machen, diesen Bassa Selim zu spielen. Aber wo’s lang geht, weiß man noch nicht. Der Bassa Selim, der ja der Inbegriff des Fremden ist, der der Inbegriff des archaischen Menschen, der noch nicht sozusagen geknechtet ist von dem westlichen Bildungsbürger-Begriff , weil er in seiner brutalen, aber für sich stimmigen Welt herrscht. Bei uns ist es wahrscheinlich ein Modezar oder so etwas. Jedenfalls ein Mensch, der Macht und Sinnlichkeit vereint und der auch Obsessionen vereint. Alles was er will, alles was er glaubt zu brauchen, kauf ich mir, kann ich haben. Es ist eine Art Krieg, eine Art moderne Expansion. Ich nehme alles, ich erweitere alles, meine Empfindung, meine materiellen Werte, alles erweitere ich. Aber, weil ich es so gewöhnt bin. Und jetzt trifft der, zum ersten Mal, auf diese Frau, die ihn völlig ausangelt, enthebt, aus aller Vorstellung die er bisher kannte. Hat aber als Mittel nur seine zur Verfügung. Und das ist der Konflikt.“

 … Parallelen zu Sarastro: „Dass es Parallelen zu Sarastro gibt, glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass der Bassa Selim eine Sarastro-Figur ist. Man weiß auch immer noch nicht, wer der Sarastro ist. Natürlich sind das alles Statuen, Ikonen in ihrem Machtgefüge, die dann am Schluss für die Toleranz, für den Humanismus stehen, die ihrerseits wieder stehen für das bevorstehende Enlightenment, also für die Zeichen der Zeit damals. Oder Josef II. Aber das glaube ich gar nicht. Ich glaube einfach, dass es den kalt erwischt hat. Den hat´s kalt erwischt. Und deshalb ist dieser erste Haarriss der Schock, dass ihn da etwas berührt. Und die Kluft, die dann daraus erwächst, ist dann die Ohnmacht und vielleicht gar noch nicht die Erkenntnis. Ich glaube gar nicht an die Erkenntnis bei solchen Figuren. Man weiß ja auch nicht, in welchem Zusammenhang das Mozart so gesehen hat. Natürlich, in der damaligen Zeit sollte das ja dem Weltbild widersprechen, das damals geherrscht hat. Aber in dieser Welt, in unserer Welt. Und die Urangst der damaligen westlichen Kultur war das fremde, war der Orient, waren die Muslime, war diese orientalische Welt. Alles noch sehr wund und offen von den Türkenkriegen, klarerweise, der der Inbegriff von Angst war. Und dem ist er entgegengetreten in dieser Weise, und lässt denn dann am Schluss human handeln. Und lässt den dann sagen, „Die Rache an sich benütze ich gar nicht. Das ist eure Vorstellung. Ihr quatscht drum herum, dann rächt ihr euch doch. Und ich lasse einfach gewähren. Ich bin einfach barmherzig sozusagen.“ Aber was das bedeuten soll weiß man ja auch nie. Das ist immer Interpretation.“

… die Fantasien von 1001 Nacht zu den Fantasien der heutigen Glamourwelt: „ Es ist eine Industrie. Und Industrie ist Macht. Über den Transport der Fantasien der Glamourwelt: „Wie das funktionieren wird? Keine Ahnung. Das wird sehr multipel funktionieren, und da werden verschiedene Standpunkte da sein. Das Ganze ist natürlich auch eine Fabrik, aber auch eine hermetisch abgeschlossene Welt. Man kann es auch Gefängnis nennen, ein Glasgefängnis. Gleichermaßen als eine eigene Welt. Und das ist natürlich insofern interessant, als es der Geschichte dann sehr entgegen kommt. Aber klarerweise wir die Umsetzung in erster Linie mit Bühnenbild und optischen Eindrücken funktionieren. So wird man da versuchen diese Welt herzustellen. Aber ich glaube, es ist nochmal was anderes. Es geht auch in ein Abenteuer hinein. Denn es muss diese Welt nicht nur diese uns vertraute Fashion, diese Mode sein, diese oberflächlichste aller Welten, die als Behauptung funktioniert. Im Prinzip ist ja auch Mode das Gegenteil von Kunst. Es ist im höchsten Fall Kunsthandwerk. Kunst ist es nicht. Und trotzdem ist es aber Kunst geworden, weil sich so viele angehängt haben. Es gibt so viele Schnittmengen wo sich die Kunst mit dieser künstlichen oder mit dieser behaupteten Welt dann verbindet, vereinigt, vermengt. Und es wurde ja anfänglich sicher viel Kunstraub begangen. Wo Geld ist, da wird alles was Innovation betrifft, was Ideen, was Kreativität betrifft, wird aufgesogen.“

ServusTV: „Die Entführung aus dem Serail – Live aus dem Hangar-7“, Montag, 26. August, ab 20:15 Uhr
„Die Entstehung einer TV-Oper – Die Entführung aus dem Serail“, Dokumentation, Montag, 26. August, ab 22:45 Uhr

Liveübertragung auf den Salzburger Kapitelplatz, den Wiener Rathausplatz und den Deep Space im Ars Electronia Center Linz.

www.salzburgerfestspiele.at

Livestream auf: www.servustv.com

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-lumpazivagabundus/

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www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-2013/ :Domplatz: Die Sommerresidenz der Familie Hörbiger

www.mottingers-meinung.at/die-neue-buhlschaft/

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www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-young-directors-projekt/

Salzburg, 22. 8. 2013

Wiener Festwochen: Programmvorschau

April 25, 2013 in Bühne

Martin Kusej, Bruno Ganz, Edith Clever, Johan Simons

Nicolas Stemann und Robert Lepage sind zu Gast

Ein Tränlein hatte er schon im Blick, als Wiener-Festwochen-Intendant Luc Bondy am 25. April im MuseumsQuartier das letzte von ihm verantwortete Festival (10. Mai bis 16. Juni) in Österreichs Hauptstadt ansagte. „Ich bin kein wehmütiger Mensch, vor allem keiner, der das Geschehen in seiner Vergangenheit preist“, so Bondy, der seiner Mitstreiter Klaus Michael Grüber, Peter Zadek, Frank Castorf, Christoph Marthaler, Patrice Chéreau, Luca Ronconi, Alvis Hermanis, Johan Simons, Peter Stein, Peter Sellars, Simon McBurney, Krystian Lupa, Deborah Warner, William Kentridge …. gedachte. Und Marie Zimmermann als Schauspielchefin. „Wir vermissen sie. Es war mitten in der Festwochen-Zeit, als ich Lear an der Burg probte, als sie sich das Leben nahm. Es war ein riesiger Schock.“

Le Retour / Die Heimkehr Bruno Ganz Bild: Ruth Walz

Le Retour / Die Heimkehr
Bruno Ganz
Bild: Ruth Walz

Mehr oder weniger Tränlein wischten sich auf dem Podium des Achitekturzentrums auch ihre Nachfolgerin als Schauspieldirektorin, Stefanie Carp, aus den Augenwinkeln. Welch ein Verlust für Wien! Eine Garantin für „Aufwind“ und Innovationswillen, die Überschreitung von Grenzen zwischen Genres und in viele weitere Länder und Kontinente, hin zu neuen Formaten und Ästhetiken. Und der (meist durch Abwesenheit) glänzende Musikdirektor Stephane Lissner. Die Wiener Festwochen 2013 bieten 41 Produktionen – darunter zehn Uraufführungen und vier Neuinszenierungen aus 36 Ländern.

Die Eröffnung findet am 10. Mai auf dem Wiener Rathausplatz unter dem Motto „Wien, Wien, nur du allein?“ statt  und ist -no na – dem Wienerlied gewidmet. Als Moderator wird Nicholas Ofczarek durch die Nacht führen. Mitwirkende: Die Strottern, Angelika Kirchschlager, Ernst Molden, Philharmonia Schrammeln Wien, Willi Resetarits & Stubnblues, Michael Schade, Walther Soyka, Fatima Spar und Ursula Strauss.

Das Musikprogramm dominiert der 200. Geburtstag von Wagner und Verdi. So wird die Verdi-Trilogie der Festwochen mit einer Neuinszenierung von „Il Trovatore“ abgeschlossen. Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl wird zum ersten Mal in Wien inszenieren; es dirigierit der Israeli Omer Meir Wellber. Mit der Sensation der diesjährigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten „Written on Skin“ von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und „Die Ballade von El Muerto“ (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.

Im Schauspielprogramm finden acht Uraufführungen statt: „Todo el cielo sobre la tierra. El sindrome de Wendy“ von Angelica Lidell und Swamp Clup von Philippe Quesne erkunden im Grenzbereich von Performance, Tanz und Schauspiel die Beziehungen zwischen privatem Erlebtem und politschem Raum. Eine Auftragsarbeit ist Christoph Marthalers neues Projekt „Letzte Tage. Ein Vorabend“. Im Mittelpunkt der Aufführung im historischen Sitzungssaal des Parlaments stehen Kompositionen aus Wien vertriebener Komponisten und Texte, die sich mit der nationalen Aufrüstung vor dem Ersten Weltkrieg und rassistischen wie nationalsozialistischen Tendenzen in Europa auseinandersetzen. In „Kommune der Wahrheit. Wirklichkeitsmaschine“ versuchen Regisseur Nicolas Stemann und eine Gruppe von Künstlern aktuelle Geschehnisse in einen Theaterabend umzuwandeln. Jeden Abend ist so etwas Neues zu sehen.

Die Stars: Als Koproduktion mit dem Münchner Residenztheater führt der dortige Intendant Martin Kusej bei der Schauspieltrilogie „In Agonie“. Eine Neuinszenierung für Wien. Autor Miroslav Krležas beschreibt den Zerfall des Habsburgerreichs von Kroatien aus. Es spielen Manfred Zapatka, Sophie von Kessel und  Johannes Zirner. Luc Bondy selbst inszeniert Molieres „Tartuffe“ am Burgtheater mit Edith Clever, Johanna Wokalek, Joachim Meyerhoff und Gert Voss. Aus seiner neuen Wirkungsstätte in Paris, dem Odéon-Théâtre de l’Europe, bringt er seine Harold-Pinter-Arbeit „Le Retour“ (Die Heimkehr) mit Bruno Ganz und Emmanuelle Seigner mit.

Die junge brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy erzählt in der teils theatralischen, teils filmischen Arbeit „Julia“ (nach Strindbergs „Fräulein Julie“, dass überkommene patriarchale Machtstrukturen in einer segregierten Gesellschaft stärker sind als die Gefühle. Der junge australische und gerade zu entdeckende Regisseur Simon Stone verhandelt in einer heutigen Ibsen-Wildente „The Wild Duck“ die private und soziale Krise der abstürzenden Middle Class.

Neu im Programm ist Johan Simons Regiearbeit von Lot Vekemans Stück „Gift. Eine Ehegeschichte“, die Story eines Ehepaares, das sich nach dem Tod ihres einzigen Kindes getrennt hat. Sechs Jahre nach der Scheidung treffen sie einander wieder am Grab des Kindes und sprechen über ihren Schmerz. Simons inszeniert dieses ergreifend. Mit Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen und dem Countertenor Steve Dugardin. Robert Lepage kehrt mit seiner neuen Idee „Playing Cards 1: Spades“ ebenso zurück nach Wien wie Romeo Castelluci mit seinem berühmten „Sul concetto di volto nel Figlio di Dio / Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn“, bei dem sich ein Mann um seinen greisen Vater kümmert.

Neuentdeckung: Die Wiener Regisseurin, Salon-5-Prinzipalin und Reinhardt-Seminar-Professorin wird Robert Neumanns Roman „Die Kinder von Wien oder oder HOWEVERSTILLALIVE“ für die Bühne adaptieren. In seinem satirischen Roman führt uns Neumann, nach London emigrierter jüdischer Romancier aus Wien, in einen Keller im Nachkriegsjahr 1946. Fünf Kinder hausen hier in einer Wohngemeinschaft des Schreckens, aber auch der anarchischen Freiheit. Eine Geschichte über die „Trotzdemimmernochlebendigen“, die den Krieg, jeden Krieg überstehen …

Gesamtprogramm und Termine: www.festwochen.at

Interviews zu den wichtigsten Produktionen und Rezensionen: www.mottingers-meinung.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 4. 2013