Akademietheater: Rosa oder Die barmherzige Erde

März 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tobias Moretti beeindruckt als Romeo in Alterswindeln

Susanna Ernst, Waltraud Hackinger, Tobias Moretti und Marta Kizyma. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es kann am Theater einen eigenen Zauber entfalten, wenn Rätsel offen bleiben, wenn nicht jede Leerstelle besetzt wird und Texte nicht bis zu ihrem Ende durchdekliniert werden. Auf diesen Zauber setzt Luk Perceval bei seiner Inszenierung von „Rosa oder Die barmherzige Erde“. Eine Uraufführung am Akademietheater, für die der 60 Jahre alte Burgdebütant Shakespeares „Romeo und Julia“ und Dimitri Verhulsts Roman „Der Bibliothekar, der lieber dement war, als zu Hause bei seiner Frau“ ineinander verschränkt hat. Das Resultat dieser Bemühungen ist ein ungemein spannender und unheimlich anstrengender Abend mit einem herausragenden Tobias Moretti als Bibliothekar Désiré/Romeo.

Somnambul ist das Wort, das einem zu dessen Darstellung einfällt. Wie geistesabwesend steht Moretti auf der Bühne, und ist doch ganz bei sich, stemmt den hundertminütigen Kraftakt quasi im Alleingang, denn die Mitschauspieler auf der Bühne sind kaum mehr als Staffage, um die Story über die Rampe zu bringen. Deren Inhalt nach Verhulst: Désiré ist ein Mann Mitte der 70, der sein Leben an der Seite seiner Frau so satt hat, dass er beschließt, den Demenzkranken zu geben und sich in eine

entsprechende Einrichtung einweisen zu lassen. Hier möchte er seine letzten Lebensjahre ohne Gezänk verbringen. Doch trifft er auf seine tatsächlich an Alzheimer erkrankte unerfüllt gebliebene Jugendliebe. Und hier nun Perceval – seine „Julia“, deren stilles Verlöschen ihn verzweifeln lässt. Aus Désiré wird Romeo, Pastor, Pfleger und Schwestern werden als Lorenzo, Benvolio oder Mercutio zu Stichwortgebern, und es ist nun Percevals Aufgabe, die viele Parallelen im Verhulst’schen Text zu Shakespeare zu ent- und aufzudecken. Von der Balkonszene bis zum Doppeltod. Denn Désiré wird nach dem Sterben Julias nicht mehr weiterleben wollen und sich in die Tiefe stürzen …

Für all das hat Katrin Brack ein Odeon erdacht, eine runde, sich drehende Spielstätte und eine Tribüne aus Sitzbänken, auf denen der Vergissmeinnicht-Chor, Damen zwischen 85 und 95, Platz genommen haben. Davor Moretti. Mal via Lautsprecher verstärkt, über den auch Geräusche wie ein beständig irres Frauenkichern eingespielt werden, mal ein Wispern von Liebe und Tod, die Stimmung seltsam bodenlos, mal resignativ, mal stockend-zögerlich, mal unflätig und wütend. Sein Désiré gibt die Demenz, scheint’s, nicht vor, er ist wirklich von ihr angekränkelt. Und dann wieder lichte Momente, wenn die Anverwandten, ob seiner Begriffstutzigkeit jede Hoffnung aufgebend, abtreten und er zu verstehen gibt, er hätte genau gewusst, was die wollten. Und genauso wie als Bibliothekar beeindruckt Moretti als Romeo in Alterswindeln.

Sabine Haupt und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Sabine Haupt, Gertraud Jesserer und Tobias Moretti. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In einer der eindrücklichsten Szenen wird er vom Chor gerufen. „Papa!“ Immer mehr Stimmen, immer lautere, da versteht man, dass da ein Mensch unter  jahrelanger Verantwortung zusammenbrach, versteht, dass nicht mehr ging, was andere von ihm erwarteten, und ergo der Rückzug erfolgen musste. Nicht zur Kenntnis nehmen wollen/können das Sabine Haupt als Tochter Charlotte – eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs – und Gertraud Jesserer mit Tremolostimme als Ehefrau Moniek. Sylvie Rohrer, Daniel Jesch, Marta Kizyma und Stefan Wieland fungieren als Hauptschwester, Pfleger und Pastor und als Shakespeare-Personal. Mariia Shulga ist eine anrührende Rosa.

Sie umrahmen das zähflüssige Spiel vom Sterben des alten Mannes, das sich mehr als Stimmung, denn in Klarheit erschließt. Zu denken gibt immerhin, dass hier einer am Ende den Prototyp jugendlicher Lebens- und Liebesgier gibt, das macht grübeln über verpasste Chancen und verflossene Gelegenheiten … Am Ende gab es Jubel für alle, allen voran Tobias Moretti, der einmal mehr bewies, dass man nicht nur beim Film, sondern auch auf der Bühne auf ihn zählen kann.

www.burgtheater.at

  1. 3. 2018

Museum der Moderne Salzburg: Proudly Presenting

April 28, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Die Sammlung Generali Foundation

auf dem Mönchsberg

Bruno Gironcoli: Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen, 1968  Ausstellungsansicht Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation, 2014, Skulptur  Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg  Bild: © Museum der Moderne Salzburg, Rainer Iglar

Bruno Gironcoli: Große Säule mit eingesetzten Augenprothesen, 1968
Ausstellungsansicht Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation, 2014, Skulptur
Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg
Bild: © Museum der Moderne Salzburg, Rainer Iglar

Mit der Ausstellung Proudly Presenting: Sammlung Generali Foundation wird erstmals eine Auswahl aus der international renommierten Sammlung an ihrem neuen Standort, dem Museum der Moderne Salzburg, präsentiert. Die Generali Foundation hat ihre international viel beachtete Sammlung Anfang des Jahres dem Museum der Moderne Salzburg im Rahmen einer umfassenden Partnerschaft als Dauerleihgabe anvertraut. In dieser ersten Schau zur Vorstellung einer Auswahl aus der Kollektion, die insgesamt etwa 2.100 Werke von 200 Künstlerinnen und Künstlern umfasst, wird Einblick in einige der Charakteristika der bekannten Sammlung gegeben. Präsentiert werden 133 Arbeiten von 25 Künstlerinnen und Künstlern in unterschiedlichen Medien, die von Skulptur und Installation über Film, Fotografie und Video bis zu Zeichnung reichen. Die Sammlung Generali Foundation enthält herausragende Werke von den 1960erJahren bis in die Gegenwart. „Von international bedeutenden Künstlerinnen und Künstlern wurden bereits relativ früh größere Werkgruppen gesammelt“, erläutert Sabine Breitwieser, Direktorin am Museum der Moderne Salzburg. „Anlässlich dieser ersten Präsentation in Salzburg werden zentrale Werke gezeigt, unter anderem von Künstlern, die in den letzten Jahren leider verstorben sind – Bruno Gironcoli, Walter Pichler, Allan Sekula und Franz West. Mit ihnen bestand – wie mit vielen anderen Künstlerinnen und Künstlern, die in dieser Ausstellung zum Teil erstmalig in Salzburg vorgestellt werden – ein besonderes Naheverhältnis.“

Eine erste thematische Werkgruppe in der Ausstellung umfasst emblematische Objekte, in denen Kunst, Design und Architektur in Form von utopischen Ideen miteinander verschmelzen. Die phallischen Skulpturen von Bruno Gironcoli, die Glaspavillons von Dan Graham, das Mobile Büro (1969) von Hans Hollein, die Interventionen von Gordon Matta-Clark in aufgelassenen Gebäuden oder der TV-Helm (1967) von Walter Pichler sind inzwischen Ikonen dieser Thematik. Die hohen Erwartungshaltungen an neue Technologien und Medien, die wir seit den 1960erJahren erleben, mündeten auch in zahlreichen Arbeiten, in denen deren Auswirkungen auf den Menschen erforscht werden. Die feministisch-aktionistischen Werke von VALIE EXPORT, insbesondere ihr TAPP-und TASTKINO (1968), oder Harun Farockis Videoinstallationen beziehen dazu Position in Form von profunden Werkgruppen, aus denen in dieser Ausstellung nur ein kleiner Ausschnitt gezeigt werden kann. Eine mittlere und jüngere Generation von Künstlerinnen und Künstlern bezieht sich in ihren Arbeiten wiederum aus einer aktuellen Perspektive auf die ehemaligen Utopien, darunter Dorit Margreiter, Marjetica Potrc, Florian Pumhösl, Mathias Poledna und Heimo Zobernig.

Im Verbund mit einer Medienkritik sind in der Sammlung zahlreiche Werke vertreten, in denen Fotografie gewissermaßen gegen den Strich gebürstet wird, wie in Sanja Ivekovic’ Fotocollagen, in Martha Roslers Foto-Text-Installation über die New Yorker Bowery oder in Allan Sekulas filmischen Fotoarbeiten. „Institution für Institutionskritik“ wurde die Generali Foundation vor vielen Jahren in einer  Schlagzeile genannt. Tatsächlich sind in der Sammlung viele Künstlerinnen und Künstler vertreten, die eine Untersuchung der Bedingungen von Kunst sowie die Frage, was wir von Kunst eigentlich wollen, zum Inhalt ihrer Arbeit gemacht haben. Hans Haacke hat dies in seinem Kondensationswürfel (1965) als einer Art von kinetischer Besucherstatistik früh verdeutlicht. Adrian Piper wiederum verhandelt in ihrer Arbeit Hegemonien und Stereotypen in der Kunst, und Andrea Fraser klärt uns in „Museumsführungen“ in lustvoller Weise über das wirkliche Leben in einem Museum auf.

Mit dieser Ausstellung setzt das Museum der Moderne Salzburg den Prätext zu einer neuen rotierenden Schausammlung, in der künftig Werke der Sammlung Generali Foundation in Dialog mit den anderen umfangreichen Beständen des Museums treten – von denhauseigenen Werken über die Fotosammlung des Bundes und die Sammlung FOTOGRAFIS der Bank Austria Unicredit bis zur Sammlung MAP. In der Ausstellung vertreten sind Werke von VALIE EXPORT, VALIE EXPORT/Peter Weibel, Harun Farocki, Andrea Fraser, Bruno Gironcoli, Dan Graham, Hans Haacke, Hans Hollein, Sanja Ivekovic, Richard Kriesche, Dorit Margreiter/Mathias Poledna/Heimo Zobernig, Gordon Matta-Clark, Gustav Metzger, Walter Pichler, Adrian Piper, Marjetica Potrc, Florian Pumhösl, Martha Rosler, Allan Sekula, Goran Trbuljak, William Wegman, Peter Weibel, Franz West und Heimo Zobernig.

www.museumdermoderne.at

Wien, 28. 4. 2014

Essl Museum: Made in Austria

März 11, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Karlheinz Essl selbst kuratiert

Maria Lassnig, Science fiction, 1988, 2-teilig, Öl auf Leinwand, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien  Bild: Mischa Nawrata, Wien

Maria Lassnig, Science fiction, 1988, 2-teilig, Öl auf Leinwand, © Sammlung Essl Privatstiftung, Klosterneuburg / Wien
Bild: Mischa Nawrata, Wien

„made in austria“ ist die titelgebende Ausstellung für das Jahresmotto 2014 des Essl Museums, das heuer sein 15-jähriges Bestehen feiert. Aus diesem Grund wird das Ausstellungsprogramm der österreichischen Kunst, dem Kern der Sammlung Essl, gewidmet. Karlheinz Essl, der die Ausstellung selbst kuratiert, zeigt seine persönlichen Schwergewichte der jüngeren österreichischen Kunstgeschichte und setzt ihre Werke in den Galerieräumen in reizvolle Beziehungen zueinander.

Zu sehen sind Werke von Friedensreich Hundertwasser, Max Weiler, Maria Lassnig, Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Herbert Brandl, Hubert Scheibl, Franz West, Erwin Wurm, Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt, Günter Brus, VALIE EXPORT und Hermann Nitsch.

Der Kern der Sammlung
„Museen sind das kollektive kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft. Oft hörte ich, dass wir nun für zeitgenössische Kunst jene Aufgabe erfüllen, welche viele öffentliche Museen für alte Kunst innehaben. Unsere Sammlung ist natürlich gewachsen, auf heute mehr als 7000 Kunstwerke. Sie bildet einen Großteil dessen ab, was seit dem Ende des Krieges in der österreichischen Kunst in einem internationalen Kontext geschehen ist. Im 15. Jahr unseres Bestehens möchten wir diesen österreichischen Kern ins Zentrum des Ausstellungsgeschehens rücken. Mit „made in austria“ präsentiere ich meinen ganz persönlichen Blick auf dieses Kunstgeschehen“, so  Essl. Der Sammler zeigt jene Künstlerinnen und Künstler, die für ihn ihre Spuren deutlich in der österreichischen, aber auch in der internationalen Kunstwelt hinterlassen und das weltweite Kunstgeschehen beeinflusst haben. In der Ausstellung stellt er spannungsvolle Bezüge zwischen den einzelnen künstlerischen Positionen und Kunstwerken her – mit Dialogen, aber auch Reibungspunkten, mit unerwarteten Einblicken und Überraschungen. Alle siebzehn Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung kennen Agnes und Karlheinz Essl seit langen Jahren persönlich, mit vielen verbindet sie eine langjährige Freundschaft. Das Sammlerpaar hat sie oft in den Ateliers und bei Ausstellungen besucht, ihre künstlerische Entwicklung leidenschaftlich mitverfolgt und immer wieder auch Werke für die Sammlung angekauft.

Max Weiler und Friedensreich Hundertwasser
Im ersten Ausstellungsraum treffen vegetative Naturformen von Friedensreich Hundertwasser auf die spirituelle Landschaftsbetrachtung von Max Weiler. Für Hundertwasser ist die Natur das Allumfassende, seine Kunst prägen organische, vegetative Formen, der Kreis und insbesondere die Spirale. 1972 entwirft Hundertwasser die „Regentage-Mappe“, eines der ersten Kunstwerke, das für die Sammlung Essl angekauft wurde, welche sich auf das Frühwerk bis Anfang der 1960er-Jahre konzentriert.
Weiler sieht das Spirituelle in der Natur, in den Malereien der 1950er-Jahre abstrahiert er die Naturformen immer mehr. In der wegweisenden Werkserie „Wie eine Landschaft“ der 1960er-Jahre nimmt er Probierpapiere als Vorlage für seine großformatigen vergeistigten Landschaftsmalereien. Diese Werkserie stellt einen zentralen Wende- und Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen dar.

Maria Lassnig und Arnulf Rainer
Maria Lassnig und Arnulf Rainer ist der zweite Ausstellungsraum gewidmet. Nach Aufenthalten in Paris und vor allen New York wurde Lassnig 1980 als erste Professorin an die Universität für Angewandte Kunst nach Wien berufen. Ab diesem Zeitpunkt haben Agnes und Karlheinz Essl ihre Werke gesammelt. Werke aus diesen Jahren werden auch in der Ausstellung gezeigt. In einem mutigen Akt der Selbstdarstellung und Entblößung bringt Lassnig körperliche wie psychische Befindlichkeiten zum Ausdruck, dabei zeigt sie schonungslos ihre Sehnsüchte, besonders auch ihre Ängste und ihr Leiden. Auch Rainer entblößt sich in den Automatenfotos, er präsentiert ein fratzenartiges Gesicht und wirft einen skeptischen Blick auf sich selbst, aber auch auf Gesellschaft und Welt. Durch die malerische Bearbeitung wird dieser Ausdruck noch verstärkt. Die „Face Farces“ treffen auf Lassnigs malerische Selbstentäußerungen. Daneben sind Kunstwerke aus Rainers Frühzeit zu sehen – Werke, mit denen er sich in die internationale Kunstgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben hat: mehrere Fingermalereien, insbesondere aber eine Zentralisation und eine frühe schwarze Übermalung.

Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, Herbert Brandl, Hubert Scheibl
Der größte Galerieraum lebt von der Gegenüberstellung zweier Künstlergenerationen: auf der einer Seite die abstrakten Maler der Nachkriegszeit Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha (die Künstler der Gruppe „St. Stephan“ rund um Monsignore Otto Mauer), auf der anderen Seite zwei Vertreter der „Neuen Wilden“ aus den 1980er-Jahren, Herbert Brandl und Hubert Scheibl. In der Ausstellung sind nur Arbeiten zu sehen, in denen das Figurative nicht mehr sichtbar ist. Holleghas intensive malerische Formfindung mit dünnem Farbauftrag geht vom realen Gegenstand aus, der sich dann aber zugunsten der farbintensiven Abstraktion vollkommen auflöst. Auch der abstrakte Realismus von Mikl entwickelte sich aus Körperteilen, insbesondere Gelenken – sie sind Grundlage für seine freien Umsetzungen in Malerei. Prachensky entwickelte eine am internationalen Informel orientierte, expressive Malweise. Die Farbe Rot und tektonische Elemente sind wesentliche Bestandteile seiner gestisch abstrakten Bilder. Die in der frühen Schaffensphase expressiven Bilder von Brandl fanden später in subtil gemalten Werken, die kosmisch-spirituelle Landschaften erahnen lassen, ihre Fortsetzung. Scheibls in vielen Schichten aufgetragene, abstrakte Bilder bestechen durch ihre Farbigkeit, Dichte und Intensität. Es sind zutiefst meditative Bilder, die zu einer kontemplativen Betrachtung einladen.

Franz West und Erwin Wurm
In einem weiteren Ausstellungsraum liegt der Fokus auf der Skulptur, ein zentraler Schwerpunkt in der Sammlungstätigkeit. Franz West und Erwin Wurm sind in diesem Medium äußerst innovative Wege gegangen. West hat mit viel Witz und meist unter Verwendung „armer“, kunstferner Materialien zu einen erweiterten Kunst- und besonders auch Skulpturbegriff beigetragen. So zum Beispiel durch seine „Passstücke“: diese zunächst aus Papiermaché hergestellten Objekte sind nicht als Skulpturen per se gedacht, sondern als „körpererweiternde Prothesen“. West arbeitet auch mit der Technik der Collage, indem er Bild- und Malerei ideenreich miteinander kombiniert. Auch Wurms Arbeit ist von einem distanzierten und ironischen Blick auf die Skulptur gekennzeichnet. Durch die Dekonstruktion traditioneller Elemente der Bildhauerei erweitert er den Skulpturenbegriff: Autos werden fett, Häuser schmelzen, Körper werden durch ihre Kleidung hilflos und unbeweglich. Mit den „One-Minute-Sculptures“ wurde er in den 1990er-Jahren international bekannt. Begleitend zu den skulpturalen Arbeiten ist bei Wurm die Videostillserie „One Minute Sculptures“, bei Franz West die Collagen und Schriftbilder der „Eisenbahner Serie“ zu sehen.

Franz Ringel, Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt
Es war zu Beginn der Sammlertätigkeit, als der Grafiker und Aquarellist Kurt Moldovan das Sammlerehepaar auf eine Reihe von jungen, ambitionierten Malern aufmerksam gemacht hat. Moldovan versammelte um sich eine Gruppe von jungen Künstlern und Künstlerinnen, die erstmals zusammen vom Kunsthistoriker Otto Breicha 1968 in der Ausstellung „Wirklichkeiten“ präsentiert wurden. Diese Ausstellung war für Karlheinz Essl sehr einprägsam, stellte sie doch in ihrem teils sozialkritischen Realismus eine Gegenposition zum international dominierenden Informel und so auch zu den Künstlern der Gruppe „St. Stephan“ dar. Gleichzeitig war sie auch ein Protest gegen die Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Im nächsten Ausstellungsraum ha Essl Werke von Franz Ringel, Martha Jungwirth und Kurt Kocherscheidt ausgewählt. Die Künstler sind in ihrer malerischen Ausdrucksweise sehr unterschiedliche Wege gegangen. Ringel schockiert mit seinen stark überzeichneten, sexuell konnotierten Menschenbildern. Jungwirth malt abstrakt, aber immer wieder mit Anklängen an Figur und Landschaft. Kocherscheidt (dem erst jüngst 2013 im Essl Museum eine große Einzelausstellung gewidmet war) abstrahiert Natur- und Landschaftsformen in einer bewusst asketischen Malerei.

Günter Brus und VALIE EXPORT
Im vorletzten Raum sind Günter Brus und VALIE EXPORT zu sehen. Essl zeigt bei Brus nicht Video- und Fotoarbeiten aus der Hochphase des Aktionismus, sondern seine „nachaktionistische“ Schaffensphase, als er mit den aufsehenerregenden Körperaktionen aufgehört hatte und sich nun malerisch und grafisch ausdrückte. Die sogenannten „Bild-Dichtungen“ seien, so Brus, nur eine Verschiebung des aktionistischen Inhalts von der körperlichen Performance hin zur Malerei, zur Zeichnung und zur Schrift.
Einer Auswahl dieser Bild-Text-Arbeiten werden Werke von VALIE EXPORT gegenübergestellt. Mit ihrer körperbetonten, feministischen Medien-Kunst hat EXPORT einen wesentlichen Beitrag zur zeitgenössischen Kunst geliefert, viele nachfolgende Künstlergenerationen berufen sich auf sie. Neben vier Videoarbeiten (u.a. das „TAPP und TASTKINO“) werden eine Reihe ihrer fotografischen Körperkonfigurationen aus den 1970er-Jahren gezeigt.

Hermann Nitsch
Einen Raum widmet der Sammler dem großen Aktionismuskünstler Hermann Nitsch. Mit ihm verbindet das Sammlerpaar eine intensive, langjährige Freundschaft. Essl schätzt an Nitsch seinen umfassenden Kunstbegriff. Er geht vom Theater und der Performance aus und greift in alle Lebensbereiche des Menschen hinein; in seinen Aktionen behandelt er existenzielle Themen wie Leben und Tod, Blut und Opfer oder auch die Religion. Die Architektur des letzten Galerieraumes hat etwas Kapellenartiges an sich. Sie wurde Nitsch zur Verfügung gestellt, um darin einen sakralen Raum mit Arbeiten aus dem reichen Fundus der Sammlung Essl einzurichten.
In der Ausstellung gibt es neben den einzelnen Bildern keine Bildbeschreibungen. Die Besucherinnen und Besucher werden dazu aufgefordert, zuerst ohne Informationen die Werke zu betrachten. In jedem Ausstellungsraum findet sich aber ein Handout mit einem Raumplan und den Bildbeschreibungen, mit Kurztexten zu den einzelnen künstlerischen Positionen sowie Anmerkungen des Kurators Karlheinz Essl.

www.essl.museum

Wien, 11. 3. 2014

Aufstand gegen den Austrofaschismus

Januar 28, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Picus Verlag: Im Kältefieber. Februargeschichten 1934

2009In der Masse der Bücher, Ausstellungen und Theaterproduktionen zum Ersten Weltkrieg droht ein für Österreich wichtiges Datum unterzugehen. Eines, das manchen noch heute unangenehm ist. Eines, über das unsere Generation kaum etwas in Familien und  Schulen hörte. 2014 jährt sich der österreichische Bürgerkrieg zum achtzigsten Mal. Der Aufstand der Arbeiterschaft und des Republikanischen Schutzbunds gegen das austrofaschistische Regime am 12. Februar 1934 wurde von den Heimwehrverbänden und dem Militär brutal niedergeschlagen. Der kaltblütige Beschuss der Arbeiterwohnhäuser stellt eine entscheidende politische Zäsur auf dem Weg zum März 1938 dar. Im Picus Verlag erscheint im Februar „Im Kältefieber. Februargeschichten 1934“, die bislang umfangreichste Anthologie zu den Februarkämpfen, mit vielen literarischen Entdeckungen österreichischer ebenso wie ausländischer Autorinnen und Autoren und Texten, die erstmals auf Deutsch publiziert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei die Kämpfenden, Arbeiter und deren Frauen und Familien, die sich nicht nur in Wien, sondern auch in anderen Städten und abseits der Zentren Österreichs der Zerschlagung der Demokratie entgegenstellten. Die Texte gehen über das unmittelbare Kampfgeschehen hinaus und beleuchten ebenso dessen Vorgeschichte wie dessen Konsequenzen.

Die Herausgeber Erich Hackl und Evelyne Polt-Heinzl trugen Beiträge von Jean Améry, Erich Barlud, Ulrich Becher, Willi Bredel, Melitta Breznik, Veza Canetti, Tibor Déry, Ilja Ehrenburg, Reinhard Federmann, Walter Fischer, Martha Florian, Oskar-Maria Graf, John Gunther, Michael Guttenbrunner, Erich Hackl, Alfred Hirschenberger, Franz Höllering, Franz Kain, Kurt Kläber, Rudolf Jeremias Kreutz, Miroslav Krleža, Franz Leschanz, Naomi Mitchison, Robert Neumann, Margarete Petrides, Margarete Rainer, Otto Roland, Anna Seghers, Jura Soyfer, Franz Taucher, Josef Toch, Alois Vogel, Prežihov Voranc und Karl Wiesinger zusammen.

Zu den Herausgebern:

Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, hat Germanistik und Hispanistik studiert und als Lehrer und Lektor gearbeitet. Heute lebt er als freier Schriftsteller, Publizist und Übersetzer in Madrid und Wien. Werke: »Die Hochzeit von Auschwitz. Eine Begebenheit«, »Als ob ein Engel. Erzählung nach dem Leben«, Familie Salzmann. Erzählung aus unserer Mitte, »Dieses Buch gehört meiner Mutter« (2013). Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, Literaturwissenschaftlerin. Zuletzt erschienen: »Einstürzende Finanzwelten. Markt, Gesellschaft und Literatur«, »Peter Handke. In Gegenwelten unterwegs«, »Österreichs Literatur zwischen den Kriegen. Plä­doyer für eine Kanonrevision«.

Erich Hackl, Evelyne Polt-Heinzl (Hg.): Im Kältefieber. Februargeschichten 1934, 327 Seiten, Picus Verlag.

www.picus.at

Wien, 28. 1. 2014

Maria Hofstätter spielt in Wien Theater

Februar 21, 2013 in Bühne

Die neuen „Zofen“ lieben es unterkühlt

„Sensible Hypochondergans“. „Krummbeinige Simulantin“. „Stures Schrapnell“. Sie schenken einander nichts, die von der Dramatikerin Dea Loher erdachte hüftkranke Köchin (die Hüfte hat ihr der „HERR“ anfangs in einem Schwarzweiß-Stummfilm gebrochen, weil sie seine Gnade erflehte) und die kurzsichtige Schneiderin. Ein Schreckschrauben-Duo erster Güte, das im Wiener Theater Nestroyhof Hamakom seine Rituale Jahrzehnte lang aufgestauter Aggressionen und intimer Kenntnis kranker Körper und Seelen als Racheorgie zelebriert. Nicht nur aneinander, sondern vor allem an …

Projekttheater im Hamakom

Martina Spitzer und Maria Hofstätter
Bild: Marie Luise Lichtenthal.

Das Projekttheater Vorarlberg zeigt „Anna und Martha. Der dritte Sektor.“ (= der Dienstbotensektor) als Gastspiel. Eine großartig groteske Komödie, wenn von Loher so nicht gedacht, dann von Susanne  Lietzow in ihrer Inszenierung dazu gemacht. Die Regisseurin arbeitet  wieder mit zwei ihrer Lieblingsschauspielerinnen: Die kongenialen Martina Spitzer und Maria Hofstätter, zuletzt nicht nur in der ORF-Satire „Braunschlag“ zu sehen, sondern für ihre Darstellung im Mittelteil  von Ulrich Seidls Kino-Tryptychon „Paradies: Glaube“ gelobt und ausgezeichnet. „Anna und Martha“ sind wie eine Hommage an Jean Genets „Zofen“. Mit dem Unterschied, das diese von Männern dargestellt werden sollen, und jene nicht mehr auf die Rückkehr der Herrin warten, sondern sie in der Tiefkühltruhe verschnürt haben und sich über ihr langsames Ersticken amüsieren. Beim Pelzmäntel-Plündern aus Kleiderschränken (sogar aus dem Gefriersarg werden bei Loher/Lietzow noch Schmuck und Edelpumps entnommen, mit denen die Hofstätter über die Bühne quietscht, bis die Ohren bluten) ist man wieder auf Augenhöhe.

„Die Bierbaum und die Bosheit sind siamesische Zwillinge“, sagt Anna. Damit sagt’s die Richtige. Die sogar schon einen Mordplan für den sabbernden, haarenden Haushund, er ist gleichzeitig der Chauffeur Ludwig und eine Puppe – derzeit sehr modern, ersonnen hat.

Während die beiden also auf das Ende des Atmens warten, haben sie viel Zeit. Um über die Umständ’ und gegeneinander zu räsonnieren. Um auf der Tiefkühltruhe zur Bonanza-Titelmelodie ein wenig bullriding zu probieren. Und um heimlich abzumessen, ob die andere nicht doch auch noch hineinpasste. Das ist wunderbarer Slapstick.

Im minimalistischen Bühnenbild von Marie Luise Lichtenthal gibt die Hofstätter die  herrische, gegen die schwarze Putzfrau (Spitzer als Xana unkenntlich gemacht durch einen Perückenmix aus Burka und hüftlangen Rastalocken) latent rassistische Rädelsführerin. Mit die schönsten Momente sind, wenn ihr der Dialekt durchgeht.“Anna“ Spitzer ist eine trotz sarkastischer Geschwätzigkeit ängstlich-weinerliche Witwe. Sie hat beim Herrn, in der Brauerei, ihren Mann verloren. Kein Unfall. Alkohol! Und den Sohn, dessen Votivbild, das sie um den Hals trägt, von Szene zu Szene größer wird.

Endlich: Das Röcheln ist aus.

Endlich kann man ein Siegergesicht aufsetzen, statt immer nur Dreck in die Pappn zu kriegen. So endet’s ähnlich, wie’s begonnen hat. Mit einem Schwarzweiß-Stummfilm von Anna und Martha und Xana am Meer. Italienische oder französische Riviera – egal.

Nur eine Frage bleibt offen: Wie bugsiert man seinen eigenen Boss Richtung Eiskasten?

www.hamakom.at

www.projekttheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 21. 2. 2013