Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Die Blumen von gestern

Januar 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liebeskomödie unter Holocaustforschern

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Wenn im Abspann Hauptdarsteller Lars Eidinger endgültig aus der Rolle fällt und gekonnt ein paar Stunts hinlegt, über ein Fahrrad springt, über eine Kühlerhaube turnt, dann ist damit der Film in einem Moment erklärt. Hier wollten ein paar spielen, der Schwere des Themas eine ganz besondere Leichtigkeit unterjubeln, das Leben feiern und die Liebe – und das Leben, das aus dieser Liebe entsteht. Am 13. Jänner kommt Chris Kraus‘ neuer Film „Die Blumen von gestern“ in die heimischen Kinos.

Nach „Poll“ oder „Vier Minuten“ arbeitet sich der Regisseur und Drehbuchautor einmal mehr an seiner eigenen Familiengeschichte ab. Kraus‘ Großvater war bei der SS, und diesen Umstand unterschiebt er nun seinem Protagonisten Totila „Toto“ Blumen. Der ist wie zur Sühne Holocaustforscher, ein schlecht gelaunter, sogar aggressiver, impotenter noch dazu. „Ich verdiene mein Geld damit, negativ zu sein“, ist der Satz, den Toto zu sich selbst zu sagen hat. Als ein anderer statt er zum Chef der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen befördert wird und der für einen Auschwitz-Kongress als Sponsor eine ehemals in Nazigeschäfte verwickelte Autofirma an Land zieht, schlägt Toto blindlings zu.

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Seine Frau hat einen genehmigten Lover, doch nun wird, was nur Sex sein sollte mehr, weil die Angetraute die „Traumata-Scheiße“ daheim nicht mehr aushält. Und als wär’s noch nicht genug bekommt Toto eine Assistentin zugeteilt, eine Französin namens Zazie, die ihm lang schon auf der Spur ist, weil sein Großvater ihre Großmutter ins Gas schickte. Es entwickelt sich eine Amour Fou, man begibt sich auf eine Reise rückwärts in die Familiengeschichte; auch in Wien wurde gedreht für Toto und Zazies Spurensuche in der Vergangenheit …

Was nach großem Drama klingt, verwandelt sich in Kraus‘ Händen zur subtilen Tragikomödie. Der Filmemacher hat seinen Stoff mit einem sehr eigenen Humor unterfüttert, einem, der sich deutlich von den obligaten deutschen Nazi-Satiren unterscheidet. Kraus nähert sich dem Thema mit großem Respekt, weiß einen auch zu berühren, doch die dazu unter der Oberfläche brodelnden aberwitzigen Dialoge und die teilweise fast schon obskure Situationskomik machen‘s aus, dass „Die Blumen von gestern“ ein kleines Meisterwerk sind. Getragen von den beiden Ausnahmeschauspielern Lars Eidinger und Adèle Haenel. Die zweifache César-Gewinnerin, in Frankreich längst ein Star, nahm für die Rolle der Zazie sogar Deutschunterricht, um nicht auf einen Sprachcoach angewiesen und deshalb im Ausdruck authentischer zu sein.

Lars Eidinger brilliert als schrulliger Jungprofessor im Burn-Out-Beruf. Kaum jemals war die erste Kraft der Berliner Schaubühne auf der Leinwand seinem Theater-Ich an Kraft und Intensität näher denn als Toto Blumen. Er changiert zwischen bierernst und betroffen, gibt mit ebenso viel Verzweiflung wie Zorn einen Nach-Sich-Suchenden, einen Täterenkel, der um Befreiung aus der Familienschuld ringt. Das hat Humor, weil Toto eben keinen hat. Eidinger weiß das fulminant darzustellen.

Seiner Misanthropie setzt Haenel als Opferenkelin Zazie eine charmante Verrücktheit entgegen. Gemeinsam bedienen Eidinger und Haenel das Instrumentarium der Screwball-Comedy; Kraus hat ihnen dazu Dialoge geschrieben, die zwischen befreiender Frechheit, tiefempfundenem Mitgefühl und deutscher Gedenkroutine hin und herflitzen. Kraus ist einer, der dem Menschlichen und dem Allzumenschlichen stets ein Lächeln schenkt.

Dazu glänzt die Riege der Nebendarsteller. Jan Josef Liefers spielt mit Verve gegen Eidingers Toto an, ist doch der neue Chef der Zentralstelle nicht der auf ihn projizierte Unsympath, sondern eigentlich ganz nett. Hannah Herzsprung ist für die Rolle von Totos Ehefrau in den Fatsuit gestiegen, Bibiana Zeller gibt die über die Familienvergangenheit nur vorgeblich verwirrte Großmutter. Rolf Hoppe und Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt sind zwei Holocaust-Überlebende. Großartig sind die Szenen mit Marquardt und Eidinger; er muss um ihre Teilnahme als Zeitzeugin beim Kongress ringen, doch sie frühstückt ihn ab: „Sie amüsieren mich nicht.“ Den fertigen Film konnte die Marquardt nicht mehr sehen, sie starb knapp vor Fertigstellung mit 91 Jahren.

blumenvongestern08„Eine Komödie über Wunden und ihre Herkunft“ nennt Chris Kraus seinen Film. Er zeigt auf, dass in Deutschland wie in Österreich die öffentlich betriebene Vergangenheits- bewältigung mit ihren feierlichen Zeremonien nur das amtlich-anonyme Pflaster auf dem Schorf des Dritten Reichs ist.

„Wir leben in einer Zeit, in der man dem rechten Wahnsinn mit allen Mitteln die Stirn bieten muss, warum also nicht mit Mitteln anarchischer Fröhlichkeit …“, lautet eine Regienotiz von Kraus. „Glücklich das Leben feiern, das so schwierige und schmerzvolle, naiv auf Versöhnung hoffen, die Bekloppten in ihre Schranken weisen und politische Schönheit schaffen: Das kann so verkehrt nicht sein.“ Ist es auch nicht.

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23768

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 9. 1. 2017

Die Blumen von gestern: Lars Eidinger im Gespräch

Januar 7, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt den Holocaustforscher Toto Blumen

Zwei Holocaust-Forscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Zwei Holocaustforscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Am 13. Jänner kommt der neue Film von Chris Kraus in die heimischen Kinos. In „Die Blumen von gestern“ erzählt der Filmemacher von der Amour Fou zweier Holocaustforscher, sie Opferenkelin, er Täterenkel, sein Großvater schickte ihre Großmutter ins Gas. Was nach großem Drama klingt, wird bei Kraus zur skurril-leichten Tragikomödie. Sein Film ist eine Ode an das Leben und die Liebe, und das feiert er auf höchst groteske und kuriose Art.

Dass die Übung gelingt, liegt nicht zuletzt an Hauptdarsteller Lars Eidinger. Er spielt den Jungprofessor Toto Blumen, mit ihm der französische Leinwandstar Adèle Haenel dessen Assistentin Zazie, Hannah Herzsprung die Ehefrau, Jan Josef Liefers den Vorgesetzten, Bibiana Zeller die Großmutter und Rolf Hoppe den Mentor; Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt ist mit 91 Jahren als Holocaust-Überlebende in ihrer letzten Rolle zu sehen. Lars Eidinger im Gespräch:

MM: Aus Deutschland kamen in den vergangenen Jahren immer wieder aberwitzige Komödien, die sich mit dem Dritten Reich und dem Holocaust befassen, „Die Blumen von gestern“ aber hat eine ganz eigene Atmosphäre. Was meinen Sie?

Lars Eidinger: Regisseur Chris Kraus ist ein Schüler von Rosa von Praunheim, und der bringt seinen Schülern bei, dass man als Filmemacher für den Film seine Persönlichkeit zur Verfügung stellen muss. Ich hatte in der Arbeit mit ihm immer das Gefühl, auch wenn ich natürlich meinen Beitrag geleistet habe, dass es am Ende die Persönlichkeit von Chris Kraus ist, die man auf der Leinwand sieht. In all ihrer Widersprüchlichkeit. Der Film hat was Skurriles, was Verzweifeltes, hat Aggression, aber auch extremen Witz und ein hohes Maß an Emotionalität. Womit „Die Blumen“ aufwarten, ist wahnsinnig komplex und nicht so leicht einzuordnen. Das gefällt mir.

MM: Welche Reaktionen erwarten Sie auf diesen unkonventionellen Film?

Eidinger: Ich habe Probleme damit, wie große Teile des Filmgeschäfts in Deutschland den Holocaust verhandeln. Vieles unterläuft die Dimension des Themas, indem sie auf vordergründigen und parodistischen Witz setzen, dafür ist dieses Phänomen aber viel zu schwer und kompliziert. Natürlich eignet sich eine Figur wie Hitler gut für die Persiflage, aber man darf nie vergessen, was da an Gräuel tatsächlich passiert ist, und da verbietet sich für mich eine gewisse Form von Humor. Unser Film würde auch funktionieren, wenn keiner lacht, weil sich die Figuren ihrer Komik nicht bewusst sind. Gerade ich, als Totila Blumen, habe die Aufgabe, die Dinge aus einer humorlosen Distanzlosigkeit zu sehen, dass heißt: das Publikum lacht, aber Totila lacht nicht.

MM: Wie würden Sie diesen Toto charakterisieren? Ist er spaßbefreit von Berufs wegen? War dieser grundaggressive Misanthrop einfach herzustellen?

Eidinger: Zumindest sagt er: „Ich bin Holocaustforscher, ich werde dafür bezahlt negativ zu sein.“ Toto stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Für mich war es nicht einfach, ihn zu generieren. Ich habe nicht leicht Zugang zu ihm gefunden, was ich mir im Nachhinein damit erklärt habe, dass er mir so nah ist. Meiner Erfahrung nach fallen einem Charaktere leichter, die man gut von sich weghalten kann, deren Verhalten man reflektiert und durchschaut hat, und dass mit dem eigenen möglichst wenig zu tun hat. Bei diesen Dreharbeiten musste ich mir aber eingestehen, wie misanthropisch und soziopathisch ich eigentlich bin, und dass ich in Wahrheit viel Aufwand betreibe, um das zu verbergen.

MM: Warum?

Eidinger: Weil ich weiß, dass das nicht gerade Attribute sind, die einen sympathischer machen. Ich gebe mich als wahnsinnig zugänglich und verbindlich, bin aber eigentlich das Gegenteil. Das ist mir in die Wiege gelegt worden durch meine Erziehung, ich arbeite aber daran. Ich bin großgeworden mit einer Elterngeneration, die sagte: So sind wir halt, wir können’s nicht ändern. Ich glaube, meine Lebensaufgabe besteht darin, das zu überwinden und mich nicht hinter „Veranlagung“ zu verstecken.

MM: Das klingt, als wären die Dreharbeiten für Sie ein Psychotrip ins eigene Selbst gewesen.

Eidinger: Im Grunde sehe ich meinen ganzen Beruf darin, mich selbst zu finden; das ist die Hauptaufgabe der Kunst: sich seiner selbst bewusst zu werden. Die Leute sollen aber nicht verstehen, wer ich bin, sondern wenn sie nun beispielsweise diesen Film anschauen, verstehen, wer sie selbst sind.

Im Büro gibt's Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Im Büro gibt’s Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

MM: Toto ist ein Täterenkel, der, wie sich herausstellen wird nicht zufällig, auf eine Opferenkelin trifft. In Deutschland und Österreich gibt es so etwas wie „Erinnerungskultur“, mit der man das Trauma Drittes Reich öffentlich überbewältigt, das Beispiel Toto und Zazie zeigt, dass das im Privaten noch lange nicht so ist.

Eidinger: Die Frage, die wir im Film stellen ist, was die Vergangenheit mit der Gegenwart macht. Inwieweit bin ich noch geprägt von dem, was mein Großvater im Krieg erlebt hat? Ich bin damit großgeworden, das komplett von mir wegzuhalten, zu sagen: was habe ich damit zu tun?, ich bin eine ganz neue Generation. Doch man irrt sich da. Ich glaube heute, es tut gut, es ist auch gesund, sich dem zu stellen. Tatsächlich ist es ja meine jüngste Vergangenheit, ich habe meinen Opa gekannt, er hat meinen Vater großgezogen, der im Krieg geboren ist, von dem bin ich wiederum erzogen und sozialisiert worden, das heißt, ich bin unmittelbar davon geprägt. Mein Opa hat nie über den Krieg gesprochen, ich erinnere mich an ihn nur rauchend im Fernsehsessel sitzend. Solcher Art Familienwunden sind der eigentliche Inhalt des Films, sie machen Totila und Zazie zu denen, die sie sind.

MM: Ist es so, dass sich jeder Deutsche und jeder Österreicher fragen muss, auf welcher Seite seine Familie gestanden hat? Haben Sie sich je gefragt?

Eidinger: Ja, und die Antwort ist, auf der falschen Seite. Weil die meisten Deutschen auf der falschen Seite gestanden haben, die Mehrheit waren Nazis, weil der Nationalsozialismus eine Massenbewegung war. Aber die Deutschen machen sich da gerne etwas vor, auch ich habe als Kind noch die Sätze gehört, man hätte nichts gewusst, nichts mitbekommen, das ist natürlich kompletter Quatsch. Rückblickend muss man sich im Gegenteil fragen, ob man in dieser Zeit nicht selbst auch Nazi gewesen wäre, denn die Leute sind mit einer Propaganda großgeworden, wie ihnen ganz andere Werte, eine ganz andere Sicht auf die Welt vermittelt hat. Wer weiß, ob nicht nachkommende Generationen zu uns einmal sagen: Kapitalismus? Wie konntet ihr den stützen? Ihr wusstet doch, auf welchem Elend und welcher Ausbeutung und Ungerechtigkeit er sich gründet!

MM: Ist dieser Blick aus der Vergangenheit auf sich selbst der Grund, warum man einen Film wie „Die Blumen“ macht?

Eidinger: Bei Chris Kraus ist das sicher so. Aber nicht im Sinne von „Erinnerungskultur“, wie Sie gesagt haben. Mit dem Wort kann ich nichts anfangen. Es geht vielmehr um eine Form der Bewusstmachung, damit so etwas wie das Dritte Reich nie wieder passiert. Ich sehe diesen Film aber nicht als Lehrstück. Ich bin kein Missionar. Ich möchte etwas von mir erzählen, in der Hoffnung, dass der Betrachter etwas über sich versteht. Aber ja, im Zuge der Gespräche, die ich nun führe, stelle ich immer mehr fest, dass der Film selbst die beste Antwort auf diese Fragen gibt, weil er sich dem Erbe, das wir am Dritten Reich tragen, in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit mit filmischen Mitteln stellt.

MM: Der Film erzählt von einer Amour Fou. Toto und Zazie verlieben sich ineinander. Kann man mit Liebe Narben glätten?

Eidinger: Wir zeigen eine Versöhnung, ja. Das ist romantisch und das gefällt mir auch: die kleinste gesellschaftliche Zelle, kann die Welt verändern. Wenn man noch kleiner geht und bei sich anfängt, hat das noch größere Auswirkungen. Das unterschätzen die Leute immer, welche Macht sie als einzelner habe. Liebe und mit dieser Liebe Leben schaffen, ist das, was die Menschen verbinden sollte, so romantisierend und pathetisch das auch klingen mag, aber ich denke, dass es sich auf diese simple Formel runterbrechen läßt. Für mich war die Begegnung mit Adèle Haenel das reine Glück. Ich hatte das Gefühl, in ihr meine geistige Schwester gefunden zu haben, mein weibliches Pendant, wodurch sich eine Form von Intimität vor der Kamera ergab, die ich mit keiner anderen Kollegin bislang erlebt habe.

MM: Sie hatten noch das Privileg mit der großen Sigrid Marquardt zu drehen. War sie abseits der Kamera auch so streng und kompromisslos wie davor?

Eidinger: Ich hatte Glück, sie mochte mich (er lacht). Ich war sehr beeindruckt von ihrer Person. Sie war nicht nur eine wahnsinnig attraktive Frau, sie hatte sich auch einen Schalk und einen Witz behalten, der beinah etwas Kindliches hatte. Andererseits fand ich interessant und anrührend, wie ehrgeizig sie noch war, wie sie sich geärgert hat, wenn sie mal einen Hänger hatte. Das hat sie für mich wahnsinnig sympathisch gemacht. Leider hat sie den Film nicht mehr gesehen.

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 7. 1. 2017