Theater zum Fürchten: Glorious!

November 13, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tania Golden triumphiert als Florence Foster Jenkins

Die Königin der Dissonanzen: Tania Golden und Rafael Wagner. Bild: © Bettina Frenzel

Es ist, man muss es sagen, die ganz große Kunst der Tania Golden, so! famos falsch zu singen, wo sie’s doch so brillant richtig kann. Die Schauspielerin und Sängerin tut Ersteres derzeit in der Scala, der Wiener Zweigstelle des Theaters zum Fürchten, als Florence Foster Jenkins – und wem die Dame irgend bekannt vorkommt, ja, es gibt einen grandiosen Film mit Meryl Streep, Hugh Grant und „The Big Bang Theory-Howard“ Simon Helberg.

Fürs TzF hat nun Rüdiger Hentzschel die Komödie des britischen Autors Peter Quilter, „Glorious!, inszeniert, Boulevard at it’s best, mit dem einzigen Fehler, dass der Abend nicht lange genug dauert, wollte man dem entfesselten Ensemble doch noch ewig zuschauen – nicht umsonst erklang aus dem Publikum am Ende der Ruf nach einer „Zugabe!“, allen voran der Tania Golden, die von der Glöckchenarie aus „Lakmé“ über einen neckischen „Mein Herr Marquis“ bis zur hochdramatisch dargebotenen Rachearie der Königin der Nacht nichts auslässt. Und wie sie quietscht, gurrt, jault, der Stimme zuliebe mit Sherry gurgelt, da wegen der Passform der Kostüme enthaltsam, einem Kuchen hinterherschmachtet, sich bis zum „dreifach gestrichenen F“ emporkiekst, das ist einfach fabelhaft. Jeder Ton kein Treffer.

Die Story selbst ist eine wahre. Florence Foster Jenkins, 1868 bis 1944, begüterte Tochter des Anwalts und Bankiers Charles Foster, vom ersten Ehemann Frank Jenkins mit Syphilis angesteckt – und geschieden, konnte es sich leisten, ihrer Leidenschaft zu frönen: dem Singen. Nur dass, während sich die Mäzenatin und Verdi-Club-Gründerin als engelsgleiche Koloratursopranistin wahrnahm, ihre Intonation, ihr Rhythmusgefühl und ihr Tempo tatsächlich schwankte und krängte wie die Titanic.

Tania Golden. Bild: © Bettina Frenzel

Tania Golden. Bild: © Bettina Frenzel

Rafael Wagner und Tania Golden. Bild: © Bettina Frenzel

Doch ihr exzentrischer Freudinnen- und Freundeskreis aus der New Yorker High Society liebte die exaltierte Madame Florence, ihre Auftritte wurden zum Geheimtipp, wodurch sich die Künstlerin in ihrem Tun zusätzlich bestärkt fühlte – bis sie sich am 25. Oktober 1944 im Alter von 76 Jahren dem Druck der Fans alias der Spötter beugte, und ein öffentliches Konzert in der ausverkauften Carnegie Hall gab. „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte“, ist ein berühmtes Zitat, das auch Tania Golden über die Lippen perlt.

Bei Peter Quilter erzählt das Rafael Wagner als Pianist Cosmee McMoon, der Musiker und Medienkomponist die Entdeckung der Aufführung, charmant am um nichts weniger schräg als seine Besitzerin gestimmten Flügel, er zögert, er zaudert, sein Cosmee versucht ob Madame Florence „exzessivem Stimmvolumen“ die Contenance zu wahren, wo sich die Zuschauerinnen und Zuschauer auf ihrer vollgefüllten Tribüne längst vor Lachen biegen. Er changiert zwischen fatalistischem In-die-Tasten-Hauen und Erklärungsbedarf, warum er das tat. Supersympathisch ist das alles, der Zyniker mit seinen doppeldeutigen, heißt: nie die Wahrheit verschweigenden Komplimenten, der an Florence Gabe, nur das Positive zu hören, zerschellt, Cosmee dessen Aggregatzustände sich von Entsetzen, Faszination, Zuneigung zur ergebenen Liebe steigern.

Madame Florence und Bettina Soriat als mürrisches, mexikanisches Hausmädchen Maria. Bild: © Bettina Frenzel

Madame Florence mit bester und ergebenster Freundin Dorothy: Claudia Marold. Bild: © Bettina Frenzel

Das kommt dem Publikum spanisch vor: Rafael Wagner und Tania Golden. Bild: © Bettina Frenzel

Alexandra-Maria Timmel als Kritikerin Mrs. Verindah-Gedge, re.: Hendrik Winkler als St. Clair Bayfield. Bild: © Bettina Frenzel

Um nichts weniger treu dienend sind Hendrik Winkler als verkrachter Schauspieler und Florence Common-Law-Ehemann St. Clair Bayfield und Claudia Marold als beste Freundin Dorothy. Bettina Soriat liefert die Kabinettstückchen als mürrisches, mexikanisches Hausmädchen Maria. Alexandra-Maria Timmel stört als harsche Kritikerin Mrs. Verindah-Gedge die (Dis-)Harmonie nur für Minuten, nimmt doch Madame Florence jede Bemängelung nur als von Claqueuren rivalisierender Diven verbreitete Missgunst zur Kenntnis.

Und über allen: Tania Golden. Die ihre Florence nie verrät. So laut, so überkandidelt, so ein wenig vulgär, so auch herzensgut. Ohne eine Darstellerin dieses Formats ist “Glorious!“ undenkbar. Wie ihre Florence vor Entschlossenheit und Wissen ums eigene Talent strahlt, wie sie siegessicher unter ihren Löckchen hervorblickt, während sie Mozart und Strauss musikalisch ermordet, wie sie keine Tragödie an ihre Triumphe ranlässt, das muss man gesehen haben. Das Publikum jedenfalls war gutgelaunt und begeistert – und spielt in dem Sinne mit, als sowohl Tania Golden als auch Florence Foster Jenkins sich diesen überbordenden Applaus verdient haben.

Vorstellungen bis 20. November.

www.theaterzumfuerchten.at           www.taniagolden.com

TIPP: Am 18. November hat Tania Golden im KiP-Kunst im Prückel mit der Komödie „Oh mein Gott“ von Anat Gov Premiere – mit Hubsi Kramar und Anna Starzinger am Cello.

www.kip.co.at

  1. 11. 2021

Werk X-Petersplatz: Lies mein Herz

Februar 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der verzweifelten Liebe zweier Lyriker

Eine Pierrette als Souffleuse: Soffi Schweighofer, Régis Mainka und Claudia Marold. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Atemloser haben wohl kaum je zwei Lyriker um Worte gerungen, und das nicht etwa, weil’s ihre Dichtkunst betraf, sondern weil sie Liebende waren. Vor ziemlich genau zehn Jahren erschien bei Suhrkamp der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, das Private berührend, das Politische bedeutend, eine hochliterarische Reise durch Gefühle und Gedanken, ein zu Papier gebrachter Kampf um Zuneigung, Zuwendung, auch Zugeständnisse – „Herzzeit“.

Shirina Granmayeh und Matti Melchinger von Junges Theater Wien haben nun im Werk X-Petersplatz ihre Bühnenfassung dieser Texte zur Uraufführung gebracht. „Lies mein Herz“ heißt der Abend, der so entstanden ist, und durch den eine Pierrette, verkörpert von Soffi Schweighofer, zwei Paare führt.

Claudia Marold, Veronika Petrovic, Régis Mainka und Johannes Sautner sind die Ingeborgs und Pauls, eine Ménage à Quatre, die sich in den intellektuellen Infight begibt. Wer mit wem wird im Laufe der Aufführung wechseln, man wird sich begegnen und sich spiegeln und im Zitate-Reigen zum Zerrbild des anderen werden. Man wird einander mit Kreide Grenzen ziehen.

Und apropos, Kreide: An die Wände ist damit Davidstern und Herz gezeichnet, und ist ein Satz der „Todesfuge“ geschrieben. Sie wird Leitmotiv bleiben, ihr „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Und so treffen einander die 21-jährige Studentin und der um sechs Jahre ältere Poet an einem Maitag 1948 in Wien, ein schicksalhaftes Zusammenkommen, lang anhaltendes Drama einer Amour Fou, die beider Existenz empfindlich mitentscheiden wird. Wie schnell einer des anderen Prüfstein wird, wie eine unbedachte oder aber sehr durchdachte Bemerkung des einen dem anderen das Sprechen vereist, führen Marold, Petrovic, Mainka und Sautner auf bemerkenswerte Weise vor – das Kärntner Nazi-Kind und der durch den Krieg staatenlos gewordene Jude, dessen Eltern im KZ ermordet wurden und der selber ein Zwangsarbeiterlager nur mit knapper Not überlebte.

„One Of Us Is Crying“: Johannes Sautner als Gitarrero und Soffi Schweighofer. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Eine Opernparodie entgleist mit Hitlergruß: Johannes Sautner und Régis Mainka. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Bald wird er, dieser lebenslang Überlebensschuldige, ihr, der hier noch Lebenshungrigen, mit dem Satz seines „älteren Dunkels“ den ersten Pfeil in die Seele schießen. Wird einen nach-Auschwitz’schen Abgrund aufreißen, den Schweighofers Pierrette als Erzählerin und Souffleuse zwar zu überbrücken sucht, aber ach … Régis Mainka und Johannes Sautner, einander äußerlich ähnlich gemacht, gestalten Paul als einen, der mit Vehemenz, auch Wut, auftritt. Geraten ihre Celans aneinander, kann auch schon einmal gerauft und einander geohrfeigt werden.

Oder man liegt sich sozusagen selbst im Arm, im Versuch, die Depression hinwegzutrösten. Vor allem Mainka macht aus der Figur einen selbstgefällig Verzweifelten, ganz Dichter und Denker und Nägelbeißer, und wie Mainka ihn eines seiner Werke mit ausladender Geste vortragen lässt, da muss der Schauspieler mit dem lachenden Publikum schmunzeln. Überhaupt gelingt es Shirina Granmayeh und Matti Melchinger ihre Inszenierung, den Briefe-Pathos, der naturgemäß mehr vom Ausdruck als von der Aktion bestimmt ist, durch einige so skurrile wie surreale Einschübe zu konterkarieren.

Es erklingt Jerry Lewis‘ „The Typewriter“, wenn die genialischen Autoren auf imaginäre Tasten hämmern, oder Abbas „One Of Us Is Crying“ wird zum Musikcontest, die Herren an Schlagzeug und Gitarre, die Damen bemüht, in der ersten Reihe zu tanzen. Johannes Sautner mutiert zur Operndiva, der mitten in der Arie ein Hitlerbärtchen wächst, derweil ihr der rechte Arm zum entsprechenden Gruß auskommt. Soffi Schweighofer singt sehr ergreifend „Send In The Clowns“ und Sautner am Schluss „Heite Drah I Mi Ham“ von Wolfgang Ambros. Da ist Celan 1970 schon in die Seine gegangen.

In vielerlei Variationen spielen Granmayeh und Melchinger mit dem Motiv Opfersohn und Tätertochter. Das Fiasko mit der Gruppe 47 kommt vor, die von Celan als antisemitisch empfundene Rezension des Gedichtbandes „Sprachgitter“ durch Günter Blöcker, die alte Ängste aufreißt. Celans Ehefrau Gisèle und Bachmanns neuer Partner Max Frisch kommen zu Wort. Und mitten in der Wüste ihrer tief verstörten, tief verstörenden Worte, deren immer wiederkehrende „Schwere“ und „Schweigen“ und „Schuld“ sind, mitten im Stammeln und Selbstzerfleischen der beiden sonst so Sprachgewaltigen, ist es schön, dass auch Themen wie ein brennen gelassenes Bügeleisen oder der Kauf einer Stehlampe eine Rolle spielen.

Johannes Sautner, Claudia Marold, Veronika Petrovic und Régis Mainka. Bild: © Apollonia Theresa Bitzan

Auf neuerlichen Liebessturm folgen neuerlich Kränkungen, folgt Celans „Notschrei“, folgt eine Bachmann am Ende ihrer Kräfte. Es ist erstaunlich oder auch eine Angelegenheit der persönlichen Interpretation, aus dieser Korrespondenz herauszulesen, dass Ingeborg Bachmann, diese Ikone feministischen Schreibens, Celan gegenüber stets die Gebende, die Beschwichtigende, die Psychotherapeutin gewesen zu sein scheint. Claudia Marold und Veronika Petrovic spielen das jedenfalls so, und das mit großer und sehenswerter Überzeugungskraft.

 

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  1. 2. 2019

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

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  1. 12. 2017

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

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  1. 9. 2017

Stadtsaal: Die Tankstelle der Verdammten

August 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Watzmann hat in Wien jetzt Konkurrenz bekommen

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Wilfried Scheutz. Bild: © Ernesto Gelles

Die Drei von der Tankstelle: Eva Maria Marold, Nadja Maleh und Rock’n’Roller Wilfried Scheutz. Bild: Ernesto Gelles

Die Fangemeinde, das merkte man beim Auftritt der Polka Punks, war vollzählig angetreten, und sie war mehr als gewillt, Titus Vadon zum Hohepriester des Abends zu ernennen. Als der nämlich als erstes Freud und Leid der „Currywurst“ besang, tobte sich der Stadtsaal heiß – und bei der Betriebstemperatur blieb’s dann auch für die nächsten zweieinhalb Stunden. Georg Ringsgwandls „Die Tankstelle der Verdammten“ hat man sich als diesjährige Sommerproduktion auserkoren.

Thomas Maurer hat dem Text einen Wienerischen Klang verpasst, die Zapfsäulen stehen statt am Hasenbergl jetzt irgendwo zwischen Simmering und Ottakring, und der Chuck ist vom Bazi zum Strizzi mutiert. Der Chuck, das ist die mittelschwer verlorene Existenz, um die Ringsgwandl seine, wie er sie nennt, „lausige Operette“ gebaut hat. Ein überwuzelter Berufsjugendlicher, ein abgehalfteter Vorstadt-Rock’n’Roller, der es auch nach xen Jahren nicht aufgibt, auf die große Karriere zu hoffen, aber mit seinem Haberer Tino den ganzen Tag bei dessen Imbissbude rumhängt.

Für seine Angie ist er der Held, für seine Mutter ein Wappler, übertroffen nur von seinem Bruder Ivo, dem glorreichen Diskobesitzer. Jedenfalls, der Ivo geht Pleite, aber der Chuck wohnt in Frau Drehers Wohnung. Und die will sie jetzt zurück, weil Hotel Mama war gestern. Für Angie stürzt eine Welt zusammen, ergo sie sich in die Arme des Oberschurken und Tankstellenpächters Dr. Prittwitz. Ein zwielichtiger Anwalt mit einem mörderischen Rollkommando. Der Rest ist … Showdown. Und die Geschichte eine True Story. Ringsgwandl, der bayrische Punkphilosoph, hat seine Typen alle persönlich gekannt. Damals, in den 1970ern, als man sich im Rubin Club in Karlsfeld noch gepflegt das Hirn wegknallen konnte …

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: © Ernesto Gelles

Das Schwiegermonster zieht wieder ein: Marold und Maleh. Bild: Ernesto Gelles

Rockt den Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Harald Baumgartner

Da bebt der Stadtsaal: Wilfried mit Harald Baumgartner. Bild: Ernesto Gelles

Im Stadtsaal gibt Wilfried Scheutz den Chuck. Und, was soll man sagen?, der Watzmann hat in Wien ernsthafte Konkurrenz bekommen. Es fetzt, dass die – äh – Fetzn fliegen. Weil, der Wilfried kann’s, egal, ob sich Chuck „Obercool“ findet oder erklärt, warum er eine „Soziale Ratte“ ist. Immer noch mit dem charakteristischen Kieks in der Stimme, aber das Bauchgefühl mit den Jahren doch deutlich gewachsen. Und wenn’s mit dem Text einmal nicht so ganz klappt, na bitte, dafür hat der liebe Gott doch das Schubidu erschaffen. Er schwitzt und swingt und schwingt das Tanzbein, letzteres nicht immer total im Takt, aber mit ansteckender Begeisterung. Wilfried, das ist Charme und Schmäh und Scheiß-mi-nix. Weltklasse!

Regisseurin Gabi Rothmüller, eine Zuagraste aus dem Freistaat, hat übrigens, sagt sie, beim Watzmann ihr Herz an Wien verloren, seither unter anderem Severin Groebner und Hosea Ratschiller inszenatorisch betreut, und nun eine astreine Arbeit vorgelegt. Sie hat mit viel Sinn für Nonsense den Ringsgwandl-Spirit und dank der Polka Punks auch dessen Sound umgesetzt; für das Tempo, das sie vorgibt, und das Temperament ihrer Darsteller wird die Stadtsaal-Bühne mitunter fast zu klein. Im Jubel-Trubel geht Eva Maria Marold einmal sogar die Perücke päule. Ein Extraplus gibt’s für die Kostüme, Mutter Drehers pinkfarbener Pomponella, den mutmaßlich ältesten, abgefucktesten Plastikschlapfen der Welt – und wo kriegt man dieses Rock-Benson-Hemd her?

Eva Maria Marold brilliert als Mutter Dreher, die sich manchmal wundersam auch in eine schrille Skater-Fee verwandeln kann. Als erstere verzweifelt sie an ihrer Mutterschaft, besingt das Schicksal, dass ihr „Der verrückte Chromosom“ angedreht hat, als zweitere dreht Frau studierte Sängerin gekonnt auf Soubretten-Modus. Die „Hex‘“ weiß jedenfalls, dass ihr bleder Bua ka Schmusi-Susi, sondern die Gerte braucht, aber die Angie kann das halt nicht. Nadja Maleh macht aus dem Südstadt-Schlampn eine nicht mehr ganz jugendliche Naive im Leopardenleiberl, die das Spitzmausg’sichterl zu allen möglichen Grimassen des Erstaunens verziehen kann. Ihr Antiliebeslied „Nicht die Art von Frau“ ist einer der Höhepunkte des Abends. Marold und Maleh, das sind die Harte und die Zarte, zwei großartige Komödiantinnen, und die Marold rockt das Haus.

Die schrille Skater-Fee will's zum Besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: © Ernesto Gelles

Die schrille Skater-Fee will’s zum besseren richten: Scheutz, Marold und Vitus Vadon am Schlagzeug. Bild: Ernesto Gelles

Zum coolen Hund Chuck kommen der guate Lodsch und die gfeanzte Sau, Harald Baumgartner als hilflos ehrlicher Tino und Titus Vadon, der, weil in dieser Rolle sehr schön sinister, als Dr. Prittwitz nicht nur am Schlagzeug den Takt der Aufführung vorgibt. Erwin Bader, der dritte Polka Punk, spielt den Ivo und andere lebensweise Erscheinungen.

Nun könnt‘ man, apropos Lebensweisheiten, noch viel sagen über das Stück. Über die Lage der Welt am Rande der Gesellschaft und übers Ausrangiertwerden am Arbeitsplatz, über Modernisierungsverlierer und übers Geld, das offenbar immer nur in die gleichen Taschen fließt. Aber der Ringsgwandl selber hat gemeint, man solle sein Werk nicht mit Bedeutung überfrachten. Wörtlich hat er gesagt, er will, „dass man das von irgendwelchen Sinnbeladungen freihält“. In diesem Sinne ein Schlusswort: „Die Tankstelle der Verdammten“ im Stadtsaal ist ein Mordsspaß. Zu sehen bis 3. September.

stadtsaal.com

Wien, 18. 8. 2016