Volkstheater/Bezirke: Emilia Galotti

April 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Intrigant und die Blutspur an der Wand

Marinelli und der sterbende Appiani: Peter Fasching und Dominik Jedryas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zum Schluss endlich gewanden sich die Herrschaften in die Rokoko-Röcke, setzen jene Perücken auf, die das Stück zeitlich vorgibt. 1772, Emilia Galotti. Zuvor zeigt sich Lessings bürgerliches Trauerspiel aber in aktueller Optik, und es ist die große Kunst von Regisseur Lukas Holzhausen, den originalbelassenen Text sprechen zu lassen, als ob er ein modernes Drama wäre. Ein Bravo dafür! Emilia Galotti, 2018 im Volkstheater in den Bezirken.

Da wird vieles im weiß tapezierten Bühnenbild nur durch Andeutungen klar gemacht, man agiert anfangs, als ginge einen das bevorstehende Drama gar nichts an, doch brechen sich erst die Gefühle Bahn, gibt es im Wortsinn ein Hauen und Stechen, das mit der (Selbst-)vernichtung der Familie Galotti endet. Deren Emilia begehrt Prinz Gonzaga, doch will sie den Grafen Appiani ehelichen, also schnell ein paar Mörder für den Zukünftigen gedungen, die Schöne aufs Lustschloss entführt, und …

Kammerherr Marinelli spinnt die Kabale, und Schauspieler Peter Fasching tut sich in dem Interview selbst Unrecht, in dem er sich den Antagonisten der Vorlage nennt. In Holzhausens Interpretation des Stoffes ist er der Hauptakteur, der Aktive in einer Gruppe passiv Abwartender. Er spinnt die Fäden, und niemals weiß man, ob das Unheil Zufall, Schicksal oder sein Marinelli war, der über die von ihm verhasste Welt hereinbricht. Denn Fasching spielt einen Buckelnden, der die Nähe zur Macht sucht, weil er aus ihr Nutzen ziehen kann, und dabei doch den Mächtigen zutiefst verachtet.

Der Prinz Gonzaga begehrt Emilia Galotti: Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vater und Tochter: Günther Wiederschwinger und Marlene Hauser. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Mutter durchschaut den Mörder: Martina Spitzer und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser, der Prinz, wird von Jan Thümer dargestellt. Von Anfang an steht er wie ein Schatten über dem Stück, sucht mit nacktem Oberkörper Ersatz für seine abgelegte Geliebte, und weist im Tonfall eines ennuyierten, verbrecherischen Aufsichtsratsvorsitzenden seinen Untergebenen zurecht. Selbst die Türen sind seiner Hoheit zu niedrig, Holzhausen hat da mit Witz inszeniert, das Herzstück seiner Arbeit die Auseinandersetzungen des Fürsten mit Marinelli, zwei Männer, die sich aneinander reiben, dass kaum Platz für anderes bleibt.

Und da ist die gute Gegenseite: Günther Wiederschwinger als rechtschaffener Odoardo Galotti, Marlene Hauser als Tochter Emilia und Martina Spitzer als Mutter Claudia, die schon beim Gedanken an den Prinzen in Wallung gerät, bis sich das Böse offenbart, und sie die Mordsgeschichte hinter der Räuberpistole erkennt. Spitzer vor allem scheint mit Verve Holzhausens Ideen zum Stoff umzusetzen, wie sie ob der Wahrheit zaudert, zankt, zerstört wird, und auch Max Reinhardt-Seminar-Studentin Hauser spielt eine, die anfangs den Galanterien des Prinzen durchaus zugetan ist.

Was wenig verwundert, gibt Dominik Jedryas doch einen temperamentslosen Bräutigam mit Leierstimme. Das Ensemble rundet Katrin Grumeth ganz wunderbar als ordinäre Gräfin Orsina ab. Das Ganze endet wie vorgegeben. Der Intrigant schleift den sterbenen Appiani über die Wand, bis von diesem nur eine Blutspur übrigbleibt, Emilia zwingt ihren Vater zum assistierten Suizid. Mag man sagen, leicht ist das alles nicht, so wartet doch auf die Bezirke eine bemerkenswerte Aufführung, der man viele Zuschauer wünscht. Bei der Premiere im Volx/Margareten war der Jubel jedenfalls groß.

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  1. 4. 2018

Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

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  1. 9. 2017

Ursula Strauss im MuTh

Februar 13, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Marlene – echt schräg!

Klemens Bittmann, Matthias Bartolomey, Ursula Strauss Bild: MuTh

Klemens Bittmann, Matthias Bartolomey, Ursula Strauss
Bild: © U. Strauss – J. Degraa; © Bart.Bittmann – M.Parovsky

Ursula Strauss und das Duo BartolomeyBittmann gastieren am 17. 2. im MuTh. Strauss fungiert als Erzählerin und Sängerin: Sie liest Auszüge aus Maria Rivas Buch „Meine Mutter Marlene“ und interpretiert einige der bekanntesten Lieder der Dietrich, wie etwa „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Die Biographie der Tochter Marlene Dietrichs über ihre Mutter gewährt einen umfassenden Einblick in das an beruflichen wie amourösen Abenteuern reiche Leben der Leinwandgöttin. Ergänzt werden die Strauss´schen Ausführungen mit kraftvollen Klangbildern des Duos BartolomeyBittmann – ein mitreißendes Zusammenspiel von Cello, Geige und Mandola – hier werden Spontanität und Improvisation der Jazzästhetik mit kraftvoll rockenden Elementen verbunden. Eine lustvolle, musikalische Entdeckungsreise abseits konventioneller musikalischer Pfade.

Der Ausstrahlung der Dietrich konnte sich schon zu Lebzeiten kaum einer entziehen, und auch posthum bleibt das Publikum gleichermaßen fasziniert und schockiert von Leben und Persönlichkeit dieser Jahrhundertschauspielerin. Genügend „Stoff“ um einen in jeder Hinsicht spannungsreichen Abend zu gestalten: Für Ursula Strauss und das Duo BartolomeyBittmann bietet Marlene Dietrich eine Projektionsfläche um schauspielerisch, gesanglich aber auch musikalisch alles zu geben um dieser Legende gerecht zu werden.

Die Liebe und der Respekt vor dem Klang ihrer Instrumente sowie die Lust am gemeinsamen Entwickeln der damit möglichen neuen Klangbilder hat das Duo BartolomeyBittmann zusammengeführt um im Zusammenspiel von Cello, Geige und Mandola ihr stark in der klassischen Musiktradition verankertes Instrumentarium auf einen neuen Weg zu führen. Mit Spontanität und Improvisation der Jazzästhetik werden groovende zu kraftvoll rockenden Elementen verbunden.

www.muth.at

Wien, 13. 2. 2015

Belvedere: Berlin ist eine Frau

März 19, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Annika Krump singt Berliner Chansons

aus zehn Jahrzehnten

Annika Krump, Berlin ist eine Frau © George Steffens

Annika Krump, Berlin ist eine Frau © George Steffens

Passend zur Ausstellung „Wien – Berlin. Kunst zweier Metropolen“ bringt die Sängerin, Akkordeonistin und Performancekünstlerin Annika Krump am 19. März in der Marmorgalerie des Unteren Belvedere Berlinerisches frei Schnauze zu Gehör. Krumps neues Programm  ist eine Zeitreise durch ein Jahrhundert Berlin.

Anhand der zwölf spannendsten Frauen der Popmusik von 1912 bis heute erzählt sie mit Chansons von Claire Waldoff, Blandine Ebinger, Lotte Lenya, Marlene Dietrich, Hildegard Knef, Nina Hagen, Nena, Eva-Maria Hagen, Palma Kunkel, Georgette Dee, Judith Holofernes und aktuellen eigenen Texten die Geschichte Berlins zwischen Weimarer Republik, Weltwirtschaftskrise und Mauerbau bis zur Wiedervereinigung.

www.belvedere.at

Wien, 19. 3. 2014

mumok: Die Gegenwart der Moderne

März 17, 2014 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Und ein Overpainted-Workshop „Street Art“

mit Marlene Hausegger

Bild: Marlene Hausegger

Bild: Marlene Hausegger

Hat das große utopische Projekt der Moderne noch Aktualität? Was für ein Potenzial für nachfolgende Generationen und GegenwartskünstlerInnen liegt darin? So fragt das mumok mit der Sammlungspräsentation Die Gegenwart der Moderne. Seit 14. März 2014 stehen zentrale Werke der klassischen Moderne, die frühen Abstrakten und zentrale Arbeiten der Futuristen den Avantgarden der frühen 1960er-Jahre, der Post-Minimal-Art und zeitgenössischen Beiträgen von Isa Genzken über Christopher Wool bis zu Simon Starling gegenüber. In dieser Konfrontation wird abermals deutlich, dass das visuelle Repertoire der Moderne bis heute immer wieder neu ausgelotet wird. Den Strategien, mit denen sich jüngere Generationen zur Formensprache der Moderne in Bezug setzen, wird in der Präsentation genauso Raum gegeben wie den großen Themen der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.

Mit etwa 150 Werken umfasst die Neuaufstellung Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Filme und Architekturmodelle. Wichtige Neuerwerbungen und Schenkungen des letzten Jahres sind in die Präsentation einbezogen – etwa Arbeiten von Tom Burr, Judith Hopf, David Maljkovic oder Carolee Schneemann. Ausgesuchte Leihgaben ergänzen die Ausstellung. Zentrale Themen der Neuaufstellung sind Architektur und urbanes Leben sowie Design und Konstruktion. Sie lassen sich von der Moderne – von Albert Renger-Patzsch über László Moholy-Nagy zu Friedrich Kiesler – bis zu Walter Pichler oder Mary Ellen Carroll in die Gegenwart verfolgen. Mit dem im mumok kino gezeigten Film Empty the Pond to Get the Fish (2008) gibt Runa Islam das Ausstellungsthema paradigmatisch vor: Vor der Kulisse der modernistischen Architektur des 20er Hauses, in dem das mumok 1962 als Museum des 20. Jahrhunderts eröffnet wurde, beschreibt sie filmisch die Hauptwerke der klassischen Moderne aus dem Sammlungsbestand.

Seltener gezeigte Werke, wie eine Auswahl an Zeichnungen von Josef Hoffmann oder Architekturmodelle von Adolf Loos, Le Corbusier oder Fritz Wotruba, sind neben Klassikern der mumok Sammlung anzutreffen. In der Verschränkung der älteren mit den jüngeren Generationen sind zahlreiche österreichische Positionen zu finden, darunter Arbeiten von Arnulf Rainer, Marc Adrian, Dorit Margreiter, Florian Pumhösl oder Anna Artaker. Die produktive Auseinandersetzung mit den Themen der Moderne zeigt der Film Black Drop (2012) von Simon Starling, der einen Planetendurchgang der Venus im historischen Kontext von Darstellungs- und Aufzeichnungsmöglichkeiten analysiert. Er greift damit ein Thema auf, das die Futuristen mit Giacomo Ballas Merkur zieht an  der Sonne vorbei, gesehen durch ein Fernrohr (1914), einem Hauptwerk des mumok, als große Vision der Moderne malerisch interpretierten.

Beispielhaft für die Gattungsüberschreitungen in der zeitgenössischen Kunst ist John Baldessaris Arbeit Color Corrected Studio (with Window) von 1972 bis 1973. Darin überträgt er die für den Maler Piet Mondrian typische Strukturierung seiner Gemälde in Horizontale und Vertikale auf das Fenster seines Ateliers in Kalifornien. Baldessari  übersetzt mit dem Color Corrected Studio Fragestellungen aus der Malerei, dem unbestrittenen Leitmedium der Moderne, in Architektur und Fotografie. Aber auch die Bedeutung von Piet Mondrian als großem Universalisten und Vordenker der Moderne wird mit Baldessaris humorvoller Aneignung neu interpretiert.  Der um die Jahrhundertwende aufkommende neue Ausdruckstanz wird in der Ausstellung Die Gegenwart der Moderne mit Beispielen aus der Fotografie im Kontrast mit Entsprechungen in der Malerei des Expressionismus gezeigt. Die Bedeutung des tanzenden Körpers für die Gegenwartskunst erweist sich beispielhaft in Katarzyna Kozyras Filminstallation Rite of Spring (1999), einer choreografischen Paraphrase von Igor Strawinskis Le Sacre du printemps. Die Maske als das zweite Gesicht ist ein Motiv und Thema, das sich vom 19. Jahrhundert bis in die Moderne zieht. Besonders die Surrealisten konnten dem viel abgewinnen, wie Beispiele von Joan Miró oder Max Ernst zeigen. Aber auch für GegenwartskünstlerInnen hat die Auseinandersetzung mit dem Spiel der Masken nicht an Faszination verloren. In ihrer neuen, bei der dOCUMENTA 13 gezeigten Arbeit greift auch Judith Hopf diese Thematik auf.

Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit dem institutionellen Rahmen der Moderne. So wird etwa Jörg Immendorffs legendäres Musée d’art moderne (1989) von anderen Blicken auf das 20. Jahrhundert konterkariert. Anna Artaker etwa überschreibt in Unbekannte Avantgarde (2008) die Bilder der großen, männlichen Heroen mit Bildern der verleugneten Frauen der Moderne. Ob formale oder inhaltliche Referenz, die Neupräsentation der mumok Sammlung  verfolgt die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart. Im Spiegel der jüngsten Arbeiten aus dem Bestand des mumok erweist sich die Moderne erneut als noch immer aktueller Bezugsrahmen.

Overpainted-Workshop Street Art mit Marlene Hausegger

Für junge Menschen ab 14 Jahren

Donnerstag, 20. März 2014, 18–21 Uhr, freie Teilnahme

Straßenkunst mal anders. Die in Wien lebende Installationskünstlerin Marlene Hausegger (geb. 1984 in Leoben) lässt sich von der Stadt faszinieren und inspirieren. Mit Kreide, Klebeband oder anderen Materialien und Objekten schafft sie mit viel Witz und Ironie Interventionen im öffentlichen Raum: Zahnbürsten bekommen Sprechblasen, ein Zebrastreifen wird zum Zebra und eine Häuserwand zum Puppenhaus. Im Overpainted-Workshop zeigt sie, wie man durch kleine Verfremdungen große Veränderungen bewirkt.

Anmeldung unter: T +43-1-52500-1313 oder overpainted@mumok.at

www.mumok.at

Wien, 17. 3. 2014