Theater in der Josefstadt: Die Strudlhofstiege

September 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Totentanz des letzten Überlebenden

Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré, Martin Vischer als René von Stangeler, Igor Kabus als Fraunholzer, Marlene Hauser als Thea, Alma Hasun als Paula Pichler, Alexander Absenger als Honnegger, Dominic Oley als Eulenfeld, Pauline Knof als Etelka von Stangeler und Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann. Bild: Sepp Gallauer

Mit einer Hommage an Heimito von Doderer starten die Wiener Theater in die neue Saison. Bevor kommende Woche Anna Badora am Volkstheater eine Franzobel-Bearbeitung von dessen „Merowingern“ auf die Bühne heben wird, hatte gestern am Theater in der Josefstadt ein weiteres von Doderers „berühmten ungelesenen Büchern der Weltliteratur“ Premiere. So zumindest nennt Nicolaus Hagg „Die Strudlhofstiege“, er, der als Autor für jene Dramatisierung des 900-Seiten-Romans verantwortlich zeichnet, die nun an der Josefstadt uraufgeführt wurde.

Hagg ist ausgewiesener Doderer-Experte. Für die Festspiele Reichenau war er 2009 schon einmal mit dem Monumentalwerk befasst, später auch mit Doderers „Die Dämonen“. Was ihm nun bei der neuerlichen Beschäftigung mit der „Strudlhofstiege“ gelungen ist, ist die Verdichtung der Verdichtung. Hagg macht aus der Vielzahl der raffiniert ineinander verflochtenen, von Zeitsprüngen durchbrochenen, oftmals schwer zu überblickenden Erzählstränge ein konzentriertes Kammerspiel mit etwa einem Dutzend Charakteren, Miniaturen, die er bis ins Detail ausgearbeitet hat. Heißt: Hagg folgt der Vorlage zwar in der Skizzenhaftigkeit ihrer Szenen, versteht es aber gleichzeitig, die eigentliche Handlungsarmut des Buchs bei gleichzeitiger permanenter Innenschau der Figuren stilistisch nachzuformen.

Zusätzlich bedient er sich eines Kniffs, einer Vorblende, mit der er gleichsam genialisch auf das Erscheinungsjahr des Textes, 1951, verweist, und ergo auf Doderers zwischen den Zeilen verborgenes Wissen, auf welch Grauen nach den Romanjahren 1910/11 und 1923/1925 seine Protagonisten zusteuern. Hagg schlägt die Brücke von der Hurra-schreienden Gewaltmentalität anno k.u.k. zum Nationalsozialismus und Doderers eigener NSDAP-Verstrickung. Und so begegnet man Major Melzer, Amtsrat in der Tabakregie, im Jahr 1945. Die Offiziersuniform ist Wehrmacht, Melzer nunmehr Überlebender zweier Weltkriege, ein schwerst Traumatisierter, der die Vergangenheit zum Totentanz bittet. Grete Siebenschein im Konzentrationslager ermordet, Mary K. ebenfalls abgeholt, René von Stangeler Selbstmord aus Überdruss, erfährt man, die ganze Geschichte wie ein Wettlauf zum Tode, bei dem Etelka von Stangeler bekanntlich als erste ankam.

Ein (lebens)müder Melzer und sein guter Geist: Ulrich Reinthaller und Roman Schmelzer als gewesener Major Laska. Bild: Sepp Gallauer

Eine überdrehte Etelka von Stangeler tanzt in ihren Untergang: Pauline Knof und Alexander Absenger als Teddy von Honnegger. Bild: Sepp Gallauer

In der wie stets sensiblen, zartfingrigen, atmosphärisch starken Regie von Janusz Kica gestaltet Ulrich Reinthaller einen Melzer in Stasis. Alles an diesem Mann ist erstarrt, versteinert, reglos geworden. Reinthaller spielt das wie in Trance, der ohnedies entscheidungsunfähige, durchs Dasein mäandernde Melzer wird bei ihm endgültig zur Blassheit in Person, einer, der zum Schluss nicht einmal plausibel machen kann, ob er tatsächlich die Waffe gegen sich richtet oder nicht. Zum Zwiegespräch, zum laut gesprochenen Gedankenaustausch, stellt ihm Hagg den gewesenen Major Laska zur Seite, Roman Schmelzer als im Ersten Weltkrieg gefallener Freund, der Figuren wie Publikum als (guter) Geist durch die Geschehnisse begleitet und Erinnerungen auffrischt.

Dies eine durchaus nützliche Funktion, fühlt man sich zwischen den aneinandergereihten Momenten mitunter doch ein wenig alleine gelassen, mit einem „Wie war?“ und „Wer war?“ im Kopf, Fragen, auf die Schmelzers Laska Antwort weiß. Ist der von Editha Pastré eingefädelte Tabakregie-Betrug die Rückblende, an der Hagg am stärksten interessiert scheint, so führt er neben Melzer René von Stangeler als zweiten Hauptcharakter ein, Doderers Alter Ego, den Hausneuzugang Martin Vischer mit einer Fahrigkeit, fast Verwirrtheit ausstattet, die sein Ende schon vorwegnimmt. Seinen ihn beständig demütigenden Vater, Oberbaurat von Stangeler, gibt Michael König mit der ganzen Dominanz eines Patriarchen.

Als Etelka von Stangeler lechzt Pauline Knof gekonnt nach Freiheit und Freizügigkeit, belässt ihre Figur dabei aber so weit im Gutbürgerlichen, dass man ihr die Schwesternschaft zu Swintha Gersthofers Asta deutlich ansieht. Igor Kabus versucht als Etelkas Geliebter Robby Fraunholzer mit deren Eskapaden mitzuhalten. Matthias Franz Stein trägt als Etelkas Ehemann, Konsul Grauermann, sein Schicksal mit Würde und ab und an mit trockenem Humor. Alma Hasun ist eine sympathisch zupackende Paula Pichler, Marlene Hauser eine zu Herzen gehende Thea.

Zwei der besten darstellerischen Leistungen: Silvia Meisterle als Editha/Mimi Pastré und Dominic Oley als Rittmeister von Eulenfeld. Bild: Sepp Gallauer

Überzeugend in ihrem Spiel: Matthias Franz Stein als Konsul Grauermann, Alexander Absenger als Honnegger und Martin Vischer als René von Stangeler. Bild: Sepp Gallauer

Bleibt das Dreigestirn der Leicht- und Schnelllebigkeit, und damit die drei herausragenden Leistungen dieser Aufführung: Silvia Meisterle, die es meisterhaft versteht, den „Duplizitätsgören“, der „bösen“ Editha und der „braven“ Mimi Pastré, Kontur zu verleihen, und Dominic Oley und Alexander Absenger, die als schlitzohrig-spitzbübische Salonlöwen Rittmeister von Eulenfeld und Teddy von Honnegger immer wieder dafür sorgen, dass der Abend nicht an Fahrt verliert.

Die sinistren sind eben die dankbarsten Rollen und ihnen hat Hagg die besten von Doderers distanziert-ironischen Sätzen mundgerecht aufbereitet, vieles klingt da wie für diese Tage geschrieben, Seitenhiebe auf Politik und Wirtschaftsinteressen, in geschliffener Sprache und voll Wortwitz.

Nach zweieinhalb Stunden ist Ulrich Reinthallers Melzer wieder in seiner 1945er-Gegenwart angelangt und erhebt Klage gegen jene, die zu Hakenkreuze krochen, die den Heiland gegen’s Heil! eintauschten, der Tod von Millionen, und der tote Laska verzeiht ihm nicht, dass er, der schon „ein Mensch“ war, sich wieder zum Soldaten machen hat lassen. Aber ach, Melzer und der ewige Umstand, dass er „eine selbständige Art zu existieren überhaupt noch nicht besessen hat …“

Derart wird „Die Strudlhofstiege“ in der belesenen Bearbeitung von Nicolaus Hagg und der behutsamen Inszenierung von Janusz Kica zur Österreich-Elegie, zur Antenne für eine Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung, die schon wieder um sich greift. „Wohin geht eine Welt, wenn sie untergeht? Wohin weicht ihr Urgrund? Oder härtet er vielleicht aus in den Menschen, die den Untergang durchleben?“, fragt Nicolaus Hagg. Mit ihrer Saisonauftakt-Premiere beweist die Josefstadt jedenfalls, dass sie gewillt ist, ihr striktes Eintreten für Humanismus und Empathie mit dem Programm 2019/20 fortzusetzen.

Nicolaus Hagg im Gespräch über Doderers Dämonen: www.mottingers-meinung.at/?p=20209

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=4&v=EKGIY-0nfxM

www.josefstadt.org

  1. 9. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Falsch

März 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dämonischer Totentanz im dichten Theaternebel

Im Wortsinn eine Familienaufstellung: Barbara Gassner, Jakob Schneider, Florentin Groll, Katalin Zsigmondy, Thomas Kolle, Franz Xaver Zach und Marlene Hauser. Bild: © Marcel Köhler

Die Atmosphäre beim Eintritt in den Spielort – gespenstisch. Finsternis, die Schauspieler nur Schemen, dichte Nebelschwaden wabern durch den Raum, so dass die Zuschauertribüne fast nicht zu finden ist, also auf!, unsicheren Schrittes, denn der symbolisch ausgebreitete Ascheboden ist weich und uneben … Später werden Neonstäbe das Spiel erhellen, doch kein Licht ins Dunkel bringen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich vorgenommen, enigmatisch zu bleiben.

„Falsch“ heißt das Stück des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, geschrieben 1980, ein Jahr bevor er jung an Lungenkrebs starb, und es ist das unschätzbare Verdienst von Hausherr Frederic Lion diese wichtige Stimme für Wien wiederentdeckt zu haben. Dass er „Falsch“ im Theater Nestroyhof Hamakom als österreichische Erstaufführung zeigt, ist kaum zu glauben, und dennoch; in Frankreich haben die Brüder Dardenne den Stoff bereits 1986 verfilmt. Kalisky, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Vaters, entwirft hier ein surreales Szenario, Untote, die im Hamakom durch den von Andreas Braito geschaffenen Raum geistern, um das letzte gelebt habende Familienmitglied in ihren Kreis aufzunehmen.

Dieses heimgekehrte „Kind“, Josef, Joe, stürzt in New York aufs harte Pflaster, ob das Folgende Komatraum oder schon das Sterben ist, entschlüsselt sich nicht, hält Kalisky in seinen hybriden Welten doch an der Nichtendgültigkeit des Todes fest, ein Trauma erleidet Joe jedenfalls – denn als er aufwacht, in einer Nicht-Zeit, an einem Nicht-Ort, ist er umringt von der Verwandtschaft, die ihm bescheidet, es sei Berlin 1938. In einer dämonischen Tanzbar, mit Tomas Kolle an den Turntables, entwickelt sich nun eine erbarmungslose Generalabrechnung über Schuld und den Schutt verblasster Erinnerungen und die Realitätsverweigerung derer, die „vergessen, was sie vergessen wollen“.

Die Tante als Vaters Geliebte, die Mutter hat’s immer gewusst: Barbara Gassner und Florentin Groll. Bild: © Marcel Köhler

Die Brüder Joe und Gustav sind sich uneins in ihren Erinnerungen: Franz Xaver Zach und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Frederic Lion, zurückhaltend im szenischen Zugriff, hat Kaliskys großangelegtes Werk klug auf seine Essenz reduziert, hat den poetisch-brutalen Text in der ihm typischen Sprödheit inszeniert, ohne Schmus, ohne Sentiment, weil er immer dort, wo dies möglich gewesen wäre, auf Distanz zum Geschehen geht – doch gerade dadurch schafft er Momente einer Zerbrechlichkeit, eine Dünnhäutigkeit, ein Erspüren-Können von Vernichtung, das berührt und betroffen macht. Die sich versammelt haben, und nomen est omen, sind „die Falschs, die in die Geschichte des Jahrhunderts mehr tot als lebend eingegangen sind“:

Vater Jakob (Florentin Groll), Mutter Rachel (Katalin Zsigmondy), Tante Minna (Barbara Gassner), die in den Konzentrationslagern gestorben sind. Die beiden Brüder Georg und Gustav (Jakob Schneider und Thomas Kamper), die 1938 mit Joe (Franz Xaver Zach) nach New York emigriert waren, der jüngste, Benjamin (Thomas Kolle), der ebenfalls ermordet wurde. Und auch Lilli (Marlene Hauser) hat sich eingefunden, Joes Jugendliebe, die bei der Bombardierung Berlins umgekommen ist. Im Zwischenreich des Nachtlokals hat man nun beschlossen, einander die Wahrheiten – oder was man dafür hält – zu sagen.

Übers „Desertieren“ aus Deutschland, übers Überleben in Tagen, als in Berlin statt der Linden die Wachtürme die Schatten geworfen haben, übers Nicht-Leben-Können zwischen judenrein und „Juden raus!“. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater damals nicht zum Aufbruch gedrängt? Warum wurden daher so viele in der Familie Opfer des Holocausts? „Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, ist die schlichte Begründung, einer der zahlreichen bemerkenswerten Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Minnas Liebesaffäre zu Jakob wird aufgedeckt, die immer noch währende Eifersucht Rachels, Bens Verbitterung, wenn er den Brüdern aus den USA entgegenschreit „Ihr stinkt nach Leben!“, die Tatsache, dass Gustav, der so gern ein Broadway-Star geworden wäre, nur Wehrmachtsoffizier im Film sein durfte. Dies dafür 45 Mal.

Das letzte gemeinsame Sabbatfest eskaliert auch in der Wiederholung: Thomas Kolle, Marlene Hauser, Jakob Schneider und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Und während das letzte gemeinsame Sabbatfest wiederholt wird, Rachel Lilly als Nazi-Kind beschimpft und sogar posthum von der Tafel verstößt, die Existenzen in Übersee sind als mit Kokain und im Hudson River beendet entpuppen, hält das großartige Ensemble bei seiner Darstellung der Falschs wunderbar die Waage zwischen absurd, abstrakt und abgrundtief zärtlich zueinander. Gewalt und deren Schilderung folgt auf grausame Vorwürfe folgen auf grenzenlose Liebe.

In ihrem Nachruf schrieb LeMonde über Kalisky „alles ist Ironie, clownesk, großes metaphysisches Konzert in dieser unvollendeten Arbeit, die er uns hinterlässt“. Dem ist angesichts des Abends im Hamakom nichts hinzuzufügen, außer, wie beeindruckend er ist, zu Zeiten, da der Begriff Erinnerungskultur immer mehr zum bizarr-populistischen Modewort wird.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dCBtQl8nGz0

www.hamakom.at

  1. 3. 2019

Volkstheater/Bezirke: Emilia Galotti

April 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Intrigant und die Blutspur an der Wand

Marinelli und der sterbende Appiani: Peter Fasching und Dominik Jedryas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zum Schluss endlich gewanden sich die Herrschaften in die Rokoko-Röcke, setzen jene Perücken auf, die das Stück zeitlich vorgibt. 1772, Emilia Galotti. Zuvor zeigt sich Lessings bürgerliches Trauerspiel aber in aktueller Optik, und es ist die große Kunst von Regisseur Lukas Holzhausen, den originalbelassenen Text sprechen zu lassen, als ob er ein modernes Drama wäre. Ein Bravo dafür! Emilia Galotti, 2018 im Volkstheater in den Bezirken.

Da wird vieles im weiß tapezierten Bühnenbild nur durch Andeutungen klar gemacht, man agiert anfangs, als ginge einen das bevorstehende Drama gar nichts an, doch brechen sich erst die Gefühle Bahn, gibt es im Wortsinn ein Hauen und Stechen, das mit der (Selbst-)vernichtung der Familie Galotti endet. Deren Emilia begehrt Prinz Gonzaga, doch will sie den Grafen Appiani ehelichen, also schnell ein paar Mörder für den Zukünftigen gedungen, die Schöne aufs Lustschloss entführt, und …

Kammerherr Marinelli spinnt die Kabale, und Schauspieler Peter Fasching tut sich in dem Interview selbst Unrecht, in dem er sich den Antagonisten der Vorlage nennt. In Holzhausens Interpretation des Stoffes ist er der Hauptakteur, der Aktive in einer Gruppe passiv Abwartender. Er spinnt die Fäden, und niemals weiß man, ob das Unheil Zufall, Schicksal oder sein Marinelli war, der über die von ihm verhasste Welt hereinbricht. Denn Fasching spielt einen Buckelnden, der die Nähe zur Macht sucht, weil er aus ihr Nutzen ziehen kann, und dabei doch den Mächtigen zutiefst verachtet.

Der Prinz Gonzaga begehrt Emilia Galotti: Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vater und Tochter: Günther Wiederschwinger und Marlene Hauser. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Mutter durchschaut den Mörder: Martina Spitzer und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser, der Prinz, wird von Jan Thümer dargestellt. Von Anfang an steht er wie ein Schatten über dem Stück, sucht mit nacktem Oberkörper Ersatz für seine abgelegte Geliebte, und weist im Tonfall eines ennuyierten, verbrecherischen Aufsichtsratsvorsitzenden seinen Untergebenen zurecht. Selbst die Türen sind seiner Hoheit zu niedrig, Holzhausen hat da mit Witz inszeniert, das Herzstück seiner Arbeit die Auseinandersetzungen des Fürsten mit Marinelli, zwei Männer, die sich aneinander reiben, dass kaum Platz für anderes bleibt.

Und da ist die gute Gegenseite: Günther Wiederschwinger als rechtschaffener Odoardo Galotti, Marlene Hauser als Tochter Emilia und Martina Spitzer als Mutter Claudia, die schon beim Gedanken an den Prinzen in Wallung gerät, bis sich das Böse offenbart, und sie die Mordsgeschichte hinter der Räuberpistole erkennt. Spitzer vor allem scheint mit Verve Holzhausens Ideen zum Stoff umzusetzen, wie sie ob der Wahrheit zaudert, zankt, zerstört wird, und auch Max Reinhardt-Seminar-Studentin Hauser spielt eine, die anfangs den Galanterien des Prinzen durchaus zugetan ist.

Was wenig verwundert, gibt Dominik Jedryas doch einen temperamentslosen Bräutigam mit Leierstimme. Das Ensemble rundet Katrin Grumeth ganz wunderbar als ordinäre Gräfin Orsina ab. Das Ganze endet wie vorgegeben. Der Intrigant schleift den sterbenen Appiani über die Wand, bis von diesem nur eine Blutspur übrigbleibt, Emilia zwingt ihren Vater zum assistierten Suizid. Mag man sagen, leicht ist das alles nicht, so wartet doch auf die Bezirke eine bemerkenswerte Aufführung, der man viele Zuschauer wünscht. Bei der Premiere im Volx/Margareten war der Jubel jedenfalls groß.

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018

Volkstheater: Iphigenie in Aulis / Occident Express

September 9, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Planschbecken im Schnürlregen

Haifa und ihre Fluchtsouffleure: Henriette Thimig (re.) mit Anja Herden, Sebastian Pass, „Iphigenie“ Katharina Klar, Jan Thümer, Rainer Galke und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Volkstheater-Direktorin Anna Badora eröffnet die Saison mit ihrer Inszenierung von „Iphigenie in Aulis / Occident Express“, und bewegt dabei mehr Wassermassen als Moses am Ufer des Roten Meers. Was den Abend doppelt spannend macht: Sebastian Pass, Neuzugang am Haus, stellt sich in der Rolle des Odysseus vor – ein extravaganter Schauspieler mit einprägsamer Stimme, der sich mit seiner kauzigen Spielart perfekt ins Ensemble einfügt.

Und: Die wunderbare Henriette Thimig, Tochter des großen Hans Thimig, ist erst als Agamemnons alter Bote, dann in der Rolle der Flüchtlingsfrau Haifa zu sehen. Badora erzählt in ihrer Aufführung vom Krieg. Von den einen, die unbedingt hinwollen, und von den anderen, die dringend wegwollen. Flaute und Flucht, sozusagen. Sie verwendet dazu Soeren Voimas Euripides-Überschreibung und nach der Pause den Text von Stefano Massini, als wär‘ er eine Fortschreibung der Antike in die Gegenwart, die Odyssee der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, die es an immer neue Küsten wirft, wo Gefahr lauert – und Menschenrechtsverletzung.

Für die „Iphigenie“ legt Bühnenbildner Damian Hitz ein großes Wasserbecken als quasi Meeresbucht an. Die Griechen sind alles andere als reif für die Insel, man fadisiert sich, Jan Thümer als Achilleus dreht seine Joggingrunden schon bevor es losgeht. Es muss Bewegung in den Stillstand. Die kommt auf – man kennt die Geschichte -, als der Seher Kalchas die Opferung von Agamemnons Feldherrentochter fordert. Mit der Jungfrau zum Winde. Odysseus/Pass, die unzähligen Kriegsorden auf den Oberkörper gemalt, verbeißt sich in die Idee, gilt es doch das Heer mit dieser Geste ruhig zu halten.

Und so wird die Hinschlachtung zur Staatsräson. Der Griechen Recht und Würde, man kann beim besten Willen nicht mehr aus, das ist eine höhere Logik, hat man doch selbst die Massen kriegsverhetzt. Blut muss fließen in dieser Machowelt, und das Pathos, und das wird es auch, wenn sich Iphigenie am Ende in den Selbstaufopferungsmodus begibt. Das Leiden der High Society an ihrer eigenen Wichtigkeit, tja, bei Massini dann dessen Auswirkungen auf „das Volk“, das nackte Elend der Kriegsopfer.

Menelaos und Agamemnon im Infight mit nassen Handtüchern: Lukas Holzhausen und Rainer Galke. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Klytaimnestra flirtet mit Odysseus: Anja Herden mit dem neuen Ensemblemitglied Sebastian Pass. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Als Atriden treten an: Rainer Galke als Agamemnon, ein auf Kothurnen wankender, wankelmütiger Gemüts- und Familienmensch am Rande des Nervenzusammenbruchs, kriegsmüde schon bevor der noch begonnen hat. Lukas Holzhausen als kühl berechnender Menelaos, als unerbittlicher Gehörnter, der selbst über die Leiche seiner Nichte seine Ehre wiederhergestellt sehen will, war doch die Helena-Entführung ein „Angriff auf die Heimat“.

Die beiden sind geübt im verbalen wie im körperlichen Infight. Man jagt sich tatsächlich mit nassen Handtüchern, „Du kotzt mich an“, sagt der eine Bruder zum anderen. Überhaupt tobt bald die Wasserschlacht, man stolpert, fällt, wirft sich verzweifelt ins oder badet vergnügt im Bühnennass, bald ist kein Kostüm mehr trocken.

Anja Herden gibt, ganz Königin, eine stolze, selbstbewusste Klytaimnestra, die die Demokratie (!) um Hilfe anruft, Katharina Klar eine naive Iphigenie, die froh wäre, wäre der „Scheißkrieg“ aus und Papa wieder zu Hause. Thümer macht dazu den ungehobelten, aber seine Ehre hochhaltenden Achilleus.

Dazu gibt es einen kriegslustigen Girlgroup-Chor: Nadine Quittner, Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml und Maren-Sophia Streich. Voima hat exklusiv für das Volkstheater dessen Text geschrieben; der Chor ist angesicht der zahlreichen Recken ganz glücklich darüber, dass es endlich „Männer gibt, so weit das Auge reicht“, und preist das Traumpaar Achilleus und Iphigenie. Das Ende ist abrupt – und ohne Hirschkuh.

Nach der Pause dann ein beinah leeres Becken, aber Dauerregen. Stefano Massini schildert die Flucht einer alten Frau aus Mossul mit ihrer Enkelin, unterwegs kommen noch drei Waisenkinder dazu. Es geht über die Balkanroute zu Fuß, in Bussen, auf Booten, und überall Demütigung und die Ansage, eine „Alte“ werde gar nicht erst mitgenommen, weil: nur Probleme. Man schafft es dennoch nach Schweden. Massini enttarnt einerseits die kollektiv-westliche Vorstellung von Flüchtlingen, andererseits den von staatlichen Stellen oder NGOs nach der jeweiligen Befindlichkeit und den jeweils anderen Beweggründen gewobenen Flüchtlingsmythos.

Als Kollektiv treten auch die Schauspieler auf. Sie soufflieren Henriette Thimig als Haifa ihre Erlebnisse, reporten ihren „Fall“, frischen ihre Erinnerungen auf. Sie sind wie ein antiker Chor, der der Protagonistin zur Seite steht. Der sich in mangelnder Solidarität befehdet, und dann doch wieder zusammenhält. Als ein Schlaflied verlangt wird, erscheint noch einmal die Girlgroup mit ihrem Traumpaar-Song. So verschränken sich die beiden Teile ineinander. Und wieder gibt es einprägsame Bilder, klaustrophobische in einem Glaskubus, erdrückende an einem Abwasserrohr. Schließlich sprechen nackte Tatsachen. Zweifellos ist dieser Teil des Abends der eindrücklichere, das Volkstheater bei seiner Kernkompetenz, dem Zeitgenössischen.

Für Flüchtlinge ist wenig Platz: Rainer Galke, Jan Thümer, Katharina Klar, Sebastian Pass, Anja Herden und Lukas Holzhausen. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Der antike Girlgroup-Chor: Eva Dorlass, Marlene Hauser, Sophie Reiml, Maren-Sophia Streich und Nadine Quittner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Hätten im ersten Teil die Figuren gerne feiner ziseliert sein können, fehlte doch weitgehend eine tiefer gehende Psychologisierung der Charaktere, ein Ausloten von deren inneren Abgründen, so überzeugt man als Arbeitsgemeinschaft auf ganzer Linie. Und über allem die Thimig mit ihrem Mantra, es schaffen zu müssen, für die ihr Schutzbefohlenen. Eine stolze, selbstbewusste Elendskönigin, die sich nicht abspeisen lässt, die sich in der Machowelt der Schlepper und Beamten behauptet – und die doch eines ihrer Kinder verlieren wird.

Vor einer Live-Kamera aufgestellt: eine Maus in einem Plexiglaskäfig, ihre Verrichtungen auf eine Vidiwall übertragen. Bis Minute acht suchte die Maus einen Ausgang aus dem Behältnis, dann wendete sie sich der Untersuchung der Ausstattung ihres Käfigs zu. Ab Minute 44 schlief sie tief und fest, das Köpfchen auf die Einstreu gebettet …

www.volkstheater.at

  1. 9. 2017

Ursula Strauss im MuTh

Februar 13, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Marlene – echt schräg!

Klemens Bittmann, Matthias Bartolomey, Ursula Strauss Bild: MuTh

Klemens Bittmann, Matthias Bartolomey, Ursula Strauss
Bild: © U. Strauss – J. Degraa; © Bart.Bittmann – M.Parovsky

Ursula Strauss und das Duo BartolomeyBittmann gastieren am 17. 2. im MuTh. Strauss fungiert als Erzählerin und Sängerin: Sie liest Auszüge aus Maria Rivas Buch „Meine Mutter Marlene“ und interpretiert einige der bekanntesten Lieder der Dietrich, wie etwa „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Die Biographie der Tochter Marlene Dietrichs über ihre Mutter gewährt einen umfassenden Einblick in das an beruflichen wie amourösen Abenteuern reiche Leben der Leinwandgöttin. Ergänzt werden die Strauss´schen Ausführungen mit kraftvollen Klangbildern des Duos BartolomeyBittmann – ein mitreißendes Zusammenspiel von Cello, Geige und Mandola – hier werden Spontanität und Improvisation der Jazzästhetik mit kraftvoll rockenden Elementen verbunden. Eine lustvolle, musikalische Entdeckungsreise abseits konventioneller musikalischer Pfade.

Der Ausstrahlung der Dietrich konnte sich schon zu Lebzeiten kaum einer entziehen, und auch posthum bleibt das Publikum gleichermaßen fasziniert und schockiert von Leben und Persönlichkeit dieser Jahrhundertschauspielerin. Genügend „Stoff“ um einen in jeder Hinsicht spannungsreichen Abend zu gestalten: Für Ursula Strauss und das Duo BartolomeyBittmann bietet Marlene Dietrich eine Projektionsfläche um schauspielerisch, gesanglich aber auch musikalisch alles zu geben um dieser Legende gerecht zu werden.

Die Liebe und der Respekt vor dem Klang ihrer Instrumente sowie die Lust am gemeinsamen Entwickeln der damit möglichen neuen Klangbilder hat das Duo BartolomeyBittmann zusammengeführt um im Zusammenspiel von Cello, Geige und Mandola ihr stark in der klassischen Musiktradition verankertes Instrumentarium auf einen neuen Weg zu führen. Mit Spontanität und Improvisation der Jazzästhetik werden groovende zu kraftvoll rockenden Elementen verbunden.

www.muth.at

Wien, 13. 2. 2015