Volksoper: Der fliegende Holländer

März 11, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Sitz der Seele ist eine graue Kunsthalle

Seelenraum mit Meerblick: Markus Marquardt als resigniert habender, todessehnsüchtiger Holländer. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das gibt es auch an der Volksoper nicht alle Tage, dass beim Schlussapplaus nicht nur die Hände, sondern auch die Füße des Publikums zum Einsatz kommen. Solcherart mit allen Gliedmaßen bejubelt wurden Dirigent Marc Piollet und der Chor des Hauses, der sich unter der Leitung von Holger Kristen einmal mehr als ein stimmlicher Klangkörper von großer Stärke und Schönheit erwies. Auch Solistinnen und Solisten sowie das Leading Team rund um Regisseur Aron Stiehl wurden nach der Premiere gefeiert.

Mit dieser Neuinszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ hat man einiges gewagt und manches gewonnen. Worauf Stiehl und mit ihm Bühnenbildner Frank Philipp Schlößmann verzichtet haben, ist ein Schiff. Stattdessen dominiert ein raffiniertes Labyrinth die Bühne, eine graue Kunsthalle voller Gemälde vom Meer. Immer wieder öffnen sich neue Durchlässe, schließen sich andere. Räume, die Stiehl schon vorab als Sitz der Seele definierte, setzt er doch ganz auf die psychologische Durchdringung der Charaktere. Jeder scheint hier mit sich allein, die Bilder im Kopf visualisiert durch Farblicht- und Schattenspiele, eindrücklich etwa, wenn der Holländer seinen riesenhaften über die erstarrte Senta wirft. Bisweilen öffnen sich Luken, die den Blick auf die aufgewühlte See freigeben, am Ende, als Dalands Männer die Crew des Holländers wecken wollen, wird das Setting höllenrot.

Der goldene Koffer wechselt den Besitzer: Markus Marquardt als der Holländer, Stefan Cerny als Daland und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Senta in ihrer Kopf-Kunsthalle: Meagan Miller mit Tomislav Mužek als Erik. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Amme als gouvernantische Gesangslehrerin: Martina Mikelić als Mary und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Stiehl und Schlößmann erschaffen so gekonnt szenische Spannungsfelder, nur muss zwischen den einsamen Weltenwanderern, die die beiden in ihre Fantasie stellen, die Interaktion naturgemäß auf der Strecke bleiben. Dies tatsächlich die einzige Kritik an diesem Abend, dass so wenig geschauspielert wird. Gesungen wird meist von der Rampe weg, kaum jemals drehen sich die Protagonisten zueinander, und dass Stiehl als Bewegungsmuster ein allseits gern verwendetes Arme-Wegstrecken eingefallen ist, macht das Gestische nicht besser. Einzig die Begegnung Eriks mit Senta lässt Bewegtheit aufkommen.

Ansonsten sind Ergriffenheit und Erregung dem Gesanglichen zu entnehmen. Dafür hat sich die Volksoper mit Markus Marquardt als Holländer und Meagan Miller als Senta im Fach erprobte Sänger ans Haus geholt, mit dem fulminanten Stefan Cerny als Daland steuert man den eindrucksvollsten Part aus dem eigenen Ensemble bei. Cerny gestaltet seinen Kapitän als zur Brutalität neigenden Geschäftemacher, eine Gefühlsrohheit, die nicht nur seine Tochter, die er für einen symbolisch goldenen Koffer verschachert, zu spüren bekommt, sondern auch der profund singende JunHo You als Steuermann – wenn er sich vom Chef schlagen lassen muss.

Gegenentwurf dazu ist Markus Marquardts Holländer, den der Volksopern-Debütant als resigniert habenden Todessehnsüchtler ausweist. Dass Marquardt in den Höhen nicht durchgängig überzeugt, federt Piollet am Pult gekonnt ab, indem er die lyrischen Passagen der Solo-Parts mit ausreichend Atmosphäre unterlegt. Was auch der anmutig phrasierenden Stimme von Meagan Miller zugutekommt, die die Senta als von der romantischen Schauerstory in Schwärmerei versetzten Backfisch anlegt.

Bissl hysterisch, bissl verhaltensauffällig, mit ihren Meeresbildern hantierend – denn ein Holländer-Porträt gibt es in Sentas Gehirnkino selbstverständlich nicht. Überwiegend allerdings lenkt Piollet das Wagner’sche Frühwerk im Fortissimo durchs Geschehen. Aus dem Orchestergraben bebt’s und donnert’s, dass nicht einmal die obligate U6 zu hören ist – expressiv, eindringlich und hochintensiv.

Als die vom Feiern angesäuselten Seemänner die Crew des Holländers wecken wollen, färbt sich die Bühne höllenrot: JunHo You als der Steuermann Dalands und der Chor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Im Vortrag glänzend und auch der einzige, der sich um die Darstellung seiner Rolle bemüht, ist Tomislav Mužek als Jäger Erik. Auch er ein Hausdebütant. Warum Stiehl, der so sehr auf Abstraktion setzt, Sentas Amme Mary von Kostümbildnerin Franziska Jacobsen als strenge Gouvernante einkleiden ließ, erschließt sich nicht. Martina Mikelić besteht die Chorprobe der Spinnerinnen zwar mit Bravour, muss aber mal ein Mädchen in die Ecke stellen, mal eines mit dem Lineal züchtigen. Ihr mehrmaliges Aufstampfen bleibt erfolglos.

Auch sie weiß keinen Rat gegen Sentas Holländer-Wahn. Immerhin nutzt auch der Damen-Chor seinen großen Moment. Fazit? Aron Stiehl und Frank Philipp Schlößmann gelingen bewegende Bilder in einer Aufführung, in der sich sonst kaum etwas bewegt. Mehr inszenatorischer Zugriff statt eines Verharrens in Stasis hätte dem Ganzen gutgetan. So bleibt die sängerische Leistung zu loben, die vom Orchester mit Verve umflutet wird.

Regisseur Aron Stiehl und Dirigent Marc Piollet im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=eq7WiO5MjuQ

www.volksoper.at

  1. 3. 2019

Akademietheater: Zu der Zeit der Königinmutter

Februar 24, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vorhänge zu und alle Fragen offen

Der Fremde wird konfrontiert mit Feindseligkeit: Elena Todorova, Patrick Dunst, Markus Hering, Mirco Kreibich, Christian Pollheimer, Simon Jensen und Sven Dolinski. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Nein, dass sich einem dieser Abend erschließt, kann man wahrlich nicht behaupten. Soll er mutmaßlich auch nicht. Denn Autor Fiston Mwanza Mujila, 1981 in der Demokratischen Republik Kongo geboren, seit zehn Jahren in Graz lebend und mit seinem Debütroman „Tram 83“ gleich auf der Longlist für den Man Booker International Prize gelandet, versteht sich als Poet, dessen Sache nichts weniger ist, als Wirklichkeit abzubilden. „Aus Chaos entstehen Texte“, ist sein Ausspruch dazu.

Mit seiner Mythensammlung „Zu der Zeit der Königinmutter“, gestern von Regisseur Philipp Hauß am Akademietheater zur Uraufführung gebracht, hat er Neues versucht. Zunächst einmal, erstmals auf Deutsch zu schreiben. Und das merkt man dem Stück, das keines ist, das keinen Plot hat, kein klar zu fassendes Thema umreißt, durchaus an. Mwanza Mujila, der gerne Saxophonist geworden wäre, komponiert seine Schriften im Jazzflow, liest er sie selbst, tut er das lachend, schreiend, singend, und so war’s ihm wohl diesmal darum getan, den Klang seiner nunmehr sechsten Sprache auszukosten. Tatsächlich erinnert seine Arbeit mit ihren sich steigernden Assoziationsketten, den prallen Bildern und dem dichten Rhythmus auch an die explosive Vielfarbigkeit der Gemälde eines Bona Mangangu. „Zu der Zeit der Königinmutter“ ist ein Text mit wenig Angeboten fürs Theater. Dafür entschädigen die zahlreichen Geschichten, von afrikanischen bis biblischen, die man erzählt bekommt.

Dies von einem hervorragenden Ensemble, allen voran die wunderbare Gertraud Jesserer, allesamt virtuose Sprachspieler, die durch ihre Intonation das weitgehende Fehlen von Interaktion vergessen machen. Schauplatz ist, wie schon in „Tram 83“, ein Schankraum, die New-Jersey-Bar, von der Minimalistin unter den Bühnenbildnern, Katrin Brack, einzig durch als Vorhänge eingesetzte bunte Stoffbahnen gestaltet, ein Zufluchtsort für Gestrandete, ein zwielichtiges Völkchen, das in Raum und Zeit festzustecken scheint. Sven Dolinski und Simon Jensen changieren als Mannfrauwesen zwischen Prostituierten und Sapeurs, ihre pastelligen Teddyplüschmäntel konterkariert die Band, Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Elena Todorova, mit Black-Sabbath-Akkorden. Hauß‘ Humor ist unbedingt ein surrealer.

Gertraud Jesserer erzählt vom gewaltsamen Tod der Königinmutter; hinten: Patrick Dunst, Christian Pollheimer und Simon Jensen. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Mirco Kreibich erzählt vom schrecklichen Schicksal des Lehmjungen Solo. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Markus Hering könnte man mit Fatsuit und fettigen Haarsträhnen als ekligen Wirt interpretieren, so wie eben alles der Interpretation des Betrachters überlassen ist. Auftritt mit Mirco Kreibich ein Fremder, makellos gekleidet, herummäkelnd am Bier und an den sanitären Anlagen – und kurz riecht es nach Streit. Die meiste Zeit aber tauscht man sich über Legenden aus. Die von Jakob, der zu Mamba Muntu, der menschenfressenden Schlange, wurde, die vom König, der nicht schlafen konnte, die vom Lehmjungen Solo, der sich entgegen der Warnungen seiner Eltern dem Regen aussetzt und auf schreckliche, schmerzhafte Weise zerfließt.

Und wenn da gesagt wird: „Solo konnte nicht einmal jammern, weil er kein Gesicht, keinen Mund und keine Nase mehr besaß. Ein großes Loch in der Mitte seines Gesichts … Er konnte weder sehen noch schreien. Sein Kopf war halb matschig, halb zerstört … Sein Körper knackte“, kann man schwer umhin, nicht an die Geschichte des Kongo zu denken, Gewalt und Folter und systematische Säuberungen von Leopold II. bis Mobutu – in dessen Kleptokratie Fiston Mwanza Mujila ja noch zur Welt kam. „Der Hass hat einen Bauch und zwei Füße“, heißt es an einer Stelle.

Doch Mwanza Mujila definiert nicht näher, was er mit diesen Passagen, manche wie Glaubenssätze, manche die Fragwürdigkeit von Heimat und Herkunft ausstellend, manche über Goldminen und gierige Männer, meint. Einmal sagt Markus Hering: „Ich übernehme die Verantwortung für den Kolonialismus und die Sklaverei“, und wird wegen „billiger Philosophie“ gescholten, einmal verortet Mwanza Mujila ein Ereignis: Der immer wieder beschworene „Fluch von 1976“ kann als das erste bekannte Ausbrechen des Ebola-Virus in Yambuku gedeutet werden. Mehr durchdekliniert wird an diesem suggestiv-kakophonischen Gedicht nicht, Philipp Hauß, er ebenfalls ein Musiker, er spielt die Geige, hat all seine inszenatorische Energie in die Schauspielerführung und ins Atmosphärische investiert und auf das Dechiffrieren von Codes verzichtet. Man selbst hat vielleicht zu viel und zu erhitzt Jean Ziegler und Emmanuel Mbolela gelesen und Milo Rau gesehen.

Auch getanzt wird in der Bar: Patrick Dunst, Mirco Kreibich, Simon Jensen, Markus Hering, Sven Dolinski, Komparsen-Bär und Gertraud Jesserer. Bild: Elisabeth Gruber/Burgtheater

Am Ende – die Jesserer. Die bis dahin meist stumm das Tun der anderen verfolgte. Nun aber erzählt „die kleine Gertraud“, woran sie sich vom Ende der Königinmutter erinnern kann. Die die Menschen bei sich aufnahm, ihnen Nahrung und Kleidung gab – und als Prophetin ihren Tod vorhersah, ihr Sterben durch ein Messer. Allein das dunkel raunende Timbre ihrer Stimme lässt einen nicht mehr denken, Mwanza Mujilas Partitur weiteren Analyse- unternehmungen zu unterziehen.

So bleiben, um einen Großen zu paraphrasieren, Bracks Vorhänge zu und alle Fragen offen.

www.burgtheater.at

  1. 2. 2018

Kammerspiele: Ladykillers

Januar 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mörderisch ist nur die Langeweile

André Pohl und Marianne Nentwich. Bild: Erich Reismann

Natürlich erklingt das Menuett von Boccherini, ist das Musikstück doch durch die „Ladykillers“ Alec Guinness, Herbert Lom und Peter Sellers zum Welthit geworden. Das ist aber auch schon alles, was der Filmklassiker und die nun an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehende Theaterfassung miteinander gemein haben. Denn nicht nur die Textbearbeiterinnen Elke Körver und Maria Caleita, auch Regisseur Cesare Lievi hat der Kriminalkomödie, dieser Perle des britischen Black Humor, schweren Schaden zugefügt.

Weder zündet hier irgendein Wortwitz, noch stimmen Tempo und Timing, das Fehlen dieser drei steht jedoch gleichbedeutend für den Tod des Boulevards, und so ist das einzig Mörderische an dieser Inszenierung die Langeweile, die ganze Aufführung beinah so blutleer wie eine Leiche. Dabei böte die Groteske um ein Grüppchen sich als Streicherensemble ausgebender Gangster ausreichend Raum für die Art makaberen Jux, für absurde Situationskomik und verbale Missverständnisse, versehen mit jenem wohldosierten Schuss Spleen, den man an den Engländern so schätzt.

Nun ist es nicht so, dass sich die Schauspieler, allesamt erste Kräfte des Hauses, nicht um ihre Figuren bemühten. Marianne Nentwich ringt darum, ihre Mrs. Wilberforce mit Leben zu füllen, doch bleibt die schrullige Vermieterin, die sich als weniger weltfremd und verwirrt denn angenommen entpuppen wird, in Lievis arg konservativer Sichtweise eine mit Spitzenkragen bewehrte Schablone. Nicht besser ergeht es der auf Stereotype reduzierten Verbrechertruppe, deren Darsteller ihre Rolle auf jeweils einen Wesenszug – exzentrisch bis einfältig bis leicht erregbar – beschränkt spielen müssen.

André Pohl hat als Professor Marcus von Anfang an den Irrsinn im Blick, Siegfried Walther ist der nervös-magenleidende Major Courtney, Martin Zauner der joviale Harry Robinson, Wojo van Brouwer gibt das gutmütig-dämliche Riesenbaby One-Round und Markus Kofler, den Geigenkasten unterm Arm, als wäre er unterwegs zum Valentinstag-Massaker, den sinistren Louis Harvey. Was das Quintett plant, ist nicht weniger als ein Raubüberfall auf einen Geldtransporter, doch offenbart sich die Straftat der Mrs. Wilberforce, und im Bestreben die Alte loszuwerden, eliminieren sich die Komplizen gegenseitig. Der Güterzug nach Liverpool hilft dabei wesentlich mit.

Statt der Geigen spielt ein Grammophon: Siegfried Walther, Martin Zauner, Wojo van Brouwer und André Pohl. Bild: Erich Reismann

Marianne Nentwich, Siegfried Walther, Martin Zauner, Markus Kofler und Wojo van Brouwer. Bild: Erich Reismann

Lievi, der zuletzt an den Kammerspielen mit „Der Garderober“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28855) so viel Freude bereitete, sitzt diesmal dem Irrtum auf, man könne das Bissig-Böse von Originalautor William Roses Pointen mit derart viel Bedacht angehen – dass es letztlich gar nichts mehr zu lachen gibt. Die fehlende Dynamik des Abends ist nicht einmal mehr als Slow-Burn zu rechtfertigen, das Vintagebordüren-Bühnenbild von Maurizio Balò verstärkt die Anmutung von altbacken noch.

Nur selten gelingt ein Ausbruch. Etwa, wenn Siegfried Walther in einer Szene tänzelnd seinen Hang zu Mrs. Wilberforces Abendgarderobe auslebt. Wenn sich auf Martin Zauners Gesicht ob deren ins Haus einfallender Freundinnen die Panik spiegelt. Die Damen freuen sich auf einen Musikgenuss, und so knarzen und sägen die Schurken eine Kakophonie vom Feinsten. Schließlich zum Schluss, wenn André Pohl sein gescheitertes Genie mit einer gerüttelten Dosis Verfolgungswahn versieht.

Der knapp bemessene Applaus am Ende war gerade mal für drei Verbeugungsrunden gut, nur eine davon absolvierte das Leading Team.

Auch von daher muss „Ladykillers“, so kurz nach Herbert Föttingers formidablen, im Februar wieder zu sehenden „Acht Frauen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30371) als vergebene Chance verbucht werden, was umso mehr schmerzt, als man sich eigentlich potenzielle Paraderollen für alle Beteiligten erwartet hätte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=GDOOfwkbz50

www.josefstadt.org

  1. 1. 2019

Schauspielhaus Wien: Oh Schimmi

November 25, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Affen ordentlich Zucker gegeben

Zum Affen gemacht: Markus Bernhard Börger als Schimmi. Bild: © Susanne Einzenberger

Schon vor drei Jahren, als sie ihren Text beim Ingeborg-Bachmann-Preis vorstellte, erregte die österreichische Autorin und bildende Künstlerin Teresa Präauer nicht nur mit ihm, sondern auch mit einem Affenvideo Aufsehen. Diesen Herbst ist der Roman dank Dramaturgin Anna Laner zum Bühnenmonolog geworden, und nun vom Theater Kosmos Bregenz im Rahmen der Theaterallianz ans Schauspielhaus Wien übersiedelt.

Wo, weil „Oh Schimmi“ auch als Stück aufsehenerregend ist, die gestrige Premiere beim Publikum für Begeisterung sorgte. Dass das Ganze so perfekt funktioniert, dafür sind in erster Linie Regisseurin Anna Marboe und Schauspieler Markus Bernhard Börger verantwortlich. Marboe lässt Börger im Wortsinn intensiv zu Werke gehen. Der turnt nicht nur durch die Szenerie, und zwar während er diese beständig umbaut, sondern auch gewitzt und ungeziert durch Präauers Sprache. Wobei er für die performative Selbstentblößung seines fragwürdigen „Helden“ die genau richtige attitude findet, der Möchtegern-Rapper mit den schlechten rhymes, der, je mehr er sich in die Bürscherlbrust wirft, umso weniger als gefährlicher Gangsta durchgeht.

Und denn doch kein ganz so harmlos-armer Tropf ist, wie er sich am Ende mit weißem Plüschpyjama und Maske auch optisch zum Affen macht, hält er unter seinem Bett neben den Marshmallows ja die mit einem neongrünen LED-Seil gefesselte Nagelpflegerin Maguro versteckt.

Immer wieder kommt Präauer in ihren Büchern auf die Animalisierung des Menschen zu sprechen, dieser unscharfen Zwischengrenze, die sie mit dem französischen Philosophen Jacques Derrida „animot“ nennt – das Wort gewordene Tier. Auch in ihrem im Programmheft auszugsweise abgedruckten erzählerischen Essay „Tier werden“ befasst sie sich mit Stationen des Übergangs, mit der Verwandlung, mit einem Aus-der-eigenen-Art-Schlagen. Was „Oh Schimmi“ betrifft, ist es Anna Laner gelungen, die knapp mehr als 200 Seiten lange Taugenichts-Geschichte auf ihre Essenz einzudampfen, auf 70 Minuten Höchstgeschwindigkeit, und trotzdem sowohl Story als auch Figur vollständig zu erzählen.

Die attitude ist selbstverständlich proll-cool. Bild: © Susanne Einzenberger

Schimmi äfft die Mutti nach. Bild: © Susanne Einzenberger

Das Affenthema dabei vom Nachäffen eines „amerikanischen Lebensstils“ bis zu Schimmis affigen Avancen, die er seiner Angebeteten Ninni, dieser „schaumgeborenen Schönheit des White Trash“, macht, durchgehalten. White Trash ist also das Setting. Mann wohnt mit Mutter im 17. Stock eines Towers in einem anonymen Weltstadtdschungel. Eine von ihr eindeutig inzestuös angedachte Hassliebe, tanzt sie ihm vor dem TV-Gerät doch ihren Strip vor, ein den Bildschirm verstellendes Bild ihres aushäusig praktizierten „Sexualismus“.

Der für Schimmi nicht einmal in der Theorie möglich sein soll, nimmt sie ihm doch zur Vermeidung von Schweinkram-Gedanken vor ihren Ausflügen sogar das Smartphone weg. So muss sich der hinter Seifenblasen versteckende Spanner allein durch die Mannbarkeitsklischees schlagen, und Marboe lässt Schimmi dabei genüsslich zwischen seinem selbst gezimmerten Macho-Mythos und Tussi-Muttis Machtspielchen hin und her straucheln, dabei Päauers Kritik an Geschlechterrollen und der Generation Konsumkids zwar fest im Blick.

Aber locker genug gehandhabt, um Börgers proll-cooles Coming-of-Age-Spiel nicht mit einem mahnenden Zeigefinger zu beschädigen. Dieser läuft zur Hochform auf, wenn er außer seinem Protagonisten auch noch mit theatralisch hochgerissenen Armen die Mutti, mit verärgert in die Hüfte gestemmten Händen die Ninni, den auf dem Weg zum Erwachsenwerden verlorengegangenen Vater – und die Sexhotline-Cindy darzustellen hat.

„Es kann doch nicht sein, dass das Internet es lustiger hat als ich“, sagt Börgers Schimmi mit verschmitzt-sündigem Lächeln, und wie er sich schonungslos exponiert, im schweißtreibenden Affenzahn-Tempo und mit überschwappenden Emotionen über seine dysfunktionale Familie, die zerschmetterten Träume seiner Mutter, Verdrängung, Verleumdung und Fluchtversuche berichtet, mal billig flirtet, mal unverschämt baggert, und hinter Schimmis Bling-Bling immer dessen Betrübtheit durchblitzen lässt, da wird der Abend nicht nur bis zum Abwinken absurd, da tun sich tatsächlich Abgründe auf.

Am liebsten schaut Schimmi Tierfilme: Markus Bernhard Börger. Bild: © Susanne Einzenberger

Die Ausstattung dazu hat Sophia Profanter erdacht, graue Kuben, die sich beim Umdrehen in pinke, knallgelbe, babyblaue Versatzstücke verwandelt, aus Plastikbechern wird eine Bar, Fruit Loops zum Sitzbezug, aus grünen Luftballons ein Busen, eine Banane erst zur Pistole, dann zum Smartphone. Und so hat wie der Darsteller auch das Leading Team mit seiner „Oh Schimmi“-Interpretation dem Affen ordentlich Zucker gegeben – sehenswert.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=hSy4NZQemIw

www.schauspielhaus.at

  1. 11. 2018

Angelo

November 8, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der schwarze Mann als Spielzeug des Souveräns

Angelo erzählt dem Kaiserhof eine fantastische Geschichte über Afrikas Fabeltiere und seine mutigen Krieger: Makita Samba. Bild: © Novotny Film

In prächtigen Gewändern steht er gleich einer Puppe auf einem Podest, und eine adelige Gesellschaft lauscht wohlig erschauert seiner Geschichte. Angelo, der Hofmohr, erzählt von einem fantastischen Afrika, von Fabeltieren, mutigen Kriegern und einem Feuer speienden Berg, als wär’s ein Traum von seiner Heimat. Doch aus der ist er schon als Kind verschleppt worden, dem Sklavenschicksal durch eine hochwohlgeborene Dame entronnen, die am Knaben das Exempel der Menschwerdung eines Wilden statuieren ließ.

Verkauft, später auch verschenkt, bringt er es über diverse Fürstenhäuser bis zum Gesellschafter des Kaisers. Und doch bleibt der schwarze Mann nur ein Spielzeug – auch für den Souverän. Dies die Schlüsselszene. Markus Schleinzer erzählt in seinem meisterhaften Film „Angelo“, ab Freitag in den heimischen Kinos, vom Schicksal des Angelo Soliman, der im 18. Jahrhundert in Wien Berühmtheit erlangte. Nur einzelne, fragmentarische Episoden sind von dessen Existenz bekannt, und so lässt sie auch Schleinzer ausschließlich in Momentaufnahmen aufblitzen – verschiedene Schauspieler in allen Altersstufen, von Kenny Nzogang über Makita Samba vom Pariser Theater Odéon bis Jean‐Baptiste Tiémélé, gestalten die Figur vom Feinsten, diese Projektionsfigur, die die stetig steigende Lust am Exotischen zu bedienen hat, und der es zeitlebens nicht gelingen wird, ihren Fesseln zu entkommen. Angelo ist von klein auf der lebende Beweis für den unaufhaltsamen Siegeszug von Aufklärung und Vernunft, wenn man diese denn jemandem angedeihen lässt. Er ist eine Trophäe.

Er wird zum Schauspieler seiner selbst, in einer berührenden Szene übt der erwachsene Angelo die ausladenden, „afrikanischen“ Gesten, mit denen er später sein Publikum beeindrucken wird, in einer weiteren lässt das Kind Vögel aus einer Voliere frei, wohl schon wissend, dass ihm Freiheit nie wieder gegönnt sein wird. Schleinzer liebt die Arbeit mit derlei poetischer Symbolik, und nie geht es ihm dabei um das Eins-zu-Eins-Abbild einer Epoche. Immer richtet er sich an ein Darüberhinaus, stellt kulturelle Deutungshoheiten, Schemata und Sichtweisen und Zuschreibungen, bloß, die bis heute nachwirken, erzählt von der vollkommenen Vereinnahmung eines einzelnen durch die herrschende Masse, und vom europäischen Erbe der Kolonialzeit. Ein Neonlicht weist als bewusster Anachronismus ins Heute.

Das wilde Kind wird mittels Flötenspiel zum menschlichen Wesen erzogen: Kenny Nzogang. Bild: © Novotny Film

Angelo und seine Tochter besichtigen seinen späteren Ausstellungsort: Nancy Mensah-Offei und Jean‐Baptiste Tiémélé. Bild: © Novotny Film

Dass es ihm ums Beispielhafte geht, wird auch dadurch verdeutlicht, dass Schleinzers Figuren historisch nicht näher bestimmt sind. Es gibt „die Comtesse“ von Alba Rohrwacher, „den Fürst“ von Michael Rotschopf oder „den Kaiser“ von Lukas Miko, letztere tatsächlich Josef Wenzel von Liechtenstein und Joseph II., Gerti Drassl spielt eine Kindermagd, Christian Friedel einen Museumsdirekor, Larisa Faber Angelos Ehefrau Magdalena, Nancy Mensah‐Offei die gemeinsame Tochter Josephine.

Denn Angelo wird heiraten, im Geheimen, eine Weiße, eine Liebesgeschichte ohne Leichtigkeit, wird Freimaurer werden, aber niemals „ihresgleichen“. Als was er sich sehe, fragt einmal einer seiner Herren, als Sohn Afrikas und als Mann Europas, antwortet er. Schleinzers Film zeigt immer auch das Ringen um Sprache, heißt: um Ausdruck, nicht um Sprechvermögen, denn daran mangelt es Angelo nicht, sondern das Ringen mit einer Sprach- ob einer Wurzellosigkeit.

Gedreht im 4:3-Format, was den vom Theater geprägten Guckkastencharakter des Films, seine Bühnenbildhaftigkeit und die Objekthaftigkeit der Figuren noch unterstreicht, lässt Schleinzer anstatt seiner nüchternen Ästhetik und seiner Tableaux vivants am Schluss den Schock auffahren.

Angelo Soliman wird nach seinem Tod im Hof-Naturalien-Cabinet ausgestellt, wieder Spielzeug für Kaiserkinder, wieder halbnackter Wilder mit Federschmuck und Muschelkette. Schaurig, wie seine Haut wie Leder auf ein Holzmodell genagelt wird. Als er davor als alter Mann seinen Ausstellungsort im Museum besichtigt, fragt ihn die Tochter über die absurde Afrika-Darstellung „C’est comme ça, Papa?“ – „Ist es so?“ Angelos Hülle, hier endet der Film, verbrannte – längst in eine schäbige Dachkammer verbannt – 1848 während des Oktoberaufstands.

www.facebook.com/AngeloDerFilm/

  1. 11. 2018