Akademietheater: Ludwig II.

Oktober 30, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Markus Meyer brilliert als Bayernkönig

Das Ende im Starnberger See: Markus Meyer ist als Ludwig II. ganz großartig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und immer noch großes Kino ist „Ludwig II.“ am Akademietheater. Fast ein Jahr nach der Uraufführung hat die Inszenierung nichts an Kraft eingebüßt. Kraft, Bastian, der Regisseur des Abends, hat den Monumentalfilm von Luchino Visconti in einer reduzierten, komplexen Fassung auf die Bühne gebracht. In der Titelrolle überragend ist Markus Meyer. Das Dreamteam, das schon mit „Dorian Gray“ glänzte, macht aus einer ausgeklügelten Multimediaversion des Historiendramas eine beklemmende Psychostudie des Bayernkönigs und gleichzeitig ein Porträt seiner Zeit und Zeitgenossen.

Neben Meyer agieren Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner ganz großartig. Allesamt sind sie Majestäten in weißen Roben mit langen weißen Schleppen. Den 1973 erst von den Produzenten von vier auf drei Stunden gekürzten, dann von der Zensur verstümmelten Film über den „Märchenkönig“ fürs Theater zu adaptieren, ist an sich eine unlösbare Herausforderung. Kraft gelingt die Übung in weniger als zwei Stunden  – und wie.

Weder verzichtet er auf Viscontis Opulenz, wenn auch in anderer, heutiger Ästhetik, die Protagonisten und ihre Dekadenz in gleißendes Licht getaucht, während rund um sie Finsternis ist (Bühne: Peter Baur), noch auf die etwa zwei Dutzend Schauspieler, die der italienische Filmtitan für sein Opus Magnum bemühte. Auf der Bühne braucht er nur drei Darsteller, um Krönung, Wahnsinn und Fall Ludwigs zu illustrieren, auf der Leinwand aber ist Meyer als sein gesamter Hofstaat, Mutter, Bruder, Beichtvater … zu sehen. In wunderbaren Masken entwirft er das Kaleidoskop einer Gesellschaft, die ihrem Herrscher nicht nur Gutes wollte.

Unter einem schräg über der Spielfläche hängenden, riesigen Spiegel tritt Markus Meyer als der soeben gekrönte König auf. Ganz in weiß gewandet besteigt er ein weißes Podest und ergibt sich gerade einmal 18-jährig seiner neuen Aufgabe: „Von heute an gehört dein Bild nicht mehr dir selbst. Es gehört der Welt“. Diesen so wahren, wie resignativ gesprochenen Satz wird Kraft am Ende noch einmal unterstreichen, indem er in Sekunden-Geschwindigkeit alle möglichen Szenarien, Vorstellungen und Vorurteile, die „mediale Spiegelung“, die Abbildung einer ganzen Epoche stellvertretend auf den Körper des Königs projiziert. Da war dieser schon nackt und auf dem Weg in den Starnberger See, wie schnell könnte alles gesagt sein, doch davor gilt es das Psychogramm eines sensiblen, an Politik wenig interessierten Monarchen zu erkunden, der ein von Verfolgungswahn geplagter, von seiner Regierung in die Enge getriebener und schließlich zum Selbstmord bereiter Wahnsinniger wird.

Markus Meyer mit Regina Fritsch als Kaiserin Elisabeth und Johann Adam Oest als Richard Wagner. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In ihrer Exzentrik einer des anderen Spiegelbild: Regina Fritsch als Elisabeth, Markus Meyer als Ludwig. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Zu Meyers exzeptioneller Performance gibt Regina Fritsch eine kühle, verhärmte, bisweilen intrigante Kaiserin Elisabeth, die im jungen König dennoch zarte Gefühle entfacht, einer des anderen Spiegelbild in ihrer Exzentrik, und Johann Adam Oest einen durchtriebenen, geckenhaften Richard Wagner, der seinen ergebenen Gönner um viel Geld und Verstand bringt. „Das Leiden an der Welt gehört zu Ihnen“, sagt er an einer Stelle und fordert sein Opernhaus. Bayreuth.

Die wahre Leistung der Inszenierung ist die Ausführung des restlichen Personals: Hier liefern Markus Meyer und Kostümbildnerin Dagmar Bald gemeinsam mit dem für die Videozuspielungen zuständigen Jonas Link ein veritables Wunder ab: Meyer in nicht weniger als einem Dutzend Rollen – von Wagners späterer Frau Cosima über Ludwigs Kurzzeit-Verlobter Sophie bis hin zu Graf Dürckheim oder Josef Kainz (diese Szene, für die sich Meyer unter die Zuschauer begibt, besonders eindrücklich, der Burgstar in Bedrängnis, der schizophrene König, der einen „Romeo“ und keinen Menschen erleben will) -, die wahlweise auf den riesigen Spiegel oder die weißen Schleppen der Schauspieler projiziert werden und somit als bedrohliche Über-Ichs die Handlung vorantreiben. Ein Kniff, der staunen macht und sich über den gesamten Abend nicht abnützt.

Auf Film als Ludwigs gesamter Hofstaat – Beichtvater, Minister, Mutter, Bruder: Markus Meyer (Hintergrund) mit Regina Fritsch. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Aus Viscontis Vorlage übernommen hat Kraft hingegen die Vernehmungsszenen von Ludwigs Umfeld, die im Film wie auf dem Theater dessen geistigen Verfall zu Protokoll geben. Die Spielfilmhandlung wird nämlich mehrfach durch Momente unterbrochen, in denen Darsteller vor einem schwarzen Hintergrund direkt in die Kamera blicken und über König Ludwig und sein Verhalten wie bei einer Zeugenaussage sprechen.

Hierzu hat Kraft eine Metaebene eingebaut, die mit wenigen Worten auch die komplizierte Entstehung und die Rezeptionsgeschichte des Films miteinbezieht. „Ich habe diesen Film wieder und wieder gesehen“, heißt es da, oder „Der Film hat zwölf Millionen Deutsche Mark verschlungen“ – in den 1970er-Jahren noch eine Unsumme.

Am Ende bleibt Ludwig in diesem Spiel mit all seinen Reflexionsebenen ein Geheimnis. Man sieht ihn in Großaufnahme beim Abschminken. Die Höflinge, Verwandten und Diener – alles nur Fassade. Unter all den Masken war ein blasser, scheuer, unglücklicher Mensch verborgen. Entblößt umarmt, besteigt er eine überlebensgroße, weiße Ludwig-Statue, hängt ihr den inzwischen von der Tinte seiner irren Dekrete und wahnwitzigen Entwürfe befleckten Mantel um, um dann im See – einem winzigen Viereck – unterzugehen, langsam, im Spiegel zu sehen, bis schließlich auch der Haarschopf verschwindet. Ein eindrucksvoller Schluss, der einem buchstäblich den Atem raubt.

www.burgtheater.at

30.10.2017

Kammerspiele: Die 39 Stufen

Oktober 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Suspense, Slapstick und Stummfilmmomente

Im schottischen Hochmoor wird scharf geschossen: Ruth Brauer-Kvam als Pamela und Alexander Pschill als Richard Hannay. Bild: Rita Newman

Sie wissen, was ein MacGuffin ist? Nein, nicht einer der schottischen Sonderlinge, denen Richard Hannay bei seiner Flucht durch die Hochmoornebel in die Hände fällt. Alfred Hitchcock hat den Begriff für seine Filme erfunden, für ein beliebiges Ding, das keinen anderen Nutzen hat, als die Handlung voranzutreiben. „Die 39 Stufen“ sind ein MacGuffin.

In des Meisters Werk aus dem Jahr 1935 erfährt man nicht viel mehr, als dass dies die Bezeichnung für einen den Briten feindlichen Spionagering wäre, der brisanteste Geheimdokumente von der Insel schaffen will. Ein Unschuldiger, eben Hannay, er noch dazu Kanadier, wird in die Story verstrickt, bald des Frauenmordes bezichtigt, alles rennet, rettet, flüchtet, die Handlung verwickelt sich immer mehr, die Bedrohung lauert auf allen Seiten (was Hitchcock in den 1930er-Jahren durchaus politisch meinte), das Tempo verschärft sich quasi minütlich – der perfekte Stoff für die Kammerspiele. Wo Regisseur Werner Sobotka den Filmklassiker nun auf der Bühne umsetzte. Das heißt, natürlich nicht einfach so.

Sobotka peppt den Suspense mit dem Slapstick der Stummfilmära auf, er erzählt davon, wie die Bilder laufen lernten, und er beschreibt ein „Making of“-Kino. Seine Inszenierung ist eine Hommage an eine Zeit, als jeder Stunt und jeder Special Effect noch mit Kulisse und Courage angegangen, nicht am Computer hergestellt wurden. Die Mittel, denkt man, sind einfach. Sobotka reichen zwei Leitern und ein Steg, um eine Brücke zu simulieren, vier Stühle und ein Lenkrad werden zum Fahrzeug.

Stunts, Slapstick, Stummfilmmomente: Hannay fällt auf der Flucht von einer Brücke …. Bild: Rita Newman

…. und versucht im Auto zu entkommen. Bild: Rita Newman

Türen stehen allein im Raum, dass das auf beiden Seiten ein anderer ist, versteht sich; Überseekoffer sind mal Bar in einem Herrenclub, mal Hotelrezeption. Erst am Ende der mit viel Applaus bedachten Vorstellung, als sich weit mehr Menschen von der Bühne winkend verabschieden, als vorher darauf gespielt haben, wird klar, welchen Kraftakt dieser rasante Kulissenumbau (Bühnenbild: Karl Fehringer und Judith Leikauf) darstellt. „Die 39 Stufen“ in den Kammerspielen sind wie ein Wunderwerkl, der kleine Theaterraum wie eine Springteufelbox, aus der jeden Moment eine andere Knallcharge emporschnellt.

Sobotka hat die Kunst des großen Sir Alfred studiert. Er zitiert „Die Vögel“ und „Das Fenster zum Hof“, als Schattenspiel zeigt er die berühmte „Psycho“-Duschszene und die Flugzeuge, die Cary Grant in „Der unsichtbare Dritte“ verfolgen. Und auch, wenn seine Aufführung auf absichtliches Overacting und outrierte Theatralik setzt, hat sie sich dennoch auch Hitchcocks trockenen Humor angeeignet.

Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße dem Spiel von Alexander Pschill zu danken, der als Richard Hannay, gemeinsam mit Ruth Brauver-Kvam in drei Frauenrollen, die beiden ja bekannt als Kammerspiele-Traumpaar, den komödiantischen Kern des Abends bildet. Pschill steht der Typ Upper-Class-Snob, der sich erst aus seiner Trotteligkeit und von seinem Ennui befreien muss, bevor er zum Abenteurer und Helden werden kann. Wie er mit rollenden Augen und sexy Schnoferl um Mitgefühl und die Mitwisserschaft des Publikums buhlt, das ist sehr charmant. Vergebens versucht er verwegen zu sein, so etwas wie britische Offiziersschneidigkeit an den Tag zu legen, doch erst als ihm Pamela erliegt, läuft er zu voller Form auf.

Pamela ist eine von Ruth Brauer-Kvams Charakteren. Hitchcock-erblondet gibt sie als solche das patente Mädchen vom Lande, das Hannays Beschwörungen der Bösen keinen Glauben schenken mag, bis sie sich zufällig vom Gegenteil überzeugen kann. Weil, was von Kriminellen mit Handschellen aneinander gekettet wurde, der Mensch nicht trennen soll, ist das Happy End hier klar. Davor aber brilliert Brauer-Kvam als schüchtern-sinnliche Bauersfrau Margaret – und vor allem als russische Agentin Annabella, so exotisch wie erotisch, die Hannay bald den Kopf verdreht hätte, aber mit Messer zwischen den Rippen endet.

Superspionin Annabella wird in Hannays Wohnung ermordet: Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Und auch das Medium Mr. Memory wird ein Opfer des feindlichen Geheimdienstes: Boris Pfeifer (in der rezensierten Vorstellung spielte Martin Niedermair), Markus Kofler, Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill. Bild: Rita Newman

Das mitunter schon gefährlich akrobatisch über die Bühne turnende Schauspielerkleeblatt komplettieren Markus Kofler und Martin Niedermair (er alterniert mit Boris Pfeifer und spielte am rezensierten Abend), und tatsächlich sind es die beiden, die dem Ganzen den besonderen Kick geben. In Windeseile gestalten sie gefühlte 100 Figuren, Polizisten, Putzfrauen, Zugführer, Zeitungsjungen, oft nur durch Wechseln der Kopfbedeckungen und flexibel, was Akzente und Dialekte oder das Geschlecht betrifft.

Ihre Tour de Farce ist am schönsten, wenn Kofler und Niedermair das Wirtsehepaar geben, ersterer als resolute, liebestolle Hausherrin, zweiterer als sich dem Trunke ergeben habender Schon-wieder-ran-Müsser, als schottische Greise bei einer örtlichen Wahlkampfveranstaltung, ein surrealer Moment – und natürlich als Professor und Louisa Jordan, diesmal Niedermair als Dame des Hauses und Kofler als verrückter Oberschurke, das Phantom mit dem fehlenden kleinen Finger und Kopf der Gaunereien.

Die Anstrengung, die am Schluss alle versuchen, nicht im Gesicht stehen zu haben, hat sich gelohnt. Das Publikum reagierte begeistert, die Kammerspiele dürfen sich über die nächste Erfolgsproduktion freuen.

Werner Sobotka erwies sich einmal mehr als Regisseur, der „oben“ und „unten“ die Fantasie beflügeln kann. Ach ja, die Geheimdokumente waren keine Papiere, sondern Informationen, die die Vaudeville-Sensation Mr. Memory auswendig gelernt hatte. Als diesen ereilt auch Martin Niedermair der Bühnentod. Kofler sprach’s gelassen aus: Er war einfach, der Mann, der zu viel wusste …

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=eAzKGz67rK0

www.josefstadt.org

  1. 10. 2017

Kammerspiele: Shakespeare in Love

September 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Theater ist auf den Hund gekommen

Will Shakespeare wundert sich über seine Gefühle für den jungen Schauspieler Thomas Kent: Dominic Oley und Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Nun ist es also empirisch nachgewiesen: 22 Menschen passen auf die Bühne der Kammerspiele, können sogar noch fechten, tanzen, musizieren, außer ihnen aber hat kein Löschpapier mehr Platz … Das zweite Haus der Josefstadt eröffnete am Donnerstag mit der Komödie „Shakespeare in Love“. Die war 1998 ein Kino-Blockbuster, das Drehbuch von Tom Stoppard und Marc Norman, wurde mit sieben Oscars und drei Golden Globes bedacht.

Und gab der schönen Gwyneth Paltrow die Gelegenheit zu beweisen, dass sie auch Komödiantin sein kann. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ist es nun gelungen, sich von Disney Theatrical Productions die Rechte für die deutschsprachige Erstaufführung der Bühnenfassung von Lee Hall zu sichern. Fabian Alder hat inszeniert, ganz „großer Bahnhof“, ein rasantes Lustspiel mit scherenschnittigen Figuren. Bei der Geschwindigkeit, die hier eindreiviertel Stunden lang vorgelegt wird, ist eine tiefergehende Charakterauslotung wahrhaft kaum mehr möglich. Aber das macht nichts. Das Stück lebt von den scharfsinnigen, scharfzüngigen Dialogen des genialischen Tom Stoppard, glänzend übersetzt von Corinna Brocher, von Timing und Tempo, und diesbezüglich ist Alder ein Meister: Jede Pointe sitzt, jedes Bonmot ist auf den Punkt gebracht. Die Schauspieler agieren allesamt in Höchstform, die eine oder andere Darbietung ist beinah circensisch, und das Publikum dankte mit großem Jubel und viel Applaus.

Die Story, samt Stück im Stück, handelt sozusagen von der Entstehung von Shakespeares „Romeo und Julia“. Der britische Barde hat Schreibhemmung, dafür aber einen Haufen Schulden. Er quält sich mit der Komödie „Romeo und Ethel, die Piratentochter“. Die Premiere naht, die Proben sind eine Katastrophe, die Besetzung ist ein Graus. Da tritt der junge Schauspieler Thomas Kent auf den Plan, in Wirklichkeit Viola De Lesseps, Töchterchen aus besserem Hause, die es, zu Zeiten da nur Männern das Schauspielen gestattet war, zur Bühne und in die Nähe des von ihr verehrten Dichters drängt. „Tom“ kriegt die Rolle des Romeo, und Will seine Gefühle nicht mehr auf die Reihe. Was im weiteren Verlauf geschieht, Lieben und Leiden, inspiriert Shakespeare dann zum schönsten Liebesdrama aller Zeiten …

Die Amme ist natürlich in alles eingeweiht: Therese Lohner mit Swintha Gersthofer. Bild: Astrid Knie

Begeistertes Publikum: Swintha Gersthofer, Therese Lohner und Oliver Huether. Bild: Astrid Knie

Dass Stoppard in die romantic comedy eine mit Shakespeare-Zitaten gespickte Satire einschreiben musste, ist logisch. Und so ist „Shakespeare in Love“ auch eine hinreißende Parodie auf den Theaterbetrieb. Intendant gegen Autor, die Schauspieler gegen alle, ein Sponsor, der seine Rechte geltend machen will und mit einer Minirolle befriedigt wird, Bühnen im Wettstreit um das Publikum – aber wenn’s hart auf hart kommt, hält die Herde der Theatertiere zusammen.

Apropos, Tiere: Dies der running gag im Stück – seit Curtain-Theatre-Prinzipal Burbage eigenmächtig bei einer Aufführung von „Zwei Herren aus Verona“ vor Königin Elizabeth den Hund Spot eingeführt hat, weil die Queen Vierbeiner liebt, wollen alle nur noch Stücke mit Hund haben. Bei Stoppard ist das Theater im Wortsinn auf den Hund gekommen, und Superautor Shakespeare selten Herr seiner selbst, seine gewiefteren Ideen – siehe Spot/Crab – haben in der Regel andere …

Auf die Bühne der Kammerspiele hat Ines Nadler die Andeutung eines elisabethanischen public playhouse gestellt, eine Konstruktion, die ein Spiel auf zwei Ebenen zulässt, sodass Szenen schnell ineinandergreifen können.

Herrlich anzuschauen sind die historisch anmutenden Kostüme von Frank Lichtenberg. In diesem Setting treten einander Dominic Oley als Will Shakespeare und Swintha Gersthofer als vom Theatervirus infizierte Viola De Lesseps/Thomas Kent gegenüber, und die beiden sind ein hinreißendes Liebespaar. Oleys Shakespeare, sowohl Intellektueller wie Romantiker, tänzelt beständig am Rande der (komischen) Verzweiflung und erweist sich als Dramatiker als erstaunlich durchsetzungsarm. Er wird von allen Seiten angetrieben und – da ist es wieder – von allen Hunden gehetzt. Gersthofer macht auf emanzipiert in einer Machowelt, ist aber in erster Linie schwer verliebt. In den Szenen, in denen die beiden „Romeo und Julia“ spielen, sind sie anrührend und sprachlich großartig, besser als manch andere in einer tatsächlichen „Romeo und Julia“-Inszenierung.

Der Theaterdirektor und sein Dramatiker: Siegfried Walther als Henslowe mit Dominic Oley. Bild: Astrid Knie

Königin Elizabeth und ihr Haushofmeister Tilney: Ulli Maier und Markus Kofler. Bild: Astrid Knie

Als Shakespeare beginnt Viola den Hof zu machen, tritt Christopher „Kit“ Marlowe auf den Plan. Von ihm nämlich, dem besseren Poeten, stammt in Wahrheit Sonett XVIII, „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“, er sagt es Will unter Violas Balkon vor, wie Cyrano dem Christian einflüstert. Oliver Rosskopf gestaltet Marlowe als Draufgänger und Streithansl, mit ihm schwappt das Testosteron über die Bühne. Gesteigert nur von Claudius von Stolzmann als Schauspielstar Ned Alleyn, der sich seines Auftritts und seiner Wirkung bis in die blonden Haarspitzen bewusst ist. Er soll der Mercutio werden, und liefert eine filmreife Fechtsszene.

Siegfried Walther hat als schmuddeliger Rose-Theatre-Direktor Henslowe die Lacher auf seiner Seite. Köstlich, wie er, zunehmend erahnend, dass er für das falsche Stück bezahlt hat, in den Texten, die Shakespeare erst nach und nach aushändigt, 1. einen Schiffbruch, 2. Piraten, 3. einen Hund sucht. Als abgebrühten ebensolchem kann ihn immerhin nichts erschüttern. Egal was schiefgeht, Henslowe hat sein Theatermacher-Mantra: Alles wird gut werden durch ein Wunder.

Alexander Strömer ist in der Rolle von Henslowes stets wie aus dem Ei gepellten Konkurrenten Burbage zu sehen. Oliver Huether bekommt als Geldgeber Fennyman den Ein-Satz-Part des Apothekers: Sein Sinn wird leicht, die Börse auch. Nikolaus Barton ist ein brutaler, unsympathischer Adelspleitier Wessex, dem Viola zur Frau versprochen ist. Gelungen der John Webster von Marius Zernatto, quasi der erste Splatter-Fan, dem immer dann wohl ist, wenn auf der Bühne Köpfe rollen und Herzen durchbohrt werden. Dies ist umso witziger, wenn man weiß, was aus Webster geworden ist – ein Autor von düster-grausamen Theaterstücken. Markus Kofler hasst als rechthaberischer Haushofmeister Tilney das Theater und will alle schließen, wird aber von seiner Herrin zurechtgewiesen.

Haushofmeister Tilney schließt das Rose Theatre: Markus Kofler, Philip Kelz, Oliver Huether, Swintha Gersthofer, Siegfried Walther, Alexander Strömer und Dominic Oley; oben: Marius Zernatto. Bild: Astrid Knie

Diese, Königin Elizabeth, stattet Ulli Maier als Lookalike mit trockenem Humor aus. Mit einem halben Dutzend junger Männer im Schlepptau segelt sie übers Parkett, alle Kabalen durchschauend, aber doch nicht in das Leben der niederen Ränge eingreifend. Nichts fehlt an diesem „Shakespeare in Love“. Weder Nachtigall noch Lerche, weder Gift noch Dolch – und natürlich auch nicht die Amme, die Therese Lohner zur hantigen Beschützerin macht.

Am Ende ist ein Stück Weltliteratur fertig, und ist bewiesen, dass der Herzschmerz-geplagte Künstler der bessere ist. Es folgt: „Was ihr wollt“. „Shakespeare in Love“, dieses so subtile, saloppe Stück, macht auf seine komödiantische Art eines wieder einmal klar: Nämlich, warum da einer aus Stratford nach mehr als 400 Jahren immer noch Globe-ale Gültigkeit hat.

www.josefstadt.org

  1. 9. 2017

Akademietheater: Die Perser

Mai 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In der Einfachheit liegt die Kraft

Geht an ihre Grenzen: Christiane von Poelnitz als Königsmutter Atossa. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Satz fällt schnell: „Wo, um Himmels Willen, liegt dieses Athen?“ Die Königsmutter Atossa spricht ihn, und in ihm liegt wohl begründet, warum man sich für die älteste überlieferte Tragödie der Theatergeschichte nach wie vor zu interessieren hat. Sinnlos Kriege zu führen, Konflikte zu schüren am anderen Ende von Welt und Vernunft, das wirft einen zurück auf diese Tage, die nicht heutiger sein könnten und dennoch antik-zeitlos sind. Welch ein Stoff, welch ein Autor.

Am Akademietheater hat Michael Thalheimer Aischylos‘ „Die Perser“ inszeniert. Auf die ihm eigene Art der theatralen Reduziertheit hat er das große Thema auf dessen Essenz verfeinert. Einmal mehr belegt der großartige Regisseur, dass in der Einfachheit die Kraft liegt, einmal mehr überlässt er seinen Schauspielern die Bühne – und deren Kraft ist überwältigend. Der Abend reißt einen hin und her und mit, und am Ende ist man beinah so erschöpft, aber glücklich wie die Darsteller.

Aischylos hat sein Drama 472 v. Chr. verfasst. Es behandelt den Untergang des Perserreiches nach einer unnötigen kriegerischen Auseinandersetzung mit den Griechen.

Nachdem sein Vater Dareios bei Marathon von Athen vernichtend geschlagen wurde, sinnt sein Sohn Xerxes nach Rache. Er bricht mit einer riesigen Flotte und einem Landheer auf, er baut mit seinen Schiffen einen Ponton an die griechische Küste – und wird doch von der widerständigen Minderzahl bei der Seeschlacht von Salamis vernichtend geschlagen. Das Eroberungsvolk ist endgültig liquidiert.

Der große Dramatiker Aischylos nahm als Soldat auf Siegerseite an dem Gemetzel teil. Dass er acht Jahre danach sein Stück verfasste, wird mit zwei Beweggründen erklärt: Zum einen galt es die Geburt des Okzidents, den Beginn eines Europas zu feiern, das sich endlich von der Bedrohung durch den Orient befreit hatte. Zum anderen aber wollte der Dichter anhand des Negativ-Beispiels „sein“ Athen wohl vor Überheblichkeit und Selbstüberschätzung warnen. „Hybris“ ist der Gedanke, um den sich sein Text dreht. Der freilich keine Antikriegsaufforderung ist, konnte sich der antike Mensch ein Dasein ohne diesen vermutlich gar nicht vorstellen.

„Das nackte Elend“: Merlin Sandmeyer ist als Xerxes ein Ereignis. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Der Chor des persischen Ältestenrates, Falk Rockstroh, belehrt die Königinmutter. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Am Akademietheater nun treten einem fünf Darsteller mit der ganzen Wucht ihrer Möglichkeiten entgegen. Christiane von Poelnitz, die Antikengeschulte, tritt erst als goldene Gottesmutter Atossa auf – denn die Perser verehrten ihre Herrscher als solche, als kalkulierende Politikerin, die beim Chor des persischen Ältestenrates Rat sucht und diesen doch zu gängeln weiß. „Und morgen gehört uns Griechenland“, tönt es noch kurz in der angemessen zeitgemäßen Textbearbeitung von Durs Grünbein, dann erscheint der Bote, dann reißt sich Atossa die edlen Kleider vom Leib und steht im schwarzen Hemdchen da.

Wie die Poelnitz diese plötzliche Verlorenheit, dieses Unverständnis über den Verlust der eigenen Größe, wie sie die Sorge um den geliebten Sohn spielt, nervös und zittrig und dennoch stolz erhobenen Hauptes, das ist große Klasse. Im quasi Wortsinn fällt ihr die Decke auf den Kopf, der einzige Bühnenbild-„Trick“ von Olaf Altmann, der Plafond saust wie ein Fallbeil herunter, wieder und wieder, und bringt mit sich den „Aschesturm“ der Gemeuchelten. Der die Darsteller kurz bis zur Unsichtbarkeit einhüllt.

Falk Rockstroh als der Ältestenrat changiert zwischen der Loyalität zum Herrscherhaus und der Anklage, dass hier „für nichts“ persische Männer geopfert wurden. Er ist in seiner Performance ebenso statisch kistallklar, wie Markus Hering, der als Bote die Unglücksbotschaft zu übermitteln hat – und dabei heult wie ein getretener Hund. Einem ganzen Volk, machen die beiden bewusst, ist nicht erklärlich, was da über es gekommen ist – ergo gibt man schnell einem Daimon die Schuld. Rockstroh, mit seinen schwarzen Augen blind (?), lässt Atossa keine Ruhe, er treibt sie vor sich her, jetzt, jetzt, gilt es politische Weichen zu stellen.

Es wird also der Daimon von Dareios aus dem Grab beschworen. Der kommt, Branko Samarovski in Kothurn und mit Teleskopstecken, doch kann er seinem Volk weder mit Rat noch Tat dienen. Auch ihm bleibt nicht mehr, als die Hybris seines Sohnes zu beweinen, bis er wieder in der Ewigkeit verschwindet.

Denn Anmaßung ist tatsächlich die große Sünde des Xerxes, brach er doch auf voll der Zerstörungswut. Nun kehrt er heim, im Wortsinn „das nackte Elend“. Merlin Sandmeyer, dieses eben erst aus der Schauspielschule geschälte Talent, erscheint blutig und bloß, ein von Minderwertigkeitskomplexen geplagtes Rich Kid, ein Neurosenkönig, der gegen die übermächtige Vaterfigur antreten wollte und nun vor der Verfetzung seiner Unternehmung steht. Sandmeyer spielt den Xerxes als vom Wahnsinn Umzingelten, tatsächlich gesteht ihm Thalheimer eine beinah Freud’sche Psychologisierung seiner Figur zu, wo ringsum subtile Stereotypheit herrscht – und Sandmeyer meistert die Aufgabe mit Bravour.

Markus Hering zerbricht als Bote an seiner bösen Nachricht. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Stimme aus dem Grab: Branko Samarovski als Dareios‘ Geist. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Endlich ist mit seinem fulminanten Auftritt auch die bis dahin im Halbdunkel gehaltene Bühne hell erleuchtet. Man sieht Blut und Boden, beim frenetischen Schlussapplaus arbeitet sowohl das Ensemble als auch das Leading Team hart daran, auf dem glitschig-ekeligen Untergrund nicht über die Rampe zu rutschen. Michael Thalheimers Aufführung besticht in ihrer Brillanz, er ist einer der wenigen Regisseure, die auf den ersten Blick an ihrer Bühnenhandschrift zu erkennen sind, und sich dennoch nie wiederholen. Wie eine gute Rockband, deren Sound man sofort wahrnimmt, auch wenn jedes neue Album eine Weiterentwicklung auf dem künstlerischen Weg ist.

Und P.S.: Weil dieses on-dit ist, dass man „Richard III.“ nach dem so verehrten wie überlebensgroßen Gert Voss an der Burg nie mehr zu machen bräuchte: Hier täte sich buchstäblich eine blutjunge Möglichkeit auf …

www.burgtheater.at

Kammerspiele: Arsen und Spitzenhäubchen

Mai 20, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft mörderisches Vergnügen

Abby und Martha Brewster mit ihrem Lieblingsneffen Mortimer: Marianne Nentwich, Elfriede Schüsseleder und Martin Niedermair. Bild: Herwig Prammer

Das sind die Kammerspiele vom Feinsten, liebevoll und mit Kennerblick auf die humorvollen Details inszeniert, die Darsteller mit Verve und sichtlichem Spaß bei der Sache, das Ganze ein wenig widerständig gegen Herbert Föttingers inszenatorische Neuerungsbestrebungen – und zur Abwechslung ist das auch gut so. Der Josefstadtdirektor schenkte seiner Doyenne zum 75. Geburtstag Joseph Kesselrings „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Und natürlich ist die Abby Brewster, das schrullige Mördertantchen, eine Paraderolle für Marianne Nentwich. Die wunderbare Schauspielerin, die ihr Repertoire in den vergangenen Jahren von den eleganten, mal mehr, mal weniger still leidenden Ehefrauen, zu schriller, komischer, gewitzter erweitert hat – man denke nur an ihre Madame Schleier im „Zerrissenen“, fühlt sich in Regisseur Fabian Alders Arbeit merklich wohl. Die abschließenden Standing Ovations galten freilich der Jubilarin, doch gab’s insgesamt viel Jubel fürs Ensemble.

Denn der Abend ist mit einem Wort gesagt hinreißend. Laut und verrückt und wie eine Reminiszenz an die gute, alte Kinozeit, in der Frank Capra das Stück 1944 auf die Leinwand hob. Da passt es fabelhaft, dass Alexander Pschill sich als Teddy Brewster einen beinah chaplinesken Gestus zugelegt hat, oder dass in Momenten höchster Gefahr stummfilmartige Schattenspiele auf der Bühne ablaufen, beinah so als würde Noferatu persönlich die Scheinwerfer bedienen. Alder und seine Mitstreiter balancieren gekonnt auf dem Grat zwischen betulicher Kleinbürgerlichkeit und blankem Horror, der den Charme dieses Stücks ausmacht. Die Boris Karloff’sche Frankensteinmaske für Markus Kofler darf auch nicht fehlen – der Schauspieler hatte Kesselring weiland gestattet, seinen Namen zu verwenden, weil’s ihm ein Spaß war, an dessen schwarzer Komödie mitzuwirken.

Jonathan Brewster taucht auf: Elfriede Schüsseleder, Marianne Nentwich und Markus Kofler. Bild: Herwig Prammer

Schon wieder ein Opfer des Gelbfiebers: Ljubiša Lupo Grujčić und Alexander Pschill auf dem Weg nach „Panama“. Bild: Herwig Prammer

Marianne Nentwich und Elfriede Schüsseleder spielen nun die Schwestern Abby und Martha Brewster. Die beiden älteren Damen haben es sich zur wohltätigen Aufgabe gemacht, noch ältere Herren mittels vergiftetem Holunderwein vom Elend dieser Welt zu befreien. Dritter im Haushalt ist Neffe Teddy Brewster, der sich für Theodore Roosevelt hält. Ohnedies damit beschäftigt, im Keller den Panamakanal auszuheben, ist es ein leichtes, ihn die angeblichen Opfer des Gelbfiebers dort auch bestatten zu lassen.

Das alles ging gut, bis Neffe Nummer zwei, Mortimer, die Leichen im Keller entdeckt – und selbstverständlich entsetzt ist. Und dann steht auch noch Jonathan Brewster in der Tür, ein gesuchter, irrer Serienmörder, durch unzählige Gesichtsumwandlungsoperationen mittlerweile auch optisch zum Monster mutiert …

Martin Niedermair spielt die ehemalige Cary-Grant-Rolle Mortimer als verkopften Pseudointellektuellen mit Hornbrille, Josefstadt-Jutetasche und schmierigen Haaren. Mortimer ist Theaterkritiker – und hasst das Theater. Diese Satire auf den Betrieb ist immer ein feines Beiwerk in „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Niedermair kann gut hysterisch. Sein Mortimer ist eigentlich durchgehend am Rande des Nervenzusammenbruchs, da schraubt sich die Stimme nach oben, um, wenn’s wirklich Spitz auf Knopf steht, in einen bedrohlichen Horrortonfall zu wechseln. In diesem Irrenhaus der Brewsters ist nicht klar, ob Mortimer tatsächlich der einzige Normale ist. Jedenfalls beginnt auch Salka Weber als seine Verlobte zu zweifeln …

Zumindest ein Mörder ist gefasst: Patrick Seletzky, Alexander Strobele, Oliver Rosskopf und Markus Kofler. Bild: Herwig Prammer

Als Jonathan zeigt Markus Kofler einmal mehr sein komödiantisches Können. Wie er den elementar in seinem Mörderstolz gekränkten Killer gibt, weil die Tanten genauso viele Tote vorzuweisen haben wie er, ist vom Feinsten. Ljubiša Lupo Grujčić gibt den versoffenen Feigling von einem Arzt, Dr. Einstein, der ihn zu Schanden operiert hat. Alexander Pschill slapstickt sich als Teddy über die Bühne, dass es eine Freude ist.

Eine chaotische Polizeitruppe rundet den Wahnsinn ab, Oliver Rosskopf und Patrick Seletzky sind wie Pat & Patachon, Alexander Strobele deren obercooler Oberboss, und Oliver Huether ist als uniformierter Möchtegerndramatiker total neben der Spur.

Fabian Alder hat im putzigen Bühnenbild von Nikolaus Frinke die Farce fabelhaft und mit großer Präzision aufgelöst. Das Ensemble ist bravourös überdreht (in der Pause war zwar zu hören, manchen war es etwas viel), und im Mittelpunkt ruhen souverän Nentwich und Schüsseleder mit ihrer subtilen, trockenen Darstellung der Tanten. Selten so viel gelacht!

Video: www.youtube.com/watch?v=-HtHzSXh2E8

www.josefstadt.org

Wien, 19. 5. 2017