Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

www.akzent.at

Wien, 5. 11. 2016

Kammerspiele: Monsieur Claude und seine Töchter

September 9, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Klischees ausgespielt, bis sie sich selbst entlarven

Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Monsieur Claudes Multikulti-Familie: Vincent Bueno, Ljubiša Lupo Grujčić, Michaela Kaspar, Daniela Golpashin, Peter M. Marton, Martin Niedermair, Martina Ebm und Silvia Meisterle. Bild: Herwig Prammer

Und wieder hat Folke Braband einen Komödienhit gelandet. An den Kammerspielen zeigt der Regisseur nach seiner großartigen Vorjahrsinszenierung von „Der nackte Wahnsinn“ die Bühnenadaption von „Monsieur Claude und seine Töchter“ und beweist sich damit einmal mehr als Meister des Boulevards. Er hat die französische Filmvorlage aus dem Jahr 2014 in einen Gute-Laune-Abend verwandelt, der allerdings bei hohem Funfaktor nicht aus den Augen verliert, dass hier durchaus die brisanten Themen zur Zeit abgehandelt werden.

Dass diese Übung so glänzend gelingen konnte, ist auch Autor Stefan Zimmermann zu danken, der mit seiner Textfassung die Untiefen des Drehbuchs geschickt umschifft, auf allzu arge Schenkelklopfmomente verzichtet hat und stattdessen lieber einen Finger in gesellschaftliche Wunden legt. Mitunter fallen Sätze, da stockt einem der Atem, heißt: die Welt hat sich in den vergangenen beiden Jahren gedreht, hat Menschen näher aneinander gerückt, eine Not, für die manche nicht im Entferntesten bereits sind, Verständnis aufzubringen. Braband und Zimmermann nehmen diese Entwicklungen aufs Korn, und nehmen sie so ernst, dass ihnen gar nichts anderes übrigbleibt, als darüber ein Lachen zu legen.

Xenophobie, die Angst vor dem „anderen“, ist bei ihnen überall zu Hause, quasi „Ausländer raus aus dem Ausland!“, wie Lukas Resetarits seinen Protagonisten im berühmten „Tschusch-Tschusch“-Sketch rufen lässt. Sie haben die gängigen Klischees bis zur Selbstentlarvung zugespitzt und Braband lässt sie vom Ensemble nun lustvoll ausspielen. Wie ein Atout nach dem anderen fallen die gegenseitigen Vorurteile über Herkunft, Hautfarbe und Religion, auch Essgewohnheiten, und wenn hier ein Asiate als „Glückskeks“ verunglimpft wird, ist das fast noch ein Kosename. Alltagsrassismus light, sozusagen, und Brabands Arbeit bringt das alles pointiert auf den Punkt. Dem Filmischen ist er insofern verbunden geblieben, als er seine kurzen Szenen mit Blackouts trennt – was dem Ganzen tatsächlich, siehe oben, etwas sketchhaftes verleiht. Und für Tempo auf der Bühne und Kurzweil im Publikum sorgt.

Im Mittelpunkt des Multikulti-Spaß steht Claude Verneuil, der mit seiner Frau Marie ein beschauliches Leben auf dem Lande führen könnte, wenn seine vier Töchter nicht ein Faible für Männer „exotischer“ Abstammung hätten. Einen Moslem, einen Juden und einen Chinesen hat er sich als Schwiegersöhne schon mit der gleichen Freude zugezogen wie andere einen Schnupfen. Nun endlich die jüngste bringt einen echten Franzosen und Katholiken ins Haus, Charles heißt er noch dazu, welch Freude, ist Monsieur doch Gaullist. Mais quel malheur, der junge Mann ist Sch … auspieler, das auch, vor allem aber ein Schwarzer!

Siegfried Walther ist als Monsieur Claude Dreh- und Angelpunkt des Abends, ein Kleinbürger, der auf seiner Kleinkariertheit herumkaut, und fabelhaft in seiner Verstörtheit ob der neu angebrochenen Zeiten, die ihm da ins Haus stehen. Der Wind der Globalisierung weht ihm hart ins Gesicht, und wenn seine Floskeln auch verletzend sind, ist er doch ein guter Vater, der sich um den Familienfrieden fast mehr sorgt als um seine Seelenruhe. Walther malt die Schablone, die diese Figur sein könnte, mit einer ganzen Palette an Gefühlsfarben aus, er gibt seinem Monsieur Claude Charakter, konterkariert dessen saturierte Selbstgefälligkeit mit Selbstzweifeln und entgeht so mit Verve jener Knallchargigkeit, der sich sein Filmkollege Christian Clavier nicht entziehen konnte. Eine Leistung, mit der Walther gleichsam die Grundierung der Aufführung festlegt.

Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Mit Chateauneuf du Pape lassen sich alle Grenzen überwinden: Siegfried Walther und Félix Kama. Bild: Herwig Prammer

Peter Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Ein Liebespaar gegen alle gesellschaftlichen Widerstände: Peter M. Marton und Martina Ebm. Bild: Herwig Prammer

Denn niemand ist hier schwarz oder weiß, heiß oder kalt, gut oder böse, das Verhängnis heißt vielmehr Stolz und Vorurteil, und über beides muss man erst einmal hinwegkommen. Den Höhepunkt erreicht die Sache, als Charles‘ Eltern von der Elfenbeinküste anreisen, und sich André Koffi als der ärgste Chauvinist von allen entpuppt. Félix Kama verleiht der Figur seine imposante Statur und Profil, und wenn sich die beiden Väter beim Angeln und unter Einfluss von ausreichend Rotwein in ihren konservativen Ansichten näherkommen, so sind das mit die schönsten Momente der Inszenierung.

Susa Meyer ist als Marie Verneuil mit dem mütterlichen Talent gesegnet, durch das Unangenehme hindurchzuhören, Ida Ouhé-Schmidt als Madeleine Koffi hört zwar noch, lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen.

Die vier Liebespaare gestalten Michaela Kaspar und Ljubiša Lupo Grujčić, Silvia Meisterle und Vincent Bueno, Daniela Golpashin und Martin Niedermair, Martina Ebm und Peter M. Marton. Mit oft nur kleinen Gesten und Andeutungen gelingt es ihnen ihre Rollen in der Handlung und in ihren Beziehungen zu verorten.

Meisterle als Michelle ganz überspannte Künstlerin, Golpashin als Adèle mit einem genervten Augenrollen, wenn ihr Mann wieder einmal seine jüdischen Ahnen anruft. Die Schwiegersöhne ergehen sich in gegenseitigen Ressentiments, bringen im Ringen um die Gunst des Schwiegervaters aber auch sehr viel Selbstironie mit in die Situation. Der Humor beißt mitunter fest zu, wenn’s um Israel gegen Palästina, aber vereint gegen China geht.

Grujčić gibt den südländischen Heißsporn, der sich politisch völlig unkorrekt wegen seiner permanenten „Bombenstimmung“ frotzeln lassen muss, Niedermair einen raunzigen Nörgler, der sich alles Leid seines Volkes auf die schmalen Schultern geladen hat, Vincent Bueno das –  nicht Schlitzauge, sondern – freundliche Schlitzohr, er wird ergo von den anderen beiden auch als „dauergrinsender Arschkriecher“ beschimpft. Bueno greift dann zum Gaudium der Zuschauer auf seine Martial-Arts-Künste zurück, der Musicaldarsteller in seiner ersten Sprechtheaterrolle ist die erfreulichste Überraschung des Abends, wie er spielt, auch sein komisches Talent ausspielt, wie er sich ins Kammerspiele-Ensemble fügt, als hätte er nie etwas anderes gemacht, davon möchte man gern mehr sehen.

Als Tausendsassa zeigt sich Markus Kofler, wie schön, dass die Josefstadt mit seinem Engagement beweist, dass sie ein waches Auge Richtung freier Szene hat. Er ist nicht nur zuständig für die Vertreter aller Religionen, sondern auch für peinliche Nachbarn und beinharte Polizisten. Immer hart an der Karikatur tanzt er seinen Figurenreigen, ganz wunderbar als der eine oder andere Geistliche, der als Antworten auf die Glaubenszweifel seiner Schäfchen nur ein lautmalerisches Bartgemurmel hat. Oder als Ordnungshüter, dessen erster Blick, als Abderazak und Abraham auf der Suche nach den im Alkohol abgesoffenen Familienoberhäuptern in sein Wachzimmer einfallen, dem Fahndungsplakat gilt. Ein Araber, Sie wissen, da kann man nie wissen …

Mit solcherart gaghaften Andeutungen lädt Folke Braband freilich auch zur satirischen Selbstbefragung ein. Seine Unterhaltung hat Haltung. Im diesbezüglich durchkomponierten Programmheft mit seltsamen Europakarten samt „Dracula- und Autodiebländern“ findet sich dafür ein Psycho-Fragebogen: Mal ehrlich, sind Sie ein Rassist?

Vincent Bueno im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21953

Trailer: www.youtube.com/watch?v=1r2bTOH5gVs&feature=youtu.be

www.josefstadt.org

Wien, 9. 9. 2016

Kammerspiele: Vincent Bueno im Gespräch

August 31, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt in „Monsieur Claude und seine Töchter“

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vindent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Monsieur Claude und seine Schwiegersöhne: Siegfried Walther mit Vincent Bueno, Peter Marton, Martin Niedermair und Ljubiša Lupo Grujčić. Bild: Jan Frankl

Der französische Kinoerfolg des Jahres 2014, „Monsieur Claude und seine Töchter“, kommt nun auf die Bühne. An den Kammerspielen wird die Komödie von Philippe de Chauveron und Guy Laurent in einer Inszenierung von Folke Braband am 8. September uraufgeführt. Madame und Monsieur Verneuil, dargestellt von Susa Meyer und Siegfried Walther, wären ein zufriedenes Ehepaar, hätten ihre vier bildhübschen Töchter nicht eine Affinität zu Männern aus anderen Kulturkreisen.

Eine jüdische, eine muslimische und eine Hochzeit mit einem Asiaten mussten sie schon über sich ergehen lassen, da verkündet endlich die jüngste Tochter, einen französischen Katholiken heiraten zu wollen. An dem passt alles – bis auf die Hautfarbe. Musicaldarsteller Vincent Bueno übernimmt als chinesischer Schwiegersohn Chao Ling seine erste Sprechtheaterrolle. Ein Gespräch über Alltagsrassismus, das Gefühl Heimat, das neue Album „Wieder Leben“ und wie ein „Musicalfuzzi“ an den Kammerspielen nun für Rambazamba sorgt:

MM: Das ist Ihre erste Rolle am Sprechtheater, wie geht’s?

Vincent Bueno: Ja, und ich fühle mich extrem geehrt, dass ich mitmachen darf. Ich habe viel Musicalerfahrung, aber eine reine Schauspielrolle habe ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gespielt, damals beim Armen Theater Wien, weil Erhard Pauer mein Abschlusslehrer am Konservatorium war. Die Proben an den Kammerspielen sind nun eine tolle Erfahrung mit tollen Kollegen.

MM: Wie sind Sie in die Produktion gekommen? Gab’s ein Casting?

Bueno: Nein und das ist das Coole daran: Die Josefstadt hat mich angefragt! Und natürlich war ich interessiert. Ich habe dann bei Herrn Direktor Föttinger vorgesprochen, einen Text aus „A Chorus Line“, und das war eine ziemlich arge Challenge, weil er aufs erste Kennenlernen doch sehr … wie soll ich das jetzt sagen? … respekteinflößend ist. Er hat zu mir gesagt: Du bist zu brav, ich will deine derbe Seite sehen, ja, und das versuche ich jetzt. Außerdem lerne ich gerade, meine Körpersprache zurückzunehmen.

MM: Funktioniert eine Theaterfamilie anders als eine Musicalfamilie?

Bueno: Gute Frage. Ich will jetzt nichts falsches sagen. Eine Musicalfamilie ist lebendiger, aufgeweckter, Sprechtheaterschauspieler sind nachdenklicher, in sich gekehrter. Vielleicht haben sie sich ja deswegen einen Musicalfuzzi geholt, damit er für ein bisschen Rambazamba sorgt. (Er lacht.) Nein, im Ernst, ich fühle mich so wohl, man wächst hier so zusammen. Man ist beim Sprechtheater angewiesener aufeinander, weil ein Satz in den anderen greift. Da kann keiner einen Egotrip veranstalten. Da wir nicht tanzen, nicht singen, ist sprechen, miteinander sprechen das Essenzielle.

MM: Sie spielen den chinesisch-stämmigen Schwiegersohn Chao Ling. Wie ist der?

Bueno: Eigentlich nicht so weit weg von meiner Person. Was uns unterscheidet ist, dass er Banker ist und ich ein Künstler, aber wir haben beide diese Sunshine-Art. Er ist im Gegensatz zu mir so strukturiert, er ist ein Checker, ich nicht. Ich bin sehr bescheiden, er kann seine Meinung rauslassen, das ist für mich grad noch ein bisschen schwer, aber wir sind auf einem guten Weg miteinander.

MM: Bescheidenheit ist nicht die beste Eigenschaft im Showbusiness.

Bueno: Das glaube ich auch. Aber das ist das Asiatisch-Höfliche an mir, das ich nun beim Spielen vollkommen ausschalten muss. Eine Challenge!

MM: Ist das Asiatisch-Höfliche nicht ein Stereotyp?

Bueno: Glaube ich nicht, die meisten Asiaten sind von Natur aus höflich. Es gibt einen Unterschied zwischen Höflichkeit und Aufrichtigkeit, und Asiaten haben diese Mischung, mit der viele Europäer nicht wirklich umgehen können. Die glauben, das Ja-Sagen und Verbeugen und Alles-Gut-Sagen ist ein Fake, aber es ist eine Sache des Respekts im gegenseitigen Umgang miteinander, die es im europäischen Raum so nicht gibt.

MM: Es ist eine Komödie, aber auch ein Stück über Alltagsrassismus in unserer Gesellschaft. Haben Sie den auch schon erfahren?

Bueno: Nicht nur erfahren. Ich spüre, auch wenn ich nicht direkt auf mein asiatisches Aussehen angesprochen werde, Blicke auf mir, da denke ich mir Wow! Leute schauen einen gerade in der jetzigen Zeit wieder schief an, wenn sie zu erkennen glauben, dass man ein „Ausländer“ ist. Das ist teilweise blanker Hass. Ab dem Zeitpunkt aber, wo ich Wienerisch spreche, denn ich bin ja hier geboren, ist es für sie okay. Nach dem Motto: Ah, der kann sich anpassen. Es ist grotesk, aber es ist so.

MM: Sind die Asiaten nicht die guten, fleißigen „Ausländer“, die freundlichen Exoten?

Bueno: Und die Afrikaner und die Araber die bösen, arbeitsscheuen, meinen Sie? Ja, das stimmt schon, wir kriegen’s nicht so ab. Das ist jetzt auch sehr Thema bei den Proben mit Peter Marton und Ljubiša Lupo Grujčić, meinen Mitschwiegersöhnen, mit denen ich mich privat super verstehe. Wir versuchen die Vorurteile noch mehr zu unterstreichen, noch etwas Sahne draufzugeben, damit’s einerseits komisch ist, andererseits aber auch verstanden werden kann, dass es so nicht weitergeht im menschlichen Zusammenleben. Denn die Schwiegersöhne haben ihre Scharmützel miteinander, die auf ihrer unterschiedlichen Herkunft basieren. Wir wollen alle dem Monsieur Claude gefallen, doch der wünscht sich nur einen urfranzösischen Bräutigam für zumindest eine seiner Töchter.

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album "Wieder Leben" vor. Bild: Vincent Bueno

Der Singer/Songwriter stellt demnächst auch live sein neues Album „Wieder Leben“ vor. Bild: Vincent Bueno

MM: Sie haben auf den Philippinen wie hier eine große Fanbase. Fühlen Sie sich zweigeteilt oder nehmen Sie best of both worlds?

Bueno: Ich habe eine Zeitlang auf den Philippinen gelebt, weil ich mich dort im Showbusiness etablieren wollte, und das Komische ist, ich habe festgestellt, dass ich mich in Österreich am Heimischsten fühle, aber in keinem der beiden Länder zuhause. Das heißt, ich gehöre nach Österreich, bin hier geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen, die österreichische Kultur ist meine Kultur, und trotzdem werde ich als fremd gesehen. Auf den Philippinen wussten die Leute, der ist nicht von hier, der hat keine Ahnung von unserer Kultur, deswegen können wir den auch nicht vermarkten.

MM: Das heißt, auf den Philippinen sind Sie Österreicher?

Bueno: Ja, man nannte mich The Austrian Idol, nach der Show „American Idol“, weil ich damals gerade im ORF „Musical – Die Show“ gewonnen hatte … (er schmunzelt).

MM: Was uns zur Musik bringt. Sie haben ein neues Album aufgenommen: „Wieder Leben“. Erzählen Sie etwas zu dessen Entstehungsgeschichte?

010063_db7035c8492c457a8ebb20c825b5d6e8Bueno: Es ist erstmals ein deutschsprachiges Album, was nicht alle in meiner Community mögen, aber meinen amerikanischen Stil habe ich beibehalten. „Wieder Leben“ hat damit zu tun, dass ich in den vergangenen Jahren vieles erlebt habe, wovon ich dachte, ich muss darüber schreiben. Es gab viele Momente in meinem Leben, die mir die Energie nahmen, nach denen ich erst wieder Kraft tanken musste, und beim Schreiben des Albums dachte ich, ich will „Wieder Leben“. Ich war eine Zeitlang offline, jetzt war’s soweit online zu gehen. Ich bin wieder da!

MM: Was Sie ansprechen hat mit Ihrer Familie zu tun. Ihre Tochter ist vergangenes Jahr kurz nach ihrer Geburt gestorben. Das ist so traurig, dass es eigentlich unmöglich ist, etwas dazu zu sagen. Aber wenn man das weiß, hört man’s aus dem einen oder anderen Song raus.

Bueno: Wenn es einen berührt, dann freut mich das. Meine Frau Charity stand beim Schreiben dieser Songs sehr hinter mir, sie hat mich mit meiner Musik immer unterstützt. Sie ist die beste Frau der Welt, und auch wenn das jetzt kitschig klingt, sie ist eine, wie man sie nicht alle Tage sieht. In der Zeit, in der das mit unserer Tochter passiert ist, haben wir sehr zueinander gehalten. Man kann an so einem Schicksalsschlag als Paar zerbrechen, oder daran wachsen. Wir, denke ich, sind gewachsen. Wir wissen, dass unsere Kleine jetzt woanders ist, das hilft uns.

MM: Man hört Soul und R&B. Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Bueno: Michael Jackson, Justin Timberlake, James Brown … Alle Performer, die sich gut bewegen und eine gute Stimme haben. Diese Sorte Allroundperformer vermisse ich hier in Österreich, was vielleicht heißt, dass Österreich mit so einem Total-Package nicht umgehen kann – und dann noch dazu mit einem „ausländisch“ ausschauenden Österreicher. Deswegen will ich meinen Stil gar nicht wirklich ändern; mein Album ist vom Gefühl her ziemlich „schwarz“.

MM: Sie unterrichten auch? Wen?

Bueno: Ich arbeite gerne mit Leuten, die schon wissen, dass sie singen können. Ich will niemandem Singen beibringen, sondern an einem Stil, an einer Ausdrucksweise feilen. Das macht mir Spaß. Also, wer das möchte, kann sich über meine Webseite gern bewerben.

MM: Pläne?

Bueno: Musik machen. Ich bin Musiker. Am 11. September spiele ich übrigens mit meiner Band im 25hours-Hotel. Das erste Mal live „Wieder Leben“.

www.vincent-bueno.com

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Wien, 31. 8. 2016

Sommerspiele Perchtoldsdorf: Ein Sommernachtstraum

Juni 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine exemplarisch gelungene Shakespeare-Inszenierung

Erwachen nach einen Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Erwachen nach einer Nacht im Wald: Benjamin Vanyek, Julia Richter, Sophie Aujesky, Jan Hutter, Raphael Nicholas, Andreas Patton und Karl Walter Sprungala. Bild: Lalo Jodlbauer

Die Frage kam off the records vor einigen Wochen schon auf. Ob man hierzulande jemals eine rundum geglückte Aufführung vom „Sommernachtstraum“ gesehen hätte? Am Burgtheater, bei den Salzburger Festspielen? Jetzt ja, in Perchtoldsdorf. Dort zeigt Intendant und Regisseur Michael Sturminger zum 40-Jahr-Jubiläum der Sommerspiele eine exemplarische Inszenierung von Shakespeares Liebesverwirrspiel.

Es scheint fast, als wäre es ihm gelungen, die mittelalterliche Burg auf die Insel des britischen Barden zu transferieren, mitten hinein in dessen Zauberwald, so sehr stimmig sind die Bilder, der Tonfall, die Atmosphäre. Alles flirrt und neckt sich. Und auch, dass Sturminger für die diesjährige Premiere erstmals ein Bühnenrund mit drei es umschließenden Zuschauertribünen aufstellen ließ, verstärkt den Eindruck dieses Theater-„Globe“.

So zieht’s einen mitten hinein in den Probenprozess. Die Arbeit ist nämlich gar nicht fertig. Markus Kofler tüfelt noch an der tief tragische Komödie von Pyramus und Thisbe. Er ist ein zunehmend genervter Squenz, der eine wie einem Monty-Python-Sketch entsprungene Truppe in Szene setzen soll, großartig etwa Nikolaus Barton als Zettel-Pyramus, Michael Pogo Kreiner, der als Flaut zur lispelnd tippelnden Thisbe wird, und Raphael Nicholas, der als Schnock den Löwen geben soll. Der Adelssitz in Athen hat Sturminger weniger interessiert, er hat einen Hang zu den begeistert laienspielenden Handwerkern, und wenn er im Gespräch mit mottingers-meinung.at sagt, das sei so, weil „sie“ ja schließlich „wir“ sind, dann entstehen angesichts der wie immer fast vollzählig erschienenen Perchtoldsdorfer Honoratioren im Publikum ganz neue Assoziationen im Kopf.

Erst ist's nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner und Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Erst ist’s nicht einfach, doch dann klappt das mit der Thisbe: Michael Pogo Kreiner gibt alles, Regisseur Squenz alias Markus Kofler erschreckt das. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte von Pyramus und Thisbe: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Die höchst tragische Geschichte kommt zur Aufführung: Michael Pogo Kreiner, Nikolaus Barton, Judith Prieler, Karola Niederhuber und Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Kofler rückt den Spiegel immer näher heran. Einen Theseus sucht er, und eine Hippolyta, den Oberon samt dessen Titania. Da muss er erst Überzeugungsarbeit leisten, muss bitten um Besetzungsvorschläge für sein Mitmachtheater, bis sich aus den Sitzreihen Andreas Patton und Veronika Glatzner melden. Sie temperamentvoll das Abendtascherl schmeißend, weil demnächst ja Königin und sowieso Amazone, er qualifiziert sich intellektuell hochwertig – mit Schillers „Glocke“. Das sagt schon viel aus über die Paarläufe, denen man in den kommenden drei Stunden folgen wird, darüber, was da so schief hängt zwischen Mann und Frau, von fehlender Befriedigung bis ergo kein Seelenfrieden. Sturminger gebraucht gerade so viel Zote als Zunder, dass sich daran die eigene Fantasie entfachen lässt.“Das ist Regie, das sind Ideen, das ist Abstraktion!“, klingt einmal Squenz‘ inszenatorischer Freudenschrei, und damit gibt Kofler gleichsam das Motto des Abends vor.

So wohldosiert semitransparent wie Sturmingers Arbeit sind die Kostüme von Renate Martin und Andreas Donhauser, die mehr erhoffen, weil erahnen lassen, feines Spinngeweb und zerrissenes Netz. Nur Oberon steht seiner New-Age-Queen in schwarzem Leder wie ein alter Rock’n’Roller gegenüber, die Attitüde passend zum Outfit. Von Martin und Donhauser ist auch die Bühne, leer bis auf bisweilen Titanias Brokatbett; mit Einbruch der Dunkelheit zeichnen magische Lichtkreise auf dem Boden den Darstellern den Weg.

Die sind aufs Vorzüglichste gewählt. Allen voran die vier jungen Liebenden Hermia und Lysander, Helena und Demetrius, die Julia Richter und Benjamin Vanyek, Sophie Aujesky und Jan Hutter mit viel Spiellust mit Leben füllen. Man hat das Quartett auch schon blutleer gelassen, doch wie hier um die Liebe, die Hände und miteinander gerungen wird, ist große Klasse. Und natürlich geht’s dabei mehrmals statt zwischen Bäumen durch die Zuschauerreihen hindurch. Karl Walter Sprungala ist sowohl der Puck als auch Hermias Vater Egeus, in beiden Fällen jedenfalls ein Geist, der stets das Böse will, als ersterer ein hinreißender, possenreißender Derwisch, der nicht nur die Handlung, sondern auch die Musik durcheinander bringt. Dabei werden die von Michael Pogo Kreiner beigesteuerten, elisabethanisch angehauchten Sphärenklänge unter seinem Zweitnamen dargeboten, das Ensemble versammelt sich dazu als „Robin Goodfellow & The Orchestra Of The Enelvement“. Nikolaus Barton ist als Zettel ein begnadeter Selbst/Darsteller, ein g’schaftlhuberischer Kleinstädter, der den Eselsschweif vorne trägt. Nur einer, der sich so lieb hat wie er, kann an „seine schöne Männlichkeit“ glauben.

Andreas Patton als Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Andreas Pattons Oberon ist ein alter Rock’n’Roller; die Attitüde passt zum Outfit. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Titania und ihre Elfen: Veronika Glatzner mit Ensemble. Bild: Lalo Jodlbauer

Sturminger hat seine Schauspieler präzise geführt. Von ihm angeleitet entlocken sie Shakespeares fein ziselierten Charakteren noch die leisesten Zwischentöne übers Zwischenmenschliche. Nur eine kleine Andeutung etwa ist es, wenn Hippolyta zu ihrem erzwungenen Hochzeitsfest in einem wie ein Kettenhemd rasselnden Abendkleid erscheint, Theseus wiederum kann bis zur Weißglut des Eugeus‘ die Hermia nicht von der Helena unterscheiden, was ficht’s den Fürsten auch an? Es endet, wie es enden muss, auf der Bühne wird endlich ein Theater gemacht. Die Handwerker dürfen ihre Produktion präsentieren, die Blumendroge findet sich plötzlich in Hippolytas Händen, so kann’s gehen Richtung Happy End, und Eugeus enttarnt sich als Puck. Die Elfen haben die Menschen gespielt oder es war umgekehrt.

Das ist ein Stoff, aus dem auch Träume sind – ein wundersamer Abend in wunderbarer Kulisse. Die sehr gelungene Neuübersetzung dieser Sommernachtsfiktion von Angelika Messner und Martina Theissl ist als Text im Programmheft abgedruckt.

Michael Sturminger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=19980

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Wien, 30. 6. 2016

Burgtheater: Der Diener zweier Herren

Juni 28, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch an der Burg essen sie Bohnen

Andrea Wenzl (Beatrice), Markus Meyer (Truffaldino), Peter Simonischek (Pantalone De’Bisognosi). Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Truffaldino weiß, wie man schwungvoll serviert: Markus Meyer mit Andrea Wenzl und Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Dass Christian Stückls Inszenierung von Goldonis „Diener zweier Herren“ am Burgtheater, wie mancherorts gemunkelt, keine Italianità besäße, kann man so nicht sagen. Es ist halt nicht die Tarantella-Stracciatella-Variante davon, eher erwartet man, dass jeden Moment Giuliano Gemma um die Ecke biegt. Bei Stückls Arbeit stand nämlich die Mafia Pate. Der Regisseur hat das Personal der Commedia dell’arte in eine ehrenwerte Gesellschaft verwandelt.

Das erinnert an Alvis Hermanis‘ Versuch zum „Weiten Land“ vor einigen Jahren, doch anders als bei dessen Verschnitzelung geht sich das Ganze diesmal aus. Die Schießeisen sitzen locker, die Fäuste auch, und wenn Intrigieren immer noch bedeutet, jemanden in Verlegenheit zu bringen, ist diese Interpretation hier genau richtig. Auch an der Burg essen sie Bohnen.

Stefan Hageneier hat dafür ein dringend renovierungsbedürftiges Venedig erdacht, eine desolate, im Halbdunkel gehaltene Taverne, in der das tückische Treiben stattfindet; man trägt naturalmente Nadelstreif, jedes angespielte Musikstück von Tom Wörndl klingt nach il canto di malavita. Und es wird Italienisch gesprochen. Die Grußformeln und die Essensbestellungen. Peter Simonischek, der als Pantalone de‘ Bisognosi seine Toni-Erdmann-Zähne mit auf die Bühne gebracht hat, erklärt die Temperatur der Aufführung mit einem Halbsatz seiner Figur: „Ohne Jubel-Trubel, aber Heiterkeit!“ Simonischek spielt mit großer Lässigkeit den Patriarchen; er changiert zwischen liebevoll polterndem Papà und einem gerissenen Raubtier von Geschäftsmann. Sein Pantalone ist einer, der gewiss keine Leichen im Keller hat, weil er sie lieber gleich im Canal Grande versenkt. Keine Sekunde lässt er Zweifel daran aufkommen, dass er die Liquidierung unliebsam gewordener Handelspartner mit links erledigen würde, es gehört zu den Stückl’schen Zwischentönen, dass Schwiegersohn in spe Silvio, gespielt von Christoph Radakovits, als er das erste Mal auftritt, bereits weiß, dass der Turiner Federigo Rasponi aus dem Weg geräumt worden ist …

Mit dessen verkleideter Schwester Beatrice kommt der Diener Truffaldino in die Lagunenstadt. Und Markus Meyer brilliert in dieser Rolle einmal mehr. Nach seiner fulminanten Toinette ist auch sein Truffaldino der Spielmacher; Meyer ist diese Saison der MultitasKing der Burg, der König der Spaßmacher, welch ein Komödiant, wenn sich der Lakai zweier Herren in seinem eigenen Lügenlabyrinth verirrt, dabei einer, der nie vergißt, die Tragi- in der -komödie mitzuspielen. Immerhin ist Truffaldino so geringfügig beschäftigt, dass es nicht zum Brot, geschweige denn zur Butter reicht. Der Bergameser ist einer der working poor, die sich zwischen zwei Jobs zersprageln, und zwischendurch noch versuchen, ihr Singledasein zum Liebesleben upzugraden, wie gegenwärtig dieses Moment doch ist. Den Höhepunkt hat sein largo al factotum in der berühmten Servierszene in zwei Zimmern, in der Meyer sein akrobatisches Tanztalent austoben kann – bis zum wortwörtlich ausgeführten Spagat. Eine Übung, die der Publikumsliebling beim tosenden Schlussapplaus gerne und zum Gaudium aller wiederholt.

Stückl setzt von Anfang an auf hohes Tempo, um die von Goldoni erdachten Irrungen und Wirrungen auf der Bühne umzusetzen. Keiner darf hier recht zum Nachdenken kommen, sonst wäre die Absurdität der Situation schnell aufgeflogen, lieber bewegt man sich zwischen den Eckpunkten skurrilen Slapsticks und grotesker Grausamkeit. Da wird ein Finger, von einer zugeschlagenen Türe blutig angetrennt, schnell wieder angenäht, ein Schneuztüchl drumherum und gut ist’s. Oder ein Kaugummi unter der Tischplatte hervorgekratzt und frischgekaut, um betrügerisch geöffnete Briefe wieder zu versiegeln. Das geht an die Magennerven. Die Charaktere sind so zornig wie zotig, es wird geflegelt, gefressen und kopuliert, was das Zeug hält. Der Charme ist rustikal, die Scherze derb, das Ensemble kämpft sich gegen die Tücken der Drehbühne vorwärts wie gegen einen anschwellenden Sturm. Stückl macht, was er am besten kann: Volkstheater. Im besten Sinne. Und seine Schauspieler meistern die vorgeschriebenen lazzi toll und dreist.

Mavie Hörbiger (Smeraldina), Christoph Radakovits (Silvio), Hans Dieter Knebel (Brighella). Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Bei Smeraldina sitzt das Schießeisen locker: Mavie Hörbiger, Christoph Radakovits und Hans Dieter Knebel. Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Peter Simonischek (Pantalone de’Bisognosi), Hans Dieter Knebel (Brighella), Johann Adam Oest (Dottore Lombardi). Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Peter Simonischek bleckt die Toni-Erdmann-Zähne: mit Hans Dieter Knebel und Johann Adam Oest. Bild: Reinhard Werner / Burgtheater

Allen voran Mavie Hörbiger als Smeraldina. Weil jede gute Mafiageschichte eine schwarze Witwe braucht, wurde sie in eine solche verwandelt, eine Ammenhexe mit Hakennase und schwarzer Adjustierung, eine mannstolle herbe Schönheit, die sich mit ihrer  Rauhnacht-Stimme als Mitglied der von einer Herrschaft unterdrückten Klasse ausgibt. Skeptisch schaut sie auf die Welt, und was sie über die zu sagen weiß, ist nur die Wahrheit, die Waffe hat sie schnell zur Hand, und doch träumt sie wie jedes Mädchen nur vom Traualtar. Ein Glück, dass Truffaldino sie schon nehmen würde, wenn sie nur „wöllte“.

Ebenso wie Hörbiger hervorragend, ist auch Andrea Wenzl als Beatrice bestechend gut. Mit tiefem Timbre und im feingerippten Ruderleiberl gibt sie in der Hosenrolle „den Neuen“ im Revier, den Stecher, der der eingesessenen Sektion der Familie das Fürchten lehren will. Es ist fein, die Charakterdarstellerin einmal in einem Lustspiel zu sehen und, wie luftig-leicht sie sich damit tut. Wobei ihrer Beatrice freilich der melodramatische Part in dieser Aufführung gehört.

Ihr Liebhaber, Sebastian Wendelin als Florindo Aretusi, ist gegen so viel Frauenpower ein verweichlichter Waschlappen, der mit großen überraschten Augen auf das Geschehen blickt, doch schnell mutiert er vom weinerlichen Elendshäufchen zum herrischen Patron, wenn’s der Dienerschaft etwa um die Bildung einer Gewerkschaft geht. Christoph Radakovits ist als Silvio sein dümmlich aufbrausender, weil eifersüchtelnder Widerpart. Johann Adam Oest gibt den Dottore Lombardi als einwandfreien Paragraphenreiter, dessen ausschweifend lateinische Ausführungen Pantalone an den Rand der Verzweiflung bringen, Irina Sulaver die Clarice als pikiert-pikantes Früchtchen mit Hang zu Heulausbrüchen, wenn’s nicht nach ihrem Kopf geht.

Goldonis Grundidee, die zani, vecchi und innamorati über Stereotype hinaus, von der Possenreißerei in ein Sittenbild seiner Zeit zu verwandeln, ist Stückl treu geblieben. Von Panama bis zum Brexit gibt’s ein paar aktuelle Anspielungen, so wohl dosiert, dass sie gut ankommen können ohne wehzutun. Wie ein Ruhepol inmitten des Irrwitz‘ sind Hans Dieter Knebel als Wirt Brighella und Stefan Wieland als sein stoisch-intellektueller Kellner Luigi. Sie gestalten ein Kabinettstückchen an Lakonie, während es rund um sie lebensgefährlich um nicht gedeckte Wechsel und ruinöse finanzielle Transaktionen geht.

Am Ende gibt es drei sich gefunden habende Liebespaare, einen verbrecherischen Big Boss, der fester im Sattel sitzt denn je, Stückls subtil auf die Wunde sozialer Ungerechtigkeit gelegten Finger, und hochzufriedene Zuschauer. Stückls „Diener zweier Herren“ ist jetzt schon ein Spielplanrenner, am Montag bei vollem Hause trotz EM-Achtelfinale Italien-Spanien, und wird’s kommende Saison noch bleiben. Fortsetzung also ab September …

www.burgtheater.at

Peter Simonischek ist „Toni Erdmann“, Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20924

Wien, 28. 6. 2016