Das Burgtheater auf ORF III: Die Bakchen

April 22, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Am 23. April zeigt ORF III (leider erst) um 22.50 Uhr im Rahmen der Romy-nominierten Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ulrich Rasches Inszenierung von „Die Bakchen“ aus dem Burgtheater. Als Auftakt der Intendanz von Martin Kušej präsentierte sich Euripides‘ Drama mit einem pompösen Bühnenbild aus komplexen Laufbandarchitekturen. Franz Pätzold wurde für seine Rolle als Dionysos 2020 mit dem Nestroy in der Kategorie „Bester Schauspieler“ ausgezeichnet.

Vom Burgtheater gibt es dazu Probeneinblicke www.youtube.com/watch?v=JH2FE8V23_Y&t=1s, die Special-Edition der Gesprächsreihe aus dem Kulturlockdown, diesmal mit Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche, und die Reportage „Maschinengetrieben“ www.burgtheater.at/maschinengetrieben, bei der der Technische Leiter des Hauses Ernst Meissl das Publikum mitnimmt auf einen Rundgang durch den Burgtheaterbauch und hinter die Kulissen der Maschinen von Ulrich Rasche.

Hier noch einmal die Kritik vom September 2019:

Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt. Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt …

Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: A. Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiterzieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang. Erstveröffentlichung: www.mottingers-meinung.at/?p=34408

www.burgtheater.at           Trailer: www.youtube.com/watch?v=amzocdYiAVg           Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=JH2FE8V23_Y&t=1s           www.burgtheater.at/maschinengetrieben

BUCHTIPP:

Raoul Schrott: Euripides. Die großen Stücke. Ein literarischer Brückenschlag von Aktuellem zur Antike, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44896: Mit einem Zitat Apollons beginnt Raoul Schrott seine Übertragung von „Euripides. Die großen Stücke – Alkestis, Bakchen, Elektra, Orestes“, die dieser Tage bei dtv erschienen ist. Euripides‘ Dramen zählen bis heute weltweit zu den vielgespielten, Martin Kušej begann 2019 seine Burgtheater-Direktion mit den „Bakchen“, das TAG zeigte ante Corona eine Version der „Medea“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=36752).

Agierend zwischen fundierter Sachkenntnis und poetischer Inspiration findet Schrott die sprachlichen Mittel, diese Modernität herauszustreichen. Wäre seine Arbeit Musik, sie wäre Jazz – die Standards und dazu die Improvisation. Der Text wechselt in Windeseile von Pathos zu Alltagssprache. Apollon empfiehlt Thanatos: „Immer mit der ruhe“, der nennt ihn „einfaltspinsel“, dieser erwidert „prinzipienreiter“ … Eine Leseempfehlung für Liebhaber.

22. 4. 2021

Burgtheater: Online-Premiere mit Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski

April 19, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Essay nach Texten von Jean Paul

Dörte Lyssewski. Bild: © Katarina Šoškić

Am 24. April um 19 Uhr findet via Burgtheater-Website sowie auf dem YouTube-Kanal des Burgtheaters eine besondere Film-Premiere statt: „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“, ein Videoessay mit den Stimmen von Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski, in der Regie von Felix Metzner. Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten des Burgtheaters erhalten eine exklusive Preview dieses Films bereits am 21. April.

Eine Anmeldung zum Newsletter ist bis 15 Uhr am 21. April möglich, um diese Preview zu erhalten. (Anmeldung unter www.burgtheater.at/newsletter-bestellen) Die ursprünglich für diese Saison geplante Inszenierung von David Greigs „Monster“ im Vestibül in der Regie von Felix Metzner, musste Pandemie-bedingt in die nächste Spielzeit verschoben werden. 2020 inszenierte Metzner vier Folgen für die Nestroy-Preis-nominierte Onlinevideo-Reihe „Wiener Stimmung“ des Burgtheaters sowie „Das große Shakespeare-Abenteuer“ am Theater der Jugend.

Zum Stück

Für das Projekt „Geträumte Erinnerungen nie gesehener Zeiten. Eine Reise nach Jean Paul“ hat Regisseur und Ur-Ur-Ur-Enkel Jean Pauls, Felix Metzner, Texte aus verschiedenen Werken des Autors in einen neuen Kontext gestellt: Metzner befasst sich so anhand eines exemplarischen Menschenlebens fragmentarisch mit der Entstehung des menschlichen Ichs. Dörte Lyssewski, Markus Meyer und Branko Samarovski verleihen den Texten mit ihren Stimmen eine neue Interpretation und stehen mit ihren verschiedenen Persönlichkeiten für die unterschiedlichen Facetten des menschlichen Bewusstseins. Für die Gestaltung der visuellen Ebene verwendete der Regisseur private Filmaufnahmen aus seinem Archiv aus über drei Jahrzehnten. In Kombination mit der Sprache Jean Pauls entsteht so eine phantastische und gleichsam psychedelische Reise, die das Publikum von der Erde bis ans Ende des Universums und wieder zurück transportiert.

Branko Samarovski. Bild: © K. Šoškić

Felix Metzner. Bild: © Lukas Gnaiger

Markus Meyer. Bild: © Katarina Šoškić

Zum Autor

Jean Paul gilt als einer der wichtigsten deutschen Schriftsteller, dessen komplexes Werk zwischen Klassik und Romantik anzusiedeln ist. Obwohl er zeitweise in Vergessenheit geriet, waren die Auflagen seiner Werke zu Lebzeiten vergleichbar mit denen seiner Zeitgenossen Goethe und Schiller. Vor allem beim weiblichen Publikum fand seine humorvolle und bildreiche Sprache großen Anklang. Mit seinem verbalen Erfindungsreichtum prägte der Franke die Deutsche Sprache nachhaltig. Worte, wie „Wetterfrosch“, „Schmutzfink“ oder „Weltschmerz“ entstammen seiner Phantasie. Seine „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab“ übte zudem großen Einfluss auf die Arbeit von Friedrich Nietzsche und C.G. Jung aus.

www.burgtheater.at

19. 4. 2021

Schauspielhaus Graz via VR-Brille / nun in ganz Österreich: Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°

März 14, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Lagerfeuer der Postapokalypse

Mitten in der Postapokalypse trifft der Anthropologe auf eine Frau, die er „Kreuzberg“ nennt: Nico Link und Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Es hat bereits die Runde gemacht, wie in jeder Bedeutung des Wortes fantastisch die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist. Da man dazu eine VR-Brille braucht, war das Vergnügen bis dato ganz auf Seiten der Grazerinnen und Grazer, die diese per Fahrradkurier zugestellt bekommen. Jetzt kann die Brille mit dem auf ihr gespeicherten Film via  www.vr-firstrow.com österreich- und deutschlandweit bestellt werden (Infos unten).

Nun ist es generell erfreulich, mit welch innovativen Ideen Theaterschaffende auf die Corona-Kulturkrise reagieren, mit welcher Verve sie sich in intermediale Welten werfen, doch etwas wie „Krasnojarsk“ hat man noch nie gesehen. Es ist ein Erlebnis, dass jeder und jedem anempfohlen ist! Mittels VR-Brille und Controller, beides einfacher zu handhaben, als die Beschreibung auf den ersten Blick vermuten lässt, erwacht man in der sibirischen Steppe aka Neusiedlersee, gedreht wurde auch im Freilichtmuseum Vorau und in der Weizklamm, einem spooky Lost Place mit ehemaligem Kalkwerk samt Fassspundfabrik, und das erste, das man sieht, ist möglicherweise ein Sonnenuntergang am Horizont.

Möglicherweise, denn beim von Regisseur Tom Feichtinger und Bildgestalter Markus Zizenbacher ausgeklügelten Projekt, entscheidet die Blickrichtung, wen und was man sieht. Der Film läuft rund um einen, im Falle eines Wasserturms und einer Großstadtsequenz sogar über einem. „Krasnojarsk“ des norwegischen Dramatikers Johan Harstad ist dafür wie geschaffen, dieser dystopische Einakter aus Monologen und Berichten, dessen Verfasser die Theater explizit dazu ermutigt, damit zu machen, was immer sie wollen.

Das Sitzmöbel der Wahl ist also ein Drehstuhl, und am besten ist die zu sehende Rundumrealität mit dieser Rückblende oder Traumfantasie zu erklären: Ennuyierte Ehefrau und Mann, der diese längst über hat, sitzen im Heute am gläsernen Esstisch, eine Drehung, man sieht Designercouch, Flat-TV, Terrasse, der Mann, ein Historiker, des Schweigens im trauten Heim überdrüssig, imaginiert eine liebevolle Mittelalter-Gattin, eine Drehung, man sieht sie am hölzernen Esstisch Brot schneiden, eine Schar Kinder rumtoben, das Feuer im Herd, eine Drehung – und von vorn die aktuelle Tristesse.

Zuerst aber folgt man den Spuren des Anthropologen, den Nico Link darstellt. Man begleitet ihn und sein Handwägelchen voller Wasserkanister, Solarpanel und RFID-Transponder. Eine Katastrophe ungeheuren Ausmaßes, schildert er, hat die gesamte Erdoberfläche vernichtet, nur eine Handvoll Menschen dürfte überlebt haben. Eine kleine Gruppe etwa in Krasnojarsk, von wo aus man den Wissenschaftler mitten ins Nirgendwo geschickt hat, um Zeichen von Leben und nach Relikten der untergegangenen Zivilisation zu suchen. Doch 4655 ist der Code, den er täglich funkt: kein Fund von Wert. Von Schwarzweiß wird’s komplett schwarz in der Brille, Bildausfall?, nein, Nico Link hat sich weiterbewegt, heißt: weiter drehen und drehen, um nur ja nichts zu verpassen. Schon sitzt man mit Link am Lagerfeuer der Postapokalypse.

Österreich endzeitlich: Katrija Lehmann und Nico Link in der Weizklamm. Bild: © Johanna Lamprecht

Der zweite Anthropologe: Frieder Langenberger als Bösewicht. Bild: © Johanna Lamprecht

Der Beobachter wird beobachtet: Frieder Langenberger beim Dreh. Bild: © Johanna Lamprecht

Schauspieler und Steppe und See lösen sich im Nichts auf, als würden sie verwehen, dies Gemahnen an Vergänglichkeit und Auslöschung die wehmütig-melancholische Grundstimmung des Films. Gearbeitet wird mit Überblendungen, Zeitebenen überlappen, was ist wahr?, was war?, suggestive Bilder, Szenen von sinnlicher Schönheit entstehen. Der Duft des Grases, später die abgestandene Luft in aufgelassenen Nutzgebäuden reichen bis an die Nase heran.

Da, ein neuer Exkurs, Freunde, die die Erste-Weltkriegsschlacht an der Somme nachspielen – mit echter Munition, um Ex-Freundinnen um die Ecke zu bringen, blutrot glühende Explosionen rechts von, ein Liebespaar im Rosenblätterbett hinter einem, die Frauen siegen … die Figuren überlebensgroß, zum Greifen nah, und – schwöre! – ein-, zweimal gehen sie durch einen hindurch.

Sie, denn der Anthropologe trifft eines Tages auf eine Frau, die zwei Koffer mit kostbarsten Artefakten mit sich trägt, Handschriften, Briefe und Lebensbeichten, und somit „eindeutige Beweise, dass die Menschen auf den verschwundenen Kontinenten nicht nur gelebt hatten, sondern auch, dass ihre Leben bedeutsam gewesen waren, voller Siege, Sorgen und Verluste, unwiderruflicher Niederlagen“. In einem Anfall von Berlin-Nostalgie nennt er sie „Kreuzberg“, und ihre Spielerin Katrija Lehmann wird bald die sein, der die Sympathien der Betrachterin, des Betrachters gehören – nicht zuletzt, weil sie einen immer wieder direkt anspricht, und mit einem ihre Besorgnis, ihre Belustigung über den komischen Kauz, dem sie in die Hände gefallen ist, teilt.

So gelangt man über Fluss und verlassene Häuser, eine Küche, Kinderspielzeug, bemerkenswert, wie liebevoll detailreich die Sets von Tanja Kramberger ausgestattet wurden!, zu einer Scheune, die sich mitunter aber auch als alte Industrieanlage materialisiert. Atmosphärisch enorm dicht ist das alles. Ein Plattenspieler wird gefunden – dies der Mensch: Musik und Schrift, ein Tänzchen wird gewagt – Sounddesign und 3D-Audio Mix von Elisabeth Frauscher, die Briefe werden gelesen, ein Kuss … und mehr …

Der Drehort in der Steiermark, ein ehemaliges Kalkwerk samt Fassspundfabrik. Bild: © Johanna Lamprecht

Kreuzbergs kostbare Koffer werden aus dem Wasser gefischt: Katrija Lehmann. Bild: © Johanna Lamprecht

Keine Angst vor nassen Füßen hat Katrija Lehmann beim Dreh mit Markus Zizenbacher. Bild: © Johanna Lamprecht

Bildgestalter Markus Zizenbacher und Regisseur Tom Feichtinger mit VR-Brille. Bild: © Johanna Lamprecht

Doch kann der Verliebteste nicht seiner Retroromantik frönen, wenn es dem bösen Zweiten Anthropologen nicht gefällt. Der erste, der gerade dabei ist, sich hausherrlich einzurichten, glaubte sich von Krasnojarsk vergessen, da taucht sinister wie ein SS-Offizier Schauspieler Frieder Langenberger auf, mit einer Schar von Schergen. Ein grausamer Gegner, ausgesandt von der Organisation „Neustart“, der es auf den Inhalt der Koffer abgesehen hat und die erkrankte Kreuzberg darob foltert und verstümmelt, während Anthropologe Nummer eins mit den Hartschalensammlungen schnöde das Weite sucht. Wasser flutet das nun zu sehende Theater und überflutet einen selbst, in einer letzten Anrede verrät Kreuzberg das Geheimnis ihrer Briefe …

Fazit: Der Faszination von „Krasnojarsk“ kann man sich nicht entziehen. Die deutschsprachige Erstaufführung ist großes Heimbrillenkino, das Immersionserlebnis schlechthin. Enigmatisch, elegisch, exzeptionell. Visuell kühn, versponnen poetisch, verstörend. Das Stück von Johan Harstads, wiewohl in einer Zeit nach unserer Zeit angesiedelt, ist eines der Stunde. Eine Reflexion über Gemeinschaft und Gesellschaft, erzählt es von Vereinsamung und Verlorensein, aber auch von der Bedeutung, die das Geschichtenerzählen für das Leben und das Weiterleben besitzt. Es fragt nach dem Wert von Kultur und deren Wichtigkeit zum Fortbestehen der Menschheit, ja, der Menschlichkeit – und stellt gleichzeitig deren Begehren und Verlangen und Sehnsüchte aus.

Die Produktion beweist, dass der Theater-Lockdown auch die Chance ist, neue spannende Wege auszuprobieren und auszufeilen – und mit den fabelhaft agierenden Nico Link, Katrija Lehmann und Frieder Langenberger, denen das aberwitzige Kunststück gelingt, die 360° an die Wand zu spielen, dass – Technik hin oder her – das Herz jeder Art von Aufführung sowieso stets die Schauspielerinnen und Schauspieler sind und sein werden. Zum Schluss ein Hoffnungsschimmer auf einem Schimmel: Zu Pferd ist das Mittelalter vielleicht näher als gedacht …

Infos zur VR-Brille

Die Virtual-Reality-Produktion „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ des Schauspielhaus‘ Graz ist nun österreich- und deutschlandweit bei der VR-Plattform Firstrow erhältlich. Unter www.vr-firstrow.com kann die Aufführung ab sofort bestellt werden. Diese wird im Anschluss auf einer VR-Brille an die Heimadresse geschickt. Nach zwei Tagen Mietdauer wird die VR-Brille einfach wieder zurückgesendet. Die VR-Erfahrung kostet 18,90 € zzgl. Versandgebühren (terminierter Hin & Rückversand für 13,90 € innerhalb Deutschlands und 28,90 € nach Österreich). Der Versand erfolgt wöchentlich ab dem 18.März.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=3KO3BTylhjw           www.schauspielhaus-graz.com

  1. 3. 2021

toxic dreams im Theatermuseum: After the End and Before the Beginning

Februar 12, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Video-Installation mit Hamlet, Winnie und Woyzeck

Praktiziert den alten philosophischen Gedanken: Ich spreche, also bin ich: Stephanie Cummings als Winnie aus „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett. Bild: © Timotheus Tomicek

Wer fragt sich nicht manchmal nach dem Ende eines Films, eines Theaterstücks oder eines Buches wie die Geschichte eigentlich weitergeht, wie die darin Handelnden weiterleben? Oder wie es ihnen vor deren Anfang erging? Die Videoinstallation „After the End and Before the Beginning“ der Gruppe toxic dreams erzählt nun im Theatermuseum und in neun Kurzfilmen mögliche Vorgeschichten oder Fortschreibungen von ikonenhaften Charakteren aus klassischen Theaterstücken.

Unter den handelnden Personen befinden sich William Shakespeares Hamlet und Lady Macbeth, Friedrich Dürrenmatts Claire Zachanassian aus „Der Besuch der alten Dame“, oder Olga aus Anton Tschechows „Drei Schwestern“. Sie alle steigen in einen Wagen und während der Fahrt durch die Stadt ergeben sich Gespräche mit dem Chauffeur. Auf diese Weise erfahren die Besucherinnen und Besucher mehr darüber, wie sich das Leben der Figuren vor oder nach ihren Auftritten im Originalstück zugetragen haben könnte.

Hamlet, ein Experimentalfilmer, ist auf dem Weg zum Begräbnis seines Vaters und monologisiert über Filme, Schauspieler und die ultimative Story. Nora, die einst ohne Verbindungen zur Vergangenheit oder Perspektive einer Zukunft ihre Familie verlassen hat, ist mittlerweile aufstrebende Politikerin und bereitet im Taxi ihre Rede vor, in der sie ihre Wählerschaft über ihre Trennung von Mann und Kindern informieren will. Woyzeck kommt von der Beerdigung Maries und sucht aufgeregt ein Restaurant, um seinen Hunger zu stillen. Lady Macbeth ist Chefin eines Verbrechersyndikats, hat eben wieder jemanden um die Ecke gebracht und gibt dem Fahrer eine Einführung in die Kunst des Mordens. Nach einer weiteren lausigen Verabredung ist Blanche DuBois verzweifelt und möchte nur ziellos durch die Stadt kurven.

Markus Zettl als Hamlet von William Shakespeare. Bild: © Timotheus Tomicek

Nina Fog als Shakespeares Lady Macbeth. Bild: © Timotheus Tomicek

Susanne Gschwendtner als Eliza Doolittle. Bild: © Timotheus Tomicek

Ein Billigflugangebot ermöglichte Olga endlich den langersehnten Wochenendtrip in die Stadt ihrer Träume, Moskau, von dem sie nun zurückkehrt. Die Linguistikexpertin Eliza Doolittle, mittlerweile zur weiblichen Version ihres Erziehers Higgins verkommen, einsam, versnobt und überheblich, lässt sich zu einem Vortrag zum Thema Sprachanwendung chauffieren. Winnie, steckt irgendwo zwischen dem Davor und dem Danach, genießt ihre wöchentliche Rundfahrt durch die Natur und praktiziert den alten philosophischen Gedanken: Ich spreche, also bin ich. Claire Zachanassian, die reiche, angesehene alte Dame, fährt mit dem Leichnam ihres Liebhabers nach Capri zurück, um in der Internetshow „Celebrities Talk in a Family Car“ teilzunehmen.

Die Multi-Screen-Videoinstallation ist über mehrere Ausstellungsräume des Palais Lobkowitz verteilt. Die Besucherinnen und Besucher entscheiden selbst, welchem Charakter und welcher Geschichte sie folgen möchten. Jede Film-Station hat ein von alten Lichtspieltheatern inspiriertes Präsentationsdesign, das einen atmosphärischen Kontext zum Raum und den Werken des Theatermuseums und der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste herstellt.

Es spielen: Stephanie Cumming die Winnie aus „Glückliche Tage“ von Samuel Beckett, Nina Fog die Lady Macbeth, Susanne Gschwendtner die Eliza Doolittle aus „Pygmalion“ von George Berhard Shaw, Isabella Händler die Blanche DuBois aus „Endstation Sehnsucht“  von Tennessee Williams, Anna Mendelssohn Ibsens Nora,  Jutta Schwarz die Claire Zachanassian, Anat Stainberg Tschechows Olga aus den „Drei Schwestern“, Florian Tröbinger Büchners Woyzeck und Markus Zett den Hamlet. Text, Regie und Chauffeur: Yosi Wanunu. In englischer Sprache mit deutschen Untertiteln.

www.toxicdreams.at           www.theatermuseum.at

12. 2. 2021

sirene Operntheater online: Die Verwechslung

Januar 5, 2021 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Pauken und Trompeten über die Berliner Mauer

Kaffee-und-Kuchen-Tristesse bei Dauters: Johannes Czernin als Gustav, Ingrid Haselberger als Oma, Günther Strahlegger als Vater, Katrin Targo als Tante Ilse. Bild: © Kristine Tornquist

Mit keiner geringeren Idee als „Die Verbesserung der Welt“ waren Kristine Tornquist und Jury Everhartz im Herbst angetreten, um das interessierte Publikum mit ihrem Neuen Musiktheater zu erfreuen. Da jedoch das siebenteilige Kammeropern- festival entlang der christlichen Werke der Barmherzigkeit #Corona-bedingt nicht auf der Bühne beendet werden konnte, hat sich das sirene Operntheater entschlossen,

dessen letzten Teil zu verfilmen und ab sofort als kostenlosen Stream anzubieten. Nach unter anderem Zusammenarbeiten von Antonio Fian und Matthias Kranebitters „Black Page“, Thomas Arzt und Dieter Kaufmann oder Martin Horváth und PHACE, widmen sich Autorin Helga Utz und Komponist Thomas Cornelius Desi nun Kirchenvater Lactanius‘ Punkt sieben nach der Endzeitrede Jesu, Gefangene vom Feind loskaufen. „Die zunehmende verbale und ethische Verwahrlosung des Diskurses, die Verhärtung gegen jene, denen es schlechter geht, und das Gefühl, mit Europa und der Welt gehe es unaufhörlich bergab, hat uns dazu inspiriert, ja fast gedrängt, dem etwas Positives entgegenzusetzen“, so Everhartz und Tornquist.

Die auch die Verfilmung der Wien-Modern-Kooperation übernommen hat. „Die Verwechslung“ heißt das Werk, das die Zuschauerin, den Zuschauer in die DDR des Jahres 1981 versetzt, 1981 das Datum, zu dem der 24-jährige Bürgerrechtler Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Gera unter bis heute ungeklärten Umständen stirbt, und zu dem an Stasi-Hauptmann Werner Teske wegen Vorbereitung seiner Flucht in den Westen das letzte Todesurteil der DDR-Justiz vollstreckt wird.

„please release me ostseefisch“: Johannes Czernin als Gustav. Bild: © Kristine Tornquist

Gustav hat sich die Freiheit auf die Fahnen geheftet: Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Das Geheimnis um Hedwig hat Vater alles gekostet: Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Das belauschte Gebet: Günther Strahlegger und Katrin Targo. Bild: © Kristine Tornquist

All das mag Helga Utz beim Schreiben im Hinterkopf gehabt haben. Kristine Tornquist zeigt in Raum und Requisiten von Markus und Michael Liszt, Kostüm und Maske: Katharina Kappert und Isabella Gajcic, die Kaffee-und-Kuchen-Tristesse der Familie Dauter. Dauter, das klingt nach doubter, und solche hat’s hier zwei: den Vater und seinen Sohn Gustav, Günther Strahlegger und Johannes Czernin. Ingrid Haselberger ist dessen verwirrt-verängstigte Oma und Katrin Targo die kadertreue Tante Ilse.

Schon heben sie an, die Streitgesänge um Staats(zuge)hörigkeit, Revolutionär Gustavs Haare nach der jüngsten „Außenseiter“-Mode so Puhdys-lang, dass er die Parteiparolen nicht hören kann, bis der Vater ein (Ohn-)machtwort spricht. Hedwig, wird man später erfahren, ist das Geheimnis, das Vater alles gekostet hat, die Ehefrau, die „rübermachte“. Die Streicher des œnm . œsterreichisches ensemble fuer neue musik unter der Leitung von François-Pierre Descamps unterstreichen das düstere Szenario, und werden auch Omas Konfusion wie ein Bienenschwarm umschwirren.

Chaos, Kakophonie, das Libretto ein Familienzwist in gesungen-gestammelten, sich wiederholenden Halbsätzen, wortdeutlich!, denn der vorgeführte SED-Stimmraub ist ein stimmgewaltiger – und ein „please release me ostseefisch“ aus Gustavs Kassettenrekorder im Kinderzimmer. Wo er sich eine „Freiheit“ auf die Fahnen heftet, für die er verhaftet und unter Schreibmaschintippen und Handschellenklirren verhört wird. Gefängnis, Folter, drei Tage nackt im winterkalten Haftanstaltshof, das hat das Regime perfekt von der Vorgängerdiktatur gelernt. Sie habe Faschisten, Rote Armee, Flucht im Schnee überlebt, singt die Oma und macht sich, während Ilse fürchet, „Gustav wird uns alle mit in die Tiefe ziehen“, auf die Suche nach dem im System verschollenen Enkel.

Indoktrinationstelefonat: Haselberger und Targo. Bild: © Kristine Tornquist

Czernin, Haselberger und Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Köfferchen gepackt: Strahlegger und Haselberger. Bild: © Kristine Tornquist

„Die Verwechslung“ beweist sich als Parabel über gleichgeschaltete Gesellschaften, über Message Control und Meinungsmainstream. Filmisch ist das vom Feinsten umgesetzt, mittels welchen Mediums sonst könnten Solistinnen und Solisten in Gedanken singen? Tornquist besorgt mit Überblendungen Rückblicke und Schauplatzwechsel im Stakkato, die verliebt-verträumte Jung-Ilse im roten Kleid, nun Arm in Arm mit NVA-Mann Knut, ein übler Bursche, wie Oma weiß, während das Publikum ihn beim Flirten mit Ilse sieht.

Es sind derlei Einfälle, die die sirene-Produktion besonders machen. Verwanzte Festnetztelefonate, die Ilse offenbar steuern, frei nach Nestroy: die beste Nation ist die Indoktrination, der Vater unter West-Spitzel-Verdacht, sein Gebet, Du sollst keinen Gott nehmen Erich Honecker haben …, von Ilse belauscht, ein musikalisch lyrischer Moment, seine Sünde die Mehrzimmerwohnung. Das Liszt’sche Labyrinth aus Räumen, durch das die Protagonistinnen und Protagonisten gleich Versuchstieren irren, wird vom Kamera-Auge aus immer wieder ungewöhnlichsten Big-Brother-Winkeln eingefangen.

Nicht zuletzt dank „Knut“ Gebhard Heegmann, Kari Rakkola und Bärbel Strehlau als bösartigem Beamtenapparat ist „Die Verwechslung“ eine hochdramatische Arbeit, in die das gesanglich naturgemäß exzellente Ensemble auch darstellerisch sein ganzes Herzblut fließen lässt. Der Titel des Werks entschlüsselt sich zum Schluss, Gustav wird auf die Krankenstation des Gefängnisses verlegt, wo ihm Krankenschwester Pauline, Marelize Gerber als Schutzengel in Weiß, zur Identität eines eben verstorbenen Insassen verhilft.

Stasi-Verhör: Kari Rakkola, Gebhard Heegmann, Bärbel Strehlau und Johannes Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Vaters Anklage: Katrin Targo, Ingrid Haselberger und Günther Strahlegger. Bild: © Kristine Tornquist

Stasi-Folter: Kari Rakkola und Johannes Czernin „im winterkalten Hof“. Bild: © Kristine Tornquist

Auf der Krankenstation: Rakkola, Heegmann, Marelize Gerber und Czernin. Bild: © Kristine Tornquist

Dieser war Sohn eines „OFS in der AKG der HA IX“, heißt: eines Offiziers für Sonderaufgaben in der Auswertungs- und Kontrollgruppe der Hauptabteilung IX des Ministeriums für Staatssicherheit, verblüffend, was Helga Utz so alles recherchiert hat, und so kommt Gustav nicht nur mit einem blauen Auge ist gleich gebrochenen Rippen davon. Gustav soll sogar, begleitet vom freilich ebenso wie er falschem Vater, im Westen behandelt werden, die Puschkinallee 28 wird das regeln, „Die Verwechslung“ sein Leben retten.

Der Mensch im Arbeiter- und Bauernstaat ist längst nur noch Aktenzeichen, da fällt sowas nicht weiter auf. Mit Pauken und Trompeten, also zwei Schlagwerkern und Flötentönen, geht’s für Gustav und Vater freudetanzend über den DDR-„Schutzwall“. Vater, der sich nun Herwig nennt, und den damit nur noch ein Buchstabe von seiner Frau trennt. Und die Moral von der Geschicht‘: Mag es auch immer und überall Menschen geben, die „gleicher“ sind (© George Orwell), Grenzen können überwunden werden, Mauern stürzen ein. Nur Mut! Mut!

www.sirene.at/video/verbesserung-der-welt-7-die-verwechslung          www.sirene.at           www.wienmodern.at

  1. 1. 2021