Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

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  1. 12. 2017

Theater zum Fürchten: Cena Claudiana

April 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bei Bruno Max geht’s zu wie im alten Rom

Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer (M.) lädt als Kaiser Claudius zur Cena Claudiana. Bild: Bettina Frenzel

Giftige Pilze gibt es am Ende nur für Claudius, für das Publikum stattdessen Ente in Fischsauce, pikante lukanische Wurst und einen luxuriös mit Garum gewürzten Bohneneintopf. Das Theater zum Fürchten lädt zur diesjährigen Dinner- theaterproduktion, der insgesamt neunten, und diesmal entführt Prinzipal Bruno Max ins antike Rom.

„Cena Claudiana“, das letzte Gastmahl des Kaiser Claudius, heißt die erfolgreiche Aufführung, die nach einer ausverkauften Spielserie am Stadttheater Mödling nun in der Wiener Scala Station macht. Nach Motiven aus Robert Ranke-Graves‘ 1100-Seiten-Roman „Ich, Claudius – Kaiser und Gott“ wird die Geschichte der vier ersten Kaiser Roms erzählt, der Nachfolger Julius Cäsars, Augustus, Tiberius, Caligula und Claudius.

Und wie die erzählt wird. Bei Bruno Max julisch-claudischer Familienaufstellung geht’s zu wie im alten Rom. Mit mehr Sex & Crime als eine Fernsehserie füllen könnte, wiewohl es die weiland mit Derek Jacobi, John Hurt und Patrick Stewart natürlich gegeben hat. So viele Seiten das Buch, so viele widersprüchliche Charakterzüge werden von Claudius überliefert. Der Mann, der, was ihm unter Zeitgenossen durchaus zum Vorwurf gemacht wurde, ausschließlich Frauen liebte, umsichtig und klug regierte und beinah moderne Gesetze erließ, der ein Herz für Sklaven hatte, Freigelassene an die wichtigsten Positionen seines Reiches setzte, Britannien eroberte, stotterte, hinkte, mit dem Kopf zuckte, ein debiler Krüppel, der mit Begeisterung der Folter und Hinrichtung seiner Feinde beiwohnte, verwahrlost, ignorant, böswillig, ein Gelehrter, der maßgebliche historische Schriften verfasste, und der posthum von Seneca in der „Apocolocyntosis“, der Verkürbissung des Divus Claudius, einer der boshaftesten Satiren, die je auf einen Herrscher geschrieben worden ist, verspottet wurde. Bruno Max entschied sich, seinen Claudius zum Sympathiemenschen zu machen.

Eliot Bolch und Franz Weichenberger: Bild: Bettina Frenzel

Kind Claudius, Eliot Bolch, mit Franz Weichenberger als Großvater Kaiser Augustus: Bild: Bettina Frenzel

Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Caligula verspottet die sterbende Livia: Randolf Destaller und Bettina Soriat. Bild: Bettina Frenzel

Reinhold Kammerer schlüpft in die Rolle des Claudius. Er ruft die Zuschauer aus einer fernen Zukunft als Zeugen an, will ihnen seine Version der Historie näherbringen, tatsächlich schrieb Claudius eine achtbändige Autobiografie, die verschollen ist, und so der Nachwelt ein Vermächtnis hinterlassen, das ihn ins rechte Licht rückt: Der wegen seiner körperlichen Behinderung ungeliebte Sohn und Enkel, den es auf den Kaiserthron quasi gespült hat, obwohl er im Innersten überzeugter Anhänger der Republik war. Dafür hat Bühnenraumverzauberer Marcus Ganser die Domus Augustana für all die gezeigten Intrigen und Interessenskonflikte nacherfunden, einen Spiel-Platz, der mit beinah einem Dutzend Podesten von der Palatinvilla bis zur Gladiatorenkampfarena alles sein kann, mittendrin eine Liegestatt und mitten im Geschehen wie stets bei diesen Abenden das Publikum, immer aufmerksam, um gezückten Schwertern und im Zorn geschleuderten Schriftrollen auszuweichen. Welch ein Spektakel, diese spannenden und schwarzhumorigen Geschichtsstunden, mehr als drei sind es, denn es gibt schließlich eine Menge zu berichten. Kammerer wechselt von der Erzählerposition in die Spielhandlung und retour, in einzelnen Episoden erklärt er, was anno 10 vor bis 54 nach Christus geschah.

Dreizehn Erwachsene und vier Kinder als Schauspieler gestalten mit ihm die Vornehmen des Imperiums. Das vorzügliche Ensemble wird angeführt von Bettina Soriat als Augustus-Gattin und Claudius‘ Großmutter Livia und Randolf Destaller als Claudius‘ Neffe und Amtsvorgänger Caligula. Erstere eine begnadet bösartige Alte, die Spielmacherin, die bis zu ihrem Ableben die Fäden in der Familie in der Hand hat, über Abfall von der Gnade und Verbannung und damit gleichsam über Leben und Tod bestimmt. Eine gruselige, großartige Leistung, die auch zur Lieblingsszene der Aufführung führt: Livia und die Giftmischerin Martina beim Fachsimpeln über unheilsame Kräuter. Zweiterer ein aalglatter, blondgelockter Schönling, der’s mit jedem und jeder tut, heißt vor allem mit Tiberius, wenn es seinen Allmachtsfantasien dient. Bis ihn der Wahnsinn ereilt. Wie er über der sterbenden Livia triumphiert, „überrascht“ und gerührt die Kaiserwürde entgegennimmt, nur um sich später zu Gott Zeus zu erklären – Destaller spielt das mit einem Understatement, mit einer Elegance, die bestechend ist.

Benjamin Ulbrich changiert zwischen der Lichtgestalt Drusus, Claudius‘ Vater, und dem machtgierigen Gardepräfekt Sejanus, der seiner eigenen Verschwörung zum Opfer fällt. Franz Weichenberger ist ein honoriger Augustus, der seine Kinder an sein Herz zieht und danach auf öden Inseln aussetzt, Christian Kainradl ein zunehmend der Last der Verantwortung überdrüssiger Tiberius, Thomas Marchart der von der Verwandtschaft verratene Augustus-Enkel Postumus. Manuel Dragan spielt einen besonnenen Ratgeber Herodes Agrippa, den späteren König von Judäa und Samarien, der gemeinsam mit Claudius erzogen wurde und einer seiner engsten Freunde und Vertrauten war. Neben Livia sind auch die übrigen Frauen mit Marion Rottenhofer als moralisch fast einwandfreier Claudius-Mutter Antonia, Samatha Steppan als Schwammerlaussucherin Agrippina und Carina Thesak als Caligulas inzestuös geliebte Schwester Drusilla die eigentlichen Kaisermacher.

Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Augustus verbannt seine Tochter: Thomas Marchart, Samantha Steppan und Christoph Prückner. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich. Bild: Bettina Frenzel

Benjamin Ulbrich: Hier endet die Sejanische Verschwörung. Bild: Bettina Frenzel

Nicht alles, was Ranke-Graves so vor sich hin schildert, hat historisch Bestand, auch ist seine Veröffentlichung aus dem Jahr 1934 in vielen Teilen wissenschaftlich überholt und korrigiert, aber Spaß muss sein. Und für den sorgen in der Scala Jörg Stelling als griechischer Wahrsager, Christoph Prückner als syrische Giftmischerin und der wunderbare Günter Tolar als Sklave Praxis, der sich nicht nur um das Wohlergehen der jeweiligen Kaiser, sondern auch um das der Gäste kümmert, auf dass der Gewürzwein im Becher nicht versiegen möge!, und nicht zuletzt deshalb eindringlich zum Latrinenbesuch in der Pause aufruft.

Zum Schluss wird er als Tourist Guide durch den Palast führen und wissen, dass die Geschichte nach Claudius mit dem seltsamen Sterben seines Sohnes Britannicus und also Stiefsohn Nero als Nachfolger keine bessere Wendung nahm. Entzückend sind die Kinderdarsteller als jugendliche Alter Egos, allen voran Enya Zechner, dem als Kind Claudius die schwere Aufgabe zufällt, dessen Ticks zu gestalten.

So ergeht sich der Stamm mit den zwei Sorten Früchten, den bitteren und den süßen, in der gegenseitigen Schändung und Abschlachtung, Verbündete sind rar, Schmeichler und Spitzel überall, und Thronanwärter sterben schnell. „Spiel‘ so lang du kannst den Idioten.“ Das ist der Rat, den Claudius mehrmals in seinem Leben hört. Er macht ihn zu seiner Überlebensstrategie, laviert sich durch zwischen Geistererscheinungen und grausiger Zauberei, in einer Welt, in der die Frage „Besorgst du es mir?“ entweder Liebe machen oder Gift herbeischaffen meint. „Rom hat dich verdient“, sagen die Prätorianer schließlich, als sie ihm als letztem Verbliebenen der Sippe mehr zum Jux die höchste Würde antragen. Und nach jüngsten Erkenntnissen dürfte dies tatsächlich ein Glück für die ewige Stadt gewesen sein. Verdient lässt ihn ergo Bruno Max einen gnädigeren Gifttod sterben als Zeitzeugen berichten. „Cena Claudiana“ ist einmal mehr ein gelungener Theaterabend für alle Sinne. Und wie jedes Jahr wurde er vom Publikum als Höhepunkt der Scala-Saison mit großem Applaus bedankt. Man darf gespannt sein, was sich das Theater zum Fürchten für die nächste Spielzeit ausdenken wird.

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Wien, 24. 4. 2016

Landestheater NÖ: Lichter der Vorstadt

April 23, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine feine Collage aus Kaurismäki-Filmen

Bild: Alexi Pelekanos

Im antikapitalistischen Protestcamp fordert ein Hard-Chor lautstark „Ein bisschen Frieden“. Bild: Alexi Pelekanos

Bild: Alexi Pelekanos

Arbeitsplatzpoker: Wer die falsche Spielkarte gezogen hat, fliegt in der Sekunde aus dem Job. Bild: Alexi Pelekanos

Zu Beginn wird ein Arbeiterchor zur Maschine. Er macht vor, wie der Film beginnt. Das Schälen der Baumstämme, die danach in Bänder geschnitten werden und dann in Streifen. Viele Anlagen und ein langes Band sind nötig, bis die Streichhölzer in der Schachtel landen, alles geht automatisch; der Mensch hat sich dem System unterworfen, selbst, wenn er isst, klingt es wie Industrielärm. Später werden aus diesem Chor Büroangestellte, allesamt Anzugträger, die um ihren Arbeitsplatz zittern. Wer die falsche Spielkarte zieht, das falsche Los, der fliegt. Am Schluss rockt dann im antikapitalistischen Protestcamp ein Hard-Chor „Ein bisschen Frieden“.

Alexander Charim zeigt am Landestheater Niederösterreich seine Collage aus Aki-Kaurismäki-Filmen. „Lichter der Vorstadt“ heißt der Abend, wiewohl dies so ziemlich das einzige Werk des finnischen Filmemachers ist, das nicht vorkommt. Trotzdem, die Reverenz an Großmeister Charlie Chaplin zieht sich natürlich durch Charims Inszenierung, sind doch auch hier alle Protagonisten gleichsam der Tramp. Gutherzige in einer gefühlskalten Umgebung, Empathiebegabte und Überlebensakrobaten, denen die Welt an sich und die Mitmenschen im Besonderen den Boden unter den Füßen wegziehen. Emotionell wie materiell. Dabei sind die Figuren bei weitem keine Sympathieträger, sondern karstig und wortkarg. Diese Schicksale im Sinkflug, sie werden ohne Sentiment vorgetragen, als Satire, Kaurismäki verbietet sich und anderen jede „Gefühlsduselei“.

In St. Pölten hat man die Kraft des gesamten Ensembles aufgeboten, um das darzustellen, und, jeder Darsteller in mehreren Rollen, welch eine Kraft. Es scheint, als wäre das Haus diese Saison von Produktion zu Produktion exzellenter geworden, und nun fast an deren Ende auf dem schauspielerischen Höhepunkt.

Charim montierte für seine Arbeit: „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“, die Geschichte von Iris, die keiner mag, bis sie sich ein rotes Kleid kauft, doch das Kleid wird ihr Verhängnis und sie greift zu Gift. „I Hired a Contract Killer“ über den lebensmüden, weil eben entlassenen Henri Boulanger, der einen Auftragsmörder engagiert, sich just im selben Moment verliebt und nicht mehr sterben will. „Wolken ziehen vorüber“, in dem das Ehepaar Ilona und Lauri zeitgleich die Jobs verliert, aber nicht den Mut, und mit dem Restaurant „Arbeit“ neu durchstartet. Und nach der Pause „Der Mann ohne Vergangenheit“, eine Erzählung über einen Reisenden, der überfallen und auf den Kopf geschlagen wird und sein Gedächtnis verliert; als anonymer M versucht er sein Leben zu rekonstruieren und findet statt sich selbst eine Frau …

Charims Arbeit ist im ersten Teil zwingend und dicht, von hohem Tempo und hoher Intensität; sie changiert zwischen tragikomisch und brutal grotesk und ist unter ihrer spleenigen Oberfläche lauernd gefährlich. Der Regisseur schiebt die Szenen ineinander, bringt die Working Class Zeros aus mehreren Storys gleichzeitig auf die Bühne, hinten Ilona und Lauri im neuen Lokal, vorne Henri und Margaret beim Rendezvous, das ist so fein verwoben, so fantastisch austariert, dieses Requiem für Aki Kaurismäkis Alltagsantihelden, dass im zweiten Teil der Leistungsabfall fast folgen musste.

„Der Mann ohne Vergangenheit“ erschließt sich einem nicht, auch wenn klar ist, was Charim meint: Alle sind hier M, die werktätige, gesichtslose Masse, austauschbare Nummern statt Namen, weil es mehr als einen Zahlencode fürs Bezahlen von Steuern und Sozialversicherung nicht braucht. Dann allzu abrupt aus, und verrätselt schön und gut, aber irgendwie fügte sich dieses Stück nicht in die anderen; die Frage ist, ob der Wachmann im Vorstadt-Einkaufscenter nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Aber Charim suchte wohl einen versöhnlicheren Ausgang als es für diesen gibt. Aufgeben, sagt er zum abwesenden Koistinen, ist keine Option. Geh‘ den Weg gefälligst weiter als bis zur nächsten Biegung.

Tobias Voigt, Michael Scherff, Lisa Weidenmüller, Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Vorne „I Hired a Contract Killer“: Tobias Voigt, Michael Scherff und Lisa Weidenmüller; hinten „Wolken ziehen vorüber“: Magdalena Helmig und Swintha Gersthofer. Bild: Alexi Pelekanos

Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

„Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ in der unguten Stube: Marion Reiser, Swintha Gersthofer und Helmut Wiesinger. Bild: Alexi Pelekanos

Für all das hat Ivan Bazak einen drehbaren Kubus erdacht, der parallel die abgehauste Wohnstube von Iris‘ Eltern und eine grindige Kantine sein kann, als Bühnenprospekt eine hyperrealistisch glückliche Familie, die wie zum Hohn den Existenzen davor beim Scheitern zusieht. Matthias Jakisic und „Sofa Surfer“ Wolfgang Schlögl interpretieren mit Geige, Slide-Gitarre und Akkordeon einwandfrei den finnischen Tango. Charim erzählt sehr „filmisch“, in knappen Sequenzen, lässt neben den Dialogen einen Zwischentext wie Regieanweisungen vortragen und die Charaktere streckenweise gänzlich sprachlos sein … auch dies eine Verbeugung an das schwarze Schaf im Zahnradgetriebe. Die modernen Zeiten haben alle schwer erwischt.

Magdalena Helmig und Lukas Spisser, der Südtiroler ist seit Herbst am Haus und ein echter Gewinn, überzeugen anrührend als Ilona und Lauri, die von Staat und Banken im Stich gelassen beweisen, dass der Starke am mächtigsten zu zweit ist. Schön wie sie zeigen, wie man im größten Schlamassel, als Spielball einer „Unternehmenspolitik“, seine Würde wahren kann, und ist diese Episode der Suomi-trilogia auf Verbundenheit aufgebaut, folgt für Spisser mit Swintha Gersthofer als Iris pures Verlangen, eine beinah kunstturnerische Sexszene. Gersthofer gibt die junge Naive peinlich bis zum Fremdschämen, doch Vorsicht!, irgendwann wollen die working poor, will der Mensch nicht mehr Material sein, dann wird das Lämmchen zum Reiß-Wolf.

Tobias Voigt ist fabelhaft als tollpatschiger Todeskandidat Henri, der Beruf über privat stellt, bis ihn der Beruf vor die Tür setzt. In der zum Glück Lisa Weidenmüller als trotzig-rotzige Margaret steht, eine Aufrüttlerin, wie gemacht für den Durchhänger. Michael Scherff gibt mit großer Spielfreude den mutmaßlich traurigsten Killer der Theatergeschichte. Voigt erlaubt sich noch ein Kabinettstückchen als Hund Hannibal. In den brillanten Darstellerreigen fügen sich Marion Reiser und Helmut Wiesinger unter anderem als Iris‘ Eltern, Christine Jirku, Pascal Groß und Othmar Schratt als Ilonas Kollegen, und Jan Walter als Containerdorfbewohner oder Snack-Bar-Gast. Alle zusammen spielen sie noch, scharfkantig und trocken, Abteilungsleiter und Arbeitsvermittler, Steuerprüfer und Obdachlose und – M.

„Die Arbeiterklasse kennt kein Vaterland“, sagt eine der Figuren an einer Stelle. Das ist freilich eine Zuspitzung, aber: Finnland ist faktisch überall. Kaurismäkis Themen Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit, Einsamkeit sind so individuell wie universell. Doch das kleine Glück und die letzte Hoffnung müssen doch zu verteidigen sein, daran glaubt der Filmphilosoph fest. Alexander Charim hat aus seinen kurzen Geschichten, aus als solche empfundenen und tatsächlichen Katastrophen, ein im Vergleich zu den Originalen opulentes, auch erkennbar politischeres Gesellschaftspanorama entworfen, das Phänomene beleuchtet, die das Hierzulande betreffen. Nicht nur in diesem Sinne ist sein Abend allemal sehenswert. Schließlich: was will man schon groß?, mehr oder weniger alle dasselbe. Sing mit mir ein kleines Lied …

www.landestheater.net

BUCHTIPP: Willy Vlautin: Die Freien, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18508

Wien, 23. 4. 2016

Theater zum Fürchten: Sippschaft

Februar 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gespielt wird teils mit Gebärdensprache

Thomas Marchart und Melanie Flicker Bild: Bettina Frenzel

Für hörendes Publikum gab es Wanditel: Thomas Marchart und Melanie Flicker spielen in Gebärdensprache. Bild: Bettina Frenzel

Der Idealfall wäre, man könnte die Ohren wie die Augen auf- und zumachen. Manches ließe sich so nicht hören. Wenn aber der Idealfall normal ist, fragt sich, als wie normal die Gesellschaft das empfindet … Das Theater zum Fürchten zeigt in der Wiener Scala Nina Raines „Sippschaft“. Babett Arens hat die Familienaufstellung inszeniert. Das besondere an dieser Arbeit ist, dass sie teilweise in Gebärdensprache gespielt wird. Gebärdentrainerin Magdalena Schramek hat zwei der Darsteller auf diese Aufgabe vorbereitet, die mit ganz erstaunlichem Können gemeistert wird. Für hörendes wie gehörloses Publikum gibt es Über- beziehungsweise Wandtitel, um die jeweils andere Sprache zu verstehen. Die Aufführung hat, so zeigen die Reaktionen, beim Publikum den Nerv getroffen. Mehr von dieser eigentlich einfach umzusetzenden Art wäre wünschenswert.

Raine, Shootingstar des Londoner Westend, Kind von Craig Raine, Patenkind von Julian Barnes, hat für ihr Stück das eigene Nest porträtiert. Einer ihrer jüngeren Brüder ist Legastheniker, unter lauter Literaten ein schweres Los, und so macht die Dramatikerin aus ihrem Protagonisten Billy einen Gehörlosen. Billys Familie ist speziell. In diesem Haushalt, in dem Sprache und Stimme das Thema sind, Vater, Mutter, Bruder schreiben, die Schwester singt, gibt es kein Verstehen. Man gibt sich als alternativ-intellektueller Bobo-Kreis, doch hinter der Toleranz-Fassade schwelt die Mehrheitstyrannei. Um deftige Sprüche ist man nicht verlegen, die „Sippschaft“ ist voller Misstöne.

Clemens Aap Lindenberg spielt einen herrlich zynischen, grantelnden Vater Christopher. Es fragt sich ernsthaft, was diesem Mann das Leben so versauert hat, Marion Rottenhofer ist als Beth ganz „Hotel Mama“, sie ist die Meisterin der übergriffigen Liebe. Anna Sagaischek und Eric Lingens leiden als Billys Geschwister Ruth und Daniel am innerfamiliären Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Sie schwanken zwischen Eifersucht und Erfolgsdruck, werden an sie doch Anforderungen gestellt wie an den kleinen Bruder nicht. Dass Daniel auch noch Stimmen im Kopf hört, ist ein wenig too much. Raine schießt, eine Jugendsünde, mit dem einen oder anderen Handlungsstrang übers Ziel hinaus; und auch Arens führt auf so manche unverständlich falsche Fährte, Stichwort: warum eine Waffe zeigen, wenn mit dieser dann nichts angefangen wird? Insgesamt präsentiert man sich elitär-überheblich. Wer nicht weiß, wer Schostakowitsch ist, dieser Vorwurf wird später erhoben werden, hat in diesem Kreis nichts zu suchen. Die größte gegenseitige Schmach ist die Frage: „Geht’s noch konventioneller?“

Für Billy allerdings wurde eine heile Welt kreiert. Da er die Lautstärke des ständigen Krachs sowieso nicht mitkriegt, wird seine Frage „Worüber redet ihr?“ geflissentlich übergangen. Billy spricht nämlich und liest von den Lippen. Man wollte ihn auf ein „normales“ Leben vorbereiten. Vor allem der Vater steht auf dem Standpunkt, dass nicht taub ist, wer nicht wie ein Gehörloser erzogen wird. Und dann lernt Billy Sylvia kennen, die sich mit Gebärdensprache unterhält. Und plötzlich sieht er sich als Außenseiter hier wie da, und plötzlich hat die ach so aufgeklärte Familie Berührungsängste. Die Sprech-Fundis finden sich in einer für sie fremden Welt wieder. Das muss natürlich zu Konflikten führen.

Marcus Ganser hat für diese Geschichte eine ganze Wohnung auf die Bühne gestellt. Eine Anti-Puppenstube von Küchendurchreiche, Essplatz und Wohnzimmer bis Wintergarten. In diesem Biotop gefällt Thomas Marchart als Billy. Wie er scheinbar in sich ruhend glücklich ist, doch sein ferner Blick nicht mehr darstellt als sein Ausgeschlossensein, ist klasse. Seine Angepasstheit ist letztlich Selbstaufgabe. Das erkennt er im Zusammentreffen mit Sylvia, gut gespielt von Melanie Flicker. Wie sie über Gehörlosen-Hierarchien in Selbsthilfevereinen und verständnisvoll vorgetragene Vorurteile spricht, das kam bei den Zuschauern bestens an. Da wussten etliche, wovon auf der Bühne die Rede war. Jedenfalls muss Billys Familie auch erst einmal ihren seltsamen Humor runterschlucken und eine peinliche Befangenheit überwinden, damit sie sich der neuen Situation nähern kann. Denn Sylvia hilft Billy auf eigenen Beinen zu stehen. Das Nesthäkchen sucht sich Job und Wohnung und an seiner neuen Selbstständigkeit drohen die anderen Familienmitglieder zu zerbrechen. Seltsame Abhängigkeitsverhältnisse treten zu Tage … So geht’s in „Sippschaft“ um die allgemeingültigen Themen Verlust und Verlassenwerden und wie dieses ausgleichen.

Am Ende lautet das Fazit, denn auch Sylvia ist nicht uneingeschränkt einverstanden mit dem Dogma ihrer Eltern, nicht sprechen zu wollen, man nehme the best of both worlds. Wie bei allem im Leben. Nina Raines Coming-of-Age-Tragikomödie überzeugt mit dieser Message, das Theater zum Fürchten mit seiner Unternehmung, Stücke auch für Gehörlose zu spielen, und Babett Arens‘ Abend mit sympathischen Schauspielern.

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Wien, 7. 2. 2016

Michael Fassbender ist „Macbeth“

Oktober 27, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Soldat mit posttraumatischer Belastungsstörung

Michael Fassbender und Marion Cotillard Bild: Studiocanal/Allstar

Michael Fassbender und Marion Cotillard
Bild: Studiocanal/The Weinstein Company

Sie leben ja tatsächlich eine Albtraumehe, Lord und Lady Macbeth, aber Michael Fassbender und Marion Cotillard sind als solche ein Traumpaar. Der australische Regisseur Justin Kurzel, der mit dem Serienmord-Thriller „Snowtown“ bekannter wurde und vor seiner Kinokarriere Bühnenbildner am Theater war, machte sich daran, Shakespeares schottisches Stück zu verfilmen.

Nach Adaptionen des archaischen Dramas durch Leinwandgenies wie Orson Welles, Akira Kurasawa und Roman Polanski ein gewagtes Unterfangen und doch eine Übung, die gelungen ist. Kurzels „Macbeth“, ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen, ist der Film zur Zeit. „Shakespeare für die Game-of-Thrones-Generation“, schreiben Kollegen. Und als ausgewiesener GoT-Fan mag man das bestätigen. Die Produktion ist blutig-bildgewaltig, so rau wie die Landschaft, in der sie, und die Charaktere, mit denen sie spielt. Mit Akribie in der vom britischen Barden vorgegebenen Unzeit verhaftet und doch an einem Heute angedockt, in der gnadenlose Kriege Flüchtlingsströme vor sich her treiben.

In fahlen, fast farblosen Szenarien zeigt Kurzel drastisch und direkt, was der Dramatiker wortgewaltig schildert: Was der Krieg mit Menschen macht. Der Filmemacher traut sich eine moderne Erklärung für die plötzliche Wandlung vom treuen Vasallen zum mordlüsternen Tyrannen zu – der neue Macbeth leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ausgelöst hat die soldatische Krise die grausame Schlacht gegen Rebellenführer Macdonald. Das apokalyptische Gemetzel, aus dem Macbeth und sein Gefährte Banquo nur dank ihrer Kühnheit siegreich hervorgehen, ist wegen der nahe am Bodenmatsch angebrachten Kameras in seiner ganzen Brutalität zu erleben: Im kargen Hochland, umhüllt von Kälte und Nebel, gehen kindergesichtige Soldaten auf einander los, stechen und hauen und sterben. Brüllend und wimmernd. In slow motion. Und damit nicht genug, der Heerführer hat mit seiner Frau auch einen privaten Schmerz zu bewältigen. Wie um ein für alle mal die Frage nach ihrer Kinderlosigkeit zu erklären, betrauern die Macbeths zu Beginn des Films den Tod ihres einzigen Erben. Macbeth legt ihm Steine in die Augenhöhlen, bevor man ihn in der öden Landschaft verbrennt. Als ob sie die innerliche Leere nun antreiben würde, beschließen sie ob dieses Schicksalsschlags das Schicksal beim Schopf zu packen, die Weissagung der Hexen anzunehmen und die ruchlosen Taten umzusetzen.

Kurzel hat Shakespeare zwar textlich reduziert, doch bleibt er beim Vers. In der unbedingt sehenswerten englischen Fassung klingen die Worte dennoch ungeschliffen hingeraunt. Vorgetragen werden sie von einem erstklassigen Ensemble. Der charismatische Michael Fassbender hat sich Macbeth anverwandelt. Er spielt mit dem gedämpften Furor eines Leidenden, changiert zwischen introvertierter Verletztheit und der erschreckend plötzlich ausbrechenden Wut eines Mörders. Die größere schauspielerische Sensation ist allerdings Marion Cotillard, die die Zuschauer tief in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Ihre Lady wandelt, wie man sie kennt, fiebrig und schon vom Wahn gezeichnet dem Ende entgegen. Doch ihr mal verwegener, mal verwehter Blick sagt der Kamera mehr, als Sätze es könnten. Fassbender und Cotillard spielen ohne große Theatergeste, sondern mit einem beinah zwanghaften Hang zur Intimität. Dieser „Macbeth“ ist tatsächlich ein Kinofilm, nicht abgefilmte Bühne. „Das war etwas, das ich wirklich machen wollte” sagte Michael Fassbender im Interview über seine Rolle. “Das Wichtigste für mich war, dass es ein Film wird, den auch 15- oder 16-Jährige sehen wollen. Bei vielen steht Macbeth auf dem Lehrplan. Wenn man Shakespeare Wort für Wort interpretiert, schwant einem nichts Gutes. Das sorgt für eine mentale Sperre. Vielleicht reißt diese Version Jugendliche mit.”

Ganz ehrlich? Nicht nur die.

www.macbeth-film.de

Wien, 27. 10. 2015