Werk X-Petersplatz am Judenplatz: Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik. Der Eintritt ist frei.

Juni 18, 2022 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein öffentlicher theatraler Gerichtsprozess samt Urteil

Die Protagonistinnen des „Asyl Tribunal“ am Judenplatz (v.l.n.r.): Ingrid Pozner, Denise Teipel, Noomi Anyanwu, Ines Rössl, Amani Abuzahra, May Garzon, Mahsa Ghafari und Alice Schneider. Bild: © Rezzarte

„Ein Rechtsstaat bleibt ein Rechtsstaat“, sagt Karl Nehammer, der österreichische Bundeskanzler. Das Theater- kollektiv Hybrid stellt infrage, ob dies auch für den Asylbereich gilt – in „Asyl Tribunal – Klage gegen die Republik“, einem öffentlichem Gerichtsprozess in Kooperation mit dem Werk X-Petersplatz. Premiere der von Alireza Daryanavard inszenierten Uraufführung ist am 20. Juni.

Weitere Termine von 22. bis 25. Juni, jeweils 19.30 Uhr am Judenplatz, 1010 Wien, sowie live auf www.okto.tv. Der Eintritt ist frei. Jede Vorstellung wird aus dem Deutschen synchronübersetzt in Arabisch und Dari/Farsi, bitte für die Übersetzung Smartphone und eigene Kopfhörer mitbringen.

Der Gerichtsprozess

In Asyl Tribunal wird, basierend auf realen Sachverhalten, in einem symbolischen Tribunal verhandelt, wie wirksam Asylsuchende in Österreich zu ihrem Recht auf Asyl kommen. Die Klage und die Verteidigung werden in einem mehrtägigen Verfahren im öffentlichen Raum vorgetragen. Gemeinsam mit Richterinnen und Richtern, Expertinnen und Experten sowie der Republik Österreich findet ein Gerichtsprozess statt, der sich mit aktuellen Problemlagen auseinandersetzt. Die österreichische Gesetzgebung erschwert die Zusammenführung von Asylsuchenden mit Angehörigen zunehmend. Aus vielen Krisen und Kriegsgebieten gibt es derzeit keine Möglichkeit, auf legalem Weg nach Österreich zu gelangen. Es finden illegale Pushbacks an Österreichs Außengrenzen statt.

Zwar ist Österreich zur Einhaltung der Genfer Flüchtlingskonvention und der Europäischen Menschenrechts- konvention (EMRK) verpflichtet, doch die Republik Österreich steht aktuell unter dringendem Verdacht, wesentliche Grundrechte von Asylberechtigten zu missachten. Maßgebliche sterreichische Asylrechts- bestimmungen scheinen die Europäische Grundrechtecharta und die EMRK umgehen zu wollen, indem sie Vorgänge rechtskonform erscheinen lassen, die eigentlich einen Rechtsbruch darstellen. Asyl Tribunal ist ein ffentliches theatrales Verfahren, an dessen Ende ein Urteil gefällt und gegenüber der Republik verkündet wird.

Mit May Garzon, Ines Rössl , Denise Teipel, Amani Abuzahra, Noomi Anyanwu, Victoria Kremer, Marie Noel, Ingrid Porzner, Alice Schneider und Hicran Taptik. Recherche und Dramaturgie: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Autorin, Schauspielerin und Moderatorin, Mitbegründerin des Vereins Flucht nach Vor, der 2015 mit dem Ute-Bock-Preis für Zivilcourage gewürdigt wurde, seit 2012 Vorstandsmitglied von  SOS Mitmensch. Rechtsberatung und Text: Ronald Frühwirth, früher Rechtsanwalt in Graz für Asylrecht und Menschenrechtsfragen, heute Vollzeitvater, Vortragender und Autor zum Thema Asylrecht. In Zusammenarbeit mit SOS Balkanroute, SOS Mitmensch, Okto, Venga! und #aufstehn.

Die Verhandlungstage

TAG 1 Montag, 20. 6 – Weltflüchtlingstag, Thema: Westbalkonroute
Nach dem Eintreffen des Demozuges anlässlich des Weltflüchtlingstags beginnt die Klage gegen die Republik mit den Plädoyers der klagenden und der beklagten Seite sowie dem Abstecken des rechtlichen und inhaltlichen Rahmens des Verfahrens. Im Mittelpunkt steht die Missachtung der Genfer Flüchtlingskonvention und des Rechts auf Asyl, das die Grundrechtecharta der Europäischen Union gewährleistet. Die Verhandlungsgegenstände und die Beweggründe für die Klage werden dargelegt. Die Kommission berichtet, welche Bedeutung das Schließen der „Westbalkanroute“ für die Einleitung dieses Verfahrens hatte.

TAG 2 Mittwoch, 22. 6., Themen: Familienzusammenführung, Push-Backs
Am zweiten Tag geht es um das Aussetzen von Resettlementprogrammen, die Menschen die einzige sichere Fluchtmöglichkeit nach Österreich ermöglichen würden; außerdem um das Erschweren von Familienzusammen- führung als letzte verbleibende Möglichkeit für Schutzsuchende, auf legalem Weg zur Asylantragstellung nach Österreich zu gelangen. Zudem kommt es nachweislich zu illegalen PushBacks an den Grenzen, die bisher seitens der Republik ignoriert werden zu diesem Punkt werden zwei Zeuginnen aus Bosnien, Zemira Gorinjak und Salena Klepić, ihre Beobachtungen dem Gericht und den Zuhörerinnen und Zuhörern mitteilen.

TAG 3 Donnerstag, 23. 6., Themen: Ungleichbehandlung von Ukraine-Flüchtlingen, rassistische Gewalt
Am dritten Tag folgt die Auseinandersetzung mit der ungleichen Behandlung von Schutzsuchenden aus der Ukraine sowie den zahlreichen Erfahrungen von rassistischer Gewalt, die Black and People of Color im Zuge ihrer Flucht aus der Ukraine widerfuhr. Als Zeugin spricht an diesem Tag Mariama Nzinga Diallo, die zu ihren Erfahrungen und Beobachtungen im Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Polen befragt wird.

TAG 4 Freitag, 24. 6., Themen: Behörden-Verstöße, Abschiebung von Kindern und nach Afghanistan
Am vierten Tag werden Missstände und Verstöße der Behörden gegen gesetzliche Bestimmungen in Asylverfahren aufgezeigt. Dazu zählen etwa sehr umstrittene Methoden zur Altersfeststellung bei Minderjährigen oder die unzulässige, aber dennoch gängige Praxis der ersten Befragung zu Fluchtgründen durch Polizeibeamtinnen und -beamte. Durch solche Vorgangsweisen werden zahlreiche Schutzsuchende daran gehindert, zu ihrem Recht auf Asyl zu kommen denn über einen großen Teil der Fälle wird auf Grundlage dieser Vorgänge negativ entschieden. Schließlich geht es um die Missachtung des Kindeswohls, die schwache Position von unbegleiteten Kindern im Asylverfahren und um kritikwürdige Abschiebungen nach Afghanistan.

Danach: InstaWalk zur Produktion Asyl Tribunal von und mit Patrizia Reidl in Kooperation mit Igersvienna, der sich inhaltlich der „Menschenrechtsstadt Wien“ widmet, 17 Uhr, Treffpunkt: WERK XPetersplatz.

TAG 5 Sammstag, 25. 6., Schlussplädoyers und Urteilsverkündung
Am letzten Tag präsentieren die Parteienvertreterinnen und -vertreter ihre Schlussplädoyers. Danach folgt die Urteilsverkündung durch die Richterinnen.
Im Anschluss an die letzte Vorstellung findet ein Expertinnen-/Experten und Künstlerinnen-/Künstlergespräch im WERK XPetersplatz mit Ronald Frühwirth, Rechtsexperte für Asyl und Migrationsrecht, und Ines Rössl, Schauspielerin und Rechtswissenschafterin, rund um das Thema Asyl und Migrationsrecht in sterreich statt. Auch Beweggründe und Herausforderungen bei der Erarbeitung des Stücks werden durchleuchtet; Moderation: Mahsa Ghafari, Menschenrechtsaktivistin, Theaterschaffende und Dramaturgin von „Asyl Tribunal Klage gegen die Republik“.

Der iranischstämmige Theatermacher und Schauspieler Alireza Daryanavard. Bild: © Isa Heliz

Wiederaufnahme im November: „Blutiger Sommer“ mit Simonida Selimović. Bild: © Alexander Gotter

Alireza Daryanavard in „Ein Staatenloser“, Wiederaufnahme 2020. Bild: © Alexander Gotter

Regie & Konzept: Alireza Daryanavard

Der Performancekünstler und Regisseur wurde im Iran geboren und begann im Alter von 12 Jahren als Schauspieler zu arbeiten. Neben Hauptrollen in Kino und TV war er auch als Fernseh und Radiomoderator tätig. Als es ihm offiziell nicht mehr erlaubt war, künstlerisch tätig zu sein, gründete er ein Untergrundtheater in seiner Herkunftsstadt Buschehr, bis die Situation lebensgefährlich wurde und er schließlich fliehen musste. Seine Flucht führte ihn 2014 nach Österreich, wo er seitdem in Wien als Schauspieler, Musiker und Regisseur lebt. 2017 wurde ihm das Startstipendium des Bundeskanzleramts Österreich für Darstellende Kunst verliehen, 2019 war er Stipendiat beim Heidelberger Stückemarkt sowie bei „In the Field“ der Wiener Festwochen.

Am WERK XPetersplatz begeisterte er Presse wie Publikum sowohl in der Spielzeit 2018/19 mit der Uraufführung von Ein Staatenloser (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30184) als auch in der Spielzeit 2020/21 mit seinem Stück Blutiger Sommer”, für das er in der Kritikerinnen- und Kritikerumfrage von Theater heute bei den Höhepunkten der Saison in der Sparte Beste/r NachwuchskünstlerIn geführt ist, und das auch für den NestroyPreis 2020 in der Kategorie Bester Nachwuchs männlich nominiert wurde. Das Stück wird im November 2022 im WERK XPetersplatz wiederaufgenommen. www.alireza-daryanavard.com

werk-x.at

18. 6. 2022

Das Tägliche Leben – nun online

Mai 20, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Doina Weber spielt Marie von Ebner-Eschenbach

Das Tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Zum Neu-Entdecken und Wiedersehen: Ab 26. Mai streamt Doina Weber auf der Plattform Roomservice ihr Solo „Das Tägliche Leben“ nach Marie von Ebner-Eschenbachs gleichnamiger  Erzählung. Die Aufführung war in anderer Fassung bereits im Rahmen der wortwiege am Thalhof Reichenau und in der Alten Bibliothek zu sehen. Zugang für 44 Stunden; die Erlöse aus dem Ticketverkauf gehen komplett an die Künstler.

Kritik: Alte Bibliothek – wortwiege wien. Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege zeigt unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das Tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Bild: Christian Mair

Bild: Christian Mair

Bild: Christian Mair

Bild: Christian Mair

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=30421

tickets.4gamechangers.io/shop/broadcast/registrations#weber1

20. 5. 2020

Kosmos Theater: Rule Of Thumb / Daumenregeln

Oktober 10, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Per Anhalter durch die Gesellschaftssatire

Daumen hoch! Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel. Bild: Bettina Frenzel

Gestartet wird von null auf hundert. Auf einer enorm großen Kinoleinwand überschlägt sich ein Fahrzeug, bis es als zerschundenes Autowrack liegen bleibt, und als müssten sie aus ebendiesem erst hervorkriechen robben nun drei Gestalten durch eine Öffnung in der Wellblechimitatwand. In Bikerhosen oder Mechanikeroverall, mit American-Football- oder Motorradhelm, ihre „Motorisierung“ allerdings nur noch Rollerskates.

Sie sind das Team 47 der „Urban Anhalter“, zwei vom Trio darstellte Frauen aus EU-istan, die sich zwecks Teilnahme an einem Trampwettbewerb auf den gefahrenumwitterten Balkan begeben haben. Die Destination ist Strezimirovci, eine geteilte Stadt an der serbisch-bulgarischen Grenze. „Rule Of Thumb / Daumenregeln“ heißt das Stück der in Belgrad geborenen Dramatikerin Iva Brdar, das Film- und Bühnenregisseurin Nina Kusturica gestern im Kosmos Theater zur österreichischen Erstaufführung brachte, der Titel des Textes ein Hinweis auf die Fight-Club-mäßigen Regeln, die man sich für das Rennen gegeben hat. „Was im Auto passiert, bleibt im Auto“ und, dass es gelte, ohne Geld oder Telefon zu reisen, nur bei Personen einzusteigen, die auf das „Auswerfen“ des Daumens reagiert hätten – und als einzige Waffe ein entwaffnendes Lächeln einzusetzen. Oder einen Stein von der Straße. Diese Vorschrift wird später – siehe Car Crash – von Bedeutung sein.

Kusturicas hochtourige Inszenierung passt perfekt auf Brdars schräghumoriges Roadmovie, das durch die Virtuosität der Schauspieler im Rollkunstlauf eine nahezu sinnliche Körperlichkeit bekommt. Wie sie auf ihren Wheels tänzeln, ist wie von Axel und Rittberger erfunden, eine Bravourleistung zwischen anmutigem Angasen und verwegenem Fullstop. Claudia Kainberger, Thomas Kolle und Marie Noel spielen die Praktikantin aus der Fertigsuppenfabrik und die Youtube-Influencerin, Ana und Monika, und alle die mal mehr, mal weniger sinistren Typen, mit denen sie auf ihrem Trip zusammenstoßen. Wobei sie sozusagen im sechsten Gang von Figur zu Figur switchen.

Der Kaufzwang für Kochtöpfe wird mit Gewalt durchgesetzt: Thomas Kolle und Claudia Kainberger. Bild: Bettina Frenzel

Kidnapping eines Polizisten: Marie Noel, Claudia Kainberger und „im Kofferraum“ Thomas Kolle. Bild: Bettina Frenzel

Genregerecht besteht die Handlung zunächst aus den Begegnungen der Protagonistinnen mit ihren Mitfahrgelegenheiten. Da ist der in seinem Wagen hausende Sonderling/Kainberger, der Ana und Monika/Noel und Kolle mit der Route droht, sollten sie ihm nicht ein komplettes Kochgeschirr abnehmen. Eine brenzlige Situation, in der der Begriff Kaufzwang wörtlich zu nehmen ist. Da ist der vorgeblich freundliche Mann/Noel, der sich als Erfolgsrezept fürs Überwechseln in ein EU-Land das Heiraten auserkoren hat. Weshalb er „Gutmensch“ Monika/Kolle kurzentschlossen aufs Standesamt führt, bevor er sich für immer vertschüsst.

Zu den berührendsten Szenen des Abends gehört ein Stehblues auf Skates von Noel und Kolle, der fast schon Skating-Sex ist, zu den bissigsten, wie Ana/Kainberger dem Mann punkto gelungenem Bewerbungsgespräch auf die Sprünge hilft – „Wie sind Ihre Gehaltsvorstellungen?“ –„Ich habe keine.“ – „Bravo, so ist es richtig!“ Vom ersten Blick zum genauen Hinschauen verwandelt sich „Rule Of Thumb“ vom surrealen Spaß in eine hinterlistige Gesellschaftssatire, die topaktuell und schwer politisch Themen von Kapitalismus über Konsumrausch bis Krise des Gesundheitssystems, von Gentrifizierung über Erwerbslosigkeit bis neoliberaler Selbstoptimierung aufs Korn nimmt. Seine Fake-Braut Monika wolle, statt ständig auf das Greifen „globaler Lösungen“ zu warten, endlich „im Kleinen etwas bewirken“, also einem Migranten per Eheversprechen helfen, sagt Kolle an einer Stelle. Und man weiß nicht, ob Iva Brdar so einen Satz empathisch oder zynisch oder gar empazynisch meint.

Auf Anas und Monikas Etappen ereignen sich jedenfalls Dinge, so radikal jenseitig, dass sie jenseits ihrer Erwartungshaltungen an diese Expedition ins Unbekannte liegen. Als ideal gedachte Lebensentwürfe prallen auf die diese vernichtende Realität, aus Abenteuerlust wird Überlebenskampf. Der Schlagbaum zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“ hebt sich bei dieser Odyssee durch Südosteuropa nicht. Zu den seltsam poetischen, eindringlich-suggestiven Filmbildern von staubigen Überlandstraßen, Einöden und endzeitlichen Industrieruinen singt Rana Farahani aka Fauna ihre Ohrenschmeichlersongs und Marie Noel Jacques Brels „Ne me quitte pas“ für einen von einem Lastwagen totgefahrenen, dennoch zu ihr sprechenden Hund.

Marie Noel singt Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Bild: Bettina Frenzel

Die Gewaltspirale dreht sich schneller und schneller. Aus Ana und Monika werden eine Art „Thelma & Louise“, wenn sie schließlich in Ermangelung eines brauchbareren fahrbaren Untersatzes ein Polizeiauto klauen, und den dazugehörigen Gesetzeshüter im Kofferraum verstauen. Und weil in Brdars Hitchhikerinnen auch eine Spur Hitchcock steckt, kulminiert „Rule Of Thumb“ in einer spooky Schusssequenz. Auf Film sind die beiden Frauen/Noel und Kainberger im PKW eines daumenlosen

(Achtung: symbolträchtig!) Mannes/Kolle zu sehen, der sich den Finger aus Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen abgeschnitten hat. Bald werden Ana und Monika vergeblich versuchen, aus dem Wagen dieses offenbar Wahnsinnigen wieder auszusteigen, bald wird Milch und Blut durchs Auto schwappen – und laut Regelwerk ein Stein seinen Einsatz haben. Womit das Ende gleichzeitig der Anfang wäre.

In Nina Kusturicas gewitzter Arbeit wird Iva Brdars Tortour durch Serbien zum Fanal wegen Ignoranz, Intoleranz, EU-Arroganz und selbstverliehenes Elitentum. Schließlich im Ziel eingelangt, erwartet die Siegerinnen – nichts … Dass der Autorin durchaus ernstzunehmendes Bild eines Europas, dessen West und Ost unter Schmerzen am Zusammenhalt laborieren, nicht zu gewichtig, eindrücklich, aber nicht drückend daherkommt, ist maßgeblich auch den Darstellern zu danken, die mit Verve und Leichtigkeit und Mut zu Rollentausch wie Rollerskates ins Spiel gehen. „Rule Of Thumb“ im Kosmos Theater ist ein gelungener Auftakt der Jubiläumssaison zum zwanzigjährigen Bestehen des „Frauenraums“.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=yVlvfvfqi9k           kosmostheater.at

  1. 10. 2019

Wiener Festwochen: Diamante

Mai 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Als Voyeur in anderer Leute Lebenswelten

Bild: © Annette Hauschild, Ruhrtriennale 2018. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Werksiedlungen gab’s auch hierzulande, in Wiedenbrunn von den Krupps für ihre Berndorf-Arbeiter aufgezogen, in Kaprun, in Altach, in Hard, die berühmteste, in Mannersdorf, hat kein geringerer als Roland Rainer konzipiert. Werksiedlungen sind Städte, die Unternehmen für ihre Untergebenen errichten. Google und Facebook schufen zum Beispiel idyllische Fleckchen für ihre Tüftler und Denker, die so selbst im Privaten greifbar sind, Tag und Nacht Tür an Tür mit den Chefs.

Um solcherart die Produktion und damit den Profit zu steigern. Und weil man nun alles teilt, von Gratisfahrrädern übers Gemeinschaftsschwimmbad bis zur Bio-Nahrung, besonders perfide war einst Krupp in Essen, wo die Wohnkolonie sowohl an die werkseigene Gas- als auch Wasserleitung angebunden war, und ein Teil des Lohns in Lebensmittelscheinen zur alleinigen Einlösung beim Krupp-Krämer ausbezahlt wurde, wird der Paradiesgarten schnell zum Sektenhort. Auf Absplitterung von folgt Angst vor der Außenwelt, folgt die Abschottung – there we are: Gated Communitys. Ein gerade aus den beiden Amerikas nach Europa kommender Trend (siehe dazu auch die Filmrezension zu Lukas Valenta Rinners „Die Liebhaberin“: www.mottingers-meinung.at/?p=25785).

In eine solche führen nun der argentinische Regisseur Mariano Pensotti und seine Kompanie Grupo Marea bei der ersten diesjährigen Festwochen-Produktion „Diamante“. In der riesigen Halle der Erste Bank Arena in der Donaustadt, der 22. Bezirk dies Jahr ja ein Festwochen-Schwerpunkt mit zahlreichen Projekten, hat sich Pensotti von Bühnen- und Kostümbildnerin Mariana Tirantte diese Dschungelstadt aufbauen lassen, zehn Häuschen und ein Auto, die Zuschauer bewegen sich dazwischen, von Spielort zu Spielort, beobachten durch Schaufenster, wie Darstellerinnen und Darsteller agieren, der oberste Teil der Glasfronten jeweils der Platz für Übertitel mittels derer erklärt wird, was zu sehen ist. Ein Erzähler geleitet das Publikum zusätzlich von Station zu Station.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

Drei Mal durchläuft man den Kreislauf der elf Geschichten à acht Minuten, in Sommer, Herbst und Winter wird man zum Voyeur in anderer Leute Lebenswelten, die Reihenfolge des theatralen Spaziergangs dabei beliebig. So fiktiv die einzelnen Geschichten, von denen Pensotti berichtet, so wahr die ganze Geschichte. Diamante wurde 1836 von der Bergbau- gesellschaft Goodwind im Norden Argentiniens gegründet, zählt heute etwa 20.000 Einwohner, und war zunächst ein kapitalistisches Utopia mit dem Ziel, durch Zivilisierung der Region einen strategischen Zugang zu den reichen Erdölvorkommen zu schaffen.

Der deutschstämmige Goodwind-Eigentümer Emil Hügel ließ die südschwedische Ferienpittoreske seiner Kindheit nachbauen, die ersten Siedler kamen wie er überwiegend aus Deutschland, doch schon bald gab der Gründer seiner Stadt strenge Regeln: Anstelle des örtlichen Spanisch wurden Deutsch und Englisch gesprochen, die Kirchen waren protestantisch, Alkohol wurde nur abends verkauft, alle mussten jeden Morgen gemeinsam Sport machen, jeder musste ein Musikinstrument beherrschen … In diese Tatsachen platziert Pensotti seine ans Fernsehformat Telenovela angelehnten Minidramen.

In ihren skandinavischen Holzhäuschen, eingebettet in ihre sozialen Privilegien, erspäht man die Menschen beim Tanzen und Lieben, sieht, wie Beziehungen entstehen, zerbrechen, wie betrogen, die Flucht gewagt und trotz allem gehofft wird. Eine leitende Angestellte des Konzerns kandidiert für das Gouverneursamt, der Betriebsrat wird ihr linker Gegenkandidat. In das Haus einer Rechtsanwaltsfamilie, die für das Unternehmen arbeitet, wird eingebrochen. Der Gewerkschafter wird beschuldigt, den Einbruch organisiert zu haben, in Wirklichkeit war es der Wahlkampfmanager seiner politischen Rivalin – und verhaftet. Die rechte Kandidatin gewinnt die Wahl, doch die Firma fusioniert plötzlich und ohne ihr Wissen, es gibt Entlassungen, später geht das Werk bankrott.

Diamante, die zukunftsträchtige Mustersiedlung, hat sich in ihr schlimmstes Gegenteil verkehrt, mit jedem Akt werden die Charaktere verunsicherter, steigt die Sorge um Sicherheit und Wohlstand, werden die Verhältnisse chaotischer, die Menschen verrohter und gewaltbereiter: Sekten, Gangs, Milizen bestimmen bald die Stadt – die schließlich, wie zynisch ist das denn!, zum Themenpark wird, in dem die verbliebenen Einwohner sich selbst nur noch spielen. Auch das reale Diamante hat sich in die Region, in der es errichtet wurde, nie integriert; im Gegenteil, man lebt in Furcht vor den Nachbarn, denn der Lebensstandard der Stadt steht in krassem Widerspruch zur Armut der umliegenden Dörfer.

Bild: © Nurith Wagner-Strauss. Ein Auftragswerk von Ruhrtriennale Koproduktion Wiener Festwochen, Grand Theatre Groningen, Berliner Festspiele / Immersion.

So überwältigend ausufernd die einzelnen Ebenen dieses Live-Epos, so klar die Grundaussage. Pensotti zeigt auf, wie sich ein Innen zum Außen verhält, heißt: wie Privates von Politik, diese von der Wirtschaft gegängelt wird. Er zeigt ein System, das das Individuum als kalkulierbar und sich ergo als ihm nicht mehr verpflichtet betrachtet, zeigt subtil die seelischen und zwischenmenschlichen Folgen von permanentem Erfolgsdruck zwecks Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung.

Er arbeitet sich an den Themen Kolonialismus und Neoliberalismus und dem Outsourcing von Arbeit in Billiglohnländer ebenso ab, wie an der Festungsmentalität derer, und hier trifft er den Nerv der europäischen Gegenwart, die um den Erhalt ihres Hab und Guts bangen. Dies bevorzugt verbrämt im Begriff der Erhaltung der eigenen Kultur. „Diamante“ ist ein fünfeinhalbstündiges Immersivspektakel, anstrengend, aber da dramaturgisch ausgetüftelt durchwegs spannend. Ergreifende Geschichten, perfekte Performance, tolles Setting, großartiges Theater. Die Wiener Festwochen 2019 beginnen mit einem Höhepunkt.

Video: www.youtube.com/watch?v=XoCE2Rvtt24           www.festwochen.at

  1. 5. 2019

Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018