Refugee Lullaby

Oktober 1, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein guter Hirte hütet jedes Geschöpf

„Das ist nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität“: Hans Breuer, Österreichs letzter Wanderschäfer, über sein Engagement für Mitmenschen. Bild: WILDart Film

Von den vor wenigen Stunden geborenen Lämmern steht ein schwarzes ein wenig abseits der Herde, doch die gemütlich grasenden Mutterschafe sind deswegen nicht beunruhigt. Sie wissen ihren Nachwuchs bei Hans Breuer in besten Händen, und bald bugsiert er den kleinen Flüchtling behutsam zurück in die wartende Verwandtschaft. Schnitt. Breuer ist unterwegs in seinem Auto. Es ist Nacht, es ist das Jahr 2015.

Abertausende Menschen haben sich auf den langen Marsch vom Budapester Keleti Bahnhof Richtung Österreich begeben. Breuer fährt bis ans Ende der Kolonne, dort sind die Kinder, die Kranken, die, die nicht mehr weiter können. Er sammelt ein, das Fahrzeug füllt sich. „Baby?“ – „Geht!“ – „Und die zwei Mädchen da auch noch?“ – „Ja, geht!“ Ein guter Hirte hütet jedes Geschöpf. Und Hans Breuer ist tatsächlich einer, ist Österreichs letzter Wanderschäfer, ist fünffacher Vater und siebenfacher Großvater, und wohnt mit seiner Lebensgefährtin Mingo und seinen beiden Jüngsten in einem aufgebockten Bauwagen und ein paar windschief selbstgebauten Hütten am Waldrand. Früh schon, sagt er, hätte er sich entschieden, „ein Außenseiter“ zu sein, statt unter denen zu bleiben, die ewiggestriges Gedankengut verbreiten oder zumindest akzeptieren.

In Breuers PKW macht sich allmählich Schläfrigkeit breit, und Breuer singt den muslimischen Kindern, die mit ihren Eltern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak nach Europa geflüchtet sind, ein jiddisches Wiegenlied vor. Das hat er bereits einmal getan und wurde vom Vater eines Kindes dabei gefilmt. 70.000 Mal wird dessen YouTube-Video weltweit geteilt, bis es schließlich auch die israelische Dokumentarfilmerin Ronit Kertsner sieht – und beschließt ein Breuer-Porträt zu drehen, „Refugee Lullaby“, ab 4. Oktober in den Kinos. Den Erwachsenen, die nun auf seiner Rückbank sitzen und aufgenommen werden, erklärt Breuer die Herkunft des Kamerateams: „Juden, Jews, you know.“ – „Okay, okay“, antwortet ein Iraker.

„Sie leben hier wie die Ratten“, sagt der heimische Helfer David: Unterbringung von Flüchtlingen in Serbien. Bild: WILDart Film

Die frierenden Menschen erwarten ihn schon: Gegen kalte Nächte hilft Hans Breuer mit heißem Tee. Bild: WILDart Film

Beständig kontrastiert Kertsner das ländliche Idyll des Schäfers mit Aufnahmen von überfüllten Auffanglagern, stellt der familiären Behaglichkeit, den entspannten Weidegängen mit Mingo, den durch die Natur tobenden Kindern, Dreck, Not und Elend in den Camps gegenüber. Breuer verteilt in Zelten Tee an frierende Menschen, verteilt Infozettel auf Arabisch, Farsi, Urdu, schaukelt in seinen Armen schreiende Babys, bringt seinen Schutzbefohlenen warme Decken. Daheim, im Hügelland südöstlich der Alpen, gibt er Deutschunterricht für Muslime und Muslimas. Sein Engagement, sagt er, „ist nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität“.

„Eine Idee, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt“. Den Mut zur Zivilcourage hat Breuer sozusagen geerbt, ihr Trauma auch, wie sich erkennen lässt, da Tränen fließen, als er von seinen Eltern erzählt. Der jüdische Vater und die Mutter waren Kommunisten, sie Journalistin bei der Zeitschrift „Die Stimme der Frau“ und eine der Widerstandskämpferinnen, die in der Doku „Küchengespräche mit Rebellinnen“ aus dem Jahr 1984 zu Wort kommen. Im gezeigten Ausschnitt spricht sie über die Gestapo-Folter, sieben Männer fielen über sie her.

Trotzdem verriet sie keine Namen … Der Antifaschismus seiner Eltern hat Breuer geprägt. Aus diskreter Nähe verfolgen Shalom Rufeisens und Jerzy Palaczs Kameras ihren Protagonisten, und zeichnen mit jedem seiner Schritte deutlichere Konturen dieses Wanderers zwischen den Welten, der sich scheint’s mühelos aus seinem bescheidenen Dasein aus- und in die Gesellschaft einklinken kann, wenn andere Hilfe brauchen. Und immer singt er. Breuer erfindet unterwegs Lieder, die er mit seinem Handy aufnimmt und zu Hause transkribiert. Verschmitzt und nicht ohne Selbstironie meint er, dass er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus eben eine andere Möglichkeit brauchte, die privaten Beschädigungen aufzuarbeiten, und dass er so zum jiddischen Liedgut kam. Hunderte jiddische Lieder hat er bisher gelernt – andere selber komponiert.

„Refugee Lullaby“ bleibt aber nicht beim bloßen Porträt. Geschickt spinnt Kertsner die Erzählfäden da und dort weiter, wenn sie Breuers anrührende Begegnungen mit Gleichgesinnten beobachtet. Da ist die iranisch-wienerische Jasmin, eine der Freiwilligen von „Train of Hope“, die am Hauptbahnhof Flüchtlinge versorgt, und bei ihr Breuers Nichte Verena Krausneker, eine der Gründerinnen des jüdischen Flüchtlingsvereins „Shalom Aleikum“, der sich vor allem um Geflüchtete aus muslimischen Ländern kümmert. Mit Krausneker wird Kertsner auch eine syrische Familie besuchen, die zu Freunden wurden. Man bereitet gerade gefüllte Weinblätter für ein öffentliches Picknick auf der Praterwiese vor. Der Familienvater war Restaurantbesitzer in Aleppo. „Music Box“, sagt er, „hieß unser Lokal“, und dass er nicht zuletzt wegen dieses drei Jahre überlegt habe, ob sie bleiben oder gehen sollen. Keiner, der seine Heimat verlässt, tut das leichten Herzens.

Hans Breuer hütet nicht nur seine Schafherde, sondern auch aus ihrer Heimat Geflüchtete und Vertriebene. Bild: WILDart Film

Ein Bad im Blechzuber gehört zum Leben inmitten von Mutter Natur: Hans Breuers Waschraum im Freien. Bild: WILDart Film

In Slowenien trifft Breuer den UNHCR-Übersetzer Yunes, der aus Palästina zum Studieren nach Slowenien kam, wegen des Sechstagekriegs blieb – und heute auch schon mehrfacher Opa ist. In Ungarn arbeitet Breuer mit Dan zusammen, dem er Hilfsgüter aus Österreich zum Weitertransport an die serbische Grenze bringt. Er habe damit begonnen, berichtet der gut trainierte Dan, als ihn Freunde angerufen hätten, weil am Bahnhof ein paar „Patrioten“ ein vierjähriges, syrisches Mädchen drangsaliert hätten.

„Man brüllt doch kein Kind an“, erbost er sich, und bekennt: Nein, um Erlaubnis habe er nie gefragt – „Ich tue einfach, was zu tun ist.“ In Serbien angekommen, erschüttern einen die schrecklichen Zustände in den provisorischen Unterkünften. „Sie leben hier wie Ratten“, schildert der einheimische Helfer David das Schicksal der Flüchtlinge. Ein Mann beschreibt, wie es ist, wenn die Polizei die Hunde loslässt, falls einer nicht gleich spurt. Später sitzt Breuer in einer Runde Pakistanis. Sie singen ihm ein Urdu-Lied, er eines auf Jiddisch, in dessen Refrain schließlich alle einstimmen können.

Es ist die Musik, die sprichwörtlich die Grenzen überwindet. Gemeinsam mit der bulgarisch-stämmigen Perkussionistin Maria Petrova, dem in Istanbul geborenen Geiger Efe Turumtay und Akkordeonist Nikola Zarić, Wiener mit serbischen Wurzeln, bildet Hans Breuer auch das WanDeRer-Quartett. „Refugee Lullaby“ ist ein bemerkenswerter Film über ein außergewöhnliches Lebenskonzept, eine bewegende Familiengeschichte und ein daraus resultierendes solidarisches Verhalten. Regisseurin Ronit Kertsner gelingt es, die Traumata der „völkischen“ Vergangenheit für die Gegenwart neu zu verhandeln. Ihre Doku ist ein herzerwärmendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit – und der Beweis dafür, dass es neben der selbsternannt „ordentlichen Mitte-Rechts-Politik“ sehr wohl das andere Österreich, das andere Europa gibt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=uDVkWB1_xok           vimeo.com/312745625           go2films.com/films/refugee-lullaby

Zur Person Hans Breuer: www.oyfnveyg.com           apastekhlatroymer.wordpress.com/?ref=spelling           www.youtube.com/channel/UC9kfNxnFY3OaeB2u2uvkdvQ           www.facebook.com/hans.breuer.739

Helfen: shalomalaikum.at            www.trainofhope.at

  1. 10. 2019

Systemsprenger

September 26, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lauter Schrei nach Liebe

Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule – Benni fliegt wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art überall raus: Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Wenn dieses Mädchen pink sieht, hat das nichts mit einer Barbie-Puppen-Welt zu tun. Grelles Rosa durchströmt Bennis Kopf, wenn sie einen ihrer Ausraster hat. Dann tobt die zierliche Neunjährige, schlägt – sogar nach Erwachsenen -, attackiert Gleichaltrige bis deren Blut fließt, schmeißt mit Tretautos, bis selbst Sicherheitsglas birst. Die Bobbycars, die in einer der ersten Szenen durch die Luft fliegen, sind als Synonyme für eine

glückliche Kindheit und eine frühe Zugehörigkeit zur Konsumgesellschaft gleichsam Bennis Feindbild. Derlei ist ihr nämlich verwehrt. Pflegefamilien, Wohngruppen, Sonderschule: Alles hat sie schon hinter sich, und überall fliegt sie wegen ihrer aggressiven, unberechenbaren Art wieder raus. Benni ist das, was man beim Jugendamt einen „Systemsprenger“ nennt.

Am 27. September kommt Nora Fingscheidts Film in die Kinos. Die Regisseurin und Drehbuchautorin hat für dies Debüt, das auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann und als deutscher Bewerber für den Auslands-Oscar eingereicht wurde, intensiv recherchiert. „Systemsprenger“, erklärt sie, „sind Kinder mit unglaublicher Kraft und Ausdauer. Aber sie sind tragische Figuren, weil sie so früh schon Schlimmes erleben müssen, im schlimmsten Fall gewalttätige Jugendliche werden, und als nunmehr ,Täter‘ ihre Chancen für die Zukunft aufs Spiel setzen.“ Auch bei Benni ist nur der Rucksack mit ihren paar Habseligkeiten leichtes Gepäck, der emotionale Ballast samt Trauma aus der Babyzeit wiegt schwer. Und wenn ihr die Wut der Verzweiflung gar unkontrollierbar hochkommt, landet die Außenseiterin in der Kinderpsychiatrie, von Medikamenten „ruhiggestellt“ und im Bett fixiert.

Wie also mit „Problemkindern“ wie Benni umgehen?, ist die Frage, die Fingscheidt stellt. Ganz klar ist Bennis Verhalten ein lauter Schrei nach Liebe. Nichts möchte sie mehr, als zurück zu ihrer Mutter. Doch die hat keinen Job, noch zwei kleinere Kinder und einen cholerischen Partner. Einmal sagt diese von Lisa Hagmeister fulminant dargestellte labile Frau, dass sie sich vor ihrer Ältesten fürchtet. Allein ihr Girlie-Look bei gleichzeitig gehetztem Aussehen lassen diese Bianca Klaaß auf nur einen Blick als „dysfunktional“ erscheinen. Immer wieder macht sie Rückzieher, was Bennis Nachhausekommen betrifft. Das System indes versucht den schwierigen Fall wegzuorganisieren – nach Kenia, zu einem „Intensivprojekt“ …

Bianca Klaas ist völlig überfordert mit ihrer Tochter: Lisa Hagmeister und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Frau Bafané vom Jugendamt versucht das Menschenunmögliche: Gabriela Maria Schmeide und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Dass „Systemsprenger“ trotz dieser inhaltlichen Voraussetzungen nicht zum Sozialdrama wird, liegt an einer seltsamen Poesie, die Fingscheidt als Folie über ihren Film legt. Der bis dato Dokumentarfilmerin geht es nicht um Analyse, sondern darum, für Bennis extreme Gefühlswelt beim Zuschauer Mitgefühl zu erzeugen. Den größten Anteil am Gelingen dieser Unternehmung hat Helena Zengel, mit elf Jahren schon ein Profi vor der Kamera, und eben erst für eine Hauptrolle in Paul Greengrass‘ Western „News Of The World“ engagiert, die sie an der Seite von Tom Hanks absolvieren wird.

Wie diese junge Schauspielerin mit einer jede Minute neu explodierenden Energie die Benni verkörpert, ist einfach phänomenal. Zengel changiert zwischen Frechheit und Fragilität, zwischen Tragi- und -komik, wenn sie das gibt, was man auf Wienerisch ein Rotzmensch nennt. Zum Herzbrechen traurig ist ihr ausdrucksloses Gesicht, wenn sie unter Drogen gesetzt auf Station liegt. Beängstigend wirkt ihr zuckender Körper, wenn sie ein anderes Kind krankenhausreif prügelt.

Dazu Bennis Gebrüll: „Ich hasse euch!“, „Fick dich!“ oder „Arschloch“. Es ist, als würde man in ein chirurgisch freigelegtes Nervensystem schauen, während Bennis Synapsen den immer gleichen Ablauf signalisieren: Versuch einer Kooperation, Verkettung von Konfliktsituationen, katastrophaler Ausbruch. Kein Wunder, dass sich auch Kameramann Yunus Roy Imer von dieser Performance mitreißen ließ. In oftmals hektischen Bildern überträgt er das Feuer der elfenhaft blonden Berserkerin auf die Leinwand. Auf eine Reihe schneller Sequenzen folgen – je nach Bennis Stimmung – Sekunden der Ruhe, bis Imer seine Arbeit in farbgedimmten Erinnerungs- oder Fantasiefetzen auflöst, dazu auf der Tonspur hämmernder Punk. In diesem sensuellen Akt, den Betrachter auf Augenhöhe mit der gequälten, also quälenden Benni zu bringen, liegt die Stärke von „Systemsprenger“.

Micha, eigentlich Anti-GewaltTrainer für straffällige Jugendliche, setzt auf eine ungewöhnliche Therapie: Albrecht Schuch und Helena Zengel. Bild: © Yunus Roy Imer

Rund um Benni zeigt Fingscheidt die engagierten Selbstaufopferer im Sozialbereich. Die großartige Gabriela Maria Schmeide als warmherzige Frau Bafané vom Jugendamt sucht mit viel persönlichem Einsatz und übers Menschenmögliche hinaus nach einer dauerhaften Bleibe für Benni, droht aber mit jeder zugeworfenen Tür mehr zu resignieren. Schließlich jedoch wagt die Windmühlenkämpferin, an der

ersichtlich wird, dass Benni auch bei ihren Umarmungen überreagiert, ein letztes Experiment und engagiert Micha, eigentlich ein Anti-Gewalt-Trainer für straffällig gewordene Jugendliche, den Albrecht Schuch zumindest anfangs mit stoischer Gelassenheit ausstattet. Auf seinen Vorschlag hin, fährt er mit Benni für einige Wochen in seine Waldhütte, wo sie – ohne Strom, heißt: ohne Fernsehen und Computerspiele -, in der Stille ein wenig Frieden finden soll. Der Nachbarsbauer hat dazu eine deutliche Meinung: „Statt die Kinder zu erziehen, machen Sie mit ihnen Halligalli, und ich zahl‘ auch noch mit meinen Steuergeldern dafür.“

Nach anfänglichem Widerstand lässt Benni sich auf Micha ein, doch der sonst so toughe Typ kommt in der Begegnung mit dem Mädchen an seine Grenzen. Wie sich da in Albrecht Schuchs Antlitz die Erschütterung ob dieses Kinderschicksals widerspiegelt, ist anrührend. Alsbald ist ihm klar, dass er seine professionelle Distanz verliert, aber nichtsdestotrotz lässt er Benni in seinem Haus übernachten, für die zutiefst verstörte Herumgestoßene ein Vater-Mutter-Kind-Paralleluniversum, in dem sie in aller Früh – Atemstockmoment – Michas Baby aus dem Gitterbett nimmt …

„Systemsprenger“ ist ein einfühlsamer Film, der sich mit einer sorgfältig erzählten Geschichte und eindrucksvoller eigener Handschrift eines wichtigen Themas annimmt. Wobei Fingscheidt der zunehmenden Vereisung zwischenmenschlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die der internationale Autorenfilm so gern darlegt, die Überhitzung ihrer jugendlichen Protagonistin entgegenhält. Fingscheidt veranschaulicht, dass ein Kind, das nie Sicherheit erfahren hat, nicht von Erziehungsprofis aufgefangen werden kann, die ihm ständig Trennungen zumuten. In der schmerzlichsten Szene des Ganzen will Benni, mit Micha auf einen Berg gewandert, ein Echo erzeugen und ruft „Mama! Mama! Mama!“ gegen die gegenüberliegende Felswand. Doch nichts kommt zurück. Da fährt Fingscheidt volles Risiko: Happy End ist was für Weicheier, und Nina Simone singt „Ain’t got no home …“

 

www.systemsprenger-film.de

  1. 9. 2019

Albertina: Maria Lassnig. Ways of Being

September 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Selbstporträt bis Science-Fiction

Maria Lassnig: Mit einem Tiger schlafen, 1975. Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Oesterreichischen Nationalbank © Maria Lassnig Stiftung

Ab 6. September würdigt die Albertina Maria Lassnig  mit einer umfassenden Retrospektive. Die Ausstellung zeigt die beeindruckenden Haupt- und Schlüsselwerke einer der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Innerhalb der Fülle an Themen, denen sich Maria Lassnig zeitlebens widmete – Selbstporträt, Science-Fiction, die Beziehungen zu Menschen, Tieren und Technik, das Verhältnis zu Gewalt und Krieg – dominiert inhaltlich als roter Faden in ihrem Schaffen das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins.

 

Bereits ab Ende der 1940er-Jahre machte Lassnig den eigenen Körper zum Mittelpunkt ihrer Kunst, lange bevor Körpergefühl, Körpersprache und das Verhältnis von Mann und Frau zentrale Themen der internationalen Avantgarde wurden. Sie markiert damit einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der modernen Kunst, dessen Nachhall bis heute spürbar ist. Humorvoll und ernst, sehnsuchtsvoll und gnadenlos bannt die Künstlerin ihre Selbstempfindung auf den Malgrund. Nicht was sie sieht, sondern wie sie sich spürt, wird zum Bild.

Maria Lassnig: Du oder Ich, 2005. Private Collection. Courtesy Hauser & Wirth Collection Services © Maria Lassnig Stiftung © Stefan Altenburger Photography Zürich

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien, Sammlung Essl © Maria Lassnig Stiftung © Graphisches Atelier Neumann, Wien

www.albertina.at           Maria Lassnig: Kantate www.youtube.com/watch?v=4sDSZ9GwnCE

1. 9. 2019

Die wortwiege übersiedelt nach Wiener Neustadt

Juli 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Start ist im März mit der Uraufführung „Bloody Crown“

Das Leitungsteam der wortwiege: Theatermacherin Anna Maria Krassnigg und Komponist, Filmemacher und Produzent Christian Mair. Bild: Christian Mair

Unter dem Motto „Europa in Szene“ macht Regisseurin Anna Maria Krassnigg mit ihrer Compagnie wortwiege die Wiener Neustädter Kasematten zu einem neuen Theater-Hotspot. Ab dem Frühjahr 2020 bespielt Krassnigg die Kasematten in Wiener Neustadt und plant, diese historische Befestigungsanlage über die Grenzen hinaus zu einem Ort für europäisches Autorinnen- und Autorentheater aufzubauen.

Mit diesem neuen Spielort soll parallel zu den Theaterproduktionen ein länderübergreifender Dialog über zeitgenössische darstellende Kunst im Austausch mit angewandter Wissenschaft entstehen. In ihrer ersten Spielzeit widmet sie sich den Königsdramen. Unter dem Titel „Bloody Crown“ zeigt Krassnigg ab 5. März 2020 zwei Uraufführungen zu diesem Thema. Die historischen Kasematten stellen eine ideale Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dar und bilden somit einen perfekten Rahmen für künstlerische Arbeit. Wie in den Spielzeiten 2015 bis 2018 am Thalhof in Reichenau wird Theatermacherin Krassnigg mit ihrer wortwiege ihr künstlerisches Prinzip fortsetzen: Entlang einer zentralen Frage wird ein klassischer und ein zeitgenössischer Stoff programmiert und mit Expertinnen und Experten öffentlich diskutiert. Das hoch aktuelle Narrativ des Königsdramas bildet dabei den Anfang.

„Europa ist auch die Summe an Erzählungen, die weit über die Bemühungen einer politischen Einigung hinaus ein kollektives Bewusstsein bilden. ,Bloody Crown‘ holt die alte dramatische Struktur vom Aufstieg und Fall der Herrschenden, die derzeit einen großen Teil des angloamerikanischen Fernsehbusiness ausmacht, geballt zurück an seinen Ursprung: das Theater,“ erklärt Anna Maria Krassnigg und weiter: „Der weltweite Siegeszug der ’neuen Tyrannen‘, aber auch die Kollateralschäden der Macht werden über alte und neue Texte auf der Bühne anschaulich und somit diskutierbar. Diesen entlarvenden Geschichten wollen wir in den Wiener Neustädter Kasematten eine neue, pulsierende Agora verschaffen.“

Die Kasematten. Visualisierung: Bevk Perovic

Die Kasematten: Krassnigg und Mair. Bild: Christian Mair

Zudem begreift sich das Theater in den Kasematten als Ort für Nachwuchspflege, an dem insbesondere Studierende der Universität für Musik und darstellende Kunst gern gesehene Debütantinnen und Debütanten sein werden. Der Theaternachwuchs des Max Reinhardt Seminars, an dem Krassnigg die Regieklasse leitet, ist von der Eröffnung an mitgedacht.

Diskutiert wird am neuen Spielort auch über das Bühnengeschehen hinaus im Rahmen von Dialogveranstaltungen. Sie werden vom Kulturwissenschaftler Wolfgang Müller-Funk geleitet: „Königtum war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein das symbolische Markenzeichen für Herrschaft in Europa. Die Spuren dieser Herrschaft und identitätsstiftenden Royalen sind bis in die Gegenwart zu verfolgen: von der Königsklasse des Fußballs bis zur Kür von Schönheitsköniginnen. Die Anatomie königlicher

Macht wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet: Die Bandbreite reicht von Theater und Literaturwissenschaft über Geschichte und Kulturanalyse bis zu Ethnologieund Psychoanalyse.“ Zum öffentlichen Diskurs geladen sind Intellektuelle und Literaten aus der Nachbarschaft, aber auch aus dem internationalen Bereich der Human- und Sozialwissenschaften. Im Rahmen eines Pre-Openings am 7. und 8. Dezember diskutiert ein hochkarätiges Podium aus Kunst und Wissenschaft die zentralen Fragestellungen von „Bloody Crown“ und beleuchtet auch die wechselvolle Rolle der Autorinnen und Autoren auf dem Theater.

wortwiege-Videos: vimeo.com/wortwiege/albums

www.wortwiege.at

9. 7. 2019

aktionstheater ensemble: Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft

Juni 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles ein Riesenthema bei uns

Michaela Bilgeri als professionelle Pflegeheimstreichlerin; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek, Thomas Kolle und Maria Fliri. Bild: Gerhard Breitwieser

Genug ist genug. Das muss Michaela Bilgeri eingangs kurz festhalten. Und mit dem nächsten Atemzug zugeben, dass, wann immer sie sich das sagt, sie denkt – ein bissl was ginge noch … Mit derart viel Verve, Wahnsinn und Wollust, wie hier die Bilgeri, muss man sich erst einmal auf eine Spielfläche stellen und „davon“ erzählen, denn, nein, ihr geht es nicht etwa um Innenpolitik, sondern eher Innenschau, sprich: Selbstbefriedigung. „Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert,“ erklärt sie.

Und auch den nützlichen Ersatzeinsatz des Turnseils in der Schulsporthalle. Die schnelle Eingreiftruppe für so messerscharfe wie amüsante wie empathische Daseinsanalysen macht dieser Tage Station im Wiener Werk X. Zum sagenhaften 30-Jahr-Jubiläum hat Martin Gruber mit seinem aktionstheater ensemble die Inszenierung „Wie geht es weiter – Die gelähmte Zivilgesellschaft“ erarbeitet, zustande gekommen wie stets als die Essenz von Erlebtem und Erfühltem seiner Darsteller, diesmal Michaela Bilgeri, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek. Die nun da stehen, die weiße Weste, äh Wäsche, nicht ganz sauber, darüber können auch die Spitzenshirts und die Sneakersöckchen nicht hinwegtäuschen, um zu berichten, dass es gegen ein übermächtiges, unübersichtliches Draußen wohl besser sei, man bleibe ganz drin bei sich.

So wohl lässt sich der aktionstheater’sche Ansatz interpretieren, die Generation nach BoBo zu zeigen, die Bohemian Bourgeois, die ihren Kindern wenig mitgegeben hat, außer Sinn für Stil und reflektierten Spaß am Konsum. Wenn auch die Fridays For Future Hoffnung schöpfen lassen, aber wie Bilgeri, die professionelle Pflegeheimstreichlerin, die gern zeigt, wie’s geht, aufzählt, was alles anliegt, „Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns …“, ist nur menschlich, dass aus dem Schöpfen allzu schnell ein Erschöpfen werden kann. Zwischen diesen Polen mäandert die Produktion. Den Stimmungen nachzuspüren, die zum Status Quo geführt haben, und als solche eine Metapher mit hohem Wieder- und Selbsterkennungswert, mit Übertragungsmöglichkeit auf die EU, das Nord-Süd-Gefälle und den Culture Clash zu sein.

Wut im Wohnungsamt: Benjamin Vanyek; mit Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Thomas Kolle und Michaela Bilgeri. Bild: Gerhard Breitwieser

Über Selbstbefriedigung am Turnseil: Michaela Bilgeri mit Benjamin Vanyek und Thomas Kolle. Bild: Gerhard Breitwieser

Verhandelt werden: Der Groll aufs weltverbesserische Kaufverhalten, weil Noisetteschokolade allemal besser schmeckt als Fairtrade, wie Benjamin Vanyek erbittert kauend unter Beweis stellt. Die schöne österreichische Kultur, für die sich sogar die Söckchen in Ballettschuhe verzaubern. Die Vorteile des Ballen- gegenüber des Fersengangs, den Andreas Jähnert vorführt. Versus Maria Fliris kämpferischem Ruf nach „Jetzt erst recht! Neuer Stil! Hula Hoop!“ und Fabian Schiffkorns ängstlicher Frage nach dem Verbleib der Mitte.

Das träge Volk, wie’s neuerdings gern genannt wird, in Hinblick auf das Wahl- davor, hat sich scheint’s auf Nebenschauplätzen eingerichtet. Setzt auf Selbstbespiegelung statt Zivilcourage, und wunderbar ist es, wie Thomas Kolle staubt, klopft ihm einer auf den Rücken. Zack! Zack! Zack! hat er Lösungen parat. Ein spitzbübisches Rich Kid, das seine Eltern zu immensen Ausgaben veranlasst. Im gewollten Dunkel bleibt der fulminante Sänger Pete Simpson, eine Fleisch gewordene Paraphrase aufs Gesagte, einer durchkomponierten Textcollage, die Sprache zu Melodie und Rhythmus eint, Simpson, der mit seiner R’n’B-Stimme Schuberts „Nacht und Träume“ interpretiert.

Und der in den Höhen betörend sphärisch nach Jimmy Somerville klingt. Definitiv ist der gebürtige Brite ein Highlight des Ganzen. „Alle tun so, als würden sie etwas tun, aber sie tun es nicht“, ist der Fazitsatz der Uraufführung. Für die Gruber auch diesmal minimalistische Bewegungschoreographien erdacht hat, angedeutete Tanzschritte, unterstützt durch ein Spiel mit Autoreifen, das die insistierende Wiederholung von Phrasen und Behauptungen begleitet. „Wie geht es weiter“ ist nach den Worten Martin Grubers „der Versuch, eine Gesellschaft zwischen Saturiertheit und Prekariat zu skizzieren, deren Leidensdruck noch zu gering ist, um gegen gefährlich infantilen Rechtspopulismus und Nationalismus aufzubegehren“. Im Gespräch mit mottingers-meinung.at fordert er den „Mut, ein Drittes zu denken“: „Nicht Ideologien, sondern Haltung wird uns weiterbringen“ (das ganze Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=30322).

Reifenchoreografie mit Noisettegeschmack: Thomas Kolle, Andreas Jähnert, Fabian Schiffkorn, Maria Fliri, Michaela Bilgeri und Benjamin Vanyek. Bild: Gerhard Breitwieser

In diese Atmosphäre versetzt Gruber mit der eindrücklichsten Szene des Abends, Stichwort: heißes Eisen Immobilienmarkt. Während also Maria Fliri als Hausbesitzerin über das Unbill eines solchen jammert, ihr Scheitern an unbeschädigt weißen Sockelleisten eine einzige linksliberale Wohlstandsverirrung, versucht Benjamin Vanyek seiner Delogierung dadurch zu entrinnen, dass er ihr den Mietvertrag für eine ihrer leerstehenden Wohnungen abschwatzt. Vergebens.

Da wandelt sich der Akteur in einer Erinnerungssequenz in seine Mutter und anverwandelt sich deren breites Wienerisch. Auch sie war in der Situation, und es folgt ein Wutausbruch auf dem Wohnungsamt: „Waun Sie mi mit meine vier Kinda aussehaun, daun …“ Übers eigene Prosperitätstrauma und das „Wie geht es weiter“ lässt sich hernach bei einem Glas Wein trefflich philosophieren. Im Sinne von: sich mit Gott und der Welt, aber nicht mit wirklich Wichtigem beschäftigen. Weil sich die Bilder gleichen.

aktionstheater.at           werk-x.at

  1. 6. 2019