Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

Lentos Kunstmuseum: Lassnig – Rainer. Das Frühwerk

Februar 1, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Werden zweier großer Künstlerpersönlichkeiten

Ein Leben lang verbunden: Maria Lassnig und Arnulf Rainer während einer Ausstellungseröffnung in Wien, 1999. Bild: Heimo Rosanelli

Maria Lassnig und Arnulf Rainer zählen zu den erfolgreichsten Künstlern Österreichs. Lassnig würde heuer ihr 100. Lebensjahr begehen, Rainer feiert im Dezember seinen 90. Geburtstag. Die beiden lernten einander 1948 in Klagenfurt kennen. Ihre gemeinsam verbrachten Jahre prägten ihr künstlerisches Werk grundlegend. Die Ausstellung „Lassnig – Rainer. Das Frühwerk“ im Lentos Kunstmuseum Linz zeigt ab 1. Februar etwa 120 Werke aus den Jahren von 1948 bis 1960.

In dieser Zeit werden die Weichen für das Kunstschaffen von Maria Lassnig und Arnulf Rainer gestellt. Die verschiedenen Stilrichtungen, die sie in kurzer Zeit durchliefen, lassen sich grob mit den Begriffen Surrealismus, Informel und geometrische Abstraktion umreißen. 1945 flüchtet Arnulf Rainer vor den russischen Besatzungssoldaten aus Baden auf einem Fahrrad nach Kärnten zu Verwandten. Im Jahr 1947 besucht er eine Ausstellung in Klagenfurt, in der er Lassnigs heftig diskutiertes Gemälde „Akt Guttenbrunner“ sieht. Im April 1948 kommt es zu einem ersten Treffen mit Lassnig in ihrem Atelier in Klagenfurt. Der Beginn einer Beziehung mit der ein intensiver künstlerischer und intellektueller Austausch verbunden war . Maria Lassnig hatte, als sie Arnulf Rainer kennenlernte, bereits ihr Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste absolviert. Ihr Atelier am Heiligengeistplatz war Treffpunkt von Künstlern und Literaten wie Arnold Clementschitsch, Michael Guttenbrunner, Max Hölzer oder Arnold Wande.

Maria Lassnig: Porträt Arnulf Rainer, 1948-1949. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Selbstbildnis in den Februartagen, 1948. Courtesy Landessammlungen Niederösterreich, Bild: Christoph Fuchs, © Atelier Arnulf Rainer

In ihren frühen Zeichnungen suchte Lassnig bereits nach einer Möglichkeit, die Wahrnehmungen ihres Körpers unmittelbar darzustellen. Sie erachtete ihn als eine Realität, die mehr in ihrem Besitz war als ihre Außenwelt. Ab 1947 entstanden erste „Körpergefühlszeichnungen“, die sie „Introspektive Erlebnisse“ nannte. Arnulf Rainer arbeitete in den späten 1940er-Jahren an surrealistischen Porträts und Unterwasserszenarien. 1950 kam es zur Gründung eines Künstlerkollektivs, der sogenannten „Hundgruppe“. Sie zählte neben Lassnig und Rainer Arik Brauer, Ernst Fuchs, Wolfgang Kudrnofsky, Peppino Wieternik, Anton Krejcar und Maria Luise Löblich als Mitglieder. Die beteiligten Künstler und Künstlerinnen fanden den Art Club und seine kleinbürgerliche Bohemien-Szene als zu traditionell. Die Eröffnung ihrer einzigen Ausstellung im März 1951 wurde zum Skandal, da Arnulf Rainer das Publikum beschimpfte. Mit diesem provokanten Auftritt nahm er den Wiener Aktionismus vorweg.

Mit Lichtpausen von surrealistischen Zeichnungen reisen Lassnig undRainer 1951 nach Paris. Sie treffen sich unter anderem mit dem Kopf der Surrealistengruppe André Breton und mit dem Schriftsteller Paul Celan. In Paris konnten sie mehr über automatistische Bildtechniken erfahren. Maria Lassnig war in Paris vor allem von Yves Tanguys „Knochenmonumenten“ beeindruckt. Arnulf Rainer lernte über Paul Celan die für sein künstlerisches Schaffen bedeutsame „Lehre vom Zerfall“ von E. M. Cioran kennen. Während einer weiteren Parisreise entdeckten sie die Ausstellung „Véhémences confrontées“ in der Galerie La Dragonne. Die dort ausgestellten Kunstwerke von Jackson Pollock, Willem de Kooning, Jean-Paul Riopelle, Georges Mathieu, Sam Francis, Mark Tobey, Camille Bryen und Hans Hartung waren bereits der abstrakt-informellen Kunstrichtung zuzuordnen und beeindruckten Lassnig und Rainer nachhaltig.

Nach Paris arbeitete Lassnig an informellen Monotypien und nannte ihre Werke „Amorphe Automatik“, „Meditationen“ und „Stumme Formen“. Rainer malte zunächst abstrakte Gemälde, die er „Mikrostrukturen“ und „Atomisationen“ nannte. Sein theoretischer Text „Malerei, um die Malerei zu verlassen“ beschreibt einen Weg der permanenten Reduktion, eine radikale Loslösung von überkommenen Traditionen. Daraus resultieren seine „Blindzeichnungen“, „Zentralisationen“, „Vertikalgestaltungen“ und „Auslöschungen“. Ab 1954 entstandene Überzeichnungen und Übermalungen waren eine Folge davon. Rainer und Lassnig kuratierten 1951 eine Ausstellung im Künstlerhaus Klagenfurt. In einem Manifest zu dieser Ausstellung fordert Lassnig: „Fort mit den ästhetischen Farbassoziationen“ und „Freiheit, die sich der Mensch, der Künstler wählt“. An dieser Ausstellung nehmen auch Friedrich Aduatz, Wolfgang Hollegha, Johanna Schidlo, Johann Fruhmann und Hans Bischoffshausen teil.

Maria Lassnig: Guttenbrunner als Akt / Aktstudie M. G., 1946. © Maria Lassnig Stiftung

Arnulf Rainer: Rainer – Lassnig – Übermalung, (Fotografien: 1949, Übermalung: ca. 2004). © Atelier Arnulf Rainer

In den folgenden Jahren gestalten Lassnig und Rainer „Flächenteilungen“ und „Proportionen“. Darin loten beide Künstler die Möglichkeiten geometrischer Kompositionen aus. Arnulf Rainer lernt in dieser Zeit den Wiener Domprediger Otto Mauer kennen, der seine Kunst ab 1955 in seiner Galerie St. Stephan, später nächst St. Stephan, unterstützt. Angeregt durch Bildhauer Fritz Wotruba, kehrt Maria Lassnig schrittweise zur Figuration zurück.

Aus ihren Körpergefühlsaquarellen entwickelt Lassnig nach und nach tachistische Körpergefühlsbilder. Für Lassnig sind die Wiener Jahre  schwierige Jahre, in denen sie besonders unter fehlender gesellschaftlicher Anerkennung leidet – erst 1960 wird sie ihre erste Einzelausstellung bei Otto Mauer erhalten. Rainer verlässt 1953 Wien und zieht nach Gainfarn bei Bad Vöslau. Damit ist das Ende des intensiven Austauschs mit Maria Lassnig vorgezeichnet. Lassnigs nächstes großes Abenteuer ist ihre Übersiedlung nach Paris, wo sie von 1961 bis 1968 lebt.

Von Arnulf Rainer gab es stets Bestrebungen gemeinsam auszustellen: „Ich habe Maria in den letzten Jahren nur noch gelegentlich gesehen. Ich bin zu ihren Ausstellungseröffnungen gegangen. Ich habe sie auch eingeladen, mit mir im Badener Rainer Museum auszustellen … Es hat leider nicht mehr geklappt.“

www.lentos.at

1. 2. 2019

Werk X-Petersplatz: Carrying A Gun

Januar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikales Gedicht mit rabiaten E-Gitarren

Sound trifft Sprache: Eva Lakits, Katharina Weinkamer, Julia Gradl, Chili Tomasson, im Hintergrund: Tim Luger und Luk Kofler. Bild: © Alexander Gotter

Die Beschwerde gleich zu Beginn: Die Performance der Band kommt zu kurz. Viel länger noch, als es der 60-minütige Abend hergibt, hätte man Chili Tomasson and the Cinema Electric zuhören wollen, versteht es die Post-Prog-Formation doch auch diesmal mit ihren zwischen wuchtigem Gitarrensound und filigran lyrischem Zwischenspiel changierenden Tonstücken zu begeistern. Die Kompositionen sind wie stets anspruchsvoll, die Arrangements aufs Feinste durchdacht.

Die Musik ist für sich schon ein großes Ganzes. Doch weil eben Lyrik ein dominantes Element ihrer Auftritte ist, hat Chili Tomasson seine Klang-Art um drei Sprechpositionen erweitert. „Carrying A Gun“ heißt die so entstandene Aufführung, die im Werk X-Petersplatz ihre Wien-Premiere hatte. Clara Schulze-Wegener, Eva Lakits und Maria Sendlhofer teilen unter sich ein Gedicht, besser: eine in ihrer Radikalität bemerkenswerte Gedankenfolge, die um die Definitionsmacht Sprache und das Wort als Waffe kreist. Aus Sicht der Sprecherinnen werden patriarchale Gesellschaftsstrukturen und tradierte Normen auf ihre Ungültigkeit untersucht, wird der Wille zum Widerstand gegen diese verhandelt. Und weil jede Frage die Antwort auf sie einschränkt, oder so, wie Meinung keine Haltung und Ungleichheit nicht gleich Unterschiedlichkeit ist, geben sich die drei nie mit nur einer Lösung zufrieden.

Julia Gradl, Chili Tomasson, Katharina Weinkamer und Tim Luger. Bild: © Alexander Gotter

Maria Sendlhofer ist eine der drei Sprecherinnen. Bild: © Alexander Gotter

Während derart Begrifflichkeiten überprüft werden (etwa: im Vergleich Macht vs Ohnmacht, ist zweitere die deutlich präzisere Benennung), entfaltet der Sound von Chili Tomasson and the Cinema Electric einen suggestiven Sog. Der in seiner Wirkung an Queensrÿche’s „Operation: Mindcrime“ heranreicht. Rabiate, eindringliche Riffs, ein Schlagzeug, das die Band gekonnt vor sich hertreibt, eine elektrische Orgel bestreitet das Poetische – und über allem schwebt die Stimme eines Saxophons. Wie gesagt, 60 Minuten sind …

werk-x.at          chilitomasson.wixsite.com/chili-tomasson

  1. 1. 2019

Kammerspiele: Ladykillers

Januar 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mörderisch ist nur die Langeweile

André Pohl und Marianne Nentwich. Bild: Erich Reismann

Natürlich erklingt das Menuett von Boccherini, ist das Musikstück doch durch die „Ladykillers“ Alec Guinness, Herbert Lom und Peter Sellers zum Welthit geworden. Das ist aber auch schon alles, was der Filmklassiker und die nun an den Kammerspielen der Josefstadt zu sehende Theaterfassung miteinander gemein haben. Denn nicht nur die Textbearbeiterinnen Elke Körver und Maria Caleita, auch Regisseur Cesare Lievi hat der Kriminalkomödie, dieser Perle des britischen Black Humor, schweren Schaden zugefügt.

Weder zündet hier irgendein Wortwitz, noch stimmen Tempo und Timing, das Fehlen dieser drei steht jedoch gleichbedeutend für den Tod des Boulevards, und so ist das einzig Mörderische an dieser Inszenierung die Langeweile, die ganze Aufführung beinah so blutleer wie eine Leiche. Dabei böte die Groteske um ein Grüppchen sich als Streicherensemble ausgebender Gangster ausreichend Raum für die Art makaberen Jux, für absurde Situationskomik und verbale Missverständnisse, versehen mit jenem wohldosierten Schuss Spleen, den man an den Engländern so schätzt.

Nun ist es nicht so, dass sich die Schauspieler, allesamt erste Kräfte des Hauses, nicht um ihre Figuren bemühten. Marianne Nentwich ringt darum, ihre Mrs. Wilberforce mit Leben zu füllen, doch bleibt die schrullige Vermieterin, die sich als weniger weltfremd und verwirrt denn angenommen entpuppen wird, in Lievis arg konservativer Sichtweise eine mit Spitzenkragen bewehrte Schablone. Nicht besser ergeht es der auf Stereotype reduzierten Verbrechertruppe, deren Darsteller ihre Rolle auf jeweils einen Wesenszug – exzentrisch bis einfältig bis leicht erregbar – beschränkt spielen müssen.

André Pohl hat als Professor Marcus von Anfang an den Irrsinn im Blick, Siegfried Walther ist der nervös-magenleidende Major Courtney, Martin Zauner der joviale Harry Robinson, Wojo van Brouwer gibt das gutmütig-dämliche Riesenbaby One-Round und Markus Kofler, den Geigenkasten unterm Arm, als wäre er unterwegs zum Valentinstag-Massaker, den sinistren Louis Harvey. Was das Quintett plant, ist nicht weniger als ein Raubüberfall auf einen Geldtransporter, doch offenbart sich die Straftat der Mrs. Wilberforce, und im Bestreben die Alte loszuwerden, eliminieren sich die Komplizen gegenseitig. Der Güterzug nach Liverpool hilft dabei wesentlich mit.

Statt der Geigen spielt ein Grammophon: Siegfried Walther, Martin Zauner, Wojo van Brouwer und André Pohl. Bild: Erich Reismann

Marianne Nentwich, Siegfried Walther, Martin Zauner, Markus Kofler und Wojo van Brouwer. Bild: Erich Reismann

Lievi, der zuletzt an den Kammerspielen mit „Der Garderober“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28855) so viel Freude bereitete, sitzt diesmal dem Irrtum auf, man könne das Bissig-Böse von Originalautor William Roses Pointen mit derart viel Bedacht angehen – dass es letztlich gar nichts mehr zu lachen gibt. Die fehlende Dynamik des Abends ist nicht einmal mehr als Slow-Burn zu rechtfertigen, das Vintagebordüren-Bühnenbild von Maurizio Balò verstärkt die Anmutung von altbacken noch.

Nur selten gelingt ein Ausbruch. Etwa, wenn Siegfried Walther in einer Szene tänzelnd seinen Hang zu Mrs. Wilberforces Abendgarderobe auslebt. Wenn sich auf Martin Zauners Gesicht ob deren ins Haus einfallender Freundinnen die Panik spiegelt. Die Damen freuen sich auf einen Musikgenuss, und so knarzen und sägen die Schurken eine Kakophonie vom Feinsten. Schließlich zum Schluss, wenn André Pohl sein gescheitertes Genie mit einer gerüttelten Dosis Verfolgungswahn versieht.

Der knapp bemessene Applaus am Ende war gerade mal für drei Verbeugungsrunden gut, nur eine davon absolvierte das Leading Team.

Auch von daher muss „Ladykillers“, so kurz nach Herbert Föttingers formidablen, im Februar wieder zu sehenden „Acht Frauen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30371) als vergebene Chance verbucht werden, was umso mehr schmerzt, als man sich eigentlich potenzielle Paraderollen für alle Beteiligten erwartet hätte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=GDOOfwkbz50

www.josefstadt.org

  1. 1. 2019

Vestibül des Burgtheaters: Beben

Januar 26, 2019 in Bühne

MICHAELA MOTTINGER

Die virtuelle Wahrnehmung von Wirklichkeit

Die Spieler und der Mann von Ulro: Marta Kizyma, Martin Vischer, Daniel Jesch und Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die beiden gläsernen, in kaltem Licht leuchtenden Vitrinen erinnern an Museumsschaukästen. Eine Bühnenlösung von Thurid Peine, die fürs Vestibül des Burgtheaters in ihrer Schlichtheit nicht nur eine praktikable ist, sondern auch präzise veranschaulicht, was Regisseurin Anna Stiepani mit ihrer Inszenierung von Maria Milisavljevics Stimm- gewitterstück „Beben“ zeigen will: Ein Rühr‘-mich-nicht-an von Menschen, die sich selber hinter Scheiben weg- geschlossen haben.

Die Realität gegen reality tauschten – deutlich gemacht durch eine der Figuren, die kaum am Handeln der anderen teilnehmen kann, weil beim Gamen der nächste Level noch nicht erreicht wurde. Doch ganz so erklärlich macht es einem Milisavljevic, die mit ihrem dystopischen Text 2016 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, denn auch wieder nicht. Nie nämlich ist völlig klar, ob die von ihr beschriebene Wahrnehmung von Wirklichkeit eine virtuelle oder eine physische betrifft. Ihre Geschöpfe, sie gibt sie an als „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind“, Stiepani hat sich für vier entschieden, stolpern durch einen medialen wie Social-Media-Overkill aus Katastrophenmeldungen und Kriegsberichten. Doch wie fern oder nah ist dieser Displaykosmos tatsächlich? Geschieht Gewalt vielleicht gleich draußen vor der Tür?

Gekleidet in Schwarz lassen die Schauspieler Daniel Jesch, Marta Kizyma, Valentin Postlmayr und Martin Vischer die von der Dramatikerin heraufbeschworene Apokalypse dröhnen, und die lässt wortwörtlich „Trompeten der Endzeit“ ertönen. Ihre von Stiepani auf die Darsteller aufgeteilte Sprechblasensprache, die Halbsätze sind eine assoziative Aneinanderreihung zum Thema Reizüberflutung durch allgegenwärtige Informationssintflut, kontrastiert Poesie und Banalität und Pathos, ist witzig und kitschig und zum Schluss sehr berührend. Und als sei’s damit nicht genug, zieht Milisavljevic eine Metaebene ein, einen aus William Blakes „The Book of Los“ entliehenen an der Kante von Ulro sitzenden Mann.

Eine sinistre Erscheinung in Gestalt von Daniel Jesch, der übers Gesagte schadenfroh spottet, kommentiert und manipuliert, da er mutmaßlich versucht, die Geschehnisse mittels deren Eskalation unter seine Kontrolle zu bringen. In Blakes mystisch-prophetischem Buch, in dem sein Protagonist Los im biblischen Sinn gefallene Wesen betrachtet, steht Ulro für eine Art Geisteswüste, für jene Dunkelheit, die sich Bahn bricht, wenn die (göttliche) Vision erloschen ist. Dies wissend öffnet sich ein neuer Blick auf Milisavljevics enigmatische, oft hermetisch anmutende Zeilen, wird die von ihr heraufbeschworene Gefährdung ihrer Smartphone-Daddler greifbar.

Valentin Postlmayr. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Marta Kizyma und Martin Vischer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Deren Fluchtmanöver Richtung Onlineebene, es fällt der Satz „Er dachte, sein Sofa sei nicht Teil dieser Welt“, gelingen immer weniger, je mehr der Ulro-Mann seine Armeen in Stellung bringt. Da kann man noch so viele Lebenspunkte und Diamantschwerter gesammelt oder Selfies mit einer toten und darob von ihrem Kater angefressenen Nachbarin geschossen haben. Denn allmählich zeichnet sich im ständigen Wechsel der Perspektiven so etwas wie ein Erzählstrang ab, über einen Bewaffneten, der einen Buben erschießt, weil der ihm zu nahe kommt, ein Kind, das ein Buch für die Mutter so unter dem Shirt versteckte, dass es auf den Soldaten bedrohlich wirkte, eine Bombe hätte sein können.

Wie nun Stiepani Milisavljevics stimmiges Bild einer grundlos amüsierten bis sinnlos alarmierten, in beidem aber stets passiven Beobachtungsgesellschaft, in das die Regisseurin auch Zitate einer Kurz gedachten Tagespolitik verwoben hat, zu einer Geschichte über Schuld und Sühne und den Versuch eines Verzeihens dreht, das ist die Stelle, an der „Beben“ erschüttert. Vor allem Marta Kizymas Monolog der Mutter darüber, wie sie die erkaltete Stirn ihres Sohnes küsst und in seine toten Augen „all ihr Sein“ fließen lässt. Ob der Ego-Shooter am Ende zu Fleisch und Blut geworden ist, darf das Publikum unter sich ausmachen. Milisavljevic lässt mit ihrer wuchtigen Arbeit wie Stiepani mit ihrer nicht minder massiven Aufführung dem Spiel Raum für Interpretationen. Der Mann an der Kante von Ulro jedenfalls wird durch einen Bruderkuss besänftigt. Seltsam auf dem Nachhauseweg auf dem eigenen Handy nachzulesen, wie einander Erdoğan und Putin treffen.

www.burgtheater.at

  1. 1. 2019