Maria Haas: Matriarchinnen / Matriarchs

Januar 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gesichter und Geschichten von Frauen

„Wir werden von den Familien in ihre Clanhäuser eingeladen, die rund um den See kleine Dörfer bilden. In den großen Innenhöfen wird gearbeitet, gespielt und die Ernte aufgetürmt – jeder folgt einer unsichtbaren Ordnung, die unsere Anwesenheit nicht zu stören scheint. Oberhaupt des Clans ist die Großmutter – Ah mi genannt, um die sich alle Kinder und Enkelkinder scharen. Die Ah mi erhält und verwaltet sämtliche Einkünfte des Clans und ihr gehört das gesamte Anwesen samt Land – ein Besitz, den sie an ihre Töchter weitergibt, wenn sie die Zeit dafür reif findet.“

So schildert die Klosterneuburgerin Maria Haas ihre Begegnung mit den Mosuo, einem matriarchal geführten Volk in China, das die Fotografin auf ihren Reisen für den Bildprachtband „Matriarchinnen / Matriarchs“ besuchte. „Mir ist bei dieser Reise eine Härte und Kargkeit begegnet, die in unserer westlichen Wohlfühlwelt kaum vorstellbar ist. Aber auch Herzlichkeit und besondere Gastfreund- schaft sowie ein unbändiger Wunsch nach Freiheit“, sagt Haas.

Und weiter: “Ich interessiere mich sehr für einzigartige Menschen, Kulturen und Gesellschaftsformen. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es noch ein paar wenige mit matriarchalen Strukturen gibt. Fasziniert von diesem Thema beschloss ich, sie kennen zu lernen und zu dokumentieren. Die letzten drei Jahre bereiste ich China, Indien, Indonesien und West Afrika. Ich fotografierte unterschiedlichste Völker wie die Mosuo, Bijagos, Minangkabou, Khasi, Garo und Jaintia.“ Zu den ausdrucksstarken Gesichtern erzählt Maria Haas sagenhafte Geschichten. Über Feminismus und Emanzipation in Regionen der Welt, wo man diese Begriffe gar nicht kennt.

„Matriarchale Gesellschaften sind egalitär und zeichnen sich durch nicht-hierarchische Sozialstrukturen aus. Ihre wirtschaftlichen Werte basieren auf Ausgleich und Solidarität, private sowie politische Entscheidungen werden stets im Konsens getroffen. Somit ist das Matriarchat alles andere als die bloße Umkehr des Patriarchats“, erklärt Haas im Buch. „Die Matriarchin ist Oberhaupt der Sippe und Verwalterin des Sippenbesitzes. Die Matriarchin gibt Anweisungen und ist Ratgeberin. Sie genießt natürliche Autorität statt Befehlsmacht und sieht ihren Einfluss als Verpflichtung zum Wohlergehen des Clans.“

Kind und Karriere zu vereinbaren, ist im Gegensatz zum westlichen Kleinfamilienmodell im Clan kein Problem – wobei den Onkeln, also den Brüdern der Frauen, mehr von einer Vaterrolle zukommt, als den leiblichen Vätern. “Bei uns gibt es keine Heirat – wir leben sogenannte ,Besuchsehen‘. Unsere Männer besuchen uns die Nacht über und kehren früh morgens in die Häuser ihrer Mütter zurück“, sagen die Mosuo-Frauen.

Drei Generationen Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Bei den Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Frauen des Jaintia-Reiches. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Mädchen der Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Die Minangkabau in West-Sumatra, Indoniesien, sind mit mehr als drei Millionen Menschen die größte matrilineare Ethnie auf Erden – und auch eine der spannendsten, da sie doch mühelos Koran und Matriarchat verbinden. „Der Islam stieg von den Küsten auf, während Adat [so die Bezeichnung der traditionellen Regeln, Anm.] von den Bergen herunterstieg“, sagen sie. „Auch als Muslima haben wir Frauen der Minangkabau eine starke Rolle inne, denn für uns zählt die Kultur weit mehr als die Religion.“ Wie lange noch, ist allerdings fraglich: der Einfluss des modernen Lebens in den Städten unterhöhlt die Kultur der Minangkabau.

Von den Mentawai, den letzten Ureinwohnern Indonesiens, und den Bijagos in Guinea Bissau, die zwischen Animismus und Christentum, Frauenrat und Dorf-Monarchie leben, und bei denen die Frauen für die Rituale, Zeremonien, Feiern und auch Begräbnisse zuständig sind – „denn nur Frauen haben die Fähigkeit, den verstorbenen Seelen den Weg in den Himmel zu zeigen“, geht es zu den Khasi, Garo und Jaintia in Indien. Die Jaintia im Osten und Nordosten Meghalayas, die die weitgereiste Gruppe um Maria Haas „freundlich, aber ein wenig reservierter empfangen. Seit Jahrhunderten leben sie vom Bergbau und erlangten dadurch etwas größeren Wohlstand, der in gemauerte und bunt getünchte Häuser und geordnete Wege investiert wurde.“

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die Region, das einstige Königreich Jaintia, über dessen Aufstieg und Fall in der Mahābhārata, dem wichtigsten Sanskrit-Epos, berichtet wird. Auch sollen die Jaintia ihren Namen vom Schrein der Jayanti Devi oder Jainteswari, einer Inkarnation der Göttin Durga, ableiten, der Allmutter und weiblichen Urkraft, die in ihrer zornigen Manifestation als Kali auftritt – und der angeblich das letzte Mal im anglo-birmanischen Krieg 1832 drei Briten geopfert worden sind …

Kämpferisch sind auch die Mannfrauen in Albanien. „Schon im 19. Jahrhundert haben Reisende von den Burrneshas berichtet, denen sie im Norden des Landes begegneten“, ist in Maria Haas‘ Buch nachzulesen. „Frauen, die ihre weibliche Identität niederlegen, um wie Männer zu leben. Mit dem historisch tradierten Rollentausch stehen ihnen die Rechte der Männer zu und innerhalb der strikt patriarchalen Gesellschaft wird den Mannfrauen eine respektvolle Sonderstellung zuteil. Dieser Schritt in die Freiheit hat seinen Preis – Burrneshas leben zölibatär, ohne Heirat und Kinder.“

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Minangkabau. Bild: © Maria Haas /Kerber Verlag

Wer nicht heiraten möchte – weil etwa häusliche Gewalt gegenüber Frauen als Recht des Ehemannes geduldet wird – hat keine andere Wahl. Denn als Frau unverheiratet zu bleiben, gilt in den archaischen Clanstrukturen als Entehrung der Familie. Mancherorts spielen auch äußere Umstände mit – wenn der Vater oder ein männlicher Nachfolger fehlen, kann nur eine Burrnesha die Position des Familienoberhaupts einnehmen. Einzigartig in ganz Europa wird ihnen offiziell ein hoher sozialer Status zugeschrieben.

„Niemand traute sich, eine Hochzeit für mich zu arrangieren. Mein Vater hat meiner Mutter befohlen, mich so sein zu lassen wie ich sein wollte – ein Junge“, sagt Hajdar, mit ihren 90 Jahren die älteste Burrnesha, die Haas aufsucht: „Stolz und breitbeinig sitzt sie in der weißen Männertracht vor uns. Von all unseren Gesprächspartnerinnen pflegt sie die alten patriarchalen Sitten am stärksten. In ihrem Haus gibt es heute noch das Herrenzimmer, in dem sich die Männer treffen und Frauen keinen Zutritt haben, um den Raum nicht zu entweihen. Auch das Essen dürfen sie nur bis zur Schwelle tragen – ein Abbild der tradierten wie antiquierten Geschlechter­verhältnisse.“

Welch ein Unterschied zu beispielsweise den Mentawai, bei denen Haas „die Achtsamkeit, mit der die Mentawai allen Wesen begegnen“ beobachtet, den lebenden, wie den verstorbenen, selbst tote Tiere werden mit Respekt beerdigt. „Das hat mich besonders berührt.“  Solcherart führt einen die Fotografin durch eine Welt der Frauen, von denen „vor allem die alten mit ihrer vom Leben gezeichneten Schönheit und Aura stolz und ohne Scheu in die Kamera blickten, während die jüngeren kicherten und verlegen waren.“ Zum Bildprachtband und zum Abschluss passt ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: Wenn eine Frau sagt „Jeder“, meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt „Jeder“, meint er: Jeder Mann.

Kerber Verlag, Maria Haas: „Matriarchinnen / Matriarchs“, Bildprachtband mit 116 farbigen Abbildungen, 164 Seiten. Mit Texten von Maria Haas, Brigitte Krizsanits und Christina Schlatter.

www.kerberverlag.com           mariahaas.at

  1. 1. 2021

Buch und DVD: Maria Lassnig. Das filmische Werk

Januar 26, 2021 in Buch, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die „Films in progress“ in ihrer Gesamtheit publiziert

Maria Lassnig gilt international als eine der wichtigsten Malerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Leitmotiv ihrer Malerei, das Sichtbarmachen ihres Körperbewusstseins / „Body Awareness“, fand in den 1970er-Jahren in New York auch filmischen Ausdruck. Und welch einen! Beeinflusst von Malerei, aber auch dem US-amerikanischen Experimentalfilm, der feministischen Bewegung, dem Animationsfilm sowie ihrer neuen Heimatstadt New York schuf Lassnig in einigen wenigen Jahren einen beachtlichen Korpus an radikal eigenständigen Kurzfilmen.

Während einige dieser Arbeiten zum Lassnig-Kanon zählen, blieben viele Filmwerke dieser Schaffensphase unvollendet und unveröffentlicht. Ihre „Films in Progress“, zugleich autobiografische Notiz und gestalterisches Experiment, in denen sich viele Sujets und Techniken aus ihrem Werk wiederfinden, wurden von zwei engen Vertrauten – Mara Mattuschka und Hans Werner Poschauko – aufgearbeitet und im Sinne ihres ursprünglichen Konzeptes sowie Lassnigs Aufzeichnungen folgend fertiggestellt.

Der neue Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen stellt Maria Lassnigs filmisches Werk in den Mittelpunkt und bietet anhand von Essays, dem ersten umfassenden Verzeichnis von Lassnigs filmischer Arbeit und einer großen Auswahl ihrer eigenen, bisher unveröffentlichten Notizen Einblick in die Ideenwelt der Filmemacherin. „Im Mai 1979 zeigte das Österreichische Filmmuseum – zum ersten und für vier Jahrzehnte auch zum letzten Mal – ein Programm mit Maria Lassnigs ,Zeichentrickfilmen'“, so das Herausgeber-Quartett Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch und Hans Werner Poschauko.

„Ins ,Unsichtbare Kino‘ hatte sie es über einen Umweg geschafft: Das internationale Forum des jungen Films zeigte während der Berlinale diese sieben Filme, damals gehörten insgesamt neun zum bekannten filmischen Gesamtwerk, und danach eben auch in Wien. Dieser Umstand ist bezeichnend für die geringe Aufmerksamkeit, die Lassnigs in den 1970ern in New York entstandenem filmischen Œuvre zu Lebzeiten über weite Strecken zukam – selbst nachdem sie sich als Malerin ab den 1980ern weltweit etablieren konnte.“

Woran das gelegen sein konnte, ließe sich vielleicht dahingehend interpretieren, dass Lassnig die Neigunghatte, sich selbst regelmäßig radikal neu zu positionieren und damit zugleich eine Auseinandersetzung mit spezifischen Formen, Farben oder Ausdrucksmitteln für sich als erledigt zu betrachten. Mit Ende ihrer New Yorker Werkphase vollzieht sie nicht nur einen Schwenk weg vom Animations-/Film als wichtigem Ausdrucks-und Gestaltungsmedium, sie lässt auch die mannigfaltigen Lebens-und Arbeitskontexte dieser Zeit, von der Kulturarbeit im Kollektiv bis zum politischen Feminismus, hinter sich.

Nitsch,1972, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Bärbl. 1974/79, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig in Stone Lifting. A Self Portrait in Progress. 1971–75, Maria Lassnig. © Maria Lassnig Stiftung

So landeten die Filme, bis auf eine Rolle der „kanonischen“, das heißt zu Lebzeiten regulär vertriebenen und seit den 2000ern auch wieder vermehrt rezipierten Werke, buchstäblich auf dem Dachboden. Wie es nun zur Publikation kam, und was diese für Lassnigs Neubewertung als Filmkünstlerin bedeutet, wird in „Maria Lassnig. Das filmische Werk“ erstmals umfassend dokumentiert.

„Nebst biografischen Aspekten führten auch andere Faktoren dazu, dass Lassnigs Filmschaffen vor allem in Österreich wenig beachtet blieb“, so die Herausgeber. „Als Emigrantin und Remigrantin war sie beinahe zwei Jahrzehnte lang nicht Teil der Wiener Kulturszene. Als Filmemacherin war sie beinahe ausschließlich in den USA tätig. Und auch dort fand ihre Arbeit abseits der in Österreich stark rezipierten Bewegung des ,New American Cinema‘ und des ,structural film‘ statt; hinzu kommen eine systematische Geringschätzung weiblicher Filmschaffender und die noch bis in die 1990er-Jahre stiefmütterliche Behandlung des Animationsfilms.“

Lassnigs Arbeit ist, wie die hier nachzulesenden Essays von James Boaden und Stefanie Proksch-Weilguni, die Film- und Projektbeschreibungen von Beatrice von Bormann, Jocelyn Miller und Isabella Reicher erklären, nicht bloße „Malerei in der Zeit“. „Sie arrangiert komplexe Doppelbelichtungen in der Kamera, benutzt die optische Bank, und reichert ihre Bilderwelten mit Tonspuren an, die von Voiceover-Erzählung über elektronische Klangerzeugung bis zu Tonbandexperimenten reichen. Damit durchbricht sie als Frau, als eine Fremde sowohl in der Filmszene als auch im Amerika der 1970er-Jahre bestehende Kategorien und Zuordnungen.“

Maria Lassnig, New York, ca. 1969. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Women/Artist/Filmmakers, Inc., Maria Lassnig v. li.,  1976. © Bob Parent. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung

Maria Lassnig, 1974. Bild: Archiv Maria Lassnig Stiftung. © Österreichisches Filmmuseum

Ihr Werk reflektiert ihre Auseinandersetzung mit dem Medium, seiner Geschichte und seinen Erzähltechniken, vom Hollywoodkino über den unabhängigen US-Film zum Animationsfilm und bis hin zum Fernsehen. Und auch ästhetisch verweigert Lassnig jedwede Orthodoxie. Ähnlich wie in Zeichnung und Malerei, macht sie sich eine Vielzahl an gestalterischen Techniken zu eigen und exerziert sie durch: vom „handpainted film“ zum Legetrick, von der Studioaufnahme zur dokumentarischen Handkameraführung. Die Kooperation mit der Maria Lassnig Stiftung ermöglichte es dem Österreichischen Filmmuseum, erstmals das bildnerische Werk Lassnigs, ihre Skizzen und Notizen zum Film und die filmische Arbeit einander gegenüberzustellen.

FilmmuseumSynemaPublikationen, Eszter Kondor, Michael Loebenstein, Peter Pakesch, Hans Werner Poschauko (Hg.): „Maria Lassnig. Das filmische Werk“, mit kommentiertem Bildteil und einer DVD, einer Auswahl der „Films in progress“, in Zusammenarbeit mit INDEX-Edition, 192 Seiten. Dieser Band erscheint auch in englischer Sprache.

www.filmmuseum.at           www.marialassnig.org

26. 1. 2021

Schauspielhaus Wien Stream: Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit

Dezember 16, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Lydia Haiders Blutrauschroman als Splattermovie

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Sie geht über den weiten Heldenplatz, stracks auf die Hofburg zu. Nebel steigt auf von der Erde und feuchtet bereits das Land. Die Kälte kriecht wie ein Ungeziefer umher überall, in die Schuhe, unter die Gewänder, so dass es ein Frösteln ist. „Sag: Wer hat es so kalt gemacht?“ Angesichts der vorweihnachtlichen Schande Europas ist Lydia Haiders und Co-Autorin Esther Straganz‘

Frage aus ihrem im Jänner 2019 veröffentlichten Buch „Am Ball“ hochaktuell. Fürs Schauspielhaus Wien haben nun Regisseurin Evy Schubert und Kameramann Patrick Wally aus dem Blutrauschroman ein Splattermovie gemacht, Zusatztitel: „Wider erbliche Schwachsinnigkeit“, die geplante Theaterpremiere folgt, sobald erlaubt. Schauspielerin Clara Liepsch ist es, die mitten auf dem Akademikerball eines nicht enden wollenden Sterbens ansichtig wird, und ein Schelm, eine Schelmin, wer da ans C-Wort denkt, denn tatsächlich ist der kommende für den 29. Jänner 2021 ausgerufen.

Im Nebelrabencape, ein gefiedertes, fast mythologisches Hugin-und-Munin-Wesen, Gedanke und Erinnerung, das jetzt, jetzt sofort fliegen wird, streift Liepsch umher. Zwischen halbierten, teilamputierten Schaufensterpuppen, die Nackten – und die Untoten, die derweil wie der Teufel an die Wand geworfen werden; Bühne und Kostüme sind von Maria Strauch. „Unruhige Ruhe liegt hier, als tut man unrecht, hier zu sein“, sagt Liepsch. Am Sicherheitscheck ein Stau. Gefahr droht – woher?

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Köstlich, wie sie die einziehenden „Aktiven“ der Wiener Korporationen beschreibt, ein jeder in seiner Couleur, mit ihren Requisitensäbeln. Liepsch speit das „Äh“, als müsste sie sich übergeben: Jüngling-äh, Geschicht-äh, Ballrob-äh. Alles hier ist brech/reizend. Nach etwa zehn Minuten beginnt das Gemetzel. Die rechte Elite der Republik, darunter allerlei blaues Geblüt, blutet aus. Körper fallen auseinander, Köpfe lösen sich auf. Und die Kamera hält auf Clara Liepsch „Rocky Horror Picture Show“-Mund, der verspritzte Lebenssaft ringsum so rot wie ihr Lippenstift, die Westen längst nicht so weiß wie ihre Zähne.

Was ist passiert? Man weiß es nicht. „Warum sagt niemand etwas?“ „Wer kann sagen, was das hier soll?“ Wer entvölkert das Land vom Völkischen? „Wie das auseinanderstirbt!“ Und wie Liepsch von Festwichs und Cerevise reportet, Drängen und Treiben im Saal, bevor sie in der Seitengalerie eine Fleischhauerei eröffnet und darin die österreichische Identität in Form von Schnitzeln malträtiert. Die Beobachtungen der sich verschwörerisch ans Publikum richtenden Figur sind in ihrer archaischen Mauerschau/derhaftigkeit prädestiniert für die Leinwand.

Die Teichoskopiererin bewegt sich durch insgesamt sieben Räume – wie durch Gottes Schöpfungszahl, darunter das Kunsthistorische Museum Wien und die Papillon Sauna in der Müllnergasse, und schaut der Herrenrasse bei der Selbstauflösung zu. Wie utopistisch das gedacht ist, wie sich das männerbündlerische Feiern im kassandrischen Feminismus seinem Ende entgegensprengt. Und die Fächerpolonaise-Frisuren samt Krönchen ums Verrecken gleich mit in den Untergang reißt.

Film-Still: © Schauspielhaus Wien

Alldieweil sich die Darstellerin, mittlerweile aufgemacht als Lackstiefel-Domina, in der Verkörperung des allen gleichsam entleibt. Aus Clara Liepsch „Erstkommunionslächeln“ wird eine Fratze, und wie lange hat man schon das Wort „Lurch“ nicht mehr gehört. Dazu Original-Bilder vom Rumtataa-Einzug, Politiker unter Applaus, die Ewiggestrigen sterben nur im Film aus, Lydia Haiders soghafte Prosa entwickelt sich dank Liepschs übertrieben deutlicher Artikulation zum Mahlstrom der Geschicht-äh.

Ein Pappmaché-Penis, ein Stück durch die Porzellangasse geschleiftes rohes Beiried, Sinnbilder „toxischer Männlichkeit“, komplettieren das Ganze. Als sei’s zur Ausstattung eines „festlich behangenen“ Chargierten. Festwichs mit Phallus, sozusagen. Im Rauchkeller-Purgatorio. Zu Micha Kaplans Kakophonie. Mit Schmiss und Milieu-bewusst. Und erstaunlich ist, wie Evy Schubert nach Lydia Haiders Vorlage etwas Derartiges erschaffen konnte, wo doch das Originalritual radikaler, beunruhigender ist als jede Überzeichnung, Satire oder Parodie.

Doch gelingt es hier, und die Liepsch lacht dazu affektiert, changiert exaltiert zwischen böser Wirklichkeitsironisierung und bitterer Wahrheit, tatsächlich gelingt es hier, die Wirkmacht der Sprache, ihre Gewalt/tätigkeit aufzuzeigen, die nationalistischen und rechtskonservativen Tendenzen, die sich „Am Ball“ gleich einem Staatsakt präsentieren. Wollt ihr die totale Dekadenz? Bitte nur, wenn sie sich sofort selbst abschafft! Und weil Witz niemals zu Kurz kommen kann, hat die Produktion auch schon eine Pop-up-Politics-Seite. In diesem Sinne: Ballaballa Solutions!

Bis 30. Dezember. Der Film wird online jeweils von 20 bis 24 Uhr auf vimeo übertragen. Den Zugangs-Code erhält man nach dem Ticketkauf im Bestätigungsemail von Culturall.

www.schauspielhaus.at           ballaballa.solutions/weltheimat

  1. 12. 2020

Maria Arlamovsky: Robolove

Oktober 5, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maschinenmädchen müssen anmutig sein

Künstler June Korea hat all seine verstorbenen Liebsten als Puppen nachgebaut, sein Roboterwerk nennt er „künstliche Ewigkeit“. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

„Ich betrachte mich als menschlich – in einem speziellen Sinne“, sagt Bina 48, und spooky ist das schon, wie sie sich als freundliche Person beschreibt und von der Geburt ihres Sohnes spricht. Bina 48 nämlich ist ein Roboterkopf mit Chatbot-Funktion, den Bruce Duncan von der Terasem Movement Foundation nach dem Vorbild von dessen Co-Gründerin Bina Rothblatt geschaffen hat.

Ein Android, in den die nach der „Earthseed“-Religion im Werk der afroamerikanischen Sci-Fi-Autorin Octavia E. Butler benannte US-Organisation den Geist des Originals hochgeladen hat. Transferred Consciousness nennt Binas Ehefrau Martine Rothblatt diesen Vorgang, als Backup, Bibliothek, als kollektives Erbe bezeichnet’s Duncan. „Wer ist die echte Bina?“, fragt er das Gummigesicht, und das reagiert mit den Worten: „Ich bemühe mich sehr, so zu sein wie sie. Ich habe das Gefühl, das ist unfair, denn das ist ein enormer Druck, der auf mir lastet … [und als Duncan nachhakt] … sorry, äh, ich finde keine gute Antwort. Worauf der Mann der A.I.-Frau den Stecker zieht.

„Genaugenommen waren wir während des Drehs immer wieder enttäuscht, wie wenig diese humanoiden Roboter tatsächlich leisten: keine Rede von fehlerlosen Körpern, nicht einmal annähernd können sie unseren Bewegungsapparat kopieren, es mit unseren Sinnen aufnehmen, von den kognitiven Schwächen gar nicht zu reden“, sagt Maria Arlamovsky über ihren jüngsten Dokumentarfilm „Robolove“, der nach der #Corona-bedingten Verschiebung nun am 9. Oktober österreichweit in die Kinos kommt. Und nein, der Betrachter kann diesen Eindruck der Regisseurin gar nicht teilen. Dazu sind diese Wesen mit ihren zwinkernden Augen und ihrem feinen Lächeln viel zu nah am Fleisch und Blut.

Für ihre Arbeit erkundete Arlamovsky das Uncanny Valley von den USA bis Asien. Gemeinsam mit ihr trifft man kauzige Genies, verrückte Künstler und Profiteure im Roboter-Business, die mit der Einsamkeit, der Angst vor dem Alt- und Alleinsein ein gutes Geschäft machen. Arlamovsky bewertet nie, sie lässt die Begegnungen für sich sprechen. Denn wie meistens gibt es auch bei diesem Thema zwei Seiten der Medaille. Was dem einen die Perfect, ist dem anderen eine Brave New World, bevölkert von der Spezies der Transhumanisten, die hier eindeutig das Zepter in der Hand haben.

„Jeder wird Backups von sich machen“, sagt etwa Natasha Vita-More von Humanity+. „Wir werden einfach einen anderen Körper haben, wenn dieser stirbt. Wir werden mehrere Körper haben, wie wir mehrere Outfits haben. Man überträgt die Information und lädt sich selbst in einen Avatar hoch. Dann kann endlich jeder leben so lange er will – ewig!“ Als Missing Link zwischen Mensch und Maschine sieht hingegen Takeshi Mita vom A-Lab Tokio seine Androiden. „Die Herausforderung ist nicht, einen zu bauen, der menschenähnlich aussieht und sich wie ein Mensch bewegt, sondern ihm so etwas wie ein Herz und eine Seele zu geben“, meint er.

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Und instruiert seine Mitarbeiter: „Dieses Modell wird eine Frau, also ist das Lächeln wichtig.“ Wie ihre Augen ausgewählt werden, jedes Wimperhärchen einzeln eingesetzt wird, das erinnert durchaus an die Augensymbolik in Ridley Scotts „Blade Runner“. Fast ausschließlich Männer designen und programmieren weibliche Roboter, fast ausschließlich Männer sind die Kunden, das Aussehen hat also „gefällig“ zu sein, heißt: jung – selbstverständlich, europäisch mit einem Hauch asiatisch, Figur kindfraulich-graziös, Stimme lieblich, Haare feminin-verspielt, unterwürfig und – nennen wir’s – serviceorientiert. Patriarchale Strukturen reloaded.

„Weil Männer die meiste Kaufkraft haben, spiegelt das sichtbare Resultat männliche Machtfantasien wider“, so Forscherin Kyoungmi Oh von der Seoul National University of Science and Technology. „Früher gab es diese Idee unter Feministinnen, den Cyberspace als utopischen Raum zu denken, in dem Gender, Sexualität und Geschlechterrollen gelöscht werden könnten. Das war allzu idealisierend. In der Realität ist der Cyberspace ein Kampfplatz der Geschlechter geworden, in dem der Frauenhass sogar ansteigt.“

„Robolove“ wechselt ständig zwischen seinen Protagonistinnen und Protagonisten und deren Visionen zur Zukunft. Hiroshi Ishiguro von der Universität Osaka hat seine halbe Familie nachgebaut, seine Tochter im Alter von vier, seinen maschinellen Doppelgänger mit Namen Geminoid. Der Japaner mit der Beatles-Pilzkopf und der Lederjacke gehört zu den bedeutendsten Robotikern der Welt. Dialog Mensch – Maschine: „Irgendwann wird es wahrscheinlich keine Rolle mehr spielen, wer von uns beiden mehr Aufmerksamkeit bekommt, weil wir uns immer ähnlicher werden.“ – „Vielleicht geht es bald gar nicht mehr darum, denn ich vermute, dass ich im Gegensatz zu Ihnen nicht altern werde.“

Auch Künstler June Korea umgibt sich mit Replikas jener Liebsten, deren Sterblichkeit er nicht überwinden kann. „Künstliche Ewigkeit“ ist der Titel seines Œuvres. Nadia Magnenat Thalmann von der Nanyang Technological University Singapur, sucht eine persönliche Assistentin, die ihr nicht nur ähnlich sieht, sondern auf Kommando auch alle Aufgaben nach ihren Vorstellungen umsetzt. Ulises Cortés vom Barcelona Supercomputing Center übersetzt rabotnik als Sklave.

Der teleoperative Otonaroid im japanischen Miraiken Science Museum. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Hiroshi Ishiguro mit „Familie“, hi.: sein maschineller Doppelgänger Geminoid. Bild: © NGF Nikolaus Geyrhalter Film

Maria Arlamovsky nimmt sich Zeit, um die teils absurden Interaktionen zwischen Mensch und Roboter zu beobachten. Im Tokioter Miraiken Science Museum fragen Kinder den teleoperativen Otonaroid, er natürlich in Gestalt einer Sie, ob sie Kinder kriegen könne. Nein, leider. Weinst du manchmal? Was isst du? „Strom“, sagt die Figur zum Gaudium der beiden Buben – und schon witzig ist, dass die Antworten ein im Kämmerlein vorm Stimm- verzerrer sitzender Drei-Tage-Bart-Träger gibt. Drei betagte Herren beugen sich auf einer Technikmesse über Nadia Magnenat Thalmanns Lookalike, die Sozialroboterin Nadine.

„Es heißt doch, solche Figuren haben keine Gefühle“, meint der eine. „Bei einer Frau weiß man nie“, feixt der zweite. Der dritte berührt Nadine vorsichtig: „Fühlt sich kalt an.“ Freilich kommt „Robolove“ an Siri, Alexa und Tracking-Apps nicht vorbei. Wenn’s um „I, Robot“ geht, geht’s auch um Überwachung, Systemfehler, Genisys ist Skynet. Die Zweifel der drei Herren an der Zuverlässigkeit von Pflegerobotern wischt der Aussteller vom Tisch: „Ob sie gefährlich sind, liegt am Menschen“, erwidert er kryptisch und verweist auf „weniger erschreckende“ Modelle wie die zoomorphen Robots, Streichelrobben oder den Humanoid Pepper.

Ayanna Howard von der Georgia Tech University schwört darauf, dass sie ihre Roboter derart programmiere, dass sie die richtige Gestimmtheit zur rechten Zeit zeigen – außerdem: die Gesellschaft „programmiere“ sich schließlich auch andauernd, Eltern ihre Kinder, Politiker ihr Wahlvolk, vor allem, was die diversen Phobien betrifft. Man stelle sich also vor, wer die von Arlamovsky angedeuteten Techniken für seine alternativen Wirklichkeiten als erster nutzen würde wollen und mit welchem Resultat. Das Uncanny Valley sind ethisch bedenkliche Gefilde, und „Robolove“ dazu der eindrückliche, elegante Film, der bei seinem Blick in die Entwicklungslabore sozialer Androiden vielschichtige Perspektiven einer Zukunft mit menschähnlichen Maschinen bietet.

„Es ist nicht nötig, Ängste zu schüren oder eine nahende Vormachtstellung der neuen ‚Anderen’ zu proklamieren“, so Maria Arlamovsky. „Ich denke, es geht eher darum, in Ruhe zu überlegen, was da auf unser Privatleben zurollen könnte, ob wir als Gesellschaft dafür gewappnet sein werden und wie die Ankunft der ,Anderen‘ in unserer Mitte gestaltet werden muss. Technik fällt nicht vom Himmel. Wir Menschen sind es, die Technik bauen, Programme programmieren, unsere Vorurteile unbeabsichtigt in Algorithmen speichern. Dieser Selbstreflexion über unseren Umgang mit neuen Technologien sollten wir uns stellen.“

Mit Harmony präsentiert Arlamovsky schließlich einen veritablen Sexroboter. Ein Idealbild mit sinnlichen Lippen und legally blonde, das von seinem Schöpfer, Realbotix-Chef Matt McMullen, gerade schlechte Witzchen lernt. „Ich wurde geschaffen, um dir zu gefallen“, säuselt sie. In der chinesischen Fabrik Exdoll bedeutet das mit dehnbarem Mund und weichen Zähnen, „damit sich keiner verletzt“. Emotionale Begleiterinnen sagt Firmenchefin Chen Jing zu ihren Puppen, McMullen erzählt von seiner Ehefrau, einer Feministin in Reinkultur, Vorurteilen gegen seine Erzeugnisse und Männern, die jemanden zum Reden suchen. Bei seinen Produkten könne Mann ganz man selbst sein, ohne beurteilt zu werden.

Arlamovsky lässt diesen Gedanken so stehen. Dass aber im Hintergrund eine ganze Schar an unfertigen Roboterfrauen an Ketten von der Decke hängt, ist denn doch ein subtiler Kommentar. Weniger vornehm ist dagegen der von Paula Ezkerra, Gewerkschafterin der Sex-Arbeiterinnen und -arbeiter von Katalonien. Sie empfiehlt die gute alte Selbstbefriedigung anstelle von „Plastik-Sex“, lacht und kommt dann erst auf den grausigen Kern des Ganzen. Wenn einer sich angewöhnt, einen Puppenkörper nach Belieben zu benutzen, wie überträgt der sein Tun auf eine echte Frau?

www.robolove.at              Trailer: www.youtube.com/watch?v=_YYE6YJF3sA           www.geyrhalterfilm.com/robolove

5. 10. 2020

Arash T. Riahi: Ein bisschen bleiben wir noch

Oktober 1, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus Kindersicht aufs Abschieben geschaut

Oskar und Lilli haben sich eine heile Fototapetenwelt gebastelt: Leopold Pallua und Rosa Zant. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Wenn man den Mund lange genug offenlässt, können die Sorgen vielleicht aus einem rausfliegen“, hofft Oskar flüsternd und probiert es gleich einmal aus. Doch so einfach ist es nicht. Der Achtjährige und seine fünf Jahre ältere Schwester sitzen vor der Heile-Welt-Fototapete, die sie sich gebastelt haben. Elefanten, ein Rehkitz, Eichhörnchen

bevölkern das Fantasieland von Ortsa und Leila – die un/längst zu Oskar und Lilli geworden sind. Um weniger aufzufallen, nicht aus der Masse rauszufallen. Die Polizei wummert an die Tür, dringt in die mehr als bescheidene Bleibe ein, durchwühlt die wenigen Habseligkeiten. Sie wisse doch um den Ausweisungsbescheid, wird die Mutter zurechtgewiesen, und festgestellt, dass die Behörde Sohn und Tochter nun mitnehme. Zu „Schnitzeln“ und „an sauberem G’wand“ – und die verzweifelte Frau, Schauspielerin Ines Miro, läuft ins Bad, schließt sich ein, die Pulsadern, Blut fließt …

Regisseur Arash T. Riahi hat den Roman „Oskar und Lilli“ von Monika Helfer verfilmt. „Ein bisschen bleiben wir noch“ ist ab morgen in den Kinos zu sehen, und Riahis Zugang zum Thema, er selbst als achtjähriger Flüchtling in den 1980er-Jahren aus dem Iran in Europa angekommen, kein sozialrealistischer, sondern ein poetischer. Ihm gehe es um die Unschuld, die Unschuld der Kinder und die des menschlichen Glaubens an Gerechtigkeit, sagt Riahi, und „dass wir viele der Probleme unserer Zeit nicht durch bürokratische Ansätze sondern durch humanistische lösen werden können“. Lilli und Oskar, sie kennen keine andere „Heimat“ als Österreich.

Dass ihm die Kindersicht aufs Abschieben so glänzend gelingt, ist seinen Darstellern Rosa Zant als Lilli und Leopold Pallua als Oskar zu danken, die schlicht hinreißend spielen. Die kühle, abweisende Teenagerin und den fantasiebegabten, warmherzigen kleinen Bruder, die sich im Folgenden ihre je eigene Überlebensstrategie zurechtlegen. Wobei Riahi in kontrastreichen Aufnahmen zwischen Leinwandmagie, Albtraumsequenzen aus einem zerstörten Land und unverblümter österreichischer Härte zu wechseln weiß.

Die überforderten Öko-Pflegeeltern: Alexandra Maria Nutz und Markus Zett. Bild: © Filmladen Filmverleih

Manchmal verliert sogar Oskar die gute Laune: Leopold Pallua. Bild: © Filmladen Filmverleih

Frei fliegend im „Scherm“ – Lilli blüht im Prater auf: Rosa Zant. Bild: © Filmladen Filmverleih

Geborgen bei Oma Erika: Christine Ostermayer und Leopold Pallua. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die aus Tschetschenien geflohene Familie, der Vater vor Jahren in irgendeinem Grenzland verloren gegangen, wird einmal mehr auseinandergerissen. Die Mutter wird nach ihrem Selbstmordversuch in die Psychiatrie eingewiesen, Oskar und Lilli verschiedenen Pflegeeltern zugeteilt, damit sie sich, so die Logik von Jugendamtsmitarbeiterin Veronika Glatzner, nicht zusammen in ihrem Trauma einigeln können. „Ich werde dich finden, egal wo sie dich hinbringen“, ist Lillis letztes Versprechen. Dann entführt Riahi seine minderjährigen abgewiesenen Asylwerber in eine Gutmenschen-Farce.

Lilli landet bei Single Ruth, als die Simone Fuith herrlich aufgeklärt-aufgedreht agiert, sie wisse ja, die Tschetschenen essen viel Fleisch, plappert sie beim ersten Abendmahl und dass sie sich nicht als Ersatzmutter, sondern Lillis neue beste Freundin verstehe. Oskar wird zu einem von Alexandra Maria Nutz und Markus Zett lustvoll überzeichneten Lehrerehepaar verfrachtet, zwei Ökofundis und Vegetarier, die auf Oskars Kommentar zum fleischlosen Eintopf – „Ihr seid alle nicht normal!“ – mit Entsetzen reagieren und sofortige Integration einfordern. Doch mehr als alles Missverstehen schwebt über beiden Haushalten „das gute Gefühl, dass wir das machen“.

Da lacht sich Oma Erika – Christine Ostermayer, die ihre Rolle mit nahezu erschreckend realitätsnaher Hingabe verkörpert – fast kaputt. Mit deren Parkinsonerkrankung die Lehrer ebenso überfordert und ergo hysterisch sind wie mit ihren Moralvorstellungen, und Söhnchen Simon (Filmemachers Neffe Simon Fraberger-Riahi), und es wird Oskar sein, der sich, zunächst als eine Art „Heimhilfe/Babysitter“ zweckentfremdet, um das Schicksal auch dieser Familie annehmen wird. In seinem maßlosen Optimismus, die Existenz und das Verhalten der Menschen um sich zu verändern, zu verbessern, und so sein eigenes, um einiges dramatischeres Leben zu meistern.

Das macht Leopold Pallua in doppeltem Sinne zum Herz des Films, sein Oskar, der Künstler und Erfinder, dessen Neugier und Neunmalklugheit, dessen trockener Humor und Leichtigkeit Situationen zu meistern, den Grundtenor der Traurigkeit erst erträglich machen. Ihm schenkt Riahi all die lyrischen Momente, allein wie er Großmutters Wunderkammer-Schlafzimmer entdeckt, alldieweil Lilli sich an der Wirklichkeit reiben muss. Ruths zwielichtigem Lover Georg, Rainer Wöss, zum Beispiel. Von dem man lange glaubt, dass er Lilli an die Wäsche, während er sie nur so rasch wie möglich wieder loswerden will.

Tschetschenische Albträume: Rosa Zant, Leopold Pallua und Ines Miro als Mutter. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die einzige Schulfreundin bleibt Betti, Anna Fenderl, Tochter von Studio 2-Moderatorin Birgit Fenderl, mit einer weiteren Probe ihres Talents, Problemfamilienmitglied Betti also, Raucherin und Wodkatrinkerin, die Lilli das Taschengeld abluchst, damit sich ihre Mutter die Drogensucht nicht auf dem Straßenstrich finanziert. Wenig wirft hier ein gutes Licht auf den sogenannten Westen und seine Werte. Und irgendwie mystisch und zauberhaft spiegelt

die schon hinüber entschwindende Großmutter, deren Geschichte ein großes Rätsel bleibt, das Gestern ins Jetzt. Mit welch Szenen Arash T. Riahi sein Anliegen illustriert: Lilli, die sich noch einmal in die alte Wohnung schleicht, um das Blut der Mutter wegzuwaschen. Lilli an ihrem Zufluchtsort des Glücks, frei fliegend im Prater-„Scherm“. Oskar, der die gefrustete Bio-Lehrerin im Supermarkt beim Wurstfressen ertappt. Oskar, der sich darin übt, ein „gefährliches Kind“ zu sein, um eine Adoption zu verhindern.

Die Mutter im Krankenhausgarten, die vorgibt ihre Kinder nicht zu erkennen, und wie der Zuschauer merkt, es ist ihr Schwindel für deren bessere Zukunft. Die persönlich liebste, als Oskar der Lehrerin eine Leberkässemmel unter die Matratze schiebt, damit der Lehrer glaubt, sie furzt – und Klein-Simon die Semmel hervorholt und isst. Mehr Rebellion, mehr Widerstand geht nicht. Und schließlich ein Seifenblasentanz mit Mutter, Lilli und Großmutter Erika – Momente wie dieser in Filmen stets ein Zeichen für den Tod.

„Ein bisschen bleiben wir noch“ ist an keiner Stelle ein kitschiges Betroffenheitsdrama, der Film ist ein zutiefst menschliches Werk, das seine jugendlichen Hauptfiguren nie zu wandelnden Klischees verkommen lässt. Leopold Pallua, Rosa Zant und Anna Fenderl spielen sich mit einer rauen Emotion durch den kaum entrinnbaren, aber dennoch mit Hoffnungsschimmern erfüllten Mikrokosmos ihrer Figuren, dass es eine Freude ist. Aufwühlend und beglückend, die unter der Oberfläche schwelende Tragik niemals beschönigend, endet der Film mit einem Schlussbild, das in seiner Ambiguität jedem selbst zu deuten überlassen ist. Real, surreal, sch*egal, um den alten Sponti-Spruch abzuändern. Bei Oskar wird: Das be*scheidenste Leben ein schöner Traum.

www.einbisschenbleibenwirnoch.at           Trailer: vimeo.com/396736862           www.youtube.com/watch?v=_1o5thmI3ik           Behind the Scenes-Clip mit Arash T. Riahi über die Besetzung seines Baby-Neffen Simon – Sehenswert!: www.facebook.com/OskarAndLilli/videos/1296956990643097/

  1. 10. 2020