Burgtheater: Die Krönung Richards III.

März 15, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schon die zweite Vorstellung wurde abgesagt

Martin Wuttke Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Martin Wuttke
Bild: Reinhard Werner, Burgtheater

Freitag, 16.45 Uhr, wogten die Zuschauermassen durchs Foyer des Burgtheaters wie Wellen bei schwerem Seegang. Erst hieß es, die Vorstellung finde nicht statt. Also hin zur Kassa, Karten hergeben, Geld entgegennehmen. Dann hörte man, nein, die Vorstellung werde doch gespielt. Also Geld retour, Karten retour. Schließlich ließ Frank Castorf die zweite Vorstellung von „Die Krönung Richards III.“ absagen. Zwei Damen des Ensembles seien stimmlos. Oliver Masucci verlässt das Haus über den Bühneneingang,lässig, mit Sonnenbrille. Ein deutsches enttäuschtes Paar: „Bei uns schließen sie die Theater, die Burg sperrt sich von innen zu.“ Der mittlerweile auch schon entnervte Mann an der Kassa: „Wenn jetzt alle ihr Geld wollen, habe ich zu wenig Bares da.“ Nanu? Bares ging doch sonst am Haus in 100.000er-Summen über den Tisch.

Tags zuvor hatte manch Premieren-Printschreiber von Massenfluchten des Publikums berichtet. Nun wären die wahren Castorfianer da gewesen, um sich an der jüngsten Dekonstruktion des Grumpy Old Man des deutschen Diskurstheaters sechs Stunden lang zu laben. Der viel gemühte Sager vom Stückezertrümmerer ist nämlich ein blöder. Auch für „Heiterkeiten“ zum Thema Hinternwundsitzen besteht kein Anlass. Castorf macht größer, führt Gedanken der von ihm bearbeiteten Autoren fort und aus. Diesmal um Texte von Antonin Artaud – was könnte besser zu Hans Henny Jahnn passen, als dessen Theater der Grausamkeit -, Georges Batailles surrealistisch-dekadente-erotische Prosa  und, weil Bataille stark von ihm beeinflusst war und Castorf ohne ihn sowieso nicht kann: Karl Marx. Ans Ende stellte der Theatermacher Heiner Müllers „Der Auftrag“. Dessen, Martin Wuttkes als Richard III., vorletzter, viel belachter, von „Qualitätszeitungen“ als aktuell improvisiert interpretierter Satz „Unsere Firma steht nicht mehr im Handelsregister. Ich entlasse uns aus unserem Auftrag“, steht 1:1 so bei Heiner Müller. Lernen Sie Kultur, Herr Redakteur. Martin Wuttke, die treue Seele, war’s dann auch, die sich freitags anbot, auf der Bühne Material aus dem und ums Stück zu lesen.

Hans Henny Jahnn war ein Unbequemer, einer der großen produktiven Außenseitern des Zwanzigsten Jahrhunderts. Im Ersten Weltkrieg Kriegsdienstverweigerer, von den Nazis verfemt, man solle seine Stücke und Romane verbrennen, statt aufführen, meinte und tat das Dritte Reich, später einer der ersten öffentlichen Gegner der Atombombe. Und Tierversuchsgegner. Begründer der Künstlergruppe Ugrino. Orgelbauer und Pazifist, obwohl oder wohl weil er nicht an das Gute im Menschen glaubte. Er kämpfte in den frühen fünfziger Jahren gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands, gegen die Zerstörung der Umwelt und auch gegen die friedliche Nutzung der Kernenergie, weil er die Lagerung des atomaren Mülls schon damals für unverantwortlich hielt. Den Menschen hat er einmal als „Schöpfungsfehler“ bezeichnet, der zentrale Gedanke seines Werks ist eine antichristliche Schöpfungsmythologie. In seinen Aufsätzen, Reden und in seinen Romanen beobachtet er mit wachsendem Entsetzen das Ausmaß an Grausamkeit und Destruktivität, dessen der Mensch fähig ist. „Der Mensch ist Körper zuerst, und dann vielleicht Geist“, sagt er einmal. „Der Trieb, die Gier, die Aggression sind unmittelbar“. Gott ist bei Jahnn nicht tot, er hat aufgegeben.

In diesem Sinne erklären sich alle Arten von Sadismus und Perversion, die „Die Krönung Richards III.“ ausmachen. Im Gegensatz zu Shakespeare stirbt der Antiheld am Ende nicht. Er muss leben. Weiterleben. Weil es Gewalt und Grausamkeit auch tun. In Ewigkeit, Amen. An der Burg spielen hoffentlich bald wieder: Martin Wuttke als Richard III., Ignaz Kirchner, Fabian Krüger, Jasna Fritzi Bauer, Oliver Masucci als Herzog Buckingham, Marcus Kiepe, Hermann Scheidleder, Dirk Nocker, Sophie Rois als Königswitwe Elisabeth, Markus Meyer, Marc Hosemann und Moussa Baba, Azamat Chabkhanov, Jovita Domingos-Dendo, Robin Furlic, Simon Jung, Anasiudu Kenechukwu, Tobias Margiol, Bernhard Mendel, Adam Nakaev, Marie-Christiane Nishimwe, Christoph Prochart und Philipp Schwab. Bühne und Kostüme: Bert Neumann.

Die nächste Vorstellung wäre am 20. März.

www.burgtheater.at/Content.Node2/home/ueber_uns/aktuelles/Vorstellungsabsage_14-03-2014.at.php

www.hans-henny-jahnn.de

Wien, 15. 3. 2014

Wiener Festwochen: „Tartuffe“

Juni 5, 2013 in Bühne

Deklamieren bis zum Defibrillieren

Joachim Meyerhoff, Gert Voss  Bild: Ruth Walz

Joachim Meyerhoff, Gert Voss
Bild: Ruth Walz

Als der große Gert Voss in Matthias Hartmanns Einstandsinszenierung „Faust“ als Mephisto so unglücklich stürzte, dass er sich schwer verletzte, und Joachim Meyerhoff für ihn einsprang, gab’s für die Wiener endlich wieder was zum Raunen: Der bessere Teufel ist … in dieser Stadt bekanntlich ja jeder ein Burgtheaterdirektor. Nun gab es Gelegenheit, die Titanen gemeinsam am Werk zu sehen. Festwochen-Chef Luc Bondy persönlich inszenierte am Akademietheater Molières „Tartuffe“. Mit Meyerhoff in der Titelrolle und Voss in der des Orgon. Und siehe da: kein „Kampf“, sondern feinstes Zusammenspiel. Die beiden sind eben unvergleichlich. Gut. Sprachartisten, selbst wenn ihnen die Situation gerade Sprachlosigkeit vorschreibt. Meister des Humors, den Ersterer sich auf der Zunge zergehen lässt, während ihn Zweiterer mit zunehmender Entdeckung der Täuschung zwischen den Zähnen zerbeißt. Der Abend: ein Solo für zwei.

Meister. Das war generell das Motto. Im detailverliebten Bühnenbildsalon (Richard Peduzzi) konnten die Zuschauer vor allem dem Sport frönen, der hier am Beliebtesten ist: Gemma Schauspielstars schauen! An der Burg kann Bondy aus dem Vollen schöpfen, Charakterdarsteller bis in die kleinsten Rollen. Schade, dass er in seiner zweistündigen Aufführung manche zu etwas ausführlicheren Stichwortgebern schrumpfte (Peter Knaack als wunderbar-cholerischer Damis, Philipp Hauß als sein aufgeklärt-abgeklärtes Pendant Cleante). Denn Bondy interessierte sich offenbar für die Dreiecksehedramakomödie – um das Ganze noch Lustspiel zu nennen, fehlte das dafür unerlässliche Timing – Tartuffe/Orgon/dessen Ehefrau Elmire, sehr schön verkörpert von Johanna Wokalek, in sehr schönen, sich in ständiger Selbstauflösung befindlichen Wickelkleidern. Dass hier ein Betrüger einen ganzen Haushalt in seine Gewalt bringen will, kommt schon auch vor. Am Ende dann. Selbst Gertraud Jesserer, deren Rolle „Madame Pernelle“, Orgons Mutter, man auch ausführlicher kennt, wurde fürs Regiekonzept mit dem Rollstuhl an die Wand gefahren.

Aber: Der Abend war in sich stimmig. Kompliment. Ein typischer Bondy. Bei niemandem als bei ihm ist das deutschsprachige Theater „frönsosischer“. Die Schauspielerei kein Hand-, sondern ein Kunstwerk. Pathos pur, lausig lustig, große Gesten, Edel-Ennui, Darsteller, getragen, tragen den Abend, Deklamieren bis zum Defibrillieren. Voss, unterm Tisch als Grandseigneur in der Geig’n, spielt den Herzkasperl. Oder sich in dessen Nähe. Er legt seinen Orgon nicht als bibberndes Häufchen Bigotterie an, sondern ist in Anzug samt Uhrenkette ein Herr, herrisch bis zur Tyrannei. Konzernchef könnte er sein. Industrieller. Politiker. Kein Wunder, dass sich Tochter Marianne (Adina Vetter, leider auch nur „Aufputz“) und ihr Verlobter Valere (Peter Miklusz) vor ihm fürchten. Der Mann ist ein Raubtier, aber sofort handzahm, tritt Tartuffe auf. Der hat seinen großen Auftritt hinter einem roten Samtvorhang heraustretend, einem Knaben noch die Haare und die Kleidung richtend, ihm versichernd, dass Gott ihnen beiden gewiss vergeben werde … Ja, Zeitbezug, schon gut, muss auch irgendwo hin. Immerhin ist Meyerhoff für Ahnungslose damit sofort als Schein-Heiliger enttarnt. Da können der brave Seitenscheitel und die Oberlehrer-Nickelbrille nichts mehr ausrichten. Man hat sich das Rampenlichtspektrum also aufgeteilt. Während Voss vom sonnigen Gelb in den Wutrotbereich wechselt, bleibt Meyerhoff lange für die anderen Figuren verdeckt im Ultraviolett. Als sanfter Schleimer, Wortklingler, Gehirnwäscher, mit dem schließlich sein Lustmolch durchgeht. Entgleist. Oje.

Die genial-gewagteste Besetzung Bondys ist aber Edith Clever als aufsässige Dienerin Dorine. Darf man über die Grande Dame sagen, sie liefere ein Kabinettstückchen nach dem anderen? So stellt man sich das vor, ein Faktotum, seit ewig im Haus, zu allem eine Meinung, auch, wenn man ihr ständig den Mund verbietet. Eine Fädenzieherin, fast Dea ex machina. Doch ist diese Aufgabe in männlicher Ausführung Michael König vorbehalten, der als Polizeibeamter zu Tartuffes Verhaftung erscheint. Und dabei zu einer erheiternden, beinah Hornek’schen Österreichrede antritt: „Wir sind ein Staat, der Korruption ahndet …“ Da tritt das Publikum hin und denkt sich seinen Teil … Bondy zeigt, auch durch seine Prosabearbeitung des Textes, dass es zwischen alt- und neumodisch eine beinah buddhistische Mitte gibt. Einer wie er  darf sich in Gelassenheit ergehen. Die „Welt“ schrieb, Bondy sei längst in seiner eigenen Klassik angelangt. Dem ist nichts hinzuzufügen.

www.festwochen.at

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-table/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-gift-eine-ehegeschichte/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-in-agonie/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-the-wild-duck/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-le-retour/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-die-kinder-von-wien-2/

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-julia/

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 6. 2013