Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Kaviar

Juni 15, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und Zack! ins Dixi-Klo gegriffen

Ein windiger Anwalt, ein schmieriger Stadtrat und ein gar nicht gerissener Glücksritter machen Jagd aufs große Geschäft mit dem Russen: Simon Schwarz, Joseph Lorenz und Georg Friedrich. Bild: 2019 Ioan Gavriel

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch. Also beginnt das Ganze durchgeknallt, der Russenmilliardär Igor auf einem österreichischen Hochstand, und wie er – von Jagdgewehr bis Panzerfaust – mit aller Waffengewalt einen nackten Mann aufs Korn nimmt. Der trägt bei seinem unfreiwilligen Tanz im Kugelhagel einen Lenin-Gipskopf, den sollte man sich merken, denn es wird ein Heidenspaß und eine Riesenüberraschung werden, wer diesen am Ende von Igor übergestülpt bekommt …

Als die Regisseurin und Drehbuchautorin Elena Tikhonova die Arbeit an ihrer Austrorussen-Komödie „Kaviar“ begann, dachte sie an eine Posse basierend auf ihren eigenen Erfahrungen in der Community, nicht aber, dass ihr erster Spielfilm von der knallharten Realität derart bestätigt werden könnte. Nun ist die aberwitzige Geschichte seit Freitag in den Kinos zu sehen, und erinnert frappant an manches, was die Republik seit Mitte Mai unter dem Schlagwort „Ibiza-Video“ beschäftigt. Allerdings bedarf es auf der Leinwand keiner Nichte, sondern der Oligarch selbst schreitet zur Tat. Der obszön reiche Igor hat nämlich einen Herzenswunsch. Er will sich nach Vorbild der Ponte Vecchio in Florenz auf der Wiener Schwedenbrücke eine Protzvilla samt Zwiebeltürmen errichten lassen.

Die Kontakte dafür soll ihm seine persönliche Dolmetscherin, sprich: in seinen Augen Leibeigene, Nadja checken. Die wendet sich an ihre beste Freundin Vera, deren einheimischer Ehemann Klaus schon lange am Schwarzgeldvermögen andocken will. Klaus bindet seinen Haberer, Rechtsanwalt Ferdinand Braunrichter ein, der seinerseits weiß, mit welchem überambitionierten Stadtrat man zum „Waidmanns Heil!“ antreten muss. So ist auch dieser Hans Zech bald im Boot, dank der Verlockung, Igor werde der Stadt Wien die Donaukanalsanierung finanzieren. Geschmierte drei von insgesamt 100 Millionen Bakschisch landen vorab schon in Liechtenstein, klar, Klaus und Ferdinand wollen Hans reinlegen, blöd nur, dass der Politiker Russisch spricht. Doch während die Männer tricksen, schmiedet das Damentrio, erweitert um Veras blauhaarige Babysitterin Teresa und angestachelt durch Klaus‘ halbseidene Seitensprünge, selber Pläne, um ans Bare zu gelangen.

Oligarch Igor schmeißt sich an Klaus‘ Ehefrau ran: Margarita Breitkreiz als Nadja, Georg Friedrich als Klaus, Mikhail Evlanov als Igor und Daria Nosik als Vera. Bild: 2019 Thimfilm

Veras Babysitterin Teresa macht bei Nadjas Love Interest, Oberpunk Don, das Rennen: Sabrina Reiter und Robert Finster. Bild: 2019 Thimfilm

Das Damentrio sucht den Lkw mit den Schmiergeldmillionen: Daria Nosik, Margarita Breitkreiz und Sabrina Reiter. Bild: 2019 Thimfilm

„Kaviar“ ist so knallbunt wie die Cartoons, die zwischen den Aufnahmen zu sehen sind. Insgesamt zu harmlos, ja, zu risikolos für beißende Satire, ist der Film ein schlitzohriger Culture-Clash-Comic, der von Wodka-Konsum bis Kalaschnikow kein Klischee auslässt, und mit Darstellern in komödiantischer Hochform punktet. Allen voran Georg Friedrich als so gierigem wie begriffsstutzigem Möchtegerngauner Klaus und Simon Schwarz, der als Ferdinand nicht viel heller auf der Platte ist. Schnitzler-Schauspieler Joseph Lorenz erfreut als jovial-saturierter Volksvertreter, der sich im Gefühl sonnt, alle Fraktionen in der Hand zu haben. Elena Tikhonova handelt mit diesen dreien ihren haarsträubend glaubwürdigen Korruptionsfall ab.

Von Geschäften, die auf einer Serviette unterzeichnet werden, dem flotten Austausch von Staatsbürgerschaften gegen „Wirtschaftsförderung“, von Geldwäsche bis Bordellbesuchen. Wunderbar Szenen, in denen Friedrichs Klaus eine Bande von Hausbesetzer-Punks beschäftigt, um im ersten Bezirk für Igors Inspektion mit Presslufthämmern eine Baustelle zu faken. Großartig, wie er vor Ort dem von Mikhail Evlanov gefährlich gönnerhaft und stets gutgelaunt gespielten Obskuranten sogar einen Unterwasserlift und einen Tiergarten verspricht, während er hernach versucht, der Polizei, David Oberkogler als Gesetzeshüter, die Aktion als Flash Mob zu verkaufen.

Dazu gehören natürlich Friedrich’sche Sätze wie „Hoit die Pappn, wannst mit mir redst!“ oder, als er nur mit einem Negligé bekleidet in einem Badezimmerfenster feststeckt und um Hilfe ruft, der Gemeindebau antwortet: „Geht’s a bissl leisa!“. In den Mittelpunkt ihres Klamauks stellt Tikhonova aber eine Frauenfreundschaft, die alles aushält: Margarita Breitkreiz als streng gekämmt verklemmte Nadja, Daria Nosik als deren Turbolidschatten und Highest Heels tragende BFF Vera und Sabrina Reiter als wiederum deren Kein-Kind-von-Traurigkeit-Kindermädchen Teresa bekämpfen die männlichen Betrüger mit allen – von modernem Hightech bis traditionellem Sex – Mitteln.

Nur einmal gerät die weibliche Solidarität ins Wanken – ein kurzes Intermezzo, als auf einer wilden Party mit Erdapfelsaft aus Kristallgläsern und traurigen Karaoke-Liedern der von Nadja so dringend ersehnte Oberpunk Don, Robert Finster, sich statt der Gastgeberin der gleicher gesinnten Teresa zuwendet. Doch schnell versöhnen sich die Ladys wieder, rollt doch der Rubel Richtung Wien, in einem Lkw, den die Mädels dank Veras Maneater-Qualitäten zu kapern gedenken, bevor die selbsternannten Herren der Schöpfung seiner habhaft werden können. Und so beginnt auf der Osteuroparoute, heißt: in der burgenländische Pampa, ein Wettlauf mit der Zeit, bei dem bald alle im Wortsinn nach dem großen Geschäft riechen.

Ein wütender Oligarch ist ein schießwütiger Oligarch: Mikhail Evlanov. Bild: 2019 Thimfilm

Das hat Zack! Zack! Zack! mit den Dixi-Klos zu tun, in die Georg Friedrich seinen Griff ins Braune wird tun müssen, weil Igor denn doch nicht so deppert ist, wie die Wiener gern geglaubt hätten. Und alldieweil es für die Männer „Shit Happens!“ heißt, feiern die Frauen auf Geld-stinkt-nicht-Art die Umverteilung des Kapitals.

„Kaviar“ ist nicht hohe Kunst, aber ein erfreulicher Sommerspaß mit drolligen Animationen und einem temperamentvollen Soundtrack von Karwan Marouf. Ist der Film gewordene Beweis für den humorigen Unterschied dafür, ob Russen-Klischees über Russen oder von einer gebürtigen Russin erzählt werden. Und wenn Vera über Klaus klagt: „Er hat meine Fü(h)llungen verletzt“, kommt auch der Wortwitz nicht zu kurz. Merke: Gerechtigkeit gibt es in Liechtenstein. Aber wer muss mit dem Haupt von Wladimir Iljitsch herumspringen? Die Antwort ist … anschauen.

www.kaviar-film.at

  1. 6. 2019

Ensemble21: Der Sturz der Möwe

November 16, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Szenen einer Ehe mit Simon und Mascha

Rita Hatzmann und Erich Knoth Bild: ensemble21

Rita Hatzmann und Erich Knoth
Bild: ensemble21

Das Ensemble21 zeigt ab 20. November im so.vie.so-Saal, einem ganz neuen Aufführungsort im Favoritner Sonnwendviertel, die Uraufführung von „Der Sturz der Möwe“. Die Tschechow-Bearbeitung ist die erste gemeinsam entwickelte Produktion dieser freien Künstlergruppe, die inspiriert von klassischen Stoffen gesellschaftlich relevante Themen auf die Bühne bringen will. Die Premieren „Warten auf WG“ von Michael Lippitsch und „Schönwettermenschen im Wolkenbruch“ von Tina Goebel und Rita Hatzmann sollen folgen.

In „Der Sturz der Möwe“ werden Simon und Mascha zu zeitgenössischen Hauptrollen. Die Geschichten der Charaktere rundherum, die Generationen übergreifenden Verstrickungen, werden durch das Leben und Empfinden der beiden erzählt. Margarita Kinstner, bekannt durch ihre bei Deuticke erschienenen Romane „Mittelstadtrauschen“ und „Die Schmetterlingsfängerin“, schrieb die Dialoge.

Es sind drei unterschiedliche Variationen „Szenen einer Ehe“ entstanden, die sich jedesmal in eine völlig andere Richtung entwickeln. Die Szenen spielen in der Gegenwart. Simon versucht krampfhaft die Ordnung zu erhalten, Mascha ist unglücklich mit ihrer Situation. Als sie bei ihrer Arbeit für die städtische Bücherei einen jungen Autor kennen lernt, erwachen in ihr vergrabene Sehnsüchte. Durch die bevorstehende Scheidung ihrer Eltern wird Mascha klar, dass auch sie eine Entscheidung treffen sollte. Aus dem vermeintlichen goldenen Käfig auszubrechen, würde für sie jedoch bedeuten, alles hinter sich zu lassen. Sogar ihren zwölfjährigen Sohn, der sich hinter seiner lauten Musik verschanzt. Die drei Akte zeigen jeweils den selben Abend. Während Mascha in den ersten zwei Versionen nach Streitigkeiten doch wieder bei ihrem Mann bleibt, wagt sie im letzen Teil den Ausbruch, diese Konfrontation spitzt sich zu

Regie führt Michael Grimm, es spielen Rita Hatzmann und Erich Knoth.

Trailer: vimeo.com/120725517

www.ensemble21.at

Wien, 16. 11. 2015

Landestheater NÖ: Tod eines Handlungsreisenden

Mai 10, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Burghart Klaußner als halbdementer Haustyrann

Burghart Klaußner, Christian Sengewald  Bild: M. Horn

Burghart Klaußner, Christian Sengewald
Bild: M. Horn

Das Landestheater Niederösterreich überrascht nicht nur immer wieder mit außergewöhnlichen, ausgezeichneten Eigenproduktionen (etwa: www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-meine-mutter-kleopatra-2/), sondern hat auch ein Händchen beim Einladen von Gastspielen. Diesmal ist es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ in der Regie von Wilfried Minks, eine Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen.

Hauptdarsteller Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ als bester Darsteller. Zurecht. Denn Klaußner zeigt eine Spielart des abgesandelten Abgesandten seiner Firma, wie sie nicht einmal Dustin Hoffman in Volker Schlöndorffs berühmter Verfilmung des Stoffes schuf – wiewohl Minks auf Schlöndorffs Übersetzung zurückgreift. Vor dem einen Dollar darstellenden Bühnenhintergrund entwickelt Klaußner einen aufbrausenden, aggressiven – das geht mit dem Krankheitsbild oft einher -, angedeuteten Alzheimerkranken. Er ist ein tyrannischer Macho, der seiner Frau Linda über den Mund fährt. Frauen schweigen, wenn Männer sprechen. Und wer anpackt, der schafft’s! In US We Trust. Wettbewerb ist Wettlauf. Dabei wusste Arthur Miller 1949 noch gar nichts von Obamas Arbeitslosenzahlen in zweistelliger Millionenhöhe. Immerhin: Sein Pulitzer-Preis gekröntes Werk hat nichts an Aktualität verloren. Klaußner ist kein demütiger Duckmäuser wie viele seiner Loman-Vorgänger. Er ist roh und hart. Und berührt dennoch in den Momenten, in denen er einbricht, wegbricht, weint. Für Sekunden nur. Denn: Ein Familienvater ist ein Mannsbild. Im immerwährenden Lebenskampf.

Margarita Broich als Ehefrau Linda gibt dazu das „Weibchen“. Mit der Betonung auf „gibt“. Naiv, selig in der Realitätsverweigerung. Stets den Wäschekorb zur Hand. In den Gesprächen mit den Söhnen Biff und Happy, in ihrem Zorn, in dem sie einen Blumenstrauß zerschlägt, dass die Blütenköpfe bis in die zweite Zuschauerreihe fliegen, wird klar, dass sie ganz klar sieht. Linda kennt die Wahrheit genau. Doch – und wie wunderbar hat Minks das inszeniert – sind sie und Willy trotz aller Klippen, die sie über die Jahrzehnte umschifft haben, immer noch ein Liebespaar. Und sie schützt ihren Geliebten wie eine Löwenmutter ihr Junges. Die Broich glänzt in dieser Rolle. Ein Diamant in Kittelschürze. Wilfried Minks lässt in seiner zeitlosen Arbeit das Publikum hautnah an die Schauspieler heran. Sein „Spezialeffekt“ zwischen zwei einfachen Sofas und einem Tisch ist die punktgenaue Personenführung. Übergangslos, mit ein wenig anderem Licht, gestaltet er Rückblenden und Parallelszenen. Doch keine löst er schöner als die Schlussszene: Um Willy wird es dunkel, hinten kleidet man sich schon in Schwarz. Seine Darsteller danken’s Minks, indem sie nicht spielen, sondern sind. Kein Satz ist aufgesetzt, aufgesagt. So viel „Realität“ kann beim Zusehen und Zuhören weh tun.

Das gilt auch für Christian Sengewald als Biff und David Allers als Happy. Ersterer die Ex-Football-Hoffnung der Familie, jetzt hauptberuflich Loser, Zweiterer immerhin Angestellter auf dem Weg zum stellvertretenden Filialleiter, aber in den verblendeten Augen des Vaters wurscht. Sengewald und Allers gestalten zwei junge Männer mitten in der Identitätskrise. Sinnierend über den Wert von Arbeit, Einsamkeit, die Sinnlosigkeit der Existenz. Selbst Sex bleibt ohne Sinn. Wie modern ist das denn? Und als es gilt als „Kind“ die Verantwortung für die „alten Eltern“ zu übernehmen, ein Umkehrschwung, den jeder einmal macht, suchen sie das Weite. Klaußner, Broich, Sengewald und Allers sind ein fabelhaftes Quartett. Außerdem sehenswert: George Meyer-Goll als gutmütiger Charley; Oliver Urbanski als dessen Sohn, erst die verlachte Brillenschlange Bernard, dann Staranwalt; Martin Wolf als Lomans eiskalter, sleeker Chef Howard; und natürlich Onkel Ben: Niels Hansen als Geist der Vergangenheit, ein steter Mitspieler, gefährlich lauernd, der Abholer.

„Ein Mensch ist kein Abfall“, sagt Willy Loman zu Howard. Für Manager schon. Das hat sich nicht geändert, das hat sich in den vergangenen 65 Jahren nur verschlimmert. Wilfried Minks hat die Botschaft fein ziseliert. Das Leben wird lediglich als ein im Zusammenbruch begriffenes Überbleibsel von ersehnten Zuständen aufrechterhalten. Doch weil seine Aufführung so fantastisch ist, geht man trotzdem gut gelaunt nach Hause …

www.landestheater.net

www.mottingers-meinung.at/burghart-klaussner-im-gespraech/

Wien, 10. 5. 2014

Burghart Klaußner im Gespräch

Mai 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Tod eines Handlungsreisenden“ am Landestheater NÖ

Margarita Broich, Burghart Klaußner Bild: M. Horn

Margarita Broich, Burghart Klaußner
Bild: M. Horn

Am 9. und 10. Mai bringt das Landestheater Niederösterreich Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ als Gastspiel – Koproduktion des St. Pauli Theaters Hamburg mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Die Inszenierung von Wilfried Minks wurde vielfach ausgezeichnet. Burghart Klaußner erhielt für seine Interpretation des Willy Loman hymnische Kritiken und wurde mit dem Deutschen Theaterpreis Der Faust als bester Darsteller geehrt.

Die FAZ lobte „Burghart Klaußners großes Solo des Scheiterns“ und die Süddeutsche Zeitung sah in Minks‘ vielbeachteter Inszenierung „eine absolut stringente Interpretation des Unglücks“. Ein Gespräch mit dem Hauptdarsteller:

MM: Lieber Herr Klaußner, man traut sich zum „Tod eines Handlungsreisenden“ ja gar nichts fragen. „Faust“-Preis, Hymnen von FAZ bis Süddeutsche … Sind Ihnen derlei Ehrungen wichtig?

Burghart Klaußner: Ehrungen sind immer Emutigungen. Da jede neue Arbeit eine Art Neuanfang ist, kann es nicht schaden bestätigt zu werden. Und so ist die Freude groß.

MM: War Willy Loman die richtige Rolle zur rechten Zeit? Er kann seinen Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten, das können heute viele, vor allem ältere Mitbürger nicht mehr. Die Arbeitslosenrate unter den „Alten“, gut Ausgebildeten steigt. Ist das Ende der „Mittelschicht“ da?

Klaußner: In der Tat sind die wirtschaftlichen Folgen des Älterwerdens auch heute noch keineswegs geringer geworden. Miller hat obendrein mit der Figur des Handelsvertreters eine Art Scheinselbstständigkeit auf die Bühne geholt, die ohne staatliche Altersunterstützung wohl besonders gefährdet ist. Insofern natürlich auch ein Problem der so genannten Mittelschicht. Interessant ist, und eine Entdeckung des Regisseurs Wilfried Minks, aber auch, dass Arthur Miller im Stück eine aufkommende Demenz bei Willy Loman, der Hauptfigur, zeigt. Eine Beschreibung dieser Krankheit gewissermaßen avant la lettre. Denn durch die Straffung und Neufassung des Stückes werden Rückblenden zu Unsicherheiten in der Zeit und so verliert Loman zunehmend die Orientierung.

MM: Sie sind als Jahrgang 1949 auch nicht der Taufrischeste 😉 Stimmt die Mär, dass es Schauspieler „in den besten Jahren“ leichter hätten, Rollen zu finden, als Schauspielerinnen?

Klaußner: Insgesamt gibt es in der dramatischen wie in der Literatur wohl insgesamt mehr Männer- als Frauenfiguren. Warum wohl?

MM: Wilfried Minks hat die Inszenierung in angedeuteten 1950er-Jahren belassen. Sind Sie gegen Zwangsmodernisierungen am Theater?

Klaußner: Unsere Aufführung spielt eher in einer Art Zeitlosigkeit, was dem Thema auch angemessen ist. Gegen Zwang, auch am Theater, bin ich ohnehin, für Modernisierungen aber immer zu haben.

MM: Sie haben Loman in einem Interview als jemanden beschrieben, „der nicht mit allen Wassern gewaschen ist, die man zum Überleben braucht“. Ist er als Wassertreter nicht ausdauernd genug? Worin liegt sein Fehler?

Klaußner: Willy Loman ist ein Mann, der nicht Nein sagen kann. So erschöpft er sich im Räsonnieren über seine Mitmenschen und die Verhältnisse, ohne die Kraft zu haben, das Ruder seines Lebens herumzureißen.

MM: Oder um mit Grönemeyer zu sprechen: Wann ist ein Mann ein Mann?

Klaußner: Siehe oben. Wenn er das kann.

MM: Wie spannend ist es, Teil einer Familie zu spielen, mit der es permanent steil bergab geht?

Klaußner: Der Niedergang der Familie Loman steht dem Niedergang des Hauses anderer, berühmterer Familien, seien sie von heute oder aus der Antike, in nichts nach. Spannend ist sicherlich, wie es einem Intellektuellen wie Arthur Miller gelingt, sich glaubwürdig in die Verhältnisse sehr einfacher Menschen hineinzudenken.

MM: Sie bezeichnen sich in Interviews gern als Choleriker. Ich glaube, Sie sind eher Perfektionist. Da kann’s einen schon auf die Palme treiben, wenn’s grad nicht läuft. Kann das sein? Sie nennen sich auch scherzhaft hauptberuflich Musiker. Singen und Swingen – ist das Ihrs? Ihr Spektrum reicht ja von den Comedian Harmonists bis zu Georges Brassens …

Klaußner: Die Musik dient dem Choleriker, wie dem Perfektionisten dazu, sich zu verlustieren!

 MM: Sie sind in Österreich als strenger Pastor in „Das weiße Band“ sehr bekannt geworden. Gibt’s Pläne, wieder einen österreichischen Film zu machen?

Klaußner: In Österreich zu drehen steht momentan nicht auf dem Plan. Was schade ist, denn ich liebe die Österreicher in der Kunst! Mein all time Vorbild war ein Jenischer aus Salzburg, der unvergessliche Alexander Wagner, von dem ich, wenn überhaupt etwas, dann all Das, gelernt habe.

 MM: Es gibt aber Filmpläne: Sie drehen in der Regie von Torsten C. Fischer „Georg Elser“, habe ich gelesen. Können Sie dazu schon etwas sagen? Elser ist ja eine Persönlichkeit, die neben Stauffenberg meist verblasst …

Klaußner: Elser ist in der Geschichte des Widstandes gegen den Nationalsozialismus eine Sonderscheinung.Natürlich unser Aller Pechvogel, der Hitler nur um fünfzehn Minuten verpasste. Der als absoluter Einzelgänger aber bewiesen hat, dass auch im größten Terror das Gewicht eines Einzelnen entscheiden kann. Elser wird übrigens Christian Friedel sein, der Lehrer aus „Das weiße Band“. Ich selbst werde dann im Herbst Gelegenheit haben einen anderen, einen Nachkriegszeithelden in Deutschland zu spielen, den Staatsanwalt Fritz Bauer nämlich, der mit seiner Hartnäckigkeit den großen Frankfurter Auschwitz Prozess ermöglichte, der dazu beitrug, in der deutschen Nachkriegsgeschichte endlich eine Auseinandersetzung mit dem Nazitum zu beginnen.

www.landestheater.net

www.burghartklaussner.de

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zJRIAB8VgO8

Wien, 5. 5. 2014