Volx/Margareten: Urfaust / FaustIn and out

Februar 29, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Gretchen im Faust’schen Kellerverlies

Kein Eisen ist zu heiß, Gretchens Gegenwehr wird kurzerhand glattgebügelt: Sebastian Pass, Steffi Krautz und Nadine Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Habe nun, ach! Es oft genug gehört, gesagt, gelesen, doch Günter Franzmeier tut’s noch und noch. Der brüchige Balkon mimt die Studierstube, hier sitzt der Schauspieler erster Wahl und rezitiert, repetiert den Welttheatermonolog, synkopiert, verjandlt, verbalsert seinen Faust, je neue Betonung eine neue Bedeutung, alldieweil unter ihm im Zimmer-Küche-Kabinett-Keller die Wiederholung zum Mundhygiene-Ritual wird. Putzen, spucken, der Notdurftkübel, das mit dem Aufbegehren übt sich erst.

Im Volx/Margareten hat Bérénice Hebenstreit Elfriede Jelineks Daunenkissenschlacht gegen Marmorkopf-Goethe inszeniert, „Urfaust / FaustIn and out“, jenen theatralen Kulminationspunkt, an dem die Autorin Margaretes „Ich schreye laut, laut dass alles erwacht“ mit Fritzl-Tochter Elisabeths Satz „Ich habe in all den Jahren oftmals geschrien, aber es hat mich niemand gehört“ kollidieren lässt – und Hebenstreit samt Dramaturg Michael Isenberg haben die Texte derart genialisch verschränkt, dass man verteufelt gut achtgeben muss, wo Geheimrat aufhört und Literaturnobelpreisträgerin anfängt. Sie haben den „Olympier“ nicht etwa über-, sondern die Jelinek fortgeschrieben, nahtlos greift da eins ins andere, bis Doktor Chauvi in der Selbstdekonstruktion angelangt ist.

Nahtlos, das gilt auch für das großartige Raumkonzept von Ivan Bazak, die diversen Lichtstimmungen von Markus Hirscher, die Musik von Kerosin95 aka Kathrin Kolleritsch mit Oliver Cortez. Zu Franzmeier gesellen sich die Unter-der-Erdgeister mit den speziellsten Stimmen des Hauses, Steffi Krautz als GeistIn, Sebastian Pass als Zweiter Geist und Nadine Quittner, deren FaustIn sich zur Gretchen-Figur redupliert. Im Sinne des jeli-neckischen „Ich renne mit der Schaufel und dem Besen hinter ihm her und beseitige den Menschenmüll, den der Klassiker hinterlassen hat“, sind die Eingekerkerten am Großreinemachen, Parkett wischen, Wände wienern, man beachte den Doppelsinn des Wortes „aufräumen“, bügeln. Kein Eisen ist zu heiß, als dass nicht Gretchens Gegenwehr damit zu plätten wäre, die Kellerkinder in Fausts Verlies sind einander Verbündete wie Feinde.

Herr Faust lässt seine Socken sortieren: Pass, Krautz und Quittner. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Das Feigenblatt der Versuchung: Quittner, Pass und Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Sie ist gerichtet. Ist gerettet. Oder doch gerichtet: Steffi Krautz. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Postfeministisches Kaffeekränzchen: Quittner, Krautz und Pass. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Bis Heinrich-mir-graut-vor-dirs Schwadronade endlich die Widerspruchs-Geister weckt. Haben die drei in ihren blassrosa Puffärmelblusen eben noch mit zusammengekniffenem, damit schärferem Auge schwarze Herrensocken verpaart, Krautz sie vorne auf die Wäscheleine geklammert, während Pass hinter ihr die Kluppen abgeklipst und die Socken ihrem Absturz anheimgestellt hat, heißt: apropos Heim, auch ein Haushalt ist ein Loch, eines ohne Boden, besinnen sie sich nun scheint’s auf ihre stets verneinende Charakterbeschaffenheit.

Der Herr oben ist grad beim Pudel, da pinkeln ihn die unten schon postfeministisch an, pardon, aber die Haxn-Heb‘-Metapher ist von der Jelinek höchstselbst, die Störfaktoten nun beim Kaffeetrinken, Steffi Krautz von geradezu mephistophelischer Süffisanz, Sebastian Pass eine Puck’sche Spukgestalt, das Metawesen mit Migräne und der seinen gefährlichen Spaß treibende Narr – sehr durchdacht ist das alles, sehr klug, wie Hebenstreit den Kanon zwar bedient, aber nie ohne den Hinweis, dass die großen Fragen, die der „Faust“ debattiert, aus Sicht der physisch wie psychisch weggesperrten Frau irrelevant sind. Seine Welt gibt’s für sie nicht. Zutritt verboten.

Ohne den abgenudelten #toxischeMännlichkeit zu bemühen, führt die Regisseurin den 2012er-Text über die Distanz der damaligen Tagesaktualität ins Grundsätzliche männerbestimmter Machtverhältnisse und das fremd- bestimmte In-der-Versenkung-Verschwinden der Frau. Nachdem Quittners Schilderung von Szenen aus dem Fritzl-Keller einem den Magen umgedreht hatten, folgt ihr (auch persönlich empfundener) Protest, wieso allein Margarete zur Büßerin auserkoren ist, folgt die lapidare Feststellung: „Warum all die Mädels in den Kellern? Sie könnten ja in einem Turm gehalten werden. – Aber einen Turm hat nicht jeder.“ Das ist Jelinek pur. Die Tragifarce, die mit ihrer Satire den Dichterfürsten vom Sockel, vom Parnassos in die Alltagsbanalität des Bösen holt.

Faust verschlägt’s vom erhabenen Studierrang in die Tiefen einer TV-Talkshow: Günter Franzmeier mit den jelinekischen Kartonköpfen. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Hebenstreits Ideenreichtum unterstützt die absurde Groteske, siehe Socken, siehe Bügeln, beides wie ein Ballett choreografiert, die Darsteller virtuos beim Sprühnebeln mit dem Spritzerl. Quittner muss den Strom für den Stecker selber produzieren, die Energieversorgung aus dem Oberschenkel funktioniert zwar trotz Elektroschlägen ganz gut, dann hält sie den Stecker ans Herz – und fällt vom Hocker. Welch ein Bild! „Wir sind in bester Form, wenn auch in weiblicher!“, sagt Krautz‘ GeistIn.

Und hat damit einmal mehr die Lacher auf ihrer Seite. Und wieder Zeitenverschiebung, Quittner-Margarete-Elisabeth, die um ihr totes Kindchen trauert, Krautz und Pass, die aufsässigen GeistInnen, die den heiligen O-Ton wie eine Liturgie leiern, Faust, der zornige Zitatenschleuderer, der sich zu guter Letzt gottvaterisch unters Volk mischt. Aber, ach! Der Abstieg ist kein Osterspaziergang, statt in Gretchens Kammer verrennt sich Faust in eine TV-Talkshow, rund um ihn nur Kartonköpfe, die mit ihren Strichcodes irgendwie Elfriede Jelinek ähneln, und seinen Fall öffentlich verhandeln. So kehrt sich das Ist-Gerettet ins Ist-Gerichtet zurück, die Medien sorgen schon dafür, dass das Opfer Mitschuld trägt, und die Online-Foren für passenden Hass und Verachtung.

„Ich habe versucht zu schreien. Aber es kam kein Laut heraus. Meine Stimmbänder haben einfach nicht mitgemacht“, schrieb Natascha Kampusch in ihr Buch. Steffi Krautz spinnt ein Bluthalstuch, aber Nadine Quittner leiht der gehenkten Margarete ihre Stimme. In einem kraftvollen Musikfinale erteilt die FaustIn dem „lieben Menschheitsdrama“ eine Abfuhr, sie rappt sich in Rage, hiphopt sich heraus aus dem engen Rahmen der „immer gleichen Bilder“ von Weiblichkeit. Mit diesem Höhepunkt entlässt einen der fulminante Abend in die Nacht. Ein Beweis für die Spielerstärke des Volkstheater, ein Plädoyer für den Erhalt der Spielstätte im Fünften.

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  1. 2. 2020

Volx/Margareten: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Mai 16, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Völlig losgelöst von der Erde

Sebastian Pass und Anja Herden. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Ende der 1970er-Jahre zeigte endlich auch der ORF die britische Science-Fiction-Serie „Star Maidens“, ein nicht bierernst gemeinter Battle of Sexes, ein Umkehrspiel tatsächlich bestehender Machtverhältnisse, nach dem wir Mädchen so verrückt waren, dass wir per Androhung eines Aufstands im Aufenthaltsraum des Schikurszentrums einen Fernsehapparat ertrotzten, um nur ja keine Folge zu verpassen.

War ja auch zu schön, die All-Schwestern, die über ihren Planeten Medusa regierten, während die Männer, der berühmteste davon Pierre Brice, ihnen als „Abhängige“ oder „Unfreie“, erstere als Haussklaven, zweitere wegen Ungehorsam auf die toxische Oberfläche strafversetzt, zu dienen hatten. Ähnliches hat sich Autorin Sibylle Berg für ihre Groteske „Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause“ überlegt, die Felix Hafner nun im Volx/Margareten inszeniert hat.

Das Setting ist ein chauvinistisches System, ein vereintes Europa ist Vergangenheit, der Kontinent im Würgegriff von Nationalismus und Faschismus, Fremdwörter und jede Form gesellschaftspolitisch korrekter Sprache sind verboten, „alle Länder werden von Männern regiert, die nackt auf Pferden sitzen und eine Mauer um ihr Land gebaut haben“. Berg untermauert ihre Thesen mit trübbrauen Sätzen. Was der Frau also bleibt, ist die Flucht. Völlig losgelöst von der Erde wollen vier Weltraumfahrerinnen auf dem Mars eine matriarchale Siedlung gründen. Allein, um den Fortbestand dieser zu sichern, braucht es Männer, notgedrungen, fürs Geschlechtliche …

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

 

Mit Glitzervorhang, Matratze, Polstern und Decken schafft Hafner das utopisch-schwülstige Ambiente für Bergs wuchtigen Text, der mit etwa „Das kann einen doch verrückt machen, dass ein Mensch, mit dem man in einem Bett liegt, seine eigenen Gedanken hat, fast wie jeder beliebige Fremde, und dass man nie, nie eine Nähe herstellt …“  vor schönen, wahren, traurigen Sätzen strotzt. Nach „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ und „Und dann kam Mirna“ ist „Nach uns das All“ der letzte Teil von Bergs Menschen-mit-Problemen-Trilogie, und ihre Antiheldin des 21. Jahrhunderts muss diesmal zur Rettung der Menschheit bei einer Castingshow antreten. Mission Mars, heißt das Motto, doch die Besiedelung ist paarweise zu bewerkstelligen, also müssen Partner her.

Berg hat in ihrem Text nicht vorgegeben, wie viele Personen diesen zu realisieren haben. Gelesen werden könnte er auch als verzweifelter Monolog einer Frau mit multiplen Persönlichkeiten, die diese immer wieder anruft. Hafner hat sich mit Anja Herden, Saskia Klar und Isabella Knöll, Peter Fasching, Sebastian Plass und Lukas Wurm für drei Frauen und drei Männer entschieden, die meist im Chor sprechen und nur selten als Individuen auftreten. Es sind also sechs Millennials, die sich im Schlagschatten einer Raketenstartrampe mit Bio- und Psychotests und dem IT-Wissen Sechzehnjähriger auf die Flucht vor der Unerträglichkeit vorbereiten. Die Situation unterfüttert der Regisseur mit Tschechows „Drei Schwestern“, statt Gemma, Lina und Mirna werden auch Olga, Irina und Mascha angerufen, nur heißt’s eben nicht mehr: Nach Moskau!, sondern Zum Mars!

In vielen kleinen Inszenierungsdetail entwickelt Hafner die Charaktere, und derart treten drei selbstbewusste, selbstironische Frauen einem Grüppchen Männer entgegen, einer schwul, einer arbeitslos, einer nimmt aus einer nationalen Verbindung Reißaus, denen es selbst am meisten ausmacht, auf die Rolle des Samenspenders reduziert zu sein. Sie versuchen sich um nichts weniger von ihren Qualitäten zu überzeugen, als die Damenwelt, die sich zwischendurch durchaus mal lüstern räkelt, aber nur um gleich darauf den weiblichen Macho zu markieren, und die Männer in ihre Schranken zu weisen.

Mit „Nach uns das All“ ist Hafner der derzeit definitiv gewitzteste, selbstkritischste und in jeder Hinsicht gegenwärtigste Theaterabend gelungen, der das Publikum nicht über Zukunft, sondern über die Gegenwart nachdenken lässt. „Wir hätten sie nicht verärgern sollen, die 80 Prozent“, skandiert das Ensemble. „Im Sekundentakt wollten wir freie Drogen, kein Fleisch mehr an Schulen, das Recht, als Frau nackt durch die Straßen zu laufen, wir wollten, dass jeder jeden heiraten kann und dass Geräte, Pflanzen und Tiere Menschenrechte haben.“ Welch eine Übertreibungskunst.

Saskia Klar und Sebastian Pass. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die hier zelebrierte Ironie trifft so knapp vor den EU-Wahlen nicht nur den Kern des europäischen Rechtsrucks, sondern auch die Links-Intellektuellen in ihrer Resignationsblase. Langer Applaus am Ende eines Abends, der die Frage stellt: Muss es wirklich so weit kommen? Und: Mit wem an Bord wird die Rakete schlussendlich abheben? Von Sibylle Berg gibt es dieses Frühjahr noch mehr: Erst kürzlich erschien ihr Roman „GRM – Brainfuck“, am 24. Mai bringt Ersan Mondtag bei den Wiener Festwochen ihr „Hass-Triptychon – Wege aus der Krise“ zur Uraufführung. Beides wird an dieser Stelle rezensiert werden.

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15. 5. 2019

Volx/Margareten: Watschenmann

Februar 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der „Stunde Null“ den Mythos runtergeräumt

Die Violine spielt zum Wahnsinn auf, wenn sich Heinrich verhauen hat lassen: Rainer Galke, Katharina Klar und Hristina Šušak. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

„An was denkst du, Lydia, wenn du geschlagen wirst?“, fragt Heinrich an einer Stelle. Statt einer Antwort spuckt diese ihm vor die Füße. „Wirst wohl aufhören mit der Fragerei. Wochenlang redest nix, und dann.“ – „Wenn sie mir in den Arsch treten, denke ich an dich, psiću“, sagt statt ihr später Dragan. Psiću heißt junger Hund, das heißt Welpe. Diesen Dragan und die Lydia und den Heinrich hat die Nachkriegszeit zu einer Art Vater-Mutter-Kind-Konstellation verschweißt.

Die Gelegenheitsprostituierte, die auf ihren verschollenen Schuster wartet, der serbische Boxer und der Bub, eigentlich schon ein Bursch von zwanzig, aber körperlich und vor allem im Kopf ein Kind geblieben. Bérénice Hebenstreit hat im Volx/Margareten Karin Peschkas großartiges Buch „Watschenmann“ in einer von ihr erstellten Bühnenfassung uraufgeführt. Das Jahr ist 1954, Stalin tot, Franz Jonas Bürgermeister und die Alliierten sind kurz vor dem Abzug aus Wien. So etwas wie Normalität will man endlich haben, gaukelt sie sich auch vor, doch tief haben sich die NS-Traumata in die Nachkriegsgesellschaft gefressen. Nichts ist mehr „Heil!“, und ohne alle Zimperlichkeit, so wie Peschka ihre Romanwelt entworfen hat, so folgt ihr Hebenstreit. Sie zeigt das Dasein ihrer Protagonisten, wie brutal, immer wieder auch grotesk, jedenfalls aber bescheiden es auch sein mag, ohne Effekt- und Gefühlshascherei.

Kein Elendskitsch, nirgendwo, sondern eine beinah kahle Spielfläche, darauf einzig ein dunkel-transparentes Stoffgebilde von Mira König, als Synonym für den baufälligen Schuppen, in dem die Schicksalsgemeinschaft haust. Auch die in der Lesevorlage schwer auszuhaltende Gewalt spart sie größtenteils aus. Musikerin Hristina Šušak begleitet das Geschehen auf der Geige, deren schrille Töne mal ein Schrei, mal die Kakophonie des Wahnsinns, und stampft Šušak mit dem Fuß, sind ihre Tritte jene Schläge, die Heinrich treffen. Der hat nämlich beschlossen, sich prügeln zu lassen, um den Leuten den „Kriegswurm“ auszutreiben. Wie der Watschenmann im Prater will er als Ventil für Aggressionen dienen, und, indem sie ihn verdreschen, die Menschen zu besseren machen. Um das zu erreichen, provoziert er, denn wer das tut, wird unter Garantie geprügelt wie ein Straßenköter.

Heinrich geht mit G. I. Elmer auf ein Gulasch und ein Bier: Katharina Klar und Sebastian Klein. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Katharina Klar spielt den Heinrich mit hoher Intensität, eine androgyne Figur, so lässt sie ihn durch den Raum wirbeln, lässt ihn sich regelrecht berauschen an den Misshandlungen, die ihm tagtäglich angetan werden, und entwickelt ein ganzes Regelwerk, das dessen Mission zur genialischen Kunst machen. Beinah weh tut’s einem im Publikum, wenn dieser im schmutzigweißen Herrenunterhemd so zarte, zerbrechliche Heinrich den Blickkontakt sucht.

Wenn er schildert, wie er sich, werden ihm die Knochen gebrochen, einen Raben vorstellt, mit dem er wegfliegt. An seitlichen Mikrophonen übernehmen die Mitspieler Rainer Galke, Birgit Stöger und Sebastian Klein dazu die Erzählerstimme. Kommentare aus dem Off, die sich mühen, die bizarre Situation zu erklären, und außerdem Peschkas brillanter Prosa zu ihrem Recht verhelfen. Den Spiegelgrund, erfährt man von ihnen, könnte Heinrich überlebt haben, womöglich vom eigenen SSler-Vater als Verrückter dorthin verbracht worden sein.

Neben der Eindringlichkeit der komplizierten, komplexen Figur Heinrich müssen die anderen Charaktere fast zwangsläufig wie Scherenschnitte wirken. Birgit Stöger legt ihre Lydia als derbe Trümmerfrau an, der kaum je ein gutes Wort auskommt. Zu ihrer harten Schale ist Rainer Galkes Dragan der weiche Kern, ein mitfühlender, mitleidiger Mann. Es sind die schönsten Momente dieser so erbarmungslosen wie poetischen Inszenierung, wenn Galke Dragan an Heinrich seine Vater-Sohn-Liebe ausleben lässt.

Ihnen zugesellt hat Karin Peschka ein Panoptikum an Tätern und selbsternannten Opfern, Avisierer und Akquirierer, Erniedrigte und Beschädigte, die nun ihrerseits erniedrigen und schädigen, und Hebenstreit gestaltet deren Untotentanz mit Galke als Wirt und Schaffner, Stöger als russischem Soldaten und der „Pritschlerin“ – und dem wunderbar wandlungsfähigen Sebastian Klein. Der wechselt sozusagen im Minutentakt zwischen dem prinzipiell hilfsbereiten, aber überforderten G. I. Elmer, dem gespenstischen Nazi Lichterl-Sigi und dem Schläger Egon Schlier, der draufhaut, „damit einmal a Ruh‘ is“.

Die harte Schale und ihr weicher Kern: Rainer Galke und Birgit Stöger mit Katharina Klar. Bild: © Christine Miess / Volkstheater

Eine grandiose Studie gelingt Klein als im Konzentrationslager Theresienstadt gepeinigter, an Leib und Seele zerschundener Straßenmusikant „Kummerl“. Er ist es, dem die von der Autorin beschriebene „inwendige Leich‘“ aus den Augen schaut, wenn er mit Mund- und Ziehharmonika, die Tschinellen um die Knie gebunden, durch die ausgebombte Stadt zieht. Ein Zerrbild seiner Gegenüber, die schon die Baugrube für den Ringturm beglotzen gehen.

Bérénice Hebenstreit jedenfalls hat aus Peschkas für die Bühne nicht ungefährlicher Sprache aus Innenschau und allwissender Außenperspektive eine perfekte Theaterarbeit gemacht. Das Ensemble weiß deren spröde Schlichtheit ausdrucksvoll umzusetzen, und gemeinsam und wie nebenbei räumt man der „Stunde Null“ den gern beschworenen Mythos runter. Etwa, wenn Birgit Stögers Lydia erst aus der Zeitung vom Wiederaufbau vorliest – und dann ohne viel Federlesen ein paar Hühnereier in die bedruckten Seiten wickelt …

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  1. 2. 2019

Volx/Margareten: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs

März 9, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit großer Sachlichkeit vom Schrecken reden

Anja Herden im Doppelmonolog. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Anja Herden hebt die Hände. Nicht entschuldigend, sondern erklärend, wie er sich immer wieder abspult, ihr Albtraum, in dem sie ihrer afrikanischen Freundin im Wortsinn auf den Kopf macht. Diese kurze Episode knapp vor Ende des Abends bedeutet auch dessen Wendepunkt. Raus aus Milo Raus dokumentarischem Theater, weg aus der Vorhersehbarkeit der Ereignisse, vom faktischen Schrecken hinüber in den fiktiven. Anja Herden kann von beiden mit großer Sachlichkeit reden.

Die Charakterdarstellerin spricht die beiden Rau’schen Monologe in „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“, das nun im Volx/Margareten Premiere hatte, den der hellhäutigen und den der dunkelhäutigen Frau, beide Schauspielerinnen, wobei in Wien die Weiße eindeutig dominiert. In Berlin, bei der Uraufführung an der Schaubühne, erzählte Consolate Sipérius, in Brüssel lebende Schauspielerin aus Burundi, der Kamera ihre persönliche Fluchtgeschichte und ihre Erfahrungen als „kleines Negerkind“.

Hier hat Herden Consolates Part mit übernommen. Das funktioniert dank ihrer Wandelbarkeit. In der Maske von Adrienn Ruborics mit blonder Perücke gibt sie danach die deutsche Ex-NGO-Mitarbeiterin. Eine Doppeldeutigkeit, mit der Regisseur Alexandru Weinberger-Bara das europäisch-schlechte Gewissen peinigt. Die trotz allem Außenstehende mit ihrem Mix aus Faszination, Angst und Verachtung für Afrika und die Innensicht aufs Leid.

Der Schweizer Theatermacher und Aktivist Milo Rau ist ein unermüdlicher Streiter für Aufklärung. Über die Massenarmut und die Völkermorde auf dem afrikanischen Kontinent hat er mehrfach gearbeitet, „Hate Radio“ 2011, „Das Kongo Tribunal“ 2015, nun mit „Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs“ ein weiterer Beitrag zum gegenseitigen Abschlachten der Hutus und der Tutsis in Ruanda. Auch er entstanden aus zahllosen Interviews, zu einer Genozid-Geschichte montierte Erlebnisse, ein Tatsachenbericht, der erschüttert, aber auch ein erstaunliches Reflexionsspiel bietet, das mit einfachen Erkenntnissen, mit den hiesigen Gewissheiten ein für alle Mal aufräumt.

Weinberger-Bara hat das mit großer Sensibilität inszeniert, er lässt Herden den Platz, den sie für ihre Schilderungen braucht. Ein paar Kleiderhaufen, ein Diaapparat, der Landkarten und Fotos an die Wand wirft. Und die Frage: Sind vier ertrunkene Flüchtlinge auf Lampedusa weniger wert, als Millionen in Afrika Umherirrende? Die Weiße hat ihr Mitleid irgendwo in der Grenzregion zur Demokratischen Republik Kongo verloren. An manchen Tagen verzichtete sie sogar aufs Duschen, weil im See, aus dem das Waschwasser kam, zu viele Leichen schwammen …

Es ist der wohldosierte Zynismus dieser Figur, einer, den man im Gefolge der Mainstreammedien täglich nachvollzieht, der einem die Gänsehaut die Arme hochtreibt. Hinter jedem Satz bitterer Wahrheit steckt eine weitere, verborgene. Und Herden hebt geschickt die Kunstfiguren auf eine reale Ebene. Fast zum Lachen der Sager, europäische Theater würden sich mit dem Leid der anderen wichtig machen.

Am Ende wieder Consolate, die nun aus dem Film, in dem sie gefangen war, heraustritt, um über Quentin Tarantinos „Inglorious Basterds“ zu erzählen. Die Szene, in der die Jüdin Shoshanne Dreyfuß in ihrem Pariser Kino auf der Leinwand auftaucht und Rache nimmt, indem sie die anwesenden Nazi-Größen mit Maschinengewehren erschießen lässt. Als die Herden dies ausführt, wird sie ernster als zuvor: „Mein Regisseur meinte, ziel‘ doch mit der AK-47 auf das Publikum, während du das sagst.“ Sie tut es nicht.

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  1. 3. 2018

Volx/Margareten: Heimwärts

Januar 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas durch die tragikomische Groteske

Unter der Fuchtel des tückisch-türkischen Beamten: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Die Geschichte ist so abenteuerlich absurd, dass sie so ähnlich passiert sein muss. Und das ist sie auch. Mit einem Onkel von Autor Ibrahim Amir. Zwei knappe Wochen, bevor im Werk X die vom Volkstheater aufgegebene Wien-Premiere von „Homohalal“ stattfinden wird, zeigt das Haus im Volx/Margareten dessen Stück „Heimwärts“. Darin macht sich eine Gruppe Menschen auf, den todkranken Hussein von Wien zurück nach Aleppo zu bringen.

Mehr als 40 Jahre hat der in Österreich gelebt, ist längst Staatsbürger, doch will er umgeben von seiner Familie in der Heimat beerdigt werden. Allein, Hussein stirbt schon unterwegs. Ausgerechnet in der Transitzone in der Türkei. Und so beginnt ein steiniger Behördenweg um die Ausstellung eines Totenscheins, der die Weiterreise mit der Leiche ermöglicht, um den letzten Wunsch des Onkels zu erfüllen …

Die junge deutschtürkische Regisseurin Pinar Karabulut legt mit dieser Inszenierung ihre erste Arbeit in Österreich vor. Sie überdreht Amirs tragikomische Groteske, dreht am Rad bis zum Anschlag. Alles ist bunt, laut und schrill, das verwischt nicht wenig Amirs Zwischentöne, überplärrt seine melancholische Baseline, mit der er die Begriffe Herkunft, Heimat und die aus beiden resultierende Identität durchdekliniert. Denn diese sind, ja diese bedeuten für alle Figuren im Stück etwas anderes.

Gemäß dem Stefan-Zweig’schen Satz, der Migrant hätte keine neue Heimat gefunden, sondern nur seine alte verloren, fühlen sich Hussein und sein – wie früher auch der Autor Medizin studierender – Neffe Khaled. Es ist einer der traurigsten und poetischsten Sätze, wenn Hussein über Wien und die Wiener sagt: „Ich kam nie dem Gefühl nah, auf Deutsch geliebt zu werden.“

Der die beiden begleitende Arzt Osman wiederum ist gebürtiger Türke und in extremem Zwiespalt zwischen seinen Gefühlen um seine türkische Identität und der Politik in seiner Heimat. Die Krankenschwester Simone ist eine Transgender-Person und definiert ihr Ichbewusstsein über ihr tatsächliches Geschlecht, ein Twist, den das Stück nicht wirklich auch noch gebraucht hätte. Und schließlich sind da ein Hitler gutheißender Grenzer und sein höherer Beamter Bekir, Gastarbeiterkind und Türkeirückkehrer und als solcher nicht ernst genommen und ergo ein besonders radikaler Verfechter des Türkentums …

Selfie mit Leiche: Günter Franzmeier und Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Khaled argumentiert um sein Leben: Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Für dieses Roadmovietheater hat Aleksandra Pavlović einen plüschroten Mix aus zu überwindendem Berg, Bürokratenthron und verwachsenem Auto erdacht, dazu eine Moscheenuhr, auf der die Zeit(en) immer wieder neu zu stellen ist beziehungsweise sind. Die überzeichneten Charaktere agieren mit ebensolcher Mimik und Gestik, so dass mitunter weniger Vollgas mehr gewesen wäre (was auch auf die Kostüme zutrifft).

Einzig Günter Franzmeier bleibt bei sich und macht aus Hussein eine Art Nathan den Weisen II. Dass die Figur nicht versteht, dass sie verstorben ist, sondern sich immer erneut ins Geschehen um sie einmischen will, macht wohl den Reiz der Rolle aus. In Rückblenden erzählt dieser Hussein sein Leben, dabei auch der schönste, einzig stille Moment der Aufführung, als er von seiner flüchtigen Liebe zur Polin Annamaria berichtet, er dem Faschismus Syriens, sie dem Kommunismus entkommen. Eine Liebe ohne Happy End, denn: „Wie sollen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Sprache übers Gebrochensein reden?“

Übertitel, auf die das Volkstheater so stolz ist, gab es diesmal keine. So erfährt man in den langen, auf Türkisch gesprochenen Passagen das „Fremdsein“ aus erster Hand. Ein gewollter Effekt und die Ahnung, dass etwas Lustiges abläuft, wenn das kundige Publikum rundum auflacht. Nur manche Szenen werden auf Deutsch wiederholt.

Klar wird die Truppe für Politaktivisten, und da Hussein und Khaled Kurden sind, auch noch für Terroristen gehalten. Kaspar Locher als Khaled und Günther Wiederschwinger als Osman spielen daher die meiste Zeit knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs. Isabella Knöll ist als anpassungswillige Simone schön peinlich. Ein Kabinettstück als tückisch-türkische Beamte versuchen Oktay Güneş und Sebastian Pass als Bekir.

Am Ende kommt der Putschversuch gegen Erdogan und mit ihm das Chaos. Ein entwurzelter Toter hält die vaterländische Rede an das Volk und Heimat hat plötzlich mit Ehre, Treue und Glauben zu tun. Und einmal mehr verwundert, dass die, die mit den selben Schlagworten um sich schlagen, jene sind, die sich am wenigsten leiden können …

Isabella Knöll im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27780

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  1. 1. 2017