Theater zum Fürchten: Ab jetzt!

Februar 17, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Schreckschraube mutiert zur Männerfantasie

Gruselige Roboterfrau: Christina Saginth als „GOU 300 F“ und Anselm Lipgens als Synthesizer-Nerd Jerome. Bild: Bettina Frenzel

Der große Gag kommt nach der Pause. Da lässt Regisseur Marcus Ganser nämlich eine neue „GOU 300 F“ auftreten, Martina Dähne statt Christina Saginth, und wie böse ist das denn? Die Auswechselbarkeit der Frau so auszustellen, ihren Austausch von der Schreckschraube zur Männerfantasie – selbst wenn sie eine Maschine ist! Das Theater zum Fürchten zeigt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt!“. Und es ist absolut der Abend von Saginth und Dähne.

Wiewohl über diesen ganz anderen Ayckbourn mitunter gesagt wird, er sei nicht sein bester, sollte man dies Urteil nach einer Inszenierung mit diesen beiden Schauspielerinnen zumindest überdenken. Erzählt wird aus der Zukunft. Fünfzehn Minuten fast forward gibt Ayckborn als Zeit an, die im Entstehungsjahr des Stücks, 1987, noch eine dystopische war, mit Internet-Nerds, die in No-Go-Areas auf Human-Voice-Synthesizern herumspielen, während draußen der Großstadtkrieg tobt. Einer, der sich so in seiner Computerhöhle verbarrikadiert hat, ist der Komponist Jerome. Der hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, samt Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für deren Besuch samt Sozialamtsmitarbeiter an einer heilen, neuen Familie. Mittels Leihschauspielerin Zoe, die er für die Rolle der Verlobten anmietet. Als Haushaltshilfe fungiert allerdings der Roboter „GOU 300 F“, und der hat nicht wenige, sondern gewaltige Macken.

Es folgt ein erstes Aufeinandertreffen der Königinnen dieser Komödie. Total derangiert taucht Martina Dähne als Zoe auf, die Straßengang „Töchter der Finsternis“ hat sie gerade angegriffen und ausgeraubt, aber so arm dran kann diese Zoe gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in plötzlichem Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Dähne diese Übung, aus einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Auftritt nun Christina Saginth als GOU, und das Publikum biegt sich schon bei ihrem Anblick vor Lachen, erscheint sie doch als gruselige Gouvernante mit knallroter Struwwelperücke, die ihrem Schöpfer, wenn schon nicht den Kopf wäscht, so immerhin permanent das Gesicht abwischt. So er die Schreckschraube nicht in den Standby-Modus schickt.

Jerome mietet sich eine Schauspielerin für die Rolle seiner Verlobten: Martina Dähne als Zoe und Anselm Lipgens, digital dabei: Andreas Steppan als Lupus. Bild: Bettina Frenzel

Tochter Geain ist neuerdings lieber ein Sohn, ein „Hurensohn“: Carina Thesak und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Nach der Pause mit neuer Maschine: Christina Saginth nun als Corinna, Wolfgang Lesky als Mervyn, Martina Dähne als „GOU“ und Anselm Lipgens. Bild: Bettina Frenzel

Ist das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. Man prallt also aufeinander, und bald weiß man nicht mehr, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Ganser lässt sich ausnehmend viel Zeit, um das zu erzählen, und so dauert’s eine ziemliche Weile, bis die Gags zünden und die Sache in Schwung kommt. Was definitiv passiert, sobald Dähne zur GOU wird, von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert.

Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest zuerst. Den abgetakelten Kreativen im Hightechbunker gibt Anselm Lipgens mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so zynisch und vor allem Frauen gegenüber süffisant, dass man den Beziehungsgestörten gerade noch sympathisch finden kann. Wahrlich kein Daniel Düsentrieb, greift er dem von ihm geschaffenen Wesen gern einmal unter den Rock oder in die Bluse oder ins künstliche Gehirn, um die Verkabelungen zu überprüfen, und als es ihm nicht gelingt, Zoe nach seinem Willen zu gestalten, taucht die als Maschine wieder auf.

Was die gespenstische Frage aufwirft, zumal sich die Maschinenfrau bald als besserer Mensch entpuppt, ob hier eine GOU oder doch Zoe „überarbeitet“ wurde … Christina Saginth schlüpft derweil in die Rolle von Jeromes Ex-Frau Corinna, eine herzgebrochene frisch Geschiedene, die sich angesichts der Nanny-Fähigkeiten von dessen „Verlobter“ für eine Versagerin hält. Carina Thesak ist als Tochter Geain ein genderverwirrter Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, mit Punkfrisur und martialischem Outfit nunmehr Mitglied der Männerherrschafts- bewegung „Hurensöhne“, wird aber in Zoe/GOUs zarten Händen flugs wieder zur Sie.

Herrlich skurril auch Wolfgang Lesky als Mervyn vom Sozialamt, ein T.C.-Boyle-Lookalike, dem beim Anblick der sexy Männerfantasie Zoe/GOU die Schlabberzunge aus dem Mund fällt – die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Mannseins. Andreas Steppan, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss. Ein Umstand, dem übrigens niemand Beachtung schenkt.

GOU hat an Geain eine wunderbare Wandlung vollzogen: Carina Thesak und Martina Dähne. Bild: Bettina Frenzel

Jerome schraubt an den Schaltkreisen von GOU herum: Anselm Lipgens und Christina Saginth. Bild: Bettina Frenzel

Was Ganser und sein Ensemble ab der Familienzusammenkunft vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen nun auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance, in der sie Geschlechterstereotype auf den Kopf stellen, mit Identitäten jonglieren und Mann-Frau-Klischees wie im Kaleidoskop drehen. Am Ende läuft GOU durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell rotiert von Minute zu Minute schneller, und Carina Thesaks Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat „Ab jetzt!“ genug Material zum Komponieren. Mit viel Witz und Gespür für schwarzen Humor hat Marcus Ganser dem Theater zum Fürchten einen anfangs etwas stockenden, später aber höchst vergnüglichen Abend beschert.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 2. 2019

Theater zum Fürchten: Troilus und Cressida

Januar 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Soldateska aufs Korn genommen

Die Griechen bedrängen Cressida: Jürgen Hirsch als Achilles, Max Kolodej als Patroklus, Samantha Steppan als Cressida, Alexander Rossi als Ulysses, Max Spielmann als Ajax und Christoph Prückner als Nestor. Bild: Bettina Frenzel

Dass Bruno Max‘ Shakespeare-Inszenierung zu den besten gehören, braucht eigentlich nicht extra erwähnt zu werden. Seit Donnerstag zeigt der Prinzipal des Theaters zum Fürchten an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, vom britischen Barden „Troilus und Cressida“. Ein selten gespieltes, weil schwieriges Stück, nicht Heldendrama, nicht Liebestragödie, nicht Komödie, mit dem sich schon Regisseure von Stefan Bachmann bis Luk Perceval ziemlich vergeblich abgemüht haben.

Nun also Bruno Max, der sich dem Fünfakter in wohlaustarierter Balance von bitterböser Satire, Sentiment, Schlachtenszenen und Schelmentum nähert. Er nimmt die von Shakespeare beschriebene Soldateska aufs Korn, und macht aus ihnen, weil ohnedies pausenlos geballert wird, gleich komplett Schießbudenfiguren. Jedoch nicht ohne auf den Verweis zu vergessen, wie gefährlich diese Meute, wenn erst losgelassen, sein wird. Der Schauplatz ist Troja, das Jahr das siebente im Stillstand dieses Krieges, und in der Scala dörrt die Sonne Libyens die Armeen mittels Drehbühne zwischen umkämpften Häuserruinen und ödem Schlachtfeld, in Schützengräben und Frontstellungen aus. Nichts könnte heutiger sein, als dies: Ein despotischer Familienclan herrscht über eine kleinasiatische Nation, eine Allianz aus 69 selbsternannten Weltgendarmen, hat sich aufgemacht, dem ein Ende zu setzen.

Der offizielle Anlass ist, dem Hahnrei seine Hure zurückzuerobern, dafür wird doch gern gestorben!, und mittendrin lieben sich Troilus und Cressida. Zumindest anfangs. Zum grausame Gegenwart atmenden Bühnenbild von Marcus Ganser gesellt Alexandra Fitzinger die passenden Kostüme, Tarnanzüge und traditionell muslimische Gewänder. Sechzehn Schauspieler gestalten Shakespeares üppiges Personal, die meisten davon in je einer Rolle auf je einer Seite, womit Bruno Max die Austauschbarkeit der Kontrahenten auf gelungene Art ausstellt. Zur opulenten Optik passt ebensolche Akustik, los geht’s mit Gefechtslärm und Geschützdonner und Tom Jones, der unterm rotleuchtenden Plastikherz „It’s Not Unusual“ singt.

Achilles stellt Hector während einer Kampfpause: András Sosko und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Thersites verspottet Achilles und Patroklus: Leonhard Srajer, Max Kolodej und Jürgen Hirsch. Bild: Bettina Frenzel

Da will Onkel Pandarus seine Nichte Cressida, sie die Tochter des Calchas, noch dem trojanischen Königssohn Troilus andrehen, eine Kuppelei, die gelingt, bis der zum Feind übergelaufene Priester bei einem Gefangenenaustausch verlangt, sein Kind ins Griechenlager zu bringen. Dort wird die bis dahin Tugendhafte auf Ulysses‘ Wink reihrund „geküsst“, eine „Untreue“, die der Listenreiche dem Troilus nicht vorenthält, als sich dieser zwecks Zweikampf zwischen Hector und Ajax unter den attischen Kampfmaschinen aufhält. Das Ende ist desaströs, Ehre, Vernunft und Anstand haben ihre Daseinsberechtigung eingebüßt, Liebe ist zur Illusion verkommen, ein sinnloser Krieg geht weiter, die Hurrapatrioten haben weiterhin das Sagen, und Shakespeare lässt seinem Publikum nicht einen Sympathieträger. Nirgendwo.

Den Troilus spielt Thomas Marchart als schon durch die Körpersprache dem Willen seiner im Wortsinn größeren Brüder ausgelieferten Verlierer. Wie er sich dauernd tätscheln lassen muss, versucht ein ganzer Mann zu sein, und doch nur als Schürzenkind wahrgenommen wird, das ist so berührend und Marchart dabei so präsent, dass, wenn schon jemandem die Zuschauergunst gilt, dann ihm. Gefolgt von András Sosko, der als hünenhafter Hector den einzig aufrechten und anständigen Charakter verkörpert. Sosko ist es auch, der mit Maximilian Spielmann als hinreißend einfältigem Kraftlackel Ajax gewaltige Kampfszenen gestaltet. Georg Kusztrich gibt sowohl den Tattergreis Priamus als auch den so planlosen wie großsprecherischen Agamemnon ganz großartig.

Samantha Steppan wird als Cressida von der Feldsanitäterin zum Lagerflittchen. In ihren Gefühlen unsicher, lässt ihr Bruno Max die darstellerische Möglichkeit offen, sich aus Angst vor dem Schlimmsten ihrem einzigen Beschützer unter den Griechen, Johannes Sautner als auf den eigenen Vorteil bedachter Diomedes, hinzugeben. Steppans Seherin Cassandra ist geistig nicht ganz beisammen, weshalb die Familie die Verrückte auch immer wieder aus dem Verkehr zieht, statt auf ihre Warnungen zu hören. Ein schöner Regieeinfall, dass Cassandra mit einem Stoffpferdchen spielt. Johanna Rehm ist als besorgte Andromache ganz Tragödin, als – vormals Schöne – Helena die sturzbetrunkene, ständig „Sorry!“ oder Liebeslieder in ein Mikrofon stammelnde Peinlichkeit des Hofs. Beide Schauspielerinnen beweisen in der Darstellung dieser so unterschiedlichen Frauenfiguren ihre enorme Wandelbarkeit.

Die – vormals Schöne – Helena singt für Pandarus: Johanna Rehm und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

Cassandra hat eine Vision: Georg Kusztrich als Priamus, Samantha Steppan als Cassandra, Leopold Selinger als Aeneas und Leonhard Srajer als Paris. Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler nützt die Prachtrolle des gewieften Schlitzohrs Pandarus für humorige Auftritte, er der mit Wortwitz ausgestattete weise Narr Shakespeares, dem zum Schluss doch der Schmäh ausgeht, und übernimmt auch den Part des Calchas. Jürgen Hirsch ist ganz fabelhaft als erst bauchiger, bierseliger Achilles, dieser eine um große Gesten nie verlegene, ansonsten aber beleidigte Diva. Bevor er rasend vor Wut und mit Irrsinn im Blick Rache für seinen gefallenen Geliebten Patroklus, Max Kolodej zusammen mit Hirsch ein zu Herzen gehendes Liebespaar, fordert.

Alexander Rossi spielt einen intriganten, die anderen gängelnden, an Snackwürstchen kauenden Ulysses, Leopold Seliger den Aeneas als Realpolitiker, Christoph Prückner einen trotteligen Nestor, der definitiv schon bessere Tage gesehen hat, Klaus Schwarz den unfähigen, hinter Bruder Agamemnon herdackelnden Menelaus. Scheinbar mühelos wechselt Leonhard Srajer zwischen dem koksenden Partyprinz Paris und dem, weil beinamputierten, im Rollstuhl sitzenden Zyniker Thersites, er Shakespeares böser Narr, der unzähmbar die ungeschönten Wahrheiten ausspricht. (Nicht nur) vom ihm möchte man im Theater zum Fürchten gern mehr sehen.

Mit „Troilus und Cressida“ ist der längstdienenden freien Theaterkompagnie Österreichs jedenfalls wieder ein großer Wurf gelungen. Ein Abend, der nicht nur vorzüglich unterhält, sondern auch zum Nachdenken darüber anregt, wie eine Welt beschaffen sein müsste, in der Krieg unnötig und Liebe ein Menschenrecht wäre.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 1. 2019

Bronski & Grünberg: Pension Schöller

Dezember 13, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fest an den lockeren Schrauben gedreht

Philipp Klapproth am Ende seiner Kräfte: Claudius von Stolzmann, Gioia Osthoff, Benjamin Vanyek und Martina Dähne. Bild: © Andrea Peller

Es ist, ob legendärer Inszenierungen an den Kammerspielen, immer ein gewisses Wagnis in Wien „Pension Schöller“ zu zeigen. Der dort regieerfahrene Fabian Alder hat’s nun im Bronski & Grünberg getan, hat radikal viel gewagt – und alles gewonnen. In seiner Neufassung dockt das beinah 130 Jahre alte Lustspiel von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs geradezu demonstrativ an der Jetztzeit an.

Alder hat, ohne Irr- oder Sprachwitz des Originals zu beschädigen, die Charaktere weitergedacht und fortgeschrieben, hat fest an deren lockeren Schrauben gedreht, und schafft es, mitten im größten Spaß, ein hinterlistiges Statement zum Heute abzugeben. Die Welt anno 2018 – ein Narrenhaus.

Die Handlung ist bekannt. Privatier Philipp Klapproth will, weil er eine seiner Villen in ein Sanatorium für nervlich Angegriffene verwandeln möchte, in Wien eine Klapsmühle besuchen. Sein Neffe Alfred, der vorhat, ein chices Geschäft für sinnlos überteuerte Wohnaccessoires zu eröffnen, und dafür dessen finanzielle Unterstützung braucht, führt den Onkel zu einem Gesellschaftsabend in der Pension Schöller.

Was in Wahrheit nicht mehr als ein Zusammentreffen eines freilich exaltierten, aber keineswegs geisteskranken Künstlerkreises ist, ist für Klapproth pure Psychiatrie. Doch weil sich Klapproth immer mehr in seinen Begegnungen mit den vermeintlichen Insassen verstrickt, nehmen die Verwirrungen naturgemäß ihren Lauf. Um deren grelle Komik zu illustrieren, hat Kaja Dymnicki ein mit pinker Luftpolsterfolie überzogenes Bühnenbild erdacht, die Kostüme von Julia Edtmeier kontrastierend dazu in ihrer spießigen Kleinkariertheit. Darin gelingt dem Ensemble mit viel Spielfreude und hohem Tempo, zwischen Handgreiflichkeiten und Slapstick-Stürzen, großartiger Boulevard.

Martina Dähne gibt mit Verve die beherzte Pensionswirtin, die mit ihren „internationalen“ Soiréen das Ende der Demokratie in Europa abwenden will – vorausgesetzt die Subventionen dafür fließen. Benjamin Vanyek bezaubert in der Paraderolle als Schöllers schwuler Sohn und „logopädisch herausgeforderter“ Jungschauspieler mit Abscheu vor der strukturellen Ausbeutung am Theater. Hinreißend, wie er als Showhighlight „Oh mein Papa“ nispelt, und nogisch, dass er in Dominic Marcus Singers aufgeräumtem Alfred sein Liebesglück findet.

Ein verdächtiges Geschenk vom Globetrotter: Claudius von Stolzmann und David Oberkogler. Bild: © Andrea Peller

Die Postdramatikerin im Infight mit dem Major: Gioia Osthoff und Thomas Weissengruber, hinten: Martina Dähne, Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Hier findet zusammen, was zusammen gehört: Benjamin Vanyek und Dominic Marcus Singer. Bild: © Andrea Peller

Die Schauspieler schmieren und klamauken sich derart Vollgas durch ihre Rollen in dieser gegenüber dem 1890er-Stück noch  zugespitzten Farce, dass es eine Freude ist. Das „Kasperltheater“ mit dem die Kaffeehausszene beginnt, ist auch in Folge wörtlich zu nehmen. David Oberkogler spielt den Löwenbändiger Bernhardy, der hier hauptberuflich ein mittelschwer narzisstischer Auslandskorrespondent ist, immer bereit über seine zahlreichen Journalistenpreise zu schwadronieren oder eine „kritisch-unabhängige“ Frage zu platzieren.

Gioia Osthoff ist als Schriftstellerin, nun mit dem Namen „Weißgarnix“, zur feministischen Postdramatikerin avanciert, die ihr Umfeld mit ihren unverrückbaren Gender-Positionen nervt. Thomas Weissengruber ist – mit einem Riesenrepertoire an wutbürgerlicher Mimik – als cholerischer Major a. D. zu sehen, dessen Karriereende mit dem (tatsächlich Pilz’schen) Sager vom „Höschen aus Paris“ zu tun hat, und der daher in funktionierende Opposition gehen will. Solcherlei Bezüge stellt Fabian Alder mit Vorliebe her. Und nicht immer nur geht es dabei um politische Fettnäpfe, sondern im extremsten Fall um einen wieder gesellschaftsfähigen Faschismus.

Philipp Klapproth nämlich, von Claudius von Stolzmann lange Zeit ganz prima als Provinztropf angelegt, ist nämlich aus Chemnitz. Was nicht nur diverse Seitenhiebe zur aktuellen Lage hierzu- und im Nachbarlande zulässt, sondern auch eine Schlusspointe, in der sich das vorgeblich so harm- wie arglose Onkelchen als Drahtzieher einer Operation, genannt „Schöne braue Donau“, enttarnt. Was es damit auf sich hat, sollte man sich selber anschauen. Nur so viel: Zum Schluss heißt es nicht nur Komödienfeuer frei.

Auch in seiner dritten Saison erweist sich das Bronski & Grünberg mit dieser High-Speed-Aufführung als erste Adresse für absurden, bissigen Witz und scharfsinnigen Schabernack. Mit diesen Mitteln ist dem Wahnsinn dieser Tag wohl am besten beizukommen, sozusagen Lachen als Theater- und Lebenskonzept. Erst kürzlich ergab eine Studie der Medizinischen Universität Wien, dass, wer schwarzen Humor mag, einen höheren Intelligenzquotienten und ein niedrigeres Aggressionslevel als andere hat …

www.bronski-gruenberg.at

13. 12. 2018

Theater in der Josefstadt: Der einsame Weg

November 16, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Klipp-Klapp-Tragödie mit drehbaren Türen

Ein Kommen und Gehen auf schmalem Gang: Therese Lohner, Marcus Bluhm, Alexander Absenger, Alma Hasun und Bernhard Schir. Bild: Astrid Knie

Vier hohe Türen, dahinter Fensterfronten, davor wie dazwischen ein enger Gang, den entlang die Darsteller im Wortsinn im Kreis gehen. Weil sich die Szenerie nach jeder Szene verschiebt. Was immer neue Perspektiven freigibt, immer neu gespiegelte Bilder einer in ihren selbstauferlegten Zwängen gefangenen Gesellschaft. Dieser Totentanz der drehbaren Türen ist die alles bestimmende Grundkonzeption von Mateja Koležniks Schnitzler-Interpretation am Theater in der Josefstadt:

„Der einsame Weg“. Von Anfang an ist klar, dass dieser hier auf kühl distanzierte Art abgeschritten werden wird. Keine Spur mehr von Schnitzlers Sehnsüchtlern, die durch dessen geschliffene Dialoge ihre psychischen Defekte schimmern lassen, das melancholische „Egoistenstück“ zum 90-minütigen Trauermarsch gekürzt. Dass Koležnik dem seelischen Stillstand ihrer Protagonisten die Bewegung der Bühne entgegensetzt, ist als Idee reizvoll, realiter mit der Zeit aber so spannend, wie die Beobachtung des Huhns auf dem Möbiusband.

Nun ist es nicht so, dass Koležnik für ihre radikalen Zugriffe nicht bekannt wäre. Auch weiß man, dass diese in der Regel in einer extremen Raumsituation stattfinden. Die slowenische Regisseurin räumt ihren Schauspielern so wenig Spielplatz wie möglich ein, ihr Kunstkniff, der dazu führt, dass die Figuren aufeinanderprallen müssen. Das hat im Vorjahr bei Ibsens „Wildente“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=24871) im steilen Stiegenhaus ganz wunderbar funktioniert. Nun setzen die Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt und Kathrin Kemp erneut auf die bewährte taubengraublaue Optik, und aus der gleichen Farbpalette stammen auch die Kostüme von Alan Hranitelj – an denen sich unter anderem nicht erschließt, warum Felix‘ (Zwangs?-)Jacke hinten zu schließen ist -, man hat das alles also so oder so ähnlich bereits gesehen.

Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Bernhard Schir und Alma Hasun. Bild: Astrid Knie

Nur geht die angestrengt strenge Versuchsanordnung des Leading Teams diesmal nicht auf. Wenig bis gar nichts erfährt man über den fehlenden inneren Frieden der Figuren, von deren Selbstverliebt- und Verrücktheiten, über vergebene Lebenschancen und vergebliche Hoffnungen, Schuld und versuchte Sühne, und dass hier das Sterben als Thema über den Dingen schwebt, darf man sich bestenfalls dazu denken. Koležnik bedient sich einer Künstlichkeit, die einen nur schwer ins Stück lässt. Wo kompakt auch komplex bedeuten hätte können, wo etwa ein Belauschen und Belauern hinter den – so sie schon vorhanden sind – Türen möglich gewesen wäre, gibt sich Koležnik als Erfinderin der Klipp-Klapp-Tragödie. Die Verwendung von Mikroports und die gelegentlich knisternden Soundeffekte von Nikolaj Efendi sorgen für zusätzliche Verfälschung, Stimmen kommen aus dem Off oder als beiläufiges Beiseitereden zu bereits abwesenden Bühnenpartnern.

Diese Spielart kommt den Josefstädtern nicht zupass. Sie gestalten die Schnitzler’schen Charaktere seltsam blutleer, sind, statt diese aus Gründen der Konvention unterdrückend, einfach nur emotionslos, spröde, wo die Sprache schneidend, tief- und hintergründig sein sollte. Koležniks mangelnde Differenzierung ihrer Wachs-Figuren hinterlässt am Ende den Eindruck, diese würden ineinander verlaufen. Nicht nur was die Farbauswahl betrifft, verläuft der Abend ergo eintönig. Marcus Bluhm ist ein erstarrter Wegrat, Ulrich Reinthaller kämpft sich als Fichtner durch dessen mangelnde Sympathiewerte, Bernhard Schir nimmt man den todkranken Sala schlicht nicht ab, Peter Scholz als Doktor Reumann und Alexander Absenger als Felix finden genaugenommen gar nicht erst statt. Egal, was diese Einsamen auf ihrem Weg zittern, zögern, zagen und zetern, es hinterlässt einen ungerührt.

Alexander Absenger, Bernhard Schir, Maria Köstlinger und Ulrich Reinthaller. Bild: Astrid Knie

Am Schlimmsten treffen die Striche die Frauenfiguren: Therese Lohner als schnell hinscheidende Gabriele, Alma Hasun als Johanna und Maria Köstlinger als Irene Herms – sie alle bleiben blass. Hasun, die die ganze Aufführung über mit rätselhaften Tür auf-Tür zu-Ritualen beschäftigt ist, beschließt schließlich als Wasserleiche mit einem anklagenden, in dieser Inszenierung unverständlich pathetischen Über-die-Schulter-Blick ins Publikum das gar nicht tolle Treiben.

Dieser „Einsame Weg“ ist nicht das Beste, das man von Mateja Koležnik bisher sehen durfte, dennoch gab es freundlichen Premierenapplaus. Man wird einander bald wieder begegnen, im Sommer in Salzburg bei Gorkis „Sommergäste“ und mutmaßlich kommende Saison am Burgtheater.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=Dtmxz3Mtreo

www.josefstadt.org

  1. 11. 2018

Burgtheater: Glaube Liebe Hoffnung

September 30, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Unwirklicher Totentanz in einer total leeren Unterwelt

Elisabeth am Ende: Andrea Wenzls brillante Darstellung beherrscht Michael Thalheimers Inszenierung. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ein schwarzes Loch, das auf einen Lichtpunkt zuläuft, als wär‘ der ein Heilsversprechen am Himmel. Dass sich dieses nicht erfüllen wird, versteht sich – bei Ödön von Horváth. Regiegenie Michael Thalheimer hat dessen „Glaube Liebe Hoffnung“ am Burgtheater inszeniert, und beschreitet auch mit dieser Produktion weiter seinen Weg der kühlen, strengen Reduktion. Horváths Definition seines Dramas als „kleinen Totentanz“ nimmt er dabei wörtlich.

Thalheimer hat sich von Olaf Altmann einen in seiner Totalität erschreckend leeren Raum als Bühnenbild anlegen lassen, darin die Sterblichen als aufgescheuchte Schatten, um sie nichts als Einsamkeit und Seelennot. Eine Unterwelt, eine Prosektur, in der Thalheimer gewohnt präzise seine Sektion der menschlichen Abgründe vornimmt. Alle, so scheint es, die Präparatoren, die Schupos als Arm des Gesetzes, die Arbeitsgeberin Prantl, die Frau Amtsgerichtsrat, nicht zuletzt Alfons, operieren hier am lebenden Leichnam Elisabeth. Wollen deren Innerstes bloßlegen, bloßstellen, ausstellen, was sie schließlich selbst besorgt, bedrängt von Gaffern sogar noch beim bekannten Ende im Wasser. Glaube verloren, Liebe verraten, Hoffnung versiegt. Nicht einmal im Hingehen ist Herzensruh.

Dass Horváths im Rezessionsjahr 1932 erschienenes Stück heute so aktuell klingt, ist gesellschaftlich nicht gerade beruhigend. Diesbezügliche Zwischentöne braucht es gar nicht erst zwanghaft in Szene zu setzen. Da hat also eine mitten im Wohlfahrtsstaat die Stellung verloren, benötigt nun Geld für ihre neue Arbeit, heißt: einen kostenpflichtigen Wandergewerbeschein, und die neue Arbeit fürs Geldverdienen. Ein Teufelskreis, dessen Rotieren Elisabeth mit ihrem Mantra „Ich werde den Kopf nicht hängen lassen“ aufhalten will. Andrea Wenzl mit ihrer seltenen Aura verleiht ihr Gesicht und Gestalt, sie dominiert das Geschehen mit ihrer spröd-zerbrechlichen Darstellung dieser am ganzen Körper bebenden, mitunter zu Deep Purple und Led Zeppelin auch headbangenden Elisabeth, mit ihrem Stets-auf-der-Hut-Sein und dem Miederwarenmetier als Sehnsuchtsort.

Die Arbeitgeberin ist unzufrieden: Christiane von Poelnitz als Irene Prantl mit Alexandra Henkel als Frau Amtsgerichtsrat. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ohnmacht angesichts des Selbstmords: Christoph Radakovits als zweiter Schupo, Marcus Kiepe als Vizepräparator, Stefan Wieland als dritter Schupo, Falk Rockstroh als Präparator und Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Um sie die Grausamkeit als Groteske, die Horváth’schen Charaktere als hässliche Fratzen, grelle Karikaturen, ausgestattet mit einer immer wieder höhnischen Heiterkeit. „Entschuldigens, aber jetzt muss ich lachen“, ist noch so eine Spruchformel der Elisabeth, wenn sie sich als Opfer brutaler Begierden dagegen verwehrt, ein „Ding“ zu sein. Die Wenzl lässt sie dabei so tob- wie sehnsüchtig aus einer schmerzlich-schrecklichen Fallhöhe stürzen, wird von einer 60-köpfigen Statisterie immer wieder beinah überrannt, eine „völkische“ Vervielfachung der Figuren, eine Menschenhydra, mal in Polizeiuniform, mal in blutverschmierten Präparatorenkitteln, die den einzelnen als Spielball der Mehrzahl der Mächtigen ausweist.

Der erbarmungslose Ringelreihen rund um Elisabeth ist hochkarätig besetzt, etwa mit Branko Samarovski als an Leib und Seele versehrtem Oberpräparator oder Peter Matić als an den von ihm abgeurteilten Schicksalen desinteressiertem Amtsgerichtsrat. Christiane von Poelnitz und Alexandra Henkel sind als Irene Prantl und Frau Amtsgerichtsrat vulgär-schrille Schreckschrauben, sensationslüstern die eine, immerhin knapp vor Schluss anteilnehmend die andere. Sie alle betonen in ihrem Spiel das Distanziert-Artifizielle, die Unnatur ihrer im Lichtkreis zappelnden Leut‘.

So, wie es Thalheimer als Konzept für seinen Abend vorgegeben hat, agieren auch Michael Masula als Oberinspektor, Christoph Radakovits und Stefan Wieland als Schupos oder Tino Hillebrand als „tollkühner Lebensretter“. Hermann Scheidleder verkörpert mit Hingabe den Invaliden, der sich mit Irina Sulavers ohne Unterlass kopfnickender Maria bitter über die Aussetzer im Sozialsystem beklagt. Als Vizepräparator überzeugt Marcus Kiepe, als Baron mit dem Trauerflor Robert Reinagl, als Vergewaltiger Eltz Daniel Jesch. Falk Rockstroh ist als Präparator derjenige, der zumindest zwei Mal Herz zeigen darf. Der Taubenfütter, der erst das Geld leiht, dann für die Betrugsanzeige sorgt und schließlich ob des mitangesehenen Suizids zusammenbricht.

Liebe mit Ablaufdatum: Merlin Sandmeyer als Alfons Klostermeyer und Andrea Wenzl als Elisabeth. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bleibt Merlin Sandmeyer, der als Schupo Alfons Klostermeyer eine Glanzleistung hinlegt. Angelogen wegen Elisabeths vierzehntägigem Arrest, versteht er es in Windeseile sich der Verliererin zu entziehen. Seine sogenannte Liebe hält vor seinen Ehrbarer-Bürger-Standesdünkeln nicht stand. Sandmeyer spielt diesen ichbezogenen, unempathischen Unsympath an seinen besten Stellen so nüchtern und bar jeder Gabe zur Selbstreflektion, dass es einen schaudert.

Dass dieser Alfons, in Wahrheit nicht mehr als ein um Autorität ringender Hänfling, mit seinem selbstmitleidig sich wiederholendem Satz „Ich habe kein Glück“ das letzte Wort hat, ist für diese Aufführung symptomatisch. Man weiß um die, die das eigene Schicksal endlos bejammern und blind sind für die Not des Nachbarn. Wer von sich selber glaubt, am Leben zu leiden, kann einen anderen umso leichter zugrunde gehen lassen.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018