Theater zum Fürchten: Sippschaft

Februar 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gespielt wird teils mit Gebärdensprache

Thomas Marchart und Melanie Flicker Bild: Bettina Frenzel

Für hörendes Publikum gab es Wanditel: Thomas Marchart und Melanie Flicker spielen in Gebärdensprache. Bild: Bettina Frenzel

Der Idealfall wäre, man könnte die Ohren wie die Augen auf- und zumachen. Manches ließe sich so nicht hören. Wenn aber der Idealfall normal ist, fragt sich, als wie normal die Gesellschaft das empfindet … Das Theater zum Fürchten zeigt in der Wiener Scala Nina Raines „Sippschaft“. Babett Arens hat die Familienaufstellung inszeniert. Das besondere an dieser Arbeit ist, dass sie teilweise in Gebärdensprache gespielt wird. Gebärdentrainerin Magdalena Schramek hat zwei der Darsteller auf diese Aufgabe vorbereitet, die mit ganz erstaunlichem Können gemeistert wird. Für hörendes wie gehörloses Publikum gibt es Über- beziehungsweise Wandtitel, um die jeweils andere Sprache zu verstehen. Die Aufführung hat, so zeigen die Reaktionen, beim Publikum den Nerv getroffen. Mehr von dieser eigentlich einfach umzusetzenden Art wäre wünschenswert.

Raine, Shootingstar des Londoner Westend, Kind von Craig Raine, Patenkind von Julian Barnes, hat für ihr Stück das eigene Nest porträtiert. Einer ihrer jüngeren Brüder ist Legastheniker, unter lauter Literaten ein schweres Los, und so macht die Dramatikerin aus ihrem Protagonisten Billy einen Gehörlosen. Billys Familie ist speziell. In diesem Haushalt, in dem Sprache und Stimme das Thema sind, Vater, Mutter, Bruder schreiben, die Schwester singt, gibt es kein Verstehen. Man gibt sich als alternativ-intellektueller Bobo-Kreis, doch hinter der Toleranz-Fassade schwelt die Mehrheitstyrannei. Um deftige Sprüche ist man nicht verlegen, die „Sippschaft“ ist voller Misstöne.

Clemens Aap Lindenberg spielt einen herrlich zynischen, grantelnden Vater Christopher. Es fragt sich ernsthaft, was diesem Mann das Leben so versauert hat, Marion Rottenhofer ist als Beth ganz „Hotel Mama“, sie ist die Meisterin der übergriffigen Liebe. Anna Sagaischek und Eric Lingens leiden als Billys Geschwister Ruth und Daniel am innerfamiliären Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Sie schwanken zwischen Eifersucht und Erfolgsdruck, werden an sie doch Anforderungen gestellt wie an den kleinen Bruder nicht. Dass Daniel auch noch Stimmen im Kopf hört, ist ein wenig too much. Raine schießt, eine Jugendsünde, mit dem einen oder anderen Handlungsstrang übers Ziel hinaus; und auch Arens führt auf so manche unverständlich falsche Fährte, Stichwort: warum eine Waffe zeigen, wenn mit dieser dann nichts angefangen wird? Insgesamt präsentiert man sich elitär-überheblich. Wer nicht weiß, wer Schostakowitsch ist, dieser Vorwurf wird später erhoben werden, hat in diesem Kreis nichts zu suchen. Die größte gegenseitige Schmach ist die Frage: „Geht’s noch konventioneller?“

Für Billy allerdings wurde eine heile Welt kreiert. Da er die Lautstärke des ständigen Krachs sowieso nicht mitkriegt, wird seine Frage „Worüber redet ihr?“ geflissentlich übergangen. Billy spricht nämlich und liest von den Lippen. Man wollte ihn auf ein „normales“ Leben vorbereiten. Vor allem der Vater steht auf dem Standpunkt, dass nicht taub ist, wer nicht wie ein Gehörloser erzogen wird. Und dann lernt Billy Sylvia kennen, die sich mit Gebärdensprache unterhält. Und plötzlich sieht er sich als Außenseiter hier wie da, und plötzlich hat die ach so aufgeklärte Familie Berührungsängste. Die Sprech-Fundis finden sich in einer für sie fremden Welt wieder. Das muss natürlich zu Konflikten führen.

Marcus Ganser hat für diese Geschichte eine ganze Wohnung auf die Bühne gestellt. Eine Anti-Puppenstube von Küchendurchreiche, Essplatz und Wohnzimmer bis Wintergarten. In diesem Biotop gefällt Thomas Marchart als Billy. Wie er scheinbar in sich ruhend glücklich ist, doch sein ferner Blick nicht mehr darstellt als sein Ausgeschlossensein, ist klasse. Seine Angepasstheit ist letztlich Selbstaufgabe. Das erkennt er im Zusammentreffen mit Sylvia, gut gespielt von Melanie Flicker. Wie sie über Gehörlosen-Hierarchien in Selbsthilfevereinen und verständnisvoll vorgetragene Vorurteile spricht, das kam bei den Zuschauern bestens an. Da wussten etliche, wovon auf der Bühne die Rede war. Jedenfalls muss Billys Familie auch erst einmal ihren seltsamen Humor runterschlucken und eine peinliche Befangenheit überwinden, damit sie sich der neuen Situation nähern kann. Denn Sylvia hilft Billy auf eigenen Beinen zu stehen. Das Nesthäkchen sucht sich Job und Wohnung und an seiner neuen Selbstständigkeit drohen die anderen Familienmitglieder zu zerbrechen. Seltsame Abhängigkeitsverhältnisse treten zu Tage … So geht’s in „Sippschaft“ um die allgemeingültigen Themen Verlust und Verlassenwerden und wie dieses ausgleichen.

Am Ende lautet das Fazit, denn auch Sylvia ist nicht uneingeschränkt einverstanden mit dem Dogma ihrer Eltern, nicht sprechen zu wollen, man nehme the best of both worlds. Wie bei allem im Leben. Nina Raines Coming-of-Age-Tragikomödie überzeugt mit dieser Message, das Theater zum Fürchten mit seiner Unternehmung, Stücke auch für Gehörlose zu spielen, und Babett Arens‘ Abend mit sympathischen Schauspielern.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 7. 2. 2016

Scala: Café zur Barrikade

Februar 18, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Kaffee und Guglhupf zur Revolution 1848

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Da war doch so ein kleiner Riss in der Biedermeieridylle. Das Jahr 1848. März ist es – und die Wiener marschieren. Gegen den Kaiser und gegen das Metternichregime. „Café zur Barrikade“ heißt die jüngste Dinnerproduktion, die Theater-zum-Fürchten-Chef Bruno Max in seiner Wien-Dependance, der Scala, zeigt. Man sitzt im Griensteidl bei Kaffee, pikant gefüllten Hörnchen und Guglhupf. Mittendrin, denn der Nachbar entpuppt sich plötzlich als Revolutionär, singt das Hungerlied von Georg Weerth oder das Robert-Blum-Lied www.liederlexikon.de/lieder/leute_hoeret_die_geschichte_Robert_Blum, und fordert einen auf mitzusingen. Unzähliges an Proklamationen, Dekreten, Flugblättern und Manifesten, Schul- und Tagebucheinträgen, Gedichten und Spott und Parodien darauf, Liedern und Zeitungsmeldungen hat Bruno Max wieder  akribisch zu einem Stück zusammengestellt.

Es wirken mit: Revoluzzer und Reaktionäre, die Publikumslieblinge Nestroy und Scholz, tote Helden und überlebensfähige Feiglinge, Habenichtse und Hausherren und natürlich Nandel, der Depp. Eine Zeit, in der Burschenschafter noch deutschnational UND politisch links sein konnten. Doch im 360-Grad-Bühnenbild (eine Seite: das Griensteidl, andere Seite: die Barrikade, verbunden durch einen Spielsteg, an dem entlang das Publikum an Marmortischchen Platz genommen hat) ist man sich uneins. Da kämpfen die Arbeiter gegen den Hunger, die Studenten für die Freiheit. Die Bürger schauen auf beide herab. Die einen wollen bitten, die anderen fordern. Und der Hof von „Gütinand dem Fertigan“ flüchtet nach Innsbruck.

Max gelingt es großartig „hohe“ Politik durch Menschenschicksale, durch Familiengeschichten zu erzählen. Nur der Aufstand der Erdarbeiterinnen geht ab http://zwanzigtausendfrauen.at/2011/01/1848-schmolzer-hilde-der-erste-arbeiterinnenaufstand-in-wien/ Jeder Schauspieler übernimmt mehrere Rollen. Franz Grillparzer (Jörg Stelling) duelliert sich mittels Dichterfeder mit Ferdinand Freiligrath. „In deinem Lager ist Österreich“ vs „Das ist noch lang die Freiheit nicht!“. Richard Wagner (Bruno Max) schickt einen Gruß aus Sachsen an die Wiener; Karl Marx (Randolf Destaller) liest in den Sträuselsälen des Theaters in der Josefstadt das Manifest der kommunistischen Partei. Johann Nestroy (Eric Lingens) und Wenzel Scholz (Tom Jost) pa­t­rouil­lie­ren im Freiwilligenkommando des Theaterdirektor Carl als Nationalgardisten. Natürlich folgen darauf „Das Zopfensystem aus ,Freiheit in Krähwinkel'“ und „Die Reaktion ist ein Gespenst“. Marion Rottenhofer hat als Erzherzogin Sophie am Hof als einzige die Hosen an; Irene Marie Weimann macht Arbeiterrevolution in Schürzenkleid. Paul Basongo gibt alles – vom Arbeiter bis zum Hofdiener. Und er ist auch ein entzückender Ober, der einem Sonderwünsche erfüllt.

Die Familiengeschichte des Johann Griensteidl ist frei erfunden. Der wunderbare Georg Kusztrich gibt den Kaffeesieder über Generationen hinweg. Thomas Marchart spielt seinen Sohn August. Christina Saginth wird im Laufe der Handlung von der Ehefrau zur Oma. Der Star des Abends ist aber Michael Reiter als k.k. Oberfeuerwerker Johann Pollet. Max hält sich bei der Gestaltung der Figur an Thomas Pluchs Drehbuch „Feuer!“, Reiter ist ein famoser Zerrissener, der einen Schießbefehl verweigert, zum Volkshelden wird, sich verstecken muss, und schließlich doch wieder in die Arme der Armee zurückkehrt https://www.wien.gv.at/wiki/index.php/Johann_Pollet  Gedenktafel: www.viennatouristguide.at/Gedenktafeln/Stadtgeschichte/1848_pollet_1.htm.

Am Ende ist die Schlacht verloren. Der 18-jährige Franz Joseph wird Kaiser. Die Franzosen haben’s 1870 noch einmal probiert. Die Österreicher sind zum Guglhupf zurückgekehrt.

 So hab‘ ich es nach langen Jahren
Zu diesem Posten noch gebracht,
Und leider nur zu oft erfahren
Wer hier im Land das Wetter macht.
Du sollst, verdammte Freiheit! mir
Die Ruhe fürder nicht gefährden:
Lisette, noch ein Gläschen Bier!
Ich will ein guter Bürger werden.

Georg Herwegh

Eine Produktion, die man gesehen haben muss!

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Wien, 18. 2. 2015

Theater im Bunker: Inferno. Nachrichten aus der Hölle

August 6, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein extravagantes Stationentheater

„Die Hölle, das sind die anderen.“
Jean- Paul Sartre

dantes infernoAm 10. August hat um 18.30 Uhr im Luftschutzstollen Mödling „Inferno. Nachrichten aus der Hölle“ Premiere.

Gibt es eine Hölle, außer der, die die Menschen einander selbst bereiten? Und wenn ja, wie ist es dort? Welche Benimm- und Bekleidungsregeln gelten für den ahnungslosen Höllenfahrenden? Folgen Sie Dantes Rat, lassen Sie alle Hoffnung fahren und steigen Sie unter ortskundiger Führung hinab an den Ort, der die Phantasie so unterschiedlicher Völker wie Griechen, Römer, Chinesen und Azteken auch ganz unterschiedlich beflügelt hat, den Ort, mit dem Christen, Moslems, Hindus und fast alle andern Religionen ihren Schäfchen seit Jahrtausenden auf ganz unterschiedliche Weise drohen.

Bereits zum sechzehnten Mal werden die etwa einen Kilometer langen Tunnel des ehemaligen Luftschutzstollens einer ebenso extravaganten wie friedlichen Nutzung zugeführt: Als das ungewöhnlichste und größte Stationentheater Österreichs. Das Publikum durchwandert in kleinen Gruppen die mehr als zwanzig Szenen und Schauplätze und erlebt, wie Theatermacher Bruno Max mit seinem mehr als fünfzigköpfigen Ensemble in eindrucksvollen Bildern und skurrilen Situationen das Inferno zum Leben erweckt. Nach „Seven Sins“ und „Angels All Over“ der Abschluss der Bunkertrilogie um Glauben & Unglauben, Erlösung und Verdammnis.

Konzept und Regie: Bruno Max

Es spielen: Stephan Bartunek, Hans-Jürgen Bertram, Sebastian Blechinger, RRemi Brandner, Sebastian Brummer, Manfred Fau, Bernie Feit, Melanie Flicker, Elke Hagen, Edwin Hirschmann, Richard Jamelka, Barbara Lehner, Thomas Marchart, Bruno Max, Max Mayerhofer, Anna Mitterberger, Alexander TT Mueller, Isabell Pannagl, Christoph Prückner, Sarah Reiter, Marion Rottenhofer, Anna Sagaischek, Ralph Saml, Mario Schober, Hans Steunzer, Stefanie Stiller, Robert Stuc, Maksymilian Suwiczak, Irene Marie Weimann u.v.a.

Weitere Termine: jeweils Do – Sa: 14.-16., 21.-23., 28.-30. August und 4.-6. September, Einlass im Viertelstundentakt ab 18.30 bis 21.15 Uhr.

Wien, 6. 8. 2014

www.theaterzumfuerchten.at