Marcello de Nardo im Gespräch

Oktober 1, 2014 in Bühne, Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf dem Sprung über den großen Teich

Marcello de Nardo als Grand Vizier in "The Quest" Bild: ABC

Marcello de Nardo als Grand Vizier in „The Quest“
Bild: ABC

MM: Sie sind zurzeit in Produktionen am Volkstheater www.mottingers-meinung.at/volkstheater-die-letzten-tage-der-menschheit und im Theater in der Josefstadt www.mottingers-meinung.at/theater-in-der-josefstadt-cest-la-vie-eine-revue zu sehen. Trotzdem stehen Sie schon mit einem Fuß im Flugzeug Richtung USA. Warum?

Marcello de Nardo: Damit sich mein Wohnzimmer vergrößert, damit es ein Sowohl-Als-Auch gibt. Außerdem habe ich gerade mal einen Finger in der Flugzeugtür. Ich schätze Mitte/Ende Jänner wird Abreisetermin sein. Warum? Ich habe, egal ob in Zürich, Berlin, Wien, immer so Sieben-Acht-Jahreszyklen gehabt, dann musste die Reise weitergehen, dann musste ich runter vom sicheren Floss. Nicht, dass es hier nichts mehr zu entdecken gegeben hätte, aber alles ist eine Variation des Spiels, das ich schon kenne. Ich brauche neue Spielsachen. Ich habe Abenteuerlust, ich habe Lust, mich zu erneuern. Der Gedanke weiter zu ziehen beschäftigt mich seit zwei Jahren, nur auf Deutschland oder Schweiz oder Frankreich hatte ich keine Lust, da passiert nicht so wahnsinnig viel. Ich habe am Theater in den vergangenen 30 Jahren gespielt, was gut und teuer ist – und ich wollte etwas anderes machen: Film, das war immer eine Leidenschaft von mir, weil er andere Energien freisetzt. Mit dem Wunsch nach Film also wohin? Los Angeles, Hollywood! Rein in die Industrie, weg von den zwei, drei Castings, die dir mit Glück in Europa angeboten werden.

MM: Es gab dann eine Initialzündung …

De Nardo: Stimmt. Ich habe vergangenen Sommer auf Burg Kreuzenstein bei der ABC-Produktion „The Quest“ http://abc.go.com/shows/the-quest mitgewirkt. Und ABC ist immerhin der viertgrößte US-Sender. „The Quest“ wird drüben gerade ausgestrahlt, das ist eine Mischung aus Fantasy-Mystery-Serie mit „richtigen“ Schauspielern und Teilnehmern, die Aufgaben zu bewältigen haben. Jede Folge fliegt einer raus, bis es einen Sieger gibt. Ich spiele den Grand Vizier, der über dunkle Mächte verfügt. Wenn Season 1 erfolgreich ist, wird’s wohl eine Season 2 geben – und ich habe einen Cliffhanger! … Ich hatte aber schon mit 23 das Angebot in San Francisco eine Radiosendung für „Gastarbeiter“ zu machen. In Italienisch, Französisch, Deutsch. Nur habe ich mich damals nicht getraut, weil ich dachte, dass ich nicht genug kann. Heute bin ich zwei, drei Jahre älter und traue mir die USA durchaus zu.

 MM: Motto – Vom Goldfischteich ins Haifischbecken.

De Nardo (lacht): Eigentlich nicht. Ich habe erfahren, dass amerikanische Schauspieler wahnsinnig kollegial sind. Da gibt es dieses Wiener Rampensau-Phänomen, den Garderobenneid, das Ratschen hinter deinem Rücken nicht. Da wird einem auf die Schulter geklopft, weil man’s geschafft hat. Nun ziehe ich aber tatsächlich ins Blaue. Ich habe drüben weder fixe Angebote, noch einen Agenten. Ich gehe wieder Klinkenputzen. Jeder Schauspieler robbt sich doch auf den Ellenbogen an die Produzenten heran: Hallo, Sir, ich hätte ja solche Lust, mit Ihnen zu arbeiten 😉 …also werd ich das auch machen, irgendwie weiss ich, ich tue das Richtige.

 MM: Gibt’s einen Plan B?

De Nardo: Nein! Think big or go home. Sonst wäre es ein Ausflug und ich würde das Ganze vielleicht nicht Ernst genug nehmen. Meine Karriere in Europa ist sehr komfortabel verlaufen, ich hoffe das bleibt so. Man sagt, ich sei ein Glückskind. Darauf verlasse ich mich jetzt mal. Ich habe schließlich dreieinhalb Kilo Papier nach Amerika geschickt, um die Green Card zu kriegen. Du musst beweisen, dass du gut genug bist, in deinem Beruf, dass du auf eigenen Füßen stehen kannst. Ich habe hier vor lauter intellektuellem und politischem Subtext und sich einen abfurzenden Kritikern, vor diesem Schauspieler-Standesdünkel, dem man irgendwann auch erliegt, der mir aber so am Senkel geht, vergessen, dass mein Beruf auch Spaß machen kann. Und den will ich wieder haben.

 MM: Wenn Sie es sich aussuchen können, was würden Sie machen wollen?

De Nardo: Jede Rolle, mit der ich umgehen könnte. Egal, ob Sitcom, Krimiserie, Film, Fantasy … Ich finde alles toll, was einem den Schädel öffnet. Ich schließe nichts aus, das kann ich zu diesem Zeitpunkt auch gar nicht. Fernsehen! Da ist heute das Geld, nicht mehr in der so genannten Traumfabrik. Im Fernsehen haben die USA auch ihre Kernkompetenz: tolle Drehbuchautoren, tolle Sets, tolle Schauspieler. Nicht umsonst wechseln etliche Kino-Superstars drüben die Seiten. Am liebsten würde ich zwischen Film und Fernsehen wechseln, wie etwa Robert Carlyle, der auch sehr dosiert „Once Upon a Time“ macht und dann wieder große Leinwand. Aber erst muss ich einmal Geld verdienen, dann mache ich mir Gedanken über den roten Teppich.

 MM: Sie gelten als berüchtigter Perfektionist. Glauben Sie, dass das in L. A. gut ankommt?

De Nardo: Soll das eine galante Umschreibung für Nervensäge sein? Ja, ich hab’s gern auf den Punkt genau. Das ist wie ein Ballspiel: Wenn auf der Bühne der vierte, fünfte den Ball fallen lässt, weil er unaufmerksam oder unmotiviert ist, kannst du den Abend vergessen. Was habe ich mich da schon geärgert, wenn geschludert wird! Auch da habe ich bei „The Quest“ anderes erfahren: Teamarbeit. Und, dass auf Vorschläge von Schauspielern gehört wird. Die Regel lautet: Ist der Schauspieler zufrieden, ist der Regisseur zufrieden, ist der Produzent zufrieden, ist das Publikum zufrieden.

 MM: Ihre Vorteile?

De Nardo: Dass ich es gewohnt bin, in zwei, drei Produktionen gleichzeitig zu sein. Die US-Schauspieler machen eher eins nach dem anderen. Meine Ausbildung in Literatur, eine Rolle bis in die letzte Pore zu inhalieren, Bühnen- beziehungsweise Kamerapräsenz, Flexibilität, wenn was schief geht, improvisieren. Wobei ich nicht sagen will, dass es nicht sowohl in Europa als auch in den USA etliche andere gibt, die das auch können!

 MM: Was werden Sie vermissen?

De Nardo: Alles! Allein, dass wir hier den Kaffee auf Silbertablett mit einem Glas Wasser serviert bekommen. Drüben gibt’s Pappbecher. Coffee To Go. Dass ich um drei Uhr Früh im Stammlokal noch eine Eierspeis’ kriege, bevor ich auseinander falle. Die prachtvollen Theatersäle – roter Plüsch, weißgoldener Stuck. Die Wiener Festwochen, Tanzwochen, die Lange Nacht von was-weiß-ich … Meine Freunde, meine Fanbase, wenn ich das so flapsig sagen darf. Andererseits wird vieles von meiner Langeweile mit mir selbst, meiner Saturiertheit verschwinden. Ich freue mich auf die Energie von Los Angeles. Also: Auf Richtung großem Teich, ich spring’ ins kalte Wasser!

 www.marcellodenardo.net

Wien, 1. 10. 2014

Theater in der Josefstadt: C’est la vie – Eine Revue

September 18, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Peter Turrinis Herzbluttext mit viel Liebe dargebracht

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand Bild: Erich Reismann

Marcello De Nardo, Hilde Dalik, Thomas Mraz, Erich Schleyer, Wolfgang Schlögl, Susanna Wiegand
Bild: Erich Reismann

Da stand er also, der Turrini Peter auf der Josefstädter Bühne, ließ tosenden Applaus und ein Geburtstagsständchen des Publikums über sich hinwegfegen. Keiner kann so wie er dichterfürstisch verlegen über den Brillenrand lugen. Ja, huldigt mir, aber ein bissl peinlich ist es schon. Also werden Darsteller und Team flugs noch einmal herausgewunken, da kann man in der Menge untergehen. Dass Direktor Herbert Föttinger nicht in seiner üblichen Loge saß, lässt darauf schließen, dass er während der Uraufführung irgendwo hinten mit Autorenhandhaltung beschäftigt war. Jetzt sei doch endlich nimmer lampenfiebrig, du theatralischer Fieberkopf. Alle, alle lieben dich. Aber es ist wohl gerade das, das dich erschreckt …

Peter Turrini hat sich mit „C’est la vie – Eine Revue“ wieder einmal neu erfunden, nur um er selbst zu bleiben. Das ist ihm vergangene Saison schon gelungen www.mottingers-meinung.at/aus-liebe-am-theater-in-der-josefstadt/, und nicht unwitzig, hatte der Nestroypreisträger in seiner „Lebenswerk“-Rede doch über die Auswüchse seines Nachwuchs gelästert, niemand, der noch Dialoge schreiben kann, alles Textflächenablieferer, Regisseur bleib‘ bei deinen Leisten und führe mich in meiner Gesamtheit auf … Nun legt er knapp vor seinem 70. Geburtstag eine Art Bühnenbiografie vor. 94 Stellen, Sorten von Texten, Gedichten, Tagebuchstellen, Briefauszügen, Passagen aus Gesprächen. Ein Lebens-Lauf, von dem Lebensmensch Silke Hassler sagt: „Verfallen Sie nicht in den Irrtum, dem Dichter Peter Turrini alles über den Dichter Peter Turrini zu glauben.“ Ein so wahrer wie unwahrer Satz, weil hier ein Jedermanns Künstlerschicksal, haha, ein Übers-Theater-Text durch die Eckpfeiler von Turrinis Leben getragen wird. Manches so intim, dass es weh tut, übertüncht mit launiger Selbstverletzungsabwehr-Anekdotenhaftigkeit, Lachen, bis einen – das Wort ist vom Peter gelernt – die „Arschlöcherei“ des Lebens wieder einholt. So kommt er wunderbar poetisch von Kindheitswünschen zu Erwachsenenträumen, der dicke Kärntner Tischlerbub mit dem Katzlmacher-Vater, vom Abenteuer am Busen der Nachbarin ans Volkstheater, vom Kennenlernschock Lampersberg-Artmann-Bernhard in die Psychiatrie. Von „Rozznjogd“ über „Sauschlachten“ zur „Alpensaga“. Immer schön tragi- bis komisch. Ein Buch, bereits bei Amaltea erschienen www.amalthea.at, ein Muss, wieder und wieder und wieder darin zu versinken.

Nun aber mussten die Wortbrücken und Satzbauten auf die Bühne. Und hier gilt das Hurra! Regisseurin Stephanie Mohr, die die Versatzstücke als Pfand in ihre Hand nahm, Turrinis Herzbluttext in einen wärmenden Mantel der Liebe hüllte und daraus eine Aufführung zum Niederknien schuf. Allein das Bühnenbild von Miriam Busch: ein Zimmer, vollgestopft bis zum Plafond, einerseits in der Kleinhäuslernachkriegszeit stecken geblieben, mit Uralt-Fernsehapparat, Kirchenfenster, Madonna und Turrini-Büste mit Magritte-Melonen, ein Schauwert-Sammelsurium als sei’s von Alois Mosbacher, andererseits Turrinis niederösterreichische Niederlassung mit Aktenordnern wie in der Schreibwerkstatt überm Hof und dem Küchentisch, an dem Gäste, die Glück haben, mit Familienrezeptpasta bewirtet werden. Eine solche wird denn auch gekocht. Dazu gibt’s Live-Musik von Wolfgang Schlögl, der ebenso auch Mitspieler ist, wie Souffleuse Monika Steidl. Ein (Ab-?)lebensgedicht, eine lyrische Hinterbliebenenverfügung, einen morbiden Depressionsmoment des nach einer schweren Operation Rekonvaleszenten hat Mohr vom Schluss in die Mitte verlegt.

Wenn ihr ruft, ich soll doch bleiben / schmerzerfüllt sei euer Herz, /

ach, ich tanz mit wilden Sprüngen himmelwärts.

Sonst hat sie alles original ins Können ihrer One in Five (um Jim Morrison zu zitieren) übertragen. Hilde Dalik, Marcello De Nardo, Thomas Mraz, Erich Schleyer und Susanna Wiegand turnen von Eros zu Thanatos, von der Wiege bis zur Bahre, spielen, wo’s eigentlich nichts zu spielen gibt, mit erfreulichster Bühnenpräsenz; auch wenn sie gerade nicht am Wort sind, hat hier jeder was zu tun – Paradeiser würfeln, Schreibmaschine malträtieren, Schultaferln mit Pfui-Ausdrücken beschmieren. Das Fünfgewürz macht die Buchstabensuppe zum Gourmettheater. In schwarzen „Godot“-Anzügen und mit den Büsten-Melonen sind sie gleich und könnten ungleicher nicht sein. Schleyer, der wunderbare Erzähler, tut ein wenig auf Oberlehrer. De Nardo, dem die Geschichte aufgrund seiner eigenen am meisten und am nächsten liegt, und Mraz (nebenbei ein wahrer Dancing Star ;-)) agieren wie bei der Geburt getrennte Zwillingsturrinis. Susanna Wiegand lässt sich auch bei einer Onaniergeschichte vom Oberlehrer nicht unterbrechen, Hilde Dalik sprüht vor Freude und glänzt im Unglück. Sie alle haben sich den Text nicht angeeignet, nicht verinnerlicht, sie SIND der Text. Bravo! Dazu übt man sich im Kärntner Dialektsingen, trällert Ti Amo und intoniert das italienische Partisanenlied Bella Ciao.

Alles Leben und Sterben ist … Bühne. No One Here Gets Out Alive.

Zum Schluss wünscht sich Turrini von seiner Liebsten einen „geilen Strip“. Tschuldige, aber dazu ist jetzt keine Zeit. Die beiden schreiben nämlich gerade das Finanzverbrechenstück „Die Spekulantenkomödie“. Das wollen wir nächste Saison sehen!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=DrJusIANmW0

TIPPS:

25. September: Lesung mit Herbert Föttinger und Peter Turrini: H.C. Artmann „how much, schatzi?“

www.josefstadt.org/programm/stuecke/action/show/stueck/how-much-schatzi.html

26. September: Österreichische Filmpremiere / Uraufführung: „Peter Turrini. Rückkehr an meinen Ausgangspunkt“. Ein Dokumentarfilm mit Peter Turrini von Ruth Rieser.  Titelgebender „Ausgangspunkt“ des Films über und mit Peter Turrini, der am Tag der Filmpremiere seinen 70. Geburtstag feiert, ist der Tonhof in Maria Saal. Hier führte in den 50er und 60er Jahren das Künstlerpaar Maja und Gerhard Lampersberg ein offenes Haus für „völlig unbekannte Kunst-Irre“, wie es Turrini im Laufe des Filmes einmal nennt – von Thomas Bernhard bis Christine Lavant u.v.a.m.  Für den 15jährigen Turrini war der Tonhof in seinem Kärntner Heimatort ein magischer Ort, sein „erstes Zuhause – Labor, Enklave, Wiege der österreichischen Nachkriegsliteratur“. Die Schauspielerin und Filmemacherin Ruth Rieser verkörperte bei der Uraufführung von Turrinis Tonhof-Stück „Bei Einbruch der Dunkelheit“ in Klagenfurt die Claire. In ihrem bildmächtigen, ruhigen Dokumentarfilm lässt sie den Dramatiker Turrini zu Wort kommen – nachdenklich, offenherzig, liebevoll. Ohne Ressentiment oder Voyeurismus wird im Gespräch behutsam dem Herzschlag des Tonhofes und seiner mittlerweile verstorbenen Hausherren nachgespürt. Dabei wird der heute 70-jährige Peter Turrini auch als aufmerksamer Freund der Jugend sichtbar, als einer mit feinem Sensorium für das Jetzt. Neben den Bildern des Ortes und des Hofes verdichten stimmungsvolle Lesungen im Tonhof-Stadl und in den nahezu unveränderten Zimmern des Hauses diesen Dokumentarfilm zu einem außergewöhnlich persönlichen Porträt Peter Turrinis.

Das Theater lädt ein: Gratis-Zählkarten/freie Platzwahl. Generelle Kartenausgabe ab 19. September.

www.josefstadt.org

Wien, 18. 9. 2014

Festspiele Reichenau: 1914 – Zwei Wege in den Untergang

August 5, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

G’schichtln über die Geschichte

Apis mit den drei Attentätern bei der Angelobung: De Nardo, Gorski, Hoffelner, Graf Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Apis mit den drei Attentätern bei der Angelobung: De Nardo, Gorski, Hoffelner, Graf
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

„Muss das denn sein?“, fragt Autor Nicolaus Hagg im Programmheft. Und hält dann ein Plädoyer über die Notwendigkeit des Theaters zur Spekulation, weil es eben mehr könne „als die Tonnen von Fachliteratur“ zum Jahr 1914. „Muss das denn sein?“ Nein, ehrlich, es muss nicht sein. „Legionen von Historikern“ mögen die Menschheitstragödie zwar schon analysiert haben, aber sich sein eigenes G’schichtl über die Geschichte zu erfinden, ist riskant. Und: Von einer „kanonisierten Wahrheit“, wie Hagg sie wahrnimmt, kann auch keine Rede sein. Siehe: www.mottingers-meinung.at/christopher-clark-die-schlafwandler/, ein Sachbuch mit ganz neuem Blick auf die Ereignisse in Sarajevo und den Ersten Weltkrieg. So schmiert die Uraufführung des Auftragswerks „1914 – Zwei Wege in den Untergang“ schon bald nach Beginn ab.

Schade, es war die Produktion auf die man in Reichenau diesen Sommer am meisten gespannt war.

Michael Gampe hat das Stück im Neuen Spielraum inszeniert. Zwei Handlungsstränge bestimmen den Verlauf: Einerseits die Vorbereitung des Attentats durch Apis, den „finsteren“ Chef der Schwarzen Hand – eigentlich „Ujedinjenje ili smrt“ (Vereinigung oder Tod) -, in Serbien, andererseits die Situation am Wiener Hof. Nationalitätenwahnsinn und Großreichssucht auf beiden Seiten. Es geht ums Prinzip. Und bald auch um Princip. Hagg beginnt mit der Hinrichtung von Dragutin T. Dimitrijević, genannt Apis, weil er eine Statur wie der heilige ägyptische Stier hatte, und seines Adjutanten. Für alle die’s interessiert: Dies geschah auf Anordnung des späteren serbischen Königs/Diktators Alexander Karadjordjević. Eine Pikanterie, hatte ihm Apis doch 1903 Vorgänger Aleksandar Obrenović nebst Gattin aus dem Weg geräumt. 1913 wurde er Chef des serbischen Militärgeheimdienstes. Nun heißt’s angesichts der Julikrise „Hochverrat!“ und weg mit ihm. Das alles erzählt Hagg nicht. Er legt den Fokus auf die Attentäter von Sarajevo, die die Hose so voll haben, wie sie den Mund nehmen. Mlada Bosna! Besonders skurril eine Szene, in der Apis die Verschwörer auf ein orthodoxes Kreuz schwören lässt. So stellt man sich Geheimbünde vor! Es wird viel geschrien. Heiliger Krieg und so – wahrscheinlich von wegen „Andocken am Heute“. Hagg setzt auf Fiktion und lässt Fakten links liegen. Sogar anhand von k.k.-Akten belegbare wie etwa den Attentatsverlauf.

Auch schauspielerisch teilt sich die Truppe in zwei Lager. In „Serbien“ ist Marcello de Nardo als Apis der überragende Mann. Was ihm an Bulligkeit fehlt, macht er durch Bühnenpräsenz wett. De Nardo ist immer auf der Höhe, egal was er spielt. Hier ist er ganz Militär, ganz Mission, ein Teufel, der Kinder (Gavrilo Princip und Nedeljko Čabrinović waren 19, Danilo Ilić war 23 Jahre alt) für die politische Idee verheizt, ein Ver- und Reinhetzer. Neben dieser Orkangewalt kann kaum ein Mitspieler bestehen, umso mehr, als Gampe und Hagg ihnen kein Profil geben. Stefan Gorski als Princip darf sich ein bisschen vom Träumer zum Täter entwickeln; die politische Bildung, die Tatsache, dass er für Revolutionsblätter schrieb, bleibt bei „Illic“ Alexander Hoffelner aber außen vor. Dafür herrscht überemotionalisierte Konfusion. Am Wiener Hof dagegen ist der Tonfall schön näselnd überheblich. Hier treffen sich in Rudolf Melichar als Obersthofmeister Montenuovo und Gertrud Roll als Erzherzogin Marie Therese zwei Ebenbürtige. Genauso auf Augenhöhe: Peter Moucka als Hötzendorf und Alexander Lhotzky als serbischer Gesandter, der das Schlimmste verhindern will, aber nicht gehört wird.

Der Schluss stellt sich so dar, dass Montenuovo dem Thronfolgerpaar wegen der Nichtstandesgemäßheit von Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, Militärschutz verweigerte. Potiorek kommt gar nicht vor. Sachliteratur kann auch ein Segen sein.

Wien, 16. 7. 2014

www.festspiele-reichenau.com

www.mottingers-meinung.at/festspiele-reichenau-effi-briest/

Volkstheater: Die letzten Tage der Menschheit

Mai 2, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt – ein Irrenhaus

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Thomas Kamper, Alexander Lhotzky, Ronald Kuste, Roman Schmelzer, Marcello de Nardo, Haymon Maria Buttinger, Günther Wiederschwinger Bild: © Lalo Jodlbauer

Es beginnt fast wie der Faust oder ein Shakespeare oder Karl Kraus. Mit Prolog. Da werden die Insassen/Schauspieler und ihre Leiden/Leidenschaften vorgestellt. Nur findet der weder im Himmel noch auf dem Theater (das heißt: das natürlich), sondern im Irrenhaus statt. Die Welt ist ein Lazarett geworden, in Thomas Schulte-Michels großartiger Inszenierung von Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“. Berichten die da oben etwa schon posthum, gehören sie mit ihren weißen Untergatten und ebenso fahl geschminkten Gesichtern, mit ihren „schlecht“ geklebten Glatzen und Haarresten zu den an Leib und Seele Versehrten, die den Ersten Weltkrieg als Untote überlebten? Und/oder sind es schon ihre verwirrten Geister, die zu uns sprechen?

Schulte-Michels ist etwas Wunderbares gelungen. Er hat Kraus‘ niemals zur Bühnenaufführung gedachtes „Marstheater“ neu verwandelt, sich anverwandelt. Ein Stoff, den jede Maturaklasse intravenös verabreicht kriegt. Ein Text, bei dem man Helmut Qualtinger in jeder Szene im Ohr hat: Die Stimme, die „Bumsti!“ ruft. Und nun das Gefühl: „Winter in den Karpathen“, das gehört auch dazu. Sie haben keine Kriegsmoral, diese Lumpen, obwohl man sie nächtens bei Frost nackt im Freien stehen lässt. Nein, bevor sie kämpfen, erfrieren sie lieber … „Man kommt gar nicht mehr dazu, human zu sein.“ Grausam ist die auf eindreiviertel Stunden gekürzte Fassung mit den übergangslosen Szenen des Regisseurs. Aber Lachen machen einen seine Gaukler. Haymon Maria Buttinger, Marcello de Nardo, Erwin Ebenbauer, Günter Franzmeier, Rainer Frieb, Tany Gabriel, Thomas Kamper, Ronald Kuste, Patrick Lammer, Alexander Lhotzky, Roman Schmelzer und Günther Wiederschwinger sind in unzähligen Rollen unterwegs. Lammer sorgt darüber hinaus fürs Musikalische; de Nardo ist als eine Art Arzt mit Stethoskop in der Kitteltasche der Spielleiter. Und eine fabelhafte Schalek. So wie sich Rainer Frieb unter anderem als Hansi Niese hervortut, die „unserem Kaiser“ – ein Riesenhampelmann, der von oben auf die Rampe schwebt – ein Busserl aufdrücken möcht‘.

Man kann Satire noch satirisch überhöhen, beweist der Abend. Das Lametta, das die Herren Offiziere an den Uniformen tragen, ist vom Christbaum (Kostüme: Tanja Liebermann). Die Kanonen schießen Konfetti. Eine U-Boot-Mannschaft trägt Zeitungspapierhüte. Und immer wieder tritt einer mit dem Aufschrei „Jetzt reicht’s aber!“ auf einen der Knallfrösche, die auf dem Boden verteilt sind. Franz-Joseph-Büsten mit blinkenden roten Augen gibt’s en masse. Viele gehen freiwillig oder unfreiwillig zu Bruch. Und gab dem Kaiser einen ganz kleinen Stips, und da war er aus Gips … Gespielt wird mit Tempo, Tempo, Tempo. Ein Irrsinn im Irrenhaus. Und ein weiterer Grund für die österreichisch-deutsch-babylonische Sprachverwirrung. Es fehlt k.u.k. eben die „Urganisation“ der Piekfe; dafür haben wir das absurde „Je ne sais quoi„. Schön arbeitet Schulte-Michels heraus, wie aus der fatal fröhlichen Falscheinschätzung der Situation allmählich Katastrophenstimmung wird. In solchen Momenten hat etwa Günter Franzmeier seine besten.

Wie wohl es freut, dass der Ausnahmeschauspieler Haymon Maria Buttinger auch für diese Produktion gewonnen werden konnte, und ihr schließlich ein Ende setzt, ist die Arbeit eine einzige große Ensembleleistung. Chapeau vor allen, die die Straßen Wiens und Berlins bevölkern, in Kanzleien und Kasernen, in Hinterhöfen und großbürgerlichen Wohnungen, in Wallfahrtskirchen, in Friseursalons und Redaktionen, an Fronten und in der Etappe – im Lazarett sitzen. Chapeau vor allen Erzherzögen, Militärs und Zivilisten jeglicher sozialen Schattierung, jeder Mittelmäßigkeit und angetan von jedem politischen Verbrechen, blutrünstigen Patriotismus, Profitgier oder Phrasendrescherei. Ein kriegsgegnerischer Irrenhäusler wird kurzerhand erschossen. Auf de Nardos Prolog folgt sein Epilog. Nur Gottes letzte Worte „Ich habe es nicht gewollt“ fehlen. Wahrscheinlich wurde Er gerade mit Elektroschocktherapie oder kalten Bädern behandelt. Drei Mal, sagte Schulte-Michels im Interview, hätte er Kraus‘ Buch an die Wand geworfen und geflucht, warum er sich das Ganze antue. Ein Glück, dass er es ein viertes Mal aufgehoben hat.

www.volkstheater.at

Wien, 2. 5. 2014

Theater in der Josefstadt: „Hochzeit auf Italienisch“

Oktober 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tempo, Tollheit und viel Temperament

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana) Bild: © Sepp Gallauer

Sandra Cervik (Filumena Marturano), Herbert Föttinger (Domenico Soriano), Hilde Dalik (Diana), Siegfried Walther (Alfredo)
Bild: © Sepp Gallauer

Ach, jetzt noch Pesce all’Acquapazza oder eine Portion Involtini di carne di bufala mit Sformato di Zucchine, dazu ein ehrlicher Taurasi – und das Glück wäre perfekt. Für die Dolci haben Sandra Cervik und Herbert Föttinger ja ausreichend gesorgt. Er diesmal nicht in seiner Funktion als Josefstadt-Direktor, sondern in der Rolle des neapolitanischen Süßwarenfabrikanten Domenico Soriano. Sie, weil sie als „Filumena Marturano“ (so der eigentliche Titel der Theatertragikomödie von Eduardo De Filippo aus dem Jahr 1946) edelzartbitter zu Tränen rührt. „Hochzeit auf Italienisch“ – 1964 von Vittorio De Sica mit Sophia Loren und Marcello Mastroianni verfilmt – hält das Künstlerehepaar nun auf der Bühne. Ein vorprogrammierter Publikumserfolg. Der Garant für ein volles Haus. Völlig zu Recht. Denn die Inszenierung vom hauptberuflichen Theater-der-Jugend-Chef Thomas Birkmeir ist entzückend. Unter anderem oder vor allem, weil er als Regisseur das Tragi- genauso ernst nimmt wie das -komische.

Der Inhalt: Vor 25 Jahren hat Domenico die Dirne Filumena kennengelernt und, der Stammkundenschaft überdrüssig, sie in sein Haus genommen. Die in mehrfacher Hinsicht wilde Ehe bringt’s mit sich, dass Filumena Domenicos demente Mutter pflegen, den Haushalt und bald auch die Geschäfte führen muss. Der feine Herr nämlich treibt sich lieber in der Weltgeschichte herum, um’s zu treiben. Doch nun plötzlich soll die Ex-Prostituierte weg. Domenico will seine blutjunge Sekretärin Diana heiraten. Filumena wird „sterbenskrank“, erzwingt auf dem Totenbett die Eheschließung – und feiert mit Ring am Finger und der Plünderung des Eiskastens fröhliche Auferstehung. Domenico schäumt. Will die sofortige Annullierung des Bundes. Doch Filumena hat noch ein Ass im Ärmel. Das heißt: Eigentlich drei. Söhne. Und einer davon ist Domenicos …

Herbert Föttinger passt die Figur des „Mimi“ Soriano wie eine zweite Haut. Jedes Klischee über italienische Männer sitzt. Changierend zwischen Muttersöhnchen (wunderbar, wie er sich mit einem Aufschrei auf ihren Sarg wirft oder später die „heilige“ Verstorbene auf Knien um Beistand gegen Filumena anfleht) und knallhartem Macho, elegant tänzelnd, weniger elegant keifend, mittelschwer hypochondrisch, ebenso hysterisch, ein Herrenschuhfetischist, ein Maulheld, aber ein anrührender. Nicht umsonst wird er von Filumena so heiß geliebt. Diese, das „alte, angestaubte Möbelstück“, spielt Sandra Cervik nach ihrer fulminanten „Sterbeszene“ mit beinah immer stoischer Ruhe – manchmal greift sie auch zum Küchenmesser. Ihre Filumena ist ernsthafter, ehrlicher, ehrbarer als der Rest der Gesellschaft. Eine, die aus der Gosse wollte, und im Leerlauf der Versprechungen endete. Zynisch kommentiert sie die von De Filippo festgeschriebene Sozialkritik, wenn sie das reiche, verzogene, ergraute Bürschen entspannt, die Hühnerhaxn in der Hand, filetiert. Sie hat den Spieß umgedreht – in einer Zeit, in der es noch keine DNA-Tests gab, aber das Blatt wird sich noch einmal wenden … Als sie sich ihren Söhnen erstmals als das präsentiert, was sie ist, ihnen dabei nicht ins Gesicht sehen kann, hat Cervik die stärkste Szene des Abends. Doch für den ganzen gilt, wie schön es ist zuzusehen, wie die Chemie zwischen ihr und Herbert Föttinger stimmt. Außerdem gefallen Filumenas „Mitverschwörer“ Marianne Nentwich als Haushälterin Rosalia, Siegfried Walther als vermeintlicher Mimi-Intimus Alfredo und Gideon Singer als desorientierter Priester. Hilde Dalik, wie immer eine Augenweide, lässt als „naive“ Schöne Diana schön durchblicken, welch bösartige Xanthippe sich hinter der bezaubernden Oberfläche verbirgt.

All diese Tollheiten hat Birkmeir mit Tempo und Temperament in Szene gesetzt. Inklusive Rückblenden über die ersten Augenblicke zwischen Domenico und Filumena. Für die flotte Umsetzung sorgt Christoph Schubiger mit seinem ruckzuck variablem Bühnenbild. Dazu gibt’s Musik von Peppino di Capri bis Rita Pavone. Che m’importa del Mondo (www.youtube.com/watch?v=NyLZiVR7p38)!

www.josefstadt.org

www.mottingers-meinung.at/sandra-cervik-und-herbert-foettinger-im-gespraech

BUCHTIPP: Mehr über das Neapel dieser Tage schildert Curzio Malaparte in seinem Roman „Die Haut“ (Erstausgabe 1949; neu erschienen im Zsolnay-Verlag): Als Verbindungsoffizier der Alliierten, die 1943 Neapel von den deutschen Besatzern befreiten, begleitet Malaparte die amerikanischen Truppen auf ihren Wegen durch die Stadt. Er wird zum Zeugen einer beispiellosen Verrohung unter der neapolitanischen Bevölkerung, die nur eines kennt: die eigene Haut zu retten. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Entstehen schockiert dieser Roman noch immer. Vom Vatikan auf den Index gesetzt, machte „Die Haut“ ihren Verfasser weltberühmt.

Wien, 4. 10. 2013