Armes Theater Wien: Liebe und Zufall

August 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine entzückende Beschäftigung mit Marivaux

Roswitha Meyer, Florian S. Fitz Bild: © Vondru

Roswitha Meyer, Florian S. Fitz
Bild: © Vondru

Es ist ein Wagnis, sich heute mit Marivaux zu beschäftigen. Eines, bei dem ein Teil des Publikums rufen könnte: Der Zopf muss ab! Pierre Carlet de Marivaux, auch Pierre de Chamblain de Marivaux, einer der bedeutendsten Autoren der französischen Rokokowelt hat seinen guten Ruf sozusagen überlebt. Schon Zeitgenossen hielten seine Stücke für reaktionär, wertkonservativ. „Marivaudage“ wurde zum Synonym für Schwulst. Lieblingsmotiv seiner Stücke: Schuster bleib‘ in deiner Gesellschaftsschicht. Wobei Marivaux‘ Bühnenpersonal Adelige, aber keine Höflinge waren, sondern Flüchtlinge in die gemütlichen Eremitagen ihrer Landgüter. Seine Komödien schrieb er der Truppe der Comédiens italiens und ihren Stars quasi auf den Leib. (Auch die private Geschichte des Bürgerssohn Marivaux ist interessant: 1717 erheiratete er ein Vermögen, erbte 1719 ein zweites, nur um sein Geld 1720 beim Zusammenbruch der Banque royale zu verlieren. Was ihn in die Arme des Theaters und des Journalismus trieb. Er gründete Le Spectateur français; die Pompadour setzte ihm eine Leibrente aus.)

Das Arme Theater Wien nahm sich nun das Spiel von „Liebe und Zufall“ her, um daraus eine entzückende Sommerkomödie zu machen. Der Inhalt ist so simpel wie verzwickt: Silvia sieht ihrer arrangierten Hochzeit sorgenvoll entgegen. Um beobachten zu können, wer Dorante wirklich ist, bittet Silvia ihren Vater, Monsieur Orgon, beim ersten Treffen mit ihrem Zukünftigen die Rolle mit ihrer Zofe Lisette tauschen zu dürfen. Monsieur Orgon verschweigt seiner Tochter, dass Dorante genau den gleichen Plan verfolgt und mit seinem Diener Arlequin wechseln will. Amüsiert über diesen Zufall, lässt Monsieur Orgon das Verwirrspiel zu und weiht einzig seinen Sohn Mario ein, um mit ihm gemeinsam das unterhaltsame Schauspiel verfolgen zu können. Entsetzt blicken Dorante und Silvia aus der Dienstbotenperspektive auf ihre Heiratskandidaten, als sich Lisette und Arlequin in ihren Rollen einander vorstellen. Niemals könnte Dorante die hochfahrende Dame lieben, die er da sieht. Und der Herr, der sich als Dorante präsentiert, missfällt Silvia ebenfalls ab dem ersten Moment. Lisette und Arlequin allerdings finden sich und einander unwiderstehlich und verlieben sich prompt. Für Dorante und Silvia aber scheinen die Gefühle, die sie füreinander entwickeln, ein Problem zu sein, glauben doch beide, sich in einen einfachen Dienstboten zu verlieben. Und das geht ja wohl gar nicht. Das seltsame Spiel  nimmt seinen Lauf. Als Silvia herausfindet, wer Dorante wirklich ist, will sie es wissen: Ist seine Liebe so groß, dass er sie auch als Zofe heiraten würde? Und auch Arlequin muss sich irgendwann erklären …

Ja, die Luxussorgen einer Luxusclique. Marivaux‘ Rollentauschkomödie lässt die Standesdünkel sind aneinander reiben, bis die Funken fliegen. Gleich und gleich erkennt sich. Selbst in Verkleidung. Regisseur Erhard Pauer lotet die Untiefen gesellschaftlicher Grenzen aus. Ist Liebe biologischer Instinkt oder verkopftes Gefühl? Das hervorragende Ensemble gestaltet mit spitzzüngigen Sticheleien und einer gehörigen Portion Sarkasmus ein Sprachverwirrspiel. Motto: Auf die Betonung der Sätze kommt es an! Pauer treibt den Stoff auf der Scoville-Skala weit noch oben, inszeniert frisch und flott.

Krista Pauer macht aus dem Ganzen beinah ein Emanzipationsstück, ist ständig im Zwiegespräch mit dem Publikum, wo einige Männer die Schelte für ihr Geschlecht einstecken müssen. Ein als „Herr mit Brille“ entblößter Zuschauer nimmt diese sogar ab, um sich zu tarnen. Krista Pauer, einfach brillant. Doch steht ihr Roswitha Meyer als Lisette in nichts nach. In der Robe und mit Schmuck der Herrin stöckelt sie durch den Raum, als ob es kein Morgen gäbe. Très vürnehm. Aber, immer loyal, lässt sie ihren Dienstherrn Orgon wissen, dass sie bis jetzt nur getändelt habe, würde sie ihre Reize voll ausspielen, wäre der blaublütige Galan wohl hin und weg. Ein Kabinettstück, zu dem Manfred Jaksch als Orgon beruhigt seinen Segen gibt. Er kennt ja die Wahrheit. Die Offenbarungen und Eide häufen sich. Florian S. Fitz ist großartig als Arlequin, erst ein Aufsässiger, den im Anzug seines Herrn die Großmannssucht befällt; doch mit dem Geständnis nur ein „Vorzimmersoldat“ zu sein, fällt die Vornehmheit und er zurück in den Dialekt. In diesen wunderbaren Szenen ist Fitz fast nestroyesk. Steven Klopp als Dorante ist ganz Elegiebürscherl. Interessant, wie die Dienerschaft das Problem der doppelten Lüge viel praktischer aus dem Weg schafft, als Hochwohlgeboren und die höhere Tochter. Wer küsst, kann eben nichts zerreden. Marcel-Philip Kraml ist ein spaßiger Mario.

Beim Schlussapplaus meinte der Sitznachbar, es sei erstaunlich, dass auf „Orgon“ Jaksch, den Doppelspion der Liebe, der das Spiel aus Lust an der Freud‘ noch befeuert, niemand böse sei. Na, weil er so charmant ist. Das wird man doch sehen wollen.

www.armestheaterwien.at

Wien, 14. 8. 2014