Burgtheater: Don Karlos

November 1, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die im Dunkeln sieht man durchaus

Gefangener einer überkommenen Gesellschaftsform, Geheimnisflüsterer im abhörsicheren Raum: Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

„Wenn dieses Trauerspiel schmelzen soll, so muss es, wie mich deucht, durch die Situation und den Charakter König Philipps geschehen“, formuliert im Bauerbacher Plan Friedrich Schiller höchstselbst, und am Burgtheater wird des Dichters Gedanke zum Ideendrama seit gestern auf den Siedepunkt gebracht. Martin Kušej präsentiert seine brillante „Don Karlos“- Produktion vom Residenz- theater als Wien-Premiere, mit etlichen neuen Darstellern, aber der immer noch atemberaubenden Ästhetik.

Einer frostkalten Atmosphäre von Vertrauensbruch und Verrat, unter deren eisschwarz-glatter Oberfläche heiß die Politkabalen und Liebesintrigen brodeln. Entstanden an der Phasengrenze von Sturm und Drang und Weimarer Klassik, uraufgeführt kurz bevor der jakobinische Tugendterror begann, die eigenen Kinder zu fressen, scheint Schiller seinem Publikum vor Augen führen zu wollen, wie handstreichartig Idealismus in die Irre gehen kann, sind Freigeistigkeit und Vernunftideal erst von der Staatsgewalt angekränkelt. Von der Utopie zur Umsetzung ist es ein weiter Weg, in den schon wieder welche Steine werfen, die die abendländische Aufklärung zwar als Aushänge- schild vor sich hertragen, die Votivtafel aber keineswegs mit den Motiven von Toleranz und Akzeptanz schmücken.

Was Wunder, hat einer wie Thilo Sarrazin den Begriff Tugendterror bereits vor Jahren als Linksschelte in Besitz genommen. An dieser Schnittstelle operiert Kušej, er beschreibt Philipps II. despotisches System als Black Box. Das Reich, in dem die Sonne niemals unterging, ist im Bühnenbild von Annette Murschetz eines der Schatten, durch das zwecks Inszenierung ihres sinistren Machtspiels Dunkelmänner – und dank der Eboli eine ebensolche Frau – schleichen. Das royale Dynasty ist eine gefährliche Drohung an Leib und Leben, macht die Aufführung gleich anfangs mit Drohnenflügen klar. Delinquenten werden von Schergen des Regimes in einem Wasserloch ertränkt, in einem Meer fast manischer Stille gibt Bert Wredes Geräusch-Kulisse den gespenstischen Ton vor, ein dumpfes Dröhnen, ein undeutliches Gemurmel – als wär’s von Folterverhören.

Oder das heimtückische Geflüster der Höflinge. Oder gar der König im Gebet? Thomas Loibl brütet in der Rolle des Philipp düster vor sich hin, und, als hätt‘s die schönen Tage von Aranjuez nie gegeben, die übrigen Protagonisten mit ihm. Loibl, allein optisch durch eine Art Habsburgerkinn ausgezeichnet, ist tatsächlich die von Philipps Schöpfer zur solchen bestimmte Kern-Schmelze des Abends, er beschwört mit seiner katastrophalen Allzumenschlichkeit den Super-GAU geradezu herauf. Loibl malt das Bild eines fieberwahnsinnigen Fürsten wie den Teufel an die Wand, sein Monarch ein von der eigenen Staatsmacht zur Räson gezwungenes Gefühlswrack.

König Philipp II. fordert Marquis von Posas Dienste: Thomas Loibl und Franz Pätzold . Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auch ein Gewaltherrscher will sich von den Sünden reinwaschen: Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Philipp beschuldigt Elisabeth der Untreue: Marie-Luise Stockinger und Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Ein eiskalt kalkulierender Großinquisitor: Martin Schwab mit Thomas Loibl. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Bis beim von sich selbstbeherrschten Gewaltherrscher angesichts eines verstockten Karlos, einer eventuell fremdgehenden Elisabeth, einer vielleicht doch nicht seiner Tochter und eines verbissenen Posa endlich die Nerven blank liegen. Loibls Philipp wird im Laufe des Abends je bitterer, desto besser, umgeben von einem allwissenden Überwachungsapparat, weiß dessen Erbauer, der daran Schuldige nun Leidtragender, am allerwenigsten, was rund um ihn und wie ihm geschieht. Eine blau bestrahlte Ecke, die die Drehbühne ab und an herbeischafft, steht da als verdinglichte Paranoia, die Assoziation mit einem schallisolierten Tonstudio stellt sich ein, der einzig abhörsichere Ort in einem Palast, dessen Wände Ohren haben. Hier haben gut gehütete Licht- und Hirngespinste ein Zuhause.

Ansonsten strahlen grellweiße Spots aufs gekrönte Haupt, wenn’s nicht unter einer Kristallaureole weilt, andere sprechen aus dem nationalen Nachtfinster wie aus dem Off, bevor ihre speiübelgrünen Gesichter und leichenblaßen Körper ans Licht kommen. Was es im Halbnackten an Bekleidung gibt, ist ebenfalls tristessefarben, die stetig historischer werdenden Kostüme – bei den Herren von der Chino zur Heerpauke, bei den Damen vom chaneligen Cocktailkleid zum Kegelrock – von Heide Kastler. Alles entwickelt sich langsam, viereinhalb-Stunden-langsam. Die schaurige Totenstille des Staatsstillstands, die Tableaux vivants vor Tragik wund bis zum Wundstarrkrampf, Kušejs exemplarische Lähmung von Schillers schicksalsschwangerer Schwere, fordern vom Zuschauer höchste Konzentration. Dies Setting ist eines, in dem man notwendigerweise die Sinne scharf stellt, doch keine Rede von, wie aus München verlautbart, nichts hören, nichts sehen.

Die im Dunkeln sieht und versteht man durchaus, und will man sich auf Kušejs Experiment mit Raum und Zeit einlassen, wird man eines faszinierenden, intensiven, mitreißenden Theatererlebnisses teilhaftig. Denn aus dem Schwarz blitzen brillante schauspielerische Darbietungen. Überragend, wie bereits als Dionysos in den „Bakchen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34408), ist der charismatische Franz Pätzold als Marquis von Posa. Prägnant in Ausdruck und Stimme macht er dessen idealdurchtränkte Selbstüberschätzung wie die sich trotz aller Umarmungen abzeichnende Entfremdung gegenüber Jugendfreund Karlos aufs Fürchterlichste klar. Verfängt sich Pätzolds Posa, in Kušejs ungewohnt unversöhnlicher Interpretation im Wortsinn keine Lichtgestalt, wegen seiner Hybris im Konspirationsnetzwerk, so Karlos aus Hilflosigkeit.

Die Eboli will ihren verräterischen Liebesbrief zurück: Katharina Lorenz und Nils Strunk als Don Karlos. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Marcel Heuperman, Arthur Klemt, Johannes Zirner, Felix Kammerer, Wolfram Rupperti und Bardo Böhlefeld. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Nils Strunk spielt ihn mehr als dämmersüchtiges Elegiebürscherl, denn als Aufbegehrer, jedenfalls als zu schwach, also chancenlos in einem System, in dem sich buchstäblich alles gegen ihn verschworen hat. Pätzold und Strunk sind naturgemäß Schillers rhetorische Spitzen gegönnt, ersterer bestechend beim berühmten Plädoyer für Gedankenfreiheit – und nach dem ihm zugedachten Schlussapplaus zu urteilen auf dem Sprung zum Publikumsliebling.

Zweiterer beeindruckend in einem Streitgespräch mit Alba, den Marcel Heuperman zwischen massiver Abscheulichkeit und ebensolcher Angst anlegt, und wie die beiden darin gefälliges Geplänkel in wilde Wut steigern. Herausragend auch Katharina Lorenz als Eboli, die sich von der liebreizenden Liebenden in die Gift und Galle fauchende Rächerin ihres erotischen Fehlschlags verwandelt. Johannes Zirner ist der Eboli und dem Alba ein wunderbarer Mitintrigant Domingo, ein Meister im Sähen von Zweifel und Zwietracht, wie der Beichtvater des Königs an diesem beweist.

Marie-Luise Stockinger verhält sich als Philipps unschuldig verdächtigte Gemahlin Elisabeth von Valois trotz aller Gegenwinde aufrecht und ehrlich. Martin Schwab kann als Großinquisitor mit seinem den Glauben klar kalkulierenden Geist gar nicht anders, als großartig sein. Wie Schwab sich über das Habsburgische Totenreich erhebt, sich imaginären Staub vom Priesterkragen schüttelt, das Kruzifix in Stellung bringt und mit wenigen Sätzen die gottgleiche Macht der Kirche zementiert, das ist große Kunst. Als Hofschranzen heucheln, huschen und kuschen Arthur Klemt als Parma, Tim Werths als Olivarez, Marta Kizyma als Mondekar, Bardo Böhlefeld als Lerma, Wolfram Rupperti als Feria und Felix Kammerer als Medina Sidonia. Sie alle finden sich am Schluss von Martin Kušejs Aufführung mit Jubel und Applaus bedankt.

Der neue Hausherr zeigt mit dieser Arbeit einmal mehr, wie fein sich ein historisches zum aktuellen Schlüsselstück ziselieren lässt, und zeigt auf, dass Theater nachgerade die politische Pflicht hat, sich als moralische Instanz zu inszenieren. Sein „Don Karlos“ ist ein Schattenspiel über Recht und Unordnung, über Politverdunkler, Staatssicherheitsfanatiker, Grenzzieher – und über in diesem Szenario für unmündig erklärte Bürger. Wer will, kann das als Sinnbild für die gegenwärtige demokratiepolitische Verfinsterung nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt sehen.

www.burgtheater.at

  1. 11. 2019

Akademietheater: Meister und Margarita

Oktober 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Du saugst hinweg die Sünde der Welt

In der Redaktion ist wieder einmal ist der Teufel los: Johannes Zirner trifft als angsterfüllter Sokow auf Norman Hacker als Woland, Stefanie Dvorak als Hella und Felix Kammerer als Behemoth. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Aus dem Haus Sadowaja 302b, in dessen Wohnung Nr. 50 der Autor selbst für vier Jahre Unterkunft nahm, ist also ein Großraumbüro geworden. Graue, von gläsernen Wänden getrennte Officekojen, zwischen denen Sokow und Frieda, Poplawski und Iwan „Besdomny“ Ponyrew ihr Tagwerk vollbringen – und da dort auch Berlioz, laut Michail Bulgakow bekanntlich Vorsitzender der Moskauer Literaturvereinigung, zugegen ist, sind die Zimmer ziemlich sicher eine Zeitungsredaktion und die anwesenden Personen

die dort angestellten Redakteure. Das estnische Berufs- wie Privatpaar Ene-Liis Semper und Tiit Ojasoo, Begründer und Auflöser des von den Wiener Festwochen bestens bekannten Tallinner Theatre NO99, zeigen am Akademietheater ihre Version von Bulgakows Opus magnum „Meister und Margarita“. Ein „gesellschaftliches Poem“ nennen die beiden ihre Inszenierung, bei der sie sich wie stets die Regiearbeit sowie die an Bühnenbild, Kostümen und Videos geteilt haben, und es ist von Vorteil, das Original des russischen Schriftstellers zu kennen, bevor’s zu deren Dreieinhalb-Stunden-Elaborat geht.

Bulgakow schrieb den Roman ab 1928. Erst kurz vor seinem Tod im März 1940 diktierte er seiner Frau Jelena eine mutmaßlich nur wegen seines Ablebens finale Fassung. Die darin verhandelten Themen reichen von der Hinrichtung einer Dichterkarriere über ein von den Daseinsstürmen gebeuteltes Liebespaar bis zu einem Alternativevangelium, und das alles ist immer auch autobiografisch, von Bulgakows prekärer Beziehung zu Stalin, der den Systemkritiker einerseits mit einem Veröffentlichungsverbot strafte, ihm aber andererseits eine Assistentenstelle am Moskauer Künstlertheater verschaffte, bis zum Meister und seiner verheirateten Geliebten Margarita, die gleichzusetzen sind mit Michail und der scheidungswilligen Jelena.

Semper und Ojasoo halten sich nicht mit Bulgakows groteskkomischer Sowjetschelte auf, sie wollen ihm auf anderweitig verschlungenen Wegen folgen, dorthin, wo’s ums ewig während Allzumenschliche geht, Neid, Gier, Hochmut, denen Bulgakow als größte Frevel, den Opportunismus, die Dummheit und die Feigheit beigesellt. Mit der lustvollen Verbitterung des zum Schweigen gezwungenen Genies trägt er seine Gedankenkämpfe aus, seine Waffe gegen die herrschenden Verhältnisse dabei geschmiedet aus heiter Anekdotischem. Wieder und wieder lässt sich „Meister und Margarita“ lesen, um Neues zu entdecken in den drei Handlungssträngen:

Der „Meister“ und seine Margarita: Rainer Galke und Annamáría Láng. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

And now, the end is near: Im Glitzeranzug singt Norman Hacker Sinatras „My Way“. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Als Berlioz landet Philipp Hauß samt Marcel Heupermans Iwan in der Irrenanstalt. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Jeschua reinigt Räume: Tim Werths mit Marcel Heuperman als Iwan unbehaust. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

1. Das Erscheinen des Teufels und seiner Gehilfen in Moskau, wo er als Zauberkünstler Woland jedermanns Wohl und Wehe verwirbelt. 2. Das Auftreten des „Meisters“, eines Literaten, der von der Presse so übel beschimpft wird, dass er in der Psychiatrie landet. Die andere Titelfigur, Margarita, wird einen Handel mit Woland eingehen, damit die zwei doch noch zusammen sein können. 3. Die Vorkommnisse rund um die Verurteilung von Jesus Christus, hier Jeschua, durch Pontius Pilatus, Berichte über den depressiv-migränegeplagten Prokurator, die sich später als der Roman des Meisters herausstellen.

Das Bonmot, man fände ins Buch „Meister und Margarita“ leicht hinein, aber niemals wieder heraus, trifft auf die Aufführung nun aber nicht zu. Semper und Ojasoo verweigern sich der Fantastik der Vorlage, kein schwarzer Riesenkater Behemoth treibt sein mörderisches Unwesen, niemand reitet auf einem Besen ein, es gibt keine verhexte Wohnung, kein plüschiges Varieté, kein furchteinflößendes Irrenhaus, sondern – siehe oben – das raumklimatisch bedenkliche Einheitsbüro unter freudlos flackernden LED-Lampen. Über den vier ident eingerichteten Schreibstuben und dem Flur prangt die Hauptsache des Ganzen, eine gigantische Leinwand, auf die beständig per Live-Kamera aufgenommene Bilder aus den nicht einsehbaren Bühnenteilen übertragen werden. Castorf schau oba, sozusagen.

Eine Zwangsjacke, ein bisschen rosa Licht und zwei Drehstühle machen allerdings keine Atmosphäre. Vom vergnüglichen Gänsehaut-Feeling des Romans, von seitenweise Schreck und Sarkasmus, von der Magie und der Wirkmacht des Buches bleibt auf der Bühne kaum etwas übrig. Wann, um Himmels willen, haben sich Semper und Ojasoo – man denkt da wehmütig an „Heiße estnische Männer“ oder „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ – dermaßen spaßbefreit? Eine der seltenen gewitzten Ideen ist die, Tim Werths als Jeschua in voller Golgatamontur, blutüberströmt und mit Dornenkrone, als Büroreinigungskraft zu zeigen. Lamm Gottes, du saugst hinweg die Sünde der Welt …

Die Live-Kamera übertragt das Geschehen von den Officekojen auf die Leinwand, hier folgt sie Hanna Binders Frieda. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Und apropos, Himmel: Als Höllenfürst hat Norman Hacker seine grandiosen Momente, ob im Punkoutfit mit fettigem Haar oder im teufelsroten Glitzeranzug Sinatras „My Way“ singend, sein Woland ist honigsüß ennuyiert, lasziv selbstverliebt und von bedrohlichem Charme. Allein seinetwegen schaut man bis zum Schluss gerne zu. Der Rest hat in diesem spröd‘-distanzierten, spannungsarmen Szenario nicht viel zu spielen. Philipp Hauß als Berlioz wie Pontius Pilatus und Johannes Zirner

als Sokow wie Kaiphas retten sich, so der Eindruck, mit ihrer Professionalität über die Runden, Mehmet Ateşçi, frisch vom Gorkitheater, setzt als Poplawski wie Afranius auf Geschmeidigkeit, der vom Resi mit nach Wien gekommene Marcel Heuperman macht als Iwan unbehaust auf wildwütig entschlossen. Stefanie Dvorak, als Hella Cheerleaderin im Team „666“, und Hanna Binder als Kindsmörderin Frieda haben’s in ihren kleinen grauen Zellen auch nicht leicht, genauso wie Felix Kammerer, den man als Behemoth zum goldgelockten Jüngling ausstaffiert hat. Falscher, heißt: weniger Bulgakow, geht’s nicht. Ihnen allen hätte man einen geglückteren Einstand an Martin Kušejs Burgtheater neu gewünscht. Immerhin Rainer Galke und Kornel-Mundruczó-Star Annamáría Láng gelingt es, die Amour fou von Meister und Margarita zu gestalten.

Sie wissen sowohl wie überbordende Emotion, als auch wie leise Zwischentöne gehen. Galke und Láng erzählen Liebe und von der Metaphysik der Liebe an einem Abend, der sich das Erzählen im Sinne von Story, Plot, Charakterzeichnung ansonsten anscheinend verboten hat. Irgendwann singen alle, derweil Jeschua im Hintergrund den Boden wischt, „Jesus‘ Blood Never Failed Me Yet“ und bewegen sich dazu wie Marionetten im Welttheater des Teufels – schließlich müht sich bei Bulgakow ja ausgerechnet der Böse, die Geschöpfe Gottes von dessen Existenz zu überzeugen. Das ist das schönste, das stimmungsvollste Scheitern an dieser von vornherein dazu verdammten Unternehmung, und die Gretchenfrage nach dem Halten mit der … xxx-rated … in der Semper-Ojasso-Interpretation der russischen Faust-Paraphrase augenscheinlich des Pudels Kern.

Es fällt, während sich Jeschua als seit mehr als 2000 Jahren missinterpretiert beklagt und ein erster Möchtegernjünger dessen Predigten in Fake-News-Form zu Ziegenpergament bringt, der bedenkenswerte Satz: „Damit ein guter Mensch Böses tut, dafür braucht es eine Religion …“ Das hat schon was. Der Applaus am Ende aber war so unentschlossen wie Ene-Liis Sempers und Tiit Ojasoos Inszenierung, Teile des Premierenpublikums hat der unterkühlte Abend deutlich ausgekühlt, andere, so an ihrem Abgang zu merken, auf einen erstaunlich hohen Aggressionslevel gehievt.

www.burgtheater.at           Mehr zu Michail Bulgakow: www.masterandmargarita.eu

  1. 10. 2019

Was hat uns bloß so ruiniert

September 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Marie Kreutzers behutsamer Blick in die Bobo-Seele

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Freundinnen, drei Mal schwanger: Vicky Krieps als Stella, Pheline Roggan als Mignon und Pia Hierzegger als Ines. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Drei Paare in gepflegt verwahrloster Altbauwohnung, ein Freundeskreis, in dem nur sorgfältigst gekelterter Rotwein die Runde macht, und dann die Ansage: Ich bin schwanger! Fast ein wenig beleidigt wird gratuliert, geteilte Freude ist halbe Freude, doch dann überlegt nachzuziehen. Bobos mit Babybauch. Das ist die Grundkonstellation von Marie Kreutzers drittem Spielfilm.

„Was hat uns bloß so ruiniert“ heißt er und läuft am Freitag in den heimischen Kinos an. Ein Schelm, der dabei denkt, die Filmemacherin habe eigene Erfahrungen einfließen lassen. Die werdende Mutter Nr. eins, Stella, hat nämlich auch die Filmakademie absolviert. Die Sextett-Erfahrung soll ergo zur Doku werden, immer wieder treten die Protagonisten aus der Handlung vor Stellas Schwarzweißkamera, um zu erzählen, was das Mutter- beziehungsweise Vaterwerden aus ihnen macht und „objektiv“ Selbst/Zweifel an der Situation anzubringen.

Kreutzers leiser und leise sarkastischer Die-Macht-der-Hormone-Humor macht aus dem Film eine hinreißend charmante Tragikomödie. Kreutzer hat die Schwierigkeiten und die Schönheit der Elternschaft pointiert durchdekliniert, Motto: das Beglückende ist immer auch das Anstrengende, sie spielt ein lustvolles Spiel mit Geschlechterklischees und Rollenbildern, das heißt: deren antrainierter Ablehnung – und dies Konstrukt platzt für ihre Figuren nun wie Seifenblasen. Cool sein und forever cellulitefrei, so hat man sich’s vorgenommen, während man sehenden Auges in die Verspießerung schlittert …

Nachdem der „Wellentanz“ beim Geburtsvorbereitungskurs absolviert und die Frage, ob die PDA mit einer biologisch-dynamischen Lebensführung konform geht, geklärt ist, geht’s auf in den Glaubenskrieg Kindererziehung. Die alltäglichste Grenzerfahrung der Welt. Die weich gezeichneten Bilder von Kamerafrau Leena Koppe und der visionäre Voice-Over werden schon bald durch die Realität eingeholt: Stella und Markus, dargestellt von Vicky Krieps und Marcel Mohab, regeln die Aufgaben rund um Nachwuchs Lola paarintern basisdemokratisch. Die unfreiwillig Mutter gewordene Ines, sie spielt Pia Hierzegger, laut ihrem Partner „Impfgegnerin aus Schleißigkeit“, überantwortet Töchterchen Elvis viel und gerne Manuel Rubeys Chris. Und Mignon alias Pheline Roggan will bei Aimèe alles natürlich halten– was etwa auch den Verzicht auf Windeln bedeutet. Andreas Kiendls Luis hat da nicht viel mitzureden.

 Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln ... Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Ines, dargestellt von Pia Hierzegger, beschließt auf Solopfaden zu wandeln, … Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

... weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Vicky Krieps und Manuel Rubey. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

… weshalb Chris versucht bei Stella anzudocken: Manuel Rubey und Vicky Krieps. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Marie Kreutzer blickt ihren Figuren behutsam in die geschundenen Seelen, „Was hat uns bloß so ruiniert“ ist wie die Poetik der Beziehungskisten. Mit geschliffenen, scharfzüngig das Authentische schrammenden Dialogen beschäftigt sie sich mit Elternschaft bis zur Selbstaufgabe, mit dem Aufreiben für eine „anspruchsvolle Drittperson“, wie Luis sein Paarcrasherkind nennt, mit Optimierungswahn und dem Verschieben von Wertigkeiten, kurz damit, wie plötzlich Angst um einen anderen, einem anvertrauten die jahrelange Alles-easy-Haltung aushebelt. Da war man doch eben noch … nicht?, und plötzlich ist man gezwungen erwachsen zu werden. Das Lebensgefühl einer Generation, deren schlimmste Schrammen von ein paar Studentendemos stammen. Und die sich nun plötzlich aus ihrem Lebensentwurf gewürfelt sieht.

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Vater werden ist nicht schwer: Andreas Kiendl als Luis mit Amanda Seyfried beim Regalausräummassaker im Supermarkt. Bild: © Juhani Zebra / Thimfilm

Verkörpert wird das alles vom Feinsten. Vor allem Pia Hierzegger als Scheiß-mi-nix-Ines und Manuel Rubey als diese Haltung überkompensierender und beständig im Clinch mit dem aufklappbaren Kinderwagen liegender Übervater Chris sind großartig.

Andreas Kiendl wiederum versucht als Luis in das antiautoritäre Chaos seines Familienidylls ein wenig Ordnung zu bringen, was seine Lebenspartnerin fast schon als faschistoid empfindet. Kiendl kippt dabei gekonnt vom Netten von nebenan ins Ang’speistsein. Höhepunkt der Handlung ist ein Elternabend in der „Kindergrupp Kartoffelsupp“ – mit den herrlich frauenversteherischen Christian Dolezal, Till Firit und David Oberkogler, der zuletzt im Sommer bei den Festspielen Reichenau in „Doderers Dämonen“ gefiel (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21181) -, an dem die Giftigkeit von Rosinen und der ökologische Aspekt von Reiswaffeln diskutiert werden.

Von Selbstgefälligkeit und Schuldgefühlen, von Eitelkeit und Eifersucht geht’s zum Seitensprung. Auf Gleichgültigkeit folgt Katastrophe, die freilich zur Katharsis führen muss. Die Liebe erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles und hält allem stand. Steht schon in der Bibel. Also gibt es ein Happy End. Ein dreifaches. Bei so viel kindischem Verhalten im Vorfeld ist es aber schön, dass in Stellas Doku den Kindern das Schlusswort gegeben wird. Das letzte Wort haben sie ohnedies schon längst.

www.washatunsbloss.at

Wien, 19. 9. 2016

Theater Hamakom: „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“

Oktober 28, 2015 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Patton spielt Theresia Walsers „Hitler“

Simon Hatzl, Andreas Patton, Heinz Weixelbraun Bild: Theater Nestroyhof Hamakom

Simon Hatzl, Andreas Patton, Heinz Weixelbraun
Bild: Freda Fiala/Theater Nestroyhof Hamakom

Im Theater Nestroyhof Hamakom ist derzeit Theresia Walsers grandiose Satire „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ zu sehen, ein Schauspiel für zwei Hitler-Darsteller und einen Goebbels. Drei Schauspieler sitzen im Fernsehstudio und warten auf ihren Auftritt. Gleich werden sie in einer Kultursendung über die Grenzen der Theaterkunst diskutieren. Sie wissen, wovon sie reden. Denn alle drei haben sich als Nazigrößen-Darsteller bewährt. Ihr Auftritt verzögert sich, also kommen sie ins Gespräch, aber in was für eines. Ein fast fundamentalistischer Kulturkampf tobt hier – zwischen dem alten „Naturalismusschwindel, bei dem man wie vor hundert Jahren Text aufsagt“ und den „narzisstisch überdrehten Provokationsdeppen, die sich in Selbstbespiegelung suhlen“.

Aber ebenso zwischen denen, die als Hitler Schokoladekuchen gegessen und bei jeden Bissen die Vernichtung mitgespielt haben und jenen, die nie versuchten, unten im Bunker als Hitler ihre Suppe bösartig zu löffeln. Da kann es schon einmal vorkommen, dass der eine froh ist, heute wieder ohne Polizeischutz auszukommen, nachdem er einmal nackt auf der Bühne kniend mit den Zähnen Seiten aus dem Koran gerissen hatte – gewisse Leute haben das fehlinterpretiert, die haben nicht verstanden dass man doch auf ihrer Seite war – und der andere, dass er einen Schweizer Pass hat, ohne den er Hitler nie spielen hätte wollen, weil ja doch nicht jeder aditauglich ist.

Andreas Patton, Simon Hatzl und Heinz Weixelbraun gestalten in der Regie von Hans-Peter Kellner dieses außergewöhnlich witzige und scharf pointierte Stück Theater. Es geht um die Problematik der Darstellung des Bösen auf der Bühne, die Debatte um die Kunstfreiheit, und die Frage von Werktreue versus Regietheater. Die perfiden Wortspiele der drei Bühnengranden teilen tüchtig Tachteln aus für die schon zum Allgemeingut gewordene Schaustellerei. Das Lachen, das aus Theresia Walsers Text aufsteigt, ihr Witz ist eine Einladung: Wer gewillt ist, sich weder von Angst dumm noch vom Vorurteil blind machen zu lassen, wird sich köstlich unterhalten.

„Die Sicherheit der Sicherheit“: 10 Jahre Wiener Wortstaetten

Von 5. bis 7. November findet im Theater Nestroyhof Hamakom das Festival zum Zehn-Jahres-Jubiläum der Wiener Wortstaetten statt. Aus gegebenem gesellschaftspolitischem Anlass und unter dem Titel „Die Sicherheit der Sicherheit“ wurden 14 Autorinnen und Autoren beauftragt, Monologe zu verfassen, die sich mit der Fragestellung auseinandersetzen. Denn: Das einzige, was im Leben eines Menschen sicher ist, ist der Umstand, dass er oder sie einmal sterben wird. Oder auf gut Wienerisch formuliert: Sterbn muaß a jeder. Inszeniert haben die Texte von u. a. Ibrahim Amir, Ákos Nemeth und Peca Stefan die Regisseure Alex. Riener, Hans Escher und Bernhard Studlar. Es spielen Paola Aguilera, Elisabeth Findeis, Ingrid Lang, Marcel Mohab, Andreas Patton, Boris Popovic, Sonja Romei und Michael Smulik.

www.hamakom.at

www.wortstaetten.at

Wien, 28. 10. 2015

Landestheater NÖ: Radetzkymarsch und Die Rebellion

Oktober 4, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Philipp Hauß inszeniert in St. Pölten Joseph Roth x 2

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß  Bild: Alexi Pelekanos

Wojo van Brouwer, Moritz Vierboom, Pascal Groß
Bild: Alexi Pelekanos

Burgschauspieler und Regisseur Philipp Hauß, der dem Landestheater Niederösterreich schon mit „Mamma Medea“ www.mottingers-meinung.at/?s=mamma+medea einen schönen Erfolg beschert hat, versucht sich nun am Haus an einem neuen waghalsigen Projekt. Er verknüpft, nein, eigentlich er stellt nebeneinander, Joseph Roths „Radetzkymarsch“ und Roths „Die Rebellion.“ Ein Dutzend Schauspieler, darunter die Gäste Moritz Vierboom vom Burgtheater und Myriam Schröder, bekannt vom Schauspielhaus Wien, meist in mehreren Rollen, spielen Vor- und Nach-Sarajevo, das Ende der Donaumonarchie, die Entmenschlichung der Kriegswitterer und -veteranen, den zunehmenden Verlust des Glaubens an Kaiser, Gott, Gerechtigkeit. Die Gräuel, die weder die oben noch die unten verschonen.

Die oben: Joseph Roth erzählt in Radetzkymarsch die Geschichte der dem Kaiserhaus schicksalhaft verbundenen Familie Trotta. Aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje rückt ein Trotta in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier auf. Sein Sohn Joseph bringt es  zum Leutnant. In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph das Leben. Als „Held von Solferino“ wird er  als „Joseph Trotta von Sipolje“ in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert.  Nachdem der Hauptmann im Schulbuch seines Sohnes zufällig eine heroisierende Darstellung der Schlacht von Solferino entdeckt und sich darüber beim Kaiser beschwert, wird er zwar in den Freiherrenstand erhoben, verlässt aber verbittert die Armee. Seinem Sohn, Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, verbietet er eine Karriere beim Militär. Dieser schlägt stattdessen eine zivile Beamtenlaufbahn ein. Bei seinem Sohn, Carl Joseph Trotta von Sipolje,  ist von der knorrigen Stärke des „Helden von Solferino“ nichts übrig geblieben. Weder ein schneidiger Soldat wie der Großvater, noch ein kaisertreuer Beamter wie der Vater ist Carl Joseph ein äußerst weicher und feinfühliger Charakter. Der junge Mann will eigentlich kein Soldat sein, doch folgt er gemäß dem Ethos der Pflichterfüllung dem Auftrag seiner Familie. Als Leutnant zur Kavallerie ausgemustert, verschlägt ihn das Schicksal bald zur Infanterie an die russische Grenze, wo Carl Joseph dem Alkohol und der Spielsucht verfällt. Wie am Anfang des Aufstiegs einer Familie der Einsatz eines Menschenlebens für den Kaiser gestanden hat, steht am Ende ein Opfergang für die namenlosen Kameraden: Carl Joseph fällt im Ersten Weltkrieg bei dem Versuch, Wasser für seine Soldaten zu holen. Die Familie Trotta erlischt mit ihm.

Die unten: Andreas Pum hat im Krieg ein Bein verloren, bekam zwar eine Auszeichnung, aber nicht einmal eine Prothese. Trotzdem glaubt er, die Regierung werde ihn schon versorgen. Das erweist sich als Irrtum. Andreas muss vor der Kommission einen „Zitterer“ (furchtbare Bilder dazu kann man in der Ausstellung auf der Schallaburg sehen: www.mottingers-meinung.at/ausstellung-auf-der-schallaburg-zum-1-weltkrieg/) simulieren, um die Lizenz zum Drehorgelspiel zu ergattern. Mit seinem Leierkasten humpelt Andreas von Hinterhof zu Hinterhof. Angehörige hat der Kriegsversehrte keine. Der Winter steht bevor. Andreas träumt von breithüftigen Witwen mit vorgewölbten Busen. Genau so eine läuft ihm über den Weg: Katharina Blumich. Hals über Kopf heiratet Andreas sie, bei der ersten Bewährungsprobe wendet sich die Frau von dem neuen Ehemann, diesem Krüppel, ab und wirft sich sofort einem Mann mit gesunden Gliedern an den Hals. Andreas wandert ins Gefängnis. Das Delikt: Bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und Amtsehrenbeleidigung. Andreas hatte einen Polizisten mit der Krücke geschlagen. Der Staatsdiener wollte eine Auseinandersetzung schlichten. Der Invalide war in der Straßenbahn als Simulant und Bolschewik verunglimpft worden. Einige Fahrgäste hatten eingestimmt: Russe, Spion, Jude ! Die Lizenz zum Leierkastenspiel wird Andreas  entzogen. Im Gefängnis verliert Andreas den Glauben. Aus dem Gefängnis kommt er mit weißem Haar. Aber einen Freund hat er noch. Der stellt ihn als Wärter in der Toilette des Cafés Halali an. Als Andreas am Arbeitsplatz stirbt, will er die Gnade Gottes nicht. Denn Die Rebellion gilt Gott. Pum will in die Hölle.

Hauß lässt die Ereignisse auf einer halsbrecherisch schrägen, „unfertigen“ als wäre sie noch Probeninstrument, Bühne (von Martin Schepers) ablaufen. Es erfolgt kein Aufbau, sondern Abbau. Habsburgland ist abgebrannt. Die Darsteller üben sich im An-einander-vorbei-Reden; direkten menschlichen Kontakt wollen sie tunlichst meiden, diese weißgeschminkten Totenmasken mit den schwarzumrandeten Augen. Leise gesprochene „innere“ Monologe wechseln mit rasenden, lautstarken emotionalen Ausbrüchen. Weil die Welt ein Kerker ist, hat hier keiner mehr alle Zellen im Hirn. Im Überlebensk(r)ampf ist jeder auf der Suche nach seiner eigenen Medizin. Hauß macht klar, dass es mehr Subversion statt Subordination braucht. Und kein Festhalten an einem Ehrenkodex aus anno Tobak. Die Geschichte der Familie Trotta lässt er anfangs im Schnelldurchlauf erzählen, bis er bei Carl Joseph angelangt ist. Wojo van Brouwer ist in einer Umgebung, die hartleibig im Privaten wie im Politischen ist, ein weiches Herz, das allzu leicht zerdrückt werden kann. Wohin sich wenden, wenn rundum nur Abgrund ist? Van Brouwer spielt höchst gelungen einen Verzweifelten – und immer auch einen Zweifler – an all den Aufgaben, die ihm Vater und Landesvater stellen, einen, der seine eigene Identität sucht und stets beim Helden-Großvater strandet. Anschaulich und facettenreich stellt Hauß die Dekadenz des Offiziersstandes dem Untergang der Donaumonarchie und des Kaiserhauses gleich. Dazu hat er sich viele klein-nette Ideen einfallen lassen. Etwa eine Barbie-und-Ken-Kutsche, gezogen von Einhörnern, mit denen Seine Majestät vorfährt. Hauß stellt der Dekadenz der Truppe aber auch die De­s­pe­ra­ti­on des beinamputierten Pum gegenüber.

Wie ein Geist aus der Zukunft taucht er immer wieder auf der Szene auf. Eine Meisterleistung von Michael Scherff (der auch Franz von Trotta ist), nicht nur physisch den halben Abend auf einem Bein zu bestreiten, während das andere mit einem Gürtel an die Rückseite des Oberschenkels geschnallt ist, sondern auch psychisch. Sein Pum ist ein In-die-Grube-Einfahrer. Lange, lange, lange lässt er sich seinen Optimismus nicht nehmen, bis er buchstäblich am Boden liegt. Nun ein Zyniker, den nicht einmal der Tod erlösen kann. Moritz Vierboom hat diesmal mit seinen Rollen auch keine Fortune. Als Regimentsarzt Max Demant, Carl Josephs einzigem Freund, ist er erst, weil Jude, der Außenseiter unter den Kameraden, fällt schließlich, sucht das Sterben, in einem unsinnigen Duell. Später, als Hauptmann Wagner, verliert er alles beim Glücksspiel (auch seinen Schnauzbart, womit Vierboom übrigens souverän umgeht und sogar mit der Situation spielt) – und erschießt sich. Vierboom, wiewohl hier keine Hauptfigur, macht es seinen Mitstreitern nicht leicht. Seine Bühnenpräsenz, sein großartiges Spiel dominiert, ohne, dass er es beabsichtigt. C ‚est la Guerre. Myriam Schröder ist die einzige, die in beiden Episoden auftritt. Als Trottas Infanterie-Flittchen Valerie von Taußig und als Pums Katharina Blumich. Schön bös‘ kann sie in beiden Rollen sein. Blitzschnell erfolgt ihr Wechsel von der Sirene zur Megäre. Den Unangenehmen entzieht sie sich durch Sexyness. An der nächsten Ecke wartet schon der nächste. Kinder, heut‘ abend, da such‘ ich mir was aus einen Mann, einen richtigen Mann! Schröder ist Schöne und Biest in einem.

Am Ende steht da eine Totentafel von der der Schlachtruf oder Verzweiflungsschrei: Das ist Österreich! erschallt. Der tote Pum sitzt auf dem Tisch, der tote Carl Joseph von Trotta geht an ihm vorüber. Und bietet ihm einen Job an: Leierkastenmann, Museumswärter, Tabakverschleißer … Philipp Hauß hat keinen Abend gestaltet, der sich einem leicht erschließt. Mitarbeiten muss man schon. Doch es lohnt sich mit Hingabe Herz und Hirn für dieses außergewöhnliche, ambitionierte Projekt zu öffnen. Ein Bravo soll allen, auch Intendantin Bettina Hering, die dieses Abenteuer zugelassen hat, gelten.

TIPP: Am 8. Oktober wird Arthur Millers „Hexenjagd“ wiederaufgenommen!

www.mottingers-meinung.at/landestheater-niederoesterreich-hexenjagd/

www.landestheater.net

„Radetzkymarsch und Die Rebellion“ ist am Landestheater Niederösterreich bis 31.12. auf dem Spielplan und gastiert am 21. und 22. 10. im Stadttheater der Bühne Baden.

Wien, 4. 10. 2014