Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt

August 16, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sehnsuchtsland ist es zum Sterben schön

buch 1Die große Kunst des Catalin Dorian Florescu ist es, ein Buch geschrieben zu haben, das sich zwischen einer rumänischen Leprakolonie und 9/11 bewegt, und das es einem trotzdem warm um die Seele macht. „Der Mann, der das Glück bringt“ ist ein Roman, so poetisch und so voll melancholischer Heiterkeit, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu lieben. Dabei erzählt Florescu von Überlebenskampf und Aberglaube und Armut und davon, dass es am unteren Broadway genauso Ghettos gibt, wie im unteren Donaudelta.

Doch die, die da am Rande von Sulina und Sfintu Gheorghe leben, wissen davon nichts, wollen davon auch nichts wissen. Für sie ist Amerika das Sehnsuchtsland, zum Sterben schön, während die anderen, die dort sehr unschön sterben mit dem städtischen Totenschiff zum Armenfriedhof Potters’s Field auf Hart Island geschippert werden. Ungefähr 800.000 Tote sind hier bestattet, etwa 1500 kommen bis heute jährlich dazu, das Betreten ist verboten …

Zwei sich abwechselnde Ich-Erzähler führt der Autor ein, Ray und Elena, er New Yorker Kleinkünstler jenseits der besten Jahre, so er je welche hatte, sie Touristin mit einem Auftrag. Sie will die Asche ihrer Mutter hier beerdigen, aus einem ganz bestimmten Grund, der mit betrogener Liebe zu tun hat. Doch dann stürzen die Türme ein, Elena flüchtet sich in Rays Kellertheater, es gibt plötzlich zu viel Asche, um die private Katastrophe von der weltpolitischen zu trennen, es gibt kein Rauskommen, also erzählt man einander Geschichten. Um die Angst zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Von der Familie und der eigenen Vergangenheit.

Und es ist dies die einzige kritische Anmerkung zu diesem großartigen Text: Über Elena, die sich lange als Waisenkind wähnte, hätte man gerne mehr gelesen, gerne hundert Seiten mehr. Ihr Herumgereichtwerden von einer Pflegefamilie zur anderen, vom intellektuellen Nomenklatura-Lehrerpaar über die systemkonform betrunkenen Bauersleute bis zur linientreuen Arbeiterfamilie, sieht sie selbst als Leben im „Querschnitt des kommunistischen Rumäniens“. Dazu Abscheu und Neugier bei der endlichen Annäherung an ihre leibliche Mutter, die im letzten Leprosorium Europas bei Tulcea weggesperrt wurde; noch heute leben in der Anlage etwa zwei Dutzend Patienten, seit dem Ende des Kommunismus steht es ihnen frei zu gehen, doch sie sind alt und schwach und entstellt …

Über diese Elena also wollte man mehr wissen, diese Textilarbeiterin über Vierzig, über die ihr Schöpfer sagt, sie sei ein Mensch, der sich keine schmerzlindernde Lebenslüge zugestehe und diese Strenge habe ihre Gesichtszüge geformt. Doch Florescus Herz hängt an dem „Mann, der das Glück bringt“, eine schillernde Persönlichkeit, Rays Großvater, er tatsächlich elternlos, lange ein Namenloser, weil er je nach Gelegenheit einen irischen, jüdischen, italienischen annimmt, und der mit seiner kindlichen Caruso-Stimme zum Tröster gefallener Mädchen und zum Helfer eines Bestatters wird, der sich auf kriminellen Abwegen die Kundschaft selbst besorgt, aber niemals zu dem großen Vaudeville-Künstler, der er sein möchte. Das alles beginnt im Jahr 1899. Und Florescu fügt seiner Geschichte die sogenannte große hinzu.

So entsteht ein Zeitbild, in das Gerhart-Hauptmann-Premieren in Berlin einfließen, Theodor Herzls Ankunft in Jerusalem, die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Parteigründung eines gewissen Mussolinis, die Protagonisten haben keine Ahnung, was das alles bedeutet, und ein Bericht der Times über das erste Automobil. Mit viel Gespür für Zeitströme und Grenzgänge zeichnet Florescu die USA als eine von politischen und Wirtschaftsflüchtlingen geschaffene Nation, er zitiert The Herald: „Es ist grausam, die vielen unglücklichen Kreaturen zu sehen, die täglich ohne einen Penny und unfähig, sich selbst zu ernähren, an unsere Küste gespült werden.“ Er zeigt eine Welt, in der die Bevölkerung der einen Hälfte schon immer und immer wieder in deren andere gelangen will.

Die Donau wird dafür ebenso zum Sinnbild wie der Hudson River. An einer Stelle heißt es über erstere, dieser „Abwasserkanal“ lagere im Osten alles ab, was ihr weit entfernt im Westen übergeben werde, „die Ausscheidungen der Menschen, den Abfall und die Abflüsse aus Tausenden von Fabriken.“ Die Sprache, in der dies geschrieben ist, hat einen teils fernen, teils vertrauten Klang, die von Ray und Elena und ihrer Mutter und seinem Großvater ist jedes Mal anders und doch eins. An manchen Stellen überschlagen sich die Stimmen vor Fabulierlust, an anderen stellen die Charaktere unsentimental ihre Schicksale dar, und ihre vergeblichen Versuche, jeder auf seine Art, dem Vorgezeichneten zu entgehen. Eines, man bewegt sich schließlich in Varieté-Kreisen, betrifft den Fahrradakrobaten Joe Jackson. Der „starb auf der Bühne, nachdem ihn das Publikum fünf Mal zurückgeholt hatte, damit er seine Nummer wiederholte. Seine letzten Worte waren: ,Mein Gott, sie klatschen immer noch.‘“

Ray erzählt Elena diese Anekdote, der Satiriker wird die Existenz der Spaßbefreiten auf den Kopf stellen, ihr Dasein so kräftig durchschütteln, bis sie weiß, wie sich Lebendigsein anfühlt. Denn Ray ist nun der „Mann, der das Glück bringt“, er kann Drama zumindest in Tragikomödie wandeln, und er tut dies nicht im Mittelpunkt, sondern gleichsam am Ende der Welt. So münden die beiden Lebensströme in einem Liebesmärchen; Florescus Buch ist eine Reverenz an die Fähigkeit des Menschen, dies allen Widrigkeiten zum Trotz zu tun: aufbegehren und einander zu begehren. „Er stand neben meinem Bett mit einem Kissen in den Armen und schaute mich an … Ich hob die Decke an und machte ihm Platz.“

Über den Autor:
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane „Wunderzeit“, „Der kurze Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und zuletzt den bereits in neunter Auflage veröffentlichten „Jacob beschließt zu lieben“. Er erhielt zahlreiche Preise – unter anderem den Anna-Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef-von-Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt. Für das Manuskript seines neuen Romans erhielt er das Werkjahr der Stadt Zürich.

C. H. Beck, Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Roman, 327 Seiten.

www.chbeck.de

www.florescu.ch

Wien, 16. 8. 2016

Volksoper: Der Mann von La Mancha

Oktober 18, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Musical als Theater der Unterdrückten

Patricia Nessy (Aldonza), Christian Graf (Wirt), Robert Meyer (Don Quixote), Ensemble der Volksoper Wien Bild: (c) Barbara Pálffy / Volksoper

Patricia Nessy (Aldonza), Christian Graf (Wirt), Robert Meyer (Don Quixote), Ensemble der Volksoper Wien. Bild: (c) Barbara Pálffy / Volksoper

Von wegen Materialschlacht im Bombastsound. An der Volksoper hatte nach mehr als zwanzig Jahren wieder einmal „Der Mann von La Mancha“ Premiere. Ohne Tremolo und Tralala. Olivier Tambosi, hauptberuflich Opernregisseur, legte zum ersten Mal Hand an ein Musical und entkleidete es von allem, was man landläufig darunter verstehen mag. Übrig blieb eine sehr klare, fast spröde, politische Inszenierung mit einem Titelantihelden, der agiert wie der argentinische Alphabetisierer Augusto Boal. Musical als Theater der Unterdrückten.

Dieser „Mann von La Mancha“ ist mehr als jemals zuvor eine Parabel über, ein Plädoyer für Anstand und Menschlichkeit, gegen die Repression und ihre Instrumente.

Tambosi entführt in eine dunkle Unterwelt, in ein Gefängnis, aus dem es kein Entrinnen gibt; das Ensemble trägt als Gefangenenkluft graue Overalls (Bühnenbild und Kostüme: Friedrich Despalmes). Das Spiel im Spiel kann sich nur aus dem Theaterkoffer von Cervantes und den Kisten, in denen die Häftlinge ihr spärliches Hab und Gut aufbewahren, entfalten. Lumpen und Müllsäcke werden zu Versatzstücken, zum seidenen Schal oder zur Robe des Padre, die Kisten zur Schank, am Ende zum Totenbett. Nicht mehr als was und vor allem wer da ist, ist da. Keine Auf- oder Abgänge an diesem eindreiviertelstündigen, pausenlosen Abend. Das sorgt für Tempo und Atemlosigkeit. Ersteres auf der Bühne, zweiteres im Publikum. Die Darsteller schaffen die anstrengende Übung mit Bravour. Diesen Zuchthäuslern ist das Stück des Don Quixote zwar Abwechslung und Ablenkung, doch ist ihnen jede Illusion zerstört. In ihrem Dasein braucht es keinen Ritter mit den Spiegeln, wiewohl er natürlich erscheinen wird, um zu wissen, dass Realität Folter ist. Auf ihrem Erdball braucht es Mut nicht an nichts zu glauben. Und Cervantes hat ihn. Tambosi hat psychologisch fein ziselierte Charaktere aus den weltbekannten Figuren entwickelt, um diese zwischenmenschlichen Kampfzonen herauszuarbeiten.

Folgerichtig setzt die Produktion beinah mehr auf schauspielerische denn auf sängerische Qualitäten. Der Schöngesang jedenfalls ist abgeschafft, vor allem Patricia Nessy als Aldonza/Dulcinea versucht dieser Vorgabe – ganz Gossenkind – zu entsprechen. Das Orchester sitzt an der Rückseite der Bühne, der eigentliche Orchestergraben ist ein Zellenloch, aus dem der Dichter seine Mitspieler holt. Die Musik kommt einem mit Kastagnetten und der Gitarre von Jonathan Bolivar durchaus spanisch vor, doch agieren die Musiker ohne Dominanzverhalten, sondern sanft begleitend, fast untermalend. Das sensible Dirigat von Lorenz C. Aichner trägt wesentlich zum großen Erfolg des Abends bei.

Hausherr Robert Meyer, 1994 an der Seite von Karlheinz Hackl als Sancho zu sehen, macht als Ritter von der traurigen Gestalt gute Figur. Sein bebrillter Cervantes ist ein milder Intellektueller mit dem Herz eines Revolutionärs, sein Quixote aber kein edler Ergrauter, der mit zittriger Stimme elegisch Sentimentalitäten kundtut. Hier will einer das Volk bilden, nicht nur was das Hirn, sondern auch was die Herzen betrifft. Herzensbildung, weil: weiche Herzen kann keiner brechen. Dazu gehören Eloquenz, Überzeugungskraft und eine gewisse Aggression gegenüber dem Aggressor, diesem autoritären Staat. Meyer, der auch stimmlich genau den gewünschten Ton trifft, spielt Cervantes‘ Angst ebenso wie dessen Abscheu vor einem System, dem er sich als Steuereintreiber und Zurschausteller von dessen Grausamkeit und Ungerechtigkeiten widersetzt hat. In seiner „Rolle“ stürmt er zwar mit Schwert und Lanze durch den Zuschauerraum, doch sind weder sein Quixote noch dessen treue Seele Sancho jemals Typ komischer Kauz, dafür nimmt Tambosi das Thema zu ernst. Meyer beginnt ergo auch das „Ich, Don Quixote“ als Cervantes zu singen, während er sich in den sinnreichen Juncker verwandelt. Den Diener beider Herren gibt Boris Pfeifer, und als Intimus des Impresarios auch noch den Garderober, Requisiteur und Regieassistenten. Pfeifer quirrelt über die Bühne; er überzeugt und berührt, wenn er zugibt: „Ich mag ihn …“

Das Herzstück dieser Inszenierung ist aber das Ensemble. Tambosi hat jedem auf der Bühne eine Aufgabe zugedacht, die mit großer Spielfreude erfüllt wird. Die drei Protagonisten fügen sich ein ins große Ganze, auch Robert Meyer ein Primus inter Pares, das in seiner Gesamtheit überzeugt. Ausgezeichnet sind sie alle, diese Verbrecher, wie sie mit ihrem Treiben die Verkrustungen der Gesellschaft bloßstellen, dabei immer wieder aus ihren Rollen in die Verzweiflung der – weil im auch aus dem Leben – Gefallenen zurückfallen. Sex und Gewalt und sexuelle Gewalt bestimmen diese Existenzen „drinnen“ und „draußen“. Die schweren Jungs und leichten Mädchen „spielen“ schlecht, so gut es Kerkerinsassen eben können. Christian Graf ist ein lakonisch gewitzter Wirt; Christian Dolezal ein gefährlich lauernder Duke und ein bürokratisch gerissener Dr. Carrasco, meist steht er als Beobachter am Rande, doch wenn er sich einmischt, ducken sich die Köpfe. Martina Doraks Antonia ist natürlich gesanglich eine Wucht, die sich mit Ballettpositionen entliehenen Gesten als Mimin in die erste Reihe spielen will. Dort darf Thomas Sigwald lange nicht stehen, immer wieder zeigt er auf, immer wieder wird er nicht gecastet, diese kleinen Nebenepisoden machen den Abend wunderbar menschlich, bis er endlich als Barbier besetzt wird. Wolfgang Gratschmaier ist eine mit altjungferlich-sittlichem Sexappeal überzeugende Haushälterin, Susanne Litschauer eine resche Maria, Mehrzad Montazeri als Padre so fromm wie notgeil. Vier aus der Truppe gestalten auch zwei Reittiere, das kann man ja vom Theater, dass einem der Direktor im Kreuz sitzt.

Denn in dieser Interpretation gibt es, weil es das im Gefängnis eben nicht gibt, weder eine Rosinante noch Windmühlenriesen noch andere Showeffekte. Fantasie ist Kopfsache, sagt Tambosi. Seine kluge, so moderne wie zeitlose Arbeit gibt einen Denkanstoß in die einzig mögliche Richtung dieser und aller Tage. Und weil Tambosis Arbeit erfrischend kitschbefreit ist, hier nun mit Schmalz: Wir alle sollten Kinder von La Mancha sein. Der Traum ist möglich, der Stern zum Greifen nah.

www.volksoper.at

Wien, 18. 10. 2015

Kabarett Niedermair: Severin Groebner

Dezember 5, 2014 in Tipps

VON RUDOLF MOTTINGER

Vom kleinen Mann, der wissen wollte,

wer ihm auf den Kopf g’schissen hat

Bild. Matthias Kling

Bild. Matthias Kling

Am 11. 12. hat Severin Groebner mit seinem neuen Programm „Vom kleinen Mann, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf g’schissen hat“ Österreich-Premiere im Kabarett Niedermair – knapp vor seinem 20-jährigen Bühnenjubiläum. Er wirft sich dabei kopfüber in die Gesellschaft und fragt sich:  Was haben Bauarbeiter und Werbeagenten, Architekten und IT-ler, Politiker und Prostituierte, Konzernchefs und Security-Sheriffs gemeinsam? Genau. Sie sind Teil von Severin Groebners neuem Kabarett-Programm.

Der Träger des Österreichischen Kabarettpreises 2013 wirft sich in seinem neuen Solo kopfüber in die Gesellschaft und fragt sich: Was soll das? Wer war das? Und was fällt dem eigentlich ein? Überhaupt: Wer sind eigentlich „die da oben“? Und wenn dort „da oben“ ist, wo hört dann „unten“ eigentlich auf? Und so begibt sich der Groebner auf eine aberwitzige Reise, vom Elend zur Elite, vom Prolo bis zum Polo. Rauf und runter auf der sozialen Leiter, wie ein Frosch mit Brille. Ein Abend über Lug und Trug, Zukunft und Vergangenheit, Rock’n’Roll und Kartenspiel und Parkbänke und Freundschaft.

Ein Kabarett-Märchen über einen, der auszog, weil er es wissen wollte.

www.niedermair.at

www.severin-groebner.de

Wien, 5. 12. 2014

Dschungel Wien: Peter Turrini – Uraufführung

Mai 22, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Was macht man, wenn …

Ratschläge für den kleinen Mann

Bild: Dschungel Wien

Bild: Dschungel Wien

Der DSCHUNGEL WIEN präsentiert Peter Turrinis erstes Kinderbuch erstmals auf der Bühne: „Was macht man, wenn … – Ratschläge für den kleinen Mann“ (7+) bringt ab  22. Mai, 18 Uhr, Groß und Klein – egal ob Mann oder Frau – mit herrlich unkonventionellen Antworten auf nicht immer alltägliche Fragen zum Schmunzeln. Von der liebevollen Umsetzung seines Kinderbuch-Klassikers unter der Regie von Nika Sommeregger, zeigte sich Peter Turrini bereits bei mehreren Probenbesuchen sehr erfreut. Wie auch die Vorlage bleibt auch die dramatisierte Version des witzigen Ratgebers konsequent parteiisch: auf der Seite der Kinder! Der große Dramatiker Peter Turrini gibt herrlich unkonventionelle Antworten auf nicht immer alltägliche Fragen von Kindern. Ein Muss für die Bühne.

Was macht man, wenn Soldaten auf dem Dach sitzen? Einem ein Löwe auf dem Zebrastreifen begegnet? Wie geht man mit Schlägertypen um? Wie mit Goldschätzen verfahren, die gefunden werden? Was tun, wenn man zum Essen eingeladen wird und das Essen grauslich ist? Wie sich retten aus dem Bauch eines Wals? Was macht man, wenn man von einem Erwachsenen Blödmann geschimpft wird? Was tun, wenn man nicht mitspielen darf? Und die alles entscheidende Frage für den kleinen Mann: Wie landet Bub bei Mädchen?

Peter Turrini ist mit seinem Buch „Was macht man, wenn … Ratschläge für den kleinen Mann“ eine Sternstunde der Literatur gelungen. Ein Ratgeber voller skurriler, humorvoller, schrecklicher, witziger, hintergründiger Geschichten. Für jede Lebenslage weiß Turrini etwas zu erzählen, das besser nicht sein könnten.

www.dschungelwien.at

22. 5. 2014

Landestheater Niederösterreich: Geschwister

März 4, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Klaus Manns Cocteau-Dramatisierung

in der Theaterwerkstatt

Christine Jirku, Katharina von Harsdorf, Pascal Groß   Bild: Yasmina Haddad

Christine Jirku, Katharina von Harsdorf, Pascal Groß
Bild: Yasmina Haddad

Am 8. März hat in der Theaterwerkstatt des Landestheaters Niederösterreich „Geschwister“ von Klaus Mann Premiere. In der Regie von Irmgard Lübke spielen Swintha Gersthofer, Pascal Groß, Katharina von Harsdorf, Christine Jirku, Tobias Voigt und Jan Walter.

Die Geschwister Elisabeth und Paul wachsen als Waisen in einer Pariser Wohnung auf. In ihrer selbst gewählten Isolation erhalten sie sich über die Jahre ihre kindlichen Spiele und Rituale, die nach und nach zu einem fixen Bestandteil ihres Lebens, einer Art Ersatzreligion, werden. Dieser Mikrokosmos, den sie sich erschaffen haben, trennt sie von der anderen Welt. Einzig die Freunde Agathe und Gérard durchdringen diese Abkapselung, die auf beide eine gewisse Faszination ausübt. Als der reiche Amerikaner Michael sich in Elisabeth verliebt, beginnt die geschwisterliche Welt nach und nach aufzubrechen. Tabubrüche und amouröse Verwicklungen führen schließlich in die Katastrophe.

Klaus Mann, 1906 in München als Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann geboren, verarbeitete 1930 Jean Cocteaus Roman „Les enfants terribles“ zum Drama „Geschwister“. 1925 hatte er mit seinem ersten abendfüllenden Drama „Anja und Esther“ – in dem er gemeinsam mit seiner Schwester Erika Mann, deren Gatten Gustav Gründgens und seiner Verlobten Pamela Wedekind bei der Uraufführung auf der Bühne stand – durch die Darstellung einer lesbischen Beziehung einen Skandal heraufbeschworen. Die inzestuös erscheinende Beziehung der Protagonisten in „Geschwister“ erhitzte die Gemüter ebenfalls nachhaltig. Klaus Mann hat das Lebensgefühl einer neuen Generation, die sich in ihrem Freiheitsdrang klar von der Elterngeneration abgrenzen will, präzise ausgedrückt. Seine offen gelebte Homosexualität,  ein Affront gegen die damalige Gesellschaft, seine Drogensucht und das Exil verschärften seine Verzweiflung, sodass Klaus Mann 1949 den Freitod wählte.

www.landestheater.net

Wien, 4. 3. 2014