Werk X-Petersplatz: Zum Wilden Mann

Dezember 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Blitzkrieg mit Bierdeckeln

Die Burschenschaft „Dekadenzia zu Wien“: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann; vorne: Sebastian von Malfér. Bild: © Alexander Gotter

Kein Schmäh. Gerade als man das Theater verließ, lief einer im Elitenstechschritt vorbei. An der Hand die Freundin, die Couleur hellbraun. Sage noch einer, Kunst sei kein Spiegel der Sachlage im Lande. Einen solchen halten Regisseurin Ursula Leitner und die handikapped unicorns nun im Werk X-Petersplatz der Pandorabüchse Burschenschaften vor. Sören Kneidl, Sebastian von Malfèr, Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, J-D Schwarzmann und Matthias Tuzar agieren als „Dekadenzia zu Wien“.

Diese zwar fiktiv, doch der Text zu „Zum Wilden Mann“ auf Grundlage von Dokumaterial und mit Beratung des Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands entstanden. Eine bissige Farce auf die Vollwichsträger ist diese Uraufführung geworden. Vom Fuxmajor über den Cantusmagister bis zum Fuxe, die Hackordnung wie in einem Hühnerstall, sind alle vorhanden, die sich der Männlichkeit ihres Bierzipfels versichern müssen. Und so übt sich das rechtsakademische Personalreservoir Vielmann, Neumann, Hartmann, Bergmann, Baumann und Trautmann in den entsprechenden Ritualen – saufen, singen, über Sex reden. Das alles tun sie in der Wirtschaft „Zum Wilden Mann“, wo die Truppe knapp vor Sperrstunde kornblumenblau von einem Bezirksfest kommend einfällt. Für eine letzte Runde.

Dem linksgemütlichen Hausherrn Johnny, Régis Mainka, und seiner Kellnerin/Verlobten Tajana, Aleksandra Corovic, helfen ihre freundliche Art wenig. Die Nacht wird aus dem Ruder laufen, die Situation eskalieren. Immer wieder nämlich wird der Fortlauf der Ereignisse gestoppt, treten einzelne Mitglieder der Dekadenzia wie zur Aussage fürs Polizeiprotokoll an, Tenor natürlich: wir immer die Sündenböcke – lächerliche Vorwürfe – an den Pressesprecher wenden, da weiß man bereits, es wird nicht gut enden.

Der Wirt und seine Verlobte bemühen sich um Freundlichkeit: Aleksandra Corovic und Régis Mainka; hinten: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl und Martin Purth. Bild: © Alexander Gotter

Doch die Stimmung wird dank Alkohol immer aggressiver: Bernhard Georg Rusch, Sören Kneidl, Martin Purth und J-D Schwarzmann; hinten: Aleksandra Corovic und Régis Mainka. Bild: © Alexander Gotter

Bis die Situation eskaliert: Martin Purth, Bernhard Georg Rusch, Matthias Tuzar, J-D Schwarzmann, Sören Kneidl (hinten) und Aleksandra Corovic. Bild: © Alexander Gotter

Schwarzweiße Maskengesichter hat Leitner den Burschenschaft-Darstellern verpasst, kennzeichnet sie so als untote Wiedergänger, doch je mehr die Schminke verrinnt oder verwischt wird, werden die Menschen darunter zur Kenntlichkeit entstellt. Bald schon werden nicht nur Bettgeschichten und Fußballergebnisse diskutiert, werden nicht mehr Blitzkrieg mit Bierdeckeln und andere Trink- und Demütigungsspielchen gespielt, sondern bricht sich der Hass Bahn. Der rechte Arm schnell hoch, Parolen werden gebrüllt, dass der Spielraum erbebt.

Es geht um Ehre, Treue, Vaterland, um urdeutsch vs. ostmärkisch, darum, das kulturelle Erbe wehrhaft zu verteidigen, gegen die Gutmensch-Propaganda, gegen toleranzbesoffene Armleuchter, Asylanten, Andersdenkende. Als die Liedzeile vom Schaffen der siebenten Million angestimmt wird, und der Wirt darob dem Treiben Einhalt gebieten will, wird die Bemerkung „Wir werden uns um die Wirtschaft kümmern“ zur unverhohlenen Drohung. Umso mehr, als sich herausstellt, dass Tajana aus dem Montenegro stammt …

Die Schauspieler spielen mit viel Schmiss. Zwar sind ihre Herrenmenschen ziemlich holzschnittartig angelegt, doch dient vielleicht gerade dies als Instrument für die Beunruhigung, die dieser mit Testosteron aufgeladene Theaterabend beim Betrachter auslöst.

Zum Schluss eine choreografiert ästhetische Gewaltszene. Dazwischen aber wendet Ursula Leitner ihren Gesellschaftsspiegel immer wieder auch Richtung Publikum. Wenn Sätze fallen wie „Ich bin wirklich die letzte, die etwas gegen Ausländer hat …“, und darauf ein kollektives „Aber …“ folgt. So wird „Zum Wilden Mann“ auch Aufforderung zur Selbstüberprüfung. Sehenswert! Noch bis 8. Dezember.

werk-x.at

  1. 12. 2018

Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand

November 22, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Humbug!“ zum Weltbestseller wurde

Christopher Plummer als Scrooge, dahinter Dan Stevens als Charles Dickens. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Adaptionen gibt es unzählige, selbst die Muppets, Micky Maus und Bill Murray kamen daran nicht vorbei, eine Folge „Doctor Who“ befasst sich damit, auch eine von „Blackadder“, sogar Onkel Dagobert heißt im englischen Original Scrooge McDuck. „A Christmas Carol“ nicht zu kennen, ist so unmöglich wie „Stille Nacht“ nicht zu können. Wie die Feiertagsgeschichte entstand, erzählt ab Freitag im Kino „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“.

Basierend auf dem Buch von Les Standiford ist Regisseur Bharat Nalluri ein hinreißender, auf very britische Weise verschroben schrulliger Film gelungen, opulente, starbesetzte Bilder von einer pittoresken Schmuddeligkeit – wobei Nalluri trotz schwelgerischer Optik nie auf die Dickens’sche Sozialkritik vergisst. Was der Autor in „Oliver Twist“ oder „David Copperfield“ festhielt, die Armut der Arbeiterklasse, das Ausbeuten von Kindern als billige Arbeitskräfte, rührt aus der eigenen Vergangenheit, erfährt man, ein Kindheitstrauma, dem der Film ebenso viel Raum widmet, wie der Geburt des Literatur-Klassikers. Und so wird man, während Dickens im Winter 1843 von Flops, auf welche beinah die Pleite folgte, aus der Kurve getragen wird, und in den sechs Wochen bis zum Christfest einen Erfolg nicht nur schreiben, sondern, weil die renommierten Häuser alle abwinken, auch selbst verlegen und ergo neue Kredite aufnehmen muss, immer wieder in jene Fabrikshalle zurückgeworfen, in der der elfjährige Charles seinen Lebensunterhalt verdienen musste.

Ein schmutzstarrendes, rattenbefallenes Loch ist das, in dem Buben mit rußverschmierten Gesichtern Etiketten auf Glasflaschen kleben, hustend, hinter ihnen der riesige Kessel, in dem die Schuhpolitur brodelt, die Warren’s Blacking Warehouse herstellt. Sechs Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag schuftete das Kind Dickens hier, während Vater und Mutter in Schuldhaft saßen, und diese Schmach und Scham und der Schmerz darüber, von den Eltern so fahrlässig verlassen worden zu sein, wird den Schriftsteller ein Leben lang begleiten. Kaum jemandem hat er sich über diese Erfahrungen anvertraut, und so verwebt der Film das Gespenst der Vergangenheit, dem Dickens Herr zu werden versucht, mit den Geistern, die er ruft, damit sie sein neues Buch bevölkern.

Pittoreskes London. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Der Schreibprozess wird zur Seelenreinigung. Dies alles serviert Nalluri nicht auf dem Silbertablett, sondern entdeckt er dem Zuschauer erst nach und nach. Das macht „Charles Dickens: Der Mann, der Weihnachten erfand“ über die Buchstory hinaus zum spannenden Psychogramm des Schreibstars. Dass die Übung gelingt, ist in hohem Maße dem als „Downton Abbey“/„Matthew Crawley“ bekannten Dan Stevens zu danken.

Er macht aus dem 31-jährigen Dickens einen kauzigen Unruhegeist, der mal vor Zorn, mal vor Enthusiasmus mit wehenden Rockschößen durchs viktorianische London wirbelt, um sein Projekt voranzutreiben. Wenn die Kamera auf Stevens‘ Gesicht zoomt, die Augen darin mitunter von durchaus berechtigtem Wahnsinn umflort, ist alles abzulesen, was diesen Mann an- und umtreibt: Die Aufwendungen für sein Dandy-Dasein, das Haus zwecks Renovierung eine kostspielige Baustelle, bei der Frau das fünfte von zehn Kindern unterwegs – und ante portas der nach wie vor verschwenderische Vater samt Mutter, um beim Sohn einmal mehr zu schmarotzen.

Diesen John Dickens spielt der grandiose Jonathan Pryce changierend zwischen der Grandezza eines Lebemanns und eines vom Leben gebeutelten, ewigen Verlierers. Wie ihm für seine Enkelkinder – selbstverständlich auf Charles‘ Kosten – nichts zu teuer ist, wie er für sie spontan Märchen erfindet und erzählt, da erkennt man den Ursprung von Charles‘ Genie, dann wieder ertappt ihn dieser im Mistkübel nach seinen weggeworfenen Entwürfen stöbern – ein Autograph des berühmten Autors brächte John eine Menge Geld ein.

Der zweite (Vater-)Charakter, mit der sich Dickens herumschlagen muss, ist natürlich Ebenezer Scrooge, eine Rolle, die für Christopher Plummer, der mit Süffisanz und Sarkasmus brilliert, erschaffen worden zu sein scheint. Wie Nalluri Leben und Werk verknüpft, so fällt auch für Dickens die Fiktion in den Alltag ein, seine Figuren findet er in seinem Umfeld, seinen Rechtsanwalt und einen Kellner mischt er zu Marleys Geist, und Tiny Tim, dessen Vorbild Dickens‘ gehbehinderter Neffe ist, darf nur überleben, weil das irische Kindermädchen Tara für ein Happy End plädiert. So entdeckt er schließlich seinen Scrooge bei einem nächtlichen Friedhofsspaziergang, wo dieser alles, was mit Mitmenschlichkeit und Nächstenliebe zu tun hat, mit dem Wort „Humbug!“ abtut. Das ist für Dickens zu schön, um daran vorbei zu gehen.

Charles Dickens (Dan Stevens in der Mitte) wird von seinen Figuren verfolgt. Bild: © Bah Humbug Films Inc & Parallel Films (TMWIC) Ltd 2017

Mit den Figuren kommt zum Aberwitz auch ein gewisser Gruselfaktor ins Spiel. Wunderbar, wie sie es sich im Arbeits-, manchmal sogar im Schlafzimmer bequem machen, zu Geschäftsessen und anderen Gelegenheit mitgehen, immer um Dickens herum sind, und vor allem Mitspracherecht über ihre Gestaltung einfordern. Geizhals und Fiesling Scrooge findet sich als zu einseitig dargestellt, „Meine Figur hat keine Gelegenheit, ihre Seite zu erklären“, beschwert er sich.

Bis Dickens sich endlich mit einem irritierten „Ich bin hier der Autor!“ die Autorität über sein Schaffen zurückerobert. In einer Schlüsselszene erscheint, nebelumwabert und von Blitzen begleitet, Marleys Geist nicht um Scrooge, sondern dessen Schöpfer seine Ketten aufzuzeigen. Und so muss Charles Dickens den Scrooge in sich erkennen und sich um nichts weniger läutern als sein Antiheld … „Charles Dickens: Der Mann der Weihnachten erfand“ ist von einer Warmherzigkeit, die selbst den größten Weihnachtsmuffel in X-Mas-Laune versetzen muss. Ein Film, so herbsüß wie Lebkuchen, so süffig wie der dazu gehörende Punsch, so dass einem jetzt schon die Christbaumsterne in den Augen glänzen.

www.bleeckerstreetmedia.com/themanwhoinventedchristmas

  1. 11. 2018

Burgtheater: Mephisto

September 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer bergauf auf dem Beförderband

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen, Sylvie Rohrer als Dora Martin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Lady Gaga gibt den Ton an. Im Wortsinn. Ihr Song „Applause“, von Sylvie Rohrer als Dora Martin auf vier Mal unterschiedlichste Weise interpretiert, ist der musikalische Leitfaden durch Bastian Krafts Bühnenfassung von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Eine fulminante Aufführung ist das geworden, mit einem überragenden Ensemble, allen voran Nicholas Ofczarek in der Rolle des Hendrik Höfgen. Alias Gustaf Gründgens. Einer, der der Macht verfällt, und dabei so brutal wie buckelnd agiert.

In einen Rahmen hat Kraft sein durchchoreografiertes Spiel vom Glanz und Elend des eitlen Mimen gespannt. Ein schlanker Mann im weißen Anzug tritt aus dem Dunkel und an die Schreibmaschine, er, der Schriftsteller, als Gegenpart zum bulligen Schauspieler, den er erdacht und doch nicht erdacht hat, Sebastian Bruckner, Klaus Manns Alter Ego. Fabian Krüger gestaltet die Figur feinnervig und nobel, er ist Erzähler, Kommentator, aber auch Souffleur und sogar Requisiteur. Bruckner/Mann ist da schon im Exil, in Paris, später Südfrankreich, drischt er auf die Tasten und damit auf das NS-Regime ein.

Sabine Haupt als Nicoletta von Niebuhr, Fabian Krüger als Sebastian Bruckner, Nicholas Ofczarek und Dörte Lyssewski als Barbara Bruckner. Bild. Reinhard Werner/Burgtheater

Simon Jensen als Julien. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Vischer, Simon Jensen, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bruckners Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Schwager Höfgen, Krüger vs Ofczarek, wird zum gewitzten Disput darüber, wie Mensch sich angesichts von Totalitarismus und Staatsterror positionieren soll. Ofczarek gibt den Höfgen mit gewaltiger Intensität, gibt mal den teuflischen Verführer, mal den in tiefste Abgründe Gelockten, gibt sich im Zweikampf mit dem gewesenen Freund mal sanft säuselnd, mal metallisch donnernd. „Seine Falschheit ist seine Echtheit“, charakterisiert Bruckner den faustischen Höfgen.

Und der Karrierist und Opportunist sucht gutes Gewissen darin, dass er einen Juden, Hans Dieter Knebel als Garderober Böck, und seinen schwulen Liebhaber, Simon Jensen als Julien – die originale Homoerotik von Kraft anstelle der erfundenen Juliette Martens eingesetzt, vor der Gestapo gerettet hat. Beim kommunistischen Kollegen Otto Ulrichs/Hans Otto, ihn stellt Peter Knaack dar, hat er es immerhin versucht, den Parade-Nazi Miklas, Martin Vischer, hat er ohne viel Federlesen aus dem Ensemble entfernen lassen.

Ge- und befördert vom „Ministerpräsidenten“ und seiner Ehefrau, Martin Reinke und Petra Morzé liefern als Göring und dessen überspannte Gattin eine gekonnte Farce auf Hinterlist und Heimtücke, arrangiert sich Höfgen mit den neuen Herrschenden. Peter Baurs phänomenales Bühnenbild stellt den steilen Aufstieg mittels stetig emporgeschraubtem Laufband dar, darauf Ofczarek mit ausholendem Schritt, die Arme zackig mitgeschwungen, eine Hanswurstiade mit schwarzweiß-gestreifter Hofnarrenkappe, wiewohl’s immer schwerer wird, die nächste Klippe zu erklimmen.

Den fabelhaften Cast runden ab: Dörte Lyssewski und Sabine Haupt als Frau Höfgen eins und zwei, Barbara Bruckner und Nicoletta von Niebuhr, sarkastisch-scharf die eine, klug-berechnend die andere, und Bernd Birkhahn, der unter anderem als „der Professor“/Max Reinhardt wesentlich zu Höfgens Aufstieg beiträgt.

Auf vier Videotürme lassen Kraft und Baur Ofczareks Gesicht mit einer Live-Kamera projizieren. Da ist dessen Hendrik Höfgen längst zum Gruselclown mutiert. Die charakteristisch steilen schwarzen Augenbrauen, der blutrote Mund verschmiert. Wen immer er damit küsst, der ist besudelt. Eines von vielen starken Bildern. Am Ende eine Spiegelung des Publikums, vom Burgtheater 2018 ins Preußische Staatstheater 1936. Etliche der gefallenen Sätze sind so, wie man sie gerade wieder hört.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018

Joyce Carol Oates: Der Mann ohne Schatten

September 1, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Menschen auf dem Möbiusband

Pünktlich zu ihrem 80. Geburtstag legt eine der Titaninnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur ihr neues Buch vor: In „Der Mann ohne Schatten“ beschreibt Joyce Carol Oates die Geschichte eines Gedächtnisverlustes. 37 Jahre ist der aus altem Philadelphia-Geldadel stammende Wirtschaftsprofi Eli Hoopes, als er sich bei einem Campingausflug eine durch eine Virusinfektion hervorgerufene Enzephalitis zuzieht. Sein Kurzzeitgedächtnis wird dadurch zerstört, Eli kann sich an Menschen und Geschehnisse nicht mehr länger als maximal 70 Sekunden erinnern.

Im Jahr 1965 passiert das, und bis 1996 wird Eli an der Universität von Darven Park, Pennsylvania, ein begehrter „Untersuchungsgegenstand“ sein. Vor allem Margot Sharpe begeistert sich für den Probanden, sie stößt als Doktorandin der Neurowissenschaften zum „Projekt E. H.“, wird es schließlich leiten und dank ihm zu höchsten akademischen Ehren kommen. Nach der ersten Begegnung mit dem Ex-Ökonomen notiert sie beklommen: „Er ist in ewiger Gegenwart gefangen. Wie jemand, der im Halbdunkel der Wälder im Kreis herumläuft – ein Mann ohne Schatten.“

Im Laufe der Jahrzehnte wird aus Faszination Liebe. Margot gaukelt dem Ex-Ökonomen schließlich sogar vor, seine Ehefrau zu sein. Sie kauft für beide Eheringe, es kommt auch zum Vollzug der Liebe. Doch damit tut sich für beide ein Strudel der Gefühle auf … Oates hat für ihr Buch zahlreiche Fallstudien studiert, unter anderem die von Henry Gustav Molaison, dem berühmtesten Amnesiekranken der Welt. Wie der Romanheld unterzog sich der Amerikaner zahlreichen Testreihen, deren Ergebnisse als bahnbrechend in der Gedächtnisforschung gelten.

Als literarisches Vorbild für Margot Sharpe, die Eli Hoopes lebenslang als Gelehrte und Geliebte begleitet, diente Brenda Milner, die als Professorin für Neurologie und Neurochirurgie lehrte und unzählige Arbeiten über Molaison veröffentlichte. Inspiriert wurde Oates mutmaßlich auch ihrem zweiten Ehemann Charlie Gross, der bis zu seiner Emeritierung an der Princeton University als Neurowissenschaftler arbeitete. Oates schreibt mal aus Margots, mal aus Elis Sicht – dies ein gewagter Kunstgriff, den sie mit Könnerschaft meistert, mit sprachlicher Wucht porträtiert sie zwei Einsame, jeder auf seine Art Verlorengegangene, zwei Menschen auf dem Möbiusband.

Über Eli heißt es, er hätte sich eine „überzeugende und sympathische Fassade“ errichtet, mit der er „den Gedächtnisverlust kaschiert“. Margot wird als Arbeitssüchtige in ständigem Konkurrenzkampf mit den Kollegen gezeigt. Und wie das Leben der Testperson E. H. ist auch der Text gekennzeichnet durch Leitmotive, durch Wiederholungen von Sätzen und ganzen Passagen. „Es gibt keine Reise, und es gibt keinen Weg. Es gibt keine Weisheit, es gibt Leere“, sagt Eli immer wieder, was bei seinen Betreuern für Rätselraten sorgt.

In all das hat Oates sorgsam eine Kriminalgeschichte verwoben: Als sie gerade mal Teenager waren, ist Elis Cousine Gretchen auf mysteriöse Weise zu Tode gekommen. Eli wird auch in seiner Erkrankung von diesem Vorfall wie von einem Fluch verfolgt. Immer wieder zeichnet er wie in Trance ein lebloses, in einem Bachbett liegendes Mädchen. War Eli Wegschauer, Mitwisser – oder gar Mörder? Oates hält diesbezüglich die Spannung bis zum Gänsehaut-Ende aufrecht.

Gleichzeitig geht es ihr um das Thema medizinische Ethik, Margot muss sich in einem vorweggenommenen, posthum geführten Vortrag – dieser kommt in Einschüben immer wieder – wegen des Ausnutzens Elis rechtfertigen. Ein nicht näher benanntes Gegenüber wirft ihr vor, die Experimente nur für ihr wissenschaftliches, den Publikationen über E. H. geschuldetes Renommee so lange weiter betrieben zu haben … Joyce Carol Oates‘ „Der Mann ohne Schatten“ ist ein traurig schönes Buch über imaginierte menschliche Nähe. Es changiert zwischen Psychogramm und Psychothriller, und ist so anrührend wie abgründig.

Über die Autorin: Joyce Carol Oates wurde 1938 in Lockport, New York, geboren. Sie zählt zu den bedeutendsten amerikanischen Autorinnen der Gegenwart. Für ihre zahlreichen Romane und Erzählungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem National Book Award. Joyce Carol Oates lebt in Princeton, New Jersey, wo sie Literatur unterrichtet.

S. Fischer Verlage, Joyce Carol Oates: „Der Mann ohne Schatten“, Roman, 384 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz.

www.fischerverlage.de

1. 9. 2018

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt

August 16, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sehnsuchtsland ist es zum Sterben schön

buch 1Die große Kunst des Catalin Dorian Florescu ist es, ein Buch geschrieben zu haben, das sich zwischen einer rumänischen Leprakolonie und 9/11 bewegt, und das es einem trotzdem warm um die Seele macht. „Der Mann, der das Glück bringt“ ist ein Roman, so poetisch und so voll melancholischer Heiterkeit, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu lieben. Dabei erzählt Florescu von Überlebenskampf und Aberglaube und Armut und davon, dass es am unteren Broadway genauso Ghettos gibt, wie im unteren Donaudelta.

Doch die, die da am Rande von Sulina und Sfintu Gheorghe leben, wissen davon nichts, wollen davon auch nichts wissen. Für sie ist Amerika das Sehnsuchtsland, zum Sterben schön, während die anderen, die dort sehr unschön sterben mit dem städtischen Totenschiff zum Armenfriedhof Potters’s Field auf Hart Island geschippert werden. Ungefähr 800.000 Tote sind hier bestattet, etwa 1500 kommen bis heute jährlich dazu, das Betreten ist verboten …

Zwei sich abwechselnde Ich-Erzähler führt der Autor ein, Ray und Elena, er New Yorker Kleinkünstler jenseits der besten Jahre, so er je welche hatte, sie Touristin mit einem Auftrag. Sie will die Asche ihrer Mutter hier beerdigen, aus einem ganz bestimmten Grund, der mit betrogener Liebe zu tun hat. Doch dann stürzen die Türme ein, Elena flüchtet sich in Rays Kellertheater, es gibt plötzlich zu viel Asche, um die private Katastrophe von der weltpolitischen zu trennen, es gibt kein Rauskommen, also erzählt man einander Geschichten. Um die Angst zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Von der Familie und der eigenen Vergangenheit.

Und es ist dies die einzige kritische Anmerkung zu diesem großartigen Text: Über Elena, die sich lange als Waisenkind wähnte, hätte man gerne mehr gelesen, gerne hundert Seiten mehr. Ihr Herumgereichtwerden von einer Pflegefamilie zur anderen, vom intellektuellen Nomenklatura-Lehrerpaar über die systemkonform betrunkenen Bauersleute bis zur linientreuen Arbeiterfamilie, sieht sie selbst als Leben im „Querschnitt des kommunistischen Rumäniens“. Dazu Abscheu und Neugier bei der endlichen Annäherung an ihre leibliche Mutter, die im letzten Leprosorium Europas bei Tulcea weggesperrt wurde; noch heute leben in der Anlage etwa zwei Dutzend Patienten, seit dem Ende des Kommunismus steht es ihnen frei zu gehen, doch sie sind alt und schwach und entstellt …

Über diese Elena also wollte man mehr wissen, diese Textilarbeiterin über Vierzig, über die ihr Schöpfer sagt, sie sei ein Mensch, der sich keine schmerzlindernde Lebenslüge zugestehe und diese Strenge habe ihre Gesichtszüge geformt. Doch Florescus Herz hängt an dem „Mann, der das Glück bringt“, eine schillernde Persönlichkeit, Rays Großvater, er tatsächlich elternlos, lange ein Namenloser, weil er je nach Gelegenheit einen irischen, jüdischen, italienischen annimmt, und der mit seiner kindlichen Caruso-Stimme zum Tröster gefallener Mädchen und zum Helfer eines Bestatters wird, der sich auf kriminellen Abwegen die Kundschaft selbst besorgt, aber niemals zu dem großen Vaudeville-Künstler, der er sein möchte. Das alles beginnt im Jahr 1899. Und Florescu fügt seiner Geschichte die sogenannte große hinzu.

So entsteht ein Zeitbild, in das Gerhart-Hauptmann-Premieren in Berlin einfließen, Theodor Herzls Ankunft in Jerusalem, die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Parteigründung eines gewissen Mussolinis, die Protagonisten haben keine Ahnung, was das alles bedeutet, und ein Bericht der Times über das erste Automobil. Mit viel Gespür für Zeitströme und Grenzgänge zeichnet Florescu die USA als eine von politischen und Wirtschaftsflüchtlingen geschaffene Nation, er zitiert The Herald: „Es ist grausam, die vielen unglücklichen Kreaturen zu sehen, die täglich ohne einen Penny und unfähig, sich selbst zu ernähren, an unsere Küste gespült werden.“ Er zeigt eine Welt, in der die Bevölkerung der einen Hälfte schon immer und immer wieder in deren andere gelangen will.

Die Donau wird dafür ebenso zum Sinnbild wie der Hudson River. An einer Stelle heißt es über erstere, dieser „Abwasserkanal“ lagere im Osten alles ab, was ihr weit entfernt im Westen übergeben werde, „die Ausscheidungen der Menschen, den Abfall und die Abflüsse aus Tausenden von Fabriken.“ Die Sprache, in der dies geschrieben ist, hat einen teils fernen, teils vertrauten Klang, die von Ray und Elena und ihrer Mutter und seinem Großvater ist jedes Mal anders und doch eins. An manchen Stellen überschlagen sich die Stimmen vor Fabulierlust, an anderen stellen die Charaktere unsentimental ihre Schicksale dar, und ihre vergeblichen Versuche, jeder auf seine Art, dem Vorgezeichneten zu entgehen. Eines, man bewegt sich schließlich in Varieté-Kreisen, betrifft den Fahrradakrobaten Joe Jackson. Der „starb auf der Bühne, nachdem ihn das Publikum fünf Mal zurückgeholt hatte, damit er seine Nummer wiederholte. Seine letzten Worte waren: ,Mein Gott, sie klatschen immer noch.‘“

Ray erzählt Elena diese Anekdote, der Satiriker wird die Existenz der Spaßbefreiten auf den Kopf stellen, ihr Dasein so kräftig durchschütteln, bis sie weiß, wie sich Lebendigsein anfühlt. Denn Ray ist nun der „Mann, der das Glück bringt“, er kann Drama zumindest in Tragikomödie wandeln, und er tut dies nicht im Mittelpunkt, sondern gleichsam am Ende der Welt. So münden die beiden Lebensströme in einem Liebesmärchen; Florescus Buch ist eine Reverenz an die Fähigkeit des Menschen, dies allen Widrigkeiten zum Trotz zu tun: aufbegehren und einander zu begehren. „Er stand neben meinem Bett mit einem Kissen in den Armen und schaute mich an … Ich hob die Decke an und machte ihm Platz.“

Über den Autor:
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane „Wunderzeit“, „Der kurze Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und zuletzt den bereits in neunter Auflage veröffentlichten „Jacob beschließt zu lieben“. Er erhielt zahlreiche Preise – unter anderem den Anna-Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef-von-Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt. Für das Manuskript seines neuen Romans erhielt er das Werkjahr der Stadt Zürich.

C. H. Beck, Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Roman, 327 Seiten.

www.chbeck.de

www.florescu.ch

Wien, 16. 8. 2016