Alte Bibliothek – wortwiege wien: Maries Abschied

November 11, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nie wieder die Stiefelknechtin sein

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Achtlos hingeworfene Knopfstiefel, eine Hutschachtel voller Huldigungsschreiben, ein einzelner Handschuh – später wird man sehen, er ist mit Blut besudelt. Als hätte die Dame des Hauses ihr Boudoir gerade erst verlassen, derart haben Ausstatterin Lydia Hofmann und Kostümbildnerin Antoaneta Stereva für dieses Mal die Alte Bibliothek im Fürstenbergpalais gestaltet. Und tatsächlich ist es auch so. Gertrud ist gegangen. Für immer.

Die wortwiege, für den Winter vom niederösterreichischen Thalhof nach Wien übersiedelt, zeigt als zweite Produktion (nach „Chikago“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=30151) unter dem Titel „Maries Abschied“ einen Doppelabend nach Erzählungen von Marie von Ebner-Eschenbach. Regisseurin und Filmemacherin Anna Maria Krassnigg hat sich dafür die Texte „Das tägliche Leben“ und „Die Großmutter“ vorgenommen, auch deren Bühnenfassung ist von Krassnigg. Seit mehr als zwei Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit dem Werk dieser ewig falsch, nämlich als gutsituiert-betulich, schubladisierten großen österreichischen Autorin – und dem entgegen ist „Maries Abschied“ eine wunderbare (Wieder-)entdeckung erstaunlich moderner Novellen, in denen die Freifrau ihrem sozialkritischen, gesellschaftspolitischen, emanzipatorischen Denken freien Lauf ließ.

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

Die Großmutter: Roman Blumenschein. Bild: Christian Mair

Die Großmutter: Erni Mangold. Filmstill.

In Krassniggs Bearbeitung zeigt sich „Das tägliche Leben“ als zwar subtile, zwischen den Zeilen dennoch schonungslose Abrechnung mit der vorgeblich heilen Welt einer Großbürgersgattin. Schon der erste Satz ist im Wortsinn ein Pistolenknall: „Am Vorabend der silbernen Hochzeit eines allverehrten Ehepaares, die von einem großen Familien- und Freundeskreise festlich begangen werden sollte, erschießt sich die Frau.“ Doina Weber spielt diesen Monolog von Gertruds namenloser Freundin und Wegbegleiterin im „karitativen“ Engagement, die, die Hinterlassenschaft der Selbstmörderin durchsuchend, hinter den Grund für deren Tat zu kommen sucht.

Wie um die eigenen Gefühle zu schonen, berichtet diese Beobachterin mit einer seltsamen Distanziertheit, die man in der Literatur sonst meist nur von männlichen Protagonisten kennt, einmal schilt sie sich selbst mehr Pein als Mitgefühl zu empfinden, selten wirkt die Weber erschüttert oder erhitzt. Als Backgroundgeräusch ein Stimmengeflüster, ein Weinen und Wimmern aus dem Aufbahrungszimmer, schlüpft Doina Weber in verschiedene Charaktere. Den tumpen Ehemann, die bigotte Mutter, die zwischen Trauer um und Vorwürfe an die Tote wechselnden Töchter, die überheblichen Schwiegersöhne, den heiter polternden Arzt.

In diesen Szenen beweisen Krassnigg und Weber Ebner-Eschenbachs verqueren Humor, und wenn sich die Schauspielerin schließlich an eine alte Schreibmaschine setzt, ist klar, die Schriftstellerin selbst schildert hier die Familie. Deren hehres Bild bröckelt bald. Die Suizidentin, erfährt man, war nur in ihrer Außenwirkung stark, ihre wohltätigen Verpflichtungen als in Wirklichkeit feministische angedeutet. Daheim aber wurde sie klein und stumm und dumm gehalten, wurde nie als „Subjekt“ gesehen, sondern war stets nur Objekt für anderer Leute Begehrlichkeiten. Ein Seelenmülleimer für die Sorgen der Verwandten. Ebner-Eschenbach verwendet in ihren psychologischen Parabeln seit „Eine dumme Geschichte“ das Symbol der Frau als Stiefelknecht. Diese hier, so der Schluss der Ich-Erzählerin, wollte keine „Stiefelknechtin“ mehr sein und warf sich weg …

Das tägliche Leben: Doina Weber. Bild: Christian Mair

Im zweiten Teil setzt sich die Aufführung im Foyer fort, und für „Die Großmutter“, eine der prägnantesten, einprägsamsten Geschichten der Ebner-Eschenbach, verwenden Krassnigg und Christian Mair einmal mehr die von der wortwiege neu belebte Kunstform der Kinobühnenschau. Erni Mangold auf der Leinwand und Roman Blumenschein auf der Spielfläche treten mit einander in Dialog. Ihr inneres Erleben mit seiner Bühnenerzählung.

Sie am Donauufer, und dennoch bei ihm, vor dem zur „Pathologie“ umgewandelten Buchlager. Denn die alte Frau sucht ihren Enkel, der von der Arbeit als Flößer nicht nach Hause gekommen ist, und selbstverständlich brilliert die Mangold in der Darstellung dieser von bösen Ahnungen gequälten Resoluten. Welch ein Gesicht. Welch stille, schlichte Größe. Wie sie scheint’s ungern und zögerlich ihr rührendes Schicksal preisgibt. Wie sie den „noch guten“ Mantel ihres Enkels einfordert und an sich presst. Blumenscheins Arzt, der der Großmutter zunächst den Zutritt ins Institut verweigert, muss anerkennen, dass sie sich „dem Elend nicht unterwirft, sondern gegen es kämpft“. Ergo werden seine Gewissheiten über Leben und Tod und Trauer schon bald auf den Kopf gestellt sein …  „Maries Abschied“ ist ein ergreifender, mitreißender, ans Herz und Hirn gehender Theater- und Filmabend – und hoffentlich von der wortwiege und für ihr Publikum kein endgültiges Adieu von der Ebner-Eschenbach.

Nächste Spieltermine: 6. bis 8. Dezember; Trailer: vimeo.com/280377871

www.thalhof-wortwiege.at

  1. 11. 2018

Murer – Anatomie eines Prozesses

März 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Freispruch für den Schlächter von Vilnius

Karl Fischer (Mitte) als Franz Murer. Bild: © Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

„Schreiten in die neuen Zeiten, Hand in Hand mit alten Nazis“, sagt der Journalist zum Politiker. Ein Satz, der klarstellt, was Regisseur Christian Frosch am Thema interessierte, nämlich „weniger, zum wiederholten Male die Verbrechen des NS-Regimes nachzuerzählen, sondern genau hinzusehen und zu verstehen, wie sich die Täter und die Opfer in der Republik Österreich darstellten und darstellen. Das Spannende ist, wie das österreichische Nationalnarrativ funktioniert“,

so der Filmemacher. „Es basiert keineswegs auf Verdrängung. Es wurde bewusst gelogen, verschleiert, verbogen und gesteuert. Nur so konnte man Täter zu Opfern machen und die Opfer zu den eigentlich Schuldigen erklären …“ Ein brisanter Gerichtsthriller eröffnet heute Abend die diesjährige Diagonale, landesweiter Kinostart ist am Freitag. Graz 1963. Der angesehene steirische Lokalpolitiker und Großbauer Franz Murer steht wegen schwerer Kriegsverbrechen vor Gericht. Die Beweislage ist erdrückend. Doch in den Zentren der Macht will man die dunklen Kapitel der eigenen Geschichte endgültig abschließen. Der braune Bodensatz klebt fest in der Politik, in den Ministerien, latenter und offener Antisemitismus regiert. Murer wird schließlich auf Intervention, aufgrund einer „Weisung aus Wien“, so stellt es der Film dar, freigesprochen werden.

Anhand der originalen Gerichtsprotokolle eines der wohl größten Justizskandale der Zweiten Republik zeichnet Frosch den Fall Murer nach, eines Mannes, der von 1941 bis 1943 als „Schlächter von Vilnius“ einer der Hauptverantwortlichen für die Vernichtung der Juden in der heutigen litauischen Hauptstadt war. Simon Wiesenthal stolperte bei seiner Suche nach Adolf Eichmann fast zufällig über den mit Frau und Kindern unbehelligt in Gaishorn lebenden, als Sadist verschrieenen Verbrecher. Unzählige Überlebende der Shoah reisten an, um auszusagen und späte Gerechtigkeit zu erwirken – vergebens.

„Ich habe nur meine Pflicht erfüllt“, sagt Schauspieler Karl Fischer als Franz Murer. Dazu fährt die Kamera von Frank Amann über die Gesichter der Geschworenen und des Publikums. Da lacht der eine oder andere, nickt zustimmend, skeptisch, ungläubig, erschrocken wird auf die Zeugenaussagen reagiert. Kaum einer im Saal will mehr wahrhaben, was nicht gewesen sein darf. Was Wunder, hat man doch selbst „dem Herrn Mandelbaum günstig das Geschäft abgekauft“. Dazu eine Geräuschkulisse, die einen erschaudern lässt. Ein Orchester beim Einstimmen, Kakophonie und dazu – Schreie, Schüsse? Frosch ist ein atmosphärisch dichter, ein intensiver Film gelungen, seine protokollarische Vorgehensweise ändert nichts daran, wie hochemotional die Sache wird.

Karl Markovics als Simon Wiesenthal. Bild: © Katharina F. Roßboth / Prisma Film

Inge Maux tritt als Zeugin auf. Bild: © Patricia Peribanez / Prisma Film

Erschreckend, wie schlecht mit den Zeugen umgegangen wurde, wie Murers Verteidiger sie unglaubwürdig macht, nur weil sie sich an die kleinste Kleinigkeit nach so langer Zeit nicht mehr erinnern können. Erschreckend auch die Scham und Verzweiflung der Überlebenden. Im Zeugenstand können sie ihre Rage kaum verbergen, wenn sie in Murer den Mörder von früher erkennen, brechen in Tränen aus, als sie berichten müssen, was er ihnen und ihren Nächsten angetan hat – und werden abgekanzelt, weil sie nicht die genaue Farbe von Murers Uniform wissen.

Mit Hintergrundsequenzen und parallelen Handlungssträngen im Umfeld des Prozesses, etwa, wenn die Zeugen mit den Mitläufern gemeinsam mit Gasthaus sitzen müssen, kombiniert Frosch die Szenen im Gerichtssaal zu einem erschütternden postnazistischen Zeitbild. Zum miefigen Sozialpanorama eines 190er-Jahre-Österreich. Samt (damals also auch) „Lügenpresse“-Paranoia. „Österreich hat keine Seele und keinen Charakter. Österreich besteht aus Tätern, Zuschauern und Opfern“, zieht Frosch ein düsteres Resümee aus seiner Arbeit am Film.

„Wir müssen uns endgültig von der Vorstellung verabschieden, dass der Patient Österreich nur die Fakten in sein Bewusstsein integrieren muss, um den Heilungsprozess einzuleiten. Die Tatsachen waren und sind bekannt.“ Neben Karl Fischer, der Murer beinah regungslos, mit angespannter Zurückhaltung verkörpert, mehr Floskel und Fassade als tatsächlicher Mensch, brilliert eine Riege österreichischer Schauspieler: Klaus Rott, Susi Stach, Inge Maux, Robert Reinagl, Franz Buchrieser, Erni Mangold, Christoph F. Krutzler … Karl Markovics spielt den als Aggressor verunglimpften Simon Wiesenthal. Am Schluss noch einmal ein Zitat, diesmal der Politiker zum Journalisten über dessen Berichterstattung zum Prozess: „Das Bravo der linksgerichteten Intellektuellen bringt uns im Gemeindebau keinen Meter weiter.“ Wie furchtbar zeitnah dieser Film doch ist.

www.murer-film.com

  1. 3. 2018

Salon5: La Pasada – Die Überfahrt

November 20, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Erni Mangold brilliert als zaubermächtige Prospera

Flora und ihr über alles geliebter Enkel Ariel: „Prospera“ Erni Mangold und Flavio Schily. Bild: Christoph Hochenbichler

Mit „La Pasada – Die Überfahrt“ entzückte Regisseurin Anna Maria Krassnigg 2015 am Thalhof, ihrer Wortwiege an der Rax, nicht nur, weil ihr mit dem Theaterstück die Wiederbelebung der Kunst der Kinobühnenschau geglückt war. Nun ist das Werk endgültig auf der Leinwand angekommen, am 23. November hat im Metro Kinokulturhaus eine Filmfassung von „La Pasada“ Premiere.

Erzählt wird im Text von Anna Poloni von Flora Stern. Erni Mangold ist im Film dieses ewigjunge Mädchen, und wenn sie mit schelmischem Augenzwinkern sagt, dass die Kamera ihr Freund ist, weiß sie, wie sehr man sie verehrt. Flora hat im Leben schon Überfahrten angetreten, von einer Welt in die andere, nun steht ihr offenbar die letzte bevor. Poloni zitiert Shakespeares „Sturm“, doch diese zaubermächtige Prospera hat sich selbst auf ihre Insel getrieben, auf diese blutrote Erinnerung an Sand und Sonne. Man muss viele Kompromisse eingehen, um kompromisslos seinen Weg zu gehen. Flora ging. „Leben. Statt tot sein im Leben. Das muss man wollen.“ Doch im Weggehen wird sie eingeholt.

„Jeder Zeit eine Diva, und ihre Zeit war lang“, wird Doina Webers Dolores sie schelten. Erni Mangold spielt hingegen hinreißend unprätentiös, das heißt: sie spielt nicht, sie ist, sie schillert. Oft fragt man sich, wieviel vom Gesagten … Mangold oszilliert zwischen der Manipulation ihrer Mitmenschen und dem aufrichtigen Wunsch zur Berichterstattung. Ihre Flora ist abgeklärt, aber nicht abgekühlt; mit heißem Herzen lässt sie zu, dass längst Verdrängtes sich zurückmeldet. Sie will zum guten Ende zusammenführen, was zusammen gehört. Und die Kamera soll ihr dabei als Mittler dienen. Alles ist zugeschnitten auf sie.

Doina Weber und Erni Mangold. Bild: Christoph Hochenbichler

Martin Schwanda als Liebhaber Ari. Bild: Christoph Hochenbichler

Eingerahmt wird Mangolds Flora von zwei guten Geistern. Da ist Ariel, die sich in die Lüfte erhebende Jugend. Er ist von Zuhause ausgebüchst und sucht bei der, die er für seine Großmutter hält, Asyl. Er sucht für seine Zukunft nach seinen Wurzeln. Flavio Schily beeindruckt in dieser Rolle sehr. Er changiert zwischen rotzfrech und sophisticated, echt Teenager eben. Wie er der Mangold sagt, dass sie „schon schräg“ ist, das ist sehr schön.

In einer Art, in ihrer Art ähneln die beiden einander, eine Reagenz, die sich aus dem Film ins Publikum überträgt. David Wurawa als Cal, als Caliban, ist derjenige, dem Flora Asyl gegeben hat. Auch er hat eine Passage hinter sich, von Afrika her, der schwarze Mann mit dem schweren Schicksal. Cal wird zum Katalysator der Handlung, er macht die Vergangenheit öffentlich. Er hat für Flora den Film im Film gedreht und nun zur Séance geladen. Doch das Kamera-Objektiv bleibt für andere subjektiv eine Lüge. Wer hätte denn sein Daheim ohne Deformation verlassen?

Seine Gäste sind Doina Weber und Martin Schwanda. Die Frau mit dem Steinmetzblick und der Stotterer. Auch ihre Verwandtschaft wird sich offenbaren. Schwanda spielt in einer Doppelrolle sowohl Anton, „el doctor“ als auch Ari, Floras Liebhaber, die junge Flora dargestellt von Gioia Osthoff. Die Männer sehen einander nicht nur gleich, sie üben auch den selben Beruf aus. Schwanda brilliert als schrulliger, kommunikationsunfähiger Linguist, ein Spezialist für aussterbende Sprachen. Doch ist Schwanda nicht nur Kauz, Antons gestammelte Sprachlosigkeit verweist darauf, wie fragil das Leben, wie man es kennt, ist.

„Sprache ist ein Dialekt, der Glück gehabt hat“, ist nicht nur einer der bestechensten Sätze Polonis, sondern verweist auch auf dessen Mehrsprachigkeit. Anton ist einer, der will, aber nicht kann; Ari dagegen – ein Funkenflug, ein geschmeidiger Löwe, dem sich sein Opfer unter Seufzern hingab. Ari wandert durch Floras Gedanken und Gefühle. Eine Seifenblase. Ewig lebt, wen man nicht sterben lässt. Und Schwanda lässt seinen Ari traumtänzerisch gerne leben.

Einer, der tatsächlich alles verloren hat: David Wurawa als Cal bei der Totenandacht. Bild: Christoph Hochenbichler

Doina Weber ist Dolores. Flora war die Geliebte ihres Vaters, Dolores wähnt sich als Tochter einer ungeliebten Mutter, die wie ein schwarzer Rabe durch die Jahre ging. Doch keiner ist hier, was er glaubt zu sein. Weber verkörpert Verbitterung,  sie gibt dieser kalten Frau, die lieber aus Steinen Menschen klopft, als unter ihnen zu existieren, messerscharfe Konturen. Sie wird es auch sein, die das happy end verwehrt.

Zu sehr hat das Falsche ihr Leben bestimmt, als das sie sich jetzt dem richtigen zuwenden könnte. Die Verfehlungen, die Verirrungen werden von einer Generation zur nächsten als Erbsünde weitergegeben. Doina Weber ist schmerzhaft stark. Wie sie sich selber nicht, kann man ihr auch kaum vergeben. „Du blinde Frau hast alles“ sagt Cal, dessen Familie im Mittelmeer ertrunken ist, zu Dolores am Ende, nachdem alle seine Bemühungen gescheitert sind. Der Entwurzelte hat im Gegensatz zu der sich betrogen Fühlenden verstanden, dass Wahrheit ein Relativitätsbegriff ist. Immerhin Prospera-Floras „Nachfahre“ Ariel kann aufbrechen, über den Strand in die Freiheit. Noch unberührt, noch kompromisslos …

www.la-pasada.at

20. 11. 2017

Logan: Hugh Jackman zum letzten Mal als X-Man

März 4, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Wolverine braucht eine Lesebrille

Nicht mehr der Frischeste – Logan ist sichtlich gealtert und verwundbar geworden: Hugh Jackman mit Newcomerin Dafne Keen. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Nie hat jemand behauptet, dass Unverwundbarkeit vor dem Altern und dem Sterben schützt, also war logisch, dass es Wolverine irgendwann erwischen musste. Den Sezessions- und den Zweiten Weltkrieg (in dem er das Kind Erik Lehnsherr/Magneto aus dem KZ befreit) hat er hinter sich gebracht, auch Vietnam und diverse X-Men-Abenteuer. Nun hat Darsteller Hugh Jackman beschlossen, die Marvel-Figur, der er seit 18 Jahren Menschlichkeit verleiht, gehen zu lassen.

Mit „Logan“, ab 3. März in den heimischen Kinos zu sehen, bereitet der australische Schauspieler dem bei den Fans der Saga so beliebten Antihelden einen würdigen Abschied. Jackman ist seit den X-Men-Anfangstagen zu einem besseren, einem raffinierteren Schauspieler gereift, und so ist auch sein Zigarre kauender Einzelkämpfer charakterlich vielschichtiger geworden. Das einstige von tierischer Wut befeuerte Kraftwerk gibt unter Qualen den Geist auf. Zwar fährt Wolverine immer noch die Krallen aus – und dies härter, schneller und brutaler als jemals zuvor -, doch Logan ist erschöpft und verletzlich geworden. Das Blutvergießen betrifft auch sein eigenes, Auseinandersetzungen gehen nicht mehr ohne Blessuren aus, und nicht immer zu Logans Gunsten. Dazu plagt ihn die Altersweitsichtigkeit, gegen die er eine Lesebrille braucht.

Jackmans karge, zurückgenommene, fast möchte man sagen zerbrechliche Darstellung seiner „Lebensrolle“ ist überwältigend. Regisseur James Mangold hat mit dem leider letzten auch den besten Teil der Wolverine-Trilogie für die Leinwand gebannt. „Logan“ ist eine apokalyptische Dystopie mit – am Ende – Hoffnungsschimmer. Neben all den Protzern und Posern, die derzeit durch die Kinos poltern, ist dieser melancholisch-düstere, schmerzliche, in sandigem Sepia fotografierte Film eine Wohltat. Und ein Beleg dafür, dass das Superheldengenre auch mit Hirn zu befüllen ist.

Das Jahr ist 2029. Das erste Bild: Ein abgefuckter, dem Alkohol verfallener Logan verdingt sich als Luxuslimousinen-Chauffeur für reiche Las-Vegas-Touristen. Doch raus aus der Stadt, enthüllt sich sein Geheimnis. In einem Wassertank mitten im Nirgendwo der Wüste versteckt er den zweiten überlebenden X-Man, den dement gewordenen Charles Xavier – Patrick Stewart at his best. Der Sir und Shakespeare-Mime liefert ebenfalls seine intensivste schauspielerische Leistung als Professor X ab. Er gibt mit Verve den Kauz im Elendsquartier, der mit Medikamenten stillgelegt wird, weil er seine Kräfte nicht mehr beherrschen kann und deshalb schon Menschen zu Schaden gekommen sind.

Nicht nur Logan kann die Krallen ausfahren: Dafne Keen als Laura. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Ein gereizter Wolverine ist immer noch mordsgefährlich: Hugh Jackmann. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Doch „Amerikas meistgesuchter Mittneunziger“ hat noch lichte Momente, und in einem solchen erspürt er ein Mutantenmädchen, das Hilfe braucht. Newcomerin Dafne Keen spielt diese Laura, ein seltsam glubschäugiges Gör, der ein paar Bösewichte hinterher sind. Zum eigenen Schaden. Denn gereizt kann die Kleine ruckzuck die Metallfänge ausfahren, an Händen und an Füßen, kann ratzfatz eine ganze paramilitärische Einheit enthaupten, und gerade als man sich fragt, ob sich Adamantium vererbt, stellt sich heraus, es gibt mehr solcher Killerkinder. Gezüchtet als zukünftige Supersoldaten haben sie sich aber, weil von Natur aus gutmütig, als solche unbrauchbar erwiesen und werden deshalb der Reihe nach eingeschläfert. Einigen allerdings gelang die Flucht in den Norden – und zu ihnen will Laura.

Der Professor wird in einem Wassertank versteckt: Hugh Jackman mit Patrick Stewart als Charles Xavier. Bild: © 2017 Twentieth Century Fox

Es entwickelt sich ein Familienroadmovie mit Opa X, Vater Wolverine und tatkräftigem Töchterlein, gegen den, was Schnetzeln und Metzeln betrifft, die X-Men-Serie reinstes Kuschelkino ist. Die Gegner haben keine Chance, Richard E. Grant als durchgeknallter Doktor und Boyd Holbrook als sein Cyborg auch darstellerisch nicht, sind ihre Figuren doch viel zu flach angelegt, um zu überzeugen – dies tatsächlich die große Schwachstelle des Films.

Doch dessen Herzstück – und Raum für den typischen Stan-Lee-Humor (der diesmal auf seinen Cameo-Auftritt verzichtete) – ist ohnedies die Beziehungskiste der drei Protagonisten. Nicht nur Patrick Stewart und Hugh Jackman liefern sich da gekonnt einen verbalen Schlagabtausch nach dem anderen, auch mit Dafne Keen klappt’s diesbezüglich bestens. Die Zwölfjährige ist in ihrer Rolle so mürrisch, missmutig und unberechenbar, mit einem Wort „verbiestert“, wie ihr Erzeuger. Jackman, Vater zweier Adoptivkinder, lässt seinen Logan an dessen ohnedies begrenzten pädagogischen Fähigkeiten scheitern. Er ist blind für das deutlich Erkennbare, und als er es endlich sieht, wird sein Opfer verlangt. Endlich nämlich wird das personifiziert, was von Anfang an in der Figur angelegt war: Wolverines Kampf mit sich selbst … nun zum Wohle der Kinder, der nächsten Generation X. Die erprobt unter seiner Anleitung schließlich doch ihre Fähigkeiten. Ihr letzter Kampf gegen die Schurken ist eine der beeindruckendsten Szenen des Films. Und daher mutmaßlich nicht das X-Men-Ende.

www.logan-derfilm.at

Wien, 1. 3. 2016

Kammerspiele: Harold und Maude

Januar 27, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein grandioses Geburtstagsgeschenk von Erni Mangold

Maude bringt Harold das Lachen und das Leben bei: Erni Mangold und Meo Wulf. Bild: Erich Reismann

Als der Saal beim Schlussapplaus ein Happy-Birthday-Ständchen anstimmte, war sie doch sichtlich gerührt. Das konnte sie weder hinter einer ihrer typischen wegwischenden Handbewegungen noch mit einem flotten Spruch übers Genug, weil „Durscht“ tarnen. An ihrem 90. Geburtstag machte die großartige Erni Mangold sich und ihrem Publikum ein Geschenk: Sie spielt in den Kammerspielen der Josefstadt „Harold und Maude“.

So zartbitter, so edelherb wie die Protagonistin ist dieser Theaterabend geworden, den Regisseur Fabian Alder vom erkrankten Michael Schottenberg übernahm. Er, der die Mangold gern als einen seiner Lebensmenschen und als seine Lehrerin bezeichnet, hatte noch am Text gefeilt, und so kommt’s vor, dass man mitunter das Gefühl hat, die Jubilarin würde aus dem Nähkästchen plaudern, würde ihren Weg mit dem der Maude kreuzen, beide ein ewiges Mädchen, unkonventionell und hinreißend verhaltensinteressant – vor dem Mund kein Blatt und vor dem Kopf kein Brettl. Mit der ihr eigenen lebensweisen Lakonie spricht sie die Sätze der schwarzen Komödie von Colin Higgins, tanzt, singt, turnt, ist alles andere als eine lieblich schrullige Oma. Die Mangold, das ist Sexappeal, dieses gewisse Knistern, frech und frei ist ihre Maude, die Baumretterin und Robben-aus-dem-Zoo-Befreierin, die Autodiebin und Holocaustüberlebende.

Maude trifft Harold. Auf dem Friedhof. Der orientierungslose junge Mann hält seine Umgebung mit inszenierten Selbstmorden auf Trab. Meo Wulf stattet die Figur mit hoher Sensibilität aus und hält mit dieser Darstellung dem Charisma seines Gegenübers stand; Wulfs Harold reagiert mit seinem Nonsense auf den Unfug seiner Mitmenschen, allen voran seine Mutter, doch als er Maude kennenlernt wird er zu einem fürsorglichen, aufopfernden Liebhaber. Es sind diese beiden Tabus, an denen das Stück rührt: eine romantische Beziehung mit erheblichem Altersunterschied, wobei der Skandal nur dann gegeben ist, wenn die Frau die ältere ist, und schließlich ein selbst bestimmter Tod.

Harolds Mutter lässt sich von seinen inszenierten Selbstmorden kaum noch irritieren, …: Meo Wulf mit Martina Stilp. Bild: Erich Reismann

… sie sucht ihm lieber eine Heiratskandidatin: Silvia Meisterle als durchgeknallte Schauspielerin Sunshine. Bild: Erich Reismann

Maude wird Harold ins Leben schleudern, ihr amouröses Abenteuer ist nur ein flüchtiger Moment, die Freundschaft zwischen den beiden Erfindergeistern zählt in Alders Arbeit weit mehr. Und wieder ist es die Mangold, die dominiert, die durchscheint, die man wiedererkennt, die viele Jahrzehnte lang den Schauspielnachwuchs unterrichtete. Sie selbst debütierte 1946 an der Josefstadt, spielte Stücke mit Titeln wie „Miau“; eine weite Strecke, eine bis nach Hamburg, hat sie danach zurückgelegt, um die österreichische Gefühlsduselei zu umschiffen. Das tut sie heute noch. Konsequent, widerborstig, eigensinnig.

Neben dem Liebespaar gibt Martina Stilp Harolds überdrehte Mutter, eine Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, aber was die Etikette betrifft immer auf der Höhe. Sie sucht eine potenzielle Schwiegertochter und Silvia Meisterle gestaltet diese Sylvies, Nancys und Sunshines, die ob abgehackter Arme und von der Decke baumelnder Körper mal mehr, mal weniger schockiert sind, mit Bravour. Oliver Huether leistet als Psychiater, Pater und Polizist moralischen Beistand, dies alles im wunderbar wandelbaren Bühnenbild von Hans Kudlich. Zur Mangold als Natursensation hat Kudlich eine aus Stoff geschaffen: Die kleine Sissi Guse als Robbe Mr. Malloy holt sich am Ende verdient ihren Jubel ab.

Eine entführte Robbe ruft die Polizei auf den Plan: Oliver Huether und Tany Gabriel auf der Suche nach Sissi Guse als „Mr. Malloy“. Bild: Erich Reismann

Mit einem „Für alte Weiber gibt es sowieso keine Rollen mehr“ verkündete Erni Mangold hernach ihren Abschied von der Bühne. Mal sehen, wandte sie sich doch mit einem neckischen „Nathan den Weisen bietest du mir ja nicht an“ an Hausherr Herbert Föttinger. Der, merkbar dieser Idee nicht abgeneigt, wollte schnell was sagen, kam aber gegen Mangolds Mundwerk nicht an. Der Kulturstadtrat überreichte noch einen Goldenen Rathausmann – und gut war’s. Fürs Erste. Nun kann’s ja weitergehen. Stichwort: Lessing! …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=BRKuzFwOcsA

www.josefstadt.org

Wien, 27. 1. 2017