H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hoffmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hoffmann im Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hoffmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hoffmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hoffmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

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13. 4. 2021

Horacio Verbitsky: Der Flug – Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ

April 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Am 19. April präsentiert der Autor sein Buch in Wien

buchKaum ein Buch hat die Diskussion über die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 so aufgewirbelt wie Horacio Verbitskys „El Vuelo“ (Der Flug) bei seinem Erscheinen 1995. Es war das erste Mal, dass ein unmittelbar beteiligter Militär nach fast 20 Jahren des Schweigens über die Mordpraktiken der Diktatur erzählte, noch dazu völlig emotionslos. Adolfo Scilingo bestätigte gegenüber dem argentinischen Journalisten Horacio Verbitsky in Interviews Berichte von Überlebenden, nach denen in der berüchtigten Mechanikerschule der Marine (ESMA) Gefolterte nackt und betäubt in Flugzeuge verfrachtet und über dem Rio de la Plata abgeworfen wurden. Scilingo selbst war in der ESMA eingesetzt, dem größten Folterzentrum des Landes mitten in der Hauptstadt Buenos Aires, wo geschätzte 5.000 der etwa 30.000 während der Diktatur Verschwundenen umgebracht wurden. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ“ endlich in deutscher Sprache vor.

Aus Scilingo Geständnissen und Verbitskys eigenen langjährigen Recherchen entstand ein Buch, das einen Wendepunkt in der argentinischen Geschichte darstellte. Es löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus, nicht zuletzt über die Frage nach Schuld und Verantwortung für die Verbrechen der Militärdiktatur, und trug so zu deren – wenn auch noch bei weitem nicht abgeschlossener – Aufarbeitung bei. Immerhin galten bis 1995 noch die Amnestiegesetze, aber dem Erscheinen von „Der Flug“ ist es mit zu verdanken, dass das Ende der Straflosigkeit eingeläutet wurde. Es sollten allerdings noch fast zehn Jahre vergehen, bis der Druck der argentinischen Menschenrechtsbewegung vor Ort und der europäischen Strafverfahren zur Aufhebung der Straflosigkeitsgesetze führte. Ab 2005 wurden im ganzen Land zuvor eingestellte Prozesse wieder eröffnet und neue Verfahren eingeleitet. Bis heute sind mehr als 550 Verurteilungen ergangen. Hohe Militärs, Polizisten, Geheimdienstmitarbeiter, aber auch Zivilisten, darunter Ärzte und Richter, wurden vor Gericht gestellt.

Scilingos Motive, sich über die Praktiken der Militärs zu äußern, waren bizarr und erschütternd zugleich: Er nahm keinen Anstoß an den schweren Menschenrechtsverletzungen – auch Offiziere hätten nur Befehle befolgt, folglich müssten alle oder keine Militärs bestraft werden –, lediglich die Debatte um zwei ESMA-Kollegen und deren geplante Beförderung erregte seinen Unmut. Das Buch ist in mehrere Sprachen übersetzt und die Gespräche wurden Bestandteil des Prozesses gegen Scilingo in Spanien, wo er bis heute im Gefängnis sitzt. 
Die juristische Aufarbeitung der damaligen Verbrechen ist jedoch noch immer nicht zu Ende. Besonders bei der Wirtschaftselite von damals, die auch heute noch vielerorts an den Schalthebeln der Macht sitzt, gehen die Ermittlungen immer noch schleppend voran.

Bild: mottingers-meinung.at

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Was das Buch so wichtig macht: Der Mantel des Schweigens, den viele Gesellschaften noch immer über ihre brutale Vergangenheit legen und die nicht-strafrechtliche Verfolgung der ehemaligen Täter und Verantwortlichen, wurde durchbrochen. „Überlebende und Angehörige von Opfern sind dann gezwungen, im Wissen um die Straflosigkeit zu leben, das Stigma als angebliche Kriminelle und Dissidenten bleibt noch lange haften. Dass diese Stigmatisierung oft auch in der Demokratie nicht endet, berichten auch Überlebende der argentinischen Diktatur … Die Prozesse stellen klar, dass die damals Verantwortlichen nicht taten, ,was getan werden musste’, sondern dass sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen“, betont Wolfgang Kaleck in seinem Vorwort.

Das Buch beginnt mit einem „Geständnis“: „Ich war in der ESMA. Ich will mit Ihnen reden sprach er (Scilingo) mich (Verbitsky) in der U-Bahn an. Es folgen erschütternde Berichte über die begangenen Gräuel, wie die damals herrschenden Militärs ihre Gewalttaten legitimierten, aber auch Einblicke in die Denk- und Handlungsmuster der Machthaber, Zeitdokumente über den Umgang der demokratisch gewählten Politiker mit den ehemaligen Militärherrschern und die Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche während der Jahre der Diktatur in Argentinien. Im April 2005 wurde Scilingo vom spanischen Nationalen Gerichtshof zu 640 Jahren Haft wegen der Teilnahme an den Flügen, bei denen er 30 Menschen ins Meer geworfen hatte, verurteilt.

Bild: mottingers-meinung.at

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Das Ende der Militärherrscher:
General Jorge Rafael Videla, Oberbefehlshaber des Heeres und bis 1981 de facto Präsident Argentiniens, war hauptverantwortlich für den Sturz der Regierung von Isabel Perón am 24. März 1976. 1990 wurde er von Präsident Menem begnadigt, schließlich aber von verschiedenen Gerichten des Landes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 2012 gestand er, dass 7.000 bis 8.000 Desaparecidos (span.: Die Verschwundenen) umgebracht wurden. Er starb 2013 im Gefängnis.

General Roberto Viola, Nachfolger Videlas (März bis Dezember 1981). Wurde 1985 wegen unrechtmäßiger Freiheitsberaubung, Folter und Raubes zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. 1990 von Präsident Menem begnadigt, starb er 1994. General Leopoldo Galtieri, von Dezember 1981 bis Juni 1982 Präsident des Landes, befahl im April 1982 die Besetzung der Falkland-Inseln. Nach der Niederlage gegen Großbritannien im Juni des Jahres zurückgetreten. Nach mehreren Verurteilungen von Menem 1989 begnadigt. Später wegen anderer Delikte erneut verurteilt, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes unter Hausarrest gestellt. Er starb 2003.

Über den Autor:
Horacio Verbitsky, geboren 1942, ist einer der führenden investigativen Journalisten Argentiniens. Er ist politischer Kolumnist der argentinischen Tageszeitung Página/12 und schreibt für El País und The New York Times. Verbitsky veröffentlichte mehr als 20 Bücher über politische, militärische, kirchliche und wirtschaftliche Themen im Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Seit 2000 leitet er die Menschenrechtsorganisation „Centro de 
Estudios Legales y Sociales“ (Zentrum für rechtliche und soziale Studien, CELS). Der Autor kommt am 19. April nach Wien und wird im Lateinamerika-Institut sein Buch präsentieren. Er und Übersetzerin Sandra Schmidt sprechen über die aktuelle Situation in Argentinien, über den Stand der Aufarbeitung der Diktatur und über die Auswirkungen der Wahl des rechtskonservativen Präsidenten Mauricio Macri. Der Eintritt ist frei.

Mandelbaum Verlag, Horacio Verbitsky: „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ, Sachbuch, 200 Seiten. Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt. Mit einem Vorwort von Wolfgang Kaleck und einem aktualisierten Epilog von Horacio Verbitsky.

www.mandelbaum.at

Ein weiterer Literatur-Tipp zum Thema:
„El Eternauta“ ist das Hauptwerk des wichtigsten argentinischen Comicautors Héctor Germán Oesterheld, das vor dem Hintergrund seines späteren eigenen Schicksals eine beklemmend prophetische Kraft entfaltet: Ein argentinischer Comicautor erschafft einen Helden, der verzweifelt versucht, seine Familie zu finden. Jahre später, ab 1976 unter der Militärjunta, wird die Geschichte schreckliche Wirklichkeit. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18335

Wien, 11. 4. 2016

Heinz Rudolf Unger: Proletenpassion ff.

Februar 16, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Neufassung der „Geschichte von unten“

9783854764625Dies ist die literarische Dokumentation eines kulturellen und kulturpolitischen Phänomens. Seit der Uraufführung 1976 und den Tourneen im gesamten deutschen Sprachraum war die Proletenpassion der Musikgruppe „Schmetterlinge“ mit den Texten von Heinz Rudolf Unger ein singulärer Versuch, Geschichte aus der Perspektive „von unten“ zu erzählen, war Kult und Wegbegleiter von Generationen.
Seither ist die Proletenpassion immer höchst lebendig geblieben, der ursprünglichen Dreifach-LP folgten bis heute immer neue CD-Auflagen und engagierte Lehrer verwenden die Lieder erfolgreich im Geschichtsunterricht. Jetzt wurde sie neu inszeniert und aktualisiert und umfasst nun die Zeiträume von den Bauernkriegen bis in die Gegenwart, dem Neoliberalismus unserer Tage.
Das Buch enthält sowohl die ursprüngliche wie die neue Textfassung und Heinz R. Unger beschreibt die Geschichte des Werks.
Ist es eine überdimensionierte Kantate? Ein grenzüberschreitendes Polit-Pop-Konzert? Eine raffinierte Bühnenshow? Zeitkritische Agitation? Apotheose des Widerstands? Aufmüpfige Literatur? Es ist das alles und gleichzeitig auch weit mehr. Die Proletenpassion erlebt nun nach vierzig Jahren ihre Neufassung.
Im Januar wurde sie im Werk X  neu aufgeführt von jungen Menschen, die bei der Uraufführung noch gar nicht geboren waren.

Heinz Rudolf Unger: Proletenpassion ff. 200 Seiten. Mandelbaum Verlag.

www.mandelbaum.at

www.mottingers-meinung.at/werk-x-proletenpassion-2015-ff/

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 16. 2. 2015

Mandelbaum Verlag: Friederike Mayröcker

Dezember 15, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage zum 90. Geburtstag

big_9783854764533Am 20.Dezember feiert die große österreichische Schriftstellerin runden Geburtstag, zu dem zwei Publikationen im Mandelbaum Verlag erschienen sind:

»Landschaft mit Verstoßung« Ein dreifaltiges Hörstück – Klangbuch mit einer CD von Bodo Hell, Friederike Mayröcker und Martin Leitner

Ein Text, in dem die Dichterin und Doyenne der deutschsprachigen Poesie von Verlusten erzählt. Von Landschaften, die sie verstoßen, von Worten, die sich in Träumen bilden und nicht in den Zustand des Wachseins hinübergerettet werden wollen.Ausgangspunkt für Bodo Hells neues »dreifaltiges Hörstück« ist ein kleiner Text von Friederike ­Mayröcker, »Landschaft mit Verstoßung«. Ein Text, in dem die Dichterin und Doyenne der deutschsprachigen Poesie von Verlusten erzählt. Von Landschaften, die sie verstoßen, von Worten, die sich in Träumen bilden und nicht in den Zustand des Wachseins hinübergerettet werden wollen. Alle »Wortträume«, schreibt Mayröcker, »verließen mich sobald ich die Augen aufgeschlagen hatte«.  Autor und Alpenhirt Bodo Hell tritt mit Mayröcker in einen Dialog über Ausgeschlossenwerden, Sich-ausgeschlossen-Fühlen und Verlassenmüssen einer lieb vertrauten Landschaft. Die für dieses Klangbuch spezifische Verschränkung von Mayröckers Urschrift und Hells Parallelschrift wird akustisch gehoben, gehalten, ergänzt, unterfüttert, bisweilen auch konterkariert von Elementen aus dem Naturstimmenarchiv des Tongestalters Martin Leitner, der über zehn Sommer hinweg im Gebiet des östlichen Dachsteinplateaus Naturlaute und Tiergeräusche gesammelt hat. Vom letzten Warnzeichen der Kreuzotter vorm Biss über die Glocken der Herden, Balzlaute des Auerhahns bis zu den Geräuschen der Milchverarbeitung sowie zwei Blöcke mit »intensiver Bauernunterhaltung« rahmen die Texte und geben ihnen eine zusätzliche Dimension. Den Abschluss bildet ein »Auerhahn-Bonustrack«.

sowie mit dem künstlerfabrikat №3:

»Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen«
Tageszeichnungen und Texte 1983-2014

herausgegeben von Christel und Matthias Fallenstein. Mit 140 ausgewählten Tageszeichnungen von Linde Waber und Texten von Friederike Mayröcker, erscheint in einer limitierten Auflage von 199 Stück, nummeriert und von den beiden Künstlerinnen handsigniert.  Zusätzlich wird es eine Vorzugsausgabe (40 Exemplare, nummeriert und von den beiden Künstlerinnen handsigniert) geben, mit je einer original Malerei auf Japanpapier von Linde Waber. Die Begegnung und künstlerische Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker hat in den »Tageszeichnungen« von Linde Waber – einer in ihrer Art einmaligen Sammlung von Skizzen, die über Jahrzehnte hinweg Tag für Tag sozusagen als Tagebuch der Künstlerin entstanden – zahlreiche Spuren hinterlassen.  »Ich lebe in Bildern …« So beschreibt Friederike Mayröcker ihre Arbeitsweise, und weiter: »Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hineinsteige in das Bild. Ich steige solange hinein, bis es Sprache wird.« (aus: Heimspiel) Linde Waber und Friederike Mayröcker verbindet eine über 30-jährige Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit, in der mehr als 400 Tageszeichnungen Linde Wabers entstanden, in denen man Friederike Mayröcker wiederfindet; oder ihre Gedichte, Briefe, kurze Texte, Fundstücke, mitunter sogar ihre eigenen Zeichnungen.
www.mandelbaum.at

Wien, 15. 12. 2014

Bayou. Kochen in Louisiana

März 10, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Jazz und Jambalaya

9783854764205Ein Kochbuch – hier? Selbstverständlich! Weil Kochen große Kunst ist, sagt der Mottinger’sche Maître de Cuisine, der auf Esskultur sehr viel Wert legt. (An dieser Stelle fügt die Frau einen Dialog aus der „Pension Schöller“ ein: Frau Schöller/Marianne Schönauer: Können Sie denn eine Frau ernähren? – Onkel Ladislaus/Max Böhm: Ernähren? Mästen könnt‘ ich sie.) In Margot Fischers Buch „Bayou. Kochen in Louisiana“ geht’s um mehr als um Leckereien. Es geht um das Lebensgefühl einer Welt, die die Freude am Genuss zum Prinzip erhoben hat. Laissez le bons temps rouler! – Let the good times roll! Man muss Feste feiern, denn – auch das ist kreolisch – der Tod lauert an jeder Ecke. Auch beim Mardi gras, dem „fetten Dienstag“. Und so hat Fischer den 128 Rezepten spannende, sinnliche, scheußliche Geschichten der Cajuns beigemengt. Man liest über Sklaverei und Prostitution im Storyville-Viertel und einem Abendessen bei den leichten Damen, das mit Absinth beginnt und mit Pilzen mit Austernfüllung endet. Jazzlegenden wie Jelly Roll Morton, King Oliver und Louis Armstrong spielten in den einschlägigen Etablissements dieses Bezirks.

Mardi gras feiert man mit dem Deep South Sektcocktail, kreolischen Fleischpastetchen und Chicken Gumbo. Mardi gras ist der Tag vor dem Aschermittwoch und Höhepunkt des Karnevals. Ein letztes Mal vor Beginn der Fastenzeit nutzen die Cajuns die Gelegenheit, ausgiebig zu feiern und zu genießen. In New Orleans führt Rex, der König des Karnevals, auf einem goldenen Thron sitzend, einen farbenprächtigen Umzug üppig geschmückter Festwagen mit Musikern und Kostümierten durch die von ausgelassen feiernden Menschen bevölkerten Straßen. Das schwarze Pendant zu Rex ist King Zulu. Von den Wägen herunter wirft das Gefolge des Königs bunte Ketten aus Glasperlen und kleine Münzen als „Geschenke des Monarchen an sein Volk“ in die Zuschauermenge.

Es gibt ein Menü zum St. Patrick’s Day der Iren, zum St. Joseph’s Day der Sizilianer, ein Familienfest der Cajuns samt Liebeszauber (dazu muss man unter anderem eine Biene von einer nach Norden geneigten Kleeblüte fangen und ihren Pollensack reiben – irgendetwas ist danach sicher geschwollen), ein Creole Dinner mit Jambalaya und traditionelle Indianerküche der Cherokee, Seminolen oder Powhatan. Natürlich fehlen auch nicht Gelage für den Independence Day, Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr.

Unter der Überschrift „The Wonderful Soupstone“ verbirgt sich die Küche der armen Leute. Wussten Sie, dass Hush Puppies (wörtlich: Still, Welpen!) Maismehlkrapfen sind. Dass in Louisiana Eichhörnchen, Frösche, Schildkröten, Alligatoren in den Kochtöpfen verschwinden, soll beim Studieren der Rezepte nicht abschrecken. Margot Fischer hat zum Glück für alles verträgliche Alternativen, etwa Hendl, parat. Ein gelungener Gruselschocker ist das Halloween Horror Buffet mit dem Corpse Reviver (Leichenerwecker, ein Calvados-Brandy-Cocktail), Blood Soup in the Skull (Blutsuppe im Totenschädel, also rote Rüben im Kürbis) und Pork R.I.P. (Schweinerippchen „Ruhe in Frieden“ mit Leichenzehen aus Kartoffenscheiben).

Wem das zu abgefahren ist, der kann sich an den herrlichen Fisch- und Meeresfrüchtekreationen erfreuen. Austern bis zum Abwinken. Flusskrebse. Garnelen. Grünschalenmuscheln. Hummer. Krabben. Für Fleischbevorzuger sind ausreichend Rezepte mit Ente, Lamm, Rind oder Truthahn vorhanden.

Margot Fischer: Bayou. Kochen in Louisiana. Mandelbaum Verlag

www.mandelbaum.at

Wien, 10. 3. 2014