Horacio Verbitsky: Der Flug – Wie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ

April 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Am 19. April präsentiert der Autor sein Buch in Wien

buchKaum ein Buch hat die Diskussion über die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 so aufgewirbelt wie Horacio Verbitskys „El Vuelo“ (Der Flug) bei seinem Erscheinen 1995. Es war das erste Mal, dass ein unmittelbar beteiligter Militär nach fast 20 Jahren des Schweigens über die Mordpraktiken der Diktatur erzählte, noch dazu völlig emotionslos. Adolfo Scilingo bestätigte gegenüber dem argentinischen Journalisten Horacio Verbitsky in Interviews Berichte von Überlebenden, nach denen in der berüchtigten Mechanikerschule der Marine (ESMA) Gefolterte nackt und betäubt in Flugzeuge verfrachtet und über dem Rio de la Plata abgeworfen wurden. Scilingo selbst war in der ESMA eingesetzt, dem größten Folterzentrum des Landes mitten in der Hauptstadt Buenos Aires, wo geschätzte 5.000 der etwa 30.000 während der Diktatur Verschwundenen umgebracht wurden. Jetzt, zum 40. Jahrestag des Militärputsches von 1976, liegt „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ“ endlich in deutscher Sprache vor.

Aus Scilingo Geständnissen und Verbitskys eigenen langjährigen Recherchen entstand ein Buch, das einen Wendepunkt in der argentinischen Geschichte darstellte. Es löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus, nicht zuletzt über die Frage nach Schuld und Verantwortung für die Verbrechen der Militärdiktatur, und trug so zu deren – wenn auch noch bei weitem nicht abgeschlossener – Aufarbeitung bei. Immerhin galten bis 1995 noch die Amnestiegesetze, aber dem Erscheinen von „Der Flug“ ist es mit zu verdanken, dass das Ende der Straflosigkeit eingeläutet wurde. Es sollten allerdings noch fast zehn Jahre vergehen, bis der Druck der argentinischen Menschenrechtsbewegung vor Ort und der europäischen Strafverfahren zur Aufhebung der Straflosigkeitsgesetze führte. Ab 2005 wurden im ganzen Land zuvor eingestellte Prozesse wieder eröffnet und neue Verfahren eingeleitet. Bis heute sind mehr als 550 Verurteilungen ergangen. Hohe Militärs, Polizisten, Geheimdienstmitarbeiter, aber auch Zivilisten, darunter Ärzte und Richter, wurden vor Gericht gestellt.

Scilingos Motive, sich über die Praktiken der Militärs zu äußern, waren bizarr und erschütternd zugleich: Er nahm keinen Anstoß an den schweren Menschenrechtsverletzungen – auch Offiziere hätten nur Befehle befolgt, folglich müssten alle oder keine Militärs bestraft werden –, lediglich die Debatte um zwei ESMA-Kollegen und deren geplante Beförderung erregte seinen Unmut. Das Buch ist in mehrere Sprachen übersetzt und die Gespräche wurden Bestandteil des Prozesses gegen Scilingo in Spanien, wo er bis heute im Gefängnis sitzt. 
Die juristische Aufarbeitung der damaligen Verbrechen ist jedoch noch immer nicht zu Ende. Besonders bei der Wirtschaftselite von damals, die auch heute noch vielerorts an den Schalthebeln der Macht sitzt, gehen die Ermittlungen immer noch schleppend voran.

Bild: mottingers-meinung.at

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Was das Buch so wichtig macht: Der Mantel des Schweigens, den viele Gesellschaften noch immer über ihre brutale Vergangenheit legen und die nicht-strafrechtliche Verfolgung der ehemaligen Täter und Verantwortlichen, wurde durchbrochen. „Überlebende und Angehörige von Opfern sind dann gezwungen, im Wissen um die Straflosigkeit zu leben, das Stigma als angebliche Kriminelle und Dissidenten bleibt noch lange haften. Dass diese Stigmatisierung oft auch in der Demokratie nicht endet, berichten auch Überlebende der argentinischen Diktatur … Die Prozesse stellen klar, dass die damals Verantwortlichen nicht taten, ,was getan werden musste’, sondern dass sie Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen“, betont Wolfgang Kaleck in seinem Vorwort.

Das Buch beginnt mit einem „Geständnis“: „Ich war in der ESMA. Ich will mit Ihnen reden sprach er (Scilingo) mich (Verbitsky) in der U-Bahn an. Es folgen erschütternde Berichte über die begangenen Gräuel, wie die damals herrschenden Militärs ihre Gewalttaten legitimierten, aber auch Einblicke in die Denk- und Handlungsmuster der Machthaber, Zeitdokumente über den Umgang der demokratisch gewählten Politiker mit den ehemaligen Militärherrschern und die Aufarbeitung der Rolle der katholischen Kirche während der Jahre der Diktatur in Argentinien. Im April 2005 wurde Scilingo vom spanischen Nationalen Gerichtshof zu 640 Jahren Haft wegen der Teilnahme an den Flügen, bei denen er 30 Menschen ins Meer geworfen hatte, verurteilt.

Bild: mottingers-meinung.at

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Das Ende der Militärherrscher:
General Jorge Rafael Videla, Oberbefehlshaber des Heeres und bis 1981 de facto Präsident Argentiniens, war hauptverantwortlich für den Sturz der Regierung von Isabel Perón am 24. März 1976. 1990 wurde er von Präsident Menem begnadigt, schließlich aber von verschiedenen Gerichten des Landes zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. 2012 gestand er, dass 7.000 bis 8.000 Desaparecidos (span.: Die Verschwundenen) umgebracht wurden. Er starb 2013 im Gefängnis.

General Roberto Viola, Nachfolger Videlas (März bis Dezember 1981). Wurde 1985 wegen unrechtmäßiger Freiheitsberaubung, Folter und Raubes zu 17 Jahren Gefängnis verurteilt. 1990 von Präsident Menem begnadigt, starb er 1994. General Leopoldo Galtieri, von Dezember 1981 bis Juni 1982 Präsident des Landes, befahl im April 1982 die Besetzung der Falkland-Inseln. Nach der Niederlage gegen Großbritannien im Juni des Jahres zurückgetreten. Nach mehreren Verurteilungen von Menem 1989 begnadigt. Später wegen anderer Delikte erneut verurteilt, wegen seines schlechten Gesundheitszustandes unter Hausarrest gestellt. Er starb 2003.

Über den Autor:
Horacio Verbitsky, geboren 1942, ist einer der führenden investigativen Journalisten Argentiniens. Er ist politischer Kolumnist der argentinischen Tageszeitung Página/12 und schreibt für El País und The New York Times. Verbitsky veröffentlichte mehr als 20 Bücher über politische, militärische, kirchliche und wirtschaftliche Themen im Übergang von der Diktatur zur Demokratie. Seit 2000 leitet er die Menschenrechtsorganisation „Centro de 
Estudios Legales y Sociales“ (Zentrum für rechtliche und soziale Studien, CELS). Der Autor kommt am 19. April nach Wien und wird im Lateinamerika-Institut sein Buch präsentieren. Er und Übersetzerin Sandra Schmidt sprechen über die aktuelle Situation in Argentinien, über den Stand der Aufarbeitung der Diktatur und über die Auswirkungen der Wahl des rechtskonservativen Präsidenten Mauricio Macri. Der Eintritt ist frei.

Mandelbaum Verlag, Horacio Verbitsky: „Der FlugWie die argentinische Militärdiktatur ihre Gegner im Meer verschwinden ließ, Sachbuch, 200 Seiten. Aus dem Spanischen von Sandra Schmidt. Mit einem Vorwort von Wolfgang Kaleck und einem aktualisierten Epilog von Horacio Verbitsky.

www.mandelbaum.at

Ein weiterer Literatur-Tipp zum Thema:
„El Eternauta“ ist das Hauptwerk des wichtigsten argentinischen Comicautors Héctor Germán Oesterheld, das vor dem Hintergrund seines späteren eigenen Schicksals eine beklemmend prophetische Kraft entfaltet: Ein argentinischer Comicautor erschafft einen Helden, der verzweifelt versucht, seine Familie zu finden. Jahre später, ab 1976 unter der Militärjunta, wird die Geschichte schreckliche Wirklichkeit. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=18335

Wien, 11. 4. 2016

Heinz Rudolf Unger: Proletenpassion ff.

Februar 16, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Neufassung der „Geschichte von unten“

9783854764625Dies ist die literarische Dokumentation eines kulturellen und kulturpolitischen Phänomens. Seit der Uraufführung 1976 und den Tourneen im gesamten deutschen Sprachraum war die Proletenpassion der Musikgruppe „Schmetterlinge“ mit den Texten von Heinz Rudolf Unger ein singulärer Versuch, Geschichte aus der Perspektive „von unten“ zu erzählen, war Kult und Wegbegleiter von Generationen.
Seither ist die Proletenpassion immer höchst lebendig geblieben, der ursprünglichen Dreifach-LP folgten bis heute immer neue CD-Auflagen und engagierte Lehrer verwenden die Lieder erfolgreich im Geschichtsunterricht. Jetzt wurde sie neu inszeniert und aktualisiert und umfasst nun die Zeiträume von den Bauernkriegen bis in die Gegenwart, dem Neoliberalismus unserer Tage.
Das Buch enthält sowohl die ursprüngliche wie die neue Textfassung und Heinz R. Unger beschreibt die Geschichte des Werks.
Ist es eine überdimensionierte Kantate? Ein grenzüberschreitendes Polit-Pop-Konzert? Eine raffinierte Bühnenshow? Zeitkritische Agitation? Apotheose des Widerstands? Aufmüpfige Literatur? Es ist das alles und gleichzeitig auch weit mehr. Die Proletenpassion erlebt nun nach vierzig Jahren ihre Neufassung.
Im Januar wurde sie im Werk X  neu aufgeführt von jungen Menschen, die bei der Uraufführung noch gar nicht geboren waren.

Heinz Rudolf Unger: Proletenpassion ff. 200 Seiten. Mandelbaum Verlag.

www.mandelbaum.at

www.mottingers-meinung.at/werk-x-proletenpassion-2015-ff/

www.mottingers-meinung.at/heinz-rudolf-unger-im-gespraech/

Wien, 16. 2. 2015

Mandelbaum Verlag: Friederike Mayröcker

Dezember 15, 2014 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage zum 90. Geburtstag

big_9783854764533Am 20.Dezember feiert die große österreichische Schriftstellerin runden Geburtstag, zu dem zwei Publikationen im Mandelbaum Verlag erschienen sind:

»Landschaft mit Verstoßung« Ein dreifaltiges Hörstück – Klangbuch mit einer CD von Bodo Hell, Friederike Mayröcker und Martin Leitner

Ein Text, in dem die Dichterin und Doyenne der deutschsprachigen Poesie von Verlusten erzählt. Von Landschaften, die sie verstoßen, von Worten, die sich in Träumen bilden und nicht in den Zustand des Wachseins hinübergerettet werden wollen.Ausgangspunkt für Bodo Hells neues »dreifaltiges Hörstück« ist ein kleiner Text von Friederike ­Mayröcker, »Landschaft mit Verstoßung«. Ein Text, in dem die Dichterin und Doyenne der deutschsprachigen Poesie von Verlusten erzählt. Von Landschaften, die sie verstoßen, von Worten, die sich in Träumen bilden und nicht in den Zustand des Wachseins hinübergerettet werden wollen. Alle »Wortträume«, schreibt Mayröcker, »verließen mich sobald ich die Augen aufgeschlagen hatte«.  Autor und Alpenhirt Bodo Hell tritt mit Mayröcker in einen Dialog über Ausgeschlossenwerden, Sich-ausgeschlossen-Fühlen und Verlassenmüssen einer lieb vertrauten Landschaft. Die für dieses Klangbuch spezifische Verschränkung von Mayröckers Urschrift und Hells Parallelschrift wird akustisch gehoben, gehalten, ergänzt, unterfüttert, bisweilen auch konterkariert von Elementen aus dem Naturstimmenarchiv des Tongestalters Martin Leitner, der über zehn Sommer hinweg im Gebiet des östlichen Dachsteinplateaus Naturlaute und Tiergeräusche gesammelt hat. Vom letzten Warnzeichen der Kreuzotter vorm Biss über die Glocken der Herden, Balzlaute des Auerhahns bis zu den Geräuschen der Milchverarbeitung sowie zwei Blöcke mit »intensiver Bauernunterhaltung« rahmen die Texte und geben ihnen eine zusätzliche Dimension. Den Abschluss bildet ein »Auerhahn-Bonustrack«.

sowie mit dem künstlerfabrikat №3:

»Gleich möchte ich mich auf deinem Bild niederlassen«
Tageszeichnungen und Texte 1983-2014

herausgegeben von Christel und Matthias Fallenstein. Mit 140 ausgewählten Tageszeichnungen von Linde Waber und Texten von Friederike Mayröcker, erscheint in einer limitierten Auflage von 199 Stück, nummeriert und von den beiden Künstlerinnen handsigniert.  Zusätzlich wird es eine Vorzugsausgabe (40 Exemplare, nummeriert und von den beiden Künstlerinnen handsigniert) geben, mit je einer original Malerei auf Japanpapier von Linde Waber. Die Begegnung und künstlerische Zusammenarbeit mit Friederike Mayröcker hat in den »Tageszeichnungen« von Linde Waber – einer in ihrer Art einmaligen Sammlung von Skizzen, die über Jahrzehnte hinweg Tag für Tag sozusagen als Tagebuch der Künstlerin entstanden – zahlreiche Spuren hinterlassen.  »Ich lebe in Bildern …« So beschreibt Friederike Mayröcker ihre Arbeitsweise, und weiter: »Ich sehe alles in Bildern, meine ganze Vergangenheit, Erinnerungen sind Bilder. Ich mache die Bilder zu Sprache, indem ich ganz hineinsteige in das Bild. Ich steige solange hinein, bis es Sprache wird.« (aus: Heimspiel) Linde Waber und Friederike Mayröcker verbindet eine über 30-jährige Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit, in der mehr als 400 Tageszeichnungen Linde Wabers entstanden, in denen man Friederike Mayröcker wiederfindet; oder ihre Gedichte, Briefe, kurze Texte, Fundstücke, mitunter sogar ihre eigenen Zeichnungen.
www.mandelbaum.at

Wien, 15. 12. 2014

Bayou. Kochen in Louisiana

März 10, 2014 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Jazz und Jambalaya

9783854764205Ein Kochbuch – hier? Selbstverständlich! Weil Kochen große Kunst ist, sagt der Mottinger’sche Maître de Cuisine, der auf Esskultur sehr viel Wert legt. (An dieser Stelle fügt die Frau einen Dialog aus der „Pension Schöller“ ein: Frau Schöller/Marianne Schönauer: Können Sie denn eine Frau ernähren? – Onkel Ladislaus/Max Böhm: Ernähren? Mästen könnt‘ ich sie.) In Margot Fischers Buch „Bayou. Kochen in Louisiana“ geht’s um mehr als um Leckereien. Es geht um das Lebensgefühl einer Welt, die die Freude am Genuss zum Prinzip erhoben hat. Laissez le bons temps rouler! – Let the good times roll! Man muss Feste feiern, denn – auch das ist kreolisch – der Tod lauert an jeder Ecke. Auch beim Mardi gras, dem „fetten Dienstag“. Und so hat Fischer den 128 Rezepten spannende, sinnliche, scheußliche Geschichten der Cajuns beigemengt. Man liest über Sklaverei und Prostitution im Storyville-Viertel und einem Abendessen bei den leichten Damen, das mit Absinth beginnt und mit Pilzen mit Austernfüllung endet. Jazzlegenden wie Jelly Roll Morton, King Oliver und Louis Armstrong spielten in den einschlägigen Etablissements dieses Bezirks.

Mardi gras feiert man mit dem Deep South Sektcocktail, kreolischen Fleischpastetchen und Chicken Gumbo. Mardi gras ist der Tag vor dem Aschermittwoch und Höhepunkt des Karnevals. Ein letztes Mal vor Beginn der Fastenzeit nutzen die Cajuns die Gelegenheit, ausgiebig zu feiern und zu genießen. In New Orleans führt Rex, der König des Karnevals, auf einem goldenen Thron sitzend, einen farbenprächtigen Umzug üppig geschmückter Festwagen mit Musikern und Kostümierten durch die von ausgelassen feiernden Menschen bevölkerten Straßen. Das schwarze Pendant zu Rex ist King Zulu. Von den Wägen herunter wirft das Gefolge des Königs bunte Ketten aus Glasperlen und kleine Münzen als „Geschenke des Monarchen an sein Volk“ in die Zuschauermenge.

Es gibt ein Menü zum St. Patrick’s Day der Iren, zum St. Joseph’s Day der Sizilianer, ein Familienfest der Cajuns samt Liebeszauber (dazu muss man unter anderem eine Biene von einer nach Norden geneigten Kleeblüte fangen und ihren Pollensack reiben – irgendetwas ist danach sicher geschwollen), ein Creole Dinner mit Jambalaya und traditionelle Indianerküche der Cherokee, Seminolen oder Powhatan. Natürlich fehlen auch nicht Gelage für den Independence Day, Thanksgiving, Weihnachten und Neujahr.

Unter der Überschrift „The Wonderful Soupstone“ verbirgt sich die Küche der armen Leute. Wussten Sie, dass Hush Puppies (wörtlich: Still, Welpen!) Maismehlkrapfen sind. Dass in Louisiana Eichhörnchen, Frösche, Schildkröten, Alligatoren in den Kochtöpfen verschwinden, soll beim Studieren der Rezepte nicht abschrecken. Margot Fischer hat zum Glück für alles verträgliche Alternativen, etwa Hendl, parat. Ein gelungener Gruselschocker ist das Halloween Horror Buffet mit dem Corpse Reviver (Leichenerwecker, ein Calvados-Brandy-Cocktail), Blood Soup in the Skull (Blutsuppe im Totenschädel, also rote Rüben im Kürbis) und Pork R.I.P. (Schweinerippchen „Ruhe in Frieden“ mit Leichenzehen aus Kartoffenscheiben).

Wem das zu abgefahren ist, der kann sich an den herrlichen Fisch- und Meeresfrüchtekreationen erfreuen. Austern bis zum Abwinken. Flusskrebse. Garnelen. Grünschalenmuscheln. Hummer. Krabben. Für Fleischbevorzuger sind ausreichend Rezepte mit Ente, Lamm, Rind oder Truthahn vorhanden.

Margot Fischer: Bayou. Kochen in Louisiana. Mandelbaum Verlag

www.mandelbaum.at

Wien, 10. 3. 2014

Mandelbaum Verlag: Augusto Boal. Autobiografie

November 29, 2013 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hamlet und der Sohn des Bäckers“

big_9783854766261Er war einer der Helden des Theaterwissenschaftsstudiums. Augusto Boal. Lateinamerikanischer Theatermacher und Widerstandskämpfer. Sein Buch „Theater der Unterdrückten: Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler“, heute nur noch antiquarisch erhältlich, ging von Hand zu Hand. Er zeigte eine neue Methode aufzurütteln, wachzurütteln, aufzuschrecken. Das Publikum spielte mit – und er mit ihm. In der Edition „kritik & utopie“ des Mandelbaum Verlags ist nun Boals Autobiografie „Hamlet und der Sohn des Bäckers“ erschienen. Eine Ich-Erzählung. Die in der Psychiatrie beginnt und mit dem Wort endet, dass nichts jemals endet. Die Autobiographie Boals gleicht einem Entwicklungsroman, in dem die verschiedenen Stationen des Lebens – Kindheit in Brasilien, Studium in den USA, Zeit der Avantgarde des brasilianischen Theaters, politisches Engagement, Folter, Exil, Rückkehr nach Brasilien – zu kontextualen Lehrmeistern in der Heranbildung eines ethischen Bewusstseins werden, aus der eine klare gesellschaftliche Positionierung gegen Ausbeutung und Kolonialismus und für eine Humanisierung der Menschheit entsteht.

Alles beginnt, väterlicherseits, mütterlicherseits, mit drei weinenden Kindern und einem Heiratsantrag. Und der sinnlichen, blonden Renata. Und New York. Impuls zum Absprung in die Theaterwelt. Boal berichtet von Heldentum und Treulosigkeit. Von Zensur, der er als Theaterguerilla begegnen wollte. Von Gefängnis und Verbannung ins Exil. In meiner Vorstellung hörte ich Schreie, ahnte Schreie – die im dritten Stock Wirklichkeit waren. Schreie, die schon geschrieen worden waren, und solche, die noch kommen sollten. Auch die meinen würden darunter sein … Die Folter ist ein hasserfüllter Vorgang. Sie widerfährt einem nackt wie die Liebe … Wer das Gegenteil behauptet, weiß, dass er lügt! Boals Alphabetisierungskampagnen unter der Landbevölkerung, seine Wille zur politischen Bildung, brachte die Mächtigen auf. 1971, während der Militärdiktatur, wurde er verhaftet und gefoltert. Nach seiner Entlassung wurde er aus Brasilien ausgewiesen. Er lebte von 1971 bis 1976 in Buenos Aires im Exil. 1976 wurde er Gastprofessor und Leiter der Theatergruppe  A Barraca in Lissabon. Ab 1978 lebte er in Paris und unterrichtete vor allem Schauspielende in fast allen europäischen Ländern. 1986 kehrte Boal nach Brasilien zurück und war von 1991 bis 1996 Vereador (Stadtrat) von Rio de Janeiro.

Was mit so genannten Volkstheater-Fabriken Mitte der 1980er-Jahre begonnen hatte, entwickelte sich zu einem politischen Mandat für die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores PT, für die er in den Senat der 7-Millionenstadt Rio de Janeiro einzog. Im Zusammenwirken mit den Bürgerinitiativen in den Stadtteilen entwickelte das Centro Teatro Oprimido viele Forumtheaterszenen, die dann mit den Publikumsreaktionen zu einem Gesetzesvorschlag ausgearbeitet wurden. Mehr als 60 solcher Initiativen wurden auf den Weg gebracht, 13 davon waren sofort erfolgreich, andere wie die Benachteiligung von Homosexuellen lösten Initiativen zur Bundes-Gesetzgebung aus. Im Zusammenwirken mit den Demokratisierungsbestrebungen der PT in anderen Städten entstanden Grundlagen für eine partizipative politische Arbeit in den Zeiten politischen Desinteresses bei gleichzeitiger Zeitverknappung durch Neo-Liberalisierung und Globalisierung. In dieser Zeit erprobte er Möglichkeiten einer direkten Art der Demokratie. Unter dem Einfluss seines langjährigen Exils in Europa entwickelte er seit Ende der 1980er-Jahre eine Reihe von neuen Theatermethoden, so genannte „prospektive“ und „introspektive“ Techniken, die sich in der Pädagogik, in der Theaterpädagogik, im Schauspieltraining, im therapeutischen Bereich und in der Teamentwicklung etabliert haben. Kritiker warfen Boal oft vor, nicht „Theater“ zu machen, sondern … Sie hatten keine Ahnung. Boal riss die „vierte Wand“ nicht nieder, er ließ erst gar keine aufrichten.

Wer Boal liest, erliegt der Anmutung, dass Theater etwas bewirken kann. Er ist ein zorniger Liebender. Des Theaters an sich und der Menschen im Besonderen. Das ist schön. Man sollte es ihm gleichtun. Theater ist Licht, Morgendämmerung. In Zeiten wie diesen eine Bestätigung unserer Identität: Wir lassen uns nicht globalisieren, vereinnahmen, robotisieren. Seien wir, wer wir sind – dazu braucht es Mut … Ich werde mich nicht ausliefern! Theater ist Sehnsucht … Theater, wenn es die Wahrheit spricht, ist eine Möglichkeit, sich auf die Suche nach sich selbst zu machen und auf die Suche nach den anderen in sich selbst. Es ist eine Möglichkeit zur Vermenschlichung des Menschen! Das kann nicht ohne Kampf geschehen. Heute ist Theater eine Kampfkunst!

Zur Person: Augusto Boal (* 16. März 1931 in Rio de Janeiro, Brasilien; † 2. Mai 2009 ebenda) war ein brasilianischer Regisseur, Theaterautor und Theatertheoretiker. Er war der Entwickler der Theaterformen „Theater der Unterdrückten“, „Forumtheater“ und „Unsichtbares Theater“ und zuletzt des „Legislativen Theater“. Boal, dessen Vorbilder Brecht und Stanislawski waren, ging es um eine Veränderung der Realität durch Theater, um Lösungen sozialer Probleme und eine Demokratisierung der Politik durch Theater. Auf seinen Reisen um die Welt war er unter anderem eine Inspiration für LehrerInnen, PsychotherapeutInnen, GefängnisinsassInnen, SchauspielerInnen und SozialpädagogInnen, aber immer auch für politisch Aktive. Augusto Boal war sowohl Visionär als auch Kind seiner Zeit: dem Brasilien der Militärdiktatur und der Repression, der Pädagogik Paulo Freires und der Widerstandsbewegungen.Die UNESCO  zeichnete Augusto Boal im Jahr 1994 für seine Arbeit mit der Pablo-Picasso-Medaille aus und die Universität Nebraska verlieh ihm 1996 gemeinsam mit Paulo Freire die Ehrendoktorwürde. Das „Theater der Unterdrückten“ wurde von der UNESCO als Method of Social Change anerkannt. Es wurde die Internationale Organisation des Theater der Unterdrückten (ITO) gegründet, deren Präsident Boal war. Boal gilt als bedeutender Theaterpädagoge und wurde für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Mandelbaum Verlag: Augusto Boal, Hamlet und der Sohn des Bäckers, Die Autobiografie. 376 Seiten. Übersetzt von Birgit Fritz und Elvira M. Gross. Herausgegeben von Birgit Fritz.

www.mandelbaum.at

www.kritikundutopie.net

Interview mit Augusto Boal: www.youtube.com/watch?v=y5cYAz6n4Ag

Wien, 29. 11. 2013