TheaterArche LIVE: Hikikomori

Mai 31, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Echo ihrer Stimme in der Stille

Die Einsamkeit der Langstreckenhandwäscherin: Manami Okazaki. Bild: © Jakub Kavin

Das Versal-LIVE muss sein. Schließlich steht dieser Tage oft genug neben einer Rezension auch der Vermerk „online“. Doch in der Wiener TheaterArche legt man gleich zum erstmöglichen Post-Lockdown-Termin wieder los – wurde aus dem Premieren- termin 19. März eben ein 29. Mai, was soll’s? Jakub Kavin, Leiter des von der öffentlichen Hand wahrlich nicht verwöhnten Hauses, ist keiner der wehklagt und mäkelt, sondern einer, der macht.

Ist keiner, der seine Politproteste in den Äther entlässt, sondern einer, der seine Gesellschaftsdiagnosen stattdessen auf die Bühne stellt. Das Glück ist mit den Tüchtigen, heißt es, und so können Kavin und das TheaterArche-Team mit der bereits vor einem Jahr recherchierten Produktion „Hikikomori“ eine hochaktuelle Aufführung zeigen. „Während der Endprobenphase haben sich die Ereignisse überschla­gen, durch die Covid-19-Pandemie sind es nun nicht mehr nur die Hikikomoris, die zu Hause bleiben“, so Kavin.

Denn was Schauspielerin, Sängerin, Co-Leiterin Manami Okazaki vorführt, ist eine Psychoblessur aus Japan – Hiki = sich zurückziehen, Komori = sich verstecken, Menschen, die sich in ihrer Wohnung, oft auch ihrem ehemaligen Kinderzimmer einschließen und den Kontakt nach draußen auf ein Minimum reduzieren. Dies meist aus Furcht vor dem Leistungsdruck und dem kollektiv vorgeschriebenen Funktionieren-Müssen, eine Flucht vor Bewerbung und Bewertung und einer Immer-Besser-Über/Forderung, die Bevorzugung von engem Raum vor vorgegebener Richtung.

Nachgerade coronesk-wahrsagerisch wirkt der von Sophie Reyer und Thyl Hanscho verfasste Text, ein sibyllischer Monolog, der die selbstgewählte soziale Isolation als alles andere als „splendid“ beschreibt – was Manami Okazaki in ihrer One-Woman-Show auf einer ganzen Klaviatur der Gefühle auch spielt, und neben Keyboard außerdem Saxophon, und der dank Jakub Kavins geistsprühender Regie zum situativen, in allen Farben schillernden Irrwitz wird. Wobei neben graubunter Melancholie die auffälligste natürlich Barbie-Pink ist:

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Die Puppenküche, in der Okazaki wie unter Zwang einem persönlich jetzt bestens bekannte Handwasch- und Desinfektionsrituale vollzieht. Zu Jubel und Applaus des aufs Schachbrettmuster verteilten Publikums schlüpft sie unter der Anime-Bettwäsche hervor, die von Kavin und Bernhardt Jammernegg gestaltete Spielfläche ausgelegt mit einem Vorschulalter-Verkehrsteppich, auf dem bald einsam ein Miniatur-DHL-Lieferwagen kreisen wird. Welch ein Bild. Und davon gibt es viele, allein wie Okazaki ihren Strampler mit den Comickätzchen zu einer Sängerknabenjacke kombiniert, als wär’s ein Sinnbild ihrer beiden nicht nur musikalischen Heimaten, als könnte sie sich Kindheit übers Erwachsensein drüberziehen.

Wie sie Erinnerungsfotos zum Memory auslegt, Freunde, Familie, Fuji-san, und „er“, wie schön er war, der längst nicht mehr die Messie-Eremitage betreten darf, und wenn Okazaki singt „… ohne mich wird Frühling sein“, dann ist das eigentlich kaum auszuhalten. „Es wachsen sich Gedanken zu Gängen aus“, sagt die Reyer-Hanscho-Figur an einer Stelle übers Rotieren um die eigenkreierte Achse Einsamkeit, die Okazaki ständig in „Bewegung“, mal in fließender, die zum Tanz wird, mal die gesprochene als Loop Richtung Zuschauertribüne gehämmert.

Und wie die Inszenierung entlang dieser zum Tischglobus geschrumpften Welt mäandert, sich in wiederkehrenden Wellen bricht und als Gischt aufschäumt, so ergeht’s dem Betrachter emotional – schwankend zwischen Erbarmen, Klaustrophobie-Momenten und einem ärgerlichen „Dann mach‘ halt die Tür auf!“ Zu den artifiziellen Effekten gehören neben den Kavin-Visuals auch die Gemälde von Hiromitsu Kato, den Manami Okazaki so gern in Wien vorstellen wollte, doch der im April 2019 verstarb, poetische Bilder, die die grausigen von Atompilz bis Massenansammlungen übermalen. Hikikomori, wird deutlich, während sie dem Echo ihrer Stimme in der Stille lauscht, ist eine Krankheit der Überfülle.

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Bild: © Jakub Kavin

Die Frage dazu: Wie nah ist zu nah? Die Verzweiflung jedenfalls zum Greifen, wenn die zartgestaltete Darstellerin in der Rolle darüber schimpft, dass „die kleine Frau“ im Menschengedränge übersehen, angerempelt, überrollt wird, nein, empört sich Okazaki in ihrem Drinnen ist kein Platz für euch, für uns, die anderen, und wie zeitsymbolisch ist das denn bitte. Sie switcht von durchgeknallt Lachen zu hysterisch Weinen, wirft den Becher Instant-Nudelsuppe nach dem Publikum – „Angst ist anstrengend“, sagt sie, aber sie macht befeuert durch Negativenergie offenkundig auch aggressiv.

Nie war das Physical D. so dicht am Unwort-des-Jahres-Nominee Social Distancing. Befremdlich. Ist nun gar nicht mehr sehr, was man sieht. Surfen, zappen, Selbstgespräche, Sterben – schlafen – Schlafen! Vielleicht auch träumen! (© Shakespeare’s Hamlet), Alles ist jeden Tag tagtäglich eine Wiederholung von Wiederholungen (© Thomas Bernhard), Laufen ohne vom Fleck zu kommen, Nachtalben auf dem Projektionsvorhang zum Panic Room, „während sich die Sonne am Fenster kaputtdrückt“.

Bis eine Etüden-Qual zur wilden, heißt: freien „Für Elise“-Improvisation wird. Ein Twist? Ist derzeit doch das Gebrechen als Allheilmittel, ja gleichsam Lebensretter eingesetzt? „Leben tut weh“, sagt die Hikikomori, als sie für das ihre die Dauerquarantäne wählt. Ob ihr das sogenannte Draußen noch was sagt? Der abschließende Herzschlag jedenfalls ist asynchron, und der Loop verkündet: ICH ICH ICH … Stark, authentisch und eindrücklich bedrückend! Vorstellungen jeweils Donnerstag, Freitag und Samstag bis 4. Juli.

www.theaterarche.at            Trailer: www.youtube.com/watch?v=NYEOdyzXJfw           www.youtube.com/watch?v=hXRz-mtt6UM             www.manami-okazaki.com             hirokato.info

30. 5. 2020

TheaterArche: Mauer

November 27, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zähne zusammenbeißen bis sie zerbröseln

Ivana Veznikova, Bernhardt Jammernegg, Pegah Ghafari, Manami Okazaki, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak, Nagy Vilmos, Tom Jost und Eszter Hollosi. Bild: Jakub Kavin

Wo sie gewesen seien, als …? darüber berichten die Darsteller im Programmheft: von ihrem ersten Trip in den „Westen“, der ihnen so viel farbenprächtiger vorkam, als das triste Polen, von Freuden-, heißt: Freiheitstränen, vom Überwechseln aus Ungarn nach Wien – als Kind noch, mit der Mutter, Jacek Kaczmarskis Lied „Mury“ findet sich darin, und Gedanken über Barrieren, die Sprache, Seelenregung, oder ein scheint’s banales Straßen- hindernis sein können …

Anlässlich 30 Jahre Mauerfall zeigt Jakub Kavin in der TheaterArche seine Textcollage „Mauer“. Der Regisseur und Schauspieler ist selbst hinter einer solchen, genauer: hinter dem Eisernen Vorhang, geboren. Seine Eltern Nika Brettschneider und Ludvík Kavín waren Unterzeichner der Charta 77, der Sohn erzählt im Laufe der Aufführung noch davon. Wie er als Zweijähriger, da nun Staatsfeind, von der Staatspolizei aus dem Kindergarten geholt wurde, und wie die Familie das von Bruno Kreisky angebotene politische Asyl annahm.

„Mauer“, das sind Szenen aus dem Stück von Thyl Hanscho, erweitert um persönliche Erfahrungen. Gefängniswärter, Grenzsoldaten, Geflohene sind allgegenwärtig, wenn Kavin aus dem Off Václav Havel spricht, oder Bernhardt Jammernegg auf der Spielfläche Jürgen Fuchs, den nach West-Berlin abgeschobenen Schriftsteller, der die „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi mit dem Begriff „Auschwitz in den Seelen“ benannte. Uwe Tellkamp kommt zu Wort, Katja Lange-Müller, Antje Rávik Strubel, Robert Menasse. Elf Akteure, mit Kavin und Jammernegg Pegah Ghafari, Eszter Hollosi, Tom Jost, Nagy Vilmos, Manami Okazaki, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak, Christina Schmidl und Ivana Veznikova gestalten den Abend.

„Grenzsoldat“ Tom Jost und Eszter Hollosi. Bild: Jakub Kavin

Tai Chi mit Manami Okazaki und Pegah Ghafari. Bild: Jakub Kavin

Bernhardt Jammernegg und Eszter Hollosi. Bild: Jakub Kavin

In ihren Muttersprachen Deutsch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Farsi und Japanisch führen sie das Publikum durch die Vaterländer. Von Deutsch- und Deutschland bis nach den USA und Mexiko. Der „Arm des Gesetzes“ tritt auf und trifft, passend zur Jahreszeit, auf ein Ehepaar, die Frau hochschwanger, das erwartete Flüchtlingskind von Kavin allerdings mit dem Namen „Viktor“ versehen. „Kollektive Forschungsarbeit“ sagt das TheaterArche-Team über dies Projekt, mit dem es auf eindrucksvoll kreative Art eine Vielzahl von Lebens- und Leidensgeschichten verknüpft, ohne je in das Pathos zu entgleiten, und durchs diverse Ensemble auf die Erfahrungsverwandtschaft der Einzelschicksale verweisend.

Von Verwahrungszellen geht’s in innere Sperrgebiete, Intellektuelle werden Inhaftierte, Gewalt hinter verschlossenen Türen ist zu hören, Geräusche von Vernehmungen, und wenn Tom Jost mit dem Schlagstock im Takt klopft, dann weiß man, wo das Unheil lauert. Beobachtung, so eine Figur, als Mauerforscher und Mauertheoretiker wild diskutieren, ist immer Mitschuld. Und apropos, wild: So wird auch getanzt, Tai Chi steigert sich zum Kung Fu, zum Kampf zwischen dem Staat und denen, die in ihm untergebracht sind. Das alles unterstützt von Jost am Schlagzeug, Suwiczak mit der E-Gitarre und Jammernegg, der ein selbstverfasstes, von Wolf Biermanns „In China hinter der Mauer“ inspiriertes Lied singt.

Die Mauer und die, die  hinter ihr leben müssen: Ivana Veznikova, Eszter Hollosi, Nagy Vilmos und Bernhardt Jammernegg. Bild: Jakub Kavin

Bemerkenswert, bedrückend, beklemmend auch, ist die so entstehende Polyphonie. Die Rede kommt auf Gefahr und Gericht, den „Gegenstand“ Mensch und Massengräber in der Grenzregion. Nach dem Sterben in der Wüste wird das Licht meeresblau – man versteht, hier suchen andere in den Fängen von Schleppern Gestrandete das rettende Festland. Bis zu fünf Rollen hat jeder Spieler zu bewälti- gen, und sie tun das einpräg- sam und zu Jakub Kavins und Ausstatterin Erika Farinas effektvoll-abstrakten Bildern.

Die Absurditäten staatlicher Abschottung werden bloßgestellt, und Repressionen an den Pranger, albtraumhaft ein Moment, an dem davon gesprochen wird, wie Gefangene die Zähne zusammenbeißen. Bis zum Zerspringen. Bis sie zerbröseln. Diese „Mauer“ kann Horizonte öffnen. Die TheaterArche, dieses Jahr Nestroy-Preis-Nominee für „Anstoß – Ein Sportstück“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31865) und nach wie vor ohne Subvention agierend, empfiehlt sich auch mit der aktuellen Produktion. Zu sehen noch bis 3. Dezember.

www.theaterarche.at

  1. 11. 2019

TheaterArche: Das Programm der Saison 2019/20

Juli 20, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Crowdfunding für „MAUER“ und „HiKiKoMoRi“

MAUER: Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova. Bild: Jakub Kavin

Nach der fulminanten Eröffnungsproduktion „Anstoß – Ein Sportstück“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31865) im Jänner dieses Jahres hat sich das Team der TheaterArche für seine erste komplette Saison 2019/20 einiges vorgenommen. Geplant sind vier Eigenproduktionen, ein einwöchiges Festival und zahlreiche Gastspiele, wie zuletzt der gefeierte Čechov-Abend von Arturas Valudskis und seinem „Aggregat“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33317).

MAUER ist der Titel der ersten Eigenproduktion, die am 7. November – anlässlich des Falls der Berliner Mauer vor 30 Jahren – uraufgeführt wird. Jakub Kavin, künstlerischer Leiter der TheaterArche, hat die Textcollage nach einem Stück von Thyl Hanscho erdacht, und um autobiografische Berichte von Vaclav Havel, Schilderungen des Grenzsoldaten Jürgen Fuchs von der Grenze zwischen den USA und Mexiko, Erzählungen eines ehemaligen Auftragskillers, zahlreicher Flüchtender aus Lateinamerika sowie diversen anderen autobiografischen Erinnerungen ergänzt.

Proben zu MAUER: Regisseur Jakub Kavin mit Schauspieler Bernhardt Jammernegg. Bild: Jakub Kavin

Proben zu MAUER mit Andrea Novacescu und Maksymilian Suwiczak. Bild: Jakub Kavin

Wie stets wird die Inszenierung in kollektiver Forschungsarbeit entwickelt. Kavin: „Wir wollen die physischen wie psychologischen Mauern die Menschen umgeben, voneinander trennen, einsperren oder auch beschützen, untersuchen. Der Abend wird eine theatrale Reise rund um die Welt, vom ehemaligen Osteuropa, nach China, bis zur Mauer, die Donald Trump errichten möchte. Es geht also um Mauern einst und heute, in den Köpfen und in der Realität.“

Umgesetzt wird das Projekt von zehn Schauspielerinnen und Schauspielern, Eszter Hollosi, Bernhardt Jammernegg, Tom Jost, Jakub Kavin, Nagy Vilmos, Ivana Nikolic, Andrea Novacescu, Agnieszka Salamon, Maksymilian Suwiczak und Ivana Veznikova, in sechs Muttersprachen – Deutsch, Polnisch, Rumänisch, Serbisch, Tschechisch und Ungarisch. Die Musik kommt von Jammernegg, Jost und Suwiczak.

Für „MAUER“ läuft wieder ein Crowdfunding, wobei mehr als zwei Drittel bereits finanziert sind. Für die restlichen knapp 5000 Euro bleiben 37 Tage Zeit, um sich ein Premierenticket samt Sekt, ein Saison-Abo, eine Wohnzimmerlesung oder Schauspielunterricht zu gönnen – oder das Theater für einen Tag zu mieten.

Video: www.youtube.com/watch?v=fkG2C6GpWlE           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/mauer

Nach der österreichischen Erstaufführung von NITTEL – BLINDE NACHT, einem Drama von Simon Kronberg über ein Pogrom in der Weihnachtszeit 1941, am 19. Dezember in der Regie von Christoph Prückner, folgt am 19. März als nächste Eigenproduktion HIKIKOMORI, ein Theaterstück nach einer Idee von Jakub Kavin, ein „schizophrener Monolog“, geschrieben im dialogisch-schriftstellerischen Ping Pong von Sophie Reyer und Thyl Hanscho, den Koloratursopranistin und Schauspielerin Manami Okazaki (www.manami-okazaki.com) mit Klavier und Saxophon als Spielpartner performen wird.

Regisseur Kavin: „Auf unserer Forschungsreise nach Japan haben wir versucht, uns möglichst tiefgreifend mit dem Phänomen Hikikomori auseinanderzusetzen. Es ist ein Begriff für junge Menschen, die nach Schulverweigerung oder Arbeitsunfähigkeit viele Jahre zu Hause bleiben, ein Syndrom, ein Tabu, eine Volkskrankheit, die in Japan jeder kennt. Laut einer Studie haben sich in Japan 700.000 Menschen, die im Durchschnitt 33 Jahre alt sind, auf diese Weise zurückgezogen. Das bedeutet, es gibt heute bereits 50-Jährige, die seit 35 Jahren zu Hause eingesperrt sind, sich von ihren 80-jährigen Eltern das Essen vor die Tür stellen lassen und nie aus ihrem Zimmer kommen …“

Manami Okazaki performt „HiKiKoMoRi“. Bild: Jakub Kavin

Manami Okazaki wird den Angst- und Zwangsstörungen, Depressionen, Frustrationen, die diese Rückzugsbevölkerung plagen, mit ihrem Gesang, ihrer Sprache und ihren Instrumenten Ausdruck verleihen, wird vom überspannten Nichtstun zum unkoordinierten Alles-auf-einmal-Machen wechseln, vom Messi zum Putzteufel, von Mager- zu Fresssucht – bis die Absurditäten überhand nehmen …

Auch für diese Produktion, die im Mai kommenden Jahres nach Japan übersiedeln soll, läuft ein Crowdfunding – nur noch sechs Tage werden unter anderem Wohnzimmerkonzerte oder ein Geburtstagsständchen angeboten. Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=hXRz-mtt6UM           Crowdfunding: wemakeit.com/projects/hikikomori

Als vierte Eigenproduktion schließlich stehen im April/Mai entweder DIE SCHAMLOSEN – eine Textcollage von Nagy Vilmos mit Texten von Daniil Charms oder VERSUCHE EINES LEBENS – eine Stückentwicklung von Thyl Hanscho auf dem Programm. „Hier müssen wir noch aus produktionstechnischen Gründen, auf die finale Entscheidung warten, welches Stück schlussendlich im Frühjahr gespielt wird. Das andere Stück folgt dann im Herbst 2020“, so Kavin, der für den Jänner 2020, genauer: 13. bis 19., ein FESTIVAL DER VIELFALT verspricht: „Mit Tanztheater, diverser Musik, Clownerie und Kabarett bereiten wir eine bunte und internationale Woche vor. Dies Festival soll ein weiterer Schritt dazu sein, die TheaterArche als Haus für die vielfältige, spartenübergreifende Freie Wiener Szene zu etablieren“.

Womit die Sprache nun auf die Gastspiele kommt, von denen Kavin seinem Publikum vorerst drei ans Herz legen möchte: von 8. bis 12. Oktober „Blasted“ von Sarah Kane im englischen Original, eine Koproduktion Mental Eclipse Theatre House und Vienna Theatre Project, von 18. bis 20. Oktober „Yogur Piano“ von Gon Ramos aus Madrid und ergo auf Spanisch, und von 5. bis 8. Dezember das surreale Zirkustheater „Picknick For One“.

www.theaterarche.at

  1. 7. 2019

TheaterArche: Anstoß – Ein Sportstück

Februar 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

In jeder Hinsicht ein Kraftakt

Colin Kaepernick (Johannes Scherzer) verweigert das Singen der Hymne. Bild: © Jakub Kavin

Das Außergewöhnliche gestern war die persönliche Anwesenheit von Nicola Werdenigg, war es, die ehemalige Skirennläuferin auf der Spielfläche der neu gegründeten TheaterArche zu sehen, wo sie vom systematischen Macht- und vom sexuellen Missbrauch im ÖSV erzählt, von ihrer Vergewaltigung und ihrer Bulimie. Da erscheint Annemarie Moser-Pröll, das heißt: Schauspielerin Johanna König im feschen Dirndl, und widerspricht.

Gut is gangen, nix is gschehn, wie man ja sagt, und wie Johanna König sich aufpudelt, darüber muss man durchaus lachen. Und schon ist man bei Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler, der den Sport dereinst mit einem Shakespeare-Stück verglich, so tragisch wie komisch, allerdings spannender, da ungewissen Ausgangs. Das sind die beiden Pole, zwischen denen Jakub Kavin seine aktuelle Arbeit „Anstoß – Ein Sportstück“ auspendelt. Erst zu Beginn des Jahres hat sich dessen TheaterArche im vormaligen Theater Brett häuslich niedergelassen, jetzt diese Eröffnungsproduktion rund um die Tabuthemen des Massenphänomens und Identifikationsobjekts, von Doping zur Droge Alkohol zur Sucht nach Publicity, von psychischem Druck bis Depression, von erzwungenem Geschlechtsverkehr bis Homophobie. Kavin selbst führte Regie, hat auch aus aberhunderten Originalzitaten von Aktiven wie Funktionären, von Autoren wie Ödön von Horváth und David Foster Wallace den Text collagiert, und lässt diesen nun von 17 Akteurinnen und Akteuren performen.

Ein Kraftakt in jeder Hinsicht. Für die Darsteller, die allein oder in ausgefeilten Choreografien als Gruppe körperlich alles geben. Für das Publikum, über das drei Stunden lang Namedropping und Faktenlage prasselt. Für Kavin, der diesen Neustart ohne öffentliche Gelder stemmt, das Ganze getragen vom Enthusiasmus und vom selbstausbeuterischen Einsatz seiner Truppe. Die einmal mehr auf höchstem Niveau ihre Kunst zeigt. Jörg Bergen etwa wankt als dauertrunkener Fussballer Ulli Borowka durchs Aufwärmtraining der anderen, und macht später einen herrischen Peter Schröcksnadel. Nicolaas Buitenhuis spricht Sätze des schwulen Torschützen Thomas Hitzlsperger, Bernhardt Jammernegg legt als zynischer Unsympath Lance Armstrong schauspielerisch und auf dem Spinning-Rad eine Höchstleistung vor. Vom beinah Totenbett zum Doping ein einziger Überlebensbeweis.

Annemarie Moser-Pröll weiß von keinem sexuellen Missbrauch beim ÖSV: Johanna König. Bild: © Jakub Kavin

Zwischen Antike und Offenbach: Opernsängerin Manami Okazaki als Olympia. Bild: © Jakub Kavin

So wie der Radrennsportler seiner Physis alles abverlangt, so schildert Florian-Raphael Schwarz als Thomas Muster dessen harten Weg zurück nach dem Key-Biscayne-Autounfall, Johannes Scherzer als Robert Enke, wie er seinen aus der Depression nicht gefunden hat. Es sind Gänsehautmomente, wenn der Chor dem Torwart ein Spottlied singt, bevor dieser in den Tod geht. Berührend auch die Geschichte von Heidi Krieger, auf der Bühne umgesetzt von Maksymilian Suwiczak, der DDR-Kugelstoßerin, der das Staatsdoping, wie sie sagt, die geschlechtliche Identität genommen hat – und die heute als Andreas lebt. Oder – wieder Scherzer – als knieender NFL-Spieler Colin Kaepernick, den Donald Trump via Vidiwall wüst beschimpft. Auf dieser auch zu sehen, der spektakuläre Sturz von „Verausgabungsapparat“ Hermann Maier in Nagano. „Anstoß – Ein Sportstück“ ist immer wieder auch reinstes Dokutheater. Nagy Vilmos lässt als diverse Trainer Bonmots und markige Sprüche ab, Peter Matthias Lang als Shaolin-Mönch philosophische, Saskia Norman spielt Tonya Harding, Corinna Orbesz die Mixed-Martial-Arts-Fighterin Ronda Rousey, die Trumps Einwanderungspolitik öffentlich kritisierte.

Tabea Stummer spricht als Torhüterin Hope Solo über ihr schwieriges Elternhaus, Sarah Victoria Reiter trägt als Anna Veith mitten in der #MeToo-Debatte das Superfruits-Shirt eines Fruchtsaftherstellers … Mehr gibt es zu sehen und zu hören, als man auf einmal zu fassen vermag. Kavin, so scheint es, hat die Überforderung, die Überfrachtung zum Programm gemacht, man kann’s zwischen Zeitlupenspielzügen und der Haka der neuseeländischen Rugbymannschaft also nur sportlich nehmen, versuchen den roten Faden dieser Übung in freier Assoziation nicht zu verlieren, und wie die hier Dargestellten an und über die eigenen Grenzen gehen. Moderatorin Elisabeth Halikiopoulos hält die Aufführung von Aufstiegen bis tiefen Abstürzen, im Fall der Bergsteigerin Gela Allmann/Johanna König im Wortsinn von einer atemberaubend hohen Leiter, zusammen, bevor Koloratursopranistin Manami Okazaki, als sich gegen Technowummern stemmende Jacques-Offenbach’sche Olympia, auf die transhumanistische Zukunft des Sports und den nächsten Austragungsort der Olympischen Spiele, Tokio 2020, verweist.

Tonya Harding und Jeff: Saskia Norman und Florian-Raphael Schwarz. Bild: © Jakub Kavin

Anna Veith und Ulli Borowka: Sarah Victoria Reiter und Jörg Bergen. Bild: © Jakub Kavin

„Anstoß – Ein Sportstück“ ist ein lohnender, hochaktueller Theaterabend, eigentlich Work in progress, zumal nicht zwei davon gleich sein werden. An jedem ist nämlich ein anderer Gast eingeladen, um aus seiner Perspektive über dieses Spiegel- wie Zerrbild der Gesellschaft zu berichten. Am 22. Februar zum Beispiel wird es wieder Nicola Werdenigg sein, am 24. Februar der Autor Franzobel.

Jakub Kavin im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=31475

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=68&v=3Z1aY9ny0Nw

www.theaterarche.at

  1. 2. 2019