MAK: Show Off. Austrian Fashion Design

Februar 9, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mode von Gernreich bis Kronthaler und Kutoglu

Andreas Kronthaler for Viv. Westwood, Advertising Campaign, FW 18/19. © Juergen Teller

Ab 14. Februar wird das MAK zur Bühne für die heraus- ragendsten zeitgenössischen Modepositionen designed/ made in Austria. Als erste umfassende Großausstellung ihrer Art lädt „Show Off. Austrian Fashion Design“ auf multiplen Ebenen zur Auseinandersetzung mit österreichischer Mode im internationalen Kontext. Gast-Kuratorin Ulrike Tschabitzer-Handler inszeniert gemeinsam mit Gast-Co-Kurator Andreas Bergbaur und Brigitte Winkler als wissenschaftlicher

Beraterin eine außergewöhnliche Fashion-Zeitreise in spektakulärem Setting: Raumgreifende Installationen von Architekt Gregor Eichinger bilden den Rahmen für einen Parcours durch die österreichische Modeavantgarde von den 1980er-Jahren bis heute. Herzstück der Schau ist eine überdimensionale, sechseinhalb Meter hohe, leichte und offen strukturierte Skulptur im zentralen Raum der MAK-Ausstellungshalle. Begehbar auf mehreren Ebenen, erlaubt sie eine unmittelbare Begegnung mit etwa 250 Modeobjekten: Bekleidung, Schuhe, Taschen sowie Schmuck-Accessoires von etwa 60 Designerinnen und Designern. Die transparente Architektur lässt 360°-Einblicke auf die Exponate zu.

In diesem spektakulären Modeturm kontrastieren reduzierte Designs mit ausladenden Silhouetten, grellen Oberflächen oder experimentellen Techniken und Materialien. Konzeptionelle Ansätze und sozialkritische Manifeste stehen traditionellen und historischen Inspirationsquellen gegenüber. Erinnerungen an die Wiener Werkstätte, die österreichische Tradition der Tracht und das ästhetische Erbe von Adolf Loos treten in Dialog mit globalen Szenarien.

FATEEVA x POTF: Game 6. Sneaker, 2019. © Picture On The Fridge

Schella Kann, Lederoutfit, FW 92. © Rudi Molacek

Shooting für Demian, 1988. © Elfie Semotan

 

 

 

 

Revolutionäre Entwürfe von zwei der prägendsten Modeikonen bilden das Entrée zu diesem Zentrum der Ausstellung: Rudi Gernreich, Amerikaner österreichischer Herkunft, dessen Entwürfe aus Los Angeles Ende der 1970er-Jahre den weltweiten Zugang zur Mode revolutionierten, und Helmut Lang, in New York lebender Mode-Star und Künstler mit österreichischen Wurzeln, stehen als Vorbilder für das Potenzial der heimischen Modeszene.

Großflächige Prints von 34 Modefotografinnen und -fotografen lenken flankierend dazu den Blick auf die visuelle Ausdruckskultur von Mode. Viele der vertretenen Lichtbildner, darunter Elfie Semotan, Andreas H. Bitesnich, Jakob Lena Knebl, Lukas Gansterer oder Erwin Wurm, arbeiten im internationalen Kontext und haben dazu beigetragen, österreichisches Modedesign international zu verankern. Teilnehmende Designerinnen, Designer und Labels sind unter anderem Andreas Kronthaler, Atil Kutoglu, Lena Hoschek, Michel Mayer, Petar Petrov, Demian, Ludwig Reiter, Macchu Picchu, Marina Hoermanseder, Maximilian Rittler, Peter Pilotto, Thomas Kirchgrabner, Ute Ploier und Wendy&Jim.

Rund um diesen Kern der Ausstellung entfalten sich drei weitere Erzählstränge: Die eindrucksvolle Videoinstallation „talking heads“ holt mehr als 20 Persönlichkeiten – weibliche wie männliche, Model-Agenten, Stylisten, Journalisten und Organisatoren von Modeveranstaltungen – mitten ins Geschehen. In Interviews werfen sie einen kritischen Blick auf die heimische Modeszene und formulieren visionäre Perspektiven.

Maximilian Rittler, Rock Me Amadeus, 2019. Makeup Enzio Costa. Model Sieme, Visagemodelszürich. © Laura Knipsael

Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood, Advertising Campaign, FW 17/18. © Juergen Teller

AND_I, Triangle dress, RAW SS 20, 2019. © Felix Vratny

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Modeausbildung an der Universität für angewandte Kunst Wien gilt als eine der renommiertesten weltweit. Mit dem Schritt, Karl Lagerfeld als ersten international gefeierten Designer an die Angewandte zu holen, löste Rektor Oswald Oberhuber in den 1980er-Jahren einen radikalen Innovationsschub aus. Es folgten Stars wie unter anderem Jil Sander, Jean-Charles de Castelbajac, Vivienne Westwood, Helmut Lang, Raf Simons oder Lucy & Luke Meier. Herausragende Arbeiten aus 40 Jahren Modeausbildung an der Angewandten setzt eine Medien- installation der Projektionskünstlergruppe Lumine in Szene.

Auch die soziokulturellen Rahmenbedingungen und die Perzeption von österreichischer Mode lässt „Show Off. Austrian Fashion Design“ Revue passieren. Erste Ausgaben des Magazins WIENER, Sprachrohr der Avantgarde der 1980er-Jahre, sind ebenso vertreten wie die Magazine ahead, Flair, Diva oder Indie. Videos lassen legendäre Shows der U-Mode aufleben. Ein historischer Abriss zu Modeinitiativen und ein Einblick in das Archiv der Modeexpertin Brigitte Winkler erweitern den Blick auf die österreichische Modeszene.

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9. 2. 2020

MAK: Otto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne

November 20, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Hommage an den Designer des Dianabads

O. Prutscher: Apotheke „Zum goldenen Adler“, 1911. © Archivio Famiglia O. Prutscher, Mailand

Siebzig Jahre nach seinem Tod und zwanzig Jahre nach der letzten großen Ausstellung in Wien beleuchtet das MAK das Werk von Otto Prutscher neu. Die Ausstellung „Ootto Prutscher. Allgestalter der Wiener Moderne“ verdeutlicht ab 20. 11. die mannigfachen Rollen, die Prutscher als Architekt und Designer, Ausstellungsgestalter, Lehrer und Mitglied aller wichtigen Reformkunstbewegungen – von der Secession bis zur Wiener Werkstätte und dem Werkbund – für die Entwicklung der Wiener Moderne spielte.

Ausgewählte Beispiele aus seinem komplexen Œuvre dokumentieren seine jahrzehntelange einflussreiche Rolle als Entwerfer und Berater für die bedeutendsten Kunstgewerbefirmen seiner Zeit. Trotz seiner Schaffenskraft und Vielseitigkeit wurde das Werk des großen Kunstgewerblers und Architekten bis dato nicht entsprechend gewürdigt. Prutschers Vermächtnis umfasst unter anderem mehr als 50 Bauwerke, Villen, Wohnhäuser, Portale, etwa 50 Ausstellungen, die er künstlerisch und organisatorisch gestaltete oder mitgestaltete, circa 170 Einrichtungen, mehr als 300 Entwürfe von Einrichtungen sowie mehr als 200 Einzelmöbel und Garnituren. Eine großzügige Schenkung von 139 Entwürfen, Objekten in Silber, Glas und Keramik sowie Möbeln durch die Sammlerin Hermi Schedlmayer nimmt das MAK zum Anlass für diese Personale.

Der Wiener Jugendstil war die Wiege, in der Otto Prutscher heranwuchs und sich entwickelte. Zehn Jahre jünger als Josef Hoffmann und Adolf Loos, zählte Prutscher zur ersten Generation der Schüler an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von der Reform des Unterrichts im Sinne der Reformkunst unter der Direktion Felician von Myrbachs und von jungen Professoren wie Josef Hoffmann und Koloman Moser profitierten. Materialbeherrschung eignete sich Prutscher in der Kunsttischlerei seines Vaters Johann Prutscher sowie im Zuge einer Maurerlehre und einer Zimmermannspraxis an, die er in den Sommermonaten absolvierte.

Otto Prutscher in einem Sessel von Josef Zotti, 1913. Bild: Karl Ehn. © Archivio Famiglia Otto Prutscher, Mailand

O. Prutscher: Musterzimmer mit Lampen, Tapeten und Stoffen der Wr. Werkstätte, um 1910. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Nach der Aufnahme an der Wiener Kunstgewerbeschule 1897 belegte Prutscher einen Kurs für ornamentales Zeichnen bei Willibald Schulmeister und studierte später zwei Semester in Josef Hoffmanns Fachschule für Architektur. Anschließend belegte er zwei Semester bei Franz Matsch in der Klasse für Zeichnen und Malen. Der Unterricht beim secessionistischen Architekten Hoffmann und beim vormodernen Maler Matsch hinterließ Spuren: Prutschers Entwürfe und ausgeführte Werke weisen einerseits eine hohe zeichnerische Qualität auf, andererseits orientieren sie sich an den jeweils aktuellen Tendenzen der Architektur. Von 1903 bis 1907 war er Assistent an der k. k. graphischen Lehr- und Versuchsanstalt, ab 1908 Lehrer am k. k. Lehrmittel Bureau in Wien.

Ab 1907 wurde er für die Wiener Werkstätte aktiv. Sein Lehrer Josef Hoffmann schlug ihn 1909 erfolgreich als Professor an der k. k. Kunstgewerbeschule vor: Dort leitete er bis zu seiner Zwangspensionierung aufgrund der jüdischen Herkunft seiner Ehefrau im Jahr 1939 den offenen Entwurfszeichensaal für Gewerbetreibende. Prutschers Entwürfe wurden von mehr als 200 Unternehmen umgesetzt, allen voran von der Wiener Werkstätte und wichtigen Herstellerbetrieben wie Backhausen, Klinkosch, Augarten, Meyr’s Neffe, Schappel, Melzer & Neuhardt oder den Deutschen Werkstätten in Dresden. Für Thonet, Loetz Witwe und Wienerberger war er künstlerischer Berater.

Otto Prutscher: Interieur des Café Ronacher, Schottenring, Wien I., Wien, 1913. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

O. Prutscher: Warmwasserbeckenraum im Dianabad, Wien, 1913/14. Bild: © Archivio Famiglia O. P., Mailand

Die Ausstellung bietet mit etwa 200 Entwürfen aus dem Otto-Prutscher-Nachlass im MAK, der Sammlung Schedlmayer und dem Familienarchiv Otto Prutschers in Mailand sowie ausgeführten Objekten und Möbeln aus den Sammlungen des MAK und der Familie Schedlmayer sowie von privaten Leihgebern einen Überblick über das Werk des „ Allgestalters“. Viele der Entwürfe – auch für Objekte im Besitz des MAK – werden erstmals gezeigt und konnten bei Recherchen im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen im Familienarchiv Otto Prutschers, das im Besitz seiner Enkelin Beba Restelli steht, in Mailand identifiziert werden. Highlight der Präsentation ist die von Otto Prutscher entworfene Vitrine für den„Raum für einen Kunstliebhaber“ aus der Wiener Kunstschau 1908, die dem MAK von Hermi Schedlmayer geschenkt wurde.

Die MAK-Bibliothek und Kunstblättersammlung verfügt über etwa 1200 Grafiken, Zeichnungen, Pläne, Entwürfe und Fotografien, von Prutscher und damit den größten grafischen Bestand seiner Werke in einer öffentlichen Sammlung. Die ersten 18 Blätter gelangten 1955 im Zuge der Übergabe des Archivs der Wiener Werkstätte in die MAK-Sammlung. Der erste umfangreiche Teilnachlass wurde dem MAK 1979/80 dank der Initiative seiner in Italien lebenden Töchter Helly de Kuyser Prutscher und Ilse Restelli-Prutscher als Donation überlassen. 2018 vervollständigte die jüngste Schenkung durch Hermi Schedlmayer den Otto-Prutscher-Bestand im MAK.

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20. 11. 2019

MAK: „Sitzen 69“ Revisited

November 12, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Tischlersessel vs. Designklassiker

Verner Panton: Panton Chair, Kopenhagen, 1967. © MAK/Georg Mayer

Bunte, poppige Möbel und Design-Ikonen wie den Panton Chair von Werner Panton oder den Fauteuil Galaxy von Walter Pichler stellt das MAK ab 13. November in der Ausstellung „Sitzen 69“ Revisited traditionellen hochwertigen „Tischlersesseln“ gegenüber. 1969 präsentierte das Österreichische Museum für angewandte Kunst in der Möbelausstellung „Sitzen 69“ gediegene „Tischlersessel“ aus Skandinavien, Italien, Deutschland und Österreich. Sitzgelegenheiten, die heute für die Epoche charakteristisch sind, fehlten damals allerdings.

Zum 50-Jahr-Jubiläum dieser Ausstellung greift das MAK das Thema nochmal auf und vergleicht die aus Holz und in Handarbeit von Tischlern gefertigten Sessel mit verspielten und verrückten Möbelobjekten, die zum Inbegriff der alternativen und utopischen Wohnkonzepte der 1960er-Jahre wurden. Mit etwa 45 Objekten bietet die Schau in der MAK-Schausammlung Historismus Jugendstil einen Einblick in die zeitgenössische Konsumgüterproduktion der 1960er-Jahre.

Die Ausstellung „Sitzen 69“ war nicht darauf angelegt, einen Überblick über die neuesten Tendenzen des internationalen Gegenwartsdesigns zu geben. Entsprechend den Statuten des Museums wollte sie der Aufgabe nachkommen, „Kunstindustrie und Kunstgewerbe zu fördern und den Geschmack der Zeitgenossen zu bilden“, wie dies im begleitenden Ausstellungskatalog formuliert wurde.

Josef Frank: Armlehnsessel, Wien, 1933. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Wolfgang J. Haipl: Sessel, Wien, 1963. Bild: © MAK/Georg Mayer

Franz Schuster: Armlehnsessel, Nr. 1652, Wien, 1952. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Als vorbildlich wurde dabei vor allem das skandinavische Design erachtet, das in der Nachkriegszeit zum Inbegriff der „guten Form“ avancierte. Möbelentwürfe aus Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen von Designern wie Alvar Aalto, Finn Juhl, Ole Wanscher oder Hans Wegner waren durch eine pragmatische Schlichtheit charakterisiert. Die damalige Ausstellung stellte auch Querverweise zu österreichischen Entwürfen her, speziell zur Wiener Möbeltradition. In „Sitzen 69“ waren unter anderem auch von Josef Frank entworfene und von der Wiener Firma Haus & Garten ausgeführte Sessel zu sehen, die noch aus der Zeit um 1930 stammten. Frank war zweifellos der bedeutendste österreichische Möbeldesigner und Raumgestalter der Zwischenkriegszeit; im Ausstellungskatalog wurde er als „Begründer des damaligen ‚neuen Wiener Stils‘“ genannt.

Joe Colombo: Armlehnsessel, Italien, 1963. Bild: © MAK/Nathan Murrell

Pierre Paulin: Tongue, Frankreich, 1967. Bild: © MAK/Georg Mayer

Walter Pichler: Fauteuil Galaxy, Wien, 1966. Bild: © MAK/Georg Mayer

 

 

 

 

 

„Sitzen 69“ war als Plädoyer zu verstehen, entsprechend dem international anerkannten Vorbild der skandinavischen Länder an die eigene Tradition der hervorragenden Wiener Möbelentwürfe der ersten Jahrhunderthälfte anzuknüpfen. Zugleich war damit programmatisch der Anspruch formuliert, sich nicht dem Diktat von Mode und Zeitstil zu beugen. In den 1960er-Jahren entstand unter dem Einfluss der Pop Art und des Raumfahrtzeitalters innovatives Design im Möbelbereich, darunter viele Entwürfe, die heute als „Designklassiker“ gelten, wie der Sacco der italienischen Designer Piero Gatti, Cesare Paolini und Franco Teodoro oder das Sitzobjekt Tongue des französischen Designers Pierre Paulin. Mit ikonischen Beispielen erweitert die Ausstellung „Sitzen 69“ Revisited den in „Sitzen 69“ intendierten Blick auf die Sitzgelegenheiten der 1960er-Jahre.

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12. 11. 2019

MAK: Chinese Whispers

Januar 29, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ost interpretiert West

Ai Weiwei: Descending Light with A Missing Circle, 2017. © Ai Weiwei, Bild: Bruno Bühlmann, Foto Jung, Sursee/Schweiz

Ein umfassendes Bild chinesischer Gegenwartskunst präsentiert ab 30. Jänner die MAK-Ausstellung „Chinese Whispers. Neue Kunst aus der Sigg Collection“. Der Sammler Uli Sigg verfolgt seit Ende der 1970er-Jahre die Entwicklung zeitgenössischer Kunst in China und begann Mitte der 1990er-Jahre die weltweit repräsentativste Sammlung chinesischer Kunst aufzubauen. Die  Schau zeigt Arbeiten von international renommierten Künstlerinnen und Künstlern.

Darunter Ai Weiwei, Cao Fei, Feng Mengbo, He Xiangyu, Liu Ding oder Song Dong. Als Wirtschaftsjournalist, Unternehmer und Schweizer Botschafter in China, Nordkorea und der Mongolei hatte Sigg die Möglichkeit, hinter die Kulissen der enormen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu blicken, die – wie Chinas Vision einer Neuen Seidenstraße zeigt – der Tradition und der Zukunft verschrieben sind. Sigg förderte auch zahlreiche Karrieren wie jene von Ai Weiwei. „Chinese Whispers“  konzentriert sich auf Objekte der Privatsammlung. Mit Techniken wie Kalligrafie, Malerei, Fotografie, Skulptur, Installation und Video eröffnen die gezeigten Arbeiten ein breites Spektrum von traditionell analog bis zu digital produzierten Werken.

Die chinesische Gegenwartskunst ist ein Phänomen ohne Parallele. Auch nach der Kulturrevolution bleiben die Einflüsse des Sozialistischen Realismus und die Einschränkungen durch die Zensur spürbar. Dennoch erlebte zeitgenössische Kunst in China nach der zunehmenden politischen Öffnung in den 1980er-Jahren eine einschneidende Richtungsänderung. In kürzester Zeit griff eine neue Generation chinesischer Künstler moderne Strömungen des Westens auf. Die Inhalte lesen sich oft als Reaktion auf die politische und gesellschaftliche Situation der Zeit. Wang Xingwei etwa wählt im Gemälde „My Beautiful Life“eine Bildkomposition, die auf Edvard Munchs ikonengleiches Bild „Der Schrei“ verweist. Der Einsamkeit des Malers in Munchs Selbstbildnis stellt Wang Xingwei ein kontemplatives Porträt eines Paares auf einer Brücke gegenüber, dessen Blicke in einer Landschaft verebben, die durch Versatzstücke des modernen Konsums und des Fortschritts kontrastiert ist.

Wang Xingwei: My Beautiful Life, 1993–1995. Courtesy Sigg Collection. Bild:  © Wang Xingwei

He Xiangyu: The Death of Marat, 2011. Courtesy Sigg Collection. © He Xiangyu, Bild: Yangwei Photo Studio

Ai Weiwei untersucht die Grenze zwischen bildender Kunst und Design im Spiegel der Geschichte, wie in der eigens von der Sigg Collection beauftragten Installation „Descending Light with A Missing Circle“. Ein auf den Boden gestürzter monumentaler Luster aus roten Kristallperlen verweist auf den Verfall der modernen Gesellschaft. Die Farbe Rot, die in China traditionell das Glück in seinen spannungsreichen Facetten symbolisierte, wurde im 20. Jahrhundert durch die Ideologie des Kommunismus zur Farbe der Revolution, des Fortschritts und der politischen Macht.

Als ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit dem Kulturtransfer zwischen Ost und West ist in der Ausstellung das Werk „The Death of Marat“ des Künstlers He Xiangyu zu sehen. Die Arbeit zeigt eine Szene mit Ai Weiwei und bezieht sich auf das gleichnamige Gemälde von Jacques-Louis David, eine Ikone der Französischen Revolution. Die Idee dazu entwickelte Xiangyu, als Ai Weiwei in China im Gefängnis war und gleichzeitig ein Staatsbesuch des damaligen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Deutschland stattfand. In der MAK-Ausstellung treten die Arbeiten der Sigg Collection in Dialog mit historischen Objekten aus China aus der MAK-Sammlung Asien.

Seit seiner Gründung mehr als 150 Jahren setzt das MAK einen musealen Schwerpunkt auf asiatisches Kunstgewerbe aus China, Japan und Korea. Bereits um 1900 konnte das Museum die Höhepunkte asiatischer Kulturen dokumentieren, ein Großteil des Sammlungsbestands des unter wirtschaftspolitischen Vorzeichen gegründeten Handelsmuseums kam 1907 an das heutige MAK. Die mehr als 25.000 Objekte umfassende Sammlung zählt zu den bedeutendsten in Europa und schafft somit eine besondere Plattform für die Präsentation der Sigg Collection.

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29. 1. 2019

MAK – Sagmeister & Walsh: Beauty

Oktober 20, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Multimediales Plädoyer für die Lust am Schönen

Sagmeister & Walsh: Yes!, Unterführung, Brooklyn-Queens Expressway, 2016. Bild: © Maggie Winters Gaudaen for Pop! Wed Co.

Mit ihrem faszinierenden Ausstellungsprojekt „Beauty“, zu sehen ab 24. Oktober im MAK,  liefern Stefan Sagmeister und Jessica Walsh ein multimediales, höchst sinnliches Plädoyer für die Lust am Schönen. Nahezu im gesamten 20. und 21. Jahrhundert war und ist Schönheit im Designdiskurs eher negativ besetzt. Dieser Antipathie setzen Sagmeister & Walsh beeindruckende Argumente entgegen und machen Schönheit als einen zentralen, funktionalen Aspekt ansprechender Gestaltung erlebbar.

Die das gesamte MAK am Stubenring durchflutende Schau spielt mit allen Sinnen der Besucher und zeigt deutlich auf: Schönheit ist mehr als eine rein oberflächliche Strategie. Ein Mix aus eigens für Wien produzierten Installationen und Beispielen aus Produktdesign, Stadtplanung, Architektur und Grafikdesign animiert in der Säulenhalle, im Design Labor, in der Galerie, im Kunstblättersaal und in der Schausammlung Gegenwartskunst zum Sehen, Riechen und Fühlen. Unterstützt von Erkenntnissen aus der psychologischen Ästhetik treten Sagmeister & Walsh den Beweis an, dass schön gestaltete Arbeiten die menschliche Wahrnehmung stimulieren.

Als ein Herzstück der Ausstellung spielt der gemeinsam mit Swarovski gestaltete „Sensory Room“ mit allen Sinnen der Besucher. Tausende Swarovski-Kristalle funkeln in einem von Sagmeister & Walsh entworfenen Ornament und verleihen dem Raum einen besonderen Zauber. Im Inneren treffen die Besucher – in Nebel gehüllt – auf ständig wechselnde Farben des Sonnenuntergangs. Als „schön“ empfundene Gerüche wie Zitrusduft und ein Klangteppich von Gesängen des Malaysischen Sumpffrosches ermöglichen ein unvergleichliches Erleben von Schönheit. Wer diesen Raum der Ausstellung verlässt, fühlt sich wohl und gut.

MAK-Ausstellungsansicht: Sagmeister & Walsh: Beauty (Rendering), 2018. Bild: © Sagmeister & Walsh, New York; MAK/Mona Heiß

MAK-Ausstellungsansicht Sagmeister & Walsh: Beauty (Rendering), 2018. Bild: © Sagmeister & Walsh, New York; MAK/Mona Heiß

Der spektakuläre, mit Projektionen bespielte Nebelvorhang „Fog Screen“ inszeniert den MAK-Haupteingang und führt schon beim Betreten des Museums zur zentralen Frage: „Was ist Schönheit?“. Die von unzähligen Philosophen und Wissenschaftlern diskutierte Frage, was Schönheit ausmacht, beantworten Sagmeister & Walsh mit Fakten: Schönes wirkt unmittelbar auf die Dopaminrezeptoren und auf das Empfinden, somit kann schöne Gestaltung als zweckmäßig verstanden werden.

Ein auf eine Großleinwand projizierter Vogelschwarm, der sich in seiner Dichte und Geschwindigkeit von den Betrachtern kontrollieren lässt, belegt, dass ausbalancierte Muster tendenziell bevorzugt werden. Das ästhetische Empfinden ist weniger subjektiv als gemeinhin angenommen.  Einmal mehr laden Sagmeister & Walsh hier zur Interaktion: Die Eintrittskarte ist mit geprägten Münzen versehen, die auch zum Abstimmen über Lieblingsformen eingesetzt werden können.

Um Farbwahrnehmung geht es in „The Color Room“. Der mit intensiven, blau-rosafarbenen Mustern überzogene Raum wird regelmäßig mit einem speziellen Licht beleuchtet, das bestimmte Farbtöne grau erscheinen lässt. Farbigkeit wird gemeinhin als schöner empfunden. Schönheit hat das Potenzial, die Welt zu verbessern. Unter anderem zeigt die Installation „From Garbage to Functional Beauty“, wie der unkonventionelle französische Designer Thierry Jeannot gemeinsam mit mexikanischen Müllsammlerinnen einen wunderschönen Kronleuchter aus Plastikmüll schafft. „Beauty“ schließt mit einem von Sagmeister & Walsh kuratierten „Schönheitsarchiv“ mit den formal schönsten Exponaten des MAK: ein Best-of von museal als schön bewerteten Objekten.

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20. 10. 2018