MAK: Wiedereröffnung mit drei neuen Ausstellungen

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Erwin Wurm und die Frauen der Wiener Werkstätte

MAK-Ausstellungsansicht, 2021. Erwin Wurm. Dissolution. MAK-Expositur Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

Ab sofort ist das MAK wieder geöffnet. Der Museumsbetrieb startet mit der Ausstellung „Breathe Earth Collectiv“ in der Creative Climate Care Galerie. Außerdem ist die Großausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte“ zu sehen, die mit mehr als 800 Exponaten einen Einblick in das nahezu unbekannte und bisweilen radikale weibliche Design der WW ermöglicht. In der MAK-Expositur Geymüllerschlössel wird ab heute die Ausstellung „Erwin Wurm. Dissolution“ gezeigt.

Erwin Wurm. Dissolution

Das MAK lädt mit Erwin Wurm einen der international bedeutendsten Künstler der Gegenwart in die MAKExpositur Geymüllerschlössel ein. Unter dem Titel „Dissolution“ präsentiert Wurm in einer dramaturgischen Anordnung erstmals Skulpturen der gleichnamigen Serie von 2018 bis 2020 im musealen Kontext. Die plastische Masse aus Ton formte Wurm zu deutenden Händen, Mündern, Ohren oder anderen Fragmenten von Körperteilen, die mit den Sinnen Tasten, Hören, Riechen, Schmecken assoziiertwerden.

Die englische Bezeichnung „Dissolution“ bedeutet Auflösung, Verfall, Zersetzung oder Entgrenzung. Mit seiner gleichnamigen Serie öffnet Erwin Wurm einen Dialog zwischen einem fragilen, soziopolitisch konnotierten Material, zeitgenössischer Skulpturensprache und der Neuinterpretation des Malerischen durch oszillierende keramische Lasuren. Die Skulpturen, aus denen sich Finger, Hände, Lippen, Münder, Busen, Bäuche, Nabel, Nasen oder Ohren schieben, schrauben sich aus einer Masse von Ton. Die experimentellen, surrealen Gebilde aus isolierten Körperteilen und Sinnesorganen gewinnen ein Eigenleben, entwickeln eine expressive Präsenz.

MAK-Ausstellungsansicht, 2021. Erwin Wurm. Dissolution. MAK-Expositur Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

V.l.n.r.: Ear Pointer, 2018. Double Ear Head, 2018. Courtesy Thaddaeus Ropac.  Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

V.l.n.r.: Peace Cautious, 2018, Female, 2020. Courtesy Thaddaeus Ropac. Geymüllerschlössel. © Bildrecht, Wien 2021. Bild: Aslan Kudrnofsky/MAK

Die keramischen Skulpturen bejahen das inhärent Plastische des Materials Ton. Sie erinnern an die Wirkmächtigkeit der Bozzetti, in denen Künstler ab der Renaissance ihren innersten Ideen der Gestaltung direkten Ausdruck verleihen konnten. Bozzetti waren erste skizzenhafte Modelle, die als Vorstufen für Werke genutzt wurden, die in schwieriger zu bearbeitenden Materialien ausgeführt wurden. Maler nutzten Bozzetti in Ton oder Gips für das Studium von Lichteinfall und Schattenwurf in ihren Gemälden und stellten sie auf miniaturhafte Bühnen. Bildhauer bereiteten ihre Werke in Stein und Keramik im Bozzetto aus Ton selbst vor. Bozzetti enthüllen die künstlerische Konzeption des Werkes, dessen „Idea“ und stehen für die Autonomisierung der Kreativität von Künstlerinnen und Künstlern.

Erwin Wurms skulpturale Körpersegmente nehmen die einzelnen Räume und Salons des Geymüllerschlössels von der Eingangshalle, der Bibliothek, dem Musikzimmer, dem Kuppelsaal, dem Schlafzimmer bis zum Orientzimmer ein und schaffen Tableaux vivants. Die Arbeiten, die an abstrakte Charaktere denken lassen, spiegeln Dekonstruktionen, Deformationen, Verzerrungen, Verdrehungen sowie Auflösung und Verfall wider. In den Formen verbindet der Künstler Realismus und Abstraktion. Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine Inszenierung aus facettenreichen Gesten eines imaginären Rollenspiels, bei denen die abstrakten skulpturalen Formen figurative, menschliche Züge annehmen. In seinem Œuvre verbindet Erwin Wurm unterschiedliche Genres und überrascht mit der Vernetzung der malerischen Geste, der Bildhauerei, der Konzeptkunst, der Performance und der Erzählung. Gleichzeitig überzeichnet er die Funktionalität und Symbolhaftigkeit von Objekten.

Wurm testet die konzeptuellen Grenzen der skulpturalen Form und ihrer Materialien. Staub, den er als Werkstoff einsetzt, impliziert das Moment der Zeit, Kleidung als zweite Haut oder Gehäuse erklärt er zu skulpturalen Körpern, deren Proportionen er erweitert oder verzerrt. Wurm schreibt die Funktionen von Möbelstücken neu und pflanzt Versatzstücke derKonsumkultur einer surreal kippenden Welt – das Auto, das Haus oder Samples österreichischer Esskultur – als Skulpturen. Im Garten des Schlössels laden Erwin Wurms massive Skulpturen aus Carrara-Marmor als Diwane quasi zum Sitzen ein. Die eingedrückten oder gequetschten Skulpturen „Sitting on Freud’s House“ aus dem Jahr 2020 und „Sitting on Friedrich Nietzsche“, ebenfalls 2020 entstanden, spannen einen weiten Bogen zur Rolle des Künstlers, die Welt kritisch zu beleuchten und zu verzerren.

Charlotte Billwiller, Mathilde Flögl, Susi Singer, Marianne Leisching und Maria Likarz, Fotografie, 1924. © MAK

Fritzi Löw und Hedwig Schmidl, Dekorobjekte für die Kunstschau 1920 (Fotografie). © MAK

Die Frauen der Wiener Werkstätte

Mit der Ausstellung „Die Frauen der Wiener Werkstätte lenkt das MAK den Blick auf bisher wenig beachtete Gestalterinnen, die das Spektrum der Wiener Werkstätte wesentlich erweitert haben. Das Schaffen der Künstler der Wiener Werkstätte, allen voran Josef Hoffmann, Koloman Moser und Dagobert Peche, genießt weltweites Renommee. Den Künstlerinnen galt dagegen bisher nur vereinzeltes Interesse. Gudrun Baudisch, Mathilde Flögl oder Vally Wieselthier sind bekannt. Aber wer waren Martha Alber, Rose Krenn oder Anny Wirth? Mehr als 800 Exponate geben Einblick in das nahezu unbekannte und bisweilen radikale weibliche Design in Wien zwischen 1900 und 1930, das die einzigartige Stellung der WW zwischen Jugendstil und Bauhaus mitbegründet hat.

Eindrucksvoll belegt die MAK-Ausstellung den Ideenreichtum der Entwerferinnen und ihre maßgebliche Beteiligung an der Entwicklung des Wiener Kunsthandwerks. Chronologisch wie thematisch geordnet, zeichnet die MAK-Schau den Weg der Künstlerinnen von der Ausbildung bis zur Rezeption in den 1920er Jahren nach. Mit den Recherchen zur Schau leistete das MAK Pionierarbeit: Etwa 180 Künstlerinnen wurden als Mitarbeiterinnen der WW identifiziert, etliche Biografien konnten für den Katalog aktualisiert oder neu geschrieben werden.

Etwa die Hälfte der Künstlerinnen sind mit Werken in der Schau vertreten. Sie arbeiteten auf allen Gebieten des Kunsthandwerks und studierten mehrheitlich an der Wiener Kunstgewerbeschule, die von Anbeginn das Frauenstudium erlaubte. Die Studentinnen wurden zunächst in Blumen– und Dekorationsmalerei ausgebildet, später in den Spezialateliers für Emailarbeiten und Spitzenzeichnen, also in traditionell „weiblichen“ Bereichen. Das Spektrum vergrößerte sich unter dem 1899 bestellten Direktor Felician von Myrbach. Er verpflichtete die Secessionskünstler Hoffmann und Moser als Leiter der Fachschulen für Architektur und Malerei. Im Sinne der Gesamtkunstwerk-Idee weiteten sie die Lehre auf das gesamte Kunstgewerbe aus und banden die Schülerinnen in die Zusammenarbeit mit Produzenten ein.

Einige dieser Arbeiten fließen in die Ausstellung ein, darunter Service von Jutta Sika und Therese Trethan, ausgeführt von der Porzellanmanufaktur Josef Böck, oder Stoffmuster von Else Unger, ausgeführt von Joh. Backhausen & Söhne. Unger entwarf auch Möbel, Gisela von Falke bemerkenswerte Keramiken. Gemeinsam mit Marietta Peyfuss und fünf Studienkollegen gründeten sie 1901 die Vereinigung „Wiener Kunst im Hause“, einen direkten Vorläufer der Wiener Werkstätte. Den Auftakt der MAK-Ausstellung bilden früheste Arbeiten der WW-Künstlerinnen wie Entwürfe für Postkarten, die die Wiener Werkstätte ab 1907 vertrieb. Die Sujets zeigen Glückwünsche, Städtebilder, Landschaften, Kinderspiele und vor allem Mode. Besonders kreativ waren hier Mela Koehler und Maria Likarz, die die Gebrauchsgrafik der WW bis zuletzt prägte.

Mathilde Flögl (Dekor) und Josef Hoffmann (Form), Exglas, 1919. © MAK/Katrin Wißkirchen

Vally Wieselthier, Kaminverkleidung, um 1925. © MAK/Christoph Schleßmann

Gudrun Baudisch, Keramikfigur (WW-Originalkeramik Nr. 5941), 1927. © MAK/Katrin Wißkirchen

1910 entstand die Stoffabteilung der WW, 1911 folgte die Modeabteilung. Die umfangreichen Modeentwürfe dokumentiert das Mappenwerk „Mode Wien 1914/5“, an dem mehrheitlich WW-Künstlerinnen beteiligt waren. Bei der großen Modeausstellung 1915 im Museum für Kunst und Industrie, heute das MAK unternahmen sie mitten im Ersten Weltkrieg den Versuch, sich gegenüber der französischen Konkurrenz zu behaupten. Hier fanden sich bereits alle Namen, die man gemeinhin mit den WW-Künstlerinnen verbindet: Mathilde Flögl, Hilda Jesser, Fritzi Löw, Reni Schaschl, Felice Rix oder Vally Wieselthier. 1916 gründete die WW eine eigene Künstlerwerkstätte, die die Aufmerksamkeit der Presse erregte. „Ein Emaillierofen, eine Nähmaschine, ein Treibtischchen für Metallarbeiten, Kleistertöpfe, ein Batikapparat […] ein Schrank voll von geheimnisvollen Tiegeln wie in einer Zauberküche, dazwischen eine Schar lachender, junger Mädchen und ganz selten einmal ein männliches Wesen, – so sieht es in der Künstlerwerkstätte aus“, berichtete etwa das Neue Wiener Journal.

Tatsächlich waren hier, auch kriegsbedingt, anfänglich vor allem Frauen tätig. Als „Ideenlaboratorium“ bot die Künstlerwerkstätte Möglichkeiten zum uneingeschränkten Experimentieren, die Ergebnisse wurden von der WW angekauft oder abgelehnt. Von Buntpapieren, Perlarbeiten und bemalten Gläsern über Stickereien, Schmuck und Spielzeug bis zu expressiver Keramik und sensationellen Stoffdesigns reichte das Produktionsspektrum. Arbeiten in größerem Maßstab ermöglichte die Gestaltung der WW-Filiale in der Kärntner Straße 32, die 1918 für den Verkauf von Spitzen, Stoffen und Lampen eingerichtet wurde. Die Wände und Decken wurden von Lotte Calm, Lilly Jacobsen und Anny Schröder mit Natur- und szenischen Motiven bemalt und werden in der Ausstellung fotografisch dokumentiert.

Der Ausstellungsparcours mündet in die Rezeption der „weiblichen“ WW-Kunst in den 1920er Jahren. Im Zuge des Ersten Weltkriegs erforderte die wirtschaftliche Situation der Frauen Erwerbstätigkeit und ließ einen neuen Typus Frau entstehen: eigenständig und souverän. In der zeitgenössischen Literatur wird er durch die kurzhaarige, rauchende und extravagant gekleidete „Kunstgewerblerin“ versinnbildlicht. Diesen Beruf umgab etwas Elitäres: Er garantierte keinen sicherenVerdienst und war daher eine Domäne für Frauen aus begüterten Verhältnissen. Adolf Loos sah in ihnen gelangweilte höhere Töchter, die sich „‚Künstlerinnen‘ nennen, weil sie batiken können“. Die Kritik kulminierte in der Bezeichnung „Wiener Weiberkunstgewerbe“ durch den Grafiker Julius Klinger.

Dieser Diffamierung stand die Würdigung bei großen Ausstellungen der Zwischenkriegszeit, etwa der Deutschen Gewerbeschau in München 1922 oder der Art-déco-Ausstellung in Paris 1925, gegenüber. Der von Gudrun Baudisch, Mathilde Flögl und Vally Wieselthier gestaltete Katalog zum 25-Jahr-Jubiläum der Wiener Werkstätte 1928 führte das grafische und plastische Können noch einmal beispielhaft vor Augen.

Aerosol Installation, Ausstellung Dynamics of Air, RMIT Gallery, Melbourne, 2018. © Mark Ashkanasy

Breathe Earth Collective, Airship.01-Kulturwald, Tulln, 2018. © eSeL

Airship.02-Evapotree im Öster. Skulpturenpark, Artist-in-Residence-Programm des Joanneum. © Simon Oberhofer

Breathe Earth Collective, Breathe.Austria, Österreichischer Expo-Pavillon, Mailand, 2015. © Breathe Earth Collective

Breathe Earth Collective. Klima-Kultur

Die Ausstellung „Breathe Earth Collective. KlimaKultur“ in der Creative Climate Care Galerie des MAK stellt Prinzipien einer neuen, vom transdisziplinären Breathe Earth Collective entworfenen Klimakultur vor. GezeichneteVisionen, atmosphärische Videoaufnahmen und Bildmaterialien von bisherigen Projekten machen ein klimapositives Leben sichtbar. Das MAKProjekt steht in direktem Bezug zum Grazer Kulturjahr, wo das Breathe Earth Collective den KlimaKulturPavillon, einen Prototyp zur Kühlung der Stadt Graz, umsetzt. Der Waldpavillon schafft einen multisensorischen Erfahrungsraum und fungiert als Agora für einen vielfältigen Diskurs zu Klimathemen. Mittels VideoLiveSchaltung werden die Waldatmosphäre und die Aktivitäten vor Ort im MAK sichtbar gemacht und aktiver Teil der Ausstellung.

Das Breathe Earth Collective entwickelte schon bisher diverse prototypische Klimaund Luftinstallationen, die als Inspiration und 1:1Modelle für großmaßstäbliche Transformationen in den Städten dienen sollen. Im Rahmen der MAKSchau werden erstmals konkrete Transformationen und Visionen im urbanen Kontext von Wien präsentiert. Dabei werden bauliche und systemische Veränderungen an Stadt und Raum mit alltäglichen Praktiken vernetzt. Die Visionen sind damit weit mehr als Utopien in einer unerreichbaren Zukunft. Sie beginnen im Jetzt mit jeder Entscheidung, Klimakultur Raum und Zeit zu geben und im Rahmen alltäglicher Handlungen mitzutragen.

„Es bringt nichts, ständig über Zukunft zu sprechen, wir müssen sie jetzt bereits gestalten,um bis 2030 auch nur annähernd unsere Klimaziele zu erreichen! Bevorstehende Veränderungen gesetzlicher Rahmenbedingungen oder planetare Grenzen spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Vielzahl an bereits aktiven Initiativen, Institutionen und Einzelpersonen, die mit allen Kräften an einem KlimakulturWandel arbeiten“, so das Breathe Earth Collective. Die Ausstellung will jede und jeden einladen, Teil bevorstehender Transformationen zu werden und mitzuwirken. Begleitend zur Aus-stellung startet im MAK eine KlimaKulturDiskussionsreihe, die im KlimaKulturPavillon in Graz weitergeführt wird. Die Links zur KlimaKulturDiskussionsreihe im Rahmen von MAK im Dialog und alle weiteren Programmpunkte können direkt über MAK.at/breatheearthcollective abgerufen werden.

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8. 5. 2021

Lilli Hollein wird die neue MAK-Chefin

April 26, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Designexpertin folgt auf Christoph Thun-Hohenstein

Lilli Hollein. Bild: © BMKÖS/HBF/Karlovits

Lilli Hollein wird mit 1. September Generaldirektorin und wissenschaftliche Geschäftsführerin des Museums für angewandte Kunst Wien. Das gab Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer am Montagvormittag bekannt. Die 48-jährige Designexpertin war als Favoritin für die Nachfolge von Christoph Thun-Hohenstein genannt worden, dessen zweite Amtsperiode Ende August ausläuft.

Hollein hat „einerseits durch das breite Spektrum an Themen überzeugt und andererseits durch ihre klaren Ideen zur Öffnung des Hauses. Sie verfügt über die nötige Kompetenz, viel Erfahrung, Lebensfreude und eine hohe soziale Intelligenz. All diese Qualitäten sind für die Führung eines Bundesmuseums in der post-pandemischen Zeit wichtig“, so Mayer. Hollein stehe für Teamfähigkeit, ein dynamisches, mutiges Management, sei bestens vernetzt und genieße das Vertrauen der Kunstszene. Das MAK verfügt über einen Teil des Nachlasses von Holleins Vater, des Architekten Hans Hollein, angekauft von Kulturminister Josef Ostermayer, doch, so Andrea Mayer: „Ich bin der Meinung, es darf für hoch qualifizierte Töchter berühmter Väter keine beruflichen Nachteile geben“. Lilli Hollein ist außerdem die Schwester des Chefs des New Yorker Metropolitan Museum, Max Hollein.

Lilli (Karoline) Hollein wurde 1972 in Wien geboren, studierte an der Universität Wien Psychologie und danach an der Angewandten Industriedesign, wo sie mit ihrer Diplomarbeit „Variables Ausstellungssystem“ abschloss. Sie arbeitete als Fachjournalistin, war Projektmanagerin und Kuratorin für Architektur- und Designausstellungen für die Kunsthalle Krems, die Berliner Galerie Aedes und die Designzone Looshaus. 2007 war sie nach Ernennung durch Kulturministerin Claudia Schmied Kommissärin des Österreich-Beitrags auf der Architektur-Biennale Sao Paulo, wo sie die junge Architektengruppe „feld72“ präsentierte.

Sie gründete gemeinsam mit Tulga Beyerle und Thomas Geisler den Verein „Neigungsgruppe Design“ und die Vienna Design Week, die sie seit 2013 alleine leitet und die sich zu einer international vielbeachteten Initiative entwickelt hat, die zuletzt bei 200 Veranstaltungen an die 40.000 Besucherinnen und Besucher zählte. 2017 wurde sie Mitglied des Kuratoriums des Museums moderner Kunst Sammlung Ludwig/mumok, eine Funktion, die sie nun zurückgelegt, und Anfang 2020 Kuratoriumsvorsitzende des MAK, eine Aufgabe, die sie bereits im Jänner abgab. Dem Standard sagte sie dazu, mögliche Interessenkonflikte im Zusammenhang mit einer für 2022 geplanten großen Hans-Hollein-Ausstellung im MAK seien der Grund dafür.

Nächste Ausstellung des Hauses ist mit Eröffnung am 8. Mai „Erwin Wurm. Dissolution“, die erstmals die Keramik-Skulpturen der Serie im musealen Kontext zeigt und gleichzeitig der Startschuss für den neuen MAK-Ausstellungsort, das als Expositur geführte Wiener Geymüllerschlössel ist.

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26. 4. 2021

MAK: Zeichensprache

Februar 3, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Bett, ein Brett und eine Autobahn

Leonor Antunes: I stand like a mirror before you, 2015. discrepancies with F.K., 2016. Courtesy of the artist and kurimanzutto, Mexico City. Bild: © MAK/Georg Mayer

Ab 9. Februar untersucht im MAK die Ausstellung „Zeichensprache. Antunes | Bayrle | Brătescu | Castoro | Pichler“ die vielfältigen Mittel der Sprache aus der Perspektive der bildenden Kunst. In der Literatur, insbesondere in der Lyrik, wird Sprache in eine poetische oder musikalische Ordnung gesetzt. Das Alphabet gilt als universelles Zeichensystem für alle Sprachen und in der Entwicklung der Schrift spiegeln sich Etappen, Revolutionen und Brüche einer Gesellschaft wider.

Schriftzeichen stehen für Identitäten, gleichzeitig zielen digitale Technologien auf eine universelle Bildsprache ab. 17 Zeichnungen, Skulpturen und Installationen der international bekannten Künstlerinnen und Künstler Leonor Antunes, Thomas Bayrle, Geta Brătescu, Rosemarie Castoro und Walter Pichler öffnen in der MAK-Schau durch ihre individuelle Zeichen-/Sprache immer wieder neue Handlungs-/spiel-/räume.

Die portugiesische Künstlerin Leonor Antunes zeichnet in ihren skulpturalen Arbeiten und Installationen Erzählungen des 20. Jahrhunderts zu Kunst, Architektur und Design nach. Sie beleuchtet Fragen angewandter Kunst und handwerklicher Produktion, traditionelle Techniken und die Sprache von natürlichen

Materialien wie Holz, Textilien, Leder oder Metall. Im MAK verweist ihre zweiteilige Installation aus den Arbeiten „I stand like a mirror before you“, 2015, und „discrepancies with F.K.“, 2016, auf ein Schaufenster nach einer Gestaltung von Friedrich Kiesler für das Kaufhaus Saks Fifth Avenue in New York aus dem Jahr 1930 (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=20657). Antunes interpretiert das Schaufenster als experimentellen Raum. Im imaginären Rhythmus von handwerklichen Materialien, Texturen und Formen entwickelte sie ein Modell.

Geta Brătescu, die mit Ion Grigorescu und Ana Lupaș zu den bedeutendsten Protagonistinnen der rumänischen Avantgarde zählt, ist mit der Installation „Didona“  aus dem Jahr 2000 zu sehen. Die Arbeit kann als prozesshafte taktile Zeichnung gelesen werden. Brătescu verwob hier Fragmente und Materialien aus anderen Werken. Schwarzer Filz verweist auf die Arbeit „NO to Violence“ von 1974. Spiegelartige Objekte aus Holz, Aluminium und Samt fungieren als symbolische Tools in einem feministisch konnotierten Ritual, sie werden auch im Film „The Studio“ von 1978 zur Schau gestellt, einer von Grigorescu gefilmten Aktion. Ihr Atelier machte Brătescu zur Bühne temporärer Installationen. Parallel zu ihrem Kunstschaffen war sie als Illustratorin und Grafikdesignerin für die Kulturzeitschrift „Secolul 20“ tätig.

Porträt Geta Brătescu in ihrem Atelier. Bild: © Ştefan Sava

Geta Brătescu: Didona, 2000. Bild: © MAK/Aslan Kudrnofsky

Thomas Bayrle: Objekt Singer, 1999. Bild: © Aslan Kudrnofsky/MAK

Porträt Thomas Bayrle, MAK-Schausammlung Gegenwartskunst. Bild: © MAK/Mona Heiß

Der deutsche Zeichner, Grafiker, Maler und Bildhauer Thomas Bayrle untersucht Mechanismen der Sprache, des Bildes, des Alltagsobjekts, und lässt Ornamente der Masse entstehen. In der Schau ist er mit der Skulptur „Objekt Singer“, entstanden 1999, vertreten. Die Arbeit, bestehend aus Pappkarton und einem integrierten Display aus Holz, zeichnet ein Geflecht aus Autobahnen nach, das als Synonym für politische Macht zu lesen ist. Bayrle denkt den Knoten als Autobahn. Die Autobahn, die sich durch Städte, Landschaften und Kontinente schneidet, ist das – fragwürdige – Symbol der modernen Zivilgesellschaft, des Fortschritts, der Wirtschaft, der Ideologie, der Nation – ein weltweites Aushängeschild der Politik in Demokratie und Diktatur, wie ehemals Deutschland und Österreich im Nationalsozialismus, als die Autobahn zum Projekt erklärt wurde.

Eine umfassende Serie des österreichischen Künstlers Walter Pichler, die er in einem Zeitraum von 40 Jahren entwickelte, greift das Thema Bett als skulpturale Form auf. Das immanente Spannungsverhältnis von Skulptur, Körper und Architektur prägte sein Œuvre. Das Bett steht in der Ausstellung beispielhaft für Pichlers Skulpturensprache, die als Bild oder Zeichen beginnt. Ausgangspunkt der Skulptur ist die Zeichnung, die –für sich eigenständig – ein narratives Netzwerk umspannt. Beispielsweise liest sich ein Modell aus der Serie „Bett“ von 2000 als Interpretation des Memento mori. Eine liegende Figur wird im architektonischen Prinzip aufgelöst, der Körper besteht aus kantig geschnittenen Glasflächen.

Rosemarie Castoro: Land of Lads, 1975. Bild: © MAK/Georg Mayer. Österr. Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft. The Estate of Rosemarie Castoro / Galerie Thaddaeus Ropac

Die New Yorker Künstlerin Rosemarie Castoro entwickelte ihre eigene künstlerische Sprache zwischen Minimal Art und Konzeptkunst. Castoro fand Inspiration im modernenTanz und arbeitete mit Yvonne Rainer. Sie bewegte sich im Kreis von Carl Andre, mit dem sie auch verheiratet war, Lawrence Weiner, Sol LeWitt, Richard Long und Agnes Martin. Castoro verknüpfte Malerei, Performance, Bühnenbild, Skulptur und bezeichnete sich selbst als „paintersculptor“. Im MAK ist sie mit der Installation „Land of Lads“ aus dem Jahr 1975 vertreten, die aus einer Vielzahl skulpturaler Elemente besteht. Das „Land der Jungen“ – als Pendant zum Weiblichen – steht auf

durchlässigem Boden. Einzelne Leitern biegen und strecken sich wie eine Reihe junger Pflanzen oder Bäume. Die Künstlerin spielt sich und ihre Generation frei von patriarchalen Mustern und schafft ein Monument fluider Gender-Formen.

Die in „Zeichensprache“ gezeigten Werke, die von der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft angekauft und dem MAK als Dauerleihgaben überlassen wurden, bereichern und erweitern die seit 1986 aufgebaute MAK-Sammlung Gegenwartskunst, die einen Schwerpunkt auf internationale zeitgenössische Positionen unter besonderer Berücksichtigung bedeutender österreichischer Künstlerinnen und Künstler legt.

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3. 2. 2021

MAK: Sheila Hicks. Garn, Bäume, Fluss – und mehr

Dezember 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wiedereröffnung am 8./9. Dezember bei freiem Eintritt

Porträt Sheila Hicks, 2018. Musée Carnavalet, Paris. Bild: Cristobal Zanartu. © VG Bild-Kunst

Nach der Schließung wegen des #Covid19-bedingten Lockdowns öffnet das MAK den Museumsbetrieb am 8. und 9. Dezember mit fünf neuen Ausstellungen. Ab 8. Dezember sind die Ausstellungen „Adolf Loos. Privathäuser“ (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=42884), „Frech und frei! Die Invasion verborgener Objekte“, „100 Beste Plakate 19. Deutschland Österreich Schweiz“ (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=42723) und „Antonia Rippel-Stefanska. Einer glänzt weniger“, die fünfte Position der Reihe Creative Climate Care, wieder zugänglich.

Ab 9. Dezember ist die Großausstellung „Sheila Hicks. Garn, Bäume, Fluss“, die erste Personale der international bekannten Künstlerin zu sehen. An beiden Tagen ist das gesamte MAK bei freiem Eintritt geöffnet. Beweglich, sinnlich und anziehend, unendlich farbintensiv, einmal zart und intim, dann monumental und raumgreifend: Die Gewebe, Skulpturen und Installationen der Künstlerin Sheila Hicks fordern traditionelle Vorstellungen von Textilkunst heraus und erforschen neue künstlerische Ebenen.

Hicks gilt als Virtuosin textiler Techniken und historischer Traditionen. Bildende Kunst verwebt sie mit Design, angewandter Kunst und Architektur, um neue Objekte und Environments zu schaffen, in denen das Material, das Taktile, die Form und feine bis vibrierend leuchtende Farbnuancen ihre eigene faszinierende Sprache entfalten. In der MAK-Ausstellung, ihrer ersten Personale in Österreich, präsentiert die Künstlerin sowohl neue als auch bekannte Werke und raumgreifende Skulpturen, die sie in Bezug zur Architektur setzt.

Sheila Hicks, geboren 1934 in Nebraska, begann ihre künstlerische Arbeit als Malerin. Textilien versteht sie weit über einen Werkstoff hinaus als archaische wie zeitgenössische Medien, die interdisziplinäre Felder weltweit verbinden. Seit den 1950er-Jahren arbeitet und forscht sie in verschiedenen kulturellen Kontexten und zählt mit ihren vielfältigen Arbeiten, die durch ausgeprägtes Farbgefühl und eine intensive Auseinandersetzung mit Architektur und Fotografie charakterisiert sind, zu den bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart.

Sheila Hicks: Work in Progress, 2018. Bild: Cristobal Zanartu. © VG Bild-Kunst

Sheila Hicks: Constellation, 2020. Bild: Cristobal Zanartu. © VG Bild-Kunst

Sheila Hicks: Incomprehensible Yellow Space, 2020. Courtesy die Künstlerin und galerie frank elbaz. Bild: Claire Dorn. © VG Bild-Kunst

Inspiriert von den Konzepten der Wiener Werkstätte und des Bauhauses setzt sich Hicks über die Grenzen von Medium, Nationen und Gender hinweg und lenkt den Blick auf die soziopolitischen Konnotationen von Textilien. Ein ungemein reiches Wissen über indigene Webpraktiken, das sie sich während Aufenthalten in Nord- und Lateinamerika, Europa, im Nahen Osten und in Asien angeeignet hat, ist immanentes Moment ihres facettenreichen Werks.

Im MAK präsentiert die Künstlerin vier Szenerien, die unterschiedliche Aspekte ihres weitreichenden Œuvres beleuchten. Eine Serie von monumentalen „Prayer Rugs“, entstanden 1970 bis 1974 in Marokko, interagiert mit Walter Pichlers „Tor zum Garten“, einem Symbol für den Übergang zwischen Innen und Außen. Die in verschiedenen Knüpf- und Webtechniken ausgeführten Arbeiten stellen sich der Frage der kulturellen Appropriation. Eingebettet in einen säkularen Kontext, öffnen an den Wänden montierte Bas-Relief-Paneele oder -Teppiche den westlichen Blick für verborgene Zugänge. Die hohe Bogenform legt die Ambivalenz von Verbindungen offen, deren Spannung durch einfachste Mittel erzeugt wird. Das Schließen und Ziehen von Grenzen stehen direkt nebeneinander, als Zeichen allumfassender Offenheit.

Im Zentrum der Ausstellung inszeniert Hicks die aus monumentalen Bündeln pigmentierten Garns bestehende Arbeit „La Sentinelle de Safran“  aus dem Jahr 2018, mit der sie Fasern, Texturen und die intensiven Farbtöne Gelb, Rot und Orange in ein energetisches Zusammenspieltreten lässt. Unter Auslotung des gesamten Farbspektrums erzeugt Hicks einen Farbenrausch, der auf Möglichkeiten der traditionellen Verwendung natürlicher Pigmente im Rahmen der Textilproduktion ebenso anspielt wie auf neue technologische Methoden.

Sheila Hicks: Escalade Beyond Chromatic Lands, 2017. Arsenale, Biennale di Venezia. Bild: Cristobal Zanartu. © VG Bild-Kunst

„Apprentissages de la Victoire“, ein voluminöses Bündel aus gelben Schnüren aus Kokosnussfasern, umhüllt von handgesponnener Wolle, betont die vertikale Dimension der MAK-Ausstellungshalle. Die fließende Form der Skulptur symbolisiert das Potenzial der Natur. Wie der Titel der Ausstellung „Garn, Bäume, Fluss“ andeutet, spielen die Natur und der Bezug zum Ort – in Verbindung mit dem Stadtpark und dem Wienfluss – eine wesentliche Rolle beim Entdecken der Schau. Fragmente der Natur wie verschiedene Muscheln, Schiefer oder Zweige werden mit Arbeiten ab den 1960er-Jahren verwoben.

Ein Werk mit eingearbeiteten Maisblättern ist Teil der Serie „Badagara“ von 1966, deren ikonenhafte Gewebe die gerippten Muster von Rollläden in Städten widerspiegeln und subtil auf soziale Brüche verweisen. Der Erweiterung des Mediums Textil um die dreidimensionale Dimension widmet Sheila Hicks besondere Aufmerksamkeit. Dichte, reversible Bas-Reliefs, wie die eigens für die Ausstellung konzipierte Arbeit „Lianes Ivoires“, folgen komplexen Farbsystemen, während sich die aus einer Vielfalt von textilen Materialien bestehende Soft Sculpture „Racines de la Culture“ durch einen imaginären Raum schlängelt.

Die gewebte Tapisserie „Color Alphabet“ aus dem Jahr 1988 nimmt Muster der Sprache auf. Damit lässt Hicks einen Dialog zwischen Zeichnen und Schreiben, Tradition und Kultur, Wissen und Unbekanntem entstehen. Aus der MAK-Sammlung wählte sie ein abstraktes Webstück aus Peru, entstanden zwischen 700 und 800 in Nazca, das für fortschrittlich konstruierte unterirdische Aquädukte bekannt ist. Ausgehend von dem Textilfragment, das ein Symbol oder geometrisches Muster zeigt, zeichnet die Künstlerin eine Linie von der präkolumbianischen Kultur, als Basis, bis zur Gegenwart und Zukunft.

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  1. 12. 2020

Private Views im MAK: Vorab-Online-Führung durch „Adolf Loos. Privathäuser“

November 29, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kein Palast für Josephine Baker

Adolf Loos: Haus Josephine Baker, Paris XVI, Avenue Bugeaud, Frankreich, 1927. Um- und Zusammenbau zweier bestehender Häuser. Modell. © Albertina, Wien

Auch während des zweiten Lockdowns ist das MAK #closedbutactive. Im Rahmen seines Digital-Angebots gibt das Museum nun vorab Einblick in jene neue Ausstellung, die unmittelbar nach dem Lockdown geöffnet sein wird: Rainald Franz gibt ab 4. Dezember auf www.youtube.com/makwien einen Vorgeschmack auf die Schau „Adolf Loos. Privathäuser“, die dem bedeutenden Wegbereiter der Wiener Moderne anlässlich seines 150. Geburtstags gewidmet ist.

Rainald Franz durchwandert die jederzeit für die Öffnung bereite Ausstellung und erzählt von den privaten Wohnbauten des berühmten Architekten, wie dem nie realisierten Haus für die Sängerin und Tänzerin Josephine Baker in Paris. Außerdem bespricht er neben zahlreichen Architekturzeichnungen auch Modelle für bedeutende Sozialbauten von Adolf Loos. Franz legt den Schwerpunkt auf Loos‘ revolutionäre Privatbauten, zumeist luxuriös eingerichtete Einfamilienhäuser, Villen und Landhäuser für eine bürgerliche Klientel, aber auch für Künstlerinnen, Künstler, Literatinnen und Literaten.

Kontrastierend dazu stehen in der Schau, die knapp 100 Entwurfszeichnungen, Pläne, Fotografien und Modelle aus dem Adolf-Loos-Archiv der Albertina zeigt, die bedeutende Sozialprojekte des Jahrhundertarchitekten, darunter Bauten für das Wiener Siedlungswerk, die Gemeinde Wien sowie den Werkbund. Das komplexe Œuvre von Adolf Loos, vor allem seine Architektur und seine Schriften, nahm kontinuierlichen Einfluss auf die Baukultur der vergangenen 100 Jahre. Mit seinen revolutionären baulichen Lösungen stillte er eines der wichtigsten Bedürfnisse des Menschen, den Wunsch nach Behausung.

Nachfolgende Architektur-Ikonen wie Richard Neutra, Heinrich Kulka oder Rudolph M. Schindler und kurzzeitig auch Margarete Schütte-Lihotzky zählten zu seinen Schülern und Mitarbeitern. Als energischer Gegner des Ringstraßenstils und scharfer Kritiker des Jugendstils sowie der Wiener Secession prägte Loos den ästhetischen Diskurs in Wien um 1900. In seinen zahlreichen theoretischen Abhandlungen und insbesondere in seiner legendären Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ aus dem Jahr 1908 trat er vehement gegen jegliche neu erfundene Verzierung von Gebrauchsgegenständen und Gebäuden auf.

Adolf Loos: Haus Rufer, Wien XIII., 1922. Bild: © Martin Gerlach jun., 1930. © Albertina, Wien

Adolf Loos: Haus Rufer, Wien XIII., Blick ins Speisezimmer, 1922. Bild: © Martin Gerlach jun., 1930. © Albertina, Wien

Adolf Loos: Haus Moller, Wien XVIII., Treppenaufgang, 1930. Bild: © Martin Gerlach jun., 1930. © Albertina, Wien

Wohnbauten beschäftigten Loos sein gesamtes Schaffen hindurch und nehmen einen besonderen Stellenwert darin ein. Die MAK-Ausstellung beleuchtet sowohl sein projektiertes als auch sein ausgeführtes Werk, das sich in den privaten und den öffentlichen Wohnbau teilen lässt. Loos schuf die Bauten sehr eigenständig, war aber nicht frei von verschiedensten Einflüssen, so lassen sich etwa komplexe Bezüge zur amerikanischen, englischen und mediterranen Architektur sowie auch zum Klassizismus und zur Antike ablesen.

Aus den USA, wo er drei Jahre lang gelebt hatte, brachte Loos ein völlig neues Bild moderner Kultur nach Wien, das er in polemischen Zeitungsartikeln verbreitete – und im berühmten Looshaus am Michaelerplatz demonstrierte: In der Klarheit seiner Gliederung und der Schnörkellosigkeit der Fassade löste es im Wien um 1912 einen Skandal aus.

Bei seinen privaten, oft flachgedeckten Wohnbauten bevorzugte Loos – wann immer es möglich war – großflächige Terrassen und den „Raumplan“: Bei diesem von ihm entwickelten System wurden die Stockwerke nicht schichtartig übereinander „gelegt“, sondern jeder Raum erhielt die für seine Benutzung nötige Höhe und Dimension. Durch diesen ökonomischen Umgang mit Raum ergab sich ein kompliziertes, räumlich ineinander verschränktes System, das große wohnliche Qualitäten bot und noch bietet.

Adolf Loos: Haus Hugo und Lilly Steiner, Wien XIII., St. Veitgasse 10, 1910. Modell: Prof. Hans Puchhammer, TU Wien. © ALBERTINA, Wien

Zwischen 1903 und 1931 mit diesem System geplante und erbaute Projekte wie die Häuser für den Dadaisten Tristan Tzara 1925/26, die Sängerin und Tänzerin Josephine Baker in Paris 1927, das ein Projekt blieb, das nie ausgeführt wurde, den Baumeister František Müller in Prag von 1928 bis1930 und den Textilfabrikanten Hans Moller in Wien um 1927zählen bis heute weltweit zu den bedeutendsten Einfamilienhäusern des 20. Jahrhunderts.

An der Seite von Ausstellungskurator Peter Klinger kann seit 27. November außerdem die Schau „100 Beste Plakate 19. Deutschland Österreich Schweiz“ virtuell erkundet werden. Besprechung: www.mottingers-meinung.at/?p=42723, Teaser: www.youtube.com/watch?v=4RxXiMNDp-s&t=3s

Unter www.mak.at finden sich zahlreiche weitere digitale Angebote wie die neue Audioserie „Nachdenkereien“, der MAK-Blog, Podcasts zum Thema Creative Climate Care oder die MAK Lab App rund um Zukunftsgestaltung in Zeiten der Digitalen Moderne und des Klimawandels.

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  1. 11. 2020