MAK – Sagmeister & Walsh: Beauty

Oktober 20, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Multimediales Plädoyer für die Lust am Schönen

Sagmeister & Walsh: Yes!, Unterführung, Brooklyn-Queens Expressway, 2016. Bild: © Maggie Winters Gaudaen for Pop! Wed Co.

Mit ihrem faszinierenden Ausstellungsprojekt „Beauty“, zu sehen ab 24. Oktober im MAK,  liefern Stefan Sagmeister und Jessica Walsh ein multimediales, höchst sinnliches Plädoyer für die Lust am Schönen. Nahezu im gesamten 20. und 21. Jahrhundert war und ist Schönheit im Designdiskurs eher negativ besetzt. Dieser Antipathie setzen Sagmeister & Walsh beeindruckende Argumente entgegen und machen Schönheit als einen zentralen, funktionalen Aspekt ansprechender Gestaltung erlebbar.

Die das gesamte MAK am Stubenring durchflutende Schau spielt mit allen Sinnen der Besucher und zeigt deutlich auf: Schönheit ist mehr als eine rein oberflächliche Strategie. Ein Mix aus eigens für Wien produzierten Installationen und Beispielen aus Produktdesign, Stadtplanung, Architektur und Grafikdesign animiert in der Säulenhalle, im Design Labor, in der Galerie, im Kunstblättersaal und in der Schausammlung Gegenwartskunst zum Sehen, Riechen und Fühlen. Unterstützt von Erkenntnissen aus der psychologischen Ästhetik treten Sagmeister & Walsh den Beweis an, dass schön gestaltete Arbeiten die menschliche Wahrnehmung stimulieren.

Als ein Herzstück der Ausstellung spielt der gemeinsam mit Swarovski gestaltete „Sensory Room“ mit allen Sinnen der Besucher. Tausende Swarovski-Kristalle funkeln in einem von Sagmeister & Walsh entworfenen Ornament und verleihen dem Raum einen besonderen Zauber. Im Inneren treffen die Besucher – in Nebel gehüllt – auf ständig wechselnde Farben des Sonnenuntergangs. Als „schön“ empfundene Gerüche wie Zitrusduft und ein Klangteppich von Gesängen des Malaysischen Sumpffrosches ermöglichen ein unvergleichliches Erleben von Schönheit. Wer diesen Raum der Ausstellung verlässt, fühlt sich wohl und gut.

MAK-Ausstellungsansicht: Sagmeister & Walsh: Beauty (Rendering), 2018. Bild: © Sagmeister & Walsh, New York; MAK/Mona Heiß

MAK-Ausstellungsansicht Sagmeister & Walsh: Beauty (Rendering), 2018. Bild: © Sagmeister & Walsh, New York; MAK/Mona Heiß

Der spektakuläre, mit Projektionen bespielte Nebelvorhang „Fog Screen“ inszeniert den MAK-Haupteingang und führt schon beim Betreten des Museums zur zentralen Frage: „Was ist Schönheit?“. Die von unzähligen Philosophen und Wissenschaftlern diskutierte Frage, was Schönheit ausmacht, beantworten Sagmeister & Walsh mit Fakten: Schönes wirkt unmittelbar auf die Dopaminrezeptoren und auf das Empfinden, somit kann schöne Gestaltung als zweckmäßig verstanden werden.

Ein auf eine Großleinwand projizierter Vogelschwarm, der sich in seiner Dichte und Geschwindigkeit von den Betrachtern kontrollieren lässt, belegt, dass ausbalancierte Muster tendenziell bevorzugt werden. Das ästhetische Empfinden ist weniger subjektiv als gemeinhin angenommen.  Einmal mehr laden Sagmeister & Walsh hier zur Interaktion: Die Eintrittskarte ist mit geprägten Münzen versehen, die auch zum Abstimmen über Lieblingsformen eingesetzt werden können.

Um Farbwahrnehmung geht es in „The Color Room“. Der mit intensiven, blau-rosafarbenen Mustern überzogene Raum wird regelmäßig mit einem speziellen Licht beleuchtet, das bestimmte Farbtöne grau erscheinen lässt. Farbigkeit wird gemeinhin als schöner empfunden. Schönheit hat das Potenzial, die Welt zu verbessern. Unter anderem zeigt die Installation „From Garbage to Functional Beauty“, wie der unkonventionelle französische Designer Thierry Jeannot gemeinsam mit mexikanischen Müllsammlerinnen einen wunderschönen Kronleuchter aus Plastikmüll schafft. „Beauty“ schließt mit einem von Sagmeister & Walsh kuratierten „Schönheitsarchiv“ mit den formal schönsten Exponaten des MAK: ein Best-of von museal als schön bewerteten Objekten.

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20. 10. 2018

MAK: Gustav Peichl. 15 Bauten zum 90sten

März 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ideen, Skizzen, Fotografien aus 50 Jahren Schaffen

Pola Sieverding, Rehabilitationszentrum Meidling, Wien-Meidling. Erbaut 1965–1967, fotografiert 2018 © Pola Sieverding, Berlin

Anlässlich seines 90. Geburtstags widmet das MAK dem österreichischen Architekten Gustav Peichl ab 21. März die Personale „Gustav Peichl. 15 Bauten zum 90sten“. In seinem 50-jährigen Schaffen konnte Peichl, der unter dem Pseudonym Ironimus höchst erfolgreich auch als politischer Karikaturist tätig war, 70 Bauten realisieren. Für die Schau im MAK wählte er 15 Bauten aus, die exemplarisch Einblick in sein umfangreiches Lebenswerk geben. Die Gebäude werden exklusiv für das MAK von der deutschen Künstlerin Pola Sieverding in ihrem heutigen, aktuellen Zustand fotografiert und mit Skizzen, Entwürfen und Plänen aus der MAK-Sammlung kontextualisiert.

Peichl schenkte dem MAK 2013 einen umfassenden Bestand von mehr als 8000 Entwurfszeichnungen, Skizzen, Plänen und Konzepten für seine österreichischen Bauten. Darunter befinden sich Ideenskizzen ebenso wie öffentliche Bauaufträge, städtebauliche Planungen, nicht realisierte Projekte, soziale Wohnbauten und repräsentative Einfamilienhäuser. Im digitalen Zeitalter, in dem meist am Computer geplant wird, postuliert Peichl das Skizzieren als Nachdenken auf dem Papier.

Für ihn sind „Bauen und Architektur die Summe aus Form, Funktion, Material, Farbe und Licht. Es gilt nach einer sinnlichen Architektur zu streben, nach einer Architektur unter Bezugnahme auf Eros“. Als Vertreter der klassischen Moderne verfolgt Peichl technische Ästhetik, klassische Proportionen, Witz und Sinnlichkeit – und damit eine unverkennbare, eigenständige Linie.

Die Ausstellung folgt einer chronologischen Ordnung: vom ersten realisierten Bau, dem gemeinsam mit Wilhelm Hubatsch und Franz Kiener entworfenen Verwaltungsgebäude der NEWAG-NIOGAS (1958–1960), über die legendären ORF-Landesstudios (1970er und 1980er Jahre) bis zur markanten Kindertagesstätte des Deutschen Bundestags an zentraler Stelle im Berliner Regierungsviertel (1998–2002). Die gezeigten Skizzen, Entwürfe und Einreichpläne werden großteils erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Die Fotografien der Künstlerin Pola Sieverding schaffen ungewohnte Perspektiven und verdeutlichen die starke Materialität und die prägnante Formensprache von Peichls Architektur. Den ursprünglichen, bis zu 60 Jahre alten Ideenskizzen und Bauplänen stehen Bilder von deren Ergebnissen gegenüber, wie sie noch heute Orte, Städte und Umgebungen prägen.

Pola Sieverding, ORF-Landesstudio Vorarlberg, Dornbirn. Erbaut 1969–1972, fotografiert 2018 © Pola Sieverding, Berlin

Pola Sieverding, Bundeskunsthalle, Bonn. Erbaut 1986–1992, fotografiert 2018 © Pola Sieverding, Berlin

Auch in Deutschland feierte Peichl große Erfolge: Er gewann im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Berlin den Wettbewerb um die Errichtung der Phosphateliminationsanlage PEA in Berlin-Tegel (1980–1987), plante die Bundeskunsthalle in Bonn (1986–1992) und entwarf den Zubau zum Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main (1987–1990) sowie das Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele (1990–1993). Als Leihgaben der Akademie der Künste in Berlin, die seit 2013 etwa 3100 Pläne, Zeichnungen, Skizzen und Modelle zu Peichls Bauprojekten in Deutschland verwahrt, fließen diese Bauten in die MAK-Ausstellung ein. Peichl nahm zweimal an der Architekturbiennale in Venedig und an der documenta in Kassel teil. Er wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Reynolds Memorial Award. Von 1973 bis 1996 unterrichtete er als Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, von 2002 bis 2003 als Gastprofessor an der Harvard School of Design in Boston.
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19. 3. 2018

Thomas Bayrle: Wenn etwas zu lang ist – mach es länger

Oktober 21, 2017 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

MAK: Kleine „Zellen“ als Statement zur großen Masse

Thomas Bayrle: $, 1980. Mit Miniaturautos. Privatsammlung. Bild: Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Überdimensional. Eine aus unzähligen iPhones bestehende „Superform“– „iPhone meets Japan“ – in der MAK-Säulenhalle ist die zentrale Arbeit und zugleich ab 25. Oktober der Auftakt der ersten in Österreich gezeigten institutionellen Einzelausstellung des deut-schen Zeichners, Grafikers, Malers und Bildhauers Thomas Bayrle, der am 7. November seinen 80. Geburtstag feiert. Unter dem Titel „Wenn etwas zu lang ist – mach es länger“, nach einem Zitat des Architekten Eero Saarinen, entwickelt Bayrle, der sich mit zeitaktuellen Medien auseinandersetzt, eine Erzählung zur Interaktion zwischen Kommunikationsdesign, Individuum und Gesellschaft.

Weben, Vernetzen, Wiederholungen und das Prinzip des Seriellen sind bestimmende Momente in Bayrles Œuvre. Mit grafischen, skulpturalen, malerischen, textilen wie installativen Arbeiten verwebt er mehrere Räume – MAK-Säulenhalle, Design Labor, Galerie und die Schausammlung Gegenwartskunst – zur Projektionsfläche für seine Interpretation von „Social Fabric“, soziale Verflechtungen, die er an die Kunst des Webens anlehnt. Vor seinem Studium der Gebrauchs- und Druckgrafik selbst zum Musterzeichner und Weber ausgebildet, überträgt er die Faszination für Maschinelles konsequent in seine künstlerische Produktion.
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Mit Metaphern des Färbens, Webens und Programmierens untersucht er die Ambivalenz von Kunst, Handwerk, Industrie und lässt kaleidoskopartige Formen – Ornamente der Masse – entstehen. Beeinflusst von Op-Art und Pop-Art, verband Bayrle  als einer der Ersten manuelle Techniken mit computergenerierter Kunst des digitalen Zeitalters. Themen für seine Grafiken, Fotografien, Collagen und Objekte bezieht er aus der Alltagskultur und politischen Kontexten. Seine legendären „Superformen“ – Collagen aus einer unendlichen Anzahl von Miniaturbildern – ergeben im Zusammenspiel ihrer Einzelteile einen Mikro- und Makrokosmos. Durch die Vervielfältigung von „Zellen“, Bildern und ornamentalen Formen analoger wie digitaler Dimension können seine Arbeiten als Statements zu Masse und Massenproduktion gelesen werden , so der Künstler.
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Thomas Bayrle: Kartoffelzähler, 1968. Courtesy of the artist. Bild: Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Thomas Bayrle: Eurocheque, 1973. Courtesy of the artist. Bild: Wolfgang Günzel © Bildrecht, Wien, 2017

Die Installation „iPhone meets Japankonzipierte Bayrle eigens für das MAK. Das begehbare Szenenbild in der zwischen Neorenaissance und Industriearchitektur angesiedelten Säulenhalle, dem Zentrum des Museums und der Ausstellung, reflektiert ein japanisches Shunga von Nishikawa Sukenobu, entstanden um 1720 aus der Asien-Sammlung des MAK. Die explizit erotischen Holzschnitte sind in Ostasien zum Mas-senphänomen avanciert. Bayrle übersetzt das Shunga in eine „Superform“ aus iPhones, die unter den Vorzeichen digitaler Vernetzung zwischen einem Paar, das sich dem flüchtigen Duftspiel hingibt, und architektonischen Elementen oszilliert. Die Betrachter finden sich in einer Bilderflut wieder oder werden aufgefordert, die Szene von der Galerie der Halle aus zu erfassen.

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21.10. 2017

MAK: Shunga. Erotische Kunst aus Japan

Oktober 10, 2016 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Schau über die Schönheit von Sexualität

Utagawa Kunimaro (ca. 1830–1870): Beim Teetrinken, um 1860/70. Illustration aus einem dreibändigen Buch. Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Utagawa Kunimaro (ca. 1830–1870): Beim Teetrinken, um 1860/70. Illustration aus einem dreibändigen Buch.  © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Mit ihrem scheinbar unbekümmerten Umgang mit Nacktheit und Sexualität vermitteln ostasiatische Shunga, Frühlingsbilder, eine freiere Sexualmoral, als sie zeitgleich in Europa anerzogen wurde. Die MAK-Ausstellung „Shunga. Erotische Kunst aus Japan“ zeigt ab 12. Oktober die künstlerische Qualität der explizit erotischen Farbholzschnitte, die trotz langen Verbots durch die japanische Regierung zum Massenphänomen avancierten.

Ukiyo-e, die Bilder der fließenden Welt, denen die Shunga zuzuordnen sind, illustrieren urbane Vergnügungen sowie bürgerliche Alltagsphänomene rund um die Theater- und Vergnügungsviertel von Edo, dem heutigen Tokio. Die expliziten Darstellungen versperrte den erotischen Drucken lange Zeit den Eingang in europäische Sammlungen. Im MAK geben nun Einzelblätter, Alben und Bücher von namhaften Meistern wie Suzuki Harunobu, Katsushika Hokusai oder Kitagawa Utamaro einen repräsentativen Einblick in diese oft tabuisierte Facette der japanischen Kunstgeschichte. Zeitgenössische Aktfotografien von Nobuyoshi Araki spannen den Bogen bis in die Gegenwart.

Der formale Umgang mit nackten Körpern und die zum Teil vielschichtigen Anordnungen von Kimonofaltungen heben Shunga deutlich von naturalistischen Darstellungen des Liebesspiels ab. Charakteristisch sind die anatomische Detailgenauigkeit, manchmal extreme Körperstellungen und übergroß dargestellte Genitalien. Oft zeigen Shunga auch humorvolle Szenen, wie beispielsweise ein kleines Mädchen, das durchs Schlüsselloch ein Liebespaar beobachtet und ruft: „Ich sag’s der Mama“.

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770, zugeschrieben), Belauschtes Liebespaar, um 1770. Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770, zugeschrieben): Belauschtes Liebespaar, um 1770.  © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770), Kyōdai no shūgetsu (Herbstmond auf dem Spiegelständer), 1766. Aus der Serie Furyu Zashiki Hakkei (Acht Ansichten von Interieurs). Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Suzuki Harunobu (ca. 1725–1770): Herbstmond auf dem Spiegelständer, 1766. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Den Auftakt der chronologisch gegliederten Ausstellung bilden frühe Shunga-Serien aus dem 17. Jahrhundert. Suzuki Harunobu (ca. 1725 – 1770), einer der wichtigsten Entwerfer von Shunga, entwickelte die anfangs in schwarz-weiß umgesetzten Holzschnitte zu Vielfarbendrucken weiter und sprach mit seinen Parabeln zwischen chinesischer Dichtkunst und japanischer Erotik vor allem die reiche und gebildete Bürgerschicht Edos an. Kitagawa Utamaro (1753 – 1806) wandelte die ursprünglich verträumten erotischen Szenen Harunobus zu eindeutigeren Darstellungen.

Er verleiht dem Genre mehr Selbstverständlichkeit und zeigt auch halberotische häusliche Szenen wie die Schönheit, Bijin, bei der Körperpflege. Die heute auf dem Kunstmarkt kaum noch erhältlichen Alben Utamaros zählen zu den begehrtesten Werken der japanischen Kunst. Seine Serie „Negai no itoguchi“, Erwachen der Begierde  aus dem Jahr 1799, ist im MAK vollständig zu sehen. Erotische Phantasien und die Welt der Mythologie und der Geister verknüpft der nicht nur durch seine Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ weltberühmte Katsushika Hokusai (1760 – 1849).

Kitagawa Utamaro (1753–1806), Sommerabend, 1799. Aus dem Album Negai no itoguchi (Erwachen der Begierde). Farbholzschnitt. © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Kitagawa Utamaro (1753–1806), Sommerabend, 1799. Aus dem Album Negai no itoguchi (Erwachen der Begierde). © Leopold Privatsammlung, Wien; Bild: MAK/Georg Mayer

Durch die neuen technischen Möglichkeiten der Fotografie verlor der Farbholzschnitt als Massenmedium ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an Bedeutung. Die Schau schließt ergo mit ausgewählten Fotografien des japanischen Künstlers Nobuyoshi Araki (geboren 1940), der in mehreren Aktfotografie-Serien auf Shunga aus der Edo-Periode Bezug nimmt. Der Großteil der in der Ausstellung gezeigten Werke stammt aus der Ukiyo-e Sammlung Rudolf Leopolds.

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Wien, 10. 10. 2016

MAK: Friedrich Kiesler. Lebenswelten

Juni 9, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Galaktische Ideen für die futuristische Raumgestaltung

Friedrich Kiesler: Modell für ein Endless House, New York, 1959. Bild: © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Friedrich Kiesler: Modell für ein Endless House, New York, 1959. Bild: © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Mit seinen revolutionären, utopistischen Ideen faszinierte Friedrich Kiesler nicht nur die Zeitgenossen. Bis heute prägen die Arbeiten des Künstlers, Designers, Architekten, Bühnenbildners und Ausstellungsmachers die europäische und amerikanische Avantgarde. Das MAK gibt nun ab 15. Juni mit der Schau „Friedrich Kiesler. Lebenswelten“ Einblick in das Schaffen des Impulsgebers und Visionärs, in sein grenzüberschreitendes Denken und die Art, wie er Kunst und den in ihr lebenden Menschen in Verbindung brachte.

Geboren in Czernowitz, einer multikulturellen Stadt, damals Österreich-Ungarn, heute Ukraine, studierte Kiesler ab 1908 Architektur und Malerei in Wien, ohne seine Studien abzuschließen. Mit Theater- und Ausstellungsprojekten in Berlin, Wien und Paris feierte er erste große Erfolge. 1926 reiste er in der Hoffnung, seine Visionen verwirklichen zu können, nach New York und blieb bis zu seinem Lebensende dort. Die Wiener Jahre im Umfeld von Otto Wagner, Josef Hoffmann und Adolf Loos und vor allem auch die Idee des Gesamtkunstwerks waren allerdings prägend für sein Werk.

Beispielgebend ist sein Konzept der „Raumbühne“ aus dem Jahr 1924, die er anlässlich der von ihm organisierten und gestalteten Internationalen Ausstellung neuer Theatertechnik in Wien entwickelte. Damit hob er die räumliche Trennung zwischen Zuschauer und Schauspieler auf und integrierte beide in einen Einheitsraum. Das Publikum kreiste mit Beginn der Vorstellung um eine schwebende Bühne. Auch die Trennung zwischen Mensch und Kunstwerk durchbrach Kiesler radikal, indem er Objekt und Mensch im gemeinsamen „Lebensraum“ interagieren ließ und frühe Environments entwickelte, eine Art des Umgangs mit bildender Kunst, der aktueller nicht sein könnte. Auch mit den neuesten Entwicklungen in Film und Fernsehen setzte er sich innovativ auseinander.

Ein Modell für die Stadt der Zukunft legte Friedrich Kiesler 1925 mit der „Raumstadt“ vor, die er auf Einladung von Josef Hoffmann für die österreichische Theatersektion der Exposition internationale des Arts décoratifs et industriels modernes in Paris entwickelte. Eine originalgetreue Rekonstruktion dieses futuristischen Modells einer im Raum schwebenden Stadt wird in einem abgedunkelten Raum inszeniert. Seine Vision einer Beziehung zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter wird in der Schau nicht zuletzt durch die „Galaxies“ deutlich, mit denen er den Umraum in die Bildkomposition miteinbezog. Kiesler schuf mit dieser in den 1950er- und 1960er-Jahren entstandenen Werkgruppe eine Synthese von Malerei, Bildhauerei und Architektur. In ihrer Gesamtheit gleichen sie der Struktur von Planeten- und Sternensystemen, weshalb Kiesler sie eben als Galaxien bezeichnete.

Friedrich Kiesler: Wooden Galaxy für Philip Johnsons Glass House, New Canaan (Connecticut), 1953. Bild: © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Friedrich Kiesler: Wooden Galaxy für Philip Johnsons Glass House, New Canaan (Connecticut), 1953. Bild: © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien

Friedrich Kiesler: Art of This Century, Blick in die Abstract Gallery, New York, 1942. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien; Bild: K. W. Herrmann

Friedrich Kiesler: Art of This Century, Blick in die Abstract Gallery, New York, 1942. © 2016 Österreichische Friedrich und Lillian Kiesler-Privatstiftung, Wien; Bild: K. W. Herrmann

Insgesamt spannt die Ausstellung einen Bogen von zum Teil noch nie gezeigten Kunstprojekten über Architekturvisionen und Ausstellungsdesign bis zu Geschäftsgestaltungen, Möbeldesign und Medienkonzepten sowie Plakat- und Buchdesign. Zahlreiche Archivalien geben Einblick in Kieslers theoretisches Denken und seine innovative Ideenfindung. „Gestaltung dient der Förderung der Gesundheit und dadurch dem Wohlbefinden der Gesellschaft“,  so fasste Kiesler sein Credo über seine Arbeit zusammen. Seine künstlerischen und theoretischen Überlegungen bilden eine vielfältige Inspiration für zeitgenössische Interpretationen durch die bildende Kunst. Sechs Künstler wurden deshalb vom MAK eingeladen, auf die Ideen und Ansätze Kieslers zu reagieren. Leonor Antunes, Céline Condorelli, Verena Dengler, Lili Reynaud-Dewar, Apolonija Šušteršič und Rirkrit Tiravanija entwickeln nun zusätzlich zur Schau temporäre und permanente Interventionen im MAK, aber auch im öffentlichen Raum rund um das Haus.

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Wien, 9. 6. 2016