Theater zum Fürchten: Elektra

Dezember 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Gothic-Look wie Game of Thrones

Kim Bormann ist eine inbrünstige, blutrünstige Elektra. Bild: Bettina Frenzel

Die Wände des Bunkers sind blutverschmiert, Agamemnon steht auf einer wie ein Racheschrei, doch nur die Außenseiterin trauert um den abgeschlachteten König: „Elektra“. Der Hofmannsthal’- sche Text dient nun in der Scala, der Wiener Dependance des Theaters zum Fürchten, Regisseur Matti Melchinger als Spielvorlage. Dieser hat die Tragödie in einem Aufzuge zur Essenz verdichtet, schlanke 75 Minuten dauert seine Aufführung, und wiewohl er dem Dichter nichts nimmt, wird

der royale Massenmord in Melchingers rasanter, riskanter Radikalität zum modern anmutenden Mythos. Es scheint, als wolle TzF-Prinzipal Bruno Max den mit „Equus“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35706) eingeschlagenen Weg mit dieser Arbeit richtungsweisend fortsetzen, und tatsächlich ist Sam Madwar, der für die Peter-Shaffer-Inszenierung verantwortlich zeichnete, nun als Ausstatter am Werk. Gemeinsam mit Kostümbildnerin Katharina Kappert hat er eine „Game of Thrones“-düstere Welt erschaffen, archaisch, eisenhart, Lederoptik und ein Goth-Punk-Look, der Robert Smith neidisch machen könnte. Nur, dass es für Kim Bormanns Elektra, man weiß es, Hofmannsthal schrieb die seine unter dem Eindruck der Seelenerkundungen Sigmund Freuds, keine „Cure“ mehr gibt. Als Soundtrack laufen also auch keine Songs der britischen Kultband, sondern Arcade Fire’s „My Body Is a Cage“.

Bormanns Performance allein lohnt schon den Besuch dieses Abends. Ihre mykenische Revanchistin erweist sich vom ersten Auftritt an als Fall für die Psychoanalyse, ihr pathologisches „Ich kann nicht vergessen“ ist der Satz, der einem schon zu Beginn des Stücks durch Mark und Bein fährt. Bormanns Elektra krankt definitiv am zum Namen gehörenden Komplex, wenn diese Schattenvisionen ihres Vaters imaginiert. Die TzF-Debütantin spielt die Figur inbrünstig blutrünstig, großartig, wie sich bei Begegnungen mit der Mutter der Ekel auf ihrem Gesicht spie- gelt, während sie ihrerseits versucht, Schwester Chrysothemis mit innigen Umarmungen auf ihre Seite zu ziehen.

Angela Ahlheim, Kim Bormann, die Mägde Maja Sikanic, Regina Schebrak und Ivana Stojkovic. Bild: Bettina Frenzel

Klytämnestra und Aegisth verhöhnen Elektra: Kim Bormann, Bettina Soriat und Leonhard Srajer. Bild: Bettina Frenzel

Orest ermordet die Mutter, Elektra triumphiert: Felix Krasser und Kim Bormann. Bild: Bettina Frenzel

Mit dem Hof der Atriden ist bei Melchinger längst kein Staat mehr zu machen. Wie von der Zeit zerfledderte Zombies hangeln sich die Gestalten über die Repräsentationstreppe in den mit Mulch bedeckten, mit Gerümpel zugemüllten Hinterhof, die Kledage ein Abglanz besserer Tage, da und dort die Haut rot verschrammt. Klytämnestra trägt eine groteske barocke Herrenperücke, als wolle sie per Haartracht ausweisen, dass nach dem kriegerischen Haudrauf nun eine aufgeklärte Absolutistin das Zepter schwingt. Wobei Bettina Soriat die aufgesetzte Aufgeklärtheit sofort ab absurdum führt, wenn ihre Gattenmeuchlerin die wehklagende Tochter im Wortsinn, weil: Treppe, von oben herab verhöhnt.

Soriat lässt Klytämnestra zwischen Tyrannenmörderin und Totschlägerin changieren, da diese selbst nicht darüber zu richten vermag, ob sie dem Volk eine Wohl- oder der Familie eine Untat getan hat. Die stärksten Szenen der Produktion sind ergo das Aufeinanderprallen von Mutter und Tochter, auf das die Regie auch fokussiert. Im intellektuellen wie körpergewaltigen Infight schenken einander die beiden Schauspielerinnen nichts, und apropos: verbal brutal, beeindruckend ist, wie die Darsteller allesamt die Sprachgewalt des Fin de Siècle-Schriftstellers stemmen, jedenfalls machen die Konfrontationen Klytämnestras mit Elektra in Melchingers Interpretation klar, dass erstere um nichts weniger als zweitere an einem Agamemnon-Trauma leidet.

Leichter hat’s die Herrscherin da mit ihrem Lover, Leonhard Srajer als blondinnenblöder, proletoid-putzsüchtiger Aegisth, den die an Jahren Ältere zum Sextoy degradiert hat, auch dieser Aspekt der gruseläugigen Dauergeilen so kaltherzig erzählt, dass es einem unter die Haut geht. Auftritt, um alles zu Ende zu bringen, Felix Krasser als nach langer Flucht heimkehrender Orest, dessen einlenkendes „Lass‘ die Toten tot sein“, von Elektra alsbald zur Mordgier umgepolt wird. Selten noch war der manipulative Charakter der „Strahlenden“ so deutlich zu erkennen, Elektra, die sich zur höheren Instanz erhebt, die das „gerechte“ Gemetzel befiehlt, die sich in ihre Rechtsprechung hineinsteigert – ohne Rücksicht auf Verluste, siehe die maliziösen Mägde von Regina Schebrak, Maja Sikanic und Ivana Stojkovic.

Nur die Außenseiterin trauert um Agamemnon: Bormann, Sikanic, Stojkovic, Srajer und Schebrak. Bild: Bettina Frenzel

Die Schwester entdeckt dem Bruder ihren Racheplan: Kim Bormann und Felix Krasser. Bild: Bettina Frenzel

Chrysothemis verabscheut Orests grauenhafte Tat: Felix Krasser und Angela Ahlheim. Bild: Bettina Frenzel

Siegestanz vor vielen Toten: Kim Bormann, hinten die ebenfalls erschlagenen Mägde. Bild: Bettina Frenzel

Mit Hinweis auf sein gottgegebenes Heldentum treibt die Schwester dem Bruder das Zaudern aus, ihr hohlwangiger Hass begleitet von einem heulenden Wind, rote Lichtblitze beleuchten die Selbstjustiz, ein Apfel wird als sozusagen Reichsinsignie zertreten, Heil!-Rufe ertönen, Elektra tanzt vor Leichenhaufen, Orest wirft sich den Purpurmantel über. Bleibt bei diesem Drama, auf die bisher beinah unerwähnte der Dreierkonstellation zu kommen: Angela Ahlheim als Chrysothemis, angewidert von den Geschwistern, von Elektras inzestuösen Annäherungsversuchen, von Orests blutverschmierten Armen.

Für sie, für deren Ausgestaltung allerdings noch Raum wäre, obzwar die gezeigte Kurzfassung wenig Platz dafür bietet, hatte Melchinger eine schöne Idee. Bei ihm darf die jüngste des Hauses zum Schluss einen mit EU-Sternen beklebten Trolley nehmen und das antike Griechenland mutmaßlich für immer verlassen.

www.theaterzumfuerchten.at           www.kimbormann.com

  1. 12. 2019

Schauspielhaus Wien: Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!

Februar 4, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken

Die Handhabung der Gurke entscheidet darüber, wer Herr und wer Sklave wird: Gabriel Zschache, Kenneth Homstad und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

In Skandinavien längst ein Star, stellte sich die norwegische Theatermacherin Lisa Lie nun im deutschsprachigen Raum erstmals mit einer Arbeit vor. Am Schauspielhaus Wien hob sie „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ auf die Bühne, ein Abend, wie immer im Kollektiv entwickelt, eine freie Assoziation, eine Improvisation zum Mythos des Nürnberger Kellerkinds.

Das die Regisseurin, wie sie auch im Programmheft-Interview sagt, gar nicht so sehr interessierte. Vielmehr geht es ihr um das gesellschaftliche und politische Rundherum, in größerem Kontext um jene Ausgestoßenen, die ebendieses bleiben müssen, weil die Aufnahme der „wilden Kinder“ ins Gemeinwesen dessen Gleichgewicht stören würde. Peter Handkes Hauser-Text diente als erste Grundlage, doch weil ihr untersagt wurde, Fremdstellen einzufügen, ging Lie bald eigene Wege.

Die vom gesprochenen Wort weg ins Gestische, ins Mimische, ins Getanzte führen. Lie weiß das weite Brachland zwischen Schauspiel und Tanz mit ihrer Performance zu füllen, ihre Mittel dazu sind Kletterbaum, Knetmasse und ganz viele Gurken. Und auch, wenn sich einem auf den ersten Blick einiges an dieser provokant enigmatischen Aufführung nicht erschließt, was nebenbei sehr passend ist, wird Kaspar Hauser doch in seiner Grabinschrift als „Rätsel seiner Zeit“ bezeichnet, sind die Bilder bestechend und das Ensemble erstklassig.

Der norwegische Schauspieler Kenneth Homstad fügt sich in eine Versuchsanordnung mit Jesse Inman und Gabriel Zschache, er auch Regieassistent am Haus, weil Schauspielhaus-Chef Tomas Schweigen auf den Mehrwert seiner Mitarbeiter setzt, und Vassilissa Reznikoff. Ihr gehört der Auftakt, ein Monolog von Kaspars mutmaßlicher Mutter, der badischen Prinzessin Stéphanie de Beauharnais. Reznikoff gibt die Blaublütige als eifersüchtig Liebende, als besorgt Trauernde. Sie zitiert aus den Briefen, die beim Findling gefunden wurden: „A söchtener Reuter möcht i wern, wie mein Voater gwen is“, und dafür steigt sie auf die höchste Stelle jenes Objekts, das Maja Nilsens Bühnenbild darstellt.

Ein Kletterbaum im Menschenzoo. Den alsbald eine Horde Urmenschen erklimmt, in Fell gekleidet mit Pavianarsch, einer von ihnen betraut mit der Sisyphos-Aufgabe, ein gutes Dutzend Gurken zu den anderen zu bringt. Das Kürbisgewachs wird zum geistigen Grundnahrungsmittel; nur wer es aus der Plastikfolie zu befreien weiß, wird zum Herrenmensch, wer versagt bleibt Sklave. Nachahmung, sieht man, ist hier ein sicherer Erfolgsgarant.

Wer sich im Rokoko-Kleid zivilisiert gibt, entscheidet, wer in den Keller muss: Kenneth Homstad, Jesse Inman und Vassilissa Reznikoff. Bild: © Matthias Heschl

Am Ende Ausdruckstanz in hautfarbener Unterwäsche: Gabriel Zschache, Jesse Inman, Kenneth Homstad, Vassilissa Reznikoff und die nackte Existenz. Bild: © Matthias Heschl

Man kultiviert sich, nennt sich George und Gladys und feiert eine Teeparty mit aus Knetmasse geformten Tassen, übt im Rokoko-Kostüm Unterdrückung aus, tanzt den Weltuntergang mit Totenkopfmaske und in hautfarbener Unterwäsche. Wer bei der Selbstzivilisierung nicht mithalten kann, ist gefickt, heißt: Opfer jeglicher Art von Gewalt – auch sexueller. Dies wird in einigen Szenen durchaus explizit dargestellt, aus der Menschwerdungsorgie wird Gesellschafts/Bildung wird die Geburt der Kunst.

Diese eine schwere, schmerzhafte. Eine Gegenüberstellung der Sprachohnmacht gegen die Allmacht alles Körperlichen, die Schauspieler dazu im Intensivspielmodus. Eine Balletteinlage dient als Ausrede einander blutig schlagen zu dürfen. Dass Kunst „etwas ist, das absolut nichts darstellt, sondern etwas ist, über das man nachdenken kann“, heißt es dazu im knappen Text. Und: „Es geht nicht darum, die Zähne zusammenzubeißen, es geht darum, den Mund aufzumachen.“ Nach nicht ganz zwei Stunden entlässt einen Lisa Lie mit diesen Erkenntnissen (?) in die Nacht. Die Menschlichkeit sitzt im Keller, die Aufklärung ist nur ein Saunafetzerl über der Scham, es in 200.000 Jahren Existenz nicht in höhere Stockwerke geschafft zu haben.

Kaspar Hauser kam am 14. Dezember 1833 mit einer tödlichen Stichwunde im Haus seines Lehrers Georg Friedrich Daumer an. Wurde er Opfer eines Attentats oder verletzte er sich wegen abnehmenden öffentlichen Interesses an seiner Person selbst? Zu dieser Arbeit lässt sich abschließend jedenfalls sagen, dass Erkenntnis offenbar doch nicht immer was mit Auskennen zu tun haben muss. Lisa Lies „Kaspar Hauser“ feiert den Sieg des Unkonventionellen über die Konvention und die Konformität. Was das betrifft, ist das Schauspielhaus Wien ohnedies the place to be.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zkJCIbXvb5M

www.schauspielhaus.at

Wien, 2. 2.2017

Volkstheater: Das Wechselbälgchen

Dezember 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Bitternis in bezaubernden Bildern

Seyneb Saleh Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Seyneb Saleh mit Puppe Zitha
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Figuren, die langsam, mit Bewegungen, die sich ihre Geschmeidigkeit erst ertasten, zum Leben erwachen, werden gleich selber Figuren bewegen. In Schaukästen stehen sie, steigen aus ihnen, aus dem schwach Beleuchteten ins Halbdunkel; Gebirge ist im Hintergrund gemalt, davor ein Bergdorf, eine Kirche und ein Bauernhof als Modell. Ein Heimatmuseum. Der Ursprung als Quelle der Bitternis. Und diese Bitternis in bezaubernden Bildern. Die Dioramen sind von Jakob Brossmann; und in und vor ihnen hat Nikolaus Habjan „Das Wechselbälgchen“ von Christine Lavant inszeniert, eine Produktion des Volkstheaters in den Bezirken, uraufgeführt im Volx/Margareten.

Nichts an diesem Heimatmuseum ist museal. Habjan entdeckte die Lavant für sich, als er sich mit der Lebensgeschichte von Friedrich Zawrel beschäftigte. Für seinen Abend „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Das Spiegelgrundkind, der Überlebende des NS-Kinder-Euthanasie-Programms. Habjans Plädoyer ist, dass das Ewiggestrige keine immer währende Wahrheit bleiben darf. Er zeigt, welch frohen Herzens der Mensch sein kann, wären da nicht Instanzen, die vorgeben, was gut und böse, richtig und falsch, gesund und ungesund, wert und „unwertes Leben“ zu sein hat. Die Kärntner Autorin Maja Haderlap hat die archaisch anmutende Erzählung dramatisiert, sie trifft dabei den Lavant-Ton, dessen poetische Wortegewalt, die lavanttalerisch durchsetzte Kunst-Sprache ihrer Landverwandten. Wo das Sentiment überfließen, wo das Schmalz rinnen könnte, ist Sprödheit. Hartleibige Leute verständigen sich in kargen Dialogen. Die Herzen so kalt wie der Bach, der schon zum Ertrinken ruft, die Seelen so karstig wie die Landschaft.

Das Konzept kalt wird von Habjans Hauptdarstellerin gleichsam konterkariert. Zitha, die Puppe, agiert, als ob es, nein: weil es um ihre Existenz geht. Es ist bei Habjan kein kindlicher Irrtum, das Objekt zu subjektivieren. Seine Figuren, diesmal gemeinsam mit Denise Heschl gebaut, spielen nicht, brauchen auch keine darstellerische Behauptung aufzubauen. Sie sind. Dieses besondere, hässliche, halbglatzige Kind hat eine Wahrhaftigkeit, die weh tut, die zu Tränen rührt. Es ist in Wahrheit nicht zum Aushalten, diese Rüge muss sich der Regisseur gefallen lassen, man möchte einmal aus seinen Abenden gehen, ohne, dass einem Wimperntusche auf der Wange klebt. Am Schluss, vor tosendem Applaus und den Bravorufen war in der Stille der ersten Schockstarre rundum deutlich Schniefen und Schneuzen zu hören.

Zitha hat sich die Lebenslust aus ihrem „unwerten Leben“ gestohlen, wie sie da sitzt und verstohlen kichert … „Ibillimutter“, sagt sie im Vater-Mutter-Kinderspiel, „Ich bin die Mutter“ ist ihre so zärtliche wie trotzige Selbstbeachtung. Das gesamte Ensemble leiht diesem kleinen Wesen, Lavants Menschlein, das keine Ahnung vom Tod hat, der aber doch kommen muss, Hand und Stimme. Zitha ist „Das Wechselbälgchen“, unehelich geborenes, behindert zur Welt gekommenes Kind der einäugigen Kuhmagd Wrga. Die Gemeinde weiß, ein böser Geist hat das echte, das gesunde Geschöpf gegen sein krankes getauscht. Der Pfarrer weiß, was Sünde ist und wohin sie zwangsläufig führen muss. Der Knecht Lenz kommt in den Ort, er erwartet sich Glück von der Glasaugenfrau – doch bevor er sie zur seinigen macht, soll der Wechselbalg ins Wasser. Über dieser geistigen Talenge wird das Schicksal wie die biblischen Berge zusammenstürzen. Am Ende aller Zeit.

Habjan entpuppt – pardon!, aber der war schon serve-volley – sich einmal mehr als großer Bildermagier. Er taucht Mitmenschliches und Unmenschlichkeit in mystisches Licht, und strahlt die Alle-Weisheiten-der-Welt-Aufsager scharf an. Seine Schauspieler sind auch Puppenspieler. Die aus der „anderen Welt“, Zitha und ihr späteres Schwesterlein Magdalena, Pfarrer Duldiger, die Schwundbäuerin sind Figuren, beide, der Glaube und der Aberglaube, sind übergroß und übermächtig. Realität erleiden Wrga, Lenz, der Bartl-Thoman, die Weiddirn und alle zusammen als die Keuschenkinder, die mit dem Puppenkind Zitha wie mit einer Puppe spielen. In hohem Tempo erfolgt der Wechsel zwischen den Charakteren. Das ist auch eine artistische Höchstleistung und funktioniert an einem Beispiel etwa so: Gábor Biedermann hält die Klappmaulpuppe, verleiht deren Gesicht mit seiner Hand Mimik und spricht als Pfarrer, Claudia Sabitzer schlüpft unter dessen Soutane, die Hände, die Geste, die Körperhaltung des Geistlichen sind ihre.

Seyneb Saleh ist als Wrga überragend. Überraschend wie ähnlich sie mit Kopftuch und Schürze der Lavant ist, beide streitbare Schmerzensfrauen, die ihrem krankheitsbedingt mühseligen Körper mit wilder Widerspruchskraft entgegentreten. Sie, am untersten Ende der Dorfhierarchie, ist ihrer Zitha durchaus ähnlich, dickköpfig und bockbeinig im Aufstampfen: Ich bin nun einmal da in dieser Welt. Als Mutter eine Löwin, als Magd ein Arbeitstier, erschütternd in ihrer Schilderung der eigenen garstigen Kindheit. Ihr Kind soll es besser haben. Deshalb fällt sie auch dem einen zum Opfer, der ihr die Lüge des besseren Lebens vorgaukelt. Sie wechselt ihr Strohbett gegen Lenz‘ Schläge. Florian Köhler steht Salehs Darbietung in nichts nach. Würde man ihn nicht schon kennen, man müsste schreiben, ist er die Entdeckung des Abends. Als einer, der viele Fs in Lenz vereint. Faschistisch, fanatisch, Frevler an der Nächstenliebe, einer, dem bald was „fremd“ vorkommt. Köhler spielt den Aufhetzer mit den einfachen Sprüchen, seine Pose ist Herrenmenschentum, spielt einen wundergläubigen Wundertäter, dem ein Traum Geld und gesellschaftlichen Aufstieg an der Seite einer Frau mit gläsernem Kopf prophezeit hat, der Wrgas Qualen mit tausend quälenden Mittelchen zu heilen verspricht. Köhler ist ein fabelhafter Unsympath.

Seinen Gegenpol gestaltet Gábor Biedermann als gläubiger Bartl-Thoman, ein stiller Leidender, die Stimme der Liebe in diesem Stück, die nicht ge- oder erhört wird. Er übernimmt neben der Pfarrersfigur als Thoman auch die Funktion des Erzählers. Der barfüßige Naturbursch wird bei Biedermann zum Philosophen, zum Außenstehenden, der das Treiben beobachtet, aber nichts ausrichten kann. Man spürt mit ihm die Abscheu wie seine Tendenz zur Flucht vor der Welt. Claudia Sabitzer fügt sich in die Riege der erfahrenen Puppenspieler perfekt ein. Sie ist als solche die gespenstische Schwundbäuerin, ein Hexenwesen, das Kräuterweiblein, die Personifizierung der Allmacht der Natur. Sie und Thoman vertreten das Prinzip des Spirituellen gegen den institutionalisierten, verkopfen Glauben des Pfarrers. Sabitzer ist außerdem die Weiddirn, die missgünstige Nachbarin, die dem Wechselbalg sein Leben „wie Gott in Frankreich“ missgönnt.

Womit es mit Auftritt Lenz ohnedies ein Ende hat. Die glückliche kleine Zitha wird aus Angst und Qual zum bissigen Tier, heißt es im Text. Zum Verhängnis wird der Puppe allerdings eine Puppe. Habjan gestaltet eine wunderbare „Unterwasserszene“ im Bach, drei Spieler schwimmen, strudeln, sterben mit Zitha. Am Ende ist Reue. Und Vergebung. „Vielleicht ein Ausdruck ihrer Großherzigkeit“, sagt Habjan über die Lavant. Seine Inszenierung sagt, mögen wir nie wieder am offenen Grab derer stehen, denen wir die Rettung verweigert haben.

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Gábor Biedermann im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=16438

www.volkstheater.at

TIPP: Am Volkstheater ist auch Nikolaus Habjans Inszenierung von Camus‘ „Das Missverständnis“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15568, dazu ein Gespräch mit Seyneb Saleh: www.mottingers-meinung.at/?p=15526.

Wien, 5. 12. 2015

Neu am Volkstheater: Gábor Biedermann

Dezember 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die europäische Freiheit nicht aufs Spiel setzen

Gábor Biedermann Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Gábor Biedermann
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Er nennt sich zu Recht einen Europäer, denn seine Wurzeln reichen von Ungarn bis Portugal. Umso mehr freut sich Gábor Biedermann nun in Wien seiner Familienstadt Budapest näher zu sein. Dort hat er als Student beim legendären Henrik Kemény das Puppenspiel erlernt (mehr: www.volkstheater.at/person/gabor-biedermann), eine Fähigkeit, die er am Volkstheater in den Bezirken reaktiviert. Maja Haderlap hat Christine Lavants „Das Wechselbälgchen“ dramatisiert; Nikolaus Habjan ist der Regisseur der Uraufführung, und Biedermann fungiert in der Inszenierung als Puppen- und als Schauspieler. Mit ihm spielen Claudia Sabitzer, Seyneb Saleh und Florian Köhler.

In „Das Wechselbälgchen“ erzählt die Lavant von der einäugigen Kuhmagd Wrga und ihrem unehelichen Kind Zitha, geistig zurückgeblieben und körperlich entstellt. Die Leute im Dorf, so katholisch wie abergläubisch, haben für dieses Schicksal eine einfache Erklärung: Böse Geister haben der Magd nach der Geburt einen verhexten Wechselbalg untergeschoben. Der werde die ganze Gemeinde ins Unglück stürzen. Als sich der Knecht Lenz für Wrga zu interessieren beginnt, stellt er seine Bedingung: Der Wechselbalg muss im Wasser ersäuft werden …

Gábor Biedermann im Gespräch über die Furcht vor dem Fremden, ungarische Abgrenzungsgedanken und das Geschenk Europa:

MM: Sie waren unter anderem schon am Deutschen Theater Berlin, Schauspielhaus Zürich, Thalia Theater Hamburg engagiert. Nun also das Volkstheater – wie kam’s?

Gábor Biedermann: Im Wesentlichen durch zwei Regisseure, die ich seit mehr als zehn Jahren kenne, Viktor Bodó und Dušan David Pařízek. Als Anna Badora anfing ihr neues Ensemble zu planen, befragte sie auch ihre Regisseure und da haben mich beide unabhängig voneinander genannt. Erwünscht zu sein war für mich eine wichtige Voraussetzung, um Vertrauen zu diesem Neustart aufzubauen, denn das Team aus Graz kannte ich nicht. Aber auf diese Weise wurde mir der Einstieg hier erleichtert.

MM: Und wie finden Sie’s jetzt in Wien?

Biedermann: Ich finde es ganz toll, so nahe an Budapest zu sein. Ich habe dort die Sommer meiner Kindheit und Jugend verbracht, manchmal auch Weihnachten. Ich habe immer noch Freunde und Familie dort. Von Berlin aus, wo ich die letzten fünfzehn Jahre gelebt habe, war das immer eine längere Reise. Jetzt ist es ein Katzensprung. Außerdem gibt es in Wien sehr viel, was ich aus Budapest kenne. Historisch bedingt sind die beiden Städte miteinander verwandt. Ich fühle mich teilweise schon aufgrund der Architektur heimisch. Aber es gibt noch viel zu entdecken.

MM: Nämlich?

Biedermann: Beispielsweise die Mentalität der Wiener. Ich bin dabei sie kennenzulernen. Wien ist wie Berlin eine gewachsene Metropole mit langer Geschichte. Dieses Hauptstädtische spiegelt sich in den Menschen wider. Ich habe den Eindruck die Wiener besitzen ähnlich wie die Berliner Ironie, die manchen überheblich vorkommt, haben eine ausgeprägte Meinung zu vielen Dingen und nehmen oftmals kein Blatt vor den Mund. Diese Direktheit, dieses Ungeschönte gepaart mit Humor ist mir sehr symphatisch.

MM: Sie werden nun im „Wechselbälgchen“ als Puppen- und Schauspieler zu sehen sein. Sie haben das Puppenspiel in Budapest bei Henrik Kemény gelernt. Der war in Ungarn eine Institution.

Biedermann: Ich habe Henrik Kemény als Kind kennengelernt; er war in Ungarn tatsächlich schon zu Lebzeiten eine Legende, eigentlich kennt ihn dort jeder, jeder hat im Laufe seiner Kindheit einmal ein Stück von ihm gesehen. Ich habe sogar Auftritte erlebt, wo Großeltern mit ihren Enkeln da waren und die Großeltern hatten vor vielen Jahrzehnten schon seinen Vater gesehen, der das gleiche traditionelle Handpuppenspiel gemacht hat.

MM: Er hatte eine Kasperlfigur, die heißt …

Biedermann: … Vitéz László. Verwandt mit dem Kasper, aber wesentlich naiver, viel liebenswürdiger, durch und durch eine Identifikationsfigur für jung und alt. Er kämpft gegen einen oder mehrere Teufel, die er im Laufe seiner Stücke in die Mangel nimmt, aufspießt, durch die Luft wirbelt, mit der Palatschinkenpfanne verkloppt … Ihn treibt der Kampf eines jeden Menschen um: das Gute in uns gegen das Böse in uns. Keménys Aufführungen waren immer äußerst intensiv, ein kathartisches, befreiendes Erlebnis für alle, die ihnen beiwohnten. Ich weiß noch, die Kinder haben gejubelt und geschrien. Am Ende wird der Teufel natürlich ausgetrieben und das Böse besiegt. Und der kleine alte Mann war fix und fertig. Persönlich kennengelernt habe ich ihn, weil meine Mutter ihn als junge Journalistin interviewt hat. Daraus ist eine lange und sehr schöne Freundschaft entstanden.

MM: Die Sie dann auch mit ihm verbunden hat.

Biedermann: Ja, und wie ich später in das Alter kam, in dem man sich für ein Studium entscheidet, bot sich mir die Gelegenheit bei ihm zu lernen. Ich begleitete ihn zunächst zu seinen Auftritten quer durch Ungarn, bis er mich ans Staatliche Puppentheater, das Budapest Bábszínház, brachte, wo ich eine Ausbildung zum Puppenspieler begann. Und weil ich ja auch Deutsch spreche, meinte man dort ich solle meine Ausbildung in Deutschland fortsetzen, die beruflichen Perspektiven seien da besser. Mit der Kulturförderung ging es damals in Ungarn schon langsam bergab. So bin ich dann um das Jahr 2000 herum an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ im Studiengang Puppenspiel gelandet, wo ich für mich das Schauspiel entdeckte, was ich dann dort abschließend studierte. Aber hätte ich den Weg über das Puppenspiel nicht genommen, wäre ich wahrscheinlich nicht Schauspieler geworden.

MM: Stichwort „bergab“ – Sie meinen politisch bedingt? Der Kasperl ist ja traditionell eine Figur der Subversion. Das wird unter Orbán sicher nicht so gern gesehen werden.

Biedermann: Das wäre sicher interessant gewesen, das zu erleben. Zumal man heute aufpassen muss, was man auf der Bühne, wie auch in der Presse von sich gibt. Leider ist der große Kemény 2011 gestorben. Ich habe aber Aufführungen von ihm begleitet, wo sich die Stimmung schon nach rechts neigte. Er versuchte immer alle zu erreichen, über die politische Gesinnung hinaus; sein Spiel hatte einen sehr menschlichen, direkten Bezug zum Publikum. Er wusste, dass er auch von denen geliebt wurde, von denen er es nicht so gerne wollte. Heute … naja … er wäre bestimmt nicht glücklich über den Zustand Ungarns.

MM: Sie haben an der Handpuppe gelernt, nun spielen Sie mit einer Klappmaulpuppe. Ein großer Unterschied.

Biedermann: Ich würde nicht behaupten, dass man, wenn man eine Puppe beherrscht, alle Puppen beherrscht. Die Klappmaulpuppe ist allerdings sehr organisch. Sie ist in direktem Kontakt mit der Hand, die Impulse kommen direkt vom Spieler. Für mich ist diese Arbeit eine Chance an etwas Unvollendetem anzuknüpfen. Ich begegne der Puppe jetzt anders als vor 15 Jahren, und weil Nikolaus Habjan eine sehr eigene Art hat, Puppen einzusetzen, gibt es für mich viel Neues zu entdecken. Insbesondere den Dialog zwischen Puppe und Spieler finde ich sehr spannend.

MM: Ihre Puppe ist der Pfarrer …

Biedermann: … und als Schauspieler spiele ich die Rolle des Thoman. Das ist ein Dorfbewohner, welcher der Kuhmagd Wrga sehr nahe steht, ein spiritueller Typ, ein wortkarger Mensch. Eigentlich, wenn man so will, wäre er die bessere Wahl für Wrga, aber es kommt ja Lenz daher. Man wird sehen, aus welchen Gründen sie sich für jenen entscheidet, warum sie sich auf Lenz einlässt.

MM: Das heißt: einmal, weil wir vorhin vom Teufel gesprochen haben, der institutionalisierte Glaube und einmal der immaterielle Glaube?

Biedermann: Ganz genau. Das fasst es sehr schön zusammen. Mir persönlich ist der spirituelle, immaterielle sympathischer, weil der institutionalisierte Glaube oftmals Barrieren zwischen Menschen aufbaut. Was Thoman lebt, finde ich sozial und menschlich kompatibler. Religion als Institution verhindert oft, dass Menschen zueinander finden, etwas, das man gerade heute wieder sehr stark erlebt. Ich wünschte mir, man könnte sich mehr auf humanistischer Basis begegnen. Eine Gesellschaft sollte Grundwerte haben, die gelten, egal, welcher Religion man angehört. Im „Wechselbälgchen“ gibt sich der Pfarrer als moralische Instanz und handelt aber alles andere als moralisch. Wie er von Gerechtigkeit und Sünde spricht, enttarnt seine aus heutiger Sicht sehr bornierte Gedankenwelt.

MM: Die Erzählung ist 1945/46 entstanden. Da spielt sehr stark der faschistische Begriff des Entartet-Sein hinein, das von den Nazis so beschriebene „unwerte Leben“. Wie macht man so ein Stück nicht zur Mahnwache?

Biedermann: Wir sind zwar 70 Jahre weiter, aber wir versuchen nicht die Handlung äußerlich in die Gegenwart zu verlegen. Die Kostüme beispielsweise erinnern eher an vergangene Zeiten. Aber es gibt auch heute durchaus Gestalten, die so funktionieren wie die Personage in der Erzählung, vor allem in ihrer engstirnigen Sicht auf Gott und die Welt, in ihrer Angst vor allen, die „anders“ sind, oder von denen sie vermuten, dass sie es sind. Da hat sich die Menschheit nicht sehr weiterentwickelt. Es gibt eine große Scheu, ja sogar Furcht vor dem Fremden.

MM: Kannten Sie die Lavant vor dieser Arbeit?

Biedermann: Sie ist für mich neu – und ich bin von ihrer Erzählkraft fasziniert. Ich verstehe nicht, wie ich ihr nicht früher begegnen konnte. Ich hoffe, dass in Zukunft noch viel mehr von Christine Lavant zu lesen und zu sehen sein wird. Diese Produktion, die Bühnenfassung ist von Maja Haderlap, geht ja vom Volx in die Bezirke, aber wir werden sie auch im Haupthaus zeigen.

MM: Wenn man Ihre Biografie liest, Wurzeln in Ungarn, geboren in Frankreich, aufgewachsen in Portugal und Deutschland, würde man Ihnen unterstellen, Sie sind Europäer.

Biedermann: Das ist ein Geschenk, weil Europa sehr reich an verschiedenen Kulturen ist, und ich in einigen davon zu Hause bin. Zudem habe ich das Glück, mich frei in ihnen bewegen zu können. Als meine Eltern jung waren, war das anders. Sie mussten erst heiraten, damit meine Mutter aus Ungarn zu meinem Vater nach West-Deutschland konnte. Ich hoffe, dass meine Generation die innerhalb Europas errungene Freiheit nicht aufs Spiel setzt.

MM: Sind Sie im Sinne eines wieder erstarkenden Nationalstaatsgedanken in Sorge um Europa?

Biedermann: Ich finde heute vieles sehr befremdlich. Es ist wichtig, dass sich die Menschen auf ihre Traditionen besinnen, dass Sprachen und Dialekte gepflegt werden, dass regionale Bräuche gelebt werden. Diese Vielfalt ist in Europa absolut notwendig. Das bedeutet aber nicht, dass man in das kleine Denken zurückfallen darf, in dem nur richtig und wichtig ist, was einen unmittelbar umgibt. Mich erschreckt was derzeit vorgeht, vor allem in Osteuropa. Mich erschreckt, dass man dermaßen das Vertrauen in die Nachbarn verloren hat. Eigentlich war ich der Auffassung, dass man über die Jahre, die man bisher in Europa vereint war, genug voneinander gelernt haben könnte, um sich gegenseitig zu respektieren. Auch Ungarn hatte in den 1990-Jahren nach Öffnung des Eisernen Vorhangs eine schöne freiheitliche Phase. Dann kam aber die Enttäuschung über den ausbleibenden wirtschaftlichen Fortschritt sowie zunehmende Arbeitslosigkeit. Da waren viele Wähler plötzlich bereit, sich wieder in den Abgrenzungsgedanken zu begeben, nicht die europäische Vielfalt zu leben, sondern in „urzeitliches“ Denken zurückzufallen.

MM: Die, die von linken Regimen geknechtet waren, schließen sich nun rechts an.

Biedermann: Menschen ändern ihre Meinung. Auch manche linke Ideologen klingen dieser Tage verdächtig rechts. Solche Entwicklungen gibt es in etlichen Biografien, das ist auch nichts Neues. Jeder hat das Recht, seine politische Meinung zu ändern. Schade ist nur, wenn man dabei die anderen aus den Augen verliert. In diesem Sinne besteht Gefahr für Europa. Es ist ja leider auch zu lange als institutionalisierter Apparat aufgetreten, fernab von den einfachen Belangen der Europäer.

MM: Ihre Mutter Journalistin, Ihr Vater Lehrer, Sie Schauspieler – das ist eine logische Folge, denn alles drei sind pädagogische Berufe.

Biedermann: Schön, dass Sie das so sehen. Ich glaube tatsächlich, dass Theater einen Bildungsauftrag hat. Deswegen finde ich auch den Dialog mit den Zuschauern spannend. Was nehmen sie aus einem Theaterabend mit? Für mich ist mein erstes Stück in Wien, „Der Marienthaler Dachs“, diesbezüglich eine wesentliche Erfahrung gewesen. Es geht um Arbeitslosigkeit, sehr aktuell, es kann alle betreffen, und die Zuschauer diskutieren nach den Vorstellungen in der Roten Bar oft auch noch sehr intensiv darüber. Wir haben am Volkstheater einen Spielplan, der sich nicht der reinen Pflege der Kunst und der Ästhetik verschreibt, sondern auf kunstvolle und ästhetische Weise politische Themen angehen und den Leuten die Augen öffnen will. Und im besten Fall gehen die Leute raus und nehmen etwas mit auf ihren Weg.

MM: Und um nun die Brücke zum „Wechselbälgchen“ zu bauen: Was wollen Sie da mitgeben?

Biedermann: Wie ich vorher über die Angst vor dem Fremden sagte: Mir fehlt der liebevolle Blick aufeinander, der es ermöglicht das Fremde nicht von sich wegzustoßen, sondern herzuziehen und näher zu betrachten, damit es nicht mehr ganz so fremd ist. Wir gehen mit dieser Produktion für das Volkstheater in den Bezirken sicher einen neuen Weg. „Das Wechselbälgchen“ ist keine leichte Kost, aber wenn unsere Arbeit gelingt, ist sie eine Einladung, sich mit dem Wesen des Menschen zu beschäftigen. Die Zuschauer werden hoffentlich ein Stück erleben, das sie berühren wird, ein Stück, das sie sicher nicht kalt lassen wird.

www.volkstheater.at

Über Christine Lavant: www.mottingers-meinung.at/?p=14452

Maja Haderlap am Theater: www.mottingers-meinung.at/?p=14710

Wien, 2. 12. 2015

Akademietheater: Engel des Vergessens

September 12, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

Elisabeth Orth (Großmußtter), Gregor Bloéb (Vater), Alina Fritsch (Ich 1) Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Elisabeth Orth (Großmußtter), Gregor Bloéb (Vater), Alina Fritsch (Ich 1)
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach dem Volkstheater (Rezension „Fasching“ www.mottingers-meinung.at/?p=14584) behandelt nun auch das Akademietheater zu Saisonbeginn ein wichtiges Stück Zeitgeschichte in Form eines für die Bühne adaptierten Romans: Regisseur Georg Schmiedleitner zeigt die von Autorin Maja Haderlap und ihm selbst angefertigte Dramatisierung ihres Buchs „Engel des Vergessens“. Ihr autobiografisch grundierter Debütroman wurde 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichnet. Haderlap schreibt aus sehr persönlicher Sicht über die Nachwehen des Partisanenkampfs der Kärntner Slowenen im Dritten Reich. Ein Österreich-Kapitel, bei dessen Aufarbeitung sich die Republik nicht mit Ruhm bekleckert hat. Noch heute fehlt die flächendeckende Anerkennung dieser Widerstandsbewegung, noch heute gibt es Schriften, die stattdessen den „Terror der Titoschergen“ anprangern dürfen – Schmiedleitner zeigt das in einer stilisierten Stammtischstreiterei mit gegenseitigen Zuweisungen der Schuld am Massaker auf dem Peršmanhof in Bad Eisenkapp/Železna Kapla, wo nachweislich die Nazis wüteten. Heute ist im Haus ein Gedenkmuseum (www.persman.at) eingerichtet, das das Ensemble vor der Premiere besuchte.

Haderlap und Schmiedleitner haben aus der poetischen, reflexiven, kaum Dialoge bietenden Coming-Of-Age-Ich-Erzählung einen vielstimmigen Chor gemacht. Verschobene Zeitebenen führen dessen Erinnerungen zusammen. Licht- und akustische Effekte fördern die Intensität der kammerspielartigen Szenen, in schreckgespenstischer Düsternis gehen hier die Toten und die Untoten um. Schmiedleitner gelingen eindrückliche Bilder. Die Live-Musik von Matthias Jakisic interpretiert dazu Partisanenlieder im Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Stil. An machen Stellen ist man von der Wucht der Inszenierung wie erschlagen. Das ist gut so. Wie schon Anna Badora teilt auch hier der Regisseur die Hauptfigur auf zwei Akteure auf. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind „1“ und „2“ eines Ichs, das inmitten der Albträume der (Familien-)Geschichte steht, zwei von der Tragödie des Vaters in die Mitleidenschaft Gezogene; der jüngeren wird sein Trauma als Erbe aufgelastet, die ältere will, weil darob nicht zer-, ergo aufbrechen, sie fordert ein Morgen ein. Sie muss sich befreien von diesem Menschenschlag, der in der Vorhölle der eigenen Scholle schmort. Doch auf dem Boden der Vergangenheit ist Zukunft ein Leichtgewicht. Beide Schauspielerinnen spielen das stark, ergänzen ihre Leistungen vor und in dem von Volker Hintermeier zusammengenagelten Bretterverschlag, der die Kärntner Wälder symbolisiert. Die angedacht bäuerlichen Kostüme stammen von Su Bühler.

Gregor Bloéb brilliert als Vater. Themengeschult (er ist an der Josefstadt in der Wiederaufnahme von Felix Mitterers „Der Boxer“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581) ist seine Darbietung vielleicht am atemberaubend authentischsten. Der Vater wurde mit zehn Jahren von der SS gefoltert, um den Aufenthaltsort des Partisanengroßvaters zu verraten. Vom Menschen blieb ein trauriger Clown. Er hat sich in der Geschichte verloren, versteckt sein Tiefverwundetes in rohem Aufbegehren, in Kraftlackelei, ist einerseits in seinem Leid ein Berserker, als Dauersuizidler ein Familientyrann, andererseits ein Gut- und Übermütiger, der an seinem Motorradskelett herumschraubt. Sein Schicksal scheint ihm im Vergleich zu anderen schlimmeren Schicksalen klein, und dennoch zerfleischt er sich um die Anerkennung seines Überlebthabens. Mit seiner zupackenden Art Rollen anzugehen, ist Bloéb ein Naturereignis. Dabei hat er’s nicht leicht gegen die beiden Ravensbrückerinnen. „Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, sagt Elisabeth Orth als Großmutter an einer Stelle. In Sippenhaft genommen hat sie das KZ überlebt. Ihre Enkelin wird ihr die Erinnerung daran als Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Orth ist ein Kraftfeld, das die Inszenierung an sich zieht. Mit grimmigen Humor gestaltet sie den Triumph einer ertrotzten Existenz, spielt eine schelmische Mystikerin mit festem Glauben an das Vaterunser und den 8. Mai. Noch auf dem Totenbett erteilt sie letzte gute Ratschläge. An diesem und diesen wird Petra Morzé, als Mutter bis dahin in Desillusionierung über ihr Leben auf Distanz gegangen, schließlich zusammenbrechen. In Vorahnung, dass nun alle Last ihr eigen ist, dass ihr kein Aufstieg aus dem Kellerabteil des Hauses Österreich in seine für andere bereits hellerleuchteten Oberräume beschieden sein wird.

Rudolf Melichar, Michael Masula, André Meyer – er ist unter anderem des Vaters Bruder – und Sven Dolinski schlüpfen mit viel Engagement in die Joppen verschiedenster Eisenkappler. Gleichsam als Gegengewicht zur oben beschriebenen Stammtischszene gestaltet Schmiedleitner mit ihnen auch eine slapstickhafte Suche mittels riesiger Antenne nach dem besten Empfang eines slowenischen Fernsehkanal. Es ist letztlich eine Suche nach Identität, ortstafelschildert das Fremderbleiben am Geburtsort. Sabine Haupt überzeugt wie stets, diesmal geht vor allem ihre ebenfalls KZ-inhaftiert gewesene Tante unter die Haut. Anders als ihre Verwandten ist sie weniger eine von der Vergangenheit Bewältigte, als eine, der das Niemals-Vergessen! zum Überlebensmotor geworden ist. Eine starke Frau. Wenn sie wütend die Stube zusammenkehrt, treibt es einem nicht nur den Staub in die Augen. Haupt setzt Helene „Jelka“ Kuhar ein eindrucksvolles Denkmal. In diesem Sinne überzeugt der gesamte Abend. Schmiedleitner zeigt, wie sich Geschichte in Familiengeschichten eingraviert, zeigt die Schmerzen einer schwerstversehrten Generation, zeigt deren Seelenverheerungen. Den eigenen Vater hat man so oder so ähnlich erlebt. Jetzt sei’s aber gut mit der Vergangenheitsbewältigung, raunt sich in beiderseitigem Einvernehmen ein Paar beim Verlassen des Theaters zu. Ja, manche würden ihn gern für sich in Anspruch nehmen, den „Engel des Vergessens“ …

www.burgtheater.at

www.haderlap.at

Mehr Burgtheater: Rezension „Der Revisor“ www.mottingers-meinung.at/?p=14630

Wien, 12. 9. 2015