Alte Donau: Musicalstar Maya Hakvoort lädt zu den „Floating Concerts“

Juli 17, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der ersten schwimmenden Konzertbühne der Welt

Das Premierenensemble mit Maya Hakvoort und Kapitän Martin Mai: David e Mia, Iris Camaa Trio, Vienna Strings, Einfach Flo, Wietske van Tongeren, Lisa Antoni, André Bauer, Andreas Steppan, Ramesh Nair und Pianist Martin Wöss. Bild: Katharina Schiffl

Am Abend des 15. Juli ist die erste schwimmende Konzertbühne der Welt auf der Alten Donau in See gestochen. Musicalstar Maya Hakvoort holt als künstlerische Leiterin bekannte Musikacts in die Donaustadt, die zur Premiere ein Potpourri zum Besten gegeben und damit die Saison 2021 eingeläutet haben – aufgetreten sind Ramesh Nair, Lisa Antoni, Andreas Steppan, Wietske van Tongeren, die Vienna Strings, David e Mia, Einfach Flo, André Bauer sowie Iris Camaa und natürlich Maya Hakvoort.

An insgesamt 28 Abenden wird bis 15. September Musik aus den Genres Musical, Pop, Klassik und Swing geboten. Der „Konzertsaal“ setzt sich aus den verschiedenen Booten der Meine-Insel Bootsvermietung zusammen: www.meine-insel.at

Bild: © Sophie Scala

Bild: © David Bitzan

Panoramafoto mit den Vienna Strings. Bild: © Katharina Schiffl

Bereits in den vergangenen Jahren hat Bootsbauer  Martin Mai einzigartige Events aufs Wasser gebracht. Konzerte, Kabarettabende, Yogaeinheiten und andere Veranstaltungen haben auf der Alten Donau stattgefunden und für Aufsehen gesorgt. Möglich macht das eine Oktagon-Plattform, an die die Insel- und Sofaboote andocken. Als „Schubverband“ mit Platz für 84 Personen werden sie bei den Floating Concerts gemeinsam bewegt. „Nach dieser langen Kulturpause sehnen wir uns alle nach einem Programm der Extraklasse, das wir dank Maya Hakvoort heuer bieten. Ein einmaliges Akustikerlebnis und die einmalige Atmosphäre am Rande der Stadt, aber dennoch mitten in Wien sorgen für ein gelungenes Urlaubsfeeling“, so Martin Mai.

Neben dem stylishen Aussehen der fahrenden Eilande beeindruckt vor allem die Bauweise, denn alle Boote entspringen einem clever durchdachten Nachhaltigkeitskonzept. Strukturschaum aus recycelten PET-Flaschen bildet die Plattform, statt Glasfasern kommen Hanffasern zum Einsatz.

„Als mir Martin Mai 2020 von seinen Inselbooten und seinem schwimmenden Konzertsaal erzählte, war ich sofort Feuer und Flamme für dieses außergewöhnliche Projekt“, ergänzt Maya Hakvoort. Das Gleiten über das Wasser, die wunderschöne Musik, die untergehende Sonne und die Lichter der Stadt, machen die Floating Concerts zu einzigartigen romantischen Abenden, die man mit allen Sinnen erlebt. Während man mit fast 90 Personen über die Alte Donau gleitet, ist man seinem Publikum sehr nahe – ein wunderschönes Gefühl. Liebhaber der verschiedensten Musikgenres kommen auf ihre Rechnung – von Klassik bis Musical, von Swing bis zu portugiesischer Musik und vom Wiener Lied bis zu lateinamerikanischen Rhythmen. Es ist für alle etwas dabei“.

Lisa Antoni. Bild: © Katharina Schiffl

Zuseher vom Ufer … Bild: © Katharina Schiffl

… und auf anderen Inseln. Bild: © Sophie Scala

Maya Hakvoort. Bild: © Katharina Schiffl

Freuen darf man sich unter anderem auf: Maya Hakvoort & Martin Wöss: „Ich gehör nur mir: Die Kaiserin lädt ein“, Annemieke van Dam & Wietske van Tongeren: „The unDUTCHables”, Tini Kainrath & Fagner Wesley mit den selbst komponierten Wienerliedern „Im Woid am See“, Sandra Pires & Mario Berger mit den portugisieschen Melodien „Canto de Alegria”, extravangante Klassik vom Yury Revich Quartett: „Green music”, Lisa Antoni: „Tonight, Tonight”, das Shlomit Butbul 4tett mit „Wo Liebe ist, wird Frieden sein“, Ramesh Nair: „Fly me to the moon” und auch Andreas Steppan swingt.

Termine und Online-Buchung: www.meine-insel.at/floating-concerts

17. 7. 2021

Die Albertina öffnet am 27. Mai ihre beiden Häuser

Mai 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

The Beginning reloaded

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Endlich ist es so weit! Die Albertina öffnet am 27. Mai nicht nur ihr Stammhaus am Albertinaplatz, sondern auch die Albertina Modern im Künstlerhaus. Die Ausstellung zum dortigen Opening „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet mit 400 Kunstwerken erstmals einen Überblick über die Kunst Österreichs in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne – vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien kennzeichnenden gesellschafts- kritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © Alfred Hrdlicka-Archiv

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neue Abschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38755

Wilhelm Leibl: Das Mädchen mit der Nelke, um 1880. © bpk / Staatl. Kunsthalle Karlsruhe / Annette Fischer / Heike Kohler

Daniel Hopfer: Tod und Teufel überraschen zwei Frauen, 1500–1510. The Metropolitan Museum of Art, New York

Da es außerdem gelungen ist, von allen Leihgebern die Zustimmung zu einer Verlängerung der im März bereits nach zwei Wochen geschlossenen Ausstellungen im Stammhaus zu erhalten, kann die Albertina im Sommer die Retrospektive über den wichtigsten Maler und Zeichner des deutschen Realismus, „Wilhelm Leibl. Gut sehen ist alles!“, mehr über die Schau: www.mottingers-meinung.at/?p=37602, ebenso zeigen wie die Geschichte der frühen Radierung von Dürer bis Bruegel, mehr über die Schau: www.mottingers-meinung.at/?p=37976.

Während der Schließung wurden auch die Schausammlungen der klassischen Moderne neu aufgestellt, in denen nun die Sammlung Batliner einen Dialog mit erstmals gezeigten Hauptwerken von Kandinsky bis Picasso aus der Schweizer Sammlung Othmar Huber eingeht. Die Schausammlung an Kunst der Gegenwart wurde um wichtige Gemälde amerikanischer Kunst erweitert.

www.albertina.at

23. 5. 2020

Die Albertina öffnet am 27. Mai ihre beiden Häuser, das Kunsthistorische Museum startet zu Pfingsten

April 23, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

The Beginning reloaded & Pay As You Wish

Christian Ludwig Attersee: Torte mit Speisekugeln und Speiseblau, 1967. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Bildrecht, Wien, 2020

Endlich ist es so weit! Die Albertina öffnet am 27. Mai nicht nur ihr Stammhaus am Albertinaplatz, sondern auch die Albertina Modern im Künstlerhaus. Die Ausstellung zum dortigen Opening „The Beginning. Kunst in Österreich 1945 bis 1980“ bietet mit 400 Kunstwerken erstmals einen Überblick über die Kunst Österreichs in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Schau präsentiert die wichtigsten Positionen an der Schwelle zur Postmoderne – vom Wiener Phantastischen Realismus über die frühe Abstraktion, den Wiener Aktionismus, die kinetische und konkrete Kunst sowie die österreichische Spielvariante der Popart bis zu dem für Wien kennzeichnenden gesellschafts- kritischen Realismus. Gemeinsam sind den Künstlerinnen und Künstlern dieser Zeit die radikale Ablehnung von Autorität und Hierarchie.

Die Kritik an der Verdrängung vergangener Schuld und die kompromisslose Zurückweisung eines reaktionären Kunstverständnisses, das weit über 1945 hinaus in Österreich als Ideal gilt. Gegen dieses Ideal verstoßen die Schreckensbilder des frühen Ernst Fuchs, Anton Lehmden und Rudolf Hausner. Die Wiener Aktionisten von Otto Mühl bis Günter Brus und Hermann Nitsch spielen darauf an, während die Abstrakten, Wolfgang Hollegha und Markus Prachensky dagegen anmalen. Die gesellschaftskritischen Realisten von Alfred Hrdlicka über ReimoWukounig bis Gottfried Helnwein verfluchen dieses Ideal und Wiens Speerspitze der Art Brut von Franz Ringel bis Peter Pongratz verspottet es.

Aber auch die Künstlerinnen, die ab den späten 1960er-Jahren den Konflikt der Geschlechter zum Ausgangspunkt ihrer widerständigen Kunst machen, bekämpfen das reaktionäre Ideal. Die Aktionistin VALIE EXPORT und die spätere feministische Avantgarde, von Renate Bertlmann und Friederike Pezold bis Birgit Jürgenssen und Karin Mack, sind es nicht nur leid, sich von Männern repräsentieren und darstellen zu lassen. Sie beziehen auch Position gegen ein Männerbild, das immer noch von den Geschlechterrollen, Zwängen und Tabus des Austro-Faschismus und Dritten Reichs bestimmt ist.

VALIE EXPORT: Aktionshose: Genitalpanik, 1969/2001. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2020

Alfred Hrdlicka: Hommage à Sonny Liston, 1965. Wien Museum © A. Hrdlicka-Archiv

Maria Lassnig: Woman Power, 1979. Albertina, Wien –The Essl Collection © Maria Lassnig Stiftung / Bildrecht, Wien, 2020

So ergibt sich für diese Ausstellung eine Epochengrenze, die über die Besatzungszeit hinausreicht, und der erst mit den 1980er-Jahren ein anderer, ein neuer Abschnitt der Kunstgeschichte gegenübersteht. 2021 wird mit „The Eighties“ dieser neue Abschnitt ebenfalls zum Gegenstand einer großen Ausstellung in der Albertina Modern … weiter auf: www.mottingers-meinung.at/?p=38755

Da es außerdem gelungen ist, von allen Leihgebern die Zustimmung zu einer Verlängerung der im März bereits nach zwei Wochen geschlossenen Ausstellungen im Stammhaus zu erhalten, kann die Albertina im Sommer die Retrospektive über den wichtigsten Maler und Zeichner des deutschen Realismus, „Wilhelm Leibl. Gut sehen ist alles!“, mehr über die Schau: www.mottingers-meinung.at/?p=37602, ebenso zeigen wie die Geschichte der frühen Radierung von Dürer bis Bruegel, mehr über die Schau: www.mottingers-meinung.at/?p=37976.

Während der Schließung wurden auch die Schausammlungen der klassischen Moderne neu aufgestellt, in denen nun die Sammlung Batliner einen Dialog mit erstmals gezeigten Hauptwerken von Kandinsky bis Picasso aus der Schweizer Sammlung Othmar Huber eingeht. Die Schausammlung an Kunst der Gegenwart wurde um wichtige Gemälde amerikanischer Kunst erweitert.

Wilhelm Leibl: Die Dorfpolitiker, 1877. KM Winterthur, Stiftung O. Reinhart © SIK-ISEA, Zürich, Lutz Hartmann

Daniel Hopfer: Tod und Teufel überraschen zwei Frauen, 1500–1510. The Metropolitan Museum of Art, New York

Kunsthistorisches Museum: Museum für alle – Pay As You Wish

Das Kunsthistorische Museum startet Ende Mai zu Pfingsten. Museen müssen offen sein – wann immer es geht. Wir freuen uns sehr, dass wir aufgrund der ermutigenden Covid-19-Prognose und den positiven Signalen aus der Politik bereits zu Pfingsten Ende Mai wieder öffnen können. Als besondere Willkommens-Geste begrüßen wir unsere Gäste im Juni mit der Aktion „pay as you wish“: Damit kann jeder und jede die Höhe des Eintrittspreises selbst bestimmen“, so Generaldirektorin Sabine Haag in einer Aussendung.

Wichtig sei jetzt, so Haag weiter, Planungssicherheit darüber zu erlangen, wie der Museumsbesuch vonstatten gehen darf, wieviel Platz jeder braucht, um sich nicht anstecken zu können, wie viele Menschen in einem Saal sein dürfen. Die finanzielle Seite zeigt sich gleichermaßen unsicher. Die Einnahmen des bisher wirtschaftlich erfolgreichen Museumsverbands sind von einem Tag auf den anderen auf null gefallen. Fixkosten wie Miete, Instandhaltung, Restaurierung, Bewahrung und Wartungskosten laufen freilich unverändert weiter. Nun hofft man auf eine verbindliche Zusage der dringend benötigten finanzielle Absicherungen seitens der Politik.

Wenn sich alle Ungewissheiten aus der Welt schaffen ließen und die Öffnung auch aus wirtschaftlicher Sicht verantwortungsvoll vorgenommen werden kann, wäre das für Sabine Haag ein großer Lichtblick, denn: „Wir vermissen den Museumsbetrieb und unsere Gäste sehr.“

www.albertina.at           www.khm.at

23. 4. 2020

Mai Jia: Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong

Oktober 1, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Genie und Wahnsinn

Das verhaengnisvolle Talent des Herrn Rong von Jia Mai

Das verhaengnisvolle Talent des Herrn Rong von Jia Mai

Mai Jia ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller im heutigen China: Er ist der meistverdienende Autor des Landes, seine Bücher sind alle Millionenbestseller, alle Romane wurden oder werden verfilmt. Er hat fast jede wichtige Auszeichnung bekommen, und gilt als der Wegbereiter der chinesischen Spionageliteratur – indem er Spionage, Kryptographie, Spannung, Drama, historische Themen und Metafiktion kombiniert. „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ war der vielleicht erste literarische Thriller Chinas, der die Spannung und die Plotwendungen des Kriminalromans mit der Figurencharakterisierung und den Erzähltechniken anspruchsvollerer Literatur verband. Jetzt liegt sein Roman endlich in deutscher Übersetzung vor (2002 bereits in China erschienen). Wer allerdings Einblicke in die tatsächliche Arbeit eines Kryptoanalytikers oder Spions zu finden sucht, wird diese in „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ vergeblich suchen. Aber das tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Der chinesische Autor konzentriert sich – zusammen mit einem spannenden Plot – auf die Psychologie, die Gedankenwelt und die Träume seines Protagonisten Rong Jinzhen. Es gelingt ihm meisterhaft das rätselhafte Leben eines tragischen Genies einzufangen und mit großem epischen Atem in all seinen Facetten darzustellen.

Alles beginnt in China Ende des 19. Jahrhunderts mit Großmutter Rong. Um die Kunst der Traumdeutung zu erlernen (wie in den alten chinesischen Gerichts-Erzählungen gelten Träume als Schlüssel zur Wahrheit), schickt die Matriarchin ihren Enkel ins Ausland – und dieser kommt als moderner Mann wieder. Aus der Salzhändlerdynastie Rong wird eine Familie von Mathematikern, in die, einige Generationen später, Jinzhen hineingeboren wird. Ein Junge, der anders ist als alle anderen, sowohl körperlich (mit seinem übergroßen Kopf) als auch geistig. Er wächst einsam auf, versunken in seiner eigenen Welt, und ist in der Lage, das zu sehen, was andere nicht sehen: Er ist ein mathematisches Genie und wird im China der 1920er-Jahre vom polnischen Juden und Austauschprofessor Lisewicz unterrichtet. Was Jinzhen nicht weiß: Lisewicz ist ebenfalls ein Mathematikgenie, veröffentlicht im Geheimen antikommunistische Tiraden unter dem Namen Georg Weinacht. Zudem arbeitet er als verdeckter Analyst im Heeresnachrichtendienst sowohl für Israel als auch für „Land X“, ein Codename für die USA. Jinzhens akademische Laufbahn wird 1956 abrupt beendet, als die längst an der Macht befindlichen Kommunisten ihn für den Geheimdienst rekrutieren und in ein abgeschottetes Regierungsreferat (Einheit 701) versetzen, das sich der Kryptologie widmet. Dort ist man seit Jahren vergeblich damit beschäftigt, den Code PURPUR, ein Verschlüsselungssystem, zu knacken. Dem jungen Genie gelingt das Unmögliche, ohne zu wissen, dass sein Mentor Lisewicz den Code geschaffen hat. Jinzhen wird „Held der Revolution“ und die dankbare Partei ist ihm auch bei der Partnersuche behilflich. Doch er ist alles andere als glücklich. Egal was er sagt oder tut, er wird beobachtet und alles wird dokumentiert. Erst spät muss er erkennen, dass nicht seine Person geschützt werden soll, sondern lediglich die Staatsgeheimnisse, die in seinem Kopf gespeichert sind. Sein Geist verfinstert sich.

Mai Jia taucht in die Geisteswelt dieses Menschen ein, der am schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn wandelt. Mehr und mehr zieht er sich in sich zurück, seine sozialen Bindungen verkümmern, bis schließlich – er ist mittlerweile 37 Jahre alt – ein neuer Code (SCHWARZ) auftaucht, noch schwerer als PURPUR. Wieder macht sich Jinzhen daran ihn zu knacken, doch dieser erweist sich als sein Untergang. Er verfällt am Schluss endgültig dem Wahnsinn. Übrig bleibt die Hülle eines Mannes.

Mai Jia hat im Gegensatz zu international erfolgreichen Autoren wie Ha Jin und Ma Jian China nicht den Rücken gekehrt. Natürlich kann man in seinem Roman aber auch Gesellschaftskritik herauslesen. Etwa als dem Regime die Sicherheit seiner Ideen wichtiger ist als die seiner Person. Doch um in China verlegt werden zu können, muss man sich arrangieren, in den Grenzen bewegen, die die kommunistische Partei festgelegt hat. Dazu musste der Autor die Geschichte auch etwas manipulieren: So konnten 1949 ausländische Personen sicher nicht ungehindert die Grenzen des Landes passieren und sich frei bewegen. Bei sensiblen Bereichen wie die Gründung der Volksrepublik China 1949 werden von der KP bevorzugte Ausdrücke wie „die Befreiung“, und „Partei“ mit „Nation“ gleichgesetzt. Andererseits scheut er sich aber auch nicht Sätze wie „Die Partei benutzt Rong Jinzhen“ zu verwenden, und von der KP gern verwendete Phrasen wie „Dienst am Volk“ oder „Großer Sprung nach vorn“ nicht vorkommen zu lassen.

Der 51jährige Autor macht noch einen Kunstgriff, um die Spannung zu steigern. Als der Roman eigentlich zu Ende ist, hängt er ein fünftes Kapitel an, das er „Schluss“ nennt. Darin gibt der Autor/Erzähler noch ein paar Ergänzungen und Nachbemerkungen zu Rongs Leben. Er bringt Auszüge aus Interviews mit dem Direktor von Einheit 701, erklärt, wer Lisewicz wirklich war, wie seine Frau Fan Lili und Yan Shi, der Entschlüssler von Code SCHWARZ, die Ereignisse erlebt haben, und wie er selbst von der Geschichte erfahren hat: Sein kranker Vater lebte schon seit längerer Zeit in einem Sanatorium, und der verrückt gewordene Rong wohnte nicht nur auf derselben Station, sondern sogar im Nachbarzimmer. „Viele Winter waren vergangen, und er hatte nicht nachgelassen, an seiner Suche nach dem Notizbuch festgehalten. Seit 20 Jahren.“

Jenes Notizbuch, das Mai Jia auszugsweise immer wieder in den Text einstreut, in einer Art Nachwort in Auszügen wiedergibt, und das Rong während einer Bahnfahrt zusammen mit den Unterlagen zu SCHWARZ in seiner Mappe entwendet wird. Rong verschwindet wie sein Notizbuch. Waren fremde Mächte im Spiel? Unterlagen und Buch tauchen wieder auf, ebenso Rong, 16 Tage später. Und immer wieder hört er die Stimme seines Notizbuches: „Das Regenwasser hat dein Notizbuch mit sich fortgespült, doch vielleicht spült es das Buch auch wieder zurück … Zurück zu dir … So vieles ist passiert, warum nicht auch das …’ Das war sein letzter Gedanke.“

Über den Autor:
Mai Jia (ein Pseudonym für Jiang Benhu), geboren 1964, ist einer der erfolgreichsten Autoren Chinas. Seine bisher sieben Romane, stets Bestseller, haben sich fünf Millionen Mal verkauft; alle seine Bücher wurden verfilmt. Die Filmrechte an „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“ hat sich 20th Century Fox bereits gesichert. Sein Werk ist mit fast allen chinesischen Literaturpreisen ausgezeichnet worden, einschließlich des renommiertesten, des Mao-Dun-Preises. Mai Jia gilt als der Begründer der chinesischen Spionageliteratur; seine Romane entsprechen jedoch nicht den westlichen Vorstellungen des Genres: Er vermischt, beeinflusst von Borges und Nabokov, Entschlüsselungskunst, Politverbrechen, historisches Setting und menschliches Drama.
Weitere Romane des Autors: „Im Dunkeln“, „Die Botschaft“ und „Windgespräch“

DVA, Mai Jia: „Das verhängnisvolle Talent des Herrn Rong“, Roman, 352 Seiten. Aus dem Chinesischen von Karin Betz

www.randomhouse.de/dva

Wien, 1. 10. 2015

Internationaler Holocaust-Gedenktag

Januar 14, 2015 in Ausstellung, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Veranstaltungen im Jüdischen Museum

und im Dschungel Wien

Lithografie: Leo Haas

Lithografie: Leo Haas

Eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2005 erklärte  den 27. Jänner offiziell zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Das Jüdische Museum Wien lädt um 17 Uhr zu einer Gedenkveranstaltung in die Dorotheergasse 11. Das Museum ist auch ein Erinnerungsort, der mit seinen Sammlungen und durch einzelne Objekte auf den Holocaust verweist. Gemeinsam wird eine Gedenkminute abgehalten und danach ausgewählte Objekte und deren Geschichte vorgestellt. Freier Eintritt für die Führung um 17 Uhr!

Die tragisch-berührende Überlebensgeschichte des jüdischen Mädchens Malka Mai – die Dramatisierung Mirjam Presslers gleichnamigen Romans unter der Regie von Nika Sommeregger; eine Produktion des teater ISKRA – hat um 19 Uhr als österreichische Erstaufführung im Dschungel Wien Premiere.

Ein Mädchen überlebt allein den Holocaust, nach einer wahren Geschichte: Malka ist sieben Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Minna und ihrer Mutter, einer Ärztin, lebt sie in einem polnischen Dorf. Ihre Mutter ist sich ziemlich sicher, dass ihnen nichts Böses geschehen wird, denn Ärzte werden immer gebraucht, denkt sie. Auch Nazis benötigen medizinische Hilfe. Doch es ist 1943 und Hanna Mai irrt folgenschwer. Sie wird von „der Aktion“ der Deutschen überrascht, flieht überstürzt mit ihren Töchtern in die Berge. Zu Fuß wollen sie nach Ungarn. Auf der Flucht aber erkrankt Malka. Ihre Mutter beschließt, Malka bei Schleppern zu lassen, die sie nachbringen sollten und geht mit Minna nach Ungarn. Die Schlepper setzen Malka auf der Straße aus und so macht sie sich alleine und völlig auf sich gestellt, auf den Weg. Sie versucht, so gut es geht, den Wahnsinn zu überleben. Schläft in Kohlekellern, auf Dachböden, ernährt sich von Abfällen, wird aufgegriffen, wieder frei gelassen, versteckt sich im Wald, wird Zeugin von Erschießungen und erkrankt erneut. Diesmal an Typhus. Überlebt auch den. Sie überlebt den Holocaust. Als sich ihre Mutter schließlich aufmacht, Malka in Polen zu suchen, ist Malka innerlich längst keine „Malka“, keine „Kleine“ mehr und nur entfernt erinnert sie sich an eine Frau Doktor, die einmal ihre Mutter war.

Ein Theaterstück über eine, unsere Geschichte. Empfohlen ab 12 Jahren.

www.jmw.at

www.dschungelwien.at

Wien, 14. 1. 2015