The Lady in the Van

Mai 18, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maggie Smith bringt ihre Bühnenrolle auf die Leinwand

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith ist The Lady in the Van. Bild: Park Circus

Maggie Smith und Miss Sheperd kennen einander seit fast zwanzig Jahren, sie waren gemeinsam schon für einen Laurence-Olivier-Award nominiert, sind zusammen in einem BBC-Hörspiel aufgetreten, nun war es Zeit, die Leinwand zu erobern. Und das tun die beiden Damen im Sturm.

„The Lady in the Van“ heißt der Film, wie auch das Theaterstück und davor der Roman, in dem die große britische Schauspielerin einmal mehr die exzentrische Obdachlose spielt, die mit ihrem Bedford Lieferwagen die Nachbarschaft im Londoner Bezirk Camden Town unsicher macht. Bezaubernd mag in diesem Zusammenhang als ein seltsames Wort klingen, lebt Miss Sheperd doch buchstäblich in ihrem eigenen Mist, doch die Smith, Darstellerin unzähliger spleeniger Gräfinnen, altjungferlicher Gouvernanten und einer verhärmten Zauberprofessorin, verleiht diesem Charakter naturgemäß einen Hauch Aristokratie. Längst ist sie ja von der Queen in den Ritterstand erhoben …

In Österreich läuft „The Lady in the Van“ am 20. Mai in ausgesuchten Kinos an, in Wien exklusiv im Filmcasino. Ein Filmstart hierzulande war vom internationalen Verleih nämlich gar nicht geplant, und es ist dem Filmcasino zu danken, dass dieses kleinodische Kammerspiel nun doch zu sehen sein wird.

„Eine beinah wahre Geschichte“ nennt Autor Alan Bennett seinen durch alle Genres wandernden Stoff. Fünfzehn Jahre, von 1974 bis 1989, lebte er Tür an Tür mit dem Original. Was mit einer kleinen Anschubhilfe für den Van begann, setzte sich mit dem vorübergehenden Zurverfügungstellen eines Parkplatzes in der Hauseinfahrt fort – und entwickelte sich zu einer Art Freundschaft, die das Leben beider veränderte. Wobei, Freundschaft. Besser gesagt richtet Miss Sheperd dem entscheidungsschwachen, lebensängstlichen Alan die Wadln viere. Nicht nur sie, auch er hat ein Geheimnis, das sich im Laufe der Handlung entschlüsseln wird, wenn sie sehr ladylike formuliert, sie verstehe durchaus den Anlass für seine nächtlichen Herrenbesuche, und Alan wird sich am Ende zu sich selbst bekennen und die Liebe finden. Rupert Thomas heißt er, ein Journalist und Bennetts Partner seit nunmehr 24 Jahren. Der Film von Regisseur Nicholas Hytner wurde in der Straße und dem Haus gedreht, in denen Bennett und Miss Sheperd jahrelang wohnten. Am Ende fährt der Schriftsteller mit dem Rad durch seinen ehemaligen Bezirk, bis zu seinem alten Domizil, wo sein filmisches Alter Ego gerade eine Gedenktafel für Miss Sheperd enthüllt. Wozu ihm die Anrainer frenetisch applaudieren.

Diese Mitwelt ist es, die Bennett mit vorzüglich britischem Humor ausstellt. In Camden Town war man damals very Bobo, und so sehr einem die alte Schrulle mit ihrem stinkenden Drecksvehikel auch auf den Nerv ging, immer lächeln, wir sind ja soo Labour. Jim Broadbent, Frances De La Tour oder Roger Allam gestalten diese per gesellschaftspolitischer Gesinnung gutmütigen Tröpfe, die Miss Sheperd gegen den eigenen Grausen mit Kuchen und anderen kleinen Geschenken über Wasser halten. Wie schön sie ist, diese Botschaft von Mitgefühl und Toleranz, denn wenn Maggie Smith mit der Würde einer Königin durchs Geschehen stapft, darf man sich keine Rüstige-Rentnerin-Klamotte erwarten.

Hinter der selbstbewussten Fassade ihrer schroffen Miss Sheperd – Zitat: „Das Wort Entschuldigung zieht nur bei Gott“ –  zeigt sie die Härte eines Lebens auf der Straße, erzählt von Altersarmut und wie es Menschen ohne Krankenversicherung geht. Jedes warum auch immer aus der Kurve getragene Leben war einmal ein besseres, sagt sie, aber das Schicksal spielt mitunter ein anderes Spiel als das erwartete – und danach ist Schuld oder Unglück nicht mehr die Frage. All das bedeutet nicht, dass „The Lady in the Van“ keine Komödie ist, im Gegenteil, es ist eben eine mit Tiefgang, doch es ist dieses zerfurchte Gesicht mit dem sarkastischen Augenzwinkern, an dem man sich eineinhalb Stunden lang festhalten sollte. Was immer man Handlung nennt, ist nämlich tatsächlich schnell erzählt.

Miss Shepherd mit Alan Bennett alias Alex Jennings. Bild: Park Circus

Alex Jennings spielt den Autor Alan Bennett. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als angetan. Bild: Park Circus

Die Nachbarn sind alles andere als amused. Bild: Park Circus

Für das meiste davon ist Alex Jennings als Alan Bennett verantwortlich. Der Schauspieler, bekannt als Prinz Charles aus Stephen Frears „Die Queen“, nunmehr mit blondem Schulbuben-Schopf dem Schöpfer seiner Figur ähnlich gemacht, changiert zwischen Ohnmacht über und unterdrückter Auflehnung gegen die neuen Zustände vor seiner Haustür. Viel zu wohlerzogen, um ein Machtwort zu sprechen, sieht er sich mit Miss Sheperds Invasion konfrontiert, die sogar, oder eigentlich im Wesentlichen, vor seiner Toilette nicht halt macht. Was intensive Schrubbmanöver zur Folge hat.

In seiner Fantasie steht er sich selbst gegenüber, das Schreiber-Ich dem Menschen-Ich, und tadelt sich für seine Gutmütigkeit, diese Zwiesprache ein schöner Kunstgriff von Autor Bennett und Regisseur Hytner. Und weil’s der alten Ladies nie genug geben kann, und des schlechten Gewissens schon gar nicht, gibt’s da auch noch seine Mutter auf dem Land, die so gerne beim Sohn einziehen möchte, und die er im Altersheim verblühen lässt, während er sich um eine Fremde kümmert …

Am Ende wird klar, warum Miss Sheperd zu der wurde, die sie ist. Eine Erklärung, die’s gar nicht gebraucht hätte, weil die Realität auch nicht für alles eine abgibt. Maggie Smith brilliert in einer Rolle, die wie auf sie zugeschnitten ist. Man muss sie einfach mögen, diese unmögliche, unfreundliche Person, die alles in Eierspeisgelb bepinselt. Und die in einer kleinen Irrationalität, aber wer weiß das schon, in Gottes Armen aufgefangen werden wird. Das letzte Wort hat der Autor: „Man sollte sich nicht zum Teil dessen machen, was man schreibt, man sollte sich darin finden“, sagt er. Zurzeit läuft sein neues Stück „Untold Stories – Hymn & Cocktail Sticks“ in der Regie von Tom Attenborough im Waterhouse Theatre. Wieder hat Alan Bennett über sein Leben geschrieben, und wieder findet das die Kritik: „warm, witty, humorous and poignant“ – warmherzig, geistreich, humorvoll und rührend.

Trailer in englischer Sprache: www.youtube.com/watch?v=OA8tMziteZM

www.theladyinthevan.de

www.filmcasino.at

Wien, 18. 5. 2016

„White House Down“ mit Jamie Foxx

September 9, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Und immer sind die armen Amis die Opfer …

Channing Tatum ("John Cale") und Jamie Foxx ("Präsident James Sawyer")  Bild: © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

Channing Tatum („John Cale“) und Jamie Foxx („Präsident James Sawyer“)
Bild: © 2012 Sony Pictures Releasing GmbH

„In Emmerich we trust“ schrieben die US-Medien nach des Schwaben jüngstem Streich. „White House Down“, aber geh‘, wieder einmal hat Roland, der Rächer, die freie Welt – oder zumindest die, die sich dafür und ihre Polizei gleich dazu halten – vor dem Bösen gerettet. Nach „Independence Day“ (da waren’s Aliens), „The Day After Tomorrow“ (da war’s die Klimaerwärmung) und  „2012“ (da war’s der Maya-Kalender) bedroht nun eine paramilitärischen Gruppe die USA. Ein Glück für Lunz am See und Schwarzau im Gebirge, dass beide solcherart von zahlreichen Begleitphänomenen wie Erdbeben, Vulkanausbrüchen und  Flutwellen, die allesamt zum Weltuntergang führen,  verschont bleiben. In „White House Down“ also wurde dem Washingtoner Polizisten John Cale (Channing Tatum) gerade sein Traumjob verwehrt, für den Secret Service als Personenschützer von Präsident James Sawyer (Jamie Foxx) zu arbeiten. Weil er seiner kleinen Tochter die schlechte Nachricht schonend beibringen will, nimmt er sie mit zu einer Besichtigungstour durch das Weiße Haus. Aus heiterem Himmel wird der gesamte Gebäudekomplex von einer Horde finsterer Jungs gestürmt und besetzt. Während die Regierung ins Chaos stürzt und allen die Zeit davonläuft, liegt es an Cale, den Präsidenten, seine Tochter und das Land zu retten. Was zu erwarten war … Das Weiße Haus fliegt natürlich -no na – in die Luft.

„Cale versucht seit Jahren sein Leben in den Griff zu bekommen. Was ihm fehlt, sind die nötigen Werkzeuge, um alles auf die Reihe zu kriegen“, sagt Tatum im Gespräch. „Aber er hat ein gutes Herz – er hat immer davon geträumt, der Held seiner Tochter zu sein. Und jetzt wird ihm bewusst, dass er das nicht sein kann, wegen der Fehler, die er gemacht hat. Er denkt: „Nun, sie bewundert den Präsidenten – wenn ich schon nicht ihr Held sein kann, dann kann ich vielleicht wenigstens denjenigen beschützen, der es ist.’“ „Zu Beginn des Films ist er vermutlich eher ein guter Kumpel als ein guter Vater“, erzählt Tatum weiter. „Er ist kein besonders gutes Vorbild – er ist niemand, zu dem man gehen würde, wenn man Rat benötigt. Aber wenn es hart auf hart kommt, dann ist er der Typ, auf den man sich verlassen kann. Er hat schon einige haarige Situationen gemeistert.“

Jamie Foxx mimt – sehr passend zur Realität – den  46. Präsident der Vereinigten Staaten, einen Mann, so Foxx, „der alles unternehmen würde, um Schaden von Amerika abzuwenden. Er ist aber auch einer, dem bewusst ist, dass man, wenn man Amerika in der heutigen Zeit beschützen will, genau wissen muss, wer der Feind ist, mit dem man es zu tun hat. Wenn man dieses Wissen nicht mitbringt und nicht weiß, wie man einen Dialog führt, dann wird sich die Situation niemals wirklich entspannen und so besteht die Gefahr, dass etwas Drastisches passieren kann.“ Foxx: „Als Präsident Sawyer gewählt wird, will er Berge versetzen. Als er schließlich im Amt ist, stellt er fest, dass es nicht ganz so einfach ist. Er muss viel Zeit mit der Politik seines Jobs verwenden. Während es Cales Ziel ist, sich selbst und seine Tochter zu beeindrucken, strebt der Präsident danach, etwas Großes zu leisten – er will etwas wirklich Präsidentschaftliches erzielen, etwas „Lincoln-haftes“. Er will, dass man sich an ihn als großen Präsidenten erinnert. Das ist also Teil des Spaßes bei diesem Film: Wir haben es mit einem ehemaligen Soldaten zu tun, der es intellektuell mit dem Commander-in-Chief aufnehmen muss, weil sie den ganzen Film über aneinander gebunden sind.“ Na, wenn das nicht lustig ist. Sagt der Spieß zur Truppe: „Rechts um! Das gilt auch für den kleinen Roten da hinten!“ Soldat: „Aber Herr Feldwebel, das ist doch ein Hydrant!“ Spieß: „Na und? Ist mir sowas von egal, was der studiert hat!“

„In dieser Situation wird der Präsident mit dem Beginn einer neuen Weltordnung konfrontiert“, erzählt Foxx über seine Figur. „Er lernt, dass die Macht des Schwertes (?, Anm. der Redaktion, wir dachten Schwerter, bei aller Liebe zur Bibel oder Rosa Luxemburg, hat der böse Islamist) nicht immer die beste Maßnahme in einer Krisensituation ist. Wir schneiden ein paar dieser politischen Themen an, aber wir wollen das Publikum nicht runterziehen.“ Völlig verständlich. Irak, Afghanistan, Syrien – man kann’s doch schon nicht mehr hören. Warum Realität zeigen, wo man dem Zuschauer mit Krachbumm ein paar unbeschwerte Stunden bescheren kann.

Maggie Gyllenhaal ist als Tatums Vorgesetzte für die Frauenquote zuständig.  Und … ? … ach ja: Das Oval Office musste wegen der Explosionsszene zwei Mal gebaut werden. Das hätte sich Bill Clinton auch gewünscht.

www.whitehousedown.de

www.sonypictures.at/filme/white-house-down/

www.whitehousedown.com/site/

Trailer: www.youtube.com/watch?v=uvx7cvJKEpM

www.youtube.com/watch?v=iXufri0Ts3c

Wien, 9. 9. 2013

Maggie Smith in „Downton Abbey“

April 5, 2013 in Film

ATV zeigt die zweite Staffel der Erfolgsserie

Maggie Smith Bild: © Carnival Film & Television Limited 2010. All Rights Reserved. ATV

Maggie Smith
Bild: © Carnival Film & Television Limited 2010. All Rights Reserved. ATV

Einen Eintrag im Guiness-Buch der Rekorde als „von Kritikern am besten bewertete Fernsehserie“ des Jahres 2011 hat man schon. Ebenso neun Emmys und zwei Golden Globes – klar, dass sowohl ein Emmy als auch ein Golden Globe an Maggie Smith ging. Längst „Dame“ und zweifache Oscar-Preisträgerin ist die Smith eine der gefragtesten Bühnen- und Filmdarstellerinnen aus Großbritannien. Was wären all die Agatha-Christie-Verfilmungen ohne sie gewesen? Oder Harry Potter? In „Downton Abbey“ spielt sie das grantige Oberhaupt der aristokratischen Crawley-Familie, das sich nicht nur mit anmaßenden Angestellten und verschrobenen Verwandten, sondern auch mit der Zeitgeschichte konfrontieren muss. Kein Wunder, dass Gräfinwitwe Violet alles andere als amused ist.

Ab 7. April, 20.15 Uhr, zeigt der österreichische Privatsender ATV nun die zweite Staffel der Kostümdramaserie: Man ist mitten im Ersten Weltkrieg angelangt. Geliebte Männer müssen an die Front, sterben oder kehren teils für immer versehrt zurück und wollen deshalb Verlobungen lösen; ein wohlgehütetes Familiengeheimnis droht gelüftet zu werden (Tod beim Koitus); und als endlich alles gut zu werden scheint, bricht die Spanische Grippe aus …

Keine Angst. Es wird Überlebende geben. Noch ist kein Ende dieser hervorragend inszenierten Unterhaltung für Freunde britischer Adelsgeschichten in Sicht: In England wurde vergangenen Semptember Staffel Nummer drei ausgestrahlt. Die beginnt mit dem Friedensvertrag von Versailles.

http://atv.at/contentset/2906039-downton-abbey

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 4. 2013