Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit

April 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Genie, zur falschen Zeit zur Welt gekommen

Das Ohr ist ab: Willem Dafoe als Vincent van Gogh. Bild: © Filmladen Filmverleih

In der Schlüsselszene des Films, es ist auch die mit dem ausführlichsten Dialog, sitzt Vincent van Gogh in der psychiatrischen Klinik Saint-Rémy-de-Provence auf einer Klosterbank einem Priester gegenüber. Dieser, dargestellt von Mads Mikkelsen, wird nach dem Gespräch entscheiden, ob der Maler geistig gesund genug ist, um die Heilanstalt zu verlassen, aber er macht kein Hehl daraus, dass er mit der Kunst des Niederländers nichts anfangen kann.

Ja, dessen Bilder sogar ausgesprochen hässlich findet. Da sagt van Gogh, selber einmal Hilfsprediger unter härtesten Bedingungen im belgischen Kohlerevier Borinage: „Gott hat mir eine Gabe gegeben. Ich kann nur malen, nichts anderes. Doch vielleicht hat Gott für mich die falsche Zeit gewählt, vielleicht bin ich ein Maler für Menschen, die noch nicht geboren sind.“ Ein Genie, irrtümlich früh zur Welt gekommen. Mit diesem Gedanken des als solches Erkannt- und Berühmtwerdens erst nach seinem Tod spielt schon der Titel „Van Gogh – An der Schwelle zur Ewigkeit“ von Julian Schnabels Film, der am Freitag in den Kinos anläuft. Dass sich ausgerechnet Willem Dafoe die Person des Pastorensohns, der sich stets nur einen „Pilger“ auf Erden nannte, anverwandelt hat, bekommt durch dessen cineastisches Vorleben als Jesus Christus eine besondere Referenz. Denn tatsächlich gibt Schnabel seinem van Gogh etwas verklärt Seherisches, wenn er sich bemüht, einen Seinszustand zu erreichen, in dem er mit den Dingen eins wird, wenn er sich die Natur aneignet, sie mit jeder Faser seines Körpers zu erspüren sucht, sie sich vertraut machen will, bevor er zu arbeiten beginnt.

Die Weizenfelder, die Sonnenblumen, die Äste und Blätter der Bäume, van Gogh wandert, die Staffelei auf den Rücken geschnallt, für seine Skizzen weite Strecken und geht dabei in der Schöpfung auf, das alles fängt Kameramann Benoît Delhomme auf so sinnliche und unmittelbare Weise ein, dass man beinah dem Gefühl erliegt, beim Anblick der Landschaftsbilder so zu empfinden wie der Künstler. Er male das Sonnenlicht, sagt Dafoes van Gogh an einer Stelle, und dasselbe lässt sich auch über Delhomme anmerken. Diese Schönheit wird konterkariert durch Szenen, die wirken, wie per Handkamera gedreht, im Gegenlicht, mit Schlieren quer über die Aufnahme, aus van Goghs Perspektive verschwommen und wie durch einen Filter gesehen.

Mit seinem Bruder Theo van Gogh: Willem Dafoe und Rupert Friend. Bild: © Filmladen Filmverleih

Van Gogh lernt Paul Gauguin kennen: Oscar Isaac und Willem Dafoe. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dazwischen immer wieder ein Zoom auf den Pinsel, der Farbe über die Leinwand wischt, der Autonomie erschafft, statt Realität zu kopieren, immer wieder van Goghs laufende Beine, als stecke man als Zuschauer in dessen Schuhen, dann als Kontrast Schwarzweiß-Fotografie oder auch solche in Grün-Gelb – Julian Schnabels Film ist ein impressionistisches Meisterwerk. Es versteht sich, dass der New Image Painter an einem konventionellen Biopic nicht interessiert war, Schnabels gemeinsam mit Lebensgefährtin Louise Kugelberg und Autorenaltmeister Jean-Claude Carrière verfasstes Drehbuch konzentriert sich auf van Goghs letzten beiden Lebensjahre.

Als er, in Paris gescheitert, auf Anraten seines Freundes Paul Gauguin nach Arles fährt. Gauguin, Vincents Bruder Theo van Gogh und schließlich der Arzt Paul Gachet in Auvers-sur-Oise sind in dieser Zeit seine wichtigsten Beziehungen. Oscar Isaac gibt einen ruppigen, angriffigen Gauguin, der van Gogh im künstlerischen Diskurs in die Enge treibt.

Wenn er dem, der wie im Fieber malt, hastig, „in einer einzigen klaren Geste“, wie er sagt, bescheinigt, seine Oberflächen seien wie Lehm. Rupert Friend spielt als Theo van Gogh dessen unendlich große Bruderliebe aus; sein Theo ist einer, der erkennt, der versteht und wertzuschätzen weiß. In der zartesten Sequenz des Films, da ist Vincent gerade wieder einmal im Irrenhaus gelandet, liegen die beiden gemeinsam auf dem Bett, umarmen und trösten einander. Mathieu Amalric schließlich schlüpft für einen Kurzauftritt in die Rolle des Dr. Gachet, und so, wie man zuvor dabei ist, wenn van Gogh sein durch drei Ölgemälde legendäres „Schlafzimmer in Arles“ einrichtet, so sieht man ihn nun das „Porträt des Dr. Gachet“ anlegen. Das Stereotyp Genie und Wahnsinn zu bedienen, hat sich Julian Schnabel versagt. In seiner Interpretation ist van Gogh ein grüblerischer, in sich versunkener Einzelgänger, der jäh in Aggression ausbrechen kann, und es so seinen Mitmenschen durchaus schwer machte.

Dafoe, und dafür in Venedig als Bester Schauspieler ausgezeichnet, gestaltet die Figur als Schmerzensmann, der sich seines Andersseins, seines Seltsam-Seins sehr bewusst ist. Sein durchlässiges Spiel lässt die künstlerische Besessenheit im bescheidenen Auftreten durchschimmern. Dass Willem Dafoe mit seinen 63 doch deutlich älter ist, als der mit 37 Jahren verstorbene van Gogh, selbst daraus macht Schnabel eine Tugend, lässt er doch in dessen zerfurchtem Gesicht sich gewissermaßen die Entbehrungen von van Goghs Leben spiegeln. (Das Ohr-Abschneiden ist übrigens ein Geräusch aus dem Off.) So viel von Dafoe, so viel Schnabel steckt auch in diesem van Gogh, als benutze der Filmemacher ihn als Folie für die Fragen über das Wesen eigenständiger Kunst und die überhöhte visuelle Wahrnehmung des bildenden Künstlers, die ihn selbst seit Jahren umtreiben.

In Auvers-sur-Oise malt Vincent van Gogh das berühmte Porträt des Doktor Paul Gachet: Willem Dafoe und Mathieu Amalric. Bild: © Filmladen Filmverleih

In den besten Momenten des Films überblenden sich die Identitäten van Gogh, Schnabel, Dafoe wie bei einer Dreifachbelichtung. In Interviews erzählt Schnabel, der Dafoe auch schon porträtiert hat, man habe in Vorbereitung auf die Dreharbeiten gemeinsam gemalt, er seinem Schauspieler gezeigt, wie man Farbe anmischt, den Pinsel führt. Das Schlussbild des Films ist an Symbolkraft nicht zu überbieten. Da liegt Vincent aufgebahrt, seine Bilder rund um den Sarg gestellt.

Und allmählich finden sich erste Interessenten, wechseln in Theo van Goghs Händen Gemälde mit Geldscheinen. „An der Schwelle zur Ewigkeit“ heißt eines aus dem Jahr 1890. Darauf sitzt ein alter Mann auf einen Stuhl und hat das Gesicht in den Händen vergraben.

www.ateternitysgate-film.com           dcmworld.com/portfolio/van-gogh

  1. 4. 2019

Mads Mikkelsen ist „Michael Kohlhaas“

November 5, 2013 in Film

VON RUDOLF MOTTINGER

Kino frei nach Kleist

Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas Bild: Polyband Medien 2013

Mads Mikkelsen als Michael Kohlhaas
Bild: Polyband Medien 2013

Diese Woche kommt „Michael Kohlhaas“ von Regisseur Arnaud des Pallières in die Kinos. Der Filmemacher verwandelte den Stoff Heinrich von Kleists in zwei aufregende Stunden, die einen Literaturklassiker ohne Fadesse mit Geschichtsunterricht verbinden und Interpretationsmöglichkeiten fürs Heute zu liefern vermögen. Das Selbstjustizdrama ist so weder Schlachten-, noch Sitten- noch Ausstattungsgemälde – sondern schlicht: spannend. Ein düsterer Historienfilm, in dem Mads Mikkelsen als Titelfigur wie aus Granit gemeiselt steht: idealistisch, stolz und selbstzerstörerisch. Des Pallières hat die Handlung in die südfranzösischen  Cevennen verlagert: Ein Mann fordert Gerechtigkeit und sein Recht: Michael Kohlhaas steht auf gegen die Lehnsherren und ihre Willkür. Im 16. Jahrhundert führt der Pferdehändler ein glückliches Familienleben mit Frau und Tochter auf dem eigenen Hof. Auf dem Weg zum nächsten Markt verlangt der Verwalter des neuen Barons ohne rechtliche Grundlage einen Passierschein. Kohlhaas muss seine zwei Rappen als Pfand zurücklassen, die er später nach schonungsloser Feldarbeit in miserablem Zustand zurücknehmen soll. Gegen dieses Unrecht reicht der ehrliche und gläubige Mann erfolglos Klage ein. Als seine geliebte Frau bei der Prinzessin um Gerechtigkeit flehen will, wird sie gar nicht zu ihr vorgelassen, sondern von ihren Untergebenen abgewiesen und lebensbedrohend verletzt. Sie stirbt an den Folgen ihrer Verletzungen in Kohlhaas‘ Armen. Untröstlich über den Verlust und voller Zorn gegen die ungerechte Obrigkeit begibt er sich gemeinsam mit seinen Getreuen und Rebellen aus der Bevölkerung auf einen Feldzug gegen die Herrschenden und hält das Land in Atem. Die Prinzessin bietet ihm freies Geleit an bis zur Wiederaufnahme der Rechtssache, wenn er die Waffen niederlegt. Kohlhaas geht auf die Bedingungen ein und schickt seine Männer nach Hause. Am Ende aber muss er für die Taten anderer büßen. Er bekommt zwar Recht, aber keine Gerechtigkeit, bezahlt seinen Kampf gegen die Obrigkeit mit dem Leben.

Heinrich von Kleists Novelle aus dem Jahr 1810 erzählt eine universelle Geschichte vom Widerstand gegen Willkür, vom Kampf des Individuums gegen Obrigkeit, ein Schrei nach Gerechtigkeit. Universelle Themen, die weit über den deutschen Sprachraum hinweg Gültigkeit haben. Der Franzose des Pallières filmt feinfühlig und fulminant. So entstand ein kraftvoller Film mit starken Emotionen und einer atemberaubenden Bildsprache (Kamera: Jeanne Lapoirie) über eine große Liebe und den ewigen Konflikt zwischen „Oben und Unten“, den nie verhallenden Ruf nach Freiheit. Dieser Michael Kohlhaas schlägt furios den Bogen zur Gegenwart mit ihrer Unterdrückung und Ungerechtigkeit und den Kampf oppositioneller Bewegungen und unterstreicht auch Stéphane Hessels Aufforderung „Empört Euch“. „Fiat iustitia, et pereat mundus“!  Der historische Hans Kohlhase wurde am 22. Mai 1540 in Berlin öffentlich durch Rädern hingerichtet.

Mit Mads Mikkelsen spielen Bruno Ganz, David Kross und David Bennent.

Interview mit Mads Mikkelsen

Was hat Sie speziell an diesem Projekt gereizt?
Ich hatte das Gefühl, das ist ein sehr radikales und sehr herausforderndes Projekt. Nicht nur wegen der Hauptfigur, sondern wegen der ganzen Geschichte. So etwas kriegt man nicht jeden Tag in unserem Beruf auf den Tisch. Eine Art des Erzählens, die sich ganz einer Idee unterwirft, einer Person. Vor meinem ersten Treffen in Kopenhagen mit Arnaud des Pallières wusste ich nichts über ihn. Weder wer er war, noch was er gemacht hatte. Zwei Stunden später wusste ich immer noch nicht mehr, aber ich war neugierig darauf, mehr zu erfahren und mit ihm zu arbeiten. Wir haben uns in einem Café getroffen. Der Großteil unserer Unterhaltung lief in Englisch ab und größtenteils mit Produzent Serge Lalou als Übersetzer. Arnaud pflegt einen merkwürdigen und sehr respektvollen Bezug zu Sprachen, obgleich sein Englisch gar nicht schlecht ist, zieht er es vor, nicht zu viel englisch zu reden. Trotzdem folgte er der Unterhaltung sehr aufmerksam, obgleich er nicht oft direkt das Wort ergriff. Was seine Einmischungen in Französisch oder in Englisch umso intensiver machte. Mir war klar, dass er sich mit diesem Film eine große Aufgabe gestellt hatte.
Wer ist dieser Michael Kohlhaas?
Kohlhaas ist eine einzigartige Persönlichkeit. Das ist nicht irgendwer, er ist nicht wie Sie oder ich. Er verlangt die einfachste Sache der Welt: Gerechtigkeit, gleiches Recht für alle. Kohlhaas ist ein Mann, dessen Ideale größer sind als er selbst, mehr zählen als sein eigenes Leben.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Erst einmal durch intensive Beschäftigung mit dem Drehbuch. Aber die wichtigste Vorbereitung ist immer der Austausch mit dem Regisseur. Ich habe ihm sehr viele Fragen gestellt und versucht, ein Maximum an Antworten zu erhalten. Und ich habe akzeptiert, dass nicht alle Fragen beantwortet wurden, bevor ich mich in die Arbeit gestürzt habe. Ich versuche immer, mich den Gedanken und Gefühlen eines Regisseurs anzunähern und seiner Vision, und nicht nur einfach der Figur, die ich verkörpere. Anlässlich meines ersten Treffens mit Arnaud hatte ich meiner Meinung nach sehr vernünftige Ideen für die Figur und Vorschläge für das Drehbuch im Gepäck. Arnaud hat sie alle weggefegt mit seinem „Nein. Nein. Nein“. Daran war ich eigentlich nicht gewöhnt. Das hat mich aber nicht einmal gestört, mich beeindruckte seine Leidenschaft und seine Begeisterung. Und dann hat er mir sofort erklärt, warum diese Geschichte genau so und nicht anders erzählt werden musste. Während der nachfolgenden Vorbereitung haben Arnaud und ich oft lange diskutiert, wir haben uns mit fast allem auseinandergesetzt. Bei den Dreharbeiten wurde dann weniger gesprochen. Es entwickelte sich eine sehr intuitive Zusammenarbeit mit immer weniger Worten. Alles war ja schon lange ausdiskutiert.
Wie führt Arnaud des Pallières Regie?
Vor der ersten Aufnahme hat er nichts gesagt. Er ließ mich einen Vorschlag machen, seine konkreten Anweisungen folgten anschließend. Das konnten wenige, aber auch mal eine ganze Reihe sein. Einige Szenen waren in drei Takes im Kasten, andere brauchten einen Tag. Wir haben beispielsweise einen ganzen Tag gebraucht für die Szene, in der Kohlhaas verzweifelt versucht, seine mit dem Tode ringende Frau zu retten. Eine sehr harte Szene für beide Schauspieler, physisch und emotional, gedreht in einer einzigen Einstellung von dreizehn Minuten. Dass wir sie immer wiederholt haben, lag nicht daran, dass etwas nicht stimmte, sondern – im Gegenteil – es gab so viele passende Optionen, die alle richtig und wunderbar wirkten, dass es einfach schwierig war, die Beste zu bestimmen. Im Spielverlauf selbst genossen wir eine große Freiheit. Und die Müdigkeit am Ende des Tages war eine gute Müdigkeit. Arnauds Arbeitsweise hat mich nicht besonders überrascht. Wir kannten uns inzwischen und jeder wusste, was er tun musste, ohne den anderen einzuengen. Die Arbeit unterschied sich nach Funktion der Szenen, war aber auch immer geprägt von einer bestimmten Art von Klarheit und Konsequenz.
Welche Szene ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?
Die, von der wir gerade gesprochen haben. Kohlhaas und seine Frau im Todeskampf. Und auch dieser unglaubliche Moment, wo ich helfe, ein Fohlen auf die Welt zu bringen. Man kann die Geburt eines Fohlens nur bis zu einem gewissen Punkt planen. Selbst zuzupacken und einen Mann zu verkörpern, zu dessen Gewohnheit und Alltag so eine Geburt gehört, ist eine andere Sache. Es gab auch nur einen einzigen Take. Pferdetrainer Sanabra, der uns lehrte, wie man richtig aufsitzt, war an meiner Seite, aber außerhalb des Sichtfeldes. Er flüsterte mir zu, was ich zu tun hatte und plötzlich war das Fohlen da, plötzlich hielt ich es in meinen Armen. Ein magischer Moment. Ich musste schon kämpfen, nicht von Gefühlen überwältigt zu sein… aber die Geburt gehörte zum Alltag von Kohlhaas und ich musste mich mit meinen Emotionen zurückhalten.
Inwiefern waren diese Dreharbeiten etwas Besonderes für Sie?
Die Pferde machten den größten Teil im Leben von Kohlhaas aus, also auch für mich. Während der Vorbereitung wohnte ich bei Sanabra und seiner Familie. Bei ihnen habe ich gelernt, mit den Pferden zusammen zu sein. Ich war von wunderbaren Pferden umgeben, in manchmal gefährlichen und verrückten Situationen, aber sie verhielten sich von Tag zu Tag besser. Ich wurde mit der Zeit geschickter und auch viel ruhiger. Arnaud war dabei. Er sprach mit uns über den Film, ich war umgeben von Schauspielern, die wie ich gekommen waren, um mit Arnaud und den Pferden zu arbeiten. Sanabra hat mir auch abends bei einem Glas Wein französisch beigebracht. Arbeitsmäßig war das eine sehr herausfordernde Zeit, die aber die schönsten Erinnerungen in mir wach ruft.
Was können wir durch Kohlhaas` Geschichte über uns selbst lernen?
Ich glaube nicht, dass ein Film uns unbedingt etwas lehren soll. Schön, wenn es der Fall ist, aber das ist nicht mein vorrangiges Anliegen, sonst wäre ich Politiker oder Lehrer geworden, nicht Schauspieler. Natürlich erzählt der Film eine Geschichte. Er zeigt, wie die Besessenheit von Recht und Gerechtigkeit auch Ungerechtigkeit und Blindheit hervorbringen kann und zeigt einen Mann, der wegen einem Ideal, das er verfolgt, alles verliert. Die Geschichte von Michael Kohlhaas ist eine philosophische Reise ins Herz des Menschen, ich hoffe, das empfinden viele Zuschauer ebenfalls.

Wien, 5. 11. 2013

Thomas Vinterberg kehrt zurück zu seinen Wurzeln

April 8, 2013 in Film

 „Die Jagd“ mit Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen

Mit seinem Film „Das Fest“ hat der dänische Regisseur Thomas Vinterberg 1998 einen viel beachteten Beitrag zum Thema Kindesmissbrauch vorgelegt, ein Thema, das auch im Mittelpunkt seines neuesten, siebten Spielfilms „Die Jagd“ steht. Vinterberg kehrt sozusagen back to the roots. Doch wählte der Filmemacher, der auch schon am Wiener Burgtheater („Das Begrabnis“, inhaltlich Teil 2 von „Das Fest“) inszenierte, diesmal eine ungewöhnliche „Täter“-Perspektive. Daraus hätte der Mitbegründer der revolutionären Dogma 95-Bewegung einen so spannenden Thriller über Schuld und Unschuld schaffen können, dass er eines Alfred Hitchcock würdig gewesen wäre. Der Master of Suspence hat das Wrong-Man-Prinzip ja gleichsam erfunden: Ein Unschuldiger wird einer Tat bezichtigt, die er nicht begangen hat, und ist den Rest des Films beschäftigt, dies zu beweisen… Vinterberg kann sich zwar auf seinen herausragenden Hauptdarsteller, Dänemarks Superstar Mads Mikkelsen („Casino Royale“) verlassen, doch ist er von Anfang an so bemüht, ihm das Ich-war’s-nicht-Zeichen aufs Hirn zu stempeln, dass Spannung, falscher Verdacht und seine furchtbaren Folgen, Psychotortur, Hexenjagd beziehungsweise jegliches „Wer Gewalt sät“ auf der Strecke bleiben.

Zum Inhalt: Ein bis dato unbescholtener Kindergärtner (Mikkelsen) wird von einem Mädchen aus Zorn des Missbrauchs beschuldigt. Kaum ist die Kleine sich ihrer Lüge bewusst, reiht sich schon Suspendierung auf Drohung auf Schläge auf Tötung des Familienhundes. Mikkelsen verwickelt sich großartig in diese Spirale des Grauens. Nur der Regisseur. Der war sich offenbar nicht sicher, ob er ein Sozialdrama oder eine Satire über den „Gedanken als Virus“ (siehe Interview) drehen wollte. So ist etwa Mikkelsens Vorgesetzte von einer derart Comic-haften Bosheit, dass sie es beinah schafft, die ohnedies schon heftige Schwarz-Weiß-Zeichnung des Plots zu sprengen. Dass der Konflikt ausgerechnet am Heiligen Abend in der Kirche (!) eskaliert, ist auch so eine Sache. Und: ACHTUNG, SPOILERALARM! In den letzten zehn Minuten springt der Film zwei Jahre in die Zukunft zu einem völlig unglaubhaften Happy-End.

Dennoch: Mads Mikkelsen, der vom sensiblen Sympathieträger zum gehetzten Außenseiter avanciert, beim Leiden zuzusehen ist ein Vergnügen; und Vinterberg hat nicht verlernt, den Finger auf die Wunde gesellschaftlicher Gewaltbereitschaft zu legen. In dieser filmischen Versuchsanordnung muss sich das Kinopublikum die Fragen und Fangfragen eben selber stellen. Das ist auch eine Kunst großer Dramen.

Interview mit Thomas Vinterberg:

Wie kamen Sie auf das Thema?

Bild: Thimfilm

Bild: Thimfilm

In einer dunklen Winternacht 1999 klopfte es an meiner Tür. Dort im Schnee stand ein renommierter dänischer Kinderpsychologe mit jeder Menge Unterlagen unterm Arm, der von Kindern und ihren Phantasien faselte. Er sprach von Konzepten wie der „unterdrückten Erinnerung“. Und – noch viel verstörender – über seine Theorie, dass „der Gedanke ein Virus“ sei. Ich ließ ihn nicht hinein. Die Unterlagen las ich nicht. Sondern ging ins Bett. Zehn Jahre später brauchte ich einen Psychologen. Ich rief ihn an und las – aus verspäteter Höflichkeit – endlich seine Unterlagen. Ich war schockiert und fasziniert. Und hatte das Gefühl, dass darin eine Geschichte steckte, die erzählt werden musste. Die Geschichte einer modernen Hexenjagd. DIE JAGD ist das Ergebnis dieser Lektüre.

Was waren die größten Schwierigkeiten, denen Sie beim Dreh gegenüber standen?

In unserem Film spielen sowohl ein Kind als auch ein Hund eine entscheidende Rolle. Normalerweise stellt das beides eine große Herausforderung dar. Aber in diesem Fall waren beide hervorragend und machten alles genauso, wie man es von ihnen verlangte. Und das mit großem Talent und ebensolcher Präzision. „Guck nach rechts und weine… Guck nach links und bell!“ Das klappte alles hervorragend. Der Effekt ist enorm berührend. Und besonders teuer ist es auch nicht. Deswegen kann ich die Arbeit mit Kindern und Hunden jetzt jedem nur ans Herz legen. Aber auch sonst verliefen die Dreharbeiten übrigens überraschend reibungslos.

DIE JAGD wurde anlässlich seiner Weltpremiere im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 2012 mit dem Preis für den Besten Darsteller sowie mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnet. Außerdem gewann der Film den Europäischen Filmpreis für das Beste Drehbuch und wurde in vier weiteren Kategorien nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Ich fühle mich geehrt, nicht zuletzt in Anbetracht der restlichen Wettbewerbsbeiträge. Ein erleseneres Programm kann man sich ja kaum vorstellen. Ein Festival wie Cannes treibt Regisseure immer zu künstlerischer Hochform an. Ohne Orte wie Cannes wäre die europäische Filmlandschaft nichts als ein zugefrorener Teich…

Was können wir als nächstes von Ihnen erwarten?

Tobias Lindholm, mit dem ich DIE JAGD und auch schon SUBMARINO („Submarino“, 2010) schrieb, und ich haben uns entschlossen, unsere Zusammenarbeit fortzusetzen. Wir sitzen gerade an einem Film, der den Alkoholkonsum feiert. Außerdem arbeite ich an einem Projekt über die wundervolle und verrückte Kommune, in der ich aufgewachsen bin, sowie an ein paar anderen Sachen.

www.diejagd-film.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 8. 4. 2013