Theater in der Josefstadt: Madame Bovary

April 14, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Zwangsjacke der Borderlinerin

Die Bovarys mal fünf sind von Rodolphe Boulanger hingerissen: Bea Brocks, Silvia Meisterle, Therese Lohner, Ulli Fessl, Maria Köstlinger und Christian Nickel. Bild: Astrid Knie

Dass Charles‘ Landarztkittel sich knapp vor der Pause in eine Zwangsjacke für Ehefrau Emma verwandelt, macht Sinn, fühlt sich die doch in ihrer Situation ausweglos gefangen und ergo unglücklich. Regisseurin Anna Bergmann (über-)dreht Gustave Flauberts Fantasien zu seiner Protagonistin. Bei ihr wird die überspannte Provinzgattin zur Borderlinerin – Bergmanns liebste Interpretation, inszeniert sie Weltliteratur-Frauenfiguren -, und die gibt es nicht nur ein Mal, sondern gleich mal fünf:

„Madame Bovary“ am Theater in der Josefstadt. Da gelingt Bergmann vor allem im ersten Teil Großes. So ideendurchtränkt ist ihre durchchoreografierte Arbeit, dass man’s teils mit fünf Sinnen gar nicht fassen kann. Was gut ist, lässt man den sechsten zu. Maria Köstlinger allen voran gestaltet die Bovary, umringt von Bea Brocks, Ulli Fessl, Therese Lohner und Silvia Meisterle. Das ist eine Frau in fünf Lebensaltern, das sind Stimmen im Kopf, eine Frau und ihre Erinnerungen und Vorausahnungen. Emma in ihrem Totenhaus immer selbst ihre Spinne Langweile, von Schatten umringt, von Anfang an ein Gespenst.

Denn erzählt wird gleichsam posthum. Bergmann setzt auf Prosa, und einen großartigen Christian Nickel als Rodolphe Boulanger als Berichterstatter ein. Er schildert das Drama bis zum Untergang, diese kurze Existenz, die er gekannt hat, der Selbstmord am Ende scheußlich und die Liebe nimmerwährend. Eindrückliche Bilder gelingen da. Ein Albtraumreigen, der sich immer schneller dreht. Emma aus Luken und über Wände kletternd, der Geliebte mit Fetischfuchsmaske, Horrorgestalten in Lack und Leder. So subtil, wie Flaubert es verdient hat, weißt Bergmann darauf hin, dass es im Roman höchst realitätsnah um sexuelle Obsession und erotomanische Fixierungen geht.

Ein unnahbares Elegiebürschchen: Meo Wulf und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Doppelbild von Heiliger und Hure: Bea Brocks und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Aggressive Bösartigkeit liegt in der Luft. Nickels Rodolphe decouvriert sich als ennuyierter Zyniker, Köstlinger, alles gebend, ist von kalter Leidenschaft, ihrer Emma Zauber, wie es geschrieben steht, ein eisiger. Selbst Meo Wulf als Léon Dupuis bleibt als Elegiebürschchen unnahbar, wenn er auf seinem Elektro-Pedalo um die Bovary kurvt. Auch das eine gelungene Übersetzung für den ersten Ritt, den die beiden original bei einer wilden Kutschfahrt haben. Noch mehr Gegenwärtiges darf sein, im zweiten Teil in zeitgenössischen Kostümen und ebensolcher Sprache. Auch das tut Bergmann gern, Figuren durch die Epochen zu deklinieren, als Zeichen fürs Nichts-ändert-Sich. Emmas Schulden werden in Euro aufaddiert.

Da haben die Darsteller die Lacher auf ihrer Seite, wenn Roman Schmelzer – ein wunderbar langweilig-gutmütiger Charles Bovary – und die Köstlinger nach der Pause in der Theaterloge sitzen, während Bea Brocks als Madonnen-Königin-der-Nacht-Mix vom Himmel schwebt, und Schmelzer seinen Charles sagen lässt, er sei bemüht, die Bühnenvorgänge verstehen zu wollen. Bergmanns Deutung der Titelrolle zwischen Heiliger und Hure, eingesperrt nicht im Mittelstandshäuschen, sondern im herrschaftlichen, krank-grünen Sanatorium (Bühnenbild: Katharina Faltner), angetan mal mit großem Gothic-Kostüm von Lane Schäfer, mal nur in der Wäsche umherkriechend. Mal am Klavier Portisheads „It’s A Fire“ singend, mal Rodolphe im Slingbett beglückend. Das Publikum dankte jedenfalls für den Assoziationsfreiraum, den ihm die Aufführung ließ, mit viel freundlichem Applaus.

Berthe als spooky Puppe ist auch keine Sympathieträgerin: Roman Schmelzer, Suse Wächter und Maria Köstlinger. Bild: Astrid Knie

Ins Wahnsinnsspiel passt auch Suse Wächter, die Berthe Bovary als Puppe führt, zu spooky für eine Sympathieträgerin, ein Hassliebeobjekt für die Mutter und Erdulderin von deren Launen, darin ganz der Vater. Siegfried Walther gibt Monsieur Homais als Laboratoriumsratte und den Lheureux als diabolischen Verführer mit Lagerfeldzopf, der Emmas Kaufrausch mit immer neuen Luxuslabeltragtaschen befeuert.

Beginnt der Abend mit Pantomime, so endet er mit leerem Raum, in dem die Worte aus dem Off hallen. Emma allein auf der Bühne, der Rest ihre Kopfgeburten. Ulli Fessl ist noch da, die nie mehr gelebt haben werdende Emma, und deklamiert in Trauerrobe den Ophelia-Monolog aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“, wird zur Frau, „die der Fluss nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern. Die Frau mit der Überdosis. Die Frau mit dem Kopf im Gasherd …“ Dass Bergmann damit der Bovary pathologisches Betragen in den Schmerz der Welttragödie steigert, schafft deren Hysterie eine Bedeutsamkeit, die angesichts des 20. Jahrhunderts überzogen scheint. Dies als Fußnote nach einem Dreistundenabend, der ansonsten überzeugte.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=ftf7DJJ04cU

www.josefstadt.org

  1. 4. 2018

Die Schüler der Madame Anne

November 2, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Shoah als Lehrstoff für Muslime

Nicht allen Schülern gefällt der Unterrichtsstil der mutigen Madame Anne (Ariane Ascaride) Bild: © Thimfilm

Nicht allen Schülern gefällt der Unterrichtsstil der mutigen Madame Anne (Ariane Ascaride)
Bild: © Thimfilm

Filme über unerschütterliche Lehrer in Problemklassen erfreuen sich seit Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ großer Beliebtheit. Das ist so, weil man, wie angesichts unzählbarer Ärzte-Fernsehserien, wohl denkt, so einen hätte man auch gern gehabt. Einen, der an das Gute im Menschen glaubt, auch wenn dieser Mensch gerade Kaugummi kaut. Ein engagierter, einfühlsamer Lehrer kann quasi ein Leben retten. Wege aufzeigen und die Mittel vermitteln, diese zu beschreiten.

Mit „Die Schüler der Madame Anne“ von der französischen Regisseurin Marie-Castille Mention-Schaar kommt am 6. November ein solcher Film in die Kinos. Erzählt wird die Geschichte der Lehrerin Madame Anne (Ariane Ascaride), die sich nicht vom Desinteresse und der Aggressivität ihrer Schüler, von deren kulturellen und persönlichen Konflikten beirren lässt, und der es so gelingt, zu den Jugendlichen vorzudringen. Ein schönes Schulmärchen. Allerdings ein tatsächlich geschehenes.

Die sechste Klasse im Pariser Vorstadt-Lycee Leon Blum ist eine Bande aufsässiger, schwätzender Störenfriede. Schulalltag heißt hier Strafkolonie. Madame Anne regiert mit harter Hand und hantiger Stimmlage. Sie hat eine klare Regel, die besagt: In der Multikulti-Klasse weder Kreuz noch Kopftuch. Es ist nicht leicht diese Schüler unterschiedlichster Herkunft für irgendetwas zu begeistern. Madame Anne meldet die Klasse zum „Nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation“ an. „Wieso geht es ständig um die Juden?“, fragt ein Schüler. „Es geht um Kinder und Jugendliche in den Konzentrationslagern der Nazis“, sagt Madame Anne. Und so beschäftigt man sich erst widerwillig mit dem Stoff. Liest über Anne Frank. Und lernt, dies die Schlüsselszene des Films, einen Zeitzeugen kennen, der als 15-Jähriger, also im Alter der Schüler, mit Vater und Bruder deportiert wurde. Als er den Buchenwald-Schwur vorträgt, den die Überlebenden am 29. Jänner 1945 auf dem Appellplatz verkündet haben, sind auf und vor der Leinwand die Dämme gebrochen … Den jüdischen Holocaustüberlebenden, diesen zentralen Auftritt, nach dem der Film den Originaltitel „Les Heritiers“ – Die Erben trägt, spielt der mittlerweile verstorbene Leon Zyguel selbst.

Auch der junge schwarze Muslim Malik, der sich im Lauf der Handlung nicht nur gegen den Druck strenggläubiger Brüder zu Wehr setzen muss, sondern sich auch in eine Mitschülerin verliebt, wird von einem gespielt, der Geschichte selbst erlebt hat: Ahmed Dramé hat aus seinem Klassenerlebnis ein Drehbuch gemacht und es Regisseurin Mention-Schaa geschickt, deren Film „Meine erste Liebe“ ihn beeindruckt hatte. „Ich war 2009 Schüler dieser Klasse. Trotz meiner recht guten Noten hatten die Lehrer entschieden, dass ich die Matura sowieso nicht schaffen würde, so wie das oft der Fall ist, wenn man nicht aus einem privilegierten sozialen Umfeld kommt. Die Begegnung mit unserer Geschichtslehrerin Madame Anglès, der echten Madame Anne, die gleichzeitig auch unsere Klassenlehrerin war, war grundlegend. Sie hat uns den Wettbewerb vorgeschlagen, anstatt uns weiter abstürzen zu lassen, obwohl der Schuldirektor dagegen war. Die Teilnahme am ,Nationalen Wettbewerb zum Widerstand und zur Deportation‘ hat mein Leben verändert, genauso wie das der anderen Schüler. Nach diesem Erfolg habe ich mich zu vielem fähig gefühlt.“, sagt Ahmed Dramé im Interview.

„Die Schüler der Madame Anne“ ist ein engagierter und sympathischer Film, für Schüler ein Plädoyer, sich niemals unterkriegen zu lassen, sondern aufgezeigte Chancen zu nützen. Für Lehrer eine Ermutigung und eine Erinnerung, ihren Job trotz aller Widrigkeiten ernst zu nehmen. Mention-Schaa erzählt mit Gespür für Jugendkultur und weitgehend ohne Peinlichkeiten von Außenseitern und Rädelsführern in einer Klasse, aber auch davon, dass man Solidarität initiieren kann. Dass der Film ein wenig pädagogisch wertvoll und streckenweise bemüht daherkommt, liegt vielleicht am Thema: Schule.

www.madameanne.de

Wien, 2. 11. 2015

Helen Mirren ist auch in der Küche die Queen

August 26, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Madame Mallory und der Duft von Curry

Hassan (Manish Dayal) und Madame Mallory (Helen Mirren) Bild: © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Hassan (Manish Dayal) und Madame Mallory (Helen Mirren)
Bild: © 2014 Constantin Film Verleih GmbH

Hassan Kadam (Manish Dayal) ist ein junger, talentierter Koch mit dem Äquivalent zum „absoluten Gehör“ – dem „absoluten Geschmack“. Die Familie Kadam verlässt ihre Heimat Indien, angeführt von Familienoberhaupt „Papa“ (Om Puri), und landet über Umwege in dem idyllischen Dörfchen Lumière im Süden Frankreichs – genau der richtige Ort, um ein indisches Restaurant zu eröffnen, entscheidet Papa. Das wiederum gefällt Madame Mallory (Helen Mirren) gar nicht: Die unterkühlte Französin ist Chefin des „Le Saule Pleureur“, einem mit dem Michelin Stern ausgezeichneten französischen Restaurant, nur wenige Schritte entfernt von dem neuen, lebhaften indischen Lokal der Familie Kadam. Und so findet Hassan sich plötzlich in einer handfesten Restaurantfehde zwischen seiner indischen Großfamilie und ihrem „Maison Mumbai“ auf der einen Seite und der alteingesessenen Madame Mallory auf der anderen Seite wieder. Bis sich Hassans Leidenschaft sowohl für französische Haute Cuisine als auch für Madame Mallorys bezaubernde Sous-Chefin Marquerite (Charlotte Le Bon) vereint mit seiner wunderbaren Gabe, die Köstlichkeiten beider Kulturen zu verbinden und Lumière mit unwiderstehlichen Aromen zu durchdringen, die selbst Madame Mallory nicht ignorieren kann. Anfangs noch Madame Mallorys kulinarischer Rivale, erkennt sie schon bald Hassans einzigartiges Talent als Koch und nimmt ihn unter ihre Fittiche…

Zugegeben, das liest sich wie das Déjà-vu sämtlicher Küchen-Drehbücher mit ein bisschen Clash of Cultures, gewürzt mit einer Prise Romantik, wäre da nicht Regisseur Lasse Hallström, der schon mit „Chocolat“ bewiesen hat, dass er mit Kneten und Rühren berühren kann. Und die wunderbare Hauptdarstellerin Helen Mirren, die als gestrenger Kuchldragoner dem Bestsellerbuch „The Hundred-Foot Journey“ von Richard Morais jeglichen Kitsch wegklopft. Steven Spielberg und Oprah Winfrey haben dieses Schauspielerkino, dem man wohl als schönstes Kompliment machen kann, dass es wie das Hollywood-Remake einer kleinen, europäischen Filmköstlichkeit schmecke, produziert.

Dass man nahezu sämtliche Wendungen der Story vorausahnt, ändert nichts an ihrer Wohltemperiertheit. Die Dialoge, im Original wechselnd zwischen Französisch und Englisch mit indischen Einsprengseln, sind pointiert und witzig, die Ausstattung ist opulent bis ins Detail und das Essen – mit einem Wort beschrieben: sinnlich. Natürlich macht sich Helen Mirren den Film zu eigen. Die Verwandlung von der eifersüchtigen Zicke zur empathischen Gönnerin meistert sie virtuos; der Grande Dame des britischen Kinos genügt eine leichte Straffung des Körpers und eine kaum sehbare Kopfbewegung, um die Emotionen ihrer Figur auszudrücken.

Was man sich am Ende des Films dringend wünscht? Fusion-Food in der Nähe. Damit nach dem Augenschmaus auch Geruch- und Geschmackssinn endlich was von der Sache haben. „Gehen Sie nicht zum Abendessen, bevor Sie den Film gesehen haben“, empfiehlt auch Helen Mirren. „Und danach essen Sie in einem schönen Restaurant.“

www.madame-mallory.de

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=Wd2uDfDFia8

Wien, 26. 8. 2014

Festspiele Reichenau: „Madame Bovary“

August 6, 2013 in Bühne

Fadesse ist ein Verführer

Mme.Bovary, Rodolphe Boulanger (Stefanie Dvorak, Michael Dangl) Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Mme.Bovary, Rodolphe Boulanger (Stefanie Dvorak, Michael Dangl)
Bild: Festspiele Reichenau, Carlos de Mello

Es war eine kurze Zeitungsnotiz, die Gustave Flaubert 1851 zu seiner Jahrhundertliebessmonzette „Madame Bovary“ inspirierte: Selbstmord der Delphine Delamare im normannischen Dorf Ry wegen langweiler Ehe mit einem Landarzt, ergo Kaufrausch, ergo Schulden. Am Ende Gift. Der berühmte französische Autor nahm die Tragödie zum Vorbild für seinen Roman. Die Zensur beanstandete weiland „die laszivität einzelner Stellen und die unmoralische Tendenz des Romans“. Schön, da will man doch mehr wissen. Bei den Festspielen Reichenau kam nun eine neue Bühnenfassung von Nicolaus Hagg über die „Sitten der Provinz“ zur Uraufführung. Eine herrliche Fassung, die es schafft, Hysterie und Hinscheiden mit Humor zu verbinden. Und mehr: Hagg fördert die revolutionären Ideen des Buches in seinem Drama zu Tage. Eine beinah moderne Ernüchterung über Beziehungen, Bruch mit der römisch-katholischen Religion, Gott ist tot – das Materielle wird zum Götzen, gleichzeitig aber auch den Aufschwung der Naturwissenschaft, der Philosophie. Rousseau, Diderot, Voltaire …

Regisseur Michael Gampe hat das Stück perfekt besetzt. Bis in die kleinste Rolle. Er setzt auf ein nuanciertes, von feiner Hand geführtes Spiel. Peter Loidolt hat für den Neuen Spielraum wieder einmal ein Bühnenbild erdacht, dass die Zuschauer auf allen drei Seiten glücklich macht. Ein Häuschen, eine Gartenbank, ein Salonsofa – der Wechsel von Innen nach Außen funktioniert im Kopf. Musik: Kyrre Kvam. Im Mittelpunkt natürlich die Bovarys. Stefanie Dvorak ist eine wunderbare Emma Bovary. Überspannt, zerstreut, ein guter Mensch eigentlich, nur durch die Wunschbilder ihrer Liebeslektüre lebt sie an der Realität vorbei. Diese Frau ist  kein Vamp, keine Kanaille, sondern bloß voll Frustration und Sehnsucht. Viele Frauen ereilte im 19. Jahrhundert die Depression, weil sie aufgrund gesellschaftlicher Konventionen zum Dasein als schönes Standbild verdammt waren. Kein Wunder also, dass Emma dem routinierten Verführer Rodolphe verfällt und die Kontrolle (auch über die Finanzen) verliert. Michael Dangl gibt den sinistren Gutsherrn. Vom ersten Auftritt an arrogant, vor Selbstbewusstsein strotzend. Ein Ladykiller, ein eiskalter Schnösel mit brutaler Ader. Eine Rolle, die Dangl steht.

Wie anders André Pohl als Charles Bovary – wie könnte es sonst sein, symphatischer dargestellt, als von Flaubert beschrieben: Ein liebevoller Gatte, der sich die Schuld an Emmas Seelenqual zuschreibt, Arzt mit Leib und Seele, allerdings auch ein Pragmatiker, durch und durch Realist, Ennui sein ständiger Begleiter. Und – ein Muttersöhnchen, der sich nicht von Maman-Darstellerin Elisabeth Augustin lösen kann. Sein Gegner, ohne dass Charles es argwöhnt: Peter Matíc als Apotheker, als Quacksilber der Platzhirsch, skrupellos und großartig im ewigen Clinch mit seiner Ehefrau (Marianne Nentwich). Da fliegen Worte, scharf wie Skalpelle. Sehr gelungen auch Hans Dieter Knebel als Tuchhändler Lheureux, ein Schlitzohr, die zu Fleisch gewordene Schuldenfalle, und Günter Franzmeier als auf verlorenem Posten kämpfender Abbé Bournisien. Ein Sonderapplaus gilt Michael Pöllmann als stummem Krüppel Hippolyte.

Der Schluss vorgezeichnet einfach: „Die Verrückte“, die Sonderbare im ehrwürdigen Kreis der Dorfhonoratioren ging den ihr zustehenden Weg … und Reichenau hat einmal mehr gezeigt, was es kann: Theater auf höchstem Niveau zeigen.

www.festspiele-reichenau.com

Von Michaela Mottinger

Reichenau, 7. 7. 2013

Vienna’s Shooting Girls

Februar 27, 2013 in Ausstellung

Frauen als Fotografinnen

Noch bis 3. März ist im Jüdischen Museum Wien die Ausstellung „Vienna’s Shooting Girls – Jüdische Fotografinnen aus Wien“ zu sehen. Und die ist unbedingt sehenswert

Jüdisches MuseumSpeziell in Wien haben außergewöhnlich viele jüdische Frauen den Beruf der Fotografin gewählt. Das Jüdische Museum Wien geht den Gründen dafür nach und macht mit der Rückführung dieser Tatsache in das kollektive Gedächtnis ein Stück jüdischer Wiener Frauengeschichte wieder zugänglich. Die Ausstellung folgt dem Weg der Fotografinnen ins Exil. Sie erinnert an das Ende dieses Kapitels für Wien, aber auch an die Fortführung in anderen Ländern und Kontinenten. Gezeigt werden Arbeiten nicht nur von Madame d’Ora, Trude Fleischmann oder Edith Tudor Hart, sondern auch kaum bekannten Frauen wie Hilde Zipper-Strnad oder Claire Beck.

www.jmw.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 2. 2013