Theater zum Fürchten: Die Macht der Gewohnheit

Juni 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der hohen Kunst des Scheiterns

Zirkusdirektor Caribaldi trifft bei der seiltanzenden Enkelin zumindest einmal den richtigen Ton: Glenna Weber und Thomas Kamper. Bild: Bettina Frenzel

Das Wagnis, Thomas Bernhards „Die Macht der Gewohnheit“ zu inszenieren, gehen Regisseur Rüdiger Hentzschel und das Theater zum Fürchten nun an dessen Wiener Spielstätte, der Scala, ein. Vor allem einer trägt hier volles Risiko, Thomas Kamper in der ehemals Bernhard-Minetti-Rolle des Zirkusdirektor Caribaldi, und die gestaltet er auf so wohlausgewogene Weise mit Wahn und Witz, dass das Publikum beim Schlussapplaus herzlich für die gelungene Leistung dankte.

Die vom manischen Manegenherrscher geknechtete Truppe geben Glenna Weber als seiltanzende Enkelin, Dirk Warme als Jongleur, Regís Mainka als Dompteur und Florian Lebek als Spaßmacher. Doch es sind nicht die artistischen Qualitäten um derentwillen der cholerisch-impulsive Impresario seine Künstler quält, nein, vielmehr versucht er in seinem heruntergekommenen Wanderetablissement seit 20 Jahren ein fehlerfreies „Forellenquintett“ aufzuführen. Endlos soll geprobt werden, bis den mangelhaft begabten Schubert nicht mehr wie ein nasser Fisch entgleitet; die jedoch reagieren je nach Gemütsverfassung mit Renitenz bis Resignation – und so ist die Unternehmung zum Scheitern verurteilt, was Thomas Bernhard in der Variation dreier Akte vorführt.

Der Spaßmacher und der Dompteur trinken mehr als drei Bier: Florian Lebek und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Kleine Liebesgeste mit dem Zivilanzug des Jongleurs: Glenna Weber und Dirk Warme. Bild: Bettina Frenzel

„Die Macht der Gewohnheit“, 1974 in Salzburg uraufgeführt, ist mehr Ensemblestück, als spätere seiner Werke, Hentzschel trägt dem Rechnung, indem er die Darsteller sich gegen den Monologisierer stemmen lässt. Er ist auch für die Raumgestaltung zuständig und zeigt als Bühnenbild das Zirkushinterzimmer mit Kostümschrankkoffer und Klavier, einen Unort zwischen der zauberischen Glitzerwelt der Akrobatikvorführungen und dem schäbigen Realitätsdesaster. „Die Wahrheit ist immer ein Debakel“ ist einer der hinreißenden Bernhard’schen Sätze dazu. Ansonsten setzt Hentzschel weniger auf die in der Rezeptionsgeschichte übliche Künstlichkeit von Kunstfiguren.

Er hat für Bernhards durchkomponierte Sprache durchweg realistische Spielanlässe geschaffen. Kommt’s hier etwa zum Erlösungsruf „Morgen Augsburg!“, so ist das nicht mehr eine bis ins Absurde gesteigerte Wiederholung, sondern schlicht ein Sprechakt, der auf die Aktion irgendeiner anderen Figur reagiert. Auch Caribaldis besessen breitgewalzte Musikbegriffe – „Casals“, „das Kolophonium“, „das Ferraracello“ – werden so vom Sockel geholt. In diesem Stück über die hohe Kunst des Scheiterns, über einen Perfektionsanspruch, bei dem es kein Gelingen geben kann, erstaunt es doch, wie alltagssprachlich die Bernhard’schen Wortkaskaden klingen können, „gewöhnlich“, jedoch ohne ins Banale abzudriften. Hentzschel macht aus abstrakt expressionistisch, und die Schauspieler folgen ihm auf diesem Weg mit Verve.

Thomas Kamper bedient mit teils clownesker, teils ätzender Schärfe nicht nur Caribaldis Tyrannentum, sondern gestaltet daraus die Tragödie eines Mannes, dem die Dinge längst entglitten sind. Mit gefährlich glitzerndem Auge bringt er seine Böswilligkeiten an, und wenn ihm die ständig zu Boden fallende Haube des Spaßmachers aus seinem routinemäßigen Furor reißt und bis zum Gehtnichtmehr reizt, dann sind das starke, beinah unheimliche Momente. Glenna Weber ist als Enkelin gehorsam bis zur Unterwürfigkeit, schön, wie sie in all den Demütigungsspielchen mit einer fast unbemerkten Bewegung den Sakkoärmel des Zivilanzugs des Jongleurs streichelt – die kleine Geste einer großen Liebe.

Caribaldi ertappt den Spaßmacher und den Dompteur beim besoffenen Müßiggang: Florian Lebek, Thomas Kamper und Regís Mainka. Bild: Bettina Frenzel

Für die Dirk Warme als Jongleur verantwortlich ist, der längst die Flucht zu einem Engagement in Bordeaux geplant hat und als einziger Caribaldi einzuschüchtern vermag. Zwischen Niedertracht und Schwachsinn, Intrige und Erpressungen bewegen sich Florian Lebek als Spaßmacher, der im Unklaren lässt, ob er als August so dumm ist oder sich nur so dumm stellt. Regís Mainka ist ein martialischer Dompteur, der Neffe des Zirkusdirektors, der alles dazu tut, um dessen Illusion zu zerstören.

Wie er am Ende volltrunken zum gewalttätigen Kunstzertrümmerer wird, da ist Hentzschel ganz nah an Bernhard. „Durch diese Tür / kommen Ihre Opfer herein“, sagt der Jongleur zu Caribaldi. „Nicht Menschen / Instrumente“.

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 6. 2019

Volksoper: Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen

Februar 25, 2017 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Show wie aus den Swinging Sixties

Diese Rezension bezieht sich auf die Vorpremiere am 21. Februar.

Chuzpe! J. Pierrepont Finch wickelt den Chef mit Verve um den Finger: Peter Lesiak und Robert Meyer als J. B. Biggley. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Und wieder einmal ist es Volksoperndirektor Robert Meyer gelungen, im abgegrasten Musikfeld Musical eine Rarität zu entdecken, in der sein Ensemble glänzen kann. „Wie man Karriere macht, ohne sich anzustrengen“ heißt das gute Stück. Und weil man als Frau ja gern drübersteht, wenn die Protagonistin über ihre Ehepläne ohne emanzipatorisches Augenzwinkern preisgibt: „Ich halt‘ ihm gern sein Essen warm“ – und zwar mit „Küchencharme“, ist ein Guter-Laune-Abend garantiert.

Dafür verantwortlich ist ein Team, das dem Haus schon mit „Sweeney Todd“ eine Erfolgsproduktion beschert hat: Dirigent Joseph R. Olefirowicz, Regisseur Matthias Davids und Bühnenbildner Mathias Fischer-Dieskau. Entstanden ist eine schmissige Show, die ganz dem Geist der Swinging Sixties verpflichtet ist. Die Musik schwappt zwischen jazzig bis schnulzig, Olefirowicz lässt das Volksopernorchester dafür wie eine Big Band klingen, die Kostüme von Judith Peter kreischen in knalligen Grafikdesigns oder sind von einem betulichen Doris-Day-Pastell, Melissa Kings fabelhafte Choreografie zitiert Modetänze anno Chubby Checker. Die Inszenierung atmet wie ein ganzes Jahrzehnt.

Die Story ist die vom amerikanischen Traum. Der Fensterputzer J. Pierrepont Finch steigt dank eines Karriereratgebers bis in die höchste Etage eines „Wobbel“ erzeugenden Unternehmens auf, deren Sinn und Zweck sich bis zum Ende nicht entschlüsselt. Den Leitfaden zum Lebenslauf hat es tatsächlich gegeben: Shepherd Mead veröffentlichte 1952 das Büchlein „How to Succeed in Business Without Really Trying“ Der Verfasser hatte wie der spätere Musicalheld ganz unten in einer großen Firma angefangen und sich zu deren Vizepräsidenten hochgearbeitet.

Knapp zehn Jahre später nahm sich Broadwaykomponist Frank Loesser des Werks an und schuf gemeinsam mit seinen Buchautoren Abe Burrows, Jack Weinstock und Willie Gilbert eine brillante Parodie, die in Folge mit acht Tony-Awards und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. In Wien war der Kassenschlager einmal zu sehen – 1965 mit Harald Juhnke und Theo Lingen, in deren Fußstapfen nun Peter Lesiak als Finch und Robert Meyer als Big Boss J. B. Biggley treten.

Panik! Der Kaffeeautomat ist leer: Julia Koci als Smitty, Marco Di Sapia als Bud Frump, Wiener Staatsballett und Chor. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ärger! Zur Firmenfeier erscheinen alle im selben Kleid: Sulie Girardi als Miss Krumholtz, Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue, Julia Koci als Smitty. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Peter Lesiak ist ein ganz bezaubernder Blender, dessen Erfolgsrezept eine Mischung aus ehrlichem Interesse für seine Mitmenschen und ein bissl Einschleimen ist. Wie dieser Finch seine Kollegen und Vorgesetzten dusselig quasselt, um ans Ziel zu gelangen, das ist zu komisch. Dazu Robert Meyers Biggley, um nichts weniger Schlitzohr und noch dazu Seitenspringer, aber hilflos gegen die Chuzpe und die Charmeattacken seines neuen Angestellten. Vor allem, wenn dieser vorgibt, das gleiche Hobby zu haben: Biggley strickt gegen den Bürostress – Herrenpullover. Doch noch jemandem sticht Finch ins Auge: Vorzimmerdame Rosemary hört bei seinem Anblick die Hochzeitsglocken läuten, sie sieht sich schon als Heimchen an seinem Herd. Lisa Antoni präsentiert sich in dieser Rolle als patentes Mädl zum Pferdestehlen stimmlich und schauspielerisch stark.

Nicht ein Klischee aus der Arbeitswelt hat Loesser ausgelassen und Matthias Davids setzt sie in seiner Aufführung mit sichtlichem Spaß an der Sache und ohne Angst vor Stereotypen um: Die Sekretärinnen sind entweder Zerberusse oder Sexy-Hexys, die Abteilungsleiter allesamt von der Furcht um ihre Posten gebeutelte Wadlbeißer. Ist der Kaffeeautomat im Pausenraum leer, breitet sich unter den Mitarbeitern blitzschnell Panik aus; schlimmer ist es nur, als zur Firmenfeier alle Schreibkräfte im selben, natürlich als Einzelstück erstandenen Kleid erscheinen …

Lust! Biggley stellt sein Gspusi als Sekretärin ein: Robert Meyer und Ines Hengl-Pirker als Hedy LaRue. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Liebe! Sekretärin Rosemary angelt sich den ausgefuchsten Aufsteiger Finch: Peter Lesiak und Lisa Antoni. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Das Ensemble sprüht in diesen skurrilen Szenen vor Witz – und auch ein wenig Wahnsinn. Allen voran Marco Di Sapia, der als intriganter Neffe vom Chef, als garstiger Bösewicht des Stücks, sein Komödiantentum voll ausspielen kann. Ines Hengl-Pirker ist Hedy LaRue, Biggleys Gspusi, dem er in der Firma einen Versorgungsposten verschafft. Nur leider sind Hedys einzigen Qualitäten 99-56-96 und ein Herz aus Gold; Hengl-Pirker gestaltet die Rolle hinreißend, als rothaarigen Blondinnenwitz mit Hüftschwung und Quietschstimmchen.

Julia Koci macht als Sekretärin Smitty auf resolut und burschikos. Nicolaus Hagg und Gernot Kranner schmieden als Finchs Kollegen eine Kabale, um den unliebsamen Konkurrenten zu Fall zu bringen. Der Fall tritt denn auch tatsächlich ein, Finch fliegt auf, doch tritt kurz bevor er rausfliegt Axel Herrig als Aufsichtsratsvorsitzender ex machina auf … Die Herren besorgen sich also ein Happy End und brechen vor Glück in einen Song über den Mann-hilft-Mann-Verein aus. Dies der traurige Moment, an dem der Abend endlich am Heute andockt. Denn an dieser tiefschürfenden Wahrheit über Männerseilschaften bis an die Bürospitze hat sich wenig bis gar nichts geändert. Was hat sich der Feminismus daran nicht schon wundgegendert. Und was macht die Frau 2017? Das Essen warm …

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Wien, 22. 2. 2017

Regisseur Oliver Frljić im Gespräch

Mai 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gastspiel im Werk X, Uraufführung bei den Festwochen

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Bevor am 29. Mai seine neue Produktion „Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt“ bei den Wiener Festwochen uraufgeführt wird, zeigt der Regisseur und Autor Oliver Frljić am 21. und 22. Mai im Werk X seine umstrittene Performance „Balkan macht frei“ als Gastspiel vom Münchner Residenztheater. In seinen Arbeiten befasst sich der 1976 in Bosnien geborene und nach Kroatien geflüchtete Theatermacher mit dem „christlichen Abendland“ und seinem Umgang mit Flüchtlingen, mit neu erstarkenden faschistischen Strömungen und den unheiligen Verquickungen von Politik und Wirtschaft.

Seit dieser Spielzeit ist Frljić Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka und sorgt für Reibung mit Aufführungen, die Kriegsverbrechen und -traumata in den Blick nehmen, die Dramaturgien der jüngeren Geschichtsschreibung hinterfragen und das Spiel mit nationalen Identitäten überdehnen. Seine unbequemen und politisch provozierenden Arbeiten werden immer wieder zensuriert, Frljić selbst sogar mit dem Tode bedroht. Ein Maildialog (in Englisch und deutschsprachiger Übersetzung) über ein Theater, das nicht geliebt werden will, Publikum, das die Bühne stürmt, und die Bundespräsidentenwal in Österreich. Frljićs Prognose dafür ist – schlecht …

MM: Wie würden Sie Ihre Art, Theater zu machen, beschreiben? Welche Geschichten wollen Sie erzählen, wie wollen Sie ein Publikum erreichen?

Oliver Frljić: Theatre is my most inner need, way to communicate something I am not able to express in any other form or media. Very often I do devised-theatre projects and it gives me opportunity to work from people who are the part of my team. Although I do extensive preparation before every production, I found my theme through the people I work with. My theatre is usually not story-driven, there is no clear narrative, because I am convinced that literature is doing much better in story-telling then theatre. In word of Derrida, by accepting the role of servant of literature, „Western theater has been separated from the force of its essence, removed from its affirmative essence, its vis affirmativa.“ I am trying to find the representation for social conflicts.

(Theater ist mein innerstes Bedürfnis, mein Weg Dinge zu kommunizieren, die ich in keiner anderen Form und mit keinem anderen Medium ausdrücken könnte. Die Themen für meine Theaterprojekte finde ich sehr oft erst in der Arbeit mit meinem Team, mit dem ich vor jeder Produktion ausgedehnte Proben habe. Mein Theater ist in der Regel nicht von einer Story bestimmt, es ist nicht narrativ, weil ich überzeugt bin, dass Literatur das viel besser kann. Mit den Worten Derridas – frz. Philosoph und Begründer der Dekonstruktion, Anm.: “Das westliche Theater hat sich von der Kraft seiner Essenz entfernt”, versuche ich nun eine Darstellungsform für soziale Konflikte zu finden.)

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

Balkan macht frei. Bild: © Konrad Fersterer

MM: Sie zeigen “Balkan macht frei” im Werk X, eine Arbeit darüber, wie sogenannte Westeuropäer auf sogenannte Osteuropäer reagieren. In Wien sind wir alle ein bisschen Balkan. Wie glauben Sie wird das Publikum auf ein Stück reagieren, dass ihm die Immigrantenstory seiner Urgroßeltern oder Großeltern erzählt?

Frljić: Well, „Balkan macht frei“ speaks about different things. One of them is my position in Western Europe as a guest director. I intentionally did self-stereotyping in order to show discriminatory policies that are present in every society. The main character is my alter-ego and performance speaks about his struggle to overcome the expectations of him as a director coming from Balkan. That’s way this performance has so many self-referential moments.

(“Balkan macht frei” erzählt von unterschiedlichen Dingen. Eines davon ist meine Position als Gastregisseur in Westeuropa. Ich habe mich gewissenhaft selbst stereotypisiert, um die diskriminierenden Strategien aufzuzeigen, die es in jeder Gesellschaft gibt. Der Protagonist ist mein Alter Ego und die Performance handelt von seinen Bemühungen, die Erwartungen, die man an ihn als jungen Theatermacher vom Balkan hat, zu überwinden. Das Stück hat sehr viele selbstreflexive Momente.)

MM: Es denkt aber auch größer. Wie steht es mit der derzeitigen Flüchtlingsdebatte? Glauben Sie, die Menschen vom “Balkan” sind in dieser Diskussion die Verlierer, da sie ja als Wirtschaftsflüchtlinge abgetan werden, die man sehr einfach wieder in ihre Herkunftsländer, der Kosovo ist ein Beispiel, zurückschicken kann?

Frljić: Well, my new production „Our and Your Violence“ speaks about hypocrisy of Europe. I could never understand that for Europe one’s economical problems were not good reason for granting asylum. If somebody is exposed to subjective violence, we are ready to accept him/her, but if the same person is the subject of structural violence produced by that very same Europe, we’re not gonna let him/her in. What is the difference if somebody dies from hunger or bullet?

(Meine neue Produktion “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt” dreht sich um die Heuchelei in Europa. Ich werde nie verstehen, warum jemandes ökonomische Probleme für Europa kein guter Grund sind, Asyl zu gewähren. Wenn jemand körperlicher Gewalt ausgesetzt ist, sind wir bereit, ihn oder sie zu akzeptieren, aber wenn die selbe Person das Opfer struktureller Gewalt, erzeugt von eben dem selben Europa ist, sind wir nicht bereit, ihn oder sie reinzulassen. Was ist der Unterschied, ob man an Hunger oder einer Kugel stirbt?)

MM: Als Sie “Balkan macht frei” am Münchner Residenztheater zeigten, gab es teilweise heftige Zuschauerreaktionen. Einmal wurde sogar die Bühne gestürmt, um eine Waterboarding-Szene zu beenden. Sie provozieren gerne, wie es scheint. Sind Sie ein theatraler Troublemaker, ein Unruhestifter?

Frljić: I was surprised with the reactions of audience, especially when it comes to the water-boarding scene. The dream of every theatre is to produce the radical fiction stronger than reality. I think we have fulfilled part of that dream. I always prefer to be the part of problem, not solution. Although I consider theatre to be an instrument of political fight, it doesn’t operate in same mode as parliamentarian democracy or revolution. It creates another kind of effects. I really hate the theatre that creates social consensus or the one that everybody loves. If you’re really critical, you should expect a lot of anger from your audience. Your work will be artistically underestimate. You know this stupid kind of critique that treats art as something outside political arena and the conflicts permeating it. We should not forget that art is an instrument for social and ideological domination of ruling class. System of values and economic interests of this class is reproduced through the art. So, to offense the taste of its audience should be the first step.

(Mich hat die Reaktion des Publikums überrascht, vor allem bei der Waterboardind-Szene. Der Traum jedes Theaters ist, eine radikale Fiktion zu schaffen, die starker ist, als die Realität. Ich denke, diesen Teil des Traums haben wir erfüllt. Ich bevorzuge es immer, Teil des Problems, nicht der Lösung zu sein. Außerdem betrachte ich Theater als Instrument des politischen Kampfes. Es arbeitet nicht mit den Mitteln der parlamentarischen Demokratie oder der Revolution, es schafft andere Effekte. Ich hasse Theater, das sozialen Konsens sucht oder, das jeder liebt. Wenn du wirklich kritisch bist, solltest du dir vom Publikum eine Menge Ärger erwarten, deine Arbeit wird künstlerisch unterschätzt werden. Sie wissen, die Art dummer Kritik, die theatrale Kunst außerhalb der politischen Arena und der sie durchdringenden Konflikte sieht. Wir sollten nie vergessen, dass Kunst ein Instrument zum Erhalt der sozialen und ideologischen Dominanz der herrschenden Klasse ist, das Wertesystem und die ökonomischen Interessen dieser Klasse werden durch Kunst reproduziert. Den Geschmack dieses Publikums zu bekämpfen, sollte also der erste Schritt sein.)

MM: In Kroatien und anderen “restjugoslawischen” Ländern werden Ihre Arbeiten zensuriert. Wenn die Menschen sich nicht mit ihrer Geschichte und mit der jüngsten Vergangenheit auseinandersetzen wollen, ärgert Sie das? Oder macht es Sie eher traurig?

Frljić: It doesn’t stop me and that’s the most important thing. I live in society constituted on nationalistic system of values and institutionalized exclusion of different minorities. Not to mention that war-crimes are part of local folklore here. It’s not very pleasant to live in society were the war-criminals are praised as heroes. And it’s definitely not pleasant to live in the country were the war is the biggest national value and something beyond critique. Since I have become intendant of Croatian National Theatre in Rijeka, I have been constantly under the media attack from the biggest right-wing party in Croatia, Croatian Democratic Union and its president Tomislav Karamarko. I was physically attacked, received a lot of death threats, mine apartment and the apartment of my girlfriend were broken-in almost the same day …

(Es stoppt mich nicht und das ist das Wichtigste. Ich lebe in einer Gesellschaft, die auf einem nationalistischen Wertesystem und dem Ausschluss verschiedener Minderheiten fußt. Nicht zu vergessen die Kriegsverbrechen, die hier ein Teil der lokalen Folklore sind. Es ist nicht sehr angenehm, in einer Gesellschaft zu leben, die Kriegsverbrecher als Helden preist. Und es ist definitiv nicht angenehm, in einem Land zu leben, wo der Krieg die größte nationale Tat ist und jenseits jeder Kritik. Seit ich Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka geworden bin, stehe ich permanent unter den medialen Attacken der größten rechtspopulistischen Partei Kroatiens, der Kroatischen Demokratischen Union und ihres Präsidenten Tomislav Karamarko. Ich wurde körperlich angegriffen, habe Todesdrohungen erhalten, in meine Wohnung und die meiner Freundin wurde eingebrochen, fast am gleichen Tag …)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Bei den Wiener Festwochen zeigen Sie nun das vorhin angesprochene “Naše nasilje i vaše nasilje/Unsere Gewalt und eure Gewalt”. Sie haben sich zum 100. Geburtstag von Peter Weiss dessen epochalen Roman-Essay „Die Ästhetik des Widerstands“  als Vorlage genommen. Obwohl die Handlung in den späten Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts angesiedelt ist, sind die Analogien zur aktuellen Situation unübersehbar. Hat Sie das an diesem Werk interessiert?

Frljić: Weiss‘ book was only pretext for this production. After reading it, I was interested to speak not about historical fascism, which is important theme in this book, but about contemporary European fascism, one with democratic legitimation.

(Weiss’ Buch war nur der Vorwand für diese Produktion. Nachdem ich es gelesen hatte, wollte ich nicht eine Inszenierung über den historischen Faschismus machen, der ein wichtiges Thema im Buch ist, sondern über den zeitgenössischen europäischen Faschismus, den mit der demokratischen Legitimation.)

MM: Als ich das Festwochen-Video über Ihre Arbeit sah, hatte ich den Eindruck im Stück geht es auch um den Islam und darüber, wie unsere Gesellschaft mit Muslimen umgeht. Stimmt das? Einige Ausschnitte aus der Probenarbeit wirken übrigens wieder sehr brutal …

Frljić: Performance speaks about current Islamophobia in Europe. We should not forget that West has created radical islamism. And we have destroyed secularism in the Middle East. Petrol crosses borders without any problems, but Syrian refugees are not allowed to do the same.

(Die Performance erzählt über die derzeitige Islamophobie im Europa. Wir sollten nicht vergessen, dass der Westen den radikalen Islam geschaffen hat. Und dass wir den Säkularismus im Mittleren Osten zerstört haben. Erdöl passiert die Grenzen ohne Probleme, aber syrische Flüchlinge dürfen nicht das Gleiche tun.)

MM: Im Video sprechen Sie über einen neuen europäischen Faschismus und, dass sich Österreich ebenfalls auf dem Weg dorthin befindet. Möchten Sie dazu Näheres sagen?

Frljić: Well, the second round of Austrian presidential election, scheduled for 22 May, with Norbert Hofer from Freedom Party of Austria as one of two candidates, indicates the change of political climate in Austria. During the preparation for my new production, I screened for the actors another Wiener Festwochen production, Schlingensief’s „Bitte liebt Österreich“. Produced 16 years ago, it looks pretty up-to-date. Schlingensief’s reality show with asylum-seekers has become reality of present Europe.

(Nun, die zweite Runde der Bundespräsidentenwahl, die am 22. Mai stattfindet, mit Norbert Hofer von der FPÖ als einem von zwei Kandidaten, zeigt den Wechsel des politischen Klimas in Österreich. Während der Vorbereitungen zu meiner neuen Produktion, habe ich den Schauspielern eine andere Aufführung von den Wiener Festwochen vorgeführt, Schlingensiefs “Bitte liebt Österreich”. Vor 16 Jahren prodziert, und doch so aktuell. Schlingensiefs Reality-Show mit Asylwerbern ist zur Realität des derzeitigen Europa geworden.)

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

Naše nasilje i vaše nasilje / Unsere Gewalt und eure Gewalt. Bild: Mare Mutić

MM: Glauben Sie, dass man mit Theater etwas verändern kann?

Frljić: Theatre can fight for change.

(Theater kann für Veränderung kämpfen.)

MM: Was würden Sie machen, wenn nicht Theater? Wie würden Sie dann Ihre Stimme erheben? Nie daran gedacht, selber in die Politik zu gehen?

Frljić: I can’t imagine my self participating in this kind of political system called parliamentarian democracy. For me, it doesn’t represent anything but the interests of capital. That’s why I do not vote. I don’t want to participate in that kind of theatralization of political life, as well as in the political system that doesn’t have the mechanisms for preventing new forms of fascism to gain democratic legitimation.

(Ich kann mir nicht vorstellen, selber an einem politischen System teilzuhaben, das sich parlamentarische Demokratie nennt. Für mich repräsentiert es nichts anderes als die Interessen des Kapitals. Das ist auch der Grund, warum ich nicht wähle. Ich möchte bei keiner „Inszenierung von politischem Leben“ mitmachen, umso weniger in einem politischen System, das keine Mechanismen hat, die neuen Formen von Faschismus daran zu hindern, demokratische Legitimation zu erlangen.)

werk-x.at

Trailer: vimeo.com/131069654

www.festwochen.at

Mehr von den Wiener Festwochen:

Rezension „Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen“: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 17. 5. 2016

Winterpalais: Fürstenglanz. Die Macht der Pracht

März 17, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Einblicke in blaublütiges „Schöner Wohnen“

Ausstellungsansicht, Fürstenglanz - Die Macht der Pracht Bild: © Belvedere, Wien

Ausstellungsansicht, Fürstenglanz – Die Macht der Pracht
Bild: © Belvedere, Wien

Ab 18. März beschäftigt sich die Ausstellung „Fürstenglanz – Die Macht der Pracht“ im Winterpalais des Prinzen Eugen mit barocker Sammellust. Den Kern der Ausstellung bilden die fürstlichen Sammlungskataloge der großen europäischen Barockgalerien. Sie kündeten vom Ruhm ihrer Schöpfer, dokumentieren sozusagen ein fürstliches „Schöner Wohnen“ und entwickelten sich zugleich zum Ursprung der modernen Kunst- und Ausstellungskataloge.

Mit beeindruckenden Werken etwa aus dem Pariser Louvre demonstriert die Schau welche Bedeutung die ehemaligen europäischen Herrscherhäuser ihren Kunstsammlungen beigemessen haben. Der Besitz von Kunst wurde über Jahrhunderte klar als Machtbeweis instrumentalisiert.

Eine Entwicklung, die auch mit der zunehmenden Bedeutung der Künstler im aufkeimenden Barock einherging. Talentierte Künstler wurden zu Lieblingen der Fürsten, ihre Bindung an einen Hof und das damit verbundene Exklusivrecht an ihrem Werk waren sozusagen weitere Puzzleteile des Machtgefüges.

Herausragende Talente wie beispielsweise Peter Paul Rubens konnten auf dem Höhepunkt des Barock gar zu Diplomaten, also quasi zu Malerfürsten aufsteigen. „Großartige Leihgaben aus erlesenen Gemäldesammlungen in ganz Europa kommen jetzt nach Wien“, erklärt Kurator Tobias G. Natter. „Mit diesen illustrierten Prachtbüchern erleben wir hautnah mit, wie die Türen fürstlicher Spitzensammlungen sich erstmals für ein allgemeines Publikum zu öffnen begannen: Wenn man so will, ist hier die Geburtsstunde des modernen Kunstbuchs.“

 Zu den ausgestellten Werken gehört das von Hofmaler David Teniers d. J. publizierte „Theatrum Pictorium (Theater der Bilder)“ aus dem Jahr 1660. Ein reich illustriertes Werk, das bis heute von der Sammelleidenschaft des habsburgischen Erzherzogs Leopold Wilhelm zeugt und die Geburtsstunde der aufwendig mit druckgrafischen Reproduktionen gestalteten Bucheditionen darstellt. Zu sehen sind außerdem Jean-Baptiste Colberts „Tableaux du Cabinet du Roi“ für Frankreichs König Ludwig XIV., das Dresdner Galeriewerk für August III., Kurfürst von Sachsen und König von Polen, sowie ein „Prodromus“, eine Art Vorschau, für den österreichischen Kaiser Karl VI. im hochbarocken Wien um 1720/30, in der die mehr als tausend geplanten Gemäldereproduktionen zu Miniaturtableaus zusammengefasst wurden.
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Durch die Rekonstruktion einer „barocken Hängung“, die atmosphärisch in das Ausstellungsthema einführt, wird das Winterpalais des Prinzen Eugen selbst zum Exponat. Im barocken Ambiente soll den Besuchern so vor Augen geführt werden, wie sich die Sammelleidenschaft der Fürsten einem großen Publikum präsentierte. Die Geschichte des Sammelns von Kunst und die Persönlichkeiten, die sich dahinter verbergen, sind ein spannender Teil der europäischen Kulturgeschichte. Sie darf als Wegbereiter für das moderne, öffentlich zugängliche Museum verstanden werden.
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Wien, 17. 3. 2016

„Macht und Widerstand“: Ilija Trojanow im Gespräch

September 25, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Folter, Freiheit und vom Leben als Flüchtling

u1_978-3-10-002463-3 Sie sind schon als Kinder Feinde. Das wird sich nicht ändern. Konstantin Scheitanow wird Widerstandskämpfer, einer, der schon in der Schulzeit der bulgarischen Staatssicherheit auffällt und ihrem Griff nicht mehr entkommt. Metodi Popow wird Offizier, Opportunist und Karrierist, ein Repräsentant des Apparats und seiner Macht. Länger als ein halbes Jahrhundert sind sie in einem Kampf um Leben und Gedächtnis verstrickt. Der Dissident wird nach der Wende aus den Folterkellern der Stasi in den 14. Stock eines Plattenbaus abgeschoben. Und hat von dort oben den perfekten Blick auf das Anwesen seines Peinigers, der die Verwandlung vom Sicherheitschef zum Geschäftsmann mit römisch Eins absolvierte …

Ilija Trojanow legt mit „Macht und Widerstand“ einen großen Roman vor. Ohne Scheu wagt der politisch engagierte Autor den schwindelerregenden Blick in allzu menschliche Abgründe und entfaltet so ein Panorama von exemplarischer Gültigkeit. Momente aus wahren Geschichten, die Trojanow seit den Neunzigerjahren in Gesprächen mit Zeitzeugen sammelt, verdichtet er zu einer spannenden Erzählung. Ilija Trojanow im Gespräch:

MM: Sie haben 1999 mit „Hundezeiten“, 2006 überarbeitet als „Die fingierte Revolution„, ein Bulgarien-Buch geschrieben, Sie haben 2007 den Film „Vorwärts und nie vergessen – Ballade über bulgarische Helden“ gedreht, eine Dokumentation basierend auf Gesprächen mit politischen Gefangenen, die Jahre und Jahrzehnte in den Lagern des kommunistischen Bulgarien verschwunden waren. Nun also „Macht und Widerstand“. Bulgarien lässt Sie nicht los.

Ilija Trojanow: Das Thema lässt mich nicht los, Bulgarien ist nur Anschauungsmaterial. Diese Beschäftigung hat auch keinen autobiografischen Impuls, sie ist wirklich gänzlich inspiriert von anderen Menschen, von anderen Stimmen – und der Tatsache, dass diese Stimmen nicht gehört, dass sie weiterhin marginalisiert werden. Das war für mich die Verpflichtung, darüber zu schreiben. Ein Roman bietet sich geradezu an, weil die großen Problemstellungen von Erniedrigung bis Verrat übermächtig sind.

MM: Sie haben in der Recherche zu diesem Buch mit vielen Menschen gesprochen, Opfern wie Tätern. Was haben Sie für sich erfahren?

Trojanow: Ich habe viel gelernt, und glaube, dass auch die Leser viel lernen werden, weil manches nicht so ist, wie man vermutet. Man würde annehmen, dass Menschen im Gefängnis, im Lager, in Isolationshaft völlig ohnmächtig sind, dem ist aber nicht so. Die Unbeugsamkeit gibt einem in ausweglosen Situationen, in Situationen der Machtlosigkeit, die Möglichkeit Haltung zu bewahren und dadurch weiterhin Widerstand zu leisten. Was ich wirklich erstaunlich finde und was ich nie vergessen werde, ist der oft gefallene Satz „Im Gefängnis haben wir uns am freiesten gefühlt“. Man musste um nichts mehr fürchten, denn man hatte ja schon alles verloren.

MM: Das Leben hatte man noch.

Trojanow: Aber in einer Situation, in der das Leben täglich bedroht ist, in der die Unsicherheit des Lebens Alltag ist. Interessant war die Solidarität unter den Häftlingen, völlig abgehoben von politischen Überzeugungen. Das wird auch im Buch beschrieben, wie Faschisten und Anarchisten, also Gruppierungen, die sich draußen die Köpfe eingeschlagen hätten, dort unglaublich intensive kameradschaftliche Beziehungen gepflegt haben. Es gab verblüffende Einsichten in das menschliche Verhalten in Ausnahmesituationen. Ebenso bei den Tätern. Die Leute muss man natürlich aufsuchen, die klopfen nicht an. Es war ein jahrelanger Prozess, da einen Fuss in die Tür zu kriegen, das funktioniert nur, wenn man einen kennt, der einen kennt. Dann kommt es darauf an, wie man mit ihnen umgeht, wie man mit ihnen spricht, damit man ihr Vertrauen erlangt. Vertrauen und dessen Verlust ist ja eines der Themen im Buch. Ich glaube, dass eine der perfiden Folgen von Überwachung der Vertrauensverlust ist, ein Gefühl, das rasch existenziell wird.

MM: Von etlichen Rezensenten wird das Buch als Ihr großer Bulgarien-Roman bewertet, ich finde darin eine Allgemeingültigkeit über repressive Regime und das Danach. Beispiel: Ihre Figuren könnten auch aus dem Nachkriegs-Österreich sein, ein KZ-Häfling, dessen Erinnerungen die Öffentlichkeit nicht interessieren, sondern die sie ignorieren, ein Nazi, der sich schnell in der Alltäglichkeit eingerichtet hat, der in der Masse entschlüpft und entkommen ist.

Trojanow: Das glaube ich auch. Und das betrifft nicht nur Deutschland oder Österreich. Ich habe in Gesprächen in Argentinien erstaunliche Ähnlichkeiten festgestellt; in Frankfurt habe ich Leute getroffen, die in Guatemala arbeiten, die sagten, es ist verblüffend, als hätte ich ein Buch über Guatemala geschrieben. Eine andere Gültigkeit, die ich fand, war: Ich hatte den Roman fast zu Ende geschrieben, da kam der US-Kongress-Bericht über die Folterpraktiken der CIA, da stehen Rechtfertigungssätze von hochrangigen Offizieren drin, die Metodi teilweise fast wortwörtlich sagt. Es geht um eine Kontinuität der Eliten und um den Schminkkoffer der Selbstrechtfertigung, mit dem das Böse daherkommt. In der Literatur ist das Böse meiner Meinung nach oft nicht ganz realistisch dargestellt, die Bösen sind innerlich zerrissen, können nicht schlafen, sind voller selbstquälerischer Erinnerungen. Das ist nicht meine Erfahrung. Im Gegenteil, die Täter haben sich in der Selbstrechtfertigung kommod eingerichtet, die schlafen gut.

MM: Wie werden Sie in Bulgarien gelesen?

Trojanow: Das hat sich über die Jahre verbessert. Zu Beginn nur als Nestbeschmutzer, ich wurde auch jahrelang nicht übersetzt, das hat sich jetzt gewandelt. Es gibt eine merkwürdige Mischung aus Hass und Patriotismus. Wenn ich einen Preis gewinne, lassen sie es sich nicht nehmen, über „unseren“ Trojanow zu berichten, Nachsatz: „aber sonst schreibt er Blödsinn über Bulgarien“. Ich bin gespannt, wie dieser Roman ankommt, so einen hat es noch nie gegeben. Auch in anderen ehemaligen Ostblockländern nicht. Ich habe meinen ungarischen Kollegen György Dragomán vor ein paar Tagen getroffen, der meinte, solche Bücher seien auch in Ungarn und Rumänien selten. Er sagte den schönsten Satz: „Wenn meine Kinder mich fragen, wie es war, im Kommunismus zu leben, werde ich ihnen sagen, lest ,Macht und Widerstand'“.

MM: Sprechen wir über die äußere Form der Arbeit. Sie haben auf einen übergeordneten, die Geschehnisse ordnenden Erzähler verzichten und lassen zwei Ich-Stimmen im Monolog aufeinanderprallen. Es fallen Sätze wie „Angst wächst in den Archiven.“ – „Die Wahrheit wird an die Oberfläche geschwemmt werden, wie die Leiche eines Ertränkten“. Das ist klar, kitschlos, dennoch poetisch – und kalt. Warum diese Entscheidung?

Trojanow: Weil jede Erzählstimme etwas Subjektives beigefügt hätte; die absolut objektive Erzählstimme ist eine Illusion. Das wollte ich vermeiden, ich wollte aber auch vermeiden, dass ich irgendetwas erklären muss. Da wäre ich unweigerlich in die Bredouille gekommen, den Lesern, die vieles nicht kennen, Hilfestellungen zu geben und somit Stellung zu beziehen. So haben die Leser nichts anderes als diese zwei eigenwilligen Stimmen und müssen sich selber ein Bild machen.

MM: Das ist interessant, weil der Roman als solcher natürlich Stellung bezieht. Neben dem Trend der nabelschauenden Hippsterromane scheint das ein Weltanschauungsbuch zu sein.

Trojanow: Natürlich hat jeder Autor eine Weltanschauung. Es gibt von James Joyce den wunderbaren Satz „Wenn ich einen Autor lese, interessiert mich nur seine Weltanschauung“. Aber Gesinnung in dem Sinne, dass man die Leser in eine bestimmte Richtung manövriert, das wäre ein schlechter Roman, das möchte ich nicht. „Macht und Widerstand“ stellt Fragen, vielleicht andere als üblich, und dadurch wird eine Posibilität für bestimmte Zusammenhänge und damit natürlich auch eine bestimmte Haltung sichtbar. Aber das Buch beantwortet Fragen nicht mit einer ideologischen Ausschließlichkeit.

MM: Sie fügen auch in sehr lakonischer Beamtensprache verfasste Folterberichte in den Text ein. Das Ergebnis einer Reise durch Bulgariens Geheimpolizeiarchive?

Trojanow: Ich habe selber gesucht, es sind aber auch Materialien, die mir ein Gewährsmann überreicht hat. Ich will damit nicht vordergründig schockieren, diese Berichte machen literarisch Sinn und sind teilweise auch Fiktion. Die Vorstellung, dass das rein dokumentarisches Material ist, ist unsinnig. Es ist Ausdruck eines bestimmten Machtbegriffes, einer bestimmten Manipulation, einer Instrumentalisierung. Indem ich zwei verschiedene Fiktionen nebeneinander stelle, entsteht auch ein Loslösen von klaren Kategorien … (er macht eine Pause) … doch, es stimmt, es gibt einen Schockeffekt, auf den Verstörung und Desorientierung folgen. Was, glaube ich, aber notwendig ist, um zu spüren, wie das System funktioniert.

MM: Sie haben von der inneren Freiheit der Gefängnisinsassen gesprochen. Sie haben einmal gesagt, die Menschen im sogenannten Westen würden die innere und äußere Freiheit, in der sie leben dürfen, gar nicht ausreichend nützen. Wie meinen Sie das?

Trojanow: Mich schreckt der Mangel an Freiheitsdrang. Wenn man die Freiheit einmal verloren hat, ist man sensibilisierter, einfach aufgrund dessen, dass man beobachtet hat, welche traumatisierende, fatale, zerstörerische Wirkung diese Durchherrschung hat. Das habe ich in den Akten gemerkt: Die Perspektive, der Blick des Überwachenden macht einen per se verdächtig. Man kann, wenn die Kamera auf einen gerichtet wird, gar nicht unschuldig sein. Die Überwachung allein macht einen zum Schuldigen. Egal, wie unschuldig jemandes abgehörte Aussage war, durch den Generalverdacht wurde der Inhalt verdreht. Die Paranoia des Systems kriecht dann in jedes Wort und die Wahrheit „Ich weiß nicht“ wird zur Wahrheit, dass dieser Mensch sicher etwas verheimlicht.

MM: Lassen Sie uns aus gegebenem Anlass zur aktuellen Flüchtlingsproblematik kommen: Bulgarien macht Europa gerade die Mauer. Warum tun sich einige osteuropäische Länder mit der Aufnahme von Flüchtlingen so schwer? Passt deren Leid nicht in die Köpfe nach dem Motto: Von hier wollten immer nur alle weg, warum will jetzt jemand herkommen?

Trojanow: In Bulgarien hat nicht einmal die Landbevölkerung Perspektiven, insofern ist es völlig abstrus zu glauben, Flüchtlinge könnten dort in irgendeiner Weise zurechtkommen. Ich habe letztes Jahr eine Recherche in Flüchtlingslagern gemacht, und die Syrer, die erst einige Wochen da waren, haben luzide klar gesehen, wie die Situation ist. Sie sagten zu mir: Die Bulgaren kommen nicht über die Runden, wie sollen wir hier ansässig werden? Das ganze System ist von einer strukturellen Unsinnigkeit, die ganze Dublin-Vorstellung ist absurd. Wir wissen, dass die europäischen Randzonen von je her die strukturschwachen Zonen sind, und nach den verschiedenen finanzökonomischen Katastrophen umso mehr. Wie sollen diese Länder, Rumänien, Griechenland, den Flüchtlingen eine Perspektive geben? Zumal der Bürgerkrieg in Syrien auf absehbare Zeit nicht abebben wird.

MM: Aber was ist dann die Lösung? Die Osteuropäer bedienen sich aus den Geldtöpfen der EU, aber an der Lösung ihrer Probleme wollen sie nicht teilhaben? Ein Dasein als von allen Troubles ausgenommene EU-Mitglieder?

Trojanow: Es gibt unterschiedliche Lösungen. Wichtig wäre, gesamteuropäisch zu schauen, welche Kompetenzen, welche Ausbildung die Flüchtlinge haben, und sie dann dort hinzuschicken, wo ihre Fähigkeiten gebraucht werden. Gerade die Syrer sind sehr gebildet, da muss es einen europäischen Jobmarket geben, wo man doch von Wirtschaftsexperten immer wieder hört, dass es an Fachkräften fehlt.

MM: Eine Frage an das ehemalige Flüchtlingskind und den heutigen „Weltensammler“ Trojanow: Einmal Flüchtling, immer Flüchtling?

Trojanow: Ja, aber das muss nicht negativ sein. Die Entwurzelung, das Exil kann auch ein Geschenk sein und kreatives Denken freisetzen. Die Vorstellung, dass man ein Leben lang verdammt ist, ist nicht zutreffend.

Über den Autor:
Ilija Trojanow, geboren 1965 in Sofia, floh mit seiner Familie 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl erhielten. 1972 zog die Familie weiter nach Kenia, wo Ilija Trojanow zu einem begeisterten Sportler wurde. Von 1984 bis 1989 studierte Trojanow Rechtswissenschaften und Ethnologie an der Universität München. In München gründete er 1989 den Kyrill & Method Verlag und 1991 den Marino Verlag. 1998 zog Trojanow nach Bombay, 2003 nach Kapstadt. Heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien. 2009 veröffentlichte Trojanow zusammen mit Juli Zeh das Buch „Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte“. Im Rahmen der Buchvorstellung kritisierten die beiden Autoren, dass der Staat unter dem Deckmantel der Terrorabwehr immer weiter in die Privatsphäre seiner Bürger vordringe. 2013 wurde ihm in zeitlichem Zusammenhang mit Schriftsteller-Protesten gegen die Praktiken US-amerikanischer Geheimdienste eine Einreise in die USA verweigert. Seine weithin bekannten Romane wie z.B. „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“, „Der Weltensammler“ und zuletzt „Eistau“ sowie seine Reisereportagen wie „An den inneren Ufern Indiens“ sind gefeierte Bestseller und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Im Herbst 2015 erschien bei S. Fischer sein großer Roman „Macht und Widerstand“.

S. Fischer, Ilija Trojanow: „Macht und Widerstand“, Roman, 480 Seiten

www.fischerverlage.de

trojanow.de

Wien, 25. 9. 2015