Theater in der Josefstadt: Einen Jux will er sich machen

Oktober 11, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Johannes Krisch kann herrlich süßholzheucheln

Der Lehrbub steht dem Kommis in nichts nach: Die Josefstadt-Debütanten Johannes Krisch und Julian Valerio Rehrl als Weinberl und Christopherl. Bild: Rita Newman

Das Ereignis der gestrigen Nestroy-Possen-Premiere „Einen Jux will er sich machen“ am Theater in der Josefstadt sind tatsächlich deren drei. Selbstredend das Hausdebüt von Johannes Krisch. Der nach dreißig Jahren Mitgliedschaft am Burgtheater aufgrund von „Altlasten“ und im Sinne der „Selbstachtung“, wie Krisch das Thema im Bühne-Interview kurz abfertigte, nicht länger auf dessen Ensembleliste steht. Und hierauf von Herbert Föttinger herzlichst bewillkommnet wurde.

Und nun an seine erste Rolle im achten Hieb, den Handlungsdiener Weinberl, mit einem verschmitztem Charme und derart viel Wiener Schmäh herangeht, mit einem vor Spielfreude hell brennenden Herzen, dass es die des Publikums im Handumdrehen entflammt. Der Charakterschauspieler ist ein Glück, das man hoffentlich verstehen wird, festzuhalten, nicht nur Vollblutkomödiant, sondern auch einer von der immer seltener werdenden Sorte der Volksschauspieler – wobei diesbezüglich en tout Vienne um die Josefstadt am wenigsten zu fürchten ist. Wie Krisch seinen Midlife-„Greißler“ zum „verfluchten Kerl“ avanciert, wie er dessen verrückte Sehnsucht nach einmal Exzess im Leben anlegt, wie dieser Weinberl bei den folgenden Verstrickungen in Sachen Hochstapelei zur Hochform aufläuft, der eben noch beflissene Kommis, der jetzt prahlt und in seiner Not, entlarvt zu werden, profimäßig improvisiert, wie er vor den Damen süßholzheuchelt, das ist große Kunst.

Um nichts weniger erfreulich, die anderen zwei Neuzugänge: Robert Joseph Bartl, Krimifans bekannt als München-„Tatort“-Gerichtsmediziner Dr. Mathias Steinbrecher, der als Gewürzkrämer Zangler sein ganzes Gewicht in die Figur legt, und als – dieweil ihn sein Hausstaat ohnedies nicht ernst nimmt – strenger Herr mit batzweichem Kern den Zuschauern einen Riesenspaß macht. Ebenso wie Julian Valerio Rehrl, nagelneu aus der Schauspielschule Ernst Busch, der als Lehrling Christopherl zwischen spitzbübisch und panisch schwankt, ersteres in Anwesenheit der Mesdames, zweiteres, wenn er angesichts der Ausweglosigkeit von Situationen am liebsten „o‘fohrn“ möchte.

Mit Rehrl hat Föttinger ein junges Talent entdeckt, das sich mit Verve in seine Aufgaben wirft, seien’s die von der Regie vorgesehenen grobmotorischen Slapstick-Momente, seien’s die choreografisch fein getänzelten Szenen mit Johannes Krisch. An dessen Seite Rehrl grandios besteht, die beiden per ihrer punkgestreiften Hosen als bühnenverwandte Seelen ausgewiesen, und als solche fürs Uptempo der Aufführung zuständig. Diese hat Stephan Müller zu verantworten, der Schweizer Theatermacher, den Krisch noch von seinen „Nothing Special“-Gigs im Burgtheater-Kasino kennt, und der mit dieser Arbeit seinen ersten Nestroy inszeniert.

Marie und ihr Herzensmann August Sonders auf der Flucht: Anna Laimanee und Tobias Reinthaller. Bild: Rita Newman

Das is klassisch! Martin Zauner als Melchior mit Josefstadt-Neuzugang Robert Joseph Bartl als Zangler. Bild: Rita Newman

Für den er gewissermaßen eine kokette Künstlichkeit zur Methode erhebt. Müllers Zugang zum „Jux“ heißt schräg, skurril, schrullig. Was bedeutet, dass er mit dem so leicht ins Lächerliche zu ziehenden Soziotop des städtischen Bürgertums weit mehr anfangen kann, denn mit Nestroys Gesellschaftskritik – die er umschifft, als hätte der „Jux“ in den Charakteren Weinberl und Christopherl kein „Zu ebener Erde“. Nur einmal darf der Kommis über die „Kapitalisierung des Verstandes“ sinnieren, und zweifellos ist die tumultöse Handlung perfekt getimt, werden die Pointen so treffsicher ge-, wie Müller auf punktgenaue Sprache setzt, aber der gfeanzte Subtext, der fiese Sarkasmus, mit dem der Volkstheaterdichter die nicht nur früheren Verhältnisse beschreibt, fehlen.

Müllers Synonym für Posse ist Schwank, nicht Farce, und auch die neuen Coupletstrophen von Autor Thomas Arzt sind ziemlich handzahm, höflicher gesagt: übersubtil, es geht um die Eh-schon-wissen-Themen von Klimakrise über #MeToo bis zum von Krisch im Wortsinn frisch aus dem Hut gezauberten Politstatement „Die rechte Hand in die Höh‘ – das is ganz a blöde Idee.“ Die Musiker, die Krisch begleiten, sind Matthias Jakisic mit der E-Geige und Thomas Hojsa mit dem Akkordeon, deren Interpretation von Alt-Wiener Melodien Protagonist wie Publikum von den diesjährigen Festspielen Gutenstein kennen, wo Krisch in Felix Mitterers „Brüderlein fein“ den Nestroy-Konkurrenten Ferdinand Raimund verkörperte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34049).

Alles trifft sich im Haus des Fräulein von Blumenblatt: Elfriede Schüsseleder (M.) mit Martina Stilp als Madame Knorr, Robert Joseph Bartl, Paul Matić als Wächter, Anna Laimanee und Alexandra Krismer als Frau von Fischer. Bild: Rita Newman

Für Müllers 130-minütiges kunterbuntes Treiben haben Sophie Lux und Birgit Hutter ein entsprechendes Bühnenbild und Kostüme entworfen, von der in sich geschlossenen Bretter-vorm-Kopf-Welt des Zangler’schen G‘wölbs bis zur grünabgesteppten Gummizelle, die die Wohnung des Fräulein von Blumenblatt markiert. Den Modesalon der Madame Knorr säumen orange-güldene Wolkenstores, in selbem Material und Farben glänzt die Toilette der Couturière und ihrer Busenfreundin Frau von Fischer.

Optische Gustostücke, und wie die gesamte Garderobe von gigantischen Zylindern bis zu Zanglers zu engem Schützenrock grotesk überzeichnete Biedermeierzitate, die mittels Zugband bis zum Juhu gerafft werden können. Was Martina Stilp und Alexandra Krismer, beide festgelegt auf den Typ flatterhafte Funsn, genüsslich wieder und wieder zur Schau stellen. Martin Zauner amüsiert als Hausknecht Melchior unfehlbar „klassisch“ mit seinen Kabinettstückchen, ein wichtigtuerischer Kommentator des Geschehens, der, wo noch keine Verwirrung herrscht, garantiert für diese sorgt. Anna Laimanee und Tobias Reinthaller wissen als Liebespaar Zangler-Mündel Marie und August Sonders, wie man, was sich nicht schickt, auf gewiefte Weise trotzdem durchführen kann.

Von den etlichen, die in mehreren Rollen zu sehen sind, passt Elfriede Schüsseleder als überspannt, überkandideltes Fräulein von Blumenblatt wohl am besten ins Müller’sche Konzept. Für ihre ins Absurde gesteigerte Gestaltung dieser – wie die Knorr gleich ihren Wänden gekleideten – Kunstfigur, davor gibt Schüsseleder Zanglers hantige Wirtschafterin Frau Gertrud, gab’s den gebührenden Applaus, wie Cast und Crew überhaupt mit viel Jubel bedankt wurden. Nach dieser Begeisterung beim Premierenabend scheint’s, als hätte die Josefstadt mit dem „Jux“ einen weiteren Publikumshit zu verbuchen.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=ZqYGG-Z2558           www.josefstadt.org

  1. 10. 2019

Buch Wien 15: Die Lesefestwoche startet am 9. November

November 4, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Ratgeber durch den Messedschungel

Buch Wien Bild: © LCM Richard Schuster

Buch Wien
Bild: © LCM Richard Schuster

Freunde sucht man sich sorgfältig aus. Das gilt auch für Bücher. Denn Bücher sind Freunde und lebenslange Wegbegleiter. Bei der Buch Wien 15 vom 11. bis 15. November hat man die Gelegenheit, Autorinnen und Autoren live zu erleben, wenn sie aus ihren aktuellen Romanen und Sachbüchern lesen, bei den mehr als 350 Ausstellern in alten und neuen Büchern zu schmökern oder das umfassende Rahmenprogramm (auch für Kinder und Jugendliche) zu nutzen. Mehr als 450 Lesungen, Diskussionen und Performances stehen bei Österreichs größtem Bücherfestival auf Programm.

Wie in den vergangenen Jahren besteht die Buch Wien aus drei Eckpfeilern: Der Internationalen Buchmesse vom 12. bis 15. November in der Halle D der Messe Wien, der Langen Nacht der Bücher am 11. November (19.30 bis 24 Uhr) ebenfalls in der Halle D und der Lesefestwoche vom 9. bis 15. November an 39 Veranstaltungsorten in ganz Wien.

Neu: Auf einem Gemeinschaftsstand der Antiquare kann man sich von der Leidenschaft für antiquarische Bücher anstecken lassen. Alle am Stand ausgestellten Objekte sind verkäuflich. Man kann aber auch die eigenen Bücherschätze mitbringen, vor Ort beraten  erfahrene Antiquare, ob sich ein Verkauf lohnt (Do. bis So. von 15 bis 17 Uhr). Ein Schwerpunkt der Buch Wien 15, die von Adolf Muschg eröffnet wird, ist der Verständigung zwischen den Kulturen und dem Bereich „politisches Sachbuch“ gewidmet. Von Colin Crouch und Tomáš Sedláček bis hin zu Orlando Figes, Ahmad Mansour und Jörg Baberowski diskutieren internationale Stars über aktuelle Fragen der Zeit. Im Rahmen des Festivals wird der mit 10.000 Euro dotierte Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels 2015 an den Autor und Historiker Doron Rabinovici verliehen.

Sechs Tipps, die Lust aufs Lesen machen:

Feridun Zaimoglus Siebentürmeviertel führt ins Istanbul der 1930er Jahre und mitten hinein in eine fremde, faszinierende Welt, in der sich ein deutscher Junge behaupten muss. Eine Familiensaga der besonderen Art (10. 11., 19 Uhr, Literaturhaus Wien). Alexander Nitzberg liest aus dem von ihm übersetzten Buch Das fahle Pferd von Boris Sawinkow, einem zum Tode verurteilten Terroristen, der unter anderem für die Ermordung des zaristischen Innenministers Plehwe 1904 mitverantwortlich war (10. 11., 19 Uhr, Literaturbuffet Lhotzky). Drago Jančar greift in seinem Roman Die Nacht, als ich sie sah einen zeitgeschichtlichen Stoff auf. In einer Nacht, kurz nach Neujahr 1944, führt eine Gruppe von Tito-Partisanen Veronika Zarnik und ihren Mann aus einem slowenischen Schloss ab, von da an verliert sich die Spur der beiden (12. 11., 19 Uhr, Alte Schmiede).

Im dritten Band seiner Trilogie über die Suche nach dem einzig Gerechten beschreibt der ukrainische Autor Andrej Kurkow in Die Kugel auf dem Weg zum Helden mit absurdem Witz und unerwarteten Wendungen die Aufbaujahre einer fantastischen Sowjetunion. Er erzählt von geplatzten Träumen, unbeugsamen Menschen, enttäuschtem Fortschrittsglauben, unhinterfragten Heldenmythen – und von ganz großen Abenteuern (13. 11., 19 Uhr, Hauptbücherei am Gürtel). Der britische Historiker Orlando Figes legt mit Hundert Jahre Revolution eine informative Geschichte Sowjet-Russlands vor – von den Wurzeln des Bolschewismus bis zum Putsch gegen Gorbatschow 1991. Seine zentrale These: Die Wirkung der Russischen Revolution erstreckt sich von 1917 über die Jahrzehnte der Diktatur bis in die Gegenwart (13. 11., 19 Uhr, Diplomatische Akademie Wien. Reservierung notwendig.). Alaa al-Aswani, einer der bekanntesten Romanciers der arabischen Welt, erzählt in seinem Roman Der Automobilclub von Kairo von vergangenen Zeiten. Ende der 1940er herrschen im Automobilclub von Kairo Extravaganz und Dekadenz: Paschas und Monarchen gehen aus und ein, auch Ägyptens König zählt zu den Stammgästen. Bis die Dienerschaft des Clubs den Aufstand probt. (14. 11., 16 Uhr, Literaturcafé)

www.buchwien.at

Wien, 4. 11. 2015